Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Capitel.

Es mochten vielleicht hundert sein, die hier bereits versammelt waren, alles deutsche Ansiedler, vom Mohawk und vom Creek, einige sogar vom Schoharie, denn auch dorthin hatte der umsichtige Nikolaus Herckheimer seine Boten gesandt. In den stattlichen, zum Theil riesengewaltigen Männern, die in langer Reihe auf den Bänken unter dem weit vorspringenden Dache des Hauses im Schatten saßen, oder sich auf dem freien, sonnigen Platz durcheinander bewegten, mochte Niemand die Nachkommen der bleichen, verkümmerten Auswanderer erkennen, die ihrer Zeit in den Häfen von New-York und Philadelphia von den verpesteten Schiffen an das unwirthliche Land gestiegen waren. So dachte Lambert, während seine Blicke die Versammlung durchliefen und nach den näher Bekannten spähten, die er denn auch bald herausfand. Da war zuerst die prächtige Gestalt des Nikolaus Herckheimer selbst mit den breiten Schultern, auf die das hier und da ergrauende Haar lang herabfiel, und den hellen, blauen Augen, die heute noch ernster und nachdenklicher blickten als sonst schon, während er mit Diesem und Jenem sprach, und dann wieder nach dem Stand der Sonne schaute, ob die Stunde, welche er zur Eröffnung der Versammlung angesetzt, noch nicht gekommen sei. Da war der Pfarrer Rosenkrantz mit dem guten, freundlichen Gesicht, das so sturmerprobt und wettergebräunt war, wie irgend eines seiner Pfarrkinder, von denen er sich nur durch die schwarze Kleidung unterschied und durch die große runde Schnupftabaksdose, welche er unaufhörlich zwischen den Fingern drehte. Da waren seine Nachbarn: die Volz und die Eisenlords, Väter und Söhne, und Wilhelm Teichert und der alte Adam Bellinger; und zuletzt entdeckte er auch noch in der entferntesten Ecke, still vor sich hinbrütend und die Pelzmütze tief in das Gesicht gezogen, wie immer, seinen Ohm Christian Dittmar. Lambert wollte sich eben zu dem Alten durchdrängen, als Richard, Herckheimers jüngster Sohn, Konrads Altersgenosse und beider Brüder sehr lieber Freund, ihn an der Schulter berührte.

»Grüß Dich Gott, Lambert; das nenn' ich zur rechten Zeit zurückkommen! Wo ist Dein Bruder?«

Lambert berichtete, daß Konrad heute Morgen in aller Frühe auf die Jagd gegangen und bis er selbst das Haus verlassen, noch nicht zurück gewesen sei.

»Das wird dem Vater sehr unangenehm sein,« sagte Richard: »er hat schon ein paar Mal nach Euch gefragt. Da kommt er selber. Ich spreche Dich noch hernach, Lambert.«

Es war Lambert peinlich genug, dem verehrten Mann, der ihn herzlich willkommen hieß, dieselbe Mittheilung machen zu müssen.

»Ich weiß es bereits von Deiner Base,« sagte Herckheimer; »aber ich hoffte, er würde sich unterdessen eingefunden haben; es ist sehr fatal, daß er uns fehlt. Ich höre, er ist acht Tage draußen gewesen an den Seen, und weiß sicher mehr von den Bewegungen unsrer Feinde, als irgend einer von uns. Zwar bin ich im Allgemeinen wohl unterrichtet, aber es wäre gut, wenn Jemand da wäre, auf den ich mich berufen könnte. Was hat er Dir denn gesagt?«

»Nur dies,« erwiederte Lambert, und er theilte Herckheimer das Wenige mit, was er von Konrad erfahren: wie die Onondaga-Indianer in großer Anzahl versammelt gewesen, und wie Konrad den Eindruck gehabt, daß sie nichts Gutes im Schilde führten.

»Das stimmt ganz mit meinen sonstigen Berichten,« sagte Nikolaus Herckheimer; »diese Schufte haben schon lange ein falsches Spiel gespielt und wir werden sie wohl bald auf dem Halse haben. Höre, Lambert, ich habe Dir einen wichtigen Posten zugedacht, und ich möchte gern, bevor wir in die Berathung treten, mit Dir einig sein. Herr Pfarrer, auf einen Augenblick!«

Der Pfarrer trat heran und begrüßte Lambert herzlich, fing auch gleich nach dessen Reise zu fragen an, aber Herckheimer unterbrach schnell den gesprächigen Herrn.

»Das hat Alles für später Zeit, Pfarrer,« sagte er; »Wir haben jetzt Wichtigeres zu bedenken. Ich wollte eben dem Lambert hier, auf den wir uns in jeder Beziehung verlassen können, unsern Plan auseinandersetzen. Unser Plan aber, Lambert, ist der: Wir sind nach den Verlusten, die wir im vorigen Jahre gehabt, auf jeden Fall zu schwach, uns in offenem Kampfe zu halten gegen einen Feind, der uns an Zahl weit überlegen ist, und der sich noch dazu die Stunde und den Ort seines Angriffes wählen kann. Es bleibt nichts übrig, als durch fortwährendes und geordnetes Patrouilliren über seine Bewegungen uns so gut als möglich zu unterrichten, damit wir, noch bevor ein wirklicher Angriff erfolgt, uns auf unsere festen Punkte zurückziehen können. Der eine ist natürlich das Fort, das in gutem Vertheidigungszustand ist; der zweite ist mein Haus, für das ich stehe und das sie im vorigen Jahre nicht anzugreifen gewagt haben. Ueber den dritten werde ich gleich mit Dir sprechen. Damit Alle so schnell als möglich die Kunde erhalten, wollen wir den Fluß hinauf und hinab Signale errichten, Rauchsignale bei Tage, Feuersignale in der Nacht. Sodann müssen wir kleine berittene Corps bilden, welche schnell an die bedrohten Punkte geworfen werden können, und den Feind so lange beschäftigen, bis die Weiber und Kinder ihre Flucht bewerkstelligt haben. Vieh und was sich sonst bergen läßt, müssen wir schon vorher in Sicherheit bringen. Jetzt zu Deiner Aufgabe. Es ist die größte Wahrscheinlichkeit, daß sie diesmal den Creek zum Angriffspunkt wählen. Sie haben Euch im vorigen Jahre verschont, um so mehr werden sie bei Euch zu finden hoffen; und dann wissen sie oder glauben sie uns hier am Mohawk besser vorbereitet oder vertheidigungsfähiger als Euch. Das Letztere ist nun allerdings der Fall: Ihr wohnt zu weit ab, als daß Ihr Euch mit einiger Aussicht auf Erfolg hierher oder zum Fort zurückziehen könntet, und aus demselben Grunde vermögen wir ebenso wenig Euch wirksam zu schützen. Dein Vater, der ein kluger Mann war, hatte das wohl begriffen, und Euer Haus so fest gemacht, daß es von einer kleinen Zahl entschlossener Männer, die hinreichend mit Lebensmitteln und Munition versehen sind, eine kürzere Zeit selbst gegen eine größere Truppe gehalten werden kann. Darauf nun habe ich meinen Plan gebaut. Du führst eine gute Büchse, und Dein Bruder Konrad die beste in den Kolonien. Ihr seid beide ein paar muthige entschlossene Männer, und Ihr habt nur Eure eigene Haut zu Markte zu tragen, was in solcher Lage etwas sagen will. Ich werde Euch noch zwei oder drei Mann geben, die Du selber auswählen kannst, und Eure Sache würde es dann sein, Euch und Eure nächsten Nachbarn, also Dittmars, Teicherts und etwa noch Volz, die zu Euch gelangen können – Eisenlords und Bellingers haben es näher hierher – ich sage: Euch so lange zu halten, bis wir im Stande sind, Entsatz zu bringen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, Lambert, auf welch' einen verantwortlichen und gefährlichen Posten ich Dich stelle. Von Eurer Wachsamkeit hängt nicht blos das Leben Eurer Nachbarn, sondern vielleicht das Schicksal von uns Allen hier ab. Auf der andern Seite kann es ebensowohl geschehen, daß wir, auch mit Hülfe der Milizen aus Albany, uns selbst nicht des Feindes erwehren und Euch so entweder gar nicht, oder nicht rechtzeitig zur Hülfe kommen können. Willst Du, Lambert Sternberg, den Auftrag übernehmen?«

»Ich will es,« sagte Lambert.

Nikolaus Herckheimer schüttelte ihm kräftig die Hand und wandte sich zu einer anderen Gruppe. Der Pfarrer, der, eifrig seine Dose drehend und vielmals mit dem Kopfe nickend, zugehört hatte, reichte jetzt Lambert ebenfalls die Hand und sagte:

»Du hast nichts Geringes übernommen, lieber junger Mann! so möge Gott Dir helfen!«

»Amen, Herr Pfarrer,« erwiederte Lambert: »und ich bedarf Gottes Hülfe mehr als Ihr vielleicht glaubt. Ich bin in der Absicht hierher gekommen, Euch, wenn es anging, eine für mich hochwichtige Mittheilung zu machen, und mir Euren Rath zu erbitten. Wollt Ihr mich ein paar Minuten geduldig anhören. Ich will versuchen, kurz zu sein.«

»Sprich!« sagte der Pfarrer, »obgleich ich schon zu wissen glaube, was Du mir sagen willst.«

Lambert blickte den Pfarrer fragend an.

»Meine liebe Freundin, Deine Base Dittmar, hat mir schon Einiges mitgetheilt, was ich mir denn so in meinem Sinn, wollte sagen, in dem Sinne von Euch jungen Leuten zurechtgelegt habe. Aber sprich immerhin.«

Lambert erzählte nun dem würdigen Manne die Geschichte seiner Liebe zu Katharine, von dem ersten Moment, wo er sie auf dem Verdeck des Schiffes gesehen, bis zur Stunde; und gab zuletzt seinen dringenden Wunsch zu erkennen, sobald als möglich die Geliebte vor aller Welt seine Gattin trennen zu dürfen.

»Ich verstehe, ich verstehe,« sagte der Pfarrer, der ganz Ohr gewesen war; »ja, ja, das ist in jeder Beziehung wünschenswerth, sowohl um des Mädchens willen, als auch um Deinetwillen, ja auch für den Konrad, der sonst am Ende noch dumme Streiche macht.«

»Und dann,« sagte Lambert, »möchte ich gerade jetzt, wo die Gefahr hereindroht, mit Katharine auf immer vereinigt sein.«

»Auf immer,« sagte der Pfarrer ernst. »Auch das begreife ich vollkommen. Also kurz und gut, lieber junger Freund, ich will Euch gerne dienen, wie es mein Beruf und mein herzlicher Wunsch ist. Wir können hier nicht immer die Formen erfüllen, welche die Kirche vorschreibt; aber Gott sieht in's Herz, und so, denke ich, begnügen wir uns denn auch morgen mit einem einmaligen Aufgebot, und nehmen gleich nach dem Gottesdienst die Trauung vor. Ist Dir das recht! gut, und dann möchte ich noch Eines bitten: daß Du Deine Braut noch heute Abend zu Deiner Base bringst, und sie bis morgen dort läßt, von wo Du sie dann erst zur Trauung abholst. Gott sieht in's Herz, wiederhole ich, aber bei den Menschen gilt der Schein, und so, um der Menschen willen, wünschte ich, daß Du meiner Bitte folgtest.«

»Ich will es gern thun, Hochwürden,« sagte Lambert: »und gleich nachher mit der Base sprechen.«

»Da kommt sie gerade,« sagte der Pfarrer.

Base Ursel hatte den Herckheimer'schen Frauen im Hause wacker bei der Arbeit geholfen, welche die Bewirthung so vieler Gäste auf einmal nöthig machte: nun aber erklärt, daß mit ihrer Bewilligung kein Krug Bier und kein Glas Rum mehr verabreicht würde. »Denn,« sagte sie, indem sie zu dem Pfarrer und Lambert herantrat, »ich kenne meine Leute, und, wenn überhaupt noch etwas aus der Berathung werden soll, muß man jetzt anfangen, in einer Stunde könnt Ihr eben so gut den Pferden Vernunft predigen. Sagt das dem Herckheimer, Pfarrer: ich will nur noch eben nach meinem Alten sehen; Du kannst mitkommen, Lambert, er hat schon nach Dir gefragt, was er nicht alle Tage thut; aber die Franzosen, weißt Du, bringen ihn immer in Harnisch; er ist heute wie umgewandelt.«

Lambert konnte das nicht finden, als er jetzt mit der Base an den Ohm herantrat. Der alte Mann saß noch immer in derselben Ecke auf der Bank, die Pelzmütze tief in die Stirn herabgezogen, gesenkten Hauptes, das er kaum ein wenig hob, um Lamberts Gruß mit stummem Nicken zu erwiedern. Nur die sonst halb geschlossenen Augen blitzten für einen Moment unter den schweren Brauen in einem sonderbaren Glanz hervor; aber seine Gedanken mußten weit weg wandern, er hörte offenbar gar nicht, was Lambert zu ihm sprach.

»Laßt ihn nur,« sagte Base Ursel; »er hat jetzt andere Dinge im Kopf, und für uns ist es auch die höchste Zeit, daß wir endlich zur Sache kommen: es wird schon so wie Kraut und Rüben durcheinandergehen.«

Und Base Ursel schien nur zu sehr recht zu haben. Der Lärmen hatte immer zugenommen; man ging mit den Krügen und Flaschen in den Händen umher, und trank einander zu und sprach und schrie auf einander ein, als plötzlich erst von Einigen, dann von Mehreren: »Stille, Ruhe!« gerufen wurde, und nun die allbekannte Gestalt des Pfarrers über den durcheinander Drängenden erschien. Er war auf einen Tisch gestiegen und stand da, gelassen seine Tabaksdose zwischen den Fingern drehend, wartend, bis man ihm Gehör schenken würde. »Stille, Ruhe!« erschallte es abermals, gebieterischer als vorher, aber die Ruhe wollte sich nicht herstellen. In einigen entfernteren Gruppen ging es noch immer laut her, und eine grobe Stimme rief: »Was will denn der Pfarr?«

»Was ich will?« rief der Pfarrer, »ich werde es Euch alsbald sagen. Ich wollte Euch da hinten ersuchen, daß Ihr endlich den Mund haltet, und Eure Weisheit, wenn Ihr welche habt, zur rechten Zeit und an dem rechten Orte auf den Markt bringt.«

Das derbe Wort erweckte überall großes Gelächter, aber nach dem Lachen wurde es still. Der Pfarrer ließ die Dose in die Tasche gleiten, nahm den großen dreikantigen Hut ab, schob sich die vielgeprüfte kurze Perrücke zurecht und fuhr also fort:

»Dann aber wollte ich mit Euch Allen den Herrn anrufen und zu ihm beten, daß der Kelch, den wir im vorigen Jahre bis auf die letzte bittere Hefe geleert haben, und wovon der Geschmack noch auf unseren Zungen liegt, diesmal gnädig an uns vorübergehe. Und wenn er in seiner unergründlichen Weisheit beschlossen hat, daß es nicht der Fall sein soll, und daß er abermals unsere Herzen und Nieren prüfen will, er dann in seiner Gnade uns Kraft gebe, die schwere Probe wie wackere Männer zu bestehen, die da wissen, daß der gute Gott trotz alledem und alledem den nicht verläßt, der sich nicht selbst verläßt, und dem hilft, der sich selber hilft. Das, lieben Freunde und Landsleute, ist ein Wort, welches gegolten hat allerwegen und zu allen Zeiten, niemals aber und für Niemand mehr, als jetzt für uns. Wer soll uns retten aus Noth und Gefahr, als Gott und wir selbst, hier an der äußersten Grenze der von Menschen unseres Stammes bewohnten Erde, wo Feinde ringsum lauern und umhergehen, ob sie uns gar verschlingen? Und wir werden uns mit Gottes Hülfe retten, deß bin ich festiglich überzeugt, so wir nur sein Gebot halten, das da lautet: Du sollst Deinen Bruder lieben wie Dich selbst. Dann, wenn wir, wie es Brüdern ziemt, Schulter an Schulter nebeneinanderstehen, eines Sinnes und eines Herzens und desselben Muthes voll in Gefahr und Noth und Tod – dann, aber auch nur dann, lieben Freunde, werden wir die Gefahr überwinden, und aus der Noth uns erretten, und wenn der Tod uns treffen sollte, sterben als wackere Männer in Erfüllung unserer heiligsten Pflichten, als Menschen und Christen. Und nun, lieben Freunde, nachdem ich gesagt habe, was ich als ein Diener des Wortes Gottes und ein Mann des Friedens Euch aus vollem, liebenden Herzen zu sagen hatte, und Euch danke, daß Ihr mir still und aufmerksam zugehört, wollet nicht minder still und aufmerksam dem zuhören, was Euch der Mann zu sagen hat, den wir alle kennen und verehren, und der ein braver Landmann ist, wie Ihr, und nebenbei ein wackerer Kriegsmann. Und möge der Herr ihn segnen, daß er Euch nur Weises räth, und möge der Herr Euch segnen, daß Ihr Euch berathen laßt, und möge er uns Alle behüten, und sein Antlitz leuchten lassen über uns, und uns Frieden geben. Amen!«

Die herzlichen Worte des Predigers, der besonders zuletzt mit tief bewegter Stimme gesprochen, hatten ihre Wirkung nicht ganz verfehlt; ein beifälliges Murmeln lief hier und da durch die Versammlung, aber die Stimme des Redners war kaum verhallt und seine Gestalt vom Tische verschwunden, als sich auch wieder, wenn auch weniger laut als vorhin, einzelne Stimmen erhoben: »was denn das Geschwätz solle? und ob man hierher gekommen sei, sich eine Predigt halten zu lassen? Reden koste kein Geld, und der Pfarrer habe gut reden: er sei im vorigen Jahre einer der ersten gewesen, die sich in das Fort geflüchtet und die Anderen ihrem Schicksal überlassen hätten; aber freilich: weit davon sei gut vor dem Schuß!«

So sprachen die Unzufriedenen her und hin: Andere sagten: sie sollten sich schämen, wider einen trefflichen Mann so bösen Leumund zu reden; noch Andere riefen: »Ruhe, stille da! hinaus, wer nicht Ruhe halten kann! Ruhe! seht Ihr nicht, daß der Herckheimer sprechen will! Der Herckheimer soll reden!«

So konnte denn endlich Nikolaus Herckheimer, der schon seit ein paar Minuten auf dem Tische stand, und seine klugen, ernsten Augen über die Versammlung schweifen ließ, zu Worte kommen. Er sprach lange und eindringlich. Er entwickelte bis in die Einzelnheiten den Plan, welchen er vorhin Lambert in den großen Zügen mitgetheilt hatte. Es war in demselben an Alles gedacht, auf Alles Rücksicht genommen, und die drohende Gefahr, wo man ihr nicht ausweichen konnte, auf ihr kleinstes Maß eingeschränkt.

»Das ist, was ich zu sagen habe,« schloß er; »nun ist es an Euch, meine Vorschläge zu prüfen. Wir sind freie Männer und Jeder kann am Ende thun, was ihm gefällt, und seine Haut so oder so zu Markte tragen. Aber, daß wir frei sind, verbietet nicht, daß wir einig sind; im Gegentheil, nur dadurch, daß wir einig sind, werden wir unsere Freiheit bewahren und behaupten. Und einig können wir nicht sein und nicht werden, wenn Ihr, wie jetzt schon wieder, durcheinander redet und schreit. Wer etwas Besseres weiß, als ich, der komme hierher und rede; wer nicht, der schweige und höre. Und vergeßt nicht, was wir unseren Kindern sagen, daß, wer nicht hören will, fühlen muß. Wer will nach mir reden?«

»Ich, ich!« riefen ein paar Dutzend Stimmen.

»Ihr könnt nicht Alle auf einmal reden,« sagte Herckheimer mit einiger Bitterkeit; »so komme Du hierher, Hans Haberkorn; Du schreist am lautesten.«

Hans Haberkorn, der Fährmann, erschien neben Herckheimer auf dem Tisch. Der kleine, untersetzte, haarbuschige Geselle hatte hinter dem Schenktisch der Wirthschaftsstube, welche zur Fähre gehörte, so oft das große Wort geführt und auf seinen reichen Nachbar jenseits des Flusses gescholten, daß er die Gelegenheit, dem Letzteren auch einmal – wie er sich ausdrückte – vor aller Welt die Wahrheit zu geigen, unmöglich so vorübergehen lassen konnte. Er verlangte zu wissen, ob es ehrlich und nachbarlich von Nikolaus Herckheimer gehandelt sei, wenn er auf einmal drei Fähren innerhalb einer halben Meile über den Fluß wolle, nachdem man ihm, Hans Haberkorn, versprochen, daß er der einzige Fährmann auf diesem Terrain bleiben solle, und er darauf hin sich auf einem Stück angesiedelt habe, das nur aus Sand- und Moorboden bestehe, und auf dem er längst schon verhungert wäre, wenn er nicht noch die Schenke hätte. Nun sollten die zwei neuen Fähren freilich nur Nothfähren sein, und hernach wieder abgebrochen werden; aber was hernach komme, fresse der Wolf. Und das sei doch gewiß, daß eine Fähre ohne Schenke sich gar nicht halten könne. Die beiden anderen Fähren würden also auch Schenken einrichten wollen, und dann sei ihm für seine Person ganz gleich, ob die Franzosen heute oder morgen kämen und ihn mit Frau und Kindern todtschlügen; er für seinen Theil wolle lieber kurz todtgeschlagen werden, als langsam verhungern.

»Hans Haberkorn hat recht,« schrie ein halbes Dutzend Stimmen.

»Pfui über den schlechten Kerl, der nur an sich denkt!« schrieen Andere und drängten nach dem Tisch, von welchem Hans Haberkorn schnell herabsprang. Aber alsbald war der Platz, den er geräumt, wieder eingenommen von dem dicken Johann Mertens, der auf den Marschen zwischen dem Mohawk und dem Creek, dicht neben der Kirche, eine große Farm hatte und bei einigen für noch wohlhabender galt als der Herckheimer selbst. Jedenfalls konnte man sicher sein, daß Johann Mertens immer das Gegentheil von dem wollte, was Nikolaus Herckheimer und der Pfarrer Rosenkrantz wollten, von denen er behauptete, daß sie stets unter einer Decke steckten. Und mit diesem seinem Lieblingswort begann er denn auch seine Rede, und was man wohl von einem Plane halten könne, der zu Stande gekommen sei, ohne daß man ihn, Johann Mertens, hinzugezogen, der doch auch wohl ein Wort mitzureden und zehn Stück Rindvieh mehr als Leute, die er nicht nennen wolle, auf der Weide habe, von den Schafen und den englischen Schweinen, die er zuerst eingeführt, ganz zu schweigen. Und das wisse doch jedes Kind, daß man die Schafe nicht aus dem Stalle bringe, wenn ihnen das Dach über den Köpfen brenne; und er möchte den sehen, der fünfzig Schweine so schnell forttreiben könne, daß ihn ein lahmer Indianer nicht leicht überholte, geschweige denn ein Dutzend, die laufen könnten. Und man möge nun von Johann Mertens so oder so denken, aber er sei ein ehrlicher Kerl, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Busch halte, und das wolle er nur gesagt haben.

Die Rede des dicken Bauern war sehr confus gewesen, und zum Theil in dem Fett seines Unterkinns verloren gegangen; aber seine Anhänger, deren eine nicht kleine Zahl war, gaben nur um so lauter ihren Beifall durch Schreien und Johlen zu erkennen. Die Gegenpartei blieb ihnen die Antwort nicht schuldig; ein ungeheurer Tumult entstand, den selbst Nikolaus Herckheimers machtvolle Stimme nicht zu übertönen vermochte.

Es schien, als ob die Berathung, an deren Ausgang das Wohl und Wehe von Hunderten hing, durch den Unverstand und den Aberwitz von ein paar Dutzend in eitel Verwirrung und Wüstheit endigen sollte.

Plötzlich stand neben Nikolaus Herckheimer eine Gestalt, deren bloßer Anblick die tobende Versammlung mit einem Schlage zur Ruhe und zum Schweigen brachte, als sei ein Todter lebendig worden, und verlange zu ihnen zu reden: die riesenlange, skelettartig hagere Gestalt des alten Christian Dittmar, welcher die Knochenhände wie zur Beschwörung weit von sich streckte, während unter der dicken Pelzmütze das graue Haar in wilden Strähnen vom Winde um das geisterhafte Antlitz gepeitscht wurde. Und der Christian Dittmar erhob seine Stimme, die jetzt wahnsinnig kreischte und jetzt wie rollender Donner klang, und sprach:

»So soll es denn in Erfüllung gehen, das Wort, und die Sünde der Väter heimgesucht werden bis in das dritte und vierte Glied! Ja, die Sünde unserer Väter! Sie haben mit einander gezankt und gerechtet, und die Arme erhoben wider einander, während die fränkischen Wölfe die deutsche Hürde umheulten. Und die Wölfe sind gebrochen in die Hürde und haben gewürgt und gemordet nach ihrer bösen Herzen Lust. Mir haben sie die Eltern gemordet und die Brüder und die Schwestern; ich habe es gesehen mit diesen meinen Augen; und habe gesehen, wie meiner Eltern Haus in Flammen aufging, und unserer Nachbarn Häuser brannten, und die Stadt ein Trümmer- und Aschenhaufen wurde – die schöne, stolze Stadt am Neckarstrand! Und zwischen den Trümmern irrten heulende Weiber und suchten unter der Asche nach den Gebeinen ihrer Gatten und Brüder, und riefen: Wehe! wehe! und grimmer Fluch über Euch, Ihr Henker und Mordbrenner! und ich, ein schwaches Knäblein, rief es mit: Wehe, wehe! und Fluch über Euch, Ihr Henker und Mordbrenner! Und kam hierher nach manchen Jahren und fand sie wieder die schnöden, fränkischen Wölfe, welche die deutsche Hürde umheulten; und wieder war Hader und Streit in der deutschen Hürde, und ich haderte mit den Andern, und trennte mich von den Andern und zog aus mit meinem Weib und meinen Söhnen, Rache zu nehmen an Denen, die mir die Eltern erschlagen und meine ganze Sippe. Wie sah die Rache aus? wie vier brave Jungen, die zu ihres Vaters Füßen im Grase liegen, jeder mit einer Kugel in der Brust!«

Christian Dittmar schwieg ein paar Augenblicke; er mußte den Jammer niederkämpfen, der bei dieser Erinnerung in seinem Herzen aufstieg, dann aber fuhr er mit erneuerter Leidenschaft also fort:

»Und so habt Ihr gelitten und geblutet unter den gierigen Zähnen, früher und später. Ich aber, der ich mehr gelitten, als Ihr Alle, ich sage Euch: ich habe es verdient, weil ich der Stimme meines Herzens, das nach Rache schrie, blind gefolgt bin, und nicht gehört habe auf die Rede kluger Menschen; und so habt Ihr gelitten verdientermaßen, und werdet leiden, weil auch Ihr nicht hört, Ihr Thoren und Irrsinnigen! und auseinander rennen wollt, wie Ihr gekommen, der Eine hierhin, der Andere dorthin, damit die Wölfe doch ja wieder ein leichtes Spiel haben. Aber dann komme Euer und Eurer Kinder Blut über Euch, wie meiner Kinder Blut mit meinem eigenen über mich gekommen ist. Hier!«

Christian Dittmar riß die Pelzmütze vom Haupte. Eine breite, fürchterliche Narbe lief wie ein Strom von Blut über die hohe, kahle Stirn, von einer der grauen Schläfen bis zur andern.

»Hier,« wiederholte er, indem er mit dem Zeigefinger die Blutspur nachzeichnete: »hier! hier!«

Er fuhr sich mit beiden Händen nach dem Kopfe und brach mit einem dumpfen Schrei, der grausig durch die lautlose Versammlung schallte, zusammen. Nikolaus Herckheimer fing ihn in seinen Armen auf; aber alsbald raffte sich der alte Mann wieder auf, stieg mit Lamberts Hülfe, der schnell herzusprang, vom Tische herab, und schritt, auf den kräftigen Arm seiner Frau sich stützend, in Begleitung Lamberts, langsam durch die Menge nach dem Ausgang des Hofes.

»Habt Ihr's nun gehört,« sagte Base Ursel zu den Andern, welche sich geschäftig-neugierig herzudrängten; »habt Ihr's nun gehört, Ihr Strohköpfe! Was steht Ihr hier herum und habt Maulaffen feil? Ich kann mit meinem Alten schon allein fertig werden. Geht lieber hin und thut, was er Euch gesagt hat. Bleibe Er auch hier, Lambert; und wenn Er hernach bei uns vorüber kommt, halte Er einen Augenblick an; ich habe noch mit Ihm zu sprechen.«

Lambert hatte aus der langen Reihe schweifwedelnder Gäule, die in dem offenen Schuppen standen, die Pferde seiner Verwandten hervorgeholt und aufgezäumt. Nun half er dem Ohm, der wieder in seine frühere Stummheit zurückgefallen, und, nach der ungeheuren Erregung von vorhin, gänzlich theilnahmlos schien, in den Sattel; während Base Ursel unterdessen resolut einen Schemel herangeschoben und sich von demselben auf ihren Gaul geschwungen hatte. Er blickte den Davoneilenden nach, bis sie die Fähre erreicht hatten, wo Hans Haberkorns ältester Junge, in Abwesenheit des Vaters, des Dienstes wartete, und kehrte zur Versammlung zurück, in welcher jetzt eine ganz andere Stimmung waltete.

Das Auftreten und die Worte Christian Dittmars hatten eine mächtige Wirkung ausgeübt. Jedermann kannte den »tollen Christian« und seine Geschichte, und daß er, seitdem er die Söhne verloren, verstummt war, und seine ältesten Freunde sich nicht mehr des Klanges seiner Stimme erinnern konnten. Und nun hatte der Stumme den Mund geöffnet, und hatte fürchterliche Worte gesprochen, die den in starrer Verwunderung Horchenden wie ein zweischneidig Schwert durch die Seele gefahren waren. Ja, ja, es war, wenn kein Wunder, doch ein Zeichen, ein grauses Zeichen, den abergläubischen Gemüthern verständlich genug! Wenn Menschen schweigen, werden Steine reden! Sie hatten freilich nicht geschwiegen vorher – im Gegentheil! aber sie hatten nicht gehört; sie wollten jetzt hören, den Herckheimer hören; der Herckheimer sollte ihnen noch einmal seine Meinung sagen!

Nikolaus Herckheimer that es, und mit ganz anderem Erfolge als das erste Mal. Man fand jetzt allgemein, daß es so und nicht anders geschehen müsse, daß ein besserer Rath nicht könne erfunden werden. Und wenn die Franzosen diesmal den Canada-Creek aller Wahrscheinlichkeit nach als ersten Angriffspunkt wählen würden, so sei das ja für Lambert Sternberg und die Dittmars und die Eisenlords und die Andern sehr schlimm; aber das ließe sich doch eben nicht ändern. Und als nun Lambert auf dem Tisch erschien, und mit wenigen schlichten Worten sagte, daß er stolz darauf sei, den ihm gewordenen Auftrag zu übernehmen, und daß er bis zum letzten Hauch auf seinem Posten aushalten wolle, und er nun die jungen Männer, die ein Herz und eine gute Büchse für die gute Sache hätten, aufforderte, gleich heute mit ihm zu ziehen, da riefen August und Fritz Volz und Christian Eisenlord und ein halbes Dutzend Andere: »Ich, ich!« wie aus einem Munde, und drängten herzu und machten sich gegenseitig den Rang streitig.

Nun wurden die Führer der drei berittenen Corps erwählt, welche den Mohawk hinauf und hinab und zwischen Mohawk und Creek den in die Forts Fliehenden behülflich sein sollten; sodann die Hauptleute für die Besatzungen der alten Fähre und der beiden neu anzulegenden; und eben so schnell fand man für die anderen wichtigen Posten, welche noch zu besetzen waren, die rechten Männer. Der gute Geist, der die Versammlung ergriffen hatte, mochte nichts mehr hören von dem Zank und Streit, und die heimlich Grollenden, wie Haus Haberkorn, Johann Mertens, und Andere, hielten es für gerathener, ihren Widerspruch auf eine gelegenere Zeit aufzusparen.

Dennoch war es bereits spät am Nachmittage, als Nikolaus Herckheimer die Geschäfte für erledigt erklärte und den Pfarrer aufforderte, die Versammlung zu schließen. Der Pfarrer steckte seine Dose ein, trat auf den Tisch und sprach mit kräftiger Stimme, durch welche eine tiefe Rührung deutlich hindurchklang:

»Lieben Nachbarn und Freunde! ich will Euch keine lange Rede halten, denn Ihr seid ungeduldig, nach Hause zu kommen zu Euren Frauen und Kindern. Ich will Euch nur ganz kurz auffordern, mit mir Gott zu danken, daß er unsere Herzen geöffnet hat dem Geist der Brüderlichkeit und Liebe, und ihn zu bitten, daß er diesen Geist in uns wach erhalte für die schlimmen Tage, welche jetzt hereindrohen. Dann wird das offene Herz und der wache Geist auch unsere Hand stark machen, und wir werden wohnen in einer festen Burg, welche ist unser Gott. Und der Fürst jener Welt, wie grausam er sich stellt, er wird nichts ausrichten gegen den alten Gott im Himmel, der seine braven Deutschen nicht verläßt. Und nun, lieben Nachbarn und Freunde, geht nach Hause, und haltet Eure Ohren steif und Euer Pulver trocken, und wenn Ihr morgen, wie wohl anzunehmen, mehr zu thun habt und nicht zur Kirche kommen könnt, so schadet das auch nichts, und Gott gebe uns Allen ein fröhliches Wiedersehen. Amen!«

»Amen! Amen!« ertönte es überall in der Runde der Männer, unter denen es jetzt wohl keinen gab, der den tiefen, feierlichen Ernst des Augenblicks nicht empfunden hätte. In Hader und Zank war man zusammen gekommen; in Frieden und Eintracht trennte man sich. Die Meisten gingen hin, um Nikolaus Herckheimer zum Abschiede die Hand zu schütteln und ihn noch besonders zu versichern, daß er in jedem Falle auf sie rechnen dürfe; die Ehre, von dem Pfarrer eine Prise zu erhalten, wurde von so Vielen erstrebt, daß der brave Mann den Letzten nur noch lachend die leere Dose präsentiren konnte. Um Lambert hatten sich die jungen Leute geschaart, welche durchaus auf den gefahrvollen Posten gestellt sein wollten, und es bedurfte zuletzt der Autorität Herckheimers, damit die Wahl zu Stande kam. Mehr als vier, hatte Lambert erklärt, könne er nicht annehmen, da er selbst und Konrad denn doch auch noch dazukämen und sechs gute Büchsen zur Vertheidigung des Hauses ausreichten; eine größere Zahl aber, falls sie ja eine längere Belagerung aushalten müßten, Proviant und Munition unnütz aufbrauchen würde. So sollte denn, um Niemand zu beleidigen, das Loos entscheiden, welches auf Fritz Volz vom Creek, Jakob Ehrlich und Anton Biermann vom Mohawk und auf Richard Herckheimer fiel. Lambert konnte mit dem Ausfall zufrieden sein. Es waren sämmtlich wackere junge Leute und wenigstens Fritz Volz und Richard Herckheimer seine speciellen Freunde. Man verabredete, daß die beiden letzteren, welche nahe genug wohnten, noch heute Abend ihren Posten beziehen, und die beiden Andern morgen früh sich einstellen sollten.

Nun endlich konnte Lambert – fast der Letzte Aller, die hier versammelt gewesen waren – sich von Nikolaus Herckheimer verabschieden. »Ich will Dich nicht länger aufhalten,« sagte dieser, »obgleich ich noch manches mit Dir zu besprechen habe; ich komme morgen selber herübergeritten.«

Lambert hatte nicht ungebührlich zur Eile gedrängt, als er aber, drüben angekommen, den Eisenlords, den Teicherts und einem Dutzend Anderer, welche alle bei einem Glase von Hans Haberkorns Echtem, Alten das eben Gehörte und Beschlossene noch einmal durchsprechen wollten, die Hände geschüttelt; Fritz Volz ihm: »also auf Wiedersehen, Lambert, heute Abend!« nachgerufen, und er sich nun fester in die Bügel stellen und die Zügel schießen lassen konnte, – da athmete er doch hoch auf, und warf dann gleich wieder einen ängstlich prüfenden Blick nach dem Himmel, an welchem die Sonne ihren Lauf fast vollendet hatte. Es war vielleicht nur noch eine halbe Stunde bis zum Untergang. Links von ihm in der Ebene schimmerten und flimmerten die Felder und Marschen in rothen, blendenden Lichtern, daß er kaum die rothen Schindeldächer der Häuser erkennen konnte, und die Gestalten der heimkehrenden Reiter und Fußgänger nur dann und wann als dunklere Punkte in dem Feuermeer sichtbar wurden. Rechts, wo, je weiter er kam, die Hügel und Felsen immer näher an ihn heranrückten, glühten die gewaltigen Stämme der Riesentannen in dunklem Purpur und die zackigen Wipfel loderten in grüngoldenen Flammen zum wolkenlosen Himmel empor. Aber mit jedem Hufschlag des Pferdes sank die Sonne tiefer, und er hatte eben die Bellinger'sche Farm hinter sich, als das Feuermeer zur Linken in blauen Nebeln erloschen war, und gegen Abend nur noch die obersten Klippen der höchsten Bäume dem scheidenden Gestirn des Tages nachglimmten. Unaufhaltsam brach der Abend herein, und mit wie gleichmäßig schnellem Tempo auch der wackere Gaul die kräftigen Hufe auf den grasigen Grund schlug, Lambert sah, daß er unter einer Stunde nicht würde zu Hause sein.

Eine namenlose Ungeduld ergriff ihn. Die Sehnsucht nach der Geliebten, welche er alle diese Stunden so wacker bekämpft, machte jetzt ihre Rechte geltend und füllte seine Brust, daß er kaum zu athmen vermochte. Die Minuten wurden ihm zu Stunden, und dann war es noch ein anderes quälendes Gefühl, ein Gefühl der Furcht vor einem Etwas, das er sich nicht vorstellen konnte, wofür er keinen Namen hatte, und das vielleicht deshalb um so grausenhafter war. Er hatte eine solche Empfindung in seinem Leben noch nicht gehabt, höchstens als Knabe, wenn er von schrecklichen Träumen geängstigt wurde, aus denen er vergebens aufzuwachen strebte. Lambert stöhnte laut und der Hans stöhnte unter dem Druck der Schenkel seines ungeduldigen Reiters.

So sprengte er dahin, ohne nach rechts oder links zu sehen, ohne bei Eisenlords oder bei Volz anzuhalten, obgleich die Weiber ihm überall von den Thüren ein: »Holla, Lambert, wohin so eilig!« zuriefen – schneller und schneller: zuletzt, was der Hans, der nun auch über das Benehmen seines sonst so verständigen Reiters ärgerlich geworden war, laufen wollte und konnte.

Base Ursel hatte gebeten, er möge auf dem Heimweg bei ihr vorsprechen, und war damit Lamberts eigenem Wunsche zuvorgekommen. Mußte er doch mit der Base wegen dessen, was ihm der Pfarrer aufgetragen, nothwendig sich verständigen! So hemmte er denn widerwillig, als er bis an die Dittmar'sche Wohnung gelangt war, sein schäumendes Pferd.

»Ist Er bei Trost, Lambert,« sagte Base Ursel, die ihn hatte kommen hören und jetzt in die Thüre trat; »das arme Vieh ist wie eine Katze, die acht Tage im Wasser gelegen hat; und wie Er selbst aussieht! wie der Reiter aus der Offenbarung!«

»Mir ist, als hätte es ein Unglück gegeben – dort!« stammelte Lambert,

«Papperlapapp!« sagte Base Ursel. »Was soll's denn gegeben haben? Der Konrad – na, Lambert, ich sehe schon, man kann jetzt doch kein vernünftiges Wort mit Ihm sprechen; so reite Er denn in Gottes Namen weiter; ich habe meinen Alten eben zu Bett gebracht und ihm eine Schale Thee gegeben; so bin ich ganz frei und will noch auf ein Stündchen herüberkommen.«

Sie gab dem Hans, der schon ungeduldig in die Zügel gebissen hatte, einen Schlag auf den nassen Hals. Lambert sprengte davon.

»Die Verliebten sind doch immer nur halb bei Trost;« sagte Base Ursel, ihm kopfschüttelnd nachschauend; »indessen, indessen – der Konrad ist ein Tollkopf und war heute Morgen, als hätte er den Verstand verloren. Man muß wirklich einmal nach dem Rechten sehen.«

Und Base Ursel kehrte in's Haus zurück, nahm ihre Flinte vom Nagel und machte sich mit langen Schritten auf den Weg hinter Lambert her, der bereits in den Abendnebel getaucht war, welcher aus dem Creek in dichten Streifen emporstieg.



 << zurück weiter >>