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3. Gedanken, Heureka!

Die Wunde entzündete sich. Ich kann mir nun lebhaft vorstellen, daß all die lieben Leserinnen über meinen Helden Thränen zu vergießen leicht geneigt sind, so beeile ich mich, ehe noch eine von ihnen ohnmächtig wird, hinzuzusetzen, daß unser Held der Wunde zum Glück nicht erlegen ist. Für ihn war es Bestimmung, noch lange zu leben. Wäre er gestorben, hätte ich meine Feder zerbrochen, weil er aber lebt, erzähle ich weiter.

Die Wunde entzündete sich und wurde schlimm, aber wider Erwarten erwuchs dem Kanzler von Widderkopf ein wahrer Vorteil und zwar auf einfache Weise. Die Eiterung zog ihm den Humor aus dem Kopfe, nun freute er sich, daß er wieder einen klaren Kopf bekam und erkannte sogleich, daß er bis jetzt nichts als Dummheiten begangen habe. Ich bitte daher, nur Herrn Kanzlers Ideen zu folgen. Er hatte sich wegen der Rzepowa ein Paroli gebogen, wie man sich in Warschau ausdrückt, was gar nicht zu bewundern ist, denn es war ein Weibchen, wie es im Eselsfelder Bezirk kein zweites mehr geben konnte. Er mußte vor allen Dingen danach trachten, Rzepa los zu werden. Würde Rzepa unter die Soldaten kommen, dann konnte der Kanzler singen:

»Lustig gelebt und selig gestorben,
Heißt dem Teufel die Rechnung verdorben.«

Es ist aber nicht so einfach, für den Scholzensohn den armen Rzepa unterzuschieben.

Ein Dorfschreiber ist eine Macht! Zolzikiewicz war aber unter den Schreibern eine Macht, nur hatte er zum Unglück von Rekrutierungssachen nicht die leiseste Ahnung. Da kam man mit der Landwache in Berührung, mit der Militärkommission, mit dem Bezirksvorsteher, mit dem Vorsteher der Landwache, und alle diese Persönlichkeiten hatten gar kein Interesse daran, dem Heere anstatt des Sohnes von Burak den armen Rzepa einzureihen.

»Er wird in die Militärliste aufgenommen! Was folgt darauf?« fragte sich unser sympathischer Held. »Die Listen sind richtig gestellt, und da der Matrikelausweis beigelegt sein muß, und es sich schlecht machen läßt, Rzepa den Mund zu stopfen, so bekomme ich höchstens einen Verweis, komme um meinen Schreiberposten, und damit ist die Sache abgethan.«

Die tüchtigsten Männer haben in Augenblicken der Leidenschaft Dummheiten begangen, aber es war halt das Kriterium ihrer Größe, daß sie es beizeiten einsahen. Zolzikiewicz hatte Burak versprochen, was er jetzt selbst als Dummheit bezeichnete, Rzepa in die Militärliste einzureihen. Die zweite Dummheit beging er, indem er bei der Rzepowa eintrat und sie beim Flachsklopfen erschreckte, und die dritte Dummheit, ihr und ihrem Manne mit der Rekrutierung Angst einzujagen. O, der erhabene Augenblick, in dem der große Mann selbst sagt: »Ich bin ein Esel!« war für die Gemeinde Widderkopf gekommen, er war auf den Fittichen der Poesie aus dem Lande hergeflogen, wo sich das Erhabene mit der Zartheit eint, denn Zolzikiewicz sagte in der That das große Wort gelassen, er sprach: »Ich bin ein Esel!«

Würde er jetzt seinen Plan aufgeben, nachdem er ihn mit dem eigenen Blute begossen (in der Eile sagte er sogar mit dem Herzblut), jetzt, nachdem er diesem Plane ein Paar neue Nankingbeinkleider geopfert, die er noch nicht einmal dem Schneider Srul bezahlt und kaum zweimal getragen hatte? Niemals! Im Gegenteil, jetzt, wo er gute oder böse Absichten betreffs der Rzepowa hatte, zu der sich noch Rachgier gegen beide wie gegen Kruczek gesellte, schwor sich Zolzikiewicz selbst zu, daß man ihn eine Memme schimpfen solle, wenn er nicht Rzepa die Hölle heiß mache.

Am ersten Tage reflektierte er die Umschläge wechselnd, er kombinierte am zweiten Tage beim Wechseln der Umschläge, er meditierte am dritten Tage, noch immer die Umschläge wechselnd. Und das Resultat seines Nachdenkens? Er hatte sich nichts erdacht.

Am vierten Tage brachte der Gemeindebote aus der Eselsfelder Apotheke ein Stückchen Diachylon. Zolzikiewicz strich es auf ein Fleckchen, legte es auf die Wunde, und – welch wunderbare Wirkung zeigte dieses Medikament! In demselben Augenblick schrie er: »Heureka!« Er hatte thatsächlich etwas erdacht, gefunden.


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