William Shakespeare
Leben und Tod des Königs Johann
William Shakespeare

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Vierter Aufzug.

Erste Scene.

(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefängniß.)

Hubert und zween Nachrichter treten auf.

Hubert.Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.

Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.

Hubert.Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge – – Junger Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen.

Arthur tritt auf.

Arthur.Guten Morgen, Hubert.

Hubert.Guten Morgen, kleiner Prinz.

Arthur.Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag. Ihr seyd traurig.

Hubert.In der That, ich bin schon lustiger gewesen!

Arthur.Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war, an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert.

Hubert (vor sich.)
Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und meinen Auftrag vollziehen.

Arthur.Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich wollt' ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr, als ihr mich lieb habt.

Hubert.Seine Reden dringen mir ins Herz. (Er zeigt ihm ein Papier.) Ließ hier, junger Arthur – – (Bey Seite.) Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt in weibischen Thränen aus meinen Augen – – Könnt' ihr's nicht lesen? Ist es nicht schön geschrieben?

Arthur.Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.

Hubert.Ich muß, junger Herr.

Arthur.Und ihr wollt es?

Hubert.Und ich will.

Arthur.Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte, eine Princeßin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter – – Doch nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr – – wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?

Hubert.Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit glühenden Eisen ausbrennen.

Arthur.Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde mir die Augen ausstossen, ich hätt' es ihm nicht geglaubt; keiner andern Zunge würd' ichs glauben, als deiner eignen.

Hubert stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.
Hervor, thut wie ich euch befehle.

Arthur (erschroken.)
O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den grimmigen Bliken dieser blutigen Männer.

Hubert.Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.

Arthur.O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich, Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter anthun möget.

Hubert.Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm.

Nachrichter.Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.

(Sie gehen ab.)

Arthur.Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.

Hubert.Komm, Junge, bereite dich.

Arthur.Ist denn kein Mittel?

Hubert.Keines, als deine Augen zu verliehren.

Arthur.O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke, ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten, euer grausames Vorhaben müßt' euch entsezlich vorkommen.

Hubert.Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht – –

Arthur.Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere; ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht; oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt, und würde mir kein Leid thun.

Hubert.Ich kan es wieder heiß machen, Junge.

Arthur.Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht, und mit reuiger Asche überstreut.

Hubert.Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.

Arthur.Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten Verrichtungen gebraucht werden.

Hubert.Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren, wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem Eisen hier sie auszubrennen.

Arthur.O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr verlarvt.

Hubert.Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen, als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides thun wollte.

Arthur.O Himmel! ich danke euch, Hubert.

Hubert.Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.

(Sie ziehen ab.)


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