Johanna Spyri
Gritlis Kinder kommen weiter
Johanna Spyri

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Fünftes Kapitel

Es werden Vorbereitungen getroffen

Die Fahrt nach Köln hatte stattgefunden. Es war ein prachtvoller Tag mit blauem Himmel und Sonnenschein gewesen. Die Kinder hatten eine herrliche Rheinfahrt gemacht, und der große Tiergarten war nach allen Richtungen hin gründlich betrachtet worden. Seltsamerweise dachten am Abend, als sie sich niederlegten, diesmal alle fünf Kinder ganz dasselbe. Sie sagten in ihrem Herzen: »Ja, es war recht schön, aber es war doch schade!« Was aber schade war, das hatte bei jedem der fünfe einen eigenen Charakter.

Gleich beim Besteigen des Dampfers hatte Frau Stanhope gesagt: »Nun setzen wir uns alle hübsch zusammen, und da bleiben wir. Auf dem Schiffe sind so viele Fremde, da geht das Hin- und Herfahren nicht an.«

So war dem Oskar von vornherein die Möglichkeit abgeschnitten, in der Menge herumzuforschen, ob nicht da oder dort ein Landsmann auftauchte, den man zu dem großen Feste einladen könnte.

Emmi hatte immer noch gehofft, daß durch irgendeine besondere Bestimmung, die dem Fani ja unbekannt sein konnte, das Schiff vielleicht doch angesichts der Ruine eine kleine Weile stillhalten würde, und hatte daher vor der Abreise schnell noch Papier und Bleistift eingesteckt, um im günstigen Augenblick zur Tat bereit zu sein. Als dann der Dampfer so schnell an der betreffenden Stelle vorbeifuhr, daß Emmi die Ruine kaum recht betrachten konnte, war ihre Enttäuschung groß.

Fani schaute dabei niedergeschlagen zu ihr hinüber, so als wollte er sagen: »Hab's wohl gewußt, es ist nichts zu machen.«

Beim Eintritt in den schönen Tiergarten sagte dann Frau Stanhope, nun bleibe man erst recht beisammen. Keines bleibe zurück und keines gehe voran, sonst könnte man sich verlieren. Alle zusammen sollten immer dasselbe Tier betrachten, und nichts werde berührt im ganzen Garten.

Nun fing eine Qual an für Fred, die ihn fortwährend marterte, bis man wieder den Garten verlassen hatte. Hier schwirrte und sumste es ganz aufregend in einem Busch, da mußten Scharen von wundervollen Tierchen drinnen sein. Dort stiegen Schmetterlinge mit funkelnden Farben von den Blumen auf. Da kroch ein rotgolden schimmernder Käfer vor seinen Augen in den Rasen hinein, noch einer, da noch ein anderer, und diese ungeheure Eidechse auf dem Gestein! Alles mußte er flattern und kriechen und summen lassen und mit ruhigen Fingern daran vorbeigehen, nicht stille stehn, nichts packen, nichts fangen – es ging fast über seine Kraft.

Elsli ging daneben still einher und dachte fortwährend: »Nun erwarten mich alle, und ich kann den ganzen Tag nicht kommen.«

Um dieser Erlebnisse willen hatten trotz der Genüsse des Tages sich am Abende alle fünfe mit dem Gefühl: »Wie schade!« zu Bett gelegt.

Aber jetzt am hellen Morgen war der Eindruck der Enttäuschung vorbei, und alle fünfe kamen mit neuen erfreulichen Aussichten für den Tag in den Garten hinausgelaufen.

Oskar hatte heute besonders viel auszuführen. Vor allem mußte er zu seinen Freunden Fink eilen, denn mit denen hatte er die große Hauptsache auf morgen ganz festzusetzen und anzuordnen. Dann war Feklitus auf der Bahnstation abzuholen, denn heute sollte er ankommen. Um seinetwillen war auch das Fest noch nicht abgehalten worden, denn mit ihm war schon wieder ein Landsmann mehr im Ausland. Oskar hatte ihm Bericht erstattet, daß drei schöne Gasthöfe in der Nähe der Station wären, »Traube«, »Adler« und »Morgenstern«. Ziemlich weiterhin unten am Rhein stünde dann ein ganz prachtvoller Bau, so groß wie daheim die Kirche, die Schule und noch sechs Häuser dazu. Dieser Gasthof heiße »Zum Kronprinzen«, und dort werden auch Rheinbäder genommen; darum seien viele Kurgäste da, und es sei vielleicht ein wenig teuer, da zu wohnen.

Augenblicklich hatten die Eltern Bickel sich für den »Kronprinzen« entschieden, schon um des Namens willen, der paßte so schön für ihren Sohn; dann auch um der Bekanntschaften willen, die ihr Sohn in dieser guten Gesellschaft machen konnte, denn dahin kam ja nur, wer bezahlen konnte. Dann war es ihnen auch recht, daß man gleich wisse, wer ihr Sohn sei, wenn er da absteige, wo's am teuersten war. Oskar wurde also beauftragt, im »Kronprinzen« für den Feklitus Quartier zu bestellen.

Als der Augenblick kam, da den Kindern erlaubt war, ihre Zeit zu benutzen, wie sie wollten, stob Oskar davon. Er hatte jetzt so enge Freundschaft mit den Brüdern Fink geschlossen, daß die drei keinen Tag mehr ohneeinander sein konnten und für das ganze Leben einen unauflöslichen Freundschaftsbund gestiftet hatten. Solche Freunde hatte Oskar noch nie besessen. Wenn sie zusammenwaren, verflogen ihnen immer die Stunden wie Minuten, denn sie hatten tausend gemeinsame Interessen: ihre Spiele, ihre Pläne, ihre Wünsche und Aussichten in die Zukunft, und überall stimmten sie zusammen. So war auch heute die Zeit, da der Feklitus erscheinen sollte, gekommen, ehe sie sich's versahen. Sie zogen alle drei aus, den Ankommenden zu begrüßen.

Trotz der großen Herzlichkeit, mit der die Brüder Fink dem neuen Landsmanne entgegenkamen, blieb die Begrüßung einseitig, denn der Feklitus war nicht daran gewöhnt, sich mit fremden Leuten abzugeben. Sein reichliches Gepäck wurde dem Omnibus übergeben; dann geleiteten die drei Freunde den Angekommenen in den Gasthof. Hier wurde ihm ein sehr großes Zimmer angewiesen. Da standen hochrote, prächtige Sammetstühle darinnen, und die Fenster waren so hoch und noch höher, als in Buchberg an den meisten Häusern die Türen waren.

Oskar erklärte nun gleich dem Feklitus, was heute noch ausgeführt werden sollte, damit morgen das große Stiftungsfest stattfinden könne. Nämlich da müsse die Fahne in den Boden eingebohrt und mit Steinen fest umgeben werden, damit man sie dann morgen nur einzustecken hätte ohne weitere Arbeit, denn eine solche würde dann nicht zum Feste passen. Dann teilte er ihm ferner mit, wer die Genossen seien, die er aufgefunden und die am Feste teilnehmen werden.

Feklitus rümpfte die Nase: »Du hast eine noble Gesellschaft zusammengebracht«, sagte er höhnisch, »und dazu noch lauter Kleinkantönler.«

»Was?« rief Oskar entrüstet, »das sagst du? Wer hat auf die Fahne setzen wollen: ›Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft‹?«

»Das kann ich immer noch sagen«, entgegnete Feklitus rechthaberisch. »Ich mache aber Brüderschaft mit wem ich will, und nicht mit jedem wie du.«

»So, das erklärst du so«, rief Oskar immer empörter, »was verstehst du denn unter der Gleichheit?«

»Was du auch«, gab der Feklitus zurück, »daß es mir gleich ist, was die anderen machen, und daß es ihnen gleich sein kann, was ich mache, denn ich mache was ich will.«

»So, so, du bist ein schöner Schweizerbruder, du!« schrie Oskar vor Aufregung immer lauter, »und von der Schweizergeschichte weißt du auch nichts mehr. Weißt du, was du jetzt tun müßtest, wenn keine tapferen Kleinkantönler dagewesen wären? Unter dem aufgestellten Hut könntest du durchkriechen und dem Landvogt den Staub von den Schuhen wischen.«

Hier fielen die Brüder Fink mit größter Lebhaftigkeit in die Unterhaltung ein und unterstützten Oskars Behauptung so eifrig, daß es immer lauter tönte, denn Feklitus fing nun an entgegenzuschreien, er wisse die Schweizergeschichte so gut wie sie, er sei die ganze Zeit der Oberste in der Schule gewesen. Und über alles hinaus am lautesten rief nun Oskar wieder:

»Ja, wir wollen dir's einmal zeigen, wenn wir erwachsen sind, was Brüderschaft ist und Gleichheit und Vaterlandsliebe. Dann gründen wir einen Verein für die ganze Schweiz, die beiden Fink und ich, und jedes Jahr feiert man das Fest der Gründung, an dem alle Schweizer teilnehmen aus allen Kantonen, und am Festessen sitzt man den Kantonen nach, so wie jeder in den Schweizerbund getreten ist. Die ersten vom Bund sitzen zuoberst, und dann kannst du sehen, wer die sind.«

»Ja, dann kannst du sehen, wer die sind«, schrieen die Brüder Fink, und Feklitus erhob noch mehr seine Stimme und schrie mit aller Macht gegen die St. Galler:

»Ja, ihr kommt gewiß einmal nicht zuoberst, noch lange nicht!«

Jetzt machte ein sehr eleganter Kellner die Türe des Zimmers weit auf und schaute forschend nach den Fensterscheiben, ob diese noch ganz seien. Dann blieb er höflich vor der offenen Türe stehen, so wie um anzudeuten, er werde hier dem Fortgange des Spektakels beiwohnen.

Oskar fand es nun an der Zeit, seine Stimme zu dämpfen und seine Freunde einzuladen, ihm jetzt zu dem Festplatze zu folgen. Auch auf die anderen hatte der höflich wartende Teilnehmer an der Tür eine besänftigende Wirkung ausgeübt. Sie schwiegen plötzlich und folgten dem Oskar bereitwillig. Er holte im Vorbeiwege an der Rosenhalde schnell seine Fahne heraus, dann ging der Zug weiter.

Jetzt bei der Windmühle angelangt, konnte die Fahne erst recht betrachtet und bewundert werden. Welch' prachtvolle Arbeit war dieser Strauß von leuchtenden Alpenrosen mit den glänzendgrünen Blättern, die sie umgaben. Auf der anderen Seite hatte Elsli mit großer Ordentlichkeit einen auserlesen großen Papierbogen über die Fahne hingenäht, auf den Oskar seinen Lieblingsspruch mit ungeheuren Buchstaben hingeschrieben hatte.

Auf den grünen Hügel, wo die Windmühle stand, schien lieblich die Abendsonne. Es war ein herrlicher Festplatz. Die Brüder Fink schickten sich an, das Loch zu graben, wo die Fahnenstange eingesteckt und nachher mit dem Kranze von Steinen befestigt werden sollte. Oskar ordnete alles an und hielt die hohe Fahnenstange derweilen fest. Feklitus schaute zu.

Kurz vorher hatte auch der Windmüller einen kleinen Spaziergang nach seiner Mühle unternommen. Eben schaute er drinnen seinen Geschäften nach, als er draußen allerlei ungewohnte Töne vernahm. Er guckte von oben heraus. Da wehte unmittelbar vor seinen Augen die eben aufgestellte Fahne mit der großen Inschrift:

    »Und wir wollen hindurch, und wir wollen voran,
Und wir wollen die Freiheit von allen,
Und wir geben nicht nach, bis der letzte Tyrann
Und die letzte der Ketten gefallen!«

Dazu sah er, wie unten eifrig gearbeitet wurde, um die Fahne festzustecken.

»Hm, hm, so, so, und das auf meinem eigenen Grundstück, das wollen wir dann doch sehen«, murmelte der friedliebende Müller. Er blieb an seinem Guckfensterchen stehen und wartete das Weitere ab.

Als nun die Stange mit den Steinen festgemacht war und schön gerade dastand, obgleich der Wind tüchtig die Fahne hin und her wehte, wurde sie wieder ausgehoben, die Steine säuberlich in das Loch gelegt und mit dem weggegrabenen Rasen zugedeckt. So waren die Vorbereitungen aufs beste getroffen; morgen konnte man nur schnell die Fahne einstecken und das Fest beginnen.

Seine Festrede hatte Oskar längst in Bereitschaft. Jetzt warf er noch einen letzten, vergnügten Blick auf die schöne Rednerbühne vor der Windmühle. »Also um sechs Uhr morgen Abend, vorher nicht, die anderen können nicht früher frei werden«, sagte er dann zu den Kameraden. »Versammlungsplatz hinter der Rosenhalde bei den drei Eschen. Von da Abmarsch mit Musik.«

Nun verließen die vier den Festhügel. Unten auf der großen Straße trennten sie sich mit dem Versprechen, pünktlich zu erscheinen, und jeder ging nach seiner Seite.

Schon am frühen Morgen dieses Tages hatten in Emmis Kopfe Gedanken einer besonderen Art zu arbeiten begonnen. Sie hatte gestern auf der Rückfahrt etwas gesehen, das hatte ihr Erfindungsvermögen in hohem Grade angeregt. Beim Mittagstische konnte man bemerken, daß ein Vorhaben in ihr gereift war, das sie fortwährend zur Ausführung anspornte, denn sie schluckte alles feuerheiß und ohne Unterscheidung hinunter. Sobald auch der Augenblick da war, da Frau Stanhope sich vom Tische erhob und den Kindern viel Vergnügen zu ihren Nachmittagsspielen wünschte, glitt Emmi leise und behend wie ein Wiesel zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und in die Küche hinein. Die dicke Köchin schaute verwundert von ihrer Kaffeetasse auf, denn ohne ein Schälchen Kaffee nach Tisch konnte es machen wer wollte, sie tat es nicht.

»Na nu, ist dem Fräulein 'was passiert?« fragte sie geruhlich.

»Nein, nein«, entgegnete Emmi, »ich hätte nur gern einen kleinen Dienst von Ihnen gehabt; aber trinken Sie nur erst ihren Kaffee aus!«

»Ist schon geschehen. Wo fehlt's denn?« wollte nun die Köchin wissen, indem sie sich langsam erhob.

»Ich habe so staubige Schuhe; wollen Sie nicht so gut sein und mir sie ein wenig abwischen?« fragte Emmi so höflich, daß man hätte denken müssen, sie könnte gar nicht anders.

»Ist nicht wichtig«, bemerkte die Köchin, die Schuhe betrachtend, hob aber doch Emmis Fuß auf einen Schemel und begann zu putzen.

»Und dann wollte ich Sie gern noch etwas fragen«, fing Emmi wieder an: »woher kommen die schönen Fische, die wir so oft zu essen bekommen?«

»Die kommen aus dem Wasser bei uns«, entgegnete die Köchin.

»Ja, ja, schon, aber ich meine, ob ein Fischer sie bringt, oder ob Sie selbst gehen, sie zu holen«, forschte Emmi weiter.

»Das fehlte mir gerade noch, daß ich erst ein paar Stunden weit trotten könnte, bevor ich die Fische in der Pfanne hätte! So, jetzt glänzen sie wieder.« Damit legte die Köchin ihre Bürste weg.

»Sind es ein paar Stunden bis zum Fischer?« rief Emmi erschrocken aus.

»O bah, man kann nicht auf jedes Wort schwören, das man sagt. Wenn es das junge Fräulein wundert, wie weit es ist, muß es nur selber den Weg messen«, warf die Köchin hin.

»Das möchte ich ja gerade gern tun! Wollen Sie nicht so gut sein und mir sagen, wo der Weg ist?« fragte Emmi und bedankte sich gleich noch höflich für die Schuhe.

»Nur geradeaus hinter der Rosenhalde die Straße hinunter. Dann links auf den Fußweg, die Wiesen hinunter bis zum großen Weidengebüsch, das ist alles«, war die Auskunft.

Nun lief Emmi dankend davon.

»Merke wohl, die will einen Fisch an der Angel zappeln sehen«, setzte die Köchin, ihr nachschauend, hinzu.

Emmi stürzte in den Garten hinaus und auf den Fani los: »Komm! Komm! Nun weiß ich alles. O, nun können wir alles ausführen«, und voller Begeisterung zog sie den Fani mit nach dem Hofe und auf die Straße hinaus. Im Weiterwandern berichtete sie ihm nun, daß sie gestern Abend da und dort am Ufer eine Fischerbarke gesehen und dann einen Weg ausfindig gemacht habe, um zu der Köchin zu gelangen, weil sie ja schon wußte, daß Fani und Elsli nicht so ohne weiteres in die Küche gehen durften. Nun wisse sie auch von der Köchin, wo der Fischer zu finden sei, der natürlich eine solche Barke habe. Damit könnten sie dann auf den Rhein hinausfahren und da mit der Barke stillehalten, solange sie wollten, bis Fani seine Zeichnung ganz fertig gemacht hätte. Wenn er dann auch nicht in einem Male fertig würde, so führen sie nur wieder, die Barke sei gewiß nicht so sehr teuer, daß sie das nicht ganz gut ein paarmal tun könnten.

Fani war hingerissen von der Ansicht. Aber plötzlich kam ihm ein Hindernis vor Augen: »Wer rudert uns hinaus, Emmi? Ich kann nicht rudern«, sagte er niedergeschlagen, »und der Fischer kommt nicht mit für so lange; denke, das würde ja schrecklich viel kosten.«

»O, das weiß ich schon, aber ich kann prachtvoll rudern, du wirst schon sehen«, versicherte Emmi. »Ich habe schon vier Personen auf dem See herumgerudert, und so oft, wann ich unten am See zu Besuch war, sind wir ganz allein ohne Schiffsmann hinausgefahren, Oskar und unsere Freunde unten, und ich habe am meisten gerudert, manchmal ganz allein; du wirst schon sehen, wie ich's kann!«

Fani war ganz beruhigt, denn er hatte ein großes Vertrauen in Emmis Fähigkeiten.

Der schmale Weg, der von der Straße nach links abbog, wurde endlich entdeckt, nachdem die beiden erst weit gegangen, dann wieder umgekehrt waren, da es ihnen schien, sie kämen zu weit weg. Endlich sahen sie fern unten am Wasser das Weidengebüsch, das wie ein kleines Wäldchen aussah, und gingen darauf hin.

Es ging nun schon gegen Abend, der Weg hatte eine gute Zeit weggenommen, er war schon an sich um die Hälfte länger als der wenig betretene Fußpfad, der von den Linden hart am Wasser hin zu den Weiden führte; aber von diesem wußten die Kinder nichts, den hatte nur Elsli entdeckt. Unter den Weiden sah es einsam und still aus, da war nichts zu sehen als immer noch mehr Weidenbüsche, und von unten herauf hörte man die mächtigen Wellen rauschen. Die Kinder gingen näher, bis man endlich aus den Büschen hinaus auf das Wasser sah. Da lag die Fischerbarke nicht weit von ihnen, und dort hinten stieg ein dünner Rauch auf, dort mußte das Fischerhäuschen stehen.

Eben ging ein Mann nach der Barke hinunter und fing an, daran herumzuhämmern. Emmi schritt rüstig auf ihn zu, und Fani folgte.

»Seid Ihr der Fischer?« fragte Emmi, als sie beide nun an der Barke angelangt waren.

Der Mann erhob den Kopf und unterbrach sein Hämmern. »Der bin ich, zu dienen«, sagte er höflich. »Wünschen die Herrschaften Fische?«

Emmi erklärte ihm nun, daß sie gern seine Barke entlehnen möchten, nur für ein paar Stunden, und nicht um weit fortzufahren, nur eine kleine Strecke vom Lande weg.

Der Mann schaute die beiden ein wenig zweifelhaft an; Fani sah rüstig und gewandt genug aus, um ein Boot regieren zu können. Dennoch fragte der Fischer behutsam: »Die Herrschaften sind das Rudern doch gewohnt?«

»Ja, ja, gewiß, das ist lange nicht unsere erste Fahrt, wir wollen uns schon helfen«, versicherte Emmi, und Fani war der Sache nicht weniger sicher.

Der Fischer sagte nun, für heute wäre es zu spät, in einer oder zwei Stunden würde er selber die Barke brauchen, und vorher hätte er noch einiges daran auszubessern. Wenn die Herrschaften aber morgen kommen wollten, so sollte die Barke ganz bereit sein, sie könnten diese dann nur ablösen, auch wenn er nicht da wäre. Sie sollten aber nahe am Lande bleiben, und der junge Herr könne den Stachel gebrauchen, wo das Ruder etwa nicht hinreiche, das werde er schon verstehen.

Emmi versprach, sie wollten alles gut besorgen und am Abend bei der Heimkehr den Fischer bezahlen. Dann zogen Fani und Emmi in Fröhlichkeit wieder davon, und während sie in der lebendigsten Unterhaltung über die beglückenden Aussichten der Rosenhalde zugingen, kam von der anderen Seite still und leise Elsli über den schmalen Pfad am Wasser dahergegangen. Alle drei kamen von dem gleichen Orte her, aber sie wußten gar nichts voneinander; auch hatte Elsli das Fischerhäuschen erst verlassen, als die beiden anderen längst drüben die Straßen hinwanderten.

Im Garten trafen sie zusammen, und eins fragte das andere: »Hat die Tischglocke schon geläutet?« Und als sie eben erscholl, stiegen sie einträchtig die steinerne Treppe hinauf, ohne sich gegenseitig mit Fragen zu belästigen, denn es war jedem recht, wenn das andere ihm keine solchen stellte.


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