Autorenseite

 << zurück weiter >> 

6. Imogena.

Ich hoffe, daß der Leser nun den genialen Plan meines sympathischen Helden begriffen und gewürdigt hat. Herr Zolzikiewicz gab dem Ehepaare Rzepa, wie man sagt, geradezu Schachmatt. Rzepa in die Assentliste eintragen, wäre zwecklos gewesen. Aber ihn betrunken machen, es so anstellen, daß er selbst das Übereinkommen unterschrieb und das Geld nahm, das verwickelte die Sache etwas, und die schlaue Intrige lieferte den klarsten Beweis, daß Herr Zolzikiewicz bei einem Zusammenflusse günstiger Umstände noch eine große Rolle zu spielen fähig war. Der Scholze, der bereit gewesen, das volle Lösegeld von achthundert Rubel für den Sohn zu zahlen, hatte um so bereitwilliger diesen Plan angenommen, als Zolzikiewicz, ebenso mäßig als genial, für die ganze Affaire nur fünfundzwanzig Rubel für seine Person beanspruchte. Er nahm nicht einmal diese Summe aus Habgier und ebenso teilte er nicht die Kanzleispesen mit Burak aus Habgier. Ich muß gestehen, daß Herr Zolzikiewicz noch Schulden bei dem Schneider Srul hatte, welcher die ganze Umgegend mit »echt Pariser Garderobe« versorgte. Da ich nun bei den Bekenntnissen angelangt bin, will ich nicht verheimlichen, warum Herr Zolzikiewicz sich so elegant kleidete. Es entsprang dies einerseits seinem ästhetischen Gefühl; andererseits aber war noch ein zweiter hochwichtiger Beweggrund vorhanden. Herr Zolzikiewicz liebte, doch nicht die Rzepowa, wie mancher glauben wird; auf diese hatte er, wie er sich selbst auszudrücken beliebte, »nur ein Appetitchen«. Herr Zolzikiewicz war hoher und komplizierter Gefühle fähig. Es erraten wohl, wenn nicht die Leser, so doch die Leserinnen, daß der Gegenstand seiner auserlesenen Gefühle niemand anders als Fräulein Jadwiga Skorabiewska sein konnte. Mehr als einmal, wenn der silberne Mond am Himmel aufstieg, nahm der romantische Schreiber die Harmonika, die er fertig spielte, setzte sich auf die Rasenbank vor seinem Häuschen, blickte auf den nahen herrschaftlichen Hof und sang leise bei den melancholischen, hie und da etwas defekten Tönen des undankbaren Instruments:

»Am Tage unter Sehnen,
Da fließen meine Thränen;
Nachts seufz' ich voller Schmerz,
Hoffnungslos bricht das Herz.«

Die Stimme verhallte in der poetischen Stille der Sommernacht, und Herr Zolzikiewicz setzte noch nach einer Weile hinzu:

»Warum, Ihr Leute, Ihr gefühllosen,
Zerpflücket mir des Lebens Rosen?«

Wer übrigens den Herrn Schreiber der Sentimentalität beschuldigen sollte, der ist im Irrtum. Gar zu nüchtern war der Geist dieses Mannes, um sentimental zu sein; nur in den Phantasiegebilden stellte Fräulein Jadwiga die Isabella, er Serrano oder Marfori vor. Da aber die Wirklichkeit nicht den Traumgebilden entsprach, verriet sich dieser eiserne Mann mit seinen Gefühlen damals, als er an einem Abend auf einer Leine neben der Holzkammer zum Trocknen aufgehängte Unterröcke mit den Buchstaben J. S. und einer Krone am Saume erblickte, erkannte er daraus, daß sie Fräulein Jadwiga gehörten. Wer hätte da die Kraft, zu widerstehen? Er widerstand auch nicht, er näherte sich und begann einen dieser Unterröcke zu küssen. Dies bemerkte aber Margarete, die Hofmagd, und eilte sofort zur Herrschaft, um zu berichten, »daß sich der Herr Schreiber mit dem Unterrocke des Fräuleins die Nase gesäubert habe.« Zum Glück glaubte man dies nicht, und so wurde das Gefühl des Herrn Schreibers keiner Seele verraten.

Hatte er irgendwie eine Hoffnung? Nehmt es ihm nicht übel: ja, er hoffte! So oft er sich zur Herrschaft begab, flüsterte ihm eine schwache Stimme unaufhörlich zu: »Und wenn Fräulein Jadwiga Dir heute während des Essens unter dem Tische auf den Fuß tritt? …«

»Hm! Den Lackstiefeletten schadet es nichts –« fügte er mit der Seelengröße eines Verliebten hinzu.

Die Lektüre des Verlagshändlers Herrn Breslauer flößte ihm den Glauben an die Möglichkeit von verschiedenen Fußtritten ein. Doch Fräulein Jadwiga trat ihm nicht auf den Fuß, im Gegenteil – wer begreift ein Weib? – sie blickte auf ihn gerade so, als ob sie auf den Zaun, auf den Kater, auf den Teller oder sonst ähnliches geblickt hätte. Der Arme quälte sich fast ab, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oft band er sich eine Halsbinde von neumodischer Farbe um, oder zog ein Paar neue, langgestreifte Beinkleider an und dachte: »Jetzt wirft sie einen Blick auf Dich!« Selbst Srul pflegte, wenn er ihm ein neues Beinkleid brachte, zu sagen: »Ni! In solchen Beinkleidern kann man, mit Erlaubnis zu melden, zu einer Grafentochter gehen.« Alles vergebens. Er kommt zum Diner; Fräulein Jadwiga tritt ein, stolz, makellos, eine jungfräuliche Königin; es rauscht das Kleid samt allen möglichen Volants; sie setzt sich nieder, ergreift mit den zarten Fingerchen den Löffel und schenkt dem Kanzler von Widderkopf nicht den flüchtigsten Blick. »Kann sie sich's denn gar nicht erklären, was mich dies alles kostet!« denkt Herr Zolzikiewicz voller Verzweiflung.

Noch immer gibt er die Hoffnung nicht auf. »Wenn ich nur Unterrevisor würde!« – denkt er – »man hat da immer etwas mit der Herrschaft zu schaffen. Vom Unterrevisor zum Revisor ist's nur ein Katzensprung! Man hätte eine Neutitscheiner Britschka, ein paar Pferde, dann würde sie einem schon die Hand unter dem Tische drücken …« Herr Zolzikiewicz ließ sich noch in weitere Konsequenzen dieser Fußtritte und Händedrücke ein; jedoch wollen wir diese Gedanken als Herzensgeheimnisse nicht verraten. Welchen großen Geist aber dieser Herr Zolzikiewicz besaß, beweist die Leichtigkeit, mit der neben dem idealen Gefühle für Fräulein Jadwiga, welches Gefühl übrigens dem aristokratischen Wesen dieses Jünglings entsprach, gleichzeitig das sogenannte »appetitliche Gefühl« für die Rzepowa Platz fand. Ohne zu leugnen, die Rzepowa war ein schönes Weib. Der Don Juan der Gemeinde Widderkopf hätte ihr jedoch sicherlich nicht so viel Zeit und Mühe geopfert, wenn ihn nicht die sonderbare und strafwürdige Widerspenstigkeit dieses Weibes gereizt hätte. Der zähe Widerstand eines gewöhnlichen Weibes – und gegen wen? gegen ihn, erschien dem Herrn Kanzler so unerhört, daß nicht allein die Rzepowa für ihn eine verbotene Frucht wurde, sondern er auch beschloß, ihr eine gehörige Lehre zu geben. Der Vorgang mit Kruczek bestärkte ihn noch in seinem Vorhaben. Er wußte, daß sein Opfer sich sträuben werde, darum erdachte er jene Übereinkunft Rzepas mit dem Scholzen, welche, scheinbar wenigstens, Rzepa mit Frau und Kind ihm auf Gnade und Ungnade auslieferte.

Nach dem Vorgange im Gemeindeamte hatte die Rzepowa die Sache noch nicht als verloren aufgegeben. Der nächste Tag war ein Sonntag, sie beschloß also wie gewöhnlich zur Messe nach Thürkette zu gehen und sich dann beim geistlichen Herrn Rat zu holen. Zwei Geistliche waren anwesend: der Pfarrer, Kanonikus Ulanowski, war sehr alt, so daß ihm die Augen vor Altersschwäche aus den Höhlen traten, und der Kopf hin und her schwankte; die Rzepowa nahm sich daher vor, nicht zu ihm, sondern zum Vikar Czyzyk zu gehen. Der war ein kluger, frommer Mann, konnte ihr demnach guten Rat erteilen und Trost zusprechen. Sie wollte schon zeitig gehen, um den Vikar noch vor der Messe zu sprechen; für sich und den Mann mußte sie arbeiten, denn der Mann saß im Schweinestall eingesperrt. Ehe sie nun in der Hütte aufgeräumt, ehe sie dem Pferde, dem Borstenvieh und der Kuh ihr Futter gegeben, bevor sie das Frühstück bereitet und es in einer irdenen Doppelkasserolle dem Manne ins Gefängnis getragen hatte, stand die Sonne schon hoch, und sie überlegte, daß sie vor der Messe nicht dazu kommen werde, den hochwürdigen Vikar zu sprechen. Die Andacht hatte auch bei ihrer Ankunft schon begonnen. Die Frauen, gekleidet in grüne Jacken, saßen auf dem Kirchhofe und zogen eilig die Schuhe an, die sie bis jetzt in den Händen getragen hatten. Rzepowa machte es gleichfalls so und ging in die Kirche. Der Vikar hielt eben die Predigt, und der Domherr saß im Barett auf einem Fauteuil neben dem Altare, stierte mit den Augen und wackelte nach seiner Weise mit dem Kopfe. Das Evangelium war beendet und der Vikar sprach, ich weiß wahrlich nicht aus welcher Veranlassung, von der mittelalterlichen Häresie und setzte seinen Pfarrkindern auseinander, von welchem Gesichtspunkte man diese Häresie, wie die gegen dieselbe erlassene Bulle Ex stercore zu betrachten habe. Dann warnte er mit gewandten Worten und mit großer Voreingenommenheit seine Schäflein, als Einfältige, als Arme an Geist, als Gott dem Herrn teure Vögelchen, nicht auf die falschen Worte und überhaupt auf die vom teuflischen Hochmute Besessenen zu hören, denn sie säen Unkraut statt Weizen und werden Thränen und Sünden ernten. Als Beispiele nannte er Condillac, Voltaire, Rousseau und Ochorowicz Julius Ochorowicz. geb. 1850 in Warschau, war einer der hervorragendsten Repräsentanten der positivistischen Richtung; siedelte nach mehrjähriger Lehrthätigkeit in Lemberg nach Paris über. (Anm. d. Übers.), ohne zwischen diesen Männern einen Unterschied zu machen. Zuletzt legte er die Unannehmlichkeiten dar, denen die Verdammten jenseits unterliegen werden. Die Rzepowa schien von einem andern Geiste beseelt zu sein, denn wenn sie auch nicht verstand, was er sprach, dachte sie: »Er müßte doch etwas Gutes sagen, wenn er so laut spreche, daß er ganz in Schweiß gebadet sei, und die Leute so stöhnten, als ob sie schon den letzten Atemzug machten.« Die Predigt war zu Ende, und die Messe begann. Die arme Rzepowa betete, wie noch nie in ihrem Leben, und sie fühlte auch, daß ihr immer leichter und leichter ums Herz wurde. Nun kam der feierliche Augenblick. Blendend weiß wie eine Taube nahm der Dechant das allerheiligste Sakrament aus dem Cymborium, wendete sich der Gemeinde zu, die Monstranz, strahlend wie die Sonne, hart am Antlitz mit den zitternden Händen haltend; er stand so eine Weile mit geschlossenen Augen und geneigtem Haupte in tiefer Sammlung, bis er endlich intonierte:

»Aus das Antlitz fallen wir
Vor dem heil'gen Sakrament!«

worauf unzählige Stimmen im Chor antworteten. Die Kirche erschallte, daß die Scheiben klirrten, die Orgel ertönte, die Glocken läuteten; vor der Kirche donnerte die Trompete, aus der Räucherpfanne erhoben sich bläuliche Dämpfe, Strahlen, Stimmen, momentan erglänzte in der Höhe das allerheiligste Sakrament, das der Priester bald senkte, bald erhob. Alsdann erschien der weiße Greis mit der Monstranz wie eine Himmelserscheinung, deren halbverschleierte Strahlen Seligkeit und Gottvertrauen aushauchen, die sich in alle Herzen, in alle gottesfürchtigen Gemüter ergießen. Engelsfittiche wehten glückselige Ruhe der gequälten Seele der Rzepowa zu: »Jesus, der Du im allerheiligsten Sakramente verborgen bist, verlasse mich Arme nicht!« rief das unglückliche Weib. Aus ihren Augen flossen Thränen, aber nicht Thränen, wie sie solche vor dem Dorfscholzen geweint, sondern milde Thränen, große, süße, beruhigende. Sie fiel mit dem Gesicht zur Erde und wußte dann nicht, was mit ihr vorging. Es deuchte ihr, daß Engel sie wie ein leichtes Blatt von der Erde in den Himmel erhoben, in die ewige Glückseligkeit, wo es weder Schreiber, noch Dorfscholzen, noch Rekrutierungslisten gibt, nur eine strahlende Morgenröte und in derselben den Thron Gottes und um den Thron ein blendendes Licht und Scharen von Engeln mit weißen Fittichen.

Lange verharrte Rzepowa in dieser Stellung, und als sie sich emporrichtete, war die Messe beendet, die Kirche hatte sich geleert, an der Wölbung kräuselten sich die Weihrauchwolken. Die letzten Kirchgänger tauchten noch an der Thür die Finger ins Weihwasser, und der alte Kirchendiener löschte die Lichter. Die Rzepowa begab sich sodann in die Pfarrei und ließ den Vikar um eine Unterredung bitten. Er saß gerade bei Tische, trat aber gleich heraus, als man ihm sagte, daß ein verweintes Weib ihn zu sprechen wünsche. Es war ein noch junger Geistlicher mit einem blassen, aber heitern Antlitz, einer hohen weißen Stirn und einem freundlichen Lächeln um den Mund.

»Was wollt Ihr, meine Liebe?« fragte er mit leiser, aber wohlklingender Stimme.

Die Rzepowa verbeugte sich tief und begann ihm ihre Angelegenheit haarklein unter Thränen und Händeküssen zu erzählen, bis sie endlich, ihre dunklen Augen demütig auf ihn richtend, ausrief: »Ach! Ich komme, bei Euer Hochwürden Rat zu suchen, o gebt mir Rat, hochwürdiger Herr!«

»Ihr habt Euch nicht geirrt,« erwiderte sanft der geistliche Herr. »Für Euch habe ich nur einen Rat: Opfert all Euer Leid dem Allgütigen. Gott sucht seine Lieben heim, er schickt ihnen sogar schwere Heimsuchungen, wie dem Hiob, oder wie dem Asarias, der blind wurde. Aber Gott weiß, was er thut, er belohnt auch seine Lieben. Sehet das Unglück, das Euern Mann getroffen, als Strafe Gottes für seine Trunkenheit an und danket Gott, daß er ihn bei Lebzeiten straft und ihm nach dem Tode vielleicht seine Sünden nachsieht.«

Die Rzepowa schaute ihn mit ihren schwarzen Augen an, verneigte sich dann tief und ging ohne ein Wort zu reden fort. Erst auf dem Wege fühlte sie, daß sich ihr Herz zusammenzog, sie wollte weinen, konnte aber nicht.


Ungefähr in der fünften Nachmittagstunde glänzten auf der Hauptstraße zwischen den Dorfhütten in der Ferne ein blauer Sonnenschirm, ein gelbes Reisehütchen mit blauem Bande und ein mandelfarbiges, gleichfalls blau aufgeputztes Kleidchen. Es war Fräulein Jadwiga, die nach Tische promenierte, mit ihr ging Cousin Viktor. Fräulein Jadwiga war eben das schöne Mädchen, von der gesagt wurde: sie habe schwarze Haare, himmelblaue Augen, einen milchweißen Teint und nebenbei eine wunderschöne elegante Toilette, die ihren Zauber erhöhte und sie wie mit einem Strahlenkranze umgab. Es schien, als schwebte sie, so reizend schlank war ihre Taille. Eine Hand hielt den Schirm, die andere das Kleid, unter dem der gekerbte Saum eines weißen Unterröckchens und schöne kleine Füße, in ungarische Schnürstiefelchen gekleidet, zu sehen waren. Herr Viktor, der neben ihr herschritt, sah wie ein lebendes Bild aus, wenn er auch einen mächtigen, gekräuselten Haarschopf von heller Farbe und einen Milchbart hatte. Jugend, Gesundheit, Fröhlichkeit, Glück strahlten von diesem Paare aus. Beide zeigten jenes höhere, feiertägliche Leben, das seinen Flug nimmt, nicht nur in die Außenwelt, sondern auch in die Welt der Gedanken, der allumfassenden Sehnsucht, weit- und tiefgreifender Ideen, mitunter auch in die Welt der goldenen, strahlenden Träume. Unter den Hütten, bet den Dorfkindern, den Bauersleuten und der ganzen gewöhnlichen Umgebung sahen beide aus, als wären sie Wesen eines höheren Planeten. Der Gedanke mußte angenehm berühren, daß zwischen diesem stolzen, höher entwickelten poetischen Paare und der prosaischen, von der grauen Wirklichkeit gesättigten, halb tierischen Dorfexistenz kein geistiger Zusammenhang vorhanden sei. Sie gingen nebeneinander und plauderten von Poesie, von Literatur, wie es bei jungen Leuten dieses Standes üblich ist. Die Menschen dagegen in den groben Leinwandkitteln, die Bauern und ihre Frauen verstanden ja nicht einmal ihre Sprache.

In der Unterhaltung dieses stolzen Paares war nichts zu hören, was wir nicht schon hundertmal gehört hätten. Sie sprangen von einem Buche auf das andere, gerade wie der Schmetterling von Blume zu Blume flattert. Doch eine solche Unterhaltung erscheint nicht eitel und alltäglich, wenn sie von einander verwandten Seelen geführt wird. Aus diesem Gespräch klang die Einigkeit, die sich um die goldenen Blumen der eigenen Gefühle und Gedanken schlingt, es ist eine Rosenknospe, die ihr feuriges Innere entfaltet. Ein solches Gespräch erhebt sich wie der Zugvogel in die Lüfte, in die blauen Sphären, hängt sich an die Welt des Geistes und strebt in die Höhe wie das Pflänzchen an der Stange. In der Schenke aber trinkt das gewöhnliche Volk und schwatzt in gewöhnlichen Worten von gewöhnlichen Dingen; jenes Paar fährt auf einem Schiffe in einem Reiche voll Poesie, das, wie es im Liede von Gounod heißt, hat

»Masten von Elfenbein …
Rosenrote Seidenflagge,
Steuer von gedieg'nem Golde.«

Es muß noch hinzugefügt werden, daß Fräulein Jadwiga, um sich einzuüben, dem Vetter den Kopf verdrehte – und unter solchen Verhältnissen spricht man am liebsten von Poesie.

»Haben Sie, mein Fräulein, die letzte Ausgabe von El...y El...y, Pseudonym für Adam Asnyk, geb. 1838 in Kalisch, genoß Universitätsbildung in Warschau, Breslau und Heidelberg; trat zuerst im Jahre 1864 im Lemberger »Literarischen Tageblatt« mit kleinen formschönen Gedichten an die Öffentlichkeit. Er gehörte noch den Epigonen der Romantik an, hatte sich berauscht an dem Vers des Slowacki, war durchdrungen von Heine- und Mussetschem Pessimismus, doch war die neue Zeit an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. gelesen?« fragte der junge Mann.

»Ich muß Ihnen sagen, Herr Viktor,« erwidert Fräulein Jadwiga, »El...y ist meine schwache Seite. Wenn ich seine Werke lese, glaube ich Musik aus höheren Regionen zu hören und unwillkürlich wende ich auf mich den Vers Ujejskis Cornelius Ujejski, geb. 1823 auf dem Landgute Boremniany im galizischen Kreise Czortkow, war einer der berufensten Epigonen des Mickiewicz, er dankte die fruchtbringende Entfaltung der ihm verliehenen Himmelsgabe der Aufmunterung des Dichters Slowacki, mit welchem er 1847 in Paris in nahe Beziehungen trat. an:

»Auf dem Wolkensaume
Ruhend in den Höhen,
Stört mich in dem Traume
Keines Hauches Wehen.
Meeresgleich umgeben
Mich der Veilchen Düfte;
Herrlich, so zu schweben
Faltend Hand in Hand.«

»Ach!« unterbrach sie sich plötzlich, »wenn ich ihn kennen sollte, ich würde mich gewiß in ihn verlieben. Wir würden sicherlich einander verstehen.«

»Zum Glück ist er verheiratet!« erwiderte Herr Viktor trocken.

»Warum sagen Sie zum Glück?«

»Zum Glück für alle die, für welche dann das Leben gar keinen Reiz mehr haben würde.«

Dies sprach Herr Viktor in recht ausdrucksvollen Worten …

»O, Sie schmeicheln.«

»Sie sind ein Engel,« erwiderte Herr Viktor, indem er zur Lyrik überging.

»Nun … meinetwegen … sprechen wir von etwas anderem. Sie lieben El...y also nicht?«

»Seid einem Augenblick hasse ich ihn.«

»Sie zeigen heute Ihre garstigen Grillen. Ich bitte, daß Sie Ihre Stirn entwölken und mir Ihren Lieblingspoeten nennen.«

»Sowinski,« Sowinski Leonhard, geb. 1831, gest. 1887, war ein anderer Epigone der Romantik, dessen leidenschaftliche Art, ungleich machtvoller als die eines Syrokomla oder Lenartowicz, nur durch das Gesuchte und Gequälte der Stoffe, sowie durch die schwerfällige Form an der Entfaltung großer Wirkung gehindert wurde. – Auch als Literarhistoriker hat er sich große Verdienste erworben. Anm. d. Übers. brummte Herr Viktor.

»Und ich fürchte ihn geradezu.«

»Ironie, Blut, Brand … wilde Ausbrüche! Das alles jagt mir noch keinen Schrecken ein.«

Bei diesen Worten blickte Herr Viktor so kriegerisch in die Welt hinein, daß ein aus der Hütte hervorstürzender Hund mit eingezogenem Schweife sich erschreckt zurückzog. Indessen gelangten sie zu einem Häuschen, aus dessen Fenster ihnen ein Bocksbärtchen, eine aufgestülpte Nase und eine hellgrüne Krawatte entgegenflimmerte.

Diese Erscheinung hielt sie aber nicht im geringsten auf, und sie blieben erst vor einem andern schönen Häuschen stehen, an dem sich wilde Weinreben hinaufzogen und dessen hintere Fenster die Aussicht auf einen Teich hatten.

»Bewundern Sie dies schöne Häuschen, hier ist der einzige poetische Ort in Widderkopf.«

»Was ist das für ein Haus?«

»Es ist einstmal eine Art Fröbelsche Schule gewesen. Die Dorfkinder lernten lesen und spielten hier, wenn die Eltern Feldarbeiten verrichten mußten. Papa ließ zu diesem Zweck das Haus bauen.«

»Und was ist es jetzt?«

»Eine Branntweinniederlage.«

Den Ideengang verfolgten sie nicht weiter, denn sie kamen gerade an eine Pfütze, in der einige Schweine – wegen ihrer Unstätigkeit mit Recht so genannt – behaglich lagerten. Um nicht an dieser Pfütze vorbei zu gehen, mußten sie an der Hütte der Rzepowa vorbei. Am Eingang saß die Rzepowa auf einem Hanfbündel, die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Antlitz auf die Hand gelehnt. Das Gesicht sah bleich und wie versteinert aus, die Augen waren rot, der Blick von Thränen verschleiert und unbewußt in die Weite gerichtet. Nicht einmal die Herannahenden hörte sie, aber das Fräulein bemerkte sie gleich und sprach: »Guten Abend, Rzepowa!«

Endlich erhob sie sich, trat näher und verneigte sich tief vor Fräulein Jadwiga und Herrn Viktor, wobei ihr leise die Thränen flossen.

»Was habt Ihr?« fragte das Fräulein.

»O! Mein goldenes Blümchen, meine lichte Morgenröte. Tröstet mich, bittet für mich!«

Nun berichtete die Rzepowa die Angelegenheit und küßte immerwährend die Hände des Fräuleins, eigentlich die Handschuhe, die sie mit ihren Thränen befleckte. Fräulein Jadwiga wurde ganz verwirrt, auf ihrem schönen Antlitz konnte man gut ihre Verlegenheit sehen, sie wußte nicht, was sie zu thun habe, und sagte endlich nach einigem Zaudern: »Was könnte ich Euch raten, meine Liebe! Ihr thut mir von Herzen leid. Wahrhaftig … ich weiß Euch keinen Rat zu geben. Geht doch zum Papa … vielleicht wird Papa … Lebt wohl, meine Gute.«

Fräulein Jadwiga hob dabei das mandelfarbene Kleidchen noch etwas höher, so daß über den Stiefelchen die weißen, blaugestreiften Strümpfe blinkten, worauf sie mit Vetter Viktor ihren Weg fortsetzte.

»Gott segne Dich, Du schönstes Blümchen!« rief ihr Rzepowa nach.

Fräulein Jadwiga war indessen betrübt geworden, und Herr Viktor schien sogar eine Thräne in ihrem Auge zu bemerken. Er begann daher, um den Gram zu verscheuchen, von Kraszewski und anderen kleinern Fischen des Literaturmeeres zu reden, so daß sie in der Unterhaltung, die nach und nach lebhafter wurde, »der unliebsamen Sache« vergaßen.

»In den Hof?« sagte sich indessen die Rzepowa. »Dorthin hätte ich zu allererst gehen sollen. O! ich dummes Weib!«


Im herrschaftlichen Hause war der Balkon von Reben umrankt, von hier aus konnte man den Hofraum und auf die mit Pappeln bepflanzte Straße sehen. Die Herrschaft nahm auf diesem Balkon den Kaffee nach Tisch ein. Auch jetzt saßen sie da und mit ihnen der Domherr Ulanowski, der Vikar Czyzyk und der Brennereirevisor Stolbicki. Der Grundherr, Herr Skorabiewski, sehr wohlbeleibt und ziemlich rot im Gesicht, das einen großen Schnurrbart aufwies, saß auf einem Sessel und rauchte eine Pfeife. Die Hausfrau schenkte den Kaffee ein, und der Revisor, der ein Skeptiker war, spottete ein wenig über den alten Domherrn.

»Nun, Herr Kanonikus, erzählen Sie uns doch etwas von der ruhmvollen Schlacht,« sagte der Revisor.

»He?« fragte der Kanonikus, die Hand ans Ohr legend.

»Von der Schlacht!« wiederholte der Revisor lauter.

»Ach, von der Schlacht?« fragte der Kanonikus und begann, wie über etwas sinnend, zu flüstern und nach oben zu schauen, als ob er sich zu erinnern bemühte. Der Revisor unterdrückte das Lachen, alle harrten der Erzählung, die sie schon hundertmal gehört hatten, weil der Greis immer auf sie zurückkam.

»Was?« begann der Kanonikus, »damals war ich noch Vikar, Gladyß war Pfarrer … So ist's. Er hat die ganze Sakristei umbauen lassen … Eine stete Zierde … Ich sage also gleich nach der Messe: ›Herr Pfarrer?‹ Er fragt: ›Was?‹ – ›Ich meine,‹ sage ich, ›es wird etwas daraus.‹ Da sagte er: ›Ich meine auch, es kommt zu etwas.‹ Wir sehen: Hinter der Windmühle kommen Berittene. Es marschiert Infanterie, weiter kommt eine Abteilung mit Kanonen. Da dachte ich mir gleich: was kommt von der andern Seite? Sind's Schafe? Nein, es sind keine Schafe, es ist Kavallerie. Sobald sie sich gegenseitig erblicken, rufen sie halt! Ebenso die andern: halt! Aus dem Walde kommt jetzt erst Reiterei, die nach rechts, die nach links, die andern ihnen nach. Jetzt merken sie erst: es steht schlecht, man kommt ihnen auf den Hals. Sie fangen an zu schießen, und auch hinter dem Berge blitzt es. ›Sehen der Herr Pfarrer?‹ frage ich, und der Pfarrer antwortet: ›Gewiß sehe ich, dort schießen sie schon mit Kanonen, mit Karabinern!‹ Die einen jagen dem Flusse zu, die andern wollen sie abschneiden, sie kommen ins Handgemenge! Bald sind die, bald jene obenan. Getöse, Rauch und Flammen! Dann greifen sie zu den Bajonetten! Da deuchte es mir, daß die einen geschwächt sind. ›Herr Pfarrer,‹ sage ich, ›die andern haben gewonnen?‹ Er spricht: ›Ich meine auch, sie haben gewonnen.‹ Ich hatte kaum ausgesprochen, als die einen lang machten! Die andern ihnen nach; jetzt beginnt das Ertränken, Erschlagen, Gefangennehmen, und ich denke, es ist zu Ende … aber nicht doch! Ich sage aber, daß …«

Hier schwenkte der Greis den Arm und indem er sich im Sessel festsetzte, verfiel er in ein Träumen, nur der Kopf wiegte sich heftiger als sonst und die Augen traten noch mehr hervor. Der Revisor vergoß Thränen vor Lachen.

»Euer Hochwürden,« fragte er ihn, »wer schlug sich denn eigentlich, wo und wann?«

»Wie?«

»Ich platze vor Lachen!« sagte der Revisor.

»Eine Cigarre gefällig?«

»Noch ein Täßchen?«

»Danke! Ich halte es vor Lachen nicht aus.«

Aus Artigkeit für den Revisor lachten die Herrschaften mit, obgleich sie diese Kriegsgeschichte, wie gesagt, jeden Sonntag hören mußten. Es herrschte allgemeine Heiterkeit, die plötzlich von einer leisen, ängstlichen Stimme außerhalb des Balkons unterbrochen ward.

»Gelobt sei der Herr!«

Herr Skorabiewski erhob sich sofort, trat hervor und fragte: »Wer da?«

»Ich bin's, die Rzepowa.«

»Weswegen?«

Die Rzepowa verbeugte sich so tief, als es ihr mit dem Kinde auf dem Arme möglich war.

»Um Hilfe, gnädigster Herr, um gütigen Rat.«

»Meine Liebe, so laßt mich doch wenigstens am Sonntag in Ruhe!« unterbrach sie der Grundbesitzer mit einer Miene, als ob er an Wochentagen für sie immer zu sprechen wäre. »Ihr seht doch, daß ich Besuche habe. Ich kann sie doch Euretwegen nicht allein lassen.«

»Ich werde warten …«

»Nun, so wartet, ich kann mich doch nicht losreißen …«

Somit ging der kräftige Grundbesitzer wieder zurück, während die Rzepowa bis ans Gartengitter flüchtete und dort betrübt stehen blieb. Gar lange mußte sie aber warten. Die Gäste unterhielten sich gemütlich und auch sie mußte sogar lachen, das ihr gar eigentümlich das Herz berührte, denn die Ärmste war wohl weniger zum Lachen aufgelegt. Später kehrten auch Herr Viktor mit Fräulein Jadwiga heim und dann begaben sich die Herrschaften in die Gemächer. Langsam neigte sich die Sonne zum Untergange. Auf den Balkon trat der kleine Lakai Jasiek und begann den Tisch für den Thee zu decken. Er wechselte das Tischtuch, stellte die Tassen auf und ließ klirrend die Löffel in die Tassen fallen. Die Rzepowa wartete immer noch. Es ging ihr durch den Kopf, ob sie in die Hütte zurückkehren und später wiederkommen solle, doch fürchtete sie dann zu spät zu kommen. Sie ließ sich am Zaune ins Gras, nieder und gab dem Kinde die Brust. Das Kind saugte und schlief ein, da es etwas leidend war. Auch die Rzepowa fühlte, wie bald Frost, bald Hitze sie vom Scheitel bis zur Zehe durchschauerte, dem allen schenkte sie keine Achtung, sondern harrte geduldig weiter. Es dunkelte schon und der Mond zeigte sich am Himmel. Zum Thee war bereits gedeckt. Auf dem Theetische brannte eine Lampe, doch die Herrschaften kamen nicht, denn das Fräulein spielte Klavier. Die Rzepowa betete ein Vaterunser und Ave Maria auf dem Rasen und überlegte dann, wie sie Herr Skorabiewski retten werde. Ihr war die Art und Weise nicht recht klar, aber begreiflich war ihr, daß der Grundherr mit dem Kommissar und dem Vorsteher bekannt sind. Nur ein Wort brauchte er reden, wie das alles gekommen und mit Gottes Hilfe wird sich's dann zum Guten wenden. Dabei dachte sie: wenn sich auch Zolzikiewicz oder der Dorfschulze auflehnen, wird der gnädige Herr schon wissen, wo man sein Recht suchen kann. »Der gnädige Herr wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »er war ja immer ein guter und barmherziger Herr.« Sie hatte auch recht, Herr von Skorabiewski war menschenfreundlich. Ihr fiel auch ein, daß er für Rzepa immer gnädig gewesen, daß ihre nunmehr verstorbene Mutter bei Fräulein Jadwiga Amme gewesen; das alles brachte ihr Trost und Vertrauen. Es fiel ihr weiter nicht auf, daß sie schon zwei volle Stunden wartete. Inzwischen war die Herrschaft auf den Balkon zurückgekehrt. Durch die Weinranken konnte die Rzepowa sehen, wie das Fräulein aus einer silbernen Kanne Thee einschenkte, oder wie die selige Mutter der Rzepowa zu sagen pflegte, »ein so wohlriechendes Wasser, daß davon im ganzen Munde alles aufquillt«. Dann tranken alle, unterhielten sich und lachten. Der Rzepowa kam es erst jetzt in den Sinn, daß der Herrenstand Schöneres biete als der Bauernstand, und die Thränen, sie wußte selbst nicht warum, begannen jetzt herabzurollen. Aber die Thränen hörten bald auf zu fließen und ein anderer Eindruck trat an ihre Stelle. Der kleine Diener trug gerade eine rauchende Schüssel auf und jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie Hunger habe, da sie am Morgen nur etwas Milch getrunken.

»O, wenn sie mir nur ein Knöchelchen zu benagen gäben!« dachte die Rzepowa, und sie wußte, daß man ihr bestimmt mehr als das geben würde, doch darum zu bitten wagte sie nicht, um nicht lästig zu werden, noch dazu vor Gästen, was den Herrn erzürnen könnte.

Das Souper war endlich beendet, der Revisor fuhr gleich weg, und eine halbe Stunde später saßen auch schon beide Geistliche auf dem herrschaftlichen Wagen. Die Rzepowa merkte, wie der Herr dem Kanonikus auf den Wagen half; sie dachte, daß nun endlich die richtige Zeit da sei und näherte sich dem Balkon. Der Wagen rollte davon, der Grundbesitzer rief noch dem Kutscher nach: »Wirf mir nur auf dem Damm um, dann werde ich Dich schon auszahlen!« Dann schaute er gen Himmel, um zu sehen, wie das morgige Wetter werden wird, und erblickte in der Dunkelheit etwas Weißes.

»Wer kommt?« fragte er.

»Ich, die Rzepowa.«

»Ah, Ihr seid's! Sagt schnell, was Ihr wollt, denn es ist schon spät.«

Wiederholt erzählte nun Rzepowa die traurige Begebenheit. Der Gutsherr horchte, die ganze Zeit über die Pfeife rauchend, und sagte dann: »Meine Gute, gern möchte ich Euch helfen, wenn ich es vermöchte, ich habe mir aber das Wort darauf gegeben, mich in Gemeindeangelegenheiten nicht einzumengen.«

»Das weiß ich – gnädigster Herr,« sagte die Rzepowa mit zitternder Stimme, »aber ich habe gedacht, der gnädigste Herr werden sich meiner annehmen …« Sie konnte nicht weiter reden.

»Das ist alles sehr schön,« sagte Herr von Skorabiewski, »aber was kann ich da thun? Euretwegen kann ich mein gegebenes Wort nicht brechen und ebensowenig Euretwegen zum Vorsteher fahren. Er sagt ohnedies schon, daß ich ihn immerwährend mit verschiedenen Angelegenheiten belästige … Ihr habt Eure Gemeinde, und wenn Euch die Gemeinde keinen Rat schafft, müßt Ihr Euch zum Bezirksvorsteher begeben. Meine Gute, nun geht mit Gott!«

»Gott vergelt's!« entgegnete dumpf das Weib, sich tief vor dem Grundbesitzer verbeugend.


Rzepa ging, als er den Schweinestall verließ, nicht in seine Hütte, sondern geradenwegs in die Schenke. Der Bauer trinkt wie bekannt aus Gram. Von der Schenke ging er, von demselben Gedanken geleitet wie seine Frau, zum Grundherrn und zeigte sich wie ein ganz gewöhnlicher Mensch, der noch dazu aus der Schnapsschenke kommt. Ein betrunkener Mensch weiß nicht, was er spricht, so war es auch mit Rzepa. Er wurde zudringlich, und als er ebenso wie seine Frau erfuhr, daß der Grundherr auf keinen Fall einschreite, konnte er das infolge der den gewöhnlichen Leuten angeborenen geistigen Beschränktheit nicht begreifen. Er erlaubte sich sogar, infolge der den gewöhnlichen Leuten eigenen Ungeschliffenheit, zu widersprechen, und wurde zur Thür hinausgeworfen. Als er wieder in sein Haus kam, sagte er seiner Frau, ohne daß sie ihn etwas gefragt: »Ich war bei der Herrschaft.«

»Hast Du etwas ausgerichtet?«

»Ausräuchern müßte man die Hunde!« rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Sei nur ruhig. Du Wüterich. Was hat Dir der Herr gesagt?«

»Ich soll zum Scholzen gehen. Daß ihn …«

»Man müßte nach Eselsfeld gehen.«

»Ich fahre hin,« sagte er, »und will dem dort zeigen, daß es ohne ihn auch weitergeht.«

»Du darfst nicht dorthin, ich werde fahren, mein Lieber. Du trinkst dann zu viel und trittst dann grob auf, so daß Du es damit noch verschlimmerst.«

Rzepa war anfangs damit nicht einverstanden, aber an demselben Nachmittag ging er in die Schenke, um den innern Wurm zu ertränken; dasselbe that er tags darauf wieder. Nun fragte die arme Frau nach nichts mehr, überließ alles dem Willen Gottes und begab sich am Mittwoch mit dem Kinde auf dem Arm nach Eselsfeld. Rzepowa mußte also den Weg zu Fuß machen, brach daher schon frühzeitig auf, denn es waren drei starke Meilen, und das Pferd war bei der Wirtschaft unentbehrlich. Sie glaubte, vielleicht guten Menschen zu begegnen, die ihr erlaubten, auf dem Wagenrande Platz zu nehmen, sie traf aber niemand. Um neun Uhr vormittags setzte sie sich, um auszuruhen, an einem Waldessaume nieder, aß ein Stück Brot und ein paar Eier, die sie im Strohkober mit sich genommen hatte, und begab sich wieder auf den Weg. Die Sonne fing an zu brennen, da begegnete sie dem Milchpächter von Thürkette, der auf einem Leiterwagen Gänse in die Stadt zum Verkaufe führte, und sie bat ihn, sie doch mitzunehmen.

»Mit Gott, meine Rzepowa,« erwiderte Herschko, »aber da ist so viel Kram, daß das Pferd mich allein kaum ziehen kann. Gebt einen polnischen Gulden und steigt auf.«

Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie nur ein einziges Sechsgroschenstück ins Tüchel eingebunden hatte. Gleich wollte sie dies dem Juden geben, aber er erwiderte: »Sechs Groschen? Die klaubt man nicht von der Straße auf, behaltet sie und lauft zu Fuß!«

Er trieb das Pferd an und fuhr weiter. Immer schärfer brannte die Sonne, und Rzepowa war von Schweiß gebadet. Sie ging immer schneller und hatte in einer Stunde Eselsfeld erreicht. Wer genügend geographische Kenntnisse besitzt, der weiß es wohl, daß, wenn man von Widderkopf kommend in Eselsfeld einfährt, man an der jetzigen reformierten Kirche vorbeikommt, in der sich einstens ein kostbares Muttergottesbild befunden haben soll. Bis zur Stunde sitzen dort immer noch an jedem Sonntage eine Menge Bettler, die, Kirchenlieder singend, um eine Gabe bitten. Jetzt, an einem Wochentage, saß da nur ein einziger Bettler, der unter den Lumpen einen nackten, verkrüppelten Fuß ohne Zehen hervorstreckte und den Deckel einer Schuhwichsbüchse in die Höhe haltend, sang:

»O Göttliche, Himmlische,
O Heilige, Selige!«

Merkte er, daß jemand vorüberging, stellte er das Singen ein, streckte den Fuß mehr aus und schrie, als ob man ihn schinde: »Ihr lieben Menschen! Ein armer Krüppel bittet um eine milde Gabe! Gott wird Euch alles vergelten.«

Bei seinem Anblick knüpfte Rzepowa den Knoten am Tüchlein auf, näherte sich ihm mit dem Sechsgroschenstück und sagte: »Könnt Ihr mir fünf Groschen herausgeben?«

Sie wollte ihm nur einen Groschen schenken, aber der Bettler rief, als er das Sechsgroschenstück in der Hand fühlte, aus: »Euch thut es leid, dem Herr Gott sechs Groschen zu opfern, dann wird auch der Herr Gott Euch seine Hilfe versagen. Geht hin, sonst geht's Euch noch schlecht!«

Da sagte sich Rzepowa resigniert: »Möge es so sein zum Lobe des Herrn,« und setzte ihren Weg fort. Erst als sie auf den Ringplatz kam, erschrak sie sehr. Es war nicht schwer, nach Eselsfeld zu gelangen, aber auch nicht schwer, sich dort zu verirren. In einer Stadt ist man nicht so leicht bekannt. Im unbekannten Dorfe muß man sich schon erkundigen, wo der und jener wohnt, wie nun erst in Eselsfeld? »Ich werde mich da nicht zurechtfinden wie im Walde,« dachte die Rzepowa. Es war da kein anderer Rat, als bei den Leuten sich zu erkundigen. Die Wohnung des Kommissars hatte sie schnell gefunden, aber in seiner Wohnung erfuhr sie, daß er zum Gouverneur gefahren sei. Vom Vorsteher sagte man ihr, sie müsse ihn im Bezirksamte suchen. Bah! wo ist das Bezirksamt? O, Du kreuzdummes Weib, wo ist denn sonst das Bezirksamt, als in Eselsfeld. Sie suchte also und fand das Bezirksamt. Ein sehr großer Palast, vor dem eine Menge Fuhren und Wagen und Buden jüdischer Händler waren. Die Rzepowa war der Meinung, es sei hier Ablaß. »Wo ist denn hier das Bezirksamt?« fragte jetzt die Rzepowa einen Herrn im Frack, sich bis zum Boden verbeugend. »Du stehst davor, Weib,« hieß es. Entschlossen trat sie nun in den Palast. Sie blickte wieder um sich: Da sind eine Anzahl Korridore, Thüren rechts, Thüren links, immerfort und auf jeder Thüre irgend welche Buchstaben. Sie machte das Kreuzzeichen und öffnete schüchtern die erste Thüre. Sie befand sich in einem großen Saale mit einem Gitter wie in einer Kirche; hinter dem Gitter saß ein Herr in einem Frack mit vergoldeten Knöpfen und einer Feder hinter dem Ohr, und vor dem Gitter standen eine Anzahl Herren von verschiedenem Wert. Die Herren zahlten und zahlten, der im Fracke rauchte Cigaretten und schrieb Quittungen, die er den Herren übergab. Wer im Besitz einer solchen war, verließ den Saal. Jetzt erst fiel der Rzepowa ein, daß man hier erst bezahlen müsse, und bedauerte, ihr Sechsgroschenstück weggegeben zu haben. Sie trat daher mit großer Angst zum Gitter. Aber niemand beachtete sie. Die Rzepowa steht und steht, es vergeht beinahe eine Stunde; man kommt und geht, die Uhr hinter dem Gitter schlägt, sie steht noch immer. Endlich hatte sich alles verzogen, der Beamte setzte sich an den Tisch und schrieb. Jetzt rief die Rzepowa: »Gelobt sei der Herr!«

»Was gibt's?«

»Gnädigster Herr Vorsteher!«

»Hier ist die Kasse.«

»Gütigster Herr Vorsteher …!«

»Hier ist die Kasse, sage ich nochmals!«

»Und der Herr Vorsteher?«

»Dort!« zeigte der Beamte mit der Feder aus die Thüre.

Wieder trat die Rzepowa auf den Korridor. Dort? Bah? Wo aber? Thüren ohne Zahl, aber in welche eintreten? Endlich bemerkt sie unter den Leuten, die von allen Orten herbeiströmen, einen Bauer mit einer Peitsche in der Hand und wendet sich gleich an diesen.

»Väterchen?«

»Was wollt Ihr?«

»Wo seid Ihr her?«

»Von Schweinsherd, was noch?«

»Wo ist der Vorsteher?«

»Weiß ich's?«

Darauf befragte sie einen Herrn mit Goldknöpfen, aber nicht im Frack und mit Löchern im Ellbogen; der hörte gar nicht auf sie und antwortete nur: »Ich habe keine Zeit.«

Nun versuchte sie's noch einmal der der ersten besten Thüre, die Ärmste hatte doch keine Ahnung, daß diese Thür mit der Aufschrift versehen war: Personen, die nicht zu den Verwaltungsbeamten gehören, ist der Eintritt verboten.« Freilich gehörte sie nicht zu den Beamten, bemerkte aber auch die Aufschrift nicht. Sie öffnete daher die Thüre und blickte sich um: Ein leeres Zimmer, eine Bank am Fenster, auf dieser sitzt jemand und schläft. Eine zweite Thür führt in ein Zimmer, wo Herren m Fracks und Uniformen ein und aus gehen. Die Rzepowa nahte sich dem auf der Bank Schlafenden, sie hatte keine Angst vor ihm, denn er sah sehr einfach aus, hatte sogar zerrissene Stiefel an. Sie berührte ihn an der Schulter. Er wachte auf, raffte sich zusammen, schaute sie an und rief: »Eintritt verboten!«

Eiligst machte sich das Weib davon und schlug krachend die Thüre hinter sich zu.

Zum drittenmal befand sie sich auf dem Korridor. Nun nahm sie ihren Platz an einer Thüre und beschloß hier mit Geduld bis schließlich ans Ende der Welt auszuharren. »Jemand muß mich doch fragen was ich hier will!« dachte sie. Sie weinte nicht, sie rieb sich nur die Augen, denn sie juckten, und sie fühlte, daß der ganze Korridor mit allen Thüren sich mit ihr im Kreise drehe. Die Leute gingen nach rechts und nach links, die Thüren knarrten, es war ein Radau wie auf einem Jahrmarkt. Nun erbarmte sich Gott ihrer. Aus der Thür, an welcher sie saß, trat ein stattlicher Szlachciz, den sie mitunter in der Pfarrkirche gesehen; im Vorbeigehen fragte er sie: »Warum sitzt Ihr hier? Was qibt's?«

»Zum Vorsteher …«

»Hier ist der Kämmerer und nicht der Vorsteher.« Mit dem Finger zeigte er auf eine Thüre tief im Korridor. »Dort, wo die grüne Tafel hängt, seht Ihr? Geht aber nicht hinein, er ist beschäftigt, versteht Ihr? Wartet hier, er muß da vorbeikommen.«

Der Szlachciz ging weiter, und die Rzepowa blickte ihm wie ihrem Schutzengel nach. Lange genug mußte sie noch warten, bis sich die Thür mit der grünen Tafel knarrend öffnete; es trat ein schon etwas älterer Militär heraus und durchschritt eilig den Korridor. Man konnte die Wahrnehmung machen, daß der Herr der Vorsteher sein könne. Von allen Seiten bestürmten sie ihn, und Rzepowa konnte die Worte hören: »Hochgeehrter Herr Vorsteher!« – »Nur ein Wort, Herr Vorsteher!« – »Gütiger Herr Vorsteher!« Dem allen schenkte er kein Gehör, sondern er schritt weiter. Der Rzepowa wurde es bei seinem Anblicke schwarz vor Augen. »Gottes Wille geschehe!« ging ihr durch den Kopf; sie drang in die Mitte des Korridors ein und hinderte mit gefalteten Händen den Vorsteher am Weitergehen. Er schaute in die Höhe und blieb stehen: die ganze Prozession umringte sie.

»Was ist los?« fragte der Vorsteher.

»Allergnädigster Vorsteher …« Sie brach ab, denn sie war so erschrocken, daß ihre Stimme versagte: die Zunge war ihr erstarrt.

»Nun, was denn?«

»O! o! … zum Rekruten …«

»Nun? Will man Euch unter die Soldaten stecken? Ah?« fragte der Vorsteher.

Die Parteien im Chor lachten, um die gute Laune des Vorstehers zu erhalten, er wendete sich sogleich an seine Höflinge:

»Ich bitte! Bitte um Ruhe!«

Voller Ungeduld wendete er sich an Rzepowa: »Schneller! Was gibt's? Ich habe wenig Zeit.«

Bei dem Lachen der Herren war die Ärmste ganz kopflos geworden, sie begann ohne Zusammenhang zu stammeln: »Burak! Rzepa! Rzepa! Burak! o!«

»Sie muß wohl nicht von Sinnen sein!« bemerkte einer aus der Umgebung.

»Die Zunge hat sie zu Hause gelassen,« setzte ein anderer hinzu.

»Was wollt Ihr also?« wiederholte noch ungeduldiger der Vorsteher. »Seid Ihr betrunken, wie?«

»O Jesus! Maria!« schrie die Rzepowa aus, fühlend, daß der letzte Rettungsanker verloren sei. »Allerhöchster Vorsteher …«

Er war tatsächlich sehr in Anspruch genommen, denn die Aufstellung der Rekrutierungsliste hatte schon begonnen, und es gab gar viele Interessen im Bezirke, aus dem Weibe war eben nichts herauszubringen, er zuckte nur die Achseln und rief aus: »Ach, der Branntwein! der Branntwein! Und das Weib ist jung und schön!« Darauf wendete er sich an die Rzepowa mit einer Stimme, vor der sie sich hätte verkriechen mögen: »Wenn Du nüchtern geworden bist, magst Du Deine Sache Deiner Gemeindebehörde vorlegen, und diese soll sie mir zusenden!« Eiligen Schrittes entfernte er sich, und die Parteien liefen hinter ihm her: »Gnädiger Herr Vorsteher!« – »Hochgeehrter Herr Vorsteher!« – »Nur ein Wörtchen, Herr Vorsteher …!«

Der Korridor war leer geworden, und außer dem Gewimmere von Rzepowas Kind hörte man nichts. Die Rzepowa selbst erwachte wie aus einem schlafe, richtete sich auf, hob das Kind in die Höhe und schläferte es wieder ein.

»Ah! ah! ah!«

Dann verließ sie das Bezirksamt, draußen war der Himmel umwölkt, die Luft war schwül, und es wetterleuchtete am Horizont. Wie es um das Gemüt der Rzepowa beschaffen war, als sie auf dem Nachhausewege an der reformierten Kirche vorbeikam, will ich hier nicht beschreiben. Ach! wenn Fräulein Jadwiga sich in einer ähnlichen Lage befände, sie würde gewiß einen Sensationsroman schreiben, in dem sie die verbissensten Positivisten zur Überzeugung zu bringen versuchte, daß es noch ideale Menschen auf Erden gäbe. Aber in Fräulein Jadwiga würde jeder Eindruck zum Bewußtsein gelangen; die verzweiflungsvollen Seelensituationen hätten in nicht weniger verzweifelten und darum dramatischen Ideen und Worten ihren Ausdruck gefunden. Die Rzepowa fühlte sich sehr, unglücklich, ihr war zu Mute wie etwa einem Vogel, der sich in der Hand eines Kindes befindet. Sie schritt finster vor sich blickend dahin. Der Wind jagte sie, der Schweiß tropfte ihr von der Stirn, das war alles. Zuweilen nur, wenn das kränkliche Kind die Lippen öffnete und schwer atmete, als ob es bald sterben sollte, rief sie ihm zu: »Jasku! mein geliebtes Kindchen!« und drückte einen Kuß auf die heiße Stirn des Kindes. Die Stadt lag bereits hinter ihr und sie befand sich weit im Feld; plötzlich blieb sie stehen, denn sie sah auf dem Wege einen betrunkenen Bauer daherkommen. Die Wolken am Himmel zogen sich immer mehr zusammen, alles deutete auf Sturm. Hin und wieder blitzte es. Aber dem Bauer war es gleich, er kümmerte sich darum nicht, die Rockschöße hatte er dem Winde preisgegeben, die Mütze schief aufs Ohr gesetzt, und nun sang er, sich bald links, bald rechts wiegend:

»Auf die Wiese Ging die Liese
Rüben graben
Und auch schaben,
Mit dem Stock bekam sie auf den Rücken
Und mußte sich dazu noch bücken,
U je,
Das that weh!«

Als er die Rzepowa erblickte, blieb er stehen, öffnete die Arme und schrie:

»So komm, mein Schätzchen,
Gib mir ein Schmätzchen.«

Er wollte sie umfassen, die Rzepowa erschrak und sprang seitwärts; der Bauer lief ihr nach, da er aber betrunken war, machte er einen Purzelbaum. Er erhob sich bald wieder, verfolgte sie aber nicht mehr, sondern warf einen Stein nach ihr, so daß die Luft pfiff. Die Rzepowa fühlte sich am Kopfe verletzt, vor den Augen wurde es ihr finster und sie fiel auf die Knie. Sie dachte nur ans Kind und setzte die Flucht fort. Bei einem Kreuze machte sie Halt, schaute sich um und bemerkte, daß der Bauer weit hinter ihr taumelnd der Stadt zuging. In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl einer eigentümlichen Wärme am Halse, sie fühlte mit der Hand und sah bei Betrachtung ihrer Finger Blut an denselben. Es wurde ihr dunkel vor den Augen und sie verlor das Bewußtsein. Nach einer Weile erholte sie sich wieder. Da kam zufällig ein Kabriolett gefahren und in demselben saß ein junger Herr mit der herrschaftlichen Gouvernante. Dem jungen Herrn kam die Rzepowa fremd vor, sie aber kannte ihn von der Kirche her. Sie beabsichtigte aufs Kabriolett zuzugehen und um Gottes Barmherzigkeit willen zu bitten, wenigstens das Kind zum Schutze vor dem Sturm mit sich zu nehmen; sie erhob sich auch etwas, konnte aber keinen Schritt machen. Der junge Herr kam indessen herangefahren und da er ein unbekanntes Weib am Kreuz lehnend sah, rief er ihr zu: »He, Frau! Nimm Platz.«

»Möge es Euch Gott …«

»Auf der Erde, auf der Erde!«

In der ganzen Gegend war der junge Herr als Spaßvogel bekannt, wenn er irgend konnte, spielte er gern jedem einen Possen. Also auch mit der Rzepowa hatte er seinen Scherz getrieben und war lachend weitergefahren. Die Arme hörte noch das Lachen des jungen Herrn und der Gouvernante in ihren Ohren, sie merkte auch, wie sie sich küßten, und das Kabriolett verschwand in der Dunkelheit. Wieder war die Rzepowa allein. Man sagt nicht umsonst: »Weiber und Kröten lassen sich selbst mit der Axt nicht erschlagen.« Ungefähr nach einer Stunde, schleppte sie sich weiter, wenn auch unter ihr die Füße zitterten.

»Was hat dieses unschuldige Kind gethan, o Du mein Gott!« wiederholte sie immer wieder und drückte das kranke Kind an ihre Brust.

Bald wurde sie von einem Fieberanfall ergriffen und begann wie im Rausche zu murmeln: »Die Wiege in der Hütte ist leer und mein Schatz zog mit dem Karabiner in den Krieg.«

Der Wind riß ihr das Tuch vom Kopfe, ihr herrliches Haar fiel aufgelöst auf die Schultern und wurde vom Winde hin und her getrieben. Plötzlich blitzte es, der Donner krachte in ihrer Nähe, so daß sie den Schwefel atmete und sich setzen mußte. Dadurch kam sie wieder zum Bewußtsein; sie schrie auf: »Das Wort wurde zum Leibe!« Ihren Blick gen Himmel gerichtet begann sie mit zitternder Stimme zu fingen: »Unter Deinem Schutz, o Herr!« Ein Unheil verkündender, kupferfarbiger Widerschein fiel aus den Wolken auf die Erde. Jetzt schritt Rzepowa durch einen Wald, wo es noch finsterer und unheimlicher war. Die Bäume rauschten und es brauste, als ob die Fichten einander zuflüsterten: »O Gott, wie wird's werden.« Dann wurde es still, bis abermals eine Stimme aus der Tiefe des Waldes hörbar wurde. Der Rzepowa schauerte es durch den ganzen Körper, sie glaubte höhnisches Lachen vom Weiher her zu vernehmen. »Wäre doch bald der Wald zu Ende!« dachte sie, »jenseits des Waldes liegt die Mühle und Hütte des Müllers.« Ihre letzten Kräfte bot sie auf und rannte so schnell sie die Füße tragen konnten. Indessen fiel ein Regen mit Hagel vermischt in Strömen hernieder; der Wind blies so stark, daß sich die Tanne zur Erde bogen; der Wald war in Nebel, Dampf und Regenwellen gehüllt. Ein Weg »war nirgends sichtbar, man hörte das Brechen der Äste durch die stockfinstere Nacht. Die Rzepowa fiel in Ohnmacht.

»Rettung! Hilfe!« rief sie mit schwacher Stimme, aber es hörte sie niemand. Der Wirbelsturm erstickte ihre Stimme und benahm ihr den Atem. Sie sah ein, daß sie unmöglich weiter kommen könne. Sie nahm das Tuch von den Schultern, sie legte ihre Jacke ab, die Schürze, entkleidete sich fast bis aufs Hemd und wickelte das Kind ein; in der Nähe bemerkte sie eine Thränenweide, kroch fast auf allen vieren hin, legte das Kind ins Gebüsch und fiel selbst neben dem Kinde zu Boden.

»Nimm, o Gott, meine Seele zu Dir!« flüsterte sie leise und schloß die Augen. Noch kurze Zeit tobte das Unwetter. Die Sterne leuchteten zwischen den Wolken hervor. Unter der Thränenweide lag die unbewegliche Gestalt der Rzepowa.

»Nau!« schallte eine Stimme im Dunkeln. Man vernahm jetzt das Rasseln eines Wagens und das Schlappen von Pferdebeinen in den Pfützen. Es war Herschko, der Milchpächter, der, nachdem er seine Gänse in Elselsfeld verkauft hatte, heimkehrte. Er bemerkte etwas Weißes, stieg vom Wagen und erkannte die Rzepowa.


 << zurück weiter >>