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5. Bekanntmachung mit der gesetzgebenden Versammlung von Widderkopf und ihre Hauptanführer.

Tags darauf war Gemeinderatssitzung. Die Beisitzer der ganzen Gemeinde versammelten sich, mit Ausnahme der »Herren«, alias Szlachta, von welchen einige Mitglieder des Bezirkes zu den Beisitzern gehörten. Wegen der Solidarität hielten sich diese an die englische Politik, id est, an den Grundsatz der Nichtintervention, die von John Bright, einem berühmten Staatsmann, sehr gepriesen wird. Jedoch schloß dies nicht den indirekten Einfluß der sogenannten »Intelligenz« auf die Gemeindeangelegenheiten aus. Wenn nämlich jemand von der »Intelligenz« ein Anliegen hatte, wurde am Abend vorher, wo die Sitzung stattfand, Herr Zolzikiewicz zum betreffenden Herrn geladen. Mitunter wurde Herr Zolzikiewicz zu Tisch gerufen mit den Worten: »Na, so nehme doch Platz, ›Panie‹ Zolzikiewicz, setze Dich mit uns an die Tafel.«

»Pan« Zolzikiewicz speiste bei der Herrschaft und sagte am andern Tage zum Scholzen: »Gestern war ich zu Tisch geladen bei der Herrschaft Soundso. Hm! Im Hause ist eine Tochter, so verstehe ich schon, zu was das führen soll!«

Herr Zolzikiewicz zeigte sich bei Tisch als Mann von »besserer Erziehung« recht manierlich und bemühte sich, alle die verschiedenartigen Speisen derart zu essen, wie sie die andern aßen, ohne zu zeigen, als ob die Intimität mit der Herrschaft ihn im Übermaß schmeichle. Er war ein taktvoller Mann, der sich überall zu helfen wußte. Er hat auch bei solchen Gelegenheiten nicht den Mut verloren, sondern erzählte immer mit, wobei er »des braven Kommissärs« oder »des vortrefflichen Vorstehers« Erwähnung machte, mit denen er gestern oder vor kurzer Zeit ein kleines Spiel zu einer Kopeke der Point gemacht hatte. Kurz und gut, er verstand es, sich mit den besseren Persönlichkeiten des Eselsfelder Bezirkes vertraut zu machen. Er bemerkte auch, daß, während er erzählte, die Damen und Herren recht wunderbar auf die Teller blickten, er aber dachte, das gehört zum feinen Ton. Auch wunderte es ihn bei Tische nicht selten, daß der adelige Herr des Hauses, ohne zu warten bis er sich verabschiede, ihm recht vertraulich auf die Schulter klopfte und mit den Worten: »Nun so leb wohl, ›Panie‹ Zolzikiewicz!« ihm den Abschied gab. Er glaubte aber, daß dies in der besseren Gesellschaft Gebrauch sei. Dabei fühlte er in der Hand des Hausherrn beim Abschiede immer etwas Raschelndes. Er machte daher die Finger krumm, kratzte den Szlachciz in die flache Hand und schob den knitternden Inhalt zusammen, wobei er nicht unterließ, zu bemerken: »Ah, hochgeehrter Herr! Unter uns ist das gar nicht nötig! Was das Anliegen betrifft, können Sie vollständig beruhigt sein!«

Bei so einer energischen Verwaltung und bei dem angeborenen Talente des Herrn Zolzikiewicz würden die Angelegenheiten der Gemeinde gewiß im besten Gange gewesen sein, wenn der Gemeindekanzler nicht zum Unglück in gewissen einzelnen Fällen seine Stimme erhoben und dem Gerichte auseinandergesetzt hätte, von welchem Rechtsstandpunkt aus solche Angelegenheiten in Betracht zu ziehen wären. Alle anderen Rechtsfälle, bei denen nichts Knisterndes vorausgegangen, blieben leider der eigenen Erkenntnis des Gerichtes überlassen und der Kanzler saß während der ganzen Verhandlung passiv da, zur nicht geringen Unruhe der Beisitzer, die sich gerade zu dieser Zeit kopflos fühlten.

Von der Szlachta, oder um mich bezeichnender auszudrücken, von den »Herren«, wohnte anfangs nur Herr Floß, der Gutspächter von Kleinfortschritt, als Beisitzer den Gemeinderatssitzungen bei und sagte mit Überzeugung, daß die Intelligenz an solchen teilnehmen sollte. Allgemein wurde ihm das übel gedeutet. Die Szlachta behauptete, daß Herr Floß ein »Roter« sein müsse, was auch schon sein deutscher Name bewies. Auch die Bauern waren der Ansicht, es zieme sich nicht für einen »Herrn«, mit den Bauern auf einer Bank Platz zu nehmen, und führten als den klarsten Beweis an, »daß die andern Herrn es unterließen«. Im allgemeinen hatten die Bauern dem Herrn Floß den Vorwurf zu machen, daß er kein Herr sei im vollsten Sinne des Wortes, und daß ihn Herr Zolzikiewicz nicht wolle.

Herr Floß bemühte sich auch gar nicht, die Freundschaft des Herrn Schreibers zu gewinnen, und hatte sich sogar erlaubt, bei einer Sitzung als Beisitzer ihm als Schreiber das Wort zu entziehen. Auf diese Weise genoß Herr Floß die allgemeine Ungunst, und eines schönen Tages mußte er in voller Sitzung von einem an seiner Seite sitzenden Beisitzer die Bemerkung hören: »der wohlgeborene Herr Floß sei eigentlich kein Herr wie die andern wohlgeborenen Herrn Gutsbesitzer, Herr Floß als Gutspächter sei nur ein Gewerbetreibender!« Herr Floß hatte sich schon früher ein Gut gekauft, und war über diese Bemerkung keineswegs aufgebracht, er besuchte von nun an nicht mehr die Gemeinderatssitzungen und überließ die Bauern ihrem eigenen Bauernverstande und der guten Leitung ihres Kanzlers. Die Szlachta sagte: »er hat ausgespielt,« wobei eines der die Volksweisheit beurkundenden Sprichwörter hergesagt wurde, zum Beweise, daß man den Bauer nicht besser machen könne.

Die Gemeinde hatte also beraten, ungestört von der Teilnahme der »Intelligenz«, ohne Beihilfe die eigenen Angelegenheiten des oben angeführten Elements, einzig und allein durch Vermittelung der widderköpfigen Vernunft, die für die Gemeinde Widderkopf ausreichen mußte, so wie nach demselben Prinzip der Pariser Verstand für Paris ausreicht.

Außerdem ist abgemacht, daß der praktische Sinn, der sogenannte »gesunde Bauernverstand« mehr wert sei, als die ihm als fremdes Element gegenüberstehende Intelligenz, und daß die Dorfbewohner diesen »gesunden Verstand« auf die Welt mitbringen, was man nicht erst zu beweisen braucht. Bei der in Rede stehenden Gemeinderatssitzung zeigte sich dies auch klar. Es wurde eine Anfrage der Behörde verlesen, ob die Gemeinde gesonnen sei, auf eigene Kosten die nach Eselsfeld führende Straße zu reparieren. Dieses Projekt mißfiel im allgemeinen den versammelten patres conscripti gar sehr und einer der Ortsältesten meinte, daß er der Ansicht wäre, die Straße nicht zu reparieren, weil man über die Wiese des Herrn Skorabiewski fahren darf.

Wäre Herr Skorabiewski anwesend gewesen, so hätte er vielleicht etwas einzuwenden gehabt: pro publico bono, er war aber nicht da, denn er war der Ansicht, nicht zu intervenieren. Der Antrag des klugen Ortsältesten wäre so unstreitig unanimitate durchgegangen, wenn nicht tags zuvor Herr Zolzikiewicz bei dem Eigentümer der Wiese zu Tische eingeladen gewesen wäre. Dort hatte er Fräulein Jadwiga die Scene von der Erdrosselung zweier spanischer Generale in Madrid erzählt, und diese Scene hatte er in »Isabella von Spanien«, Ausgabe des Herrn Breslauer, gelesen; nach Tische wieder hatte er beim verabschiedenden Händedruck des Herrn Skorabiewski etwas in seiner Hand knittern gehört. Infolgedessen hatte nun der Herr Schreiber, anstatt den Antrag niederzuschreiben, seine Feder weggelegt und dies bedeutete stets, daß er zu sprechen wünsche.

»Der Herr Schreiber will sprechen,« sagten mehrere Stimmen aus der Versammlung.

»Ich will nur sagen, daß Ihr Dummköpfe seid,« bemerkte der Herr Schreiber mit großein Phlegma.

Wenn auch in gedrängter Form, war doch die Wucht der überaus parlamentarischen Rede so stark, daß nach diesem Kraftworte, das gegen den gestellten Antrag wie überhaupt gegen die administrative Politik der gesetzgebenden Körperschaft von Widderkopf Protest einlegte, die Glieder der besagten Körperschaft sich gegenseitig ängstlich anzuschauen begannen und das edle Denkorgan kratzten, was bei dieser Körperschaft ein untrügliches Zeichen eines tieferen Eindringens in den Gegenstand war. Schließlich begann aber doch einer der Vertreter in fragendem Tone: »Warum das?«

»Weil Ihr Dummköpfe seid!«

»Es wird wohl so sein!« ließ sich eine Stimme hören.

»Eh was, Wiese bleibt Wiese,« sagte ein zweiter.

»Und im Frühjahr wird sie sogar unfahrbar,« sagte schließlich ein dritter.

Demzufolge fiel der Antrag, die Wiese des Herrn Skorabiewski betreffend, durch, und das Regierungsprojekt wurde angenommen, und nun begann die Beratung nach dem übersandten Kostenanschlage. Das Rechtsgefühl hatte sich in dem Denkorgan der gesetzgebenden Körperschaft von Widderkopf so eingewurzelt, daß es niemand, den Scholzen und den Beisitzer Gomula ausgenommen, gelang, sich der Sache zu entziehen. Dafür nahmen aber auch der Scholze und der Beisitzer Gomula die Last der Aufsicht auf ihre Schultern, damit alles rasch erledigt werde.

Es muß zugegeben werden, daß diese uneigennützige Aufopferung von seiten des Richters und des Beisitzers, wie jede Tugend, die den Gesichtskreis des Alltäglichen überschreitet, gleichsam den Neid der übrigen Beisitzer erweckte und selbst eine protestierende Stimme hervorrief, die sich ärgerlich hören ließ:

»Und Ihr, warum werdet Ihr nicht zahlen?«

»Und warum sollen wir zahlen, wenn das, was Ihr zahlt, ausreicht?« sagte darauf Gomula.

Es war dies ein Beweis, auf den, wie ich hoffe, nicht nur der gesunde Verstand der Gemeinde Widderkopf, sondern auch jeder keine Antwort finden dürfte. Die Stimme des Protestierenden schwieg eine Weile, und erst dann vernahm man im Ton der Überzeugung:

»Das ist richtig!«

Die Sache war nun ganz abgethan, und man wäre sicherlich unverzüglich zur Weiterberatung geschritten, wenn nicht plötzlich und ganz unerwartet zwei Ferkel in das gesetzgebende Zimmer eingedrungen wären. Wie toll waren sie durch die unverschlossene Thür gestürzt und begannen ohne einen vernünftigen Grund im Zimmer herumzurasen, zwischen den Beinen durchzulaufen und himmelhoch zu quietschen. Die Beratungen mußten natürlich unterbrochen werden, die gesetzgebende Körperschaft wieder eröffnete eine Jagd nach den Eindringlingen, und durch eine gewisse Zeit riefen die Deputierten mit seltener Übereinstimmung: »A syk! a cin! Daß euch der Schlag …« und so ähnlich. Die Ferkel aber krochen wie auf Verabredung unter die Beine des Herrn Zolzikiewicz und brachten seinem zweiten Paar sandfarbener Kortbeinkleider eine gewisse »Grüne« bei, die, trotzdem Herr Zolzikiewicz mit echter Glycerinseife und seiner Zahnbürste wusch, nicht mehr abging.

Doch dank der Ausdauer und Energie, die die Repräsentanten der Gemeinde Widderkopf immer zeigten, konnten sie auch hier die Schweinchen an den Hinterbeinchen erwischen und beförderten sie trotz des lautesten Protestes vor die Thür, worauf man wieder zur Tagesordnung schreiten konnte. Auf der Tagesordnung stand gerade ein Rechtsfall des Landmannes Sroda gegen den schon oben erwähnten Herrn Floß. Es hatten nämlich die Ochsen des Herrn Sroda in einer Nacht von dem Klee des Herrn Floß gefressen, sich daran überfressen, und am darauffolgenden Morgen verließen sie das Thal des Jammers und der Thränen, um in eine bessere – Ochsenwelt einzugehen. Der verzweifelte Sroda legte die ganze traurige Angelegenheit dem Rate vor und bat um Rettung und Gerechtigkeit.

Der Rat vertiefte sich in die Angelegenheit und gelangte durch eigenen Scharfsinn zu der Überzeugung, daß, wenn auch Sroda absichtlich die Ochsen auf das Feld des Herrn Floß gelassen, diese dennoch, wenn dort zum Beispiel Hafer oder Weizen und nicht garstiger Klee gewachsen wäre, sich zur Stunde des besten Wohlseins erfreut und nicht jene Zufälligkeiten der Blähsucht kennen gelernt hätten. Von diesen gewiß logischen und gewiß streng gesetzlichen Voraussetzungen ausgehend, gelangte der Gemeinderat zu dem Schlusse, daß in jedem Falle nicht Herr Sroda, aber Herr Floß die Ursache zu dem Tode der Ochsen des Herrn Sroda war, demnach Herr Floß schuldig sei und dem Herrn Sroda den Wert der Ochsen ersetzen müsse. Weiter aber, um sich dies zur Warnung dienen zu lassen, von Herrn Floß fünf Silberrubel einzuziehen seien, die zur Gemeindekasse fließen. Obige Summe sei, falls der Beklagte den Betrag zu zahlen sich weigere, von seinem Milchpächter, dem Itzig Zweinase, einzufordern.

Darauf wurden noch mehrere Civilrechtsfälle abgeurteilt und zwar alle, sofern sie nicht irgendwie den genialen Zolzikiewicz berührten, selbständig, und dabei auf der Wage der reinsten Gerechtigkeit, schwebend auf dem gesunden Verstande der Gemeinde Widderkopf. Dank dem englischen Prinzip der Nichtintervention, von dem sich die schon erwähnte »Intelligenz« der Szlachta leiten ließ, wurde die Eintracht und die Einstimmigkeit selten nur durch Nebenbemerkungen getrübt, die die streitenden Parteien wie die Richter selbst sich zuwarfen, indem sie sich gegenseitig Pest und Geschwüre aller Art als Angebinde wünschten.

Dank dem unschätzbaren Grundsatze der Nichtintervention konnten alle Rechtsstreitigkeiten in der Weise geschlichtet werden, daß beide Parteien, sowohl die gewinnende als die verlierende, einen ziemlich hohen Betrag »für Kanzleiausgaben« zahlte. Diese Art Entscheidung konnte nur dazu dienen, die so wünschenswerte Unabhängigkeit des Richters und Schreibers sicher zu stellen, und auch dazu, die Leute von der Prozeßsucht zu heilen und die Moralität der Gemeinde Widderkopf zu einer Höhe zu erheben, von der die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts umsonst geträumt haben. Zu erwähnen ist auch noch das, daß, wenn wir uns auch enthalten, darüber irgend ein Urteil abzugeben, Herr Zolzikiewicz immer nur die Hälfte der Strafgelder auf das Conto »Kanzleiausgaben« einschrieb, die andere Hälfte für »unvorhergesehene Fälle«, in denen sich der Schreiber, der Scholze und der Beisitzer Gomula befinden konnten, war.

Schließlich waren noch Kriminalsachen abzuurteilen, weshalb der Amtsdiener den Auftrag erhielt, die Gefangenen vorzuführen und sie vor das Angesicht des Gerichts zu stellen. Es ist wohl selbstverständlich, daß in der Gemeinde Widderkopf das neueste, den Anforderungen der Civilisation entsprechendste System des Zellengefängnisses eingeführt war. Böse Zungen können das durchaus nicht bezweifeln. Noch heute kann jeder sehen, daß in dem Ställchen des Scholzen gar vier Verschläge sind. Die Gefangenen saßen somit einzeln in Gesellschaft von Tieren, von denen es in der Naturgeschichte für die Jugend heißt, daß »das Schwein mit Recht wegen seiner Unreinlichkeit so genannt werde« und so weiter. Die Gefangenen saßen demnach in Kämmerchen in einer Gesellschaft, die sie nicht verhindern konnte, sich Reflexionen über das vollbrachte Böse zu unterziehen und gute Vorsätze für das weitere Leben zu fassen.

Der Amtsdiener begab sich alsogleich nach jenem Zellengefängnis und führte aus dessen Zellen nicht zwei Missethäter, sondern einen Missethäter und eine Missethäterin vor, woraus der Leser leicht ersehen kann, welch delikater Natur und wie tief psychologisch und verwickelt die Fälle waren, die das Dorfgericht von Widderkopf zu entscheiden hatte. Und in der That, die Sache war erzdelikat. Ein gewisser Romeo alias Wach Rechino und eine gewisse Julia alias Baska Zabianka dienten bei einem Landwirt, er als Knecht und sie als Magd. Und was sollen wir es verheimlichen: sie liebten sich und konnten ohne einander nicht leben. Doch bald schlich sich zwischen Romeo und Julia Eifersucht ein, denn sie hatte erblickt, wie einmal ihr Romeo eifrig mit Agnes, der Hofmagd, sprach. Jetzt spähte die unglückliche Julia auf jede Gelegenheit. Als eines Tages nun Romeo nach Ansicht seiner Julia zu früh vom Felde gekommen war und allzusehr nach seinem Essen verlangte, kam es zum gegenseitigen Ausbruch, wobei mehrere Dutzend Schläge mit der Faust und mit dem Kochlöffel gewechselt wurden. Natürlich waren Spuren dieses Ausbruches zurückgeblieben, wie blaue Flecke auf dem Idealgesicht Julias und eine gespaltene Stirn auf dem mannhaft stolzen Antlitz Romeos. Dem Gericht stand es nun zu, abzuurteilen, wer von ihnen Anspruch auf Recht hatte, und wer von ihnen, sei es für getäuschte Liebe, sei es für die Folgen des Ausbruches, dem andern als Entschädigung fünf Goldstücke oder, amtlich ausgedrückt, fünfundsiebzig Silberkopeken zu zahlen habe.

Der gesunde Verstand des hohen Dorfgerichtes war noch nicht von dem verwesenden Hauche des Westens angeweht, es schauerte daher bis in die Tiefen der Seele vor der Frauenemanzipation zurück, die den idyllischen Gewohnheiten der Slaven widerstrebt. Daher gab das Dorfgericht dem Romeo den Vorrang, er erhielt zuerst das Wort zu seiner Verteidigungsrede und begann, indem er die Hand an die Stirn mit dem Liebeszeichen legte, folgendermaßen:

»Hochgeehrtes Gericht! Vor dieser Hundeseele habe ich schon lange keine Ruhe. Ich kam um mein Vesperbrot, und sie fährt mich an: ›Du rothaariger Hund, der Wirt ist noch im Felde und Du bist schon zu Hause? Hinter den Ofen willst Du Dich wieder legen und mir dann zuzwinkern?‹ Ich habe ihr noch nie zugezwinkert, aber seit ich der Agnes vom Hofe geholfen, den Eimer aus dem Brunnen zu ziehen, ist sie auf mich böse. Sie schob mir die Schüssel auf den Tisch, daß das Essen beinahe herausgefallen wäre, dann ließ sie mich nicht einmal beim Essen in Ruhe und nannte mich: ›Heidenbrut, Unbeständiger, Wechselbalg, Suffragan!‹ Erst als sie mir ›Suffragan‹ sagte, gab ich ihr eins aufs Maul, aber nur, weil ich gereizt wurde, und sie schlug mich mit dem Kochlöffel auf den Kopf …«

Hier hielt es die ideale Julia nicht länger aus. Sie ballte ihre Faust, schob sie dem Romeo unter die Nase und rief mit kreischender Stimme:

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, Du bellst wie ein Hund.«

Dann entlud sich ihr gepreßtes Herz in Thränen und indem sie sich dem Gericht zuwendete, sprach sie: »Hochgeehrtes Gericht! O, ich unglückliche Waise, ach du mein Gott. Nicht am Brunnen sah ich ihn mit Agnes, o, daß sie beide geblendet würden! Du Liederlicher! Hast Du mir nicht oft genug gesagt. Du liebst mich, daß Du mich nur haben wolltest! Daß er verende! Daß ihm gleich die Zunge steif würde! Nicht mit dem Kochlöffel schlug ich ihn auf den Kopf, o ich Arme, nein, nur mit einer Runge! Die Sonne steht noch hoch am Himmel, und er kommt schon vom Felde und schreit schon wieder nach Essen. Ich sage ihm artig, wie einem, mit dem man es gut meint: ›Du Spitzbubengesicht, der Wirt ist noch auf dem Felde und Du kommst schon nach Hause?‹ Aber Suffragan habe ich ihn nicht genannt, so wahr mir Gott helfe. Und daß ihn das …«

Da rief der Scholze die Angeklagte zur Ordnung, indem er an sie die Frage richtete: »Willst Du jetzt das Maul halten, Du Hexe?«

Es entstand eine Pause, in der das hohe Gericht über das zu fällende Urteil nachdachte und – welche zarte Ahnung der Situation! – es legte keiner Partei fünf Goldstücke auf, aber zur Aufrechterhaltung des Ansehens wie auch zum abschreckenden Beispiele für alle liebenden Paare in Widderkopf verurteilte das Gericht die Beklagten zu weiteren vierundzwanzig Stunden im Zellengefängnis und zu einer Geldstrafe für die Kanzlei von je einem Silberrubel.

»Von Wach Rechino und Baska Zabianka je fünfzig Kopeken in Silber für Kanzleiausgaben –« schrieb Herr Zolzikiewicz ein.

Hiermit war die Sitzung beendet. Herr Zolzikiewicz erhob sich, zog seine sandfarbenen Kortbeinkleider in die Höhe und sein bläuliches Kamisol herab. Die Beisitzer, im Begriffe auseinander zu gehen, langten nach Mützen und Peitschen, als die nach dem Einfall der Ferkel geschlossene Thür sich angelweit öffnete, und hereintrat Rzepa finster wie die Nacht, nach ihm die Rzepowa und zuletzt Kruczek.

Die Frau Rzepowa war bleich wie Leinwand; auf ihren schönen Gesichtszügen malten sich Trauer und Demut, und in den schwarzen Augen zeigten sich Thränen, die die Wangen hinabrollten.

Rzepa war trotzig, mit erhobenem Kopfe eingetreten, doch beim Anblick des versammelten Gerichts war ihm gleich der Mut gesunken und sagte mit leiser Stimme: »Gelobt sei der Herr!«

»In Ewigkeit!« entgegneten alle Beisitzer.

»Und was wollt Ihr denn hier?« entgegnete der Scholze mit strenger Miene, der anfangs etwas verwirrt war, sich aber bald wieder faßte. »Was für ein Anliegen habt Ihr? Vielleicht habt Ihr Euch geprügelt, oder was habt Ihr sonst auf dem Gewissen?«

Wider alles Erwarten warf der Schreiber ein: »Laßt sie reden.«

Rzepa begann: »Hochgeborenes Gericht! … Möge doch das hohe Gericht …«

»Stille! Stille!« unterbrach die Frau, »laßt mich reden, und Du sitze still.«

Bei diesen Worten wischte sie sich mit ihrer Schürze Augen und Nase, und mit zitternder Stimme fing sie an, die ganze Angelegenheit zu erzählen. Ach! wo ist sie denn hingeraten? Sie kam, sich über den Scholzen und den Schreiber zu beklagen … vor dem Scholzen und dem Schreiber. »Sie nahmen ihn zu sich,« sagte sie, »versprachen ihm Wald, damit er nur unterschreibe – und er unterschrieb. Sie gaben ihm fünfzig Rubel, und er war betrunken, wußte daher nicht, daß er sein Los und das meine und das Kind verkaufe. Betrunken war er, hochgeehrtes Gericht, betrunken wie ein Tier!« sagte sie weiter mit Thränen. »Ein Betrunkener weiß nicht, was er macht; auch im Gerichte, wenn jemand in der Trunkenheit etwas gethan, wird ihm dies milde beurteilt und man sagt: er wußte nicht, was er that. Um Gottes Barmherzigkeit willen! Ein nüchterner Mensch wird doch nicht für fünfzig Rubel sein Los verkaufen! O, erbarmt Euch meiner, habt Mitleid mit ihm und dem unschuldigen Kinde! Wohin soll ich mich Unglückliche wenden, mutterseelenallein auf der Welt, ohne ihn, ohne den Unglücklichen! O! Gott wird Euch dafür Glück verleihen, Gott wird es Euch für uns Arme lohnen!«

Hier unterbrach ein Schluchzen ihre weitere Rede. Auch Rzepa weinte und wischte jeden Augenblick die Nase mit den Fingern. Die Beisitzer blickten beunruhigt einander an, dann den Scholzen, dann den Schreiber und waren ratlos.

Inzwischen hatte sich die Rzepowa gefaßt und fing wieder an: »Wie vergiftet geht er umher. ›Dich,‹ sagt er, ›schlage ich tot, das Kind bringe ich um, das Haus brenne ich nieder und,‹ sagt er, ›ich gehe auf keinen Fall.‹ Und was habe ich, Arme, verschuldet? Oder was hat das Kind gemacht? Zu keiner Arbeit ist er mehr zu gebrauchen, er sitzt nur zu Hause und jammert, und ich wartete auf den Gerichtstag. Ihr seid doch Leute, die einen Gott im Herzen haben, Ihr werdet so ein uns angethanes Unrecht nicht zugeben. O, Jesus von Nazareth! O, Mutter Gottes von Czenstochau, helfet uns, bittet für uns!«

Eine Weile hörte man nur das Schluchzen der Rzepowa. Schließlich brummte ein alter Beisitzer: »Es ist doch zu abscheulich, einen Menschen trunken zu machen und dann zu verkaufen.«

»Ganz abscheulich!« wiederholten andere.

»Möge Euch Gott und die allerheiligste Gottesgebärerin segnen!« sagte die Rzepowa, indem sie an der Thürschwelle niederkniete.

Der Scholze wurde grätig, dem Beisitzer Gomula war die Sache nicht weniger unangenehm und beide blickten auf den Schreiber, welcher schwieg. Als aber die Rzepowa geendet hatte, sagte er zu den murrenden Beisitzern: »Ihr seid Dummköpfe!«

Es entstand eine Stille, daß man hätte eine Fliege summen hören, und der Schreiber fuhr weiter fort: »Es steht ganz deutlich geschrieben, wer sich in einen aus freien Stücken geschlossenen Vertrag mengt, wird durch das Seegericht abgeurteilt, und wißt Ihr, Ihr Dummköpfe, was das ist, ein Seegericht? Das wißt Ihr nicht, Ihr Dummköpfe, ein Seegericht ist …«

Bei diesen Worten zog er ein Taschentuch vor, putzte die Nase und fuhr mit kalter Amtsmiene also fort: »Der Einfaltspinsel, der wissen will, was ein Seegericht ist, möge seine Nase anderswohin stecken, er wird's dann bis an die siebente Rippe spüren. Wenn sich einer freiwillig zum Militär einschreiben läßt, möge sich ja niemand da hineinmischen. Die Vereinbarung ist unterschrieben, Zeugen sind da und Schabbes! So steht's in der Jurisprudenz geschrieben, und wer's nicht glaubt, der sehe in die Prozedur! Und wenn dabei getrunken wird, was weiter? Oder trinkt Ihr Dummköpfe, trinkt Ihr nicht überall und bei jeder Gelegenheit?«

Wäre die Justizia jetzt mit der Wage in der einen und mit dem Schwerte in der anderen Hand hinter dem Scholzenofen hervorgekommen und hätte sie sich jetzt vor die Beisitzer gestellt, sie wären kaum mehr vor ihr erschrocken, als vor dem Seegericht, der Jurisprudenz und der Prozedur. Es trat eine kleine Pause ein, in der eine fast schwüle Stille herrschte, und erst nach einer Weile begann Gomula mit leiser Stimme, auf die die Anwesenden, von dieser Dreistigkeit überrascht, mit Staunen horchten:

»Es ist wahr! Es verkauft einer ein Pferd und begießt den Handel, ein anderer verkauft seinen Ochsen, der Handel wird begossen, wieder ein anderer verkauft ein Schwein, auch das muß begossen sein. Es ist halt mal so Brauch.«

»Wir tranken doch auch nur nach altem Brauch,« warf der Scholze ein.

Und jetzt wendeten sich die Beisitzer mit mehr Dreistigkeit an Rzepa:

»Was weiter, hast Du Dir das Bier gebraut, dann trinke es.«

»Oder bist Du etwa erst sechs Jahre? Oder weißt Du nicht, was Du machst?«

»Den Schädel werden sie Dir nicht abreißen.«

»Gehst Du zum Militär, dann nimmst Du Dir einen Knecht ins Haus, der kann Dich in der Wirtschaft und bei der Frau vertreten.«

Heiterkeit verbreitete sich unter der Versammlung.

Wieder öffnete der Schreiber den Mund: es war alles still.

»Ihr wißt nicht,« sagte er, »worein Ihr Euch einmischen könnt. Dafür, daß Rzepa Weib und Kind bedrohte, daß er seine eigene Hütte in Brand stecken wollte, müßt Ihr energisch einschreiten und die Sache nicht so leicht durchgehen lassen. Wenn die Rzepowa mit einer Klage kommt, mag ihr Gerechtigkeit widerfahren.«

»Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!« rief die Rzepowa verzweifelt, – »ich habe mich nicht beklagt, ich habe niemals Unrechtes von ihm zu erleiden gehabt. O! Jesus, ihr süßen Wunden des lebendigen Gottes, ist denn schon das letzte Gericht da!«

Das Gericht trat wieder zusammen, und das unmittelbare Resultat war, daß Rzepa und Frau nicht nur nichts erreichten, sondern noch das Ortsgericht in gerechter Fürsorge um die Rzepowa beschloß, sie durch eine zweitägige Einsperrung Rzepas in den Schweinestall vor seiner Wut zu schützen. Außerdem wurde er, damit er in Zukunft nicht wieder ähnliche Gedanken bekäme, mit einer Geldstrafe von zwei Rubel und fünfzig Kopeken für »Kanzleiausgaben« belegt.

Doch Rzepa rief wütend, daß er in das Ställchen auf keinen Fall gehen werde; was aber die Geldstrafe betraf, gab er nicht nur zwei Rubel fünfzig Kopeken auf »Kanzleiausgaben«, sondern warf die vom Scholzen erhaltenen fünfzig Rubel auf den Tisch: »Nehme sie, wer da wolle!« Es begann ein schrecklicher Tumult. Der Amtsdiener wollte Rzepa fortschleppen, Rzepa ließ ihn seine Faust fühlen, dafür faßte dieser Rzepa an den Haaren; die Rzepowa begann ein Geschrei, so daß einer der Beisitzer sie am Genick faßte und zur Thüre hinauswarf, ihr noch einen Faustschlag ins Kreuz auf den Weg mitgebend; die andern wieder halfen dem Amtsdiener und schleppten Rzepa an den Haaren nach dem »Zellengefängnis«.

Inzwischen trug der Schreiber in das Conto für »Kanzleiausgaben« ein: »Von Wawrzyn Rzepa ein Rubel fünfundzwanzig Kopeken.«

Die Rzepowa ging fast irre in die leere Hütte. Sie sah nichts, was vor ihr war, an jeden Stein stieß sie an, die Hände schlug sie über dem Kopfe zusammen und rief: »Oo! Oo! Oo!«

Doch der Scholze, der ein gutes Herz hatte, sagte zu dem Beisitzer Gomula, als sie beide langsam nach der Schenke gingen: »Fast thut es mir leid um das Weib. Ich sollte noch ein Viertel Erbsen zulegen, wie?«


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