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Fünfzehntes Capitel.

Die Gewißheit, daß jetzt der Augenblick der Entscheidung eingetreten, und die Freude, daß dieser Augenblick ihm den geliebten Bruder zurückgebracht, hatten Lambert mit einem Schlage die Eigenschaften, wegen welcher ihn Jung und Alt schätzte und rühmte: Kaltblütigkeit, Umsicht, sicheren Muth wiedergegeben. Ohne einen Moment zu schwanken, was jetzt zu thun sei, eilte er, dem Bruder zurufend, er soll die im Hause benachrichtigen, auf der Planke über den Creek nach dem Hügel drüben, auf welchem das Fanal errichtet war, weil man es nur von dort aus den Bach abwärts im Dittmar'schen Hause deutlich sehen konnte. Eine Minute später erhob sich aus dem sinnreich gethürmten Scheiterhaufen eine schwarze Rauchsäule, wie der Stamm einer Palme mächtig aufstrebend und oben in der stillen Luft sich zu einer gewaltigen Krone ausbreitend. Und da – eine Viertelmeile den Bach hinab wallt es jetzt dunkel auf – Ohm Dittmar hat gute Wacht gehalten. Das Signal ist beantwortet und weitergegeben und wird beantwortet und weitergegeben werden; in einer Viertelstunde werden sie zwei Meilen weiter am Mohawk wissen, daß hier oben am Creek der Feind hereingebrochen ist. Nun zurück über den Bach; ein kräftiger Stoß – die Verbindung ist abgebrochen, die Planke treibt abwärts.

»Du noch hier, Konrad? Komm! wie werden sich die Andern freuen!«

Lambert eilte voraus; langsamen, zögernden Schrittes folgte Konrad. War es Ermattung nach dem furchtbaren Rennen? war das Blut, mit welchem sein Lederwamms befleckt ist, aus seinen Adern gespritzt?

So fragte Lambert, aber er erhielt keine Antwort; und jetzt waren sie an der fliegenden Brücke angelangt, wo die Freunde, die auf der Mauer standen, sie mit lautem Hurrah empfingen. Lambert eilte hinan und schüttelte jedem der braven Bursche in seiner Herzensfreude die Hand. Konrad zauderte noch immer am Fuß der Brücke. Sein Gesicht war bleich und wie verzerrt von körperlichem Schmerz oder von einem innern Kampf. Er hatte geschworen mit fürchterlichem Eid: er wolle die Schwelle seines Vaterhauses nicht wieder betreten, oder sein Blut solle kommen über ihn! Das starke, wilde Herz krampfte sich zusammen in der Brust. Sein Blut – was kümmert ihn das: er hat es nie geschont; er hat es vor einer Viertelstunde noch in einem Kampfe, wie nur er ihn aufnehmen, nur er zum glücklichen Ende führen kann, auf's Spiel gesetzt; aber sein Wort! sein Wort, das er noch nie gebrochen, und das er jetzt brechen soll, brechen muß, wie sein heller Geist ihm sagt, wie das edle Herz ihm gebietet – trotz alledem!

Und wie er dennoch zaudert, steht plötzlich zwischen den hurrahrufenden Gesellen, sie, um derentwillen er sich verbannt aus seinem Vaterhause. Wie von einem Blitz geblendet, wendet er die Blicke ab; aber da ist sie schon an seiner Seite und hat seine Hand erfaßt, mit einem sanften Druck, dem er nicht widerstehen kann, mit einer leisen Gewalt, der er folgen muß die Brücke hinan auf die Mauer, von der Mauer hinab in den innern Hof, wo ihn die Gefährten jubelnd umdrängen, und mit einem Male, von einem plötzlichen lustigen Einfall allesammt getrieben, ihn ergreifen, hoch emporheben und unter Jubel und Lärmen den Flüchtling, den Heimgekehrten zur offenen Thür hineintragen in's Haus, als wollten sie mit neckischer List den Dämonen, die auf der Schwelle lauern, ihre Beute abjagen.

Wie dem auch sei; Konrad ist zurück, – die beste Büchse in den Kolonieen! Sie waren entschlossen, auch ohne Konrad ihre Pflicht zu thun, aber die schnellen Blicke, die kurzen Worte, die sie unter einander austauschen, die freudestrahlenden Gesichter – sie sagen deutlich: es ist doch besser so, und wenn nun erst Base Ursel und Christian Dittmar da wären, so möchte der Tanz nur sofort beginnen! »Sie könnten schon da sein,« meinten die Einen; »Hurrah! da kommen sie!« schreit Richard Herckheimer, der auf die Gallerie gestiegen ist, besser ausschauen zu können: »und zu Fuß, und es sind ihrer drei! der Dritte ist der Pfarrer. Hurrah, und nochmals Hurrah! und abermals Hurrah!«

Wer hat jetzt Zeit oder Lust, die Athemlosen zu fragen, wie denn der geistliche Herr hierher komme? Genug, daß sie da sind, zur rechten Zeit, und endlich die Brücke abgeworfen werden und die Thür mit den bereit liegenden starken Balken verrammelt werden kann. Und da sind sie nun eingeschlossen in ihrer hölzernen Festung, mitten in der Wildniß, meilenweit entfernt von jeder befreundeten Seele, allein auf sich angewiesen: auf ihren festen Muth, ihren starken Arm, ihr sicheres Auge, zwei Frauen, neun Männer und neun Büchsen, denn, wenn der geistliche Herr nicht für voll zu rechnen ist, und eine Büchse nicht zu führen wüßte, selbst wenn er kämpfen wollte, – Base Ursel hat eine Büchse und weiß sie zu führen und wird kämpfen, darauf kann man sich verlassen.

Und nun sind die Rollen vertheilt, und Alles und Jedermann ist an seinem Platze. Der untere durchaus verschlossene Raum birgt in einem Verschlage den Hans, welchen Lambert nicht opfern will, in einem anderen die Schafe, die man aus Mitleid mit hereingenommen und die jetzt jämmerlich in der Dunkelheit blöken; – auf der Gallerie des oberen Stockwerks hinter der Brustwehr, die Läufe der guten Büchsen in den Schießscharten, liegen Lambert, Richard, Fritz Volz, Jakob Ehrlich, Anton Biermann; auf dem Boden an den Luken des hohen Schindeldaches stehen Konrad, Base Ursel und der alte Christian, dessen weittragende Büchse seiner Zeit der Schrecken der Feinde war. Bei ihnen ist der Pfarrer, der, wenn er auch kein guter Schütze ist, doch eine Büchse schnell und regelrecht zu laden, sehr wohl versteht. Denselben Dienst versieht für die auf der Gallerie Adam Bellinger. Katharine wird den Kämpfern Speise und Trank bringen, wenn es nöthig ist. Lambert und die Andern alle haben sie beschworen, sich in keiner Weise vorzuwagen: sie aber hat im Stillen sich gelobt, im Falle der Noth, Adams Büchse, die jetzt müßig liegt, zu ergreifen und Base Ursels Beispiel zu folgen.

Und Schweigen herrscht in dem Hause. Wer es so liegen sähe, verschlossen, düster, stumm – er würde es von den Bewohnern verlassen wähnen – ein Stück auf gegebenes Menschenwerk in der Wildniß rings umher. Und schweigend in der Runde liegt die Wildniß unter dem Bann der heißen Nachmittagssonne; schweigend die grüne Prairie, auf der kaum eine Blume nickt, ein Halm sich wiegt; schweigend der Wald, dessen glänzende Wipfel unbeweglich zum blauen Himmel ragen. Von dem blauen Himmel schauen ein paar weiße Wolken regungslos hernieder.

Tiefstes Schweigen! Urwaldsstille!

Da! ein geller, langgezogener, vielstimmiger Schrei, von dem die Runde gräulich widerhallt; und aus dem Walde brechen sie hervor, funfzig halbnackte, mit den bunten Kriegsfarben bemalte Indianer auf einmal, die ihre Büchsen und Tomahawks schwingen und mit wilden Sprüngen eilend über die Prairie heransetzen; die einen unmittelbar aus das Blockhaus zu, die andern es im Bogen umschwärmend, um es in möglichst kurzer Zeit von allen Seiten zu berennen. Und still wie zuvor liegt das Haus; keine Antwort auf die Herausforderung, welche der heranstürmende Feind unablässig gellt und kreischt und heult. Schon sind die Ersten bis auf hundert Schritte heran – da kommt die Antwort: der kurze, scharfe Ton von vier deutschen Büchsen, die in demselben Moment abgefeuert werden, daß man nur einen Knall hört, aber vier Indianer stürzen vornüber, um nicht wieder aufzustehen. Die Andern beschleunigen nur den rasenden Lauf, sie haben fast die Umwallung erreicht; da krachen abermals vier Büchsen und abermals stürzen vier Indianer, der Eine, der in's Herz geschossen, hoch aufspringend, wie ein Hirsch.

Das hatten sie nicht erwartet; der zweiten Salve konnte eine dritte folgen, und noch liegt zwischen ihnen und dem Hause Graben und Mauer. Wer weiß, ob diese dritte Salve nicht fürchterlicher wird, als die beiden ersten? Keiner will es darauf ankommen lassen; im Nu machen Alle Kehrt und jagen in derselben Eile zum Walde zurück, den sie noch nicht erreicht haben, als ihnen wiederum vier Schüsse nachgesandt werden. Und noch zwei sinken todt hin, unmittelbar vor den Füßen der Franzosen, welche sich im Walde verborgen gehalten, voll Wuth und Schrecken das blutige Schauspiel vor ihnen beobachtend, und sich jetzt sagen müssen, daß der erste Angriff, den sie klüglich ihren indianischen Freunden überlassen, gänzlich abgeschlagen ist.

Ja, der erste Angriff war abgeschlagen! Die im Blockhause schüttelten sich die Hände, und griffen dann wieder zu den frisch geladenen Büchsen. Von den Indianern richtete sich einer auf den Knieen und Händen auf, und fiel wieder zurück, und bäumte sich abermals empor. Richard Herckheimer sagt: »das ist mein Mann; der arme Teufel soll sich nicht so lange quälen!« und hebt die Büchse zur Wange; aber Lambert legt ihm die Hand auf die Schulter: »Wir werden jeden Schuß brauchen, Richard, und der da hat genug!« – Der Indianer rauft im Todeskampf das lange Gras, zuckt noch ein paar Mal und liegt dann starr, wie seine Gefährten.

Was wird jetzt geschehen? werden sie es noch einmal auf dieselbe Weise versuchen? werden sie eine andere Angriffsweise wählen und welche dann? Die jungen Männer stritten darüber, auch Base Ursel, die vom Boden herabgestiegen war, und sich zu ihnen gesellt hatte, nahm Theil an der Discussion. Die Meinungen waren getheilt: Lambert behauptete, sie würden bald genug herausgefunden haben, wie stark die Besatzung sei und wie viel sie im schlimmsten Falle zu opfern hätten, damit die Andern sicher bis zum Hause gelangten. Es käme also ganz darauf an, wie groß die Zahl sei, denn daß sie es vorhin nur mit einem Theil zu thun gehabt, und ihre Hauptmacht noch im Walde stecke, sei klar.

»Lambert hat recht,« sagte Base Ursel. »Sie sind hundertfünfzig stark : fünfzig Franzosen, hundert Onondagas.«

»Zweiundneunzig,« meinte Anton Biermann, »denn acht liegen da.«

Jakob Ehrlich lacht sonst jedesmal, wenn Anton Biermann einen Witz macht, dieses Mal lacht er nicht, er berechnet im Stillen, wieviel Indianer, die Franzosen noch bei Seite gelassen, auf sein Theil kommen, wenn ihrer wirklich so viel sind. Jakob Ehrlich kann die Zahl nicht herausbringen; aber gelangt zu dem Resultat, daß es unter allen Umständen eine harte Arbeit werden wird.

Die Andern blickten Base Ursel fragend an. Daß die Nachricht von Konrad herrührte, war gewiß. Wie hatte es Konrad erfahren? Base Ursel hätte nun eigentlich ihre gestrige Expedition mit dem Pfarrer erzählen müssen; aber dann konnte nicht verschwiegen bleiben, daß ohne ihre Vermittlung Konrad jetzt nicht hier wäre, und davon mochte sie nicht sprechen – heut' wenigstens nicht. Sie begnügte sich also, zu sagen, Konrad habe das Lager der Feinde gefunden und beobachtet, und sie Kopf für Kopf gezählt, und daß sie sich in zwei Haufen getheilt, von denen der größere: hundert Franzen und ebenso viele Onondagas und mindestens zweihundert Oneidas, nach dem Mohawk aufgebrochen wäre und jetzt dort wohl angekommen sein würde; daß aber die Oneidas kein Herz für die Sache hätten, und wenigstens die Möglichkeit sei, daß sie im entscheidenden Augenblicke abfielen, und zu den alten Bundesgenossen übergingen.

»Wenn es so steht, können wir auch noch auf Entsatz vom Vater rechnen;« meinte Richard Herckheimer.

»Wir wollen auf Niemand rechnen, als auf uns selbst;« sagte Lambert.

»Was haben die Kerls denn nun vor?« fragte Anton Biermann.

Aus dem Walde heraus, in welchem seit der letzten halben Stunde die Feinde gänzlich verschwunden waren, traten drei Männer: ein Franzose und zwei Indianer.

Sie hatten die Waffen abgelegt, dafür trugen sie lange Stangen, an deren Spitzen weiße Tücher befestigt waren.

Sie schwenkten wiederholt die Stangen und ließen die Tücher flattern. So kamen sie langsamen Schrittes heran, als seien sie nicht ganz sicher und wollten sich erst überzeugen, ob man auf der andern Seite geneigt sei, die Parlamentärflagge zu achten. Anton Biermann und Jakob Ehrlich verspürten dazu keine Neigung. Sie meinten, die Schufte hätten im vorigen Jahr und niemals Pardon gegeben, und würden sich ihrerseits den Teufel an weiße Lappen kehren; und wenn ihrer auch nur Drei seien, so seien sie doch immer noch drei Schuß Pulver werth. Lambert hatte genug zu thun, die Aufgeregten zu beschwichtigen und ihnen klar zu machen, daß es nicht Brauch sei, auf Unbewaffnete zu schießen, und daß sie, als Deutsche, nicht damit den Anfang machen wollten.

Unterdessen hatten sich die Parlamentäre bis auf eine kurze Strecke dem Hause genähert. Lambert erschien auf der Gallerie, nachdem er den Andern geheißen, sich nicht blicken zu lassen: »Halt!«

Die drei standen.

»Was wollt Ihr?«

»Giebt es Einen unter Euch, der französisch spricht?« fragte der Franzose in schlechtem Deutsch.

»Wir sprechen nur deutsch,« antwortete Lambert. »Was wollt Ihr?«

Der Franzose, ein langer, schwärzlicher Kerl, stellte sich in möglichst theatralische Positur, indem er die Parlamentärstange mit der linken Hand in den Boden pflanzte und die rechte zum Himmel hob und rief:

»Ich, Roger de Saint Croix, Lieutenant im Dienste Seiner allerchristlichsten Majestät, Louis XV., und Befehlshaber Sr. Majestät hiesiger Truppen und der mit uns verbündeten Indianer vom Stamme der Onondagas, thue Euch hiermit kund und zu wissen, daß, wenn Ihr sofort und auf der Stelle die Waffen ablegt und Euch ergebt auf Gnade und Ungnade, wir Euch und Eure Weiber und Kinder am Leben lassen, Euch auch in Eurem Besitzthum nicht schädigen, vielmehr Alles: Haus und Hof und Vieh unversehrt lassen werden. Andernfalls aber, wenn Ihr wahnsinnig genug wäret, noch ferneren Widerstand zu leisten gegen die formidable Uebermacht von sechshundert wohlbewaffneten und disciplinirten Soldaten Sr. Majestät und eben so vielen tapfern und grausamen Indianern, so schwöre ich, Roger de Saint Croix, daß keiner von Euch mit dem Leben davon kommen wird, weder Ihr noch Eure Weiber und Kinder, und daß wir Eure Häuser und Höfe dem Erdboden gleich machen werden, daß Niemand die Stelle wiederfinden soll, wo selbige gestanden.«

Der Mann hatte lauter und lauter geschrieen, bis er zuletzt nur noch kreischte. Jetzt ließ er den gesticulirenden rechten Arm an der Seite herabfallen, und stand da, in lässiger Haltung, wie Jemand, der ein gleichgültiges Gespräch führt, das er abbrechen oder fortsetzen wird, wie es eben dem Andern belieben mag.

»Soll ich für Euch antworten,« fragte Anton, indem er an seine Büchse schlug.

»Still!« sagte Lambert und dann seine Stimme erhebend: »So kehrt zu Euren Leuten zurück und sagt ihnen, daß wir hier vereinigten deutschen Männer, Einer wie Alle und Alle wie Einer, entschlossen sind, das Haus zu halten, komme, was da wolle; und daß wir gutes Muthes sind, es halten zu können, und wenn Ihr wirklich zwölfhundert wäret, wie Ihr hundertundfünfzig auf den Kopf seid, die zehn, die da schon liegen, mitgerechnet.«

Der Franzose machte eine lebhafte Bewegung der Ueberraschung und wandte sich zu seinen Begleitern, die, ohne eine Miene zu verändern, ohne sich zu regen, dagestanden hatten. Er schien ihnen etwas mitzutheilen, was auch ihre Aufmerksamkeit erregte, dann nahm er wieder die theatralische Positur von vorhin an und rief:

»Aus dem, was Ihr zuletzt gesagt, obgleich es falsch, entnehme ich, daß ein gewisser Konrad Sternberg bei Euch ist. Ich verspreche Euch, daß Euch kein Haar gekrümmt werden soll, und hundert Louisd'or dazu, wenn Ihr uns diesen Konrad Sternberg ausliefert.«

»Der Mann, von dem Ihr sprecht,« erwiederte Lambert, »ist bei uns und Ihr habt den Knall seiner Büchse schon zweimal gehört, und werdet ihn, wenn es Euch beliebt, noch öfter zu hören bekommen.«

»Aber dieser Konrad ist ein Verräther, der uns auf die schmählichste Weise betrogen hat,« schrie der Franzose.

»Ich bin kein Verräther,« schrie Konrad, der plötzlich neben Lambert stand: »ich habe Euch gesagt, daß ich mich frei machen würde, sobald ich vermöchte. Wenn Ihr diesmal geglaubt habt, daß Euer sechs mich halten könnten, so werdet Ihr mir das nächste Mal wohl ein Dutzend zur Bewachung geben.«

»Das nächste Mal werde ich damit anfangen, Euch erst den Skalp und dann den Kopf vor die Füße zu legen,« kreischte der Franzose in den höchsten Tönen.

»Genug!« rief Lambert; »ich gebe Euch zehn Minuten, in den Wald zurückzukommen: wer von Euch sich dann noch draußen sehen läßt, thut es auf seine Gefahr.«

Der Franzose ballte die Faust, besann sich dann aber darauf, was ein Franzose unter allen Umständen deutschen Tölpeln gegenüber sich selbst schuldig sei, und zog, indem er sich graziös verbeugte, den großen dreieckigen Hut, machte dann auf den Hacken Kehrt, und schritt anfangs langsam, dann schneller und schneller dem Walde zu, bis er zuletzt in einen regelrechten Trab fiel, offenbar, um den Deutschen die Schande zu ersparen, vor Ablauf der bewußten zehn Minuten auf den Abgesandten Sr. allerchristlichsten Majestät geschossen zu haben.

»Herr meines Lebens,« schrie Anton, »jetzt erkenne ich ihn erst! Das ist ja derselbe Kerl, Jakob, der vor drei Jahren bei uns betteln kam und der sich hernach noch ein halbes Jahr in der Nachbarschaft umhertrieb. Er nannte sich Musjö Emil und sagte, er habe einen Kameraden im Zweikampf erschossen und deshalb fliehen müssen; aber Andre wollten wissen, er sei ein weggelaufener Galeerensclave. Hernach wollte er Sally heirathen, Joseph Kleemanns Farbige, aber die sagte, sie sei zu gut für einen Kerl wie der, und Hans Kessel, Sally's Schatz, prügelte ihn einmal windelweich, seitdem war er verschwunden. Herr meines Lebens, und giebt sich hier für einen Lieutenant aus und spricht von allerchristlichster Majestät und will uns das liebe Leben lassen, dieser niederträchtige Tellerlecker! dieser Galgenstrick!«

So schalt und schimpfte der ehrliche Anton und behauptete, wenn er den Herrn Emil oder Saint Croix oder wie der Kerl heiße, nicht vor seine Büchse bekomme, so sei ihm der ganze Spaß verdorben.

Die Andern hätten gern gewußt, was Konrad mit dem Franzosen vorgehabt, aber ihre Neugier blieb unbefriedigt, denn Konrad hatte sich alsbald wieder hinaufbegeben, und schon wurde die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern Seite gelenkt. Von dem Hof stieg eine Rauchsäule auf, die mit jedem Momente dichter und schwärzer wurde, bis die Lohe aus dem Schwall hervorbrach. Der Feind hatte seine Drohung wahr gemacht. Es schien eine nutzlose Grausamkeit, denn der Hof lag zu weit vom Blockhause entfernt, als daß die Flamme hätte herüberspringen können, trotzdem der Wind, der sich jetzt ein wenig aufgemacht hatte, nach dem Hause stand und Rauch und Funken auf dasselbe zutrieb. Aber war doch dieser ganze Krieg eine einzige Kette solcher Grausamkeiten! Lambert hatte heute Morgen im Geiste gesehen, was er jetzt in Wirklichkeit sah, aber – er hatte das Alles mit seinen eigenen Händen geschaffen und seine Hände legten sich fester um den Lauf der Büchse.

Da krachte oben ein Schuß und noch einer, und Base Ursel rief zur Bodentreppe hinab: »Achtung! Augen links! im Rohr!«

Die Bedeutung dieser Worte und der Schüsse, die oben abgefeuert waren, wurde alsbald klar. Die Aufmerksamkeit der Belagerten war nicht umsonst nach der Landseite gelenkt worden! In dem dichten, mannshohen Schilf und Rohr, mit welchem das Ufer des Creek bewachsen war, konnte man vom Walde aus bis auf hundert Schritt an das Haus herankommen – ein verzweifeltes Unternehmen! denn der Untergrund war bodenlos sumpfig, soweit das Schilf stand und wo dasselbe endigte, floß der Creek tief und reißend; aber man hatte es gewagt, und es zeigte sich bald, mit welchem Erfolge. Bald hier, bald da und in immer schnellerer Folge knallte es aus dem Rohr; es mußte bereits eine beträchtliche Zahl den gefährlichen Weg betreten und sich am Ufer eingenistet haben, trotzdem die im Hause Alles thaten, um sich einer so unbequemen und gefährlichen Nachbarschaft zu entledigen. Wo immer ein adlerfedergeschmückter Kopf oder nackter Arm sich zeigte, oder der Lauf eines Gewehrs aufblitzte, ja, wo nur das Schilf sich bewegte, schlug eine Kugel ein; aber, wenn auch bereits ein paar leblose Körper den Creek hinabschwammen, andre sicher todt oder verwundet zwischen den Binsen lagen, noch andre in dem Morast versunken sein mochten – die Ueberzahl war zu groß, und der kühne, durch so schwere Verluste erbitterte Feind schien es auf's Aeußerste ankommen lassen zu wollen. Dazu kam, daß der Abendwind sich immer mehr aufmachte und die Spitzen des Schilfs unaufhörlich hin- und herwiegte, so daß es schwer, ja oft unmöglich war, die Bewegungen des unsichtbaren Feindes zu verfolgen, und also mancher kostbare Schuß vergebens gethan wurde. Das machte offenbar die Angreifer kühner und kühner; immer weiter schob sich die Feuerlinie das Ufer hinab, immer dichter hagelten die Kugeln gegen die Brüstung und gegen das Dach: man mußte jeden Augenblick erwarten, daß sie aus dem Röhricht hervorbrechen, und, die kurze Strecke, welche sie noch von dem Hause trennte, schnellen Laufes durchmessend, zum Sturm übergehen würden.

Aber bald sollte es sich zeigen, daß man auf der anderen Seite keineswegs gewillt war, die Entscheidung des Tages auf diese eine Karte zu setzen. An dem Waldessaume begann es plötzlich sich zu regen und zu bewegen, als ob der Wald selbst lebendig geworden wäre. Breite, mannshohe Schirme, aus Tannenzweigen kunstvoll zusammengestellt, wurden heraus und in einer Linie aneinander und weiter die sanft ansteigende Wiesenfläche nach dem Hause zu geschoben oder getragen – man konnte es nicht unterscheiden – langsam zwar, aber doch vorwärts kommend, bis man sich auf Büchsenschußweite genähert hatte, und die hinter den Schirmen postirten Schützen ein lebhaftes Feuer eröffneten. Die Schirme waren gewiß kein sicherer Schutz für die Angreifer, aber sie erschwerten den Belagerten doch das Zielen, die nun überdies gezwungen waren, ihre Aufmerksamkeit und ihre Büchsen nach zwei Seiten zugleich zu richten.

Aber der schlaue Feind hatte seine Erfindsamkeit noch nicht erschöpft. Von dem Hofe her, der jetzt beinahe vollständig niedergebrannt war, kamen sie ebenfalls, indem sie ein Dutzend von Lamberts großen Fässern vor sich herrollten, um, sobald sie nahe genug waren, dieselben aufzurichten und so sich einen Wall zu schaffen, der jeden Moment weiter vorgeschoben werden konnte und einen viel sichereren Schutz bot, als die Schirme aus Tannenzweigen. Anton Biermann hatte laut aufgelacht, als er die Fässer auf das Haus zukommen sah, aber nachdem er ein paar Schüsse, offenbar nutzlos, darauf abgefeuert hatte, lachte er nicht mehr und sagte leise zu seinem Freunde Jakob: »Die Geschichte wird ernsthaft.«

Ernsthaft in der That! Noch hatte keiner von ihnen erheblichen Schaden genommen, trotzdem einer und der andre durch Splitter, welche die Kugeln von der Brüstung abschlagen, bös geritzt war und heftig blutete. Aber der Kampf währte jetzt bereits ununterbrochen drei Stunden! Es war ein heißes Stück Arbeit gewesen in der heißen Junisonne, und die Wangen der Kämpfer glühten und die Läufe ihrer Büchsen glühten.

Dennoch hatte sich manches Auge, wenn es nur einen Moment von der blutigen, ungewohnten Arbeit aufschauen konnte, nach der Sonne gerichtet, und mit schwerer Sorge beobachtet, wie schnell sie in diesen Stunden, die nicht enden wollten, weiterrückte, wie tief sie bereits stand. So lange sie leuchtete, mochte dieser verzweifelte Kampf einer Handvoll Menschen gegen einen so vielfach überlegenen, kühnen und verschlagenen Feind, hingezogen werden und unentschieden bleiben. Aber wie bald mußte die Entscheidung eintreten, wenn die Sonne sank und das Dunkel herauszog, das heute, wo der Mond erst nach Mitternacht aufging, stundenlang mit undurchdringlichem Schleier das Thal bedecken würde, und in dem Schutze des Nebels und der Nacht der Feind heranschlich und heranstürmte! Die Balken des unteren Geschosses waren dick genug, und die einzige Thür fest verrammelt; aber ein Dutzend Beile mußten in nicht allzulanger Zeit die Thür eingeschlagen haben, und die Balken, wie dick sie waren, dem Feuer konnten sie nicht widerstehen! Dann aber blieb den Belagerten keine Wahl, als sich bei lebendigem Leibe verbrennen zu lassen, oder den Versuch zu machen, sich mit den Waffen in der Hand aus dem brennenden, eng umstellten Hause einen Ausweg zu bahnen. Und auch so war ihr Untergang gewiß. Wer nicht sofort erschlagen wurde, mußte von der Ueberzahl der Verfolger auf der Flucht eingeholt und niedergemacht werden.

So war die Lage. Sie konnte Niemand zweifelhaft sein, weder den Belagerten, noch den Belagerern, die sich längst überzeugt hatten, daß das Haus von höchstens zehn Büchsen vertheidigt wurde. Aber wie sehr diese Gewißheit auch ihre Kampfeslust erhöht und ihren Rachedurst geschärft haben mochte – der Muth derer im Blockhause war ungebrochen. Niemand dachte an eine Flucht, die ja doch vergeblich, Niemand an Uebergabe, die mit einem qualvollen Tode gleichbedeutend war. – Alle waren sie entschlossen, sich bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen, und lieber sich selbst und, wenn es sein müßte, Einer dem Andern den Tod zu geben, als dem Feinde lebend in die grausamen Hände zu fallen.

Lambert und Katharine hatten sich das schon vorher gesagt, und sie hatten während des Kampfes mehr als einmal den Todesbund mit stummen beredten Blicken besiegelt. Aber nicht nur für den Geliebten war das muthige Mädchen wie ein Banner gewesen, das dem kühnen Krieger vorauf in die Schlacht flattert und an welchem seine Blicke mit jener Begeisterung haften, die den Tod überwindet. Wer die Bleiche, still Entschlossene, rastlos Helfende nur ansah, der hatte aus einem Quell des Muthes und der Kraft getrunken, daß ihm das bange Herz höher schlug, und die ermüdeten Glieder wieder erstarkten. Sie hatte des Gebotes, das immer von Neuem an sie erging: »Bleib weg, Katharine! steh nicht da, Katharine!« nicht geachtet. Wo sie sich nöthig wußte, da war sie: oben bei den Männern auf dem Boden unter dem glühenden Dach, unten bei denen auf der Gallerie, diesem einen Trunk reichend, jenem die eben abgeschossene Büchse aus der Hand nehmend, dem andern ein Gewehr, das sie selbst geladen, in die Hand drückend. Denn auch das hatte sie gelernt, schnell, wie sie Alles lernte, nachdem sie gesehen, daß Adam Bellinger, trotzdem er sich redlich mühte, und ihm der Schweiß in Strömen von der Stirn rann, den Anforderungen nicht genügen konnte und die Schützen oft vergeblich nach ihren Waffen riefen.

So war sie eben wieder in dem innern Raum beschäftigt, als Konrad, Base Ursel, der alte Christian und der Pfarrer von oben herabkamen, während auch die auf der Gallerie zu schießen aufhörten und es selbst draußen still würde.

»Was geht vor?« fragte Katharine

»Sie werden es mit einem zweiten Sturm versuchen wollen,« sagte Lambert, der von der Gallerie hereintrat. »Es ist gut, daß Ihr kommt, wir müssen jetzt alle Mann auf die Gallerie, wir werden sie bald genug unter uns haben.«

Auch Andre traten herein, zu hören, was nun geschehen solle; man war fast vollzählig versammelt.

»Ich denke,« sagte Lambert, »wir geben keinen Schuß ab, bis sie auf der Mauer sind, denn sie würden jetzt doch nicht wieder umkehren und wir haben dann ihrer acht sicher. Hernach wollen wir fünf die Andern in Respect halten, während Ihr versucht, ob Ihr den Schuften unter uns das Handwerk legen könnt. Sind alle Büchsen geladen?«

»Hier! und hier!« sagten Katharine und Adam, die beiden letzten Büchsen hinreichend.

Der Zufall wollte, daß es gerade Lamberts und Konrads Büchsen waren: und wie sie beide zu gleicher Zeit herantraten und Jeder die Hand nach der Waffe ausstreckte, da war es kein Zufall, daß es bei Beiden die linke Hand war, denn sie hatten sich im nächsten Moment die Rechte gereicht, und standen so vor Katharine, die tief erröthend einen Schritt zurückwich, als fürchtete sie, daß ihre Nähe den Bund der Brüder von Neuem stören könne. Aber der Pfarrer legte seine Hand auf die Hände der Brüder, die sich in kräftigem Drucke festhielten und sagte: »So wie diese Beiden, die sich einen Augenblick verloren hatten, in der Stunde der Gefahr sich wiedergefunden haben, um im Leben und im Sterben und in Einigkeit vereint zu sein und zu bleiben, so, Ihr lieben Brüder und Schwestern, lasset uns Gott danken und preisen, daß wir Alle hier so einmüthig beieinander stehen und daß wir in dieser feierlichen Stunde, die nach menschlicher Berechnung unsere letzte ist, das höchste Gebot erfüllen, und uns untereinander lieben. Und weil uns Höheres, als dies, das Leben nicht bieten kann, und wenn wir tausend Jahre lebten, so laßt uns ohne Klage von dem lieben Leben Abschied nehmen! Wir werfen es nicht leichtsinnig fort: wir haben es vertheidigt, so gut wir konnten. Aber wir sind nur Fleisch und Blut, und diese unsere Burg ist von Holz. Gott aber, der uns nach seinem Ebenbilde schuf und seinen Odem einblies – Gott ist ein Geist und eine feste Burg. Eine feste Burg ist unser Gott!«

Und wie der Pfarrer das Wort gesprochen, da als hätte es der Geist ihnen gegeben, den sie angerufen, zuckte es durch die kleine Gemeinde und wie aus einem Munde erschallte es in feierlichem Chor:

 

»Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen,
Er hilft uns frei ans aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen,
Der alte, böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint.
Groß' Macht und viel' List,
Sein grausam' Rüstung ist,
Auf Erden ist nicht seines Gleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts gethan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streift für uns der rechte Mann,
Den Gott selbst hat erkoren.
Fragst Du, wer er ist,
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär',
Und wollt' uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es muß uns doch gelingen!«

 

Und da waren sie von allen Seiten zugleich, als hätte der Bach und die Prairie und der Wald sie auf einmal ausgespieen; da kamen sie in wilden Sprüngen, die Beile und die Flinten und die Reisigbündel schwingend, Franzosen und Indianer: Jäger und Hunde, zum Kampfe hetzend, vor Kampfgier heulend. Im Nu war der kurze Zwischenraum überflogen. Hinein in den Graben, zur Mauer hinauf, in tollem Schwunge, mit den Nägeln sich einhakend, Einer auf den Schultern des Andern: hinauf, hinauf!

Hinauf, aber nicht hinüber! zum wenigsten die Ersten nicht! So wie ein Kopf über der Mauer auftaucht, ein paar Ellbogen sich aufstemmen, eine Brust sich bietet, kommt die tödtliche Kugel und der Verwegene rollt in den Graben zurück: der Erste und der Zweite, der Dritte und der Vierte – dem Fünften endlich gelingt es und einem Sechsten, und jetzt einem halben Dutzend auf einmal, und an einer andern Stelle noch einem paar. Das sind genug! Der Zweck ist erreicht! Commandoworte werden gerufen. Die noch jenseits der Mauer sind, ziehen sich wieder zurück, zu zwei und zwei einen geschlossenen Kreis um das Haus formirend, und unablässig feuernd, um wieder – und dann zum letzten Male vorzugehen, sobald die, welche bis zum Hause gedrungen sind, ihr Werk vollbracht haben.

Und bald wird es vollbracht sein. Schärfe Beile hacken in die Thür: die Beilschwinger verstehen ihre Arbeit, sie haben schon in manches verschlossene Haus Bresche geschlagen! Und die auf der andern, dem Wind zugekehrten Seite verstehen ihre Arbeit nicht minder gut; sie haben schon an manches Haus, dem sie nicht anders beikommen konnten, den Feuerbrand gelegt! Wohl schießen die oben durch die runden Löcher in dem Boden der Gallerie, und ein oder zwei von denen unten müssen ihre Kühnheit mit dem Leben bezahlen; aber die Andern stehen gedeckt, und der Kugelregen, mit welchem das Haus überschüttet wird, zersplittert die Kräfte der Belagerten, die sich nach allen Zeiten zugleich wenden sollen. Noch ein paar Hiebe und die Thür liegt in Trümmern, und aus dem dicken Rauch, der drüben aufsteigt, wird bald die Lohe herausschlagen.

Die Belagerten wissen es. Ein Versuch, die drohende Gefahr – und wäre es auch nur für kurze Frist – zu bewältigen, muß gemacht werden. Sie müssen einen Ausfall wagen: ihrer Zwei sollen es. Welche zwei?

«Ich,« ruft der brave Pfarrer. »Was ist an mir gelegen?«

»Ich,« ruft Konrad; »das ist meine Sache!«

»Konrads und meine,« ruft Lambert mit starker Stimme, »und Niemandes sonst! Hinweg Ihr Andern, auf Eure Posten! Du, Richard und Fritz! Ihr haltet die Thür besetzt. Hier sind die Beile, und nun in Gottes Namen!«

Die Balken, welche die Thür von innen sichern, werden weggeräumt, ein starkes Brett bloszulegen, welches genau in die Oeffnung paßt, und an welches bereits, da die eigentliche Thür zertrümmert ist, die Schläge von außen dröhnen. Der letzte Balken wird weggezogen; das Brett fällt, die Bresche, welche die Belagerer gewollt, ist da, und aus der Bresche hervor, stürzt, Lambert und Konrad bei Seite drängend, der alte Christian Dittmar, hoch die Axt in den nervigen Armen schwingend, rufend: »hie Deutschland allewege!«

Es ist das erste Wort, das heute ans seinem Munde kommt, und es ist sein letztes – für heute und für immer! Von drei Kugeln auf einmal durchbohrt, von einem Dutzend Messerstichen und Beilhieben zerfleischt und zerschmettert, fällt er; aber sein hochherziger Zweck ist erreicht. Er hat die erste Wuth des Anpralls gebrochen; er hat den beiden jungen Männern hinter ihm eine Gasse gemacht. Sie stürzen in diese Gasse; nichts kann Konrads Riesenkraft widerstehen. Hageldicht fallen seine Streiche, er wüthet in dem Schwarm, wie ein Jaguar zwischen Schafen. Ja, es ist der Jaguar, der über sie gekommen ist! der große Jaguar, wie sie ihn nennen an den Seen, und der schon so Manchen aus dem Stamme der Onondagas zerrissen hat! Sie wollen mit dem bösen Geiste selber kämpfen, aber sie können nicht die Augen des großen Jaguar lodern sehen; sie vermögen nichts gegen den großen Jaguar! Sie stürzen davon, auf die Mauer zu, über die Mauer, in den Graben hinab, von Konrad verfolgt, dem Lambert, welcher bereits den Scheiterhaufen auseinandergerissen hat, zuruft: er solle nicht weiter, er müsse zurück! Denn die Andern, welche die schimpfliche Flucht ihrer Gefährten sehen, haben ihr Feuer nur auf die Beiden gerichtet, Kugel auf Kugel schlägt neben Lambert in die Wand; es ist ein Wunder, daß er noch unverletzt ist, ja, daß er noch lebt! Aber er denkt gar nicht an sich; er denkt nur an den löwenherzigen Bruder. Er stürzt auf den Rasenden zu, der eben mit drei Indianern – den letzten innerhalb des Ringes – hart an der Mauer kämpft. Sie sollen nicht mehr hinüber. Er ergreift den Einen, wirbelt ihn empor und schmettert ihn gegen die Mauer, auf welcher der Unglückliche mit zerbrochenem Genick liegen bleibt; die die beiden Andern benutzen den Augenblick; sie klettern über die Mauer; der Eine drückt, ehe er sich in den Graben gleiten läßt, sein Gewehr ab.

»Komm' herein, um Gotteswillen, Konrad!« ruft Lambert.

Er ergreift Konrad bei der Hand; er zieht ihn mit sich fort; sie haben die Thür fast erreicht: da schwankt Konrad, wie ein Trunkener. Lambert faßt ihn tun den Leib. »Es ist nichts, lieber Bruder;« sagt Konrad und richtet sich auf; aber in der Thür bricht er zusammen, ein Blutstrom stürzt aus seinem Munde und netzt die Schwelle, die er nicht wieder hat betreten wollen, es komme denn sein Blut über ihn.

Die Thür ist wieder verwahrt, stärker noch, als zuvor. Das Feuer, das Lambert auseinandergerissen hat, verschwelt machtlos am Fuße des Hauses. Das Haus ist gerettet: auf wie lange? die kleine Schaar, die es vertheidigt, ist um zwei Kämpfer ärmer: die Uebrigen sind von der furchtbaren Arbeit bis zum Tode erschöpft; die Munition ist bis auf wenige Schüsse verbraucht und die Sonne schießt ihre letzten rothen Strahlen über den einsamen Kampfplatz im Walde. In wenigen Minuten wird sie untergehen; die Nacht wird heraufziehen – die letzte Nacht.

»Dein Bruder ist todt!« sagt der Pfarrer zu Lambert.

»Er ist uns vorangegangen;« erwiederte Lambert. »Bleibe in meiner Nähe, Katharine.«

Der Pfarrer und Katharine sind unten um Konrad beschäftigt gewesen. Der Pfarrer ist ein heilkundiger Mann; aber hier hat seine Kunst nichts vermocht. Konrad hat die schönen blauen Augen nur noch einmal aufgeschlagen mit einem wirren Blick, der plötzlich hell und klar geworden, als durch die Nebel des Todes Katharine's Antlitz ihm erschienen ist. Dann hat er still, mit geschlossenen Augen dagelegen, tiefer Friede in den noch eben so wilden, kampfestrotzigen Zügen und hat noch einmal aufgeathmet. Dann ist sein Haupt auf die Seite gesunken, als dürfe er nun ruhig schlafen.

Die Sonne ist in die Wälder getaucht; um die auf der Gallerie fließt blutrother Abendschein.

»Worauf warten die Kerls?« fragt Jakob Ehrlich.

»Dir wird die Ewigkeit noch lang genug werden, Narre,« erwiedert Anton Biermann.

»Wenn der Vater uns Entsatz schicken will, wird er sich beeilen müssen,« sagt Richard Herckheimer mit einem schwermüthigen Lächeln.

»Hurrah, hurrah und abermals hurrah!« schreit Adam Bellinger oben zur Dachluke heraus.

»Der Adam ist verrückt geworden;« sagt Fritz Volz.

»Sie kommen, sie kommen!« schreit Adam, der jetzt die Bodentreppe hinabstürzt und wie ein Toller herumtanzt und dann dem Pfarrer laut weinend in die Arme stürzt.

»Armer Junge, armer Junge!« sagt der Pfarrer.

Lambert ist um die Gallerie herumgegangen auf die andere Seite, von der man den Creek hinabsieht bis an die Waldecke, wo der Weg eine Biegung macht und dann verschwindet, um etwas weiter hin noch einmal auf eine kürzere Strecke sichtbar zu werden. Der Weg liegt frei da hüben und drüben; die schwache Hoffnung, die in Lambert aufgeglimmt war, erlischt alsbald; er schüttelt traurig das Haupt.

Und doch! welch' ein Ton ist das? Ein dumpfer, starker Ton, den Lambert deutlich vernimmt, denn in diesem Augenblick ist auch das Geschrei der Feinde verstummt. Der Ton wird schwächer und wieder stärker; Lambert pocht das Herz zum Zerspringen.

Und plötzlich biegt es um die Waldecke: ein, zwei, drei Reiter in vollem Jagen, und einen Moment darauf ein ganzer Haufe: zwanzig, dreißig Pferde, unter deren Hufen der Boden dröhnt. Die Reiter schwingen ihre Büchsen; und: »Hurrah! hurrah!« schallt es bis zu Lambert hin.

Er springt zu den Genossen. »Habt Ihr Alle geladen? Dann auf und darauf! jetzt ist die Reihe an uns gekommen; jetzt wollen wir sie jagen!«

Eine scharfe Jagd, eine wilde Jagd auf der dämmrigen Prairie her hinter den Franzosen und ihren Indianern, die in toller Flucht nach dem Walde stürzen, und deutsche Büchsen knallen hinterdrein!



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