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Erstes Capitel.

An einem Vormittage im Monat April des Jahres 1758 herrschte in dem Hafen von New-York ein besonders reges Leben. Trotz des bösen Wetters, das mit dickem Nebel und Sprühregen schon ein paar Tage angehalten hatte und eben jetzt wieder aus grauen, tiefziehenden Wolken einen Guß über die Menge schüttete, standen am Quai dichte Gruppen und schauten nach einem großen Dreimaster aus, der schon ein paar Tage auf der Rhede gelegen und jetzt in geringer Entfernung vom Damm auf dem bewegten Wasser vor seinen Ankern schaukelte. Von dem Top des Schiffes wehte die holländische Flagge, aber die Ware war deutsch: Auswanderer, ihrer vierhundert oder auch fünf, man wußte es nicht so genau, denn vorhin waren vorläufig nur die Männer ans Land gesetzt worden, um dem König von England auf dem Stadthause zu huldigen. Der Zug war schon seit einer Stunde vorbeipassirt und die große Menge war ihm gefolgt. Viele waren aber auch zurückgeblieben, oder absichtlich später gekommen, um sich einen guten Platz für den interessanteren Teil des Schauspiels zu sichern. Denn erst, wenn der Zug aus dem Stadthause an Bord zurückgeführt war, konnte die eigentliche Ausschiffung beginnen, ein verhältnismäßig einfaches Geschäft für die, welche die Fahrt bezahlt hatten, ein sehr verwickeltes für die andern, welche warten mußten, bis sich jemand fand, der für sie bezahlte.

Es hieß, die Zahl dieser Unglücklichen sei diesmal sehr groß. Das Schiff hatte schon im Herbst des vergangenen Jahres Rotterdam verlassen, aber unterwegs wegen schwerer Havarie, die es im Kanal gehabt, Southampton anlaufen und dort überwintern müssen. Solche Verzögerungen aber beraubten erfahrungsmäßig die Armen und Ärmeren unter den Auswanderern ihres letzten Zehrpfennigs, und brachten selbst solche, welche nicht mittellos an Bord gekommen waren, nach und nach ganz in die Gewalt des Schiffskapitäns, oder vielmehr des Rheders, als dessen General-Bevollmächtigter der Kapitän fungierte. Konnte er doch jetzt die Rechnung über oft nie geleistete Dienste und nie gelieferte Dinge und für Auslagen, die er nie gehabt, so lang machen, wie er wollte, und sonstige nachträgliche Bedingungen stellen, wie sie ihm gut dünkten! Das Geschäft sollte in diesem Falle besonders vorteilhaft gewesen sein. Die größere Menge der Auswanderer waren keine armen, bereits halb verhungerten Schelme aus der Pfalz gewesen, sondern derbe Landleute aus Norddeutschland, welche die Schandwirthschaft der Franzosen unter Soubise Charles de Rohan, prince de Soubise (1715-87), französischer Offizier und Staatsmann; ab 1758 Marschall von Frankreich; eroberte zu Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756-63) Wesel und besetzte Kleve und Geldern. In der Schlacht bei Roßbach (5. November 1757) erlitt er eine Niederlage. – Anm.d.Hrsg. mehr als eigentliche materielle Noth vertrieben. Es waren ihrer sogar Einige noch im Winter von England nach Hause zurückgekehrt, nachdem durch die Schlacht von Roßbach die Ungelegenheiten im Vaterlande eine bessere Wendung genommen; Andere hatten nicht wieder zurückgewollt, die Meisten aber wohl nicht mehr zurückgekonnt, nachdem sie, was sie hatten, während des langen Aufenthalts in dem fremden Lande vertan und verzehrt. Und nun war, um das Unglück voll zu machen, eine selbst für diese Zeit unverhältnismäßig lange und beschwerliche Fahrt über den Ozean dazugekommen. Da war es denn sehr begreiflich, wenn über die Hälfte der Passagiere keine volle Zahlung leisten konnte, und nun zum Lohnverkauf ausgeboten werden mußte, wie gestern bereits in der »Gazette« und im »New-Yorker wöchentlichen Journal« gestanden, und heute von dem Marktrufer an den Straßenecken ausgeschrien und ausgetrommelt war.

So erzählte man sich in den Gruppen auf dem Quai, die zum größeren Teil aus Leuten bestehen mochten, welche sich an dem Kauf beteiligen wollten. Wenigstens bemerkte man unter den Stadtleuten auffallend viele Farmer in ihren unförmlichen Röcken von selbstgesponnenem Zeuge und mit Pfundsporen an den plumpen Stiefeln, welche wohl zu keinem andern Zweck den beschwerlichen Weg in die Stadt gemacht hatten, als um nachzusehen, ob sich unter dem Gesindel nicht ein brauchbarer Bursch oder eine rüstige Magd auftreiben lassen sollte.

»Die Gentlemen hätten auch besser gethan, zu Hause zu bleiben,« sagte ein winziges Kerlchen, das in einer größeren Gruppe stand, »ich will mein Bügeleisen auffressen und nicht Samuel Squenz heißen, wenn sie aus den mit Haut überzogenen Skeletten, die vorhin hier vorbeigezogen sind, auch nur einen einzigen ordentlichen Ackerknecht herausfüttern.«

»Habt Ihr sie gesehen?« fragte ein Anderer, der eben herantrat.

»Ob ich sie gesehen habe!« erwiederte Samuel Squenz, »wir Alle haben sie gesehen; ich sage Euch, Nachbar, wenn sie aus dem Grabe kämen, nachdem sie vier Monate darin gelegen, sie könnten nicht mehr Knochen und weniger Fleisch haben. Freilich, vier Monate im Grabe und vier Monate auf dem Holländer da – das wird wohl so ziemlich auf eines herauskommen.«

»Die armen Teufel,« sagte der Andere.

»Ach was, arme Teufel!« rief ein Herr, der sich durch eine größere Perrücke, gewähltere Tracht, dicke, rothe Hängebacken und einen etwas deutschen Accent von seiner Umgebung auszeichnete: »arme Teufel! was thun sie hier! was wollen sie hier! können sie nicht bleiben, wo sie waren. Was sollen wir mit den Hungerleidern und Schuften, die uns nichts in's Land bringen als die schmutzigen Lumpen, mit denen sie behangen sind.«

»Und das Schiffsfieber, Gott soll uns bewahren,« rief Samuel Squenz; »ich habe mir Nase und Mund zugehalten, als das Gewürm vorhin an uns vorüberging.«

»Es ist eine Sünde,« meinte ein Dritter.

»Es ist eine Schande,« brummte ein Vierter.

»Darum habe ich immer gesagt,« fuhr der Herr mit den rothen Hängebacken fort: »wir sollten es machen, wie die zu Philadelphia, welche schon vor dreißig Jahren auf jeden importirten Dutchman ein Kopfgeld von vierzig Schillingen gelegt haben, wie auf einen Neger. Aber da predigt man, und predigt tauben Ohren. Nun, ich will mir die meinen, dieser Schufte wegen, nicht naß regnen lassen. Guten Tag, Gentlemen!«

Der Dicke berührte den dreieckigen Hut, verließ aber nicht den Platz, sondern ging mit gravitätischen Schritten bis an den Rand des Quais und schaute nach dem Schiffe aus, das jetzt den Anker gehoben hatte und langsam mit der Fluth herantrieb.

»Es ist eine Sünde,« sagte der Dritte.

»Es ist eine Schande,« sagte der Vierte.

»Nämlich von Mr. Pitcher, so zu sprechen,« rief Jemand, der die letzten Worte des Davongehenden gehört hatte und nun herantrat.

»Wie meint Ihr das, Mr. Brown?« fragte Samuel Squenz, ehrerbietig seine Pelzmütze lüftend.

»Nun, ist es keine Schande,« sagte Mr. Brown, ein kleiner, alter, hagerer Herr, welcher sehr lebhaft sprach und während des Redens viel mit seinen mageren Aermchen gesticulirte; »ist es keine Sünde und Schande, wenn Jemand in dieser schnöden Weise von seinen Landsleuten spricht! Oder ist dieser Mr. Pitcher nicht etwa eben so gut oder so schlecht, wie die armen Teufel da auf dem Schiffe? Sind seine Eltern nicht im Jahre 1710, als Robert Hunter Gouverneur war, mit der großen Pfälzer Einwanderung nach New-York gekommen? und waren brave, ehrliche Leute, die ich wohl gekannt habe, und die es sich haben sauer werden lassen und ehrlich und redlich zu ihrem spätern Wohlstande hinaufgearbeitet und etwas Besseres verdient haben, als daß dieser ihr Sohn, den ich barfuß hier in den Straßen habe umherlaufen sehen, ihrer sogar vergißt und ihr Andenken schmäht, und sich aus einem deutschen Krug in einen englischen Pitcher umgetauft hat. Pitcher fürwahr! Der alte Krug, denke ich, war aus besserem Thon, als dieser junge englische Pitcher, der auf die Einwanderung schimpft und dabei mit den holländischen Zielverkoopers unter einer Decke steckt und mit Menschenfleisch handelt, wie Ihr, Nachbar Flint mit Ochsenfleisch und Ihr, Nachbar Bill, mit Käse und Butter.«

Der alte Mann stieß seinen Bambusstock zornig in den nassen Boden.

»Es ist eine Sünde,« sagte Nachbar Flint.

»Es ist eine Schande,« sagte Nachbar Bill.

»Nun mit Eurem Verlaub, Nachbarn,« sagte Samuel Squenz, »ich will den Mr. Pitcher nicht loben, obgleich er bei mir arbeiten läßt, denn seinen Vater muß man schließlich ehren und wäre es, Alles in Allem, nur ein erbärmlicher Dutchman gewesen; und mit den Zielverkoopers und Menschenmaklern will ich nun gar nichts zu thun haben und Gott möge es dem Mr. Pitcher verzeihen, wenn er sich wirklich mit einem so gottlosen Gewerb befaßt; aber so Unrecht kann ich denen doch nicht geben, welche die Einwanderung ein öffentliches Aergerniß und eine Schädigung des Gemeinwohls nennen. Dies Gesindel nimmt uns das Brod vor dem Munde weg, um es in seine hungrigen, ungewaschenen Mäuler zu stopfen, während es zu dumm und zu faul ist, einen Schilling zu verdienen.«

»Seht Ihr den Mann da, hart am Rande des Quai, dicht neben Mr. Pitcher?« sagte Mr. Brown.

»Den jungen Farmer?«

»Denselben. Wie gefällt er Euch?«

»Es ist ein stattlicher, junger Mann, obgleich ich den Schnitt seines Rockes nicht loben möchte.«

»Nun wohl, dieser junge Mann ist auch ein Deutscher, heißt Lambert Sternberg, wohnt am Canada-Creek und ich habe eben hundert Pfund auf meinem Comptoir in seine Hand gezahlt und ein neues Geschäft über andere hundert Pfund mit ihm abgeschlossen: Theer und Schiffsharz, so er diesen Herbst ultimo Oktober an meinen Correspondenten in Albany für meine Rechnung zu liefern hat.«

»Ist es möglich!« sagte Samuel Squenz, »ja, ja, es giebt Ausnahmen!«

»Gar keine Ausnahme,« erwiederte Mr. Brown eifrig. »Der Bruder des Lambert Sternberg da ist Pelzjäger und steht mit meinem Nachbar Squirrel, dem Kürschner, schon seit sechs Jahren in geschäftlicher Verbindung, die für beide Theile vortheilhaft ist, und so wohnen am Canada-Creek und am Mohawk und am Schoharie als Farmer, Waldbauern und Trapper Dutzende, ja Hunderte von tüchtigen Leuten, die so reines, deutsches Blut in den Adern haben, wie Ihr und ich englisches, und die sich dort zu Wohlstand heraufgearbeitet, und denen es noch besser gehen würde, wenn ihnen die Regierung, anstatt sie auf jede Weise zu schützen und zu fördern, nicht noch Hindernisse aller Art in den Weg legte. Jetzt hat der junge Mann da die weite Strecke her nach New-York kommen müssen, für sich und seine Nachbarn ein Recht auf die Tannen, so auf seinem Grund und Boden wachsen, zu erstreiten, ein Recht, das klar war wie die Sonne: und doch mag Gott wissen, was daraus geworden wäre, hätte ich mich nicht in's Mittel gelegt und dem Gouverneur bewiesen, daß man ein Land, welches man einmal den Indianern und sodann der Regierung abgekauft, nicht von dem ersten besten Schwindler, der sich dazwischendrängt und einen fingirten Besitztitel geltend macht, zum dritten Mal zu kaufen brauche.«

Mr. Brown hatte sich in großen Eifer gesprochen und der größte Theil seiner Zuhörer, deren Augen zwischen dem Sprecher und dem jungen Landmann am Rande des Quai hin- und herwanderten, schien überzeugt: nur Samuel Squenz, der Schneider, wollte sich nicht zufrieden geben und schrie mit seiner quäkenden Stimme:

»Was beweist Ihr damit, Mr. Brown, als daß diese Schelme uns noch das Land wegschlucken, auf das wir und unsere Kinder und Kindeskinder einzig und allein Anspruch haben? Und da soll Einer nicht von Schädigung des Gemeinwohls sprechen! ich möchte wissen, wie man das anders nennen soll!t«

»Eine Kräftigung,« rief Mr. Brown, »eine Kräftigung und Festigung des Gemeinwohls, das wäre das rechte Wort. Oder ist es nicht ein Segen für uns Alle, daß da draußen an der äußersten Grenze diese armen Deutschen sich angesiedelt haben und, will es Gott, weiter ansiedeln werden, die in beständigem Kampf mit unsern Erbfeinden, den Franzosen, liegen und denen wir es zu danken haben, daß Ihr und ich und wir Alle hier in New-York ruhig unsern Geschäften nachgehen können? Als Capitän Belletre im vergangenen Herbst mit seinen schuftigen Franzosen und Indianern in's Mohawk-Thal einfiel, wer hat da verhindert, daß er nicht bis Albany und Gott weiß wie weit vordrang? Wir nicht, denn wir haben uns vor zwei Jahren Fort Oswego nehmen lassen; und General Abercrombie, der in Albany commandirt, hatte bis zum Oktober, wo Belletre kam, nichts, aber auch gar nichts für die bedrohten Punkte gethan. Wer hat es verhindert, frage ich? Die Deutschen, die sich, unter Anführung ihres wackern Hanptmanns Nikolaus Herckheimer, gewehrt haben, so gut sie konnten, und trotzdem vierzig Todte gehabt haben und hundert und zwei, die in Gefangenschaft geschleppt sind, von den 50 000 Dollars Schaden, welchen die Diebe und Mordbrenner außerdem angerichtet, gar nicht zu sprechen. Das ist eine Schädigung des Gemeinwohls, Mr. Squenz, über die Ihr gelegentlich einmal nachdenken könnt, Mr. Squenz, und damit Gott befohlen!«

Der cholerische alte Herr hatte sich so in Zorn gesprochen, daß er trotz des Regens nicht nur den Hut, sondern auch die Perrücke abnahm und sich den kahlen Schädel mit dem Tuche wischen mußte, wie er jetzt von der Gruppe weg nach dem jungen deutschen Landmann trippelte, der noch immer auf derselben Stelle am Quai stand und nach dem Schiff schaute. Jetzt, als der alte Herr zu ihm trat und ihm auf die Schulter klopfte, wandte er sich um mit dem Ausdrucke Jemandes, der jäh aus einem Traum erweckt wird. Aber es konnte kein freundlicher Traum gewesen sein. Auf dem schönen braunen Gesicht lag ein Zug tiefer Trauer und tief traurig blickten die großen blauen, guten deutschen Augen.

»Ach, Mr. Brown,« sagte der junge Mann, »ich glaubte, Ihr wäret längst nach Hause gegangen.«

»Während ich zehn Schritte hinter Euch stehe, und mir um Eurethalben die Lunge ausspreche. Aber so seid Ihr Deutschen! Dreinschlagen, wenn es zum Aergsten kommt, das könnt Ihr: aber für Euch reden, Eure Rechte geltend machen gegenüber den Tröpfen, die Euch über die Achsel ansehen, und die Achsel über Euch zucken, das könnt Ihr nicht, das überlaßt Ihr Anderen.«

»Was hat es denn gegeben, Mr. Brown?« fragte der junge Mann.

»Was es gegeben hat! Die alte Geschichte: ich bin wieder einmal für Euch Schlafmützen in's Feuer gegangen, ich alter Narr. Denkt Euch – aber ich habe mich für heute Morgen gerade genug geärgert, um heute Abend mit Sicherheit auf einen Kolikanfall rechnen zu können. Und dies Wetter dazu: der Teufel hole das Wetter und die Deutschen! Kommt, Mr. Lambert! kommt!«

Und der alte Herr trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

»Ich möchte gern noch etwas bleiben,« sagte Lambert zögernd.

»Ihr habt gar keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr mit dem Albany-Boot fort wollt: es geht um drei Uhr. Und Euer Pferd wolltet Ihr auch noch beschlagen lassen.«

Lamberts Augen wandten sich von dem Schiffe, das jetzt ganz nah an den Quai herangekommen war, zu seinem Geschäftsfreund, und von diesem wieder nach dem Schiff.

»Wenn Ihr erlaubt,« sagte er.

»Macht, was Ihr wollt,« rief der alte Herr, »seht Euch Eure Landsleute an und verderbt Euch den Appetit zum Mittage. Oder kauft Euch einen jungen Bengel, der Euch die Haare vom Kopfe frißt, oder eine hübsche Dirne, die zu Hause nicht gut thun wollte, und natürlich für Euch gut genug ist, oder lieber gleich zwei, damit Euer Bruder Konrad nicht leer ausgeht: thut, was Euch beliebt; aber laßt mich nach Hause. Wir speisen um zwölf, und Mrs. Brown hat es gern, wenn man pünktlich ist; guten Morgen!«

Mr. Brown hielt mit seinem Bambusstock den Hut fest, welchen ihm der Wind zu entführen drohte, und trippelte davon, in dem Augenblick, als ein dumpfer Lärm vom Broadway her das Zurückkommen der Auswanderer verkündete.



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