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Drittes Kapitel
Vom zwölften bis fünfzehnten Jahrhundert

Nachdem die Geschichte der deutschen Frauenwelt bis zu der Zeit heraufgeführt worden, wo mit der Reichsherrschaft der Hohenstaufen die mittelalterliche Romantik in ihre Glanzperiode eintrat, ist uns jetzt die Aufgabe gestellt, von dem Frauenleben, wie es in der Blütezeit und im Niedergange des Mittelalters unter den verschiedenen Ständen deutscher Nation, auf Burgen, in Städten und auf dem Lande, in der Weltlichkeit und in der Klösterlichkeit, nach der lichten und dunkeln Seite hin sich abwickelte, ein genauer gezeichnetes und deutlicher ausgemaltes Bild zu geben, als die Beschaffenheit der Quellen von den früheren Perioden zu geben gestattete. Denn unsere überaus reiche mittelhochdeutsche Literatur, deren glänzendste Schöpfungen in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fallen, die aber mit ihren Anfängen ins 12. Jahrhundert hinauf und mit ihren Nachklängen ins 14. herabgreift, bietet uns hinlängliches Material zu anschaulicher Darstellung mittelalterlicher Fraulichkeit.

Bevor wir jedoch in die Einzelheiten von der deutschen Frauen Gehaben und Gebaren, Tun und Trachten zur angegebenen Zeit eintreten, ist es rätlich, auf solche soziale Einrichtungen, die die mittelalterliche Lebensführung bedingten und bestimmten, einen raschen Blick zu werfen. Dies getan, werden wir zunächst eine vorragende Frauengestalt des 12. Jahrhunderts vorführen, um durch sie, die eine Schriftstellerin und Malerin war, Einsicht in manche häusliche Verhältnisse ihrer Zeit zu gewinnen. Sodann werden wir von der Edelfrau, der Bürgerin und der Bäuerin handeln, werden Festen anwohnen, die Bäder, die Nonnenklöster, die Frauenhäuser besuchen und endlich zum Abschluß der Kapitelreihe des 2. Buches betrachten, wie die mittelalterlich-deutsche Poesie zu den Frauen sich gestellt, was sie im Guten und im Schlimmen von ihnen zu singen und zu sagen gewußt hat. Als Gesamtresultat unbefangener Darstellung dürfte dann sich ergeben, daß das Mittelalter zwar eine höchst eigentümliche, farbenreiche, von dichterischen Tönen durchzogene Periode unserer Geschichte war, daß aber die Phantasie eines in Zucht und Sitte hochstehenden, ja mustergültigen Mittelalters eben nur eine Phantasie der Willkür ist, die auf geschichtlichen Wert gar keinen Anspruch hat. Auch im Mittelalter mischten sich, wie zu allen Zeiten, die sozialen Lichter und Schatten, und wenn beide damals greller und nackter hervortraten als heute, so rührte das nur von der rohen Frische in Fassung und Führung des Lebens her, von der die moderne Verfeinerung und Verflachung nichts mehr weiß. Die Tugenden und Laster, Leidenschaften und Torheiten der Menschen bleiben dem Wesen nach stets die gleichen. Die vorschreitende Bildung ändert nur die Erscheinungsformen, und wir sind daher ebensowenig berechtigt, das Mittelalter als eine »barbarische Zeit« zu verklagen, wie wir berechtigt sind, es als die »gute, alte, fromme Zeit« zu lobpreisen.

Die Kaiser des schwäbischen Hauses verfolgten die Bahnen eines Ottos I. und eines Heinrichs III. Auch sie waren in dem törichten Traum cäsarischer Weltherrschaft befangen, obgleich die Wirkung ganz danach angetan war, sie nachdrucksam daraus zu erwecken. Schon der furchtbare Widerstand, den ihnen die Päpste von Italien aus entgegensetzten, hätte sie darauf hinweisen können, daß ihre Aufgabe diesseits der Alpen lag, und die in Friedrich dem Rotbart großartig, in Heinrich VI. fein angelegte Despotennatur wäre ganz geeignet gewesen, einen einheitlichen deutschen Reichsbau zum Abschluß zu bringen. Aber Italien! Italien war auch die Losung der Hohenstaufen, und während sie dort sich herumschlugen und erschöpften, entwickelte sich daheim die staatliche Zersplitterung, an der unser Land noch heute krankt. An die Stelle der karlingischen Reichsverfassung, deren Ruinen noch ins 11. Jahrhundert hineinragten, war das Lehnwesen getreten, diese organisierte Adelsanarchie, die mehr und mehr die altgemeinfreie Bauersame – wenn auch nicht in allen Gegenden – zur Hörigkeit und Leibeigenschaft herabdrückte und nur in dem seit dem 10. und mehr noch seit dem 11. Jahrhundert allmählich immer mächtiger aufblühenden städtischen Bürgertum ein Gegengewicht fand. Wenn man erwägt, wie der gesellschaftliche Bau des Mittelalters in Deutschland vom leibeigenen Knecht an durch den hörigen Bauer zum freien, vom nichtadeligen Stadtbürger zum adeligen Altbürger, vom armen Landedelmann, der mit ein paar Knechten in seinem dürftigen »Burgstall« hauste, bis zum geistlichen oder weltlichen Fürsten, der Tausende von Vasallen in seinem Bann und Lehen hatte und in seiner Hofburg verschwenderischen Prunk entfaltete, vom demütigen Mönch oder Dorfpfarrer bis zum kurfürstlichen Erzbischof hinaufstieg, um auf seinem Gipfel die Kaiserkrone zu tragen, die freilich gar oft nur ein Scheinding war, so hat man den Anblick einer Gesellschaftsgliederung, die man zwar auf gut fischartisch mehr eine Gesellschaftsklitterung zu nennen versucht ist, von der man aber doch sagen muß, daß sie zu der mannigfaltigsten, buntesten Entwicklung und Entfaltung des Lebens Anstoß und Raum gab.

Mancherlei Ursachen führten im 12. Jahrhundert jenen materiellen und geistigen Aufschwung der deutschen Nation herbei, dessen Sinken so ziemlich mit dem Untergange des hohenstaufischen Hauses zusammenfällt. Das Anwachsen der Bevölkerung trieb zu emsigerer Landeskultur, um deren Förderung sich die Klöster noch immer Verdienste erwarben, besonders nach der Richtung hin, wo es sich um Beschaffenheit der gutschmeckenden Dinge dieses Lebens handelte. In den Städten entwickelten die Gewerbe eine emsige Tätigkeit und erhob sich die Handwerksgeschicklichkeit zur Kunst. Der Handel, der von den Sitzen des Bürgertums aus seine begehrlichen Arme schon nach allen Himmelsgegenden ausstreckte, brachte nicht nur Wohlstand, sondern auch das Bedürfnis, ihn mit Behagen zu genießen. Städtischer Reichtum und Gemeinsinn boten die Mittel, die zeitbewegenden Gedanken, also vor allem den religiösen, monumental zu gestalten, und mit der frommen Begeisterung verband sich, aus der romanischen Verpuppung hervorbrechend, der germanische Genius zur Schaffung jener riesenhaften Gedichte aus Stein, jener Münster und Dome, die man gotische zu nennen pflegt und die, entsprechend der Idee, die diese Architektur beseelte, die Erde und den Menschen gleichsam gen Himmel emportragen – versteinerte Himmelssehnsucht, wie es ja eben Grundwesen der Romantik, d. i. des mittelalterlichen Geistes war, das Irdische zu verhimmeln und das Himmlische zu verweltlichen. Das Christentum hatte im Katholizismus mythologische Gestaltung, der Gottesdienst künstlerische Entfaltung gewonnen. Ein allgemeines Regen und Bewegen, ein Dürsten nach Schönheit und Lebensgenuß war in die Deutschen gekommen, die zur Zeit, wo ein Barbarossa des Reiches waltete, guten Grund hatten, die rasch wieder verschwindende Illusion, sie wären die Herren der Welt, für dauernde Wirklichkeit zu halten.

siehe Bildunterschrift

Die heilige Elisabeth
Farbige Skulptur. Elisabethkirche in Marburg a/L.

Die Römerzüge nach Italien hatten unsere Altvordern mit einem Lande bekannt gemacht, auf dessen Ruinen noch immer ein Nachschimmer der Schönheit des klassischen Altertums lag und dessen auch politisch mächtige Handelsstädte deutsche Kriegs- und Handelsleute bürgerliches Lebensbehagen und bürgerliche Freiheit kennen und schätzen lehrten. Aber wenn der Anblick italienischen Lebens bedeutend dazu beitrug, den geistigen Gesichtskreis der Deutschen zu erweitern und aufzuhellen, ihren Schönheitssinn zu wecken und zu stärken und sie für eine behaglichere und reichere Einrichtung des Daseins in Tätigkeit zu setzen, so waren die Kreuzzüge ihrerseits auf dieses alles von noch größerem Einfluß. Die umgekehrte Völkerwanderung der Kreuzzüge hat ja überhaupt die christ-katholisch-romantische Weltanschauung auf ihren Höhepunkt gestellt, indem sie dem abendländischen Waffentum eine Seele, d. i. eine religiöse Idee einhauchte, der europäischen Kraft und Tatenlust ein ideales Ziel gab, die ganze Christenheit zu einem großartigen Unternehmen vereinigte und nach allen Seiten hin dem materiellen und geistigen Vorschritt neue Bahnen aufschloß und ebnete. Der Orient erwies damals noch einmal seine alte Befruchtungskraft, denn unermeßlich waren die Nachwirkungen dessen, was die Kreuzfahrer in den Ländern des Morgens gesehen und gehört. Die ganze Fülle orientalischer Phantastik, Mystik und Symbolik ergoß sich über das Abendland und inspirierte die Poesie zur Schöpfung einer Wunderwelt, die sich farbenprangend über der rauhen Wirklichkeit wölbte, und in deren Atmosphäre selbst eine in seinem ganzen Wesen so eisern materielle Erscheinung, wie das germanische Kriegertum war, eine dichterische Gestalt gewann, indem es sich zum Rittertum verfeinerte – eine Verfeinerung freilich, die nach unseren heutigen Begriffen noch immer viel grober und roher war als billig.

siehe Bildunterschrift

Lucas Cranach. Weibliches Porträt
Stuttgart.

Das Rittertum, diese soziale Schöpfung des mittelalterlich-romantischen Geistes, ist nicht deutschen, sondern romanischen Ursprungs. Denn wenn schon im 11. Jahrhundert in Deutschland von Rittern die Rede ist, so sind damit nur Kriegsleute gemeint, die, auf eigene Kosten mit Panzer und Halsbergen, Helm und Schild, Schwert und Lanze ausgerüstet, zu Rosse dem Aufruf zum königlichen Heerbanne folgten. »Ritter« bedeutete vor den Kreuzzügen in Deutschland nur soviel wie Reisiger, und von einem Ritterstand in konventionellem Sinne war noch keine Rede. Die Entstehung und Ausbildung des Rittertums als eines gesellschaftlichen Instituts haben wir in Spanien und Südfrankreich zu suchen, wo die häufige Berührung mit dem gesellig verfeinerten, dichterisch gestimmten und hochgebildeten Maurentum zur Ausschmückung des Lebens mit den Reizen höherer Geselligkeit Veranlassung gab. Der blühende Zustand jener Gegenden, die heiter-sinnliche Beweglichkeit ihrer Bewohner, das enthusiastische Interesse an abenteuerlicher Fabelei und fröhlicher Liederkunst, der anmutige Einfluß südlicher Frauenschönheit, das alles wirkte dort zusammen, um gewisse Formen und Normen adeligen Verkehrs ins Leben zu rufen, aus denen sich allmählich das Gesetzbuch ritterlicher Gepflogenheit zusammensetzte. Der Kampf um das heilige Land verlieh dieser Konvenienz eine religiöse Weihe, die in den geistlichen Ritterorden der Johanniter, Templer und Deutschherren das christliche Kriegertum und das christliche Mönchtum in eins verschmolz. Die sehr bedeutende Stellung, die diese geistlichen Ritterorden in Bälde sich errangen, verhalf der in den Kreuzzügen aufgekommenen Vorstellung von dem christlichen Rittertum als von einer idealen Genossenschaft zu immer größerer Verbreitung und Geltung, die sich auch in Deutschland stark bemerkbar machte, namentlich im südlichen und südwestlichen Deutschland, sobald die im ersten und zweiten Kreuzzug stattgehabten Berührungen des deutschen Adels mit dem französischen ihre Wirkungen äußerten. Die Kirche ihrerseits zögerte nicht, das religiöse Element, das die Kreuzzüge in das Rittertum gebracht hatten, auch formell gewichtig zu machen, indem sie die Aufnahme in die Ritterschaft mit kirchlichen Bräuchen umgab. Zum Dank lautete dann auch das erste der Rittergelübde, die Kirche zu ehren und zu schützen, ein Gelübde übrigens gerade wie die anderen – dem Lehnsherrn treu und hold zu sein, Witwen und Waisen zu schirmen, keine ungerechte Fehde zu erheben, die Ehre der Damen zu achten –, das jedenfalls ebensooft gebrochen wie gehalten wurde. Erst im 12. Jahrhundert kam die Ansicht zur Geltung, daß adelige Geburt, unmittelbare Abstammung von einem Ritter (»Ritterbürtigkeit«) Grundbedingung der Aufnahme ins Rittertum sei; doch fanden damals und später Ausnahmen von dieser Regel statt. Politische Rechte, wie sie dem Erb- und Benefizienadel zustanden, brachte der Ritteradel anfänglich nicht mit sich, und erst später wurden ihm neben den Ehrenrechten auch staatsbürgerliche zuteil. Weil aber das Rittertum der Ausbildung des Begriffs persönlicher Ehre, des Ehrenpunktes, der Standesehre außerordentlich günstig war, so drängte sich bald der Adel eifrigst zur Ritterwürde, um der idealen Standesehre teilhaft zu werden. Mit der Geltung dieses Ehrenbegriffs hing die Entwicklung der ritterlichen Anstandslehre genau zusammen. Man nannte diesen Kodex der Gesetze und Regeln ritterlichen Gebarens mit einem französischen Worte »Courtoisie« oder mit einem mittelhochdeutschen »Höfischkeit«, weil ja die Höfe größerer oder kleinerer Dynasten hauptsächlich die Stätten waren, wo die ritterliche Lebensart gepflegt und gelehrt wurde. Johs. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte. 10. Aufl. S. 103-155. (D. Verf.)

Einen wesentlichen oder vielmehr den wesentlichsten Teil der ritterlich romantischen Courtoisie machte das Minneleben aus, der Frauendienst, wie er zuerst von den spanischen Trobadores, den provendalischen Troubadours und den nordfranzösischen Trouvères in ein förmliches System gebracht wurde. Man muß sich aber wohl hüten, durch den idealistischen Schein des Frauendienstes sich täuschen zu lassen. In Wahrheit, er war mehr oder weniger überall, vorab in Frankreich, die Untergrabung des Grundpfeilers der Gesellschaft, der Ehe. Der Unterschied, den die Courtoisie zwischen Herrin, d. i. Geliebte, und Ehefrau statuierte, war ein tief unsittlicher. Die Geliebte war das Ideal des Mannes, die Frau dagegen, gleichviel ob Gattin, Schwester oder Tochter, durchweg nur das gehorsame, dienende, oft genug vernachlässigte und mißhandelte Weib. Im galanten Frankreich gab es eine gesetzliche Bestimmung, der zufolge ein Mann seine Frau ungestraft schlagen und verwunden durfte, falls er ihr nur kein Glied zerbrach und keine lebensgefährliche Wunde beibrachte. Die Wirklichkeit des Lebens entsprach dann auch dieser gesetzgeberischen Weisheit, und es sind uns Züge überliefert, die die französische Galanterie, wenigstens im 11. Jahrhundert, in einem sehr eigentümlichen Lichte erscheinen lassen.

Einen solchen Zug erzählt das Chronicon Turonense von Wilhelm dem Eroberer. Er warb um Mathilde, die Tochter des Grafen Balduin V. von Flandern. Das junge Mädchen aber erklärte stolz, sie würde keinen Bastard heiraten. Da ritt Wilhelm nach Brügge, lauerte Mathilden auf, fiel sie, als sie aus der Kirche kam, an, zerrte sie an ihren langen Haaren, gab ihr Faustschläge und Fußtritte und entfloh nach Begehung dieser Heldentat. Wunderlicherweise imponieret der Schönen diese absonderliche Art von Liebeswerbung so, daß sie unter Tränen erklärte, sie wollte keinem anderen Mann angehören als eben dem Normannenherzog, den sie auch wirklich heiratete.

Ein deutsches Seitenstück hierzu bietet in unserem Nibelungenlied, Strophe 862 und 894. Nach dem Zank zwischen Brunhild und Kriemhild sagt Siegfried zu Gunther:

»Man soll Frauen so ziehen ...
Daß sie üppige Reden lassen unterwegen.
Verbiet es deinem Weibe, ich will es meinem tun« –

Und wie nachdrücklich der Held diesen Vorsatz ausführte, bezeugt Kriemhild, indem sie bald darauf gegen Hagen äußert:

»Das hat mich schon gereuet ...
Auch hat er so zerbläuet zur Strafe meinen Leib;
Daß ich es je geredet, beschwerte seinen Mut:
Er hat es wohl gerochen, dieser Degen kühn und gut.«

Die Theorie des französischen Minnedienstes war nur eine Theorie der Sittenlosigkeit. Seine allgemein anerkannten Grundsätze sind gewesen, daß die Liebe der Liebe nichts versagen dürfe, daß die Ehe keine legitime Entschuldigung für die Liebe sei, daß eine Frau recht wohl zu gleicher Zeit von zwei Männern oder ein Mann von zwei Frauen geliebt werden könne. In den Sitzungen der vielgerühmten Minnegerichte oder Minnehöfe (Cours d'amour) wurden Fragen debattiert wie diese: »Eine Dame, die mit drei Bewerbern um ihre Gunst zusammensitzt, blickt den einen liebevoll an, dem zweiten drückt sie die Hand, dem dritten drückt sie den Fuß mit dem ihrigen, welchem hat sie nun die größte Zuneigung bezeugt?« Im Jahre 1174, also in der Blütezeit des Rittertums, hielt die Gräfin von Champagne, allgemein als das Muster einer Edeldame von damals gerühmt, einen feierlichen Minnehof, der die aufgeworfene Frage »si l'amour était possible dans le mariage?« in Form eines förmlichen Urteilsspruchs (arrêt d'amour) mit non! beantwortete. Kein Wunder, daß eine so leichtfertige Sophistik in der Praxis nach der einen Seite hin zur Verrücktheit, nach der anderen hin zu grober Zuchtlosigkeit ausschlug. Beider Sorten von Romantik sind die Contes und Fabliaux der mittelalterlichen Dichter Frankreichs voll. Ebenso die Lebensbeschreibungen der Troubadours. So steckte sich einer der bekanntesten von ihnen, Peire Vidal (1175-1215), seiner Geliebten zu gefallen, welche Loba (Wölfin) hieß, in ein Wolfsfell und kroch heulend auf allen Vieren in den Bergen herum, bis ihn die Schäferhunde übel zurichteten. Die französischen Ritterfeste liefen häufig in Orgien aus, wo sich unter dem Schutze der modischen Gesichtsmasken Mädchen und Frauen schamlos preisgaben. De la Curne de Sainte-Pelaye, Das Ritterwesen des Mittelalters, deutsch mit Anmerkungen und Zusätzen von Klüber, sagt I. S. 153: »Nie sah man verderbtere Sitten als in den Zeiten unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen in der Liebe allgemeiner.« (D. Verf.)

Die Romanliteratur ist zu allen Zeiten ein Spiegel der herrschenden Stimmungen und Sitten gewesen. Nun wohl, man nehme einmal den Stammvater aller Ritterromane zur Hand, den berühmten Amadis de Gaula, der – wenigstens die ersten vier Bücher – mit ziemlicher Sicherheit dem Portugiesen Vasco Lobeyra (um 1325) als Verfasser zugeschrieben wird. Dieses Buch, nachmals von dem Spanier Montalvo umgearbeitet und erweitert und so in alle Sprachen des zivilisierten Europas übersetzt, war einige Jahrhunderte lang das Entzücken der ritterlichen Gesellschaft. Es hat sogar noch einem so ernsten Manne wie Cervantes ein beredsames Lob entlockt. Und doch wirtschaftet darin eine ganz bodenlose Liederlichkeit. Hoffräuleins und Prinzessinnen reizen sich gegenseitig zur Unzucht auf, und Grafentöchter schleichen oder dringen vielmehr in die Schlafkammern von ihnen völlig fremden Männern und nötigen diese förmlich, ihren Gelüsten genugzutun.

Schon 120 Jahre vor der Entstehung des Amadis hatte die wüste Wirklichkeit ritterlicher Courtoisie so garstige Bilder von fraulichem Sinnen und Trachten in den Spiegel der Dichtung geworfen, daß ein altfranzösischer Poet, der vorher feurigste Minnelieder gedichtet, Guiot de Provins Des Guiot von Provins auf uns gekommene Werke, herausgegeben von Wolfart und San-Marte, 1860, S. 4.
Dahin gelangt nie irgendwer,
Ein Weib zu werthen, Thöricht Streben,
Ergründen wollen ihr Wesen und Leben!
Wissende nehmen das nicht schwer.
Eine Frau sich fürchtet nimmermehr,
Sie wird auch niemals ganz besiegt
Und niemals ihr Inneres ganz offen liegt.
Es lacht ihr Herz, während ihr Auge weint,
Und anderes sagt sie als sie meint.
An Gram weiß keine lang zu kranken
Und äußerst kurz sind sie von Gedanken.
Was sie geliebt in sieben Jahren,
An einem Tage lassen sie's fahren.
Frauen sind falsch zumeist gesinnt
Und beweglicher als der Wind.
Ihr Herz ist gar zu wandelbar,
Den Klügsten täuschen sie sogar. (D. Verf.)
, sich veranlaßt sah, in seiner um das Jahr 1206 geschriebenen »Bible« in wegwerfendster Weise von den Frauen zu reden.

In der Wirklichkeit wie in der Dichtung hatte demnach das romantische Liebesideal bei den romanischen Völkern schon frühzeitig die bedenklichsten Trübungen erfahren. Bereits im 11. Jahrhundert sogar überwog das Moment der Sinnlichkeit die spiritualistische Illusion ganz entschieden. Man betrachte den berühmten Liebesbund Abälards und Heloises und man wird finden, wie tief die platonisch-mystische Schwärmerei in die heißen Wogen sinnlichen Genusses sich getaucht hat. Heloises Briefe an den Geliebten nehmen da den höchsten Schwung, wo sie ihn an die Stunden erinnert, in denen sie sich ganz ihm zu eigen gegeben, die es ein höherer Ruhm deuchte, die Geliebte, ja die Buhlerin und Konkubine eines solchen Mannes zu heißen als seine Ehefrau. Die Briefe Heloises, vielleicht das Schönste, Kühnste, Feurigste, was je einer weiblichen Feder entquollen, sind wie unter Wollustschauern geschrieben. Es sind Stellen darin, wo auf Kosten der Ehe die freie Liebe mit bacchantischer Verzückung erhoben und gefeiert wird. Briefwechsel zwischen Abelard und Heloise. Aus dem Lateinischen übersetzt und eingeleitet von Dr. P. Baumgärtner, Leipzig, Reclam. (D. Hrsg.)

Zu solcher Genialität hat es das Minneleben in Deutschland nicht gebracht. Wir werden zwar Gelegenheit haben zu sehen, daß auch auf deutschem Boden der romantische Liebesverkehr sich keineswegs immer auf der Linie der Keuschheit gehalten hat, und daß auch hier der ritterliche Frauendienst zu Ausschreitungen führte, die ins Tollhaus gehörten. Aber im ganzen und großen stellt sich das deutsche Minneleben reiner und zarter dar als das romanische, und wenigstens in der Theorie hat man die romantische Forderung, den sinnlichen Geschlechtstrieb zur idealischen Liebe zu erklären oder, mit Lessing zu reden: »ein körperliches Bedürfnis in eine geistige Vollkommenheit zu verwandeln«, in Deutschland ernster genommen als anderswo. Die rechtliche Stellung der deutschen Frauenwelt blieb zwar auch in der ritterlich-romantischen Gesellschaft jene untergeordnete, die im ersten Buche geschildert wurde, und alle »Höfischkeit« reichte nicht aus, die Frau dem Manne von Rechts wegen gleichzustellen. Aber die altgermanische Frauenverehrung, die schon zur ottonischen Zeit wieder bedeutsam angeklungen, gestaltete sich im 12. und 13. Jahrhundert zu einem höchst wirksamen sozialen Motiv, das in der Anbetung der Gottesmutter eine religiöse Unterlage hatte. Es ist auf die Innigkeit des Mariendienstes in Deutschland schon früher aufmerksam gemacht worden und hier darüber nur noch zu sagen, daß in der Anschauung des Mittelalters Maria förmlich als weltbeherrschende Göttin erscheint, als die christliche Kybele, als die Sonne, deren Licht das Weltall erhellt und belebt.

Ihren vollendetsten Ausdruck dürfte jedoch diese Vergottung der Maria erst im 15. Jahrhundert gefunden haben, und zwar in dem sogenannten »goldenen Gebet« an die heilige Jungfrau, das Georg Pirkheimer, Prior des Karthäuserklosters in Nürnberg, in lateinischen Versen verfaßt hat. Hier wird Maria so angesungen: deutsch von Daumer. Deutsches Museum für 1854, S. 213. (D. Verf.)

»Dich als seine Herrscherin verehrt,
Was da wohnet in dem Ätherlande;
Dich als seine Meisterin erkennt,
Was da hauset in der Finsternis.
Es bewegt durch dich in ihrem Gleise
Sich die ungeheure Weltensphäre;
Der Beleuchtungsstrahl, der sonnige,
Welcher sie erfüllt, er kommt von dir.
Wie du es, der Dinge dieses Seins
Allgemeine Lenkerin, verordnest,
Also wandelt der Gestirne Heer,
Also ändert die Gestalt das Jahr.
Dienstbar unterwirft
Deinem Winke sich das Element,
Unter deine Füße machtberaubt
Schmieget die zertretne Hölle sich.
Wenn die goldnen Lichter im Azure
Freundlich auf die Erde niedergrüßen,
Wenn belebend frische Winde wehen,
Ströme wachsend durch die Lande wogen,
In der Erde Schoß der Same keimt,
Sich der Keim zu offner Pracht entfaltet –
Deiner Macht und Güte Wirkung ists!
Er erfüllet deiner Majestät
Jede Brust durchbebendes Gefühl
Das Gevögel in dem Luftbezirk,
Das Getier in Waldung und Gebirg,
Das Gewürme, das im Staube kreucht,
Das Gewimmel in dem Flutbereiche.
Denn es ist dir alles untertan,
Dir, Gebieterin im Weltenall!«

Die Poesie der Minnesänger nun legte einen Widerschein von der Gloriole der jungfräulichen Gottesmutter um jedes schöne Frauenhaupt. Das Weib wurde recht eigentlich zur Krone der Schöpfung hinauf idealisiert, und wie Maria die Herrin des Himmels, so war die Frau die Herrin der Erde, die Blüte der Schöpfung, der Mittelpunkt der Gesellschaft. Wie manchen derben Nackenschlag diese Idealisierung der Weiblichkeit von Seiten der Wirklichkeit des mittelalterlichen Lebens empfing, wie oft die ritterliche Minne aus den ätherischen Regionen in das Gebiet sehr materieller Bedürfnisse herabplumpste, immerhin war der Einfluß der Frauen zur Hohenstaufenzeit ein sittigender, bildender, und von ihnen geht hauptsächlich der dichterische Nimbus aus, der, in unzähligen Liedern und Legenden fixiert, jene Periode der deutschen Geschichte umschimmert. Freilich, von Dauer konnte diese romantische Herrlichkeit nicht sein. Abgesehen von den politischen Wandlungen schon deshalb nicht, weil die ganze höfisch-ritterliche Bildung viel mehr nur eine aus der Fremde eingeführte Mode als eine natürliche Stufe nationaler Entwicklung war. So grünte denn das unserem Volkstum künstlich aufgepfropfte fremde Reis eine Weile lustig und trieb auch Blütendolden, deren exotisch-prächtigem Farbenspiel der Duft deutscher Gemütsinnigkeit sich verband – die Dichtungen eines Walther, eines Wolfram, eines Gottfried bezeugen herrlich die Wahrheit dieses Bildes – aber die Zeit des Welkens kam rasch heran, und an die Stelle der Höfischkeit trat eine furchtbare Entartung.

Welche Verwilderung, Zersetzung, Auflösung der deutschen Gesellschaft vom Untergang der Hohenstaufen an und bis ins 15. Jahrhundert hinein: Das Rittertum zum Räubertum geworden, das Bürgertum mählich zur Spießbürgerei verknöchernd, die Geistlichkeit tief und tiefer in den Schlamm der Unwissenheit, Betrügerei und Zuchtlosigkeit versinkend, das Minneleben zu gemeiner Genußsucht entwürdigt, die Männer dem rohesten Raufboldwesen und Jagdjunkertum, dem Spiel und Trunk verfallen, die Frauen verbuhlt oder verfrömmelt, häufig beides mitsammen. Das spätere Mittelalter ist ein Abgrund von Verdorbenheit. Alles neigte sich da dem Rohen und Gemeinen zu, alles artete aus, alles Löbliche und Schöne verkehrte sich in sein Gegenteil. Die mittelalterlichen Lebensmächte waren gealtert, das Interesse für die Motive und Ziele der Romantik war erloschen, und die Gesellschaft wäre dem widerlichsten Marasmus verfallen, falls ihr der in den klassischen Studien wiedergeborene Humanismus nicht zur rechten Zeit ein geistiges Verjüngungsbad dargeboten hätte. Nachdem wir so den Verlauf der höfisch-ritterlich-romantischen Kulturperiode flüchtig angedeutet haben, wenden wir uns, rückschreitend, wieder dem 12. Jahrhundert zu.

Von den »ersten Frauen der Christenheit«, den Kaiserinnen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ist zu dieser Zeit nicht viel zu sagen. Die Gemahlinnen der schwäbischen Kaiser, zumeist Ausländerinnen, haben in der Reichsgeschichte keine so vortretende Stelle mehr eingenommen wie vordem die der sächsischen. Der zweiten Frau des Rotbartes, Beatrix von Burgund, wird echtgermanische Schönheit, Sittsamkeit und Würde nachgerühmt. Die Gemahlin Heinrichs VI., Konstanza von Sizilien, scheint viel vom alten Normannencharakter besessen zu haben, paßte auch, wenngleich zehn Jahre älter als ihr Mann, vortrefflich zu dem Strengen, Rücksichtslosen und gab, sie, die gewesene Nonne, dem kaiserlichen Freidenker des Mittelalters, Friedrich II., das Leben. Eine Kaiserin des 14. Jahrhunderts hat sich eine Stelle in der Kuriositätenliteratur, eine des 15. Jahrhunderts eine Stelle in der Skandalchronik gesichert. Jene ist Elisabeth von Pommern, Gemahlin Karls IV., die eine ziemlich unnahbare Schönheit gewesen sein muß, denn ihre Muskelkraft war so groß, daß sie Eisenstangen und Hufeisen mit Leichtigkeit in Stücke brach und Ringpanzer wie Linnenstücke auseinanderriß; diese ist Barbara von Cilly Lange nach Scherr hat Hans Chilian der Barbara von Cilly eine Ehrenrettung zuteil werden lassen (Borna und Leipzig 1908), in der sie etwas anders erscheint, wie sie Scherr und andere, darunter auch ich selbst, auf Grund parteiischer Überlieferungen hingestellt haben. (D. Hrsg.), Gemahlin des Lüstlings Sigismund, die dafür sorgte, daß auch das deutsche Cäsarentum gleich dem römischen eine Messalina aufzuweisen hatte.

Doch wir retten uns aus der schwülen und unreinen Atmosphäre der Sigismundschen Kaiserpfalz in die Klosterzelle des Rupertusberges bei Bingen zurück, wo die heilige Hildegard, die dort im Jahre 1179 als Äbtissin starb, ihre Visionen hatte und ihre Orakel erteilte. Eine höchst merkwürdige Erscheinung, diese nervenkranke Nonne, in deren leidendem Körper ein ungewöhnlicher Geist schmerzlich nach Erkenntnis gerungen hat. Ich möchte Hildegard die Veleda ihrer Zeit nennen. Dem Rätsel des Daseins nachsinnend, erhob sie sich in ihren Gesichten zu einem Pantheïsmus, der in dem Weltall die sichtbar gewordene göttliche Wesenheit erblickte. Über ganz Deutschland, ja über Europa hin reichte ihr Briefwechsel mit Päpsten, Prälaten und Fürsten. In seiner Pfalz zu Ingelheim empfing Friedrich der Rotbart ehrfurchtsvoll die Seherin, die ihm die Zukunft weissagte und ihn aufforderte, Gerechtigkeit zu handhaben. Dahl, Die Heilige Hildegard, 1832. (D. Verf.)

Eine jüngere Zeitgenossin Hildegards war Herrad von Landsberg, gestorben 1195 als Äbtissin des von der heiligen Odilie gestifteten Klosters Hohenburg im Elsaß. Herrad, Schülerin und Nachfolgerin der gelehrten Relindis, war Dichterin, Malerin und wohl die vielseitigst gebildete Frau ihrer Zeit. Ihre Klostergemeinde mit Umsicht regierend, schrieb sie in Mußestunden ihren »Lustgarten« (Hortus deliciarum), eine Art Nonnen-Enzyklopädie, in der, natürlich vom klösterlichen Standpunkte jener Tage aus, das Wissenswerte aus Theologie, Philosophie, Astronomie, Geographie, Religions- und Weltgeschichte sowie aus den Künsten in lateinischer Sprache zusammengestellt ist. Besonderen Wert erhielt diese Kompilation für die Nachwelt durch die beigegebenen Malereien, die uns ein gutes Stück der Weltanschauung, der Bildung und des Lebens von damals vorführen, so unvollkommen, verzeichnet und verdreht diese Blätter dem künstlerischen Auge erscheinen müssen.

Die weibliche Tracht jener Zeit ist in den Bildern der Herrad deutlich wiedergegeben. Sie bestand zunächst aus einem Unterkleid mit engen, bis zu den Handknöcheln reichenden Ärmeln. Ob dieses Unterkleid, das die einzige Bekleidung der Frauen niedrigen Standes ausgemacht zu haben scheint, zugleich das Hemd vorstellen sollte, ist nicht ganz klar, da es öfters weiß, mitunter aber auch anders gefärbt erscheint. Auch das Oberkleid, der Mantel, liegt am Oberkörper so fest an, daß es Büste und Hüften genau abzeichnet – zu welchem Zwecke es bei einigen Figuren sogar an den Seiten geschnürt ist – fällt dann faltenreich bis auf die Fußspitzen herab und läuft hinten in eine mehr oder weniger lange Schleppe aus. Am Halse hat es zuweilen einen Bortenbesatz. Am Ellbogen erweitert sich der enge Oberärmel zu einem ungeheuren Vorderärmel, der den Boden berührt, wenn der Arm frei herabhängt. Der Mantel zeigt grelle Farben und ist bei vornehmen Frauen mit Rauchwerk gefüttert. Andere Frauen haben einen weiten Regenmantel mit einer Kapuze. Strümpfe scheinen die Damen von damals nicht getragen zu haben; wenigstens sind keine sichtbar. Die Schuhe gehen, mit Seiteneinschnitten versehen, bis zu den Knöcheln hinauf. Diese Schnürstiefel zeigen auf dem allegorischen Bilde der Hoffart (Superbia) eine Verlängerung der Spitzen, die auf die seit dem 11. Jahrhundert in Frankreich aufgekommene und nachmals in England und Deutschland bis zur Ungeheuerlichkeit ausgebildete Mode der Schnabelschuhe hinzudeuten scheint. Die Mädchen tragen die Haare unverhüllt und lassen sie nicht gezöpfelt, sondern in freier Lockenschwingung auf Schultern und Rücken herabhängen. Die Frauen dagegen verhüllen das Haar mit einem großen weißen Schleier, der turbanartig um den Scheitel gewunden ist und dessen Enden auf die Schultern herabfallen. Als Schmuck kommen Ohrringe und Fingerringe vor. Ein Bild der nach Ägypten flüchtenden Maria zeigt, wie die Frauen zu Pferde oder zu Esel saßen, seitlings auf einem Kissen, die Füße auf einen an dem Reittier herabhängenden Schemel stellend. Auch Wagen hat Herrad abgebildet, Karren von sehr primitiver Form, auf denen es sich jedenfalls sehr unsanft saß. Alle rüstigen Leute, auch die Frauen, reisten im Mittelalter bekanntlich zu Pferde, wie das schon die Beschaffenheit der Wege nötig machte, die oft geradezu eine Wegelosigkeit war.

Gleich der Frauentracht hat auch der Hausrat noch durchweg etwas Plumpes, Eckiges, Unfertiges. Die ovalen oder länglich-viereckigen Tische sind mit bortenverzierten weißen Decken belegt. Der Vorsitzende hat einen Polsterstuhl, die Gäste sitzen auf langen Bänken. Die Speisen, hauptsächlich Fische, Wildpret und Backwerk, sind in flachen Metallschüsseln aufgetragen. Die Essenden haben weder Teller noch Bestecke, denn das eine auf dem Tische befindliche Messer und die eine Gabel sind offenbar nur zum Zerlegen da. Man langt eben waldursprünglich-ländlich-sittlich mit den Fingern zu. Brote, in allerhand Formen gebacken, liegen zwischen den Schüsseln. Der Wein ist in metallenen Gefäßen aufgestellt, zum Trinken dienen hölzerne Becher in Form kleiner Zuber. Die ganze Tischbeschickung sieht so aus, als habe man sich damals aus flüssigen Speisen wenig gemacht und sich ausschließlich an die kompakten gehalten. Man gewahrt weder Suppen noch Brühen und demzufolge auch keine Vorlegelöffel oder Eßlöffel. Bänke und Stühle ermangeln gewöhnlich der Lehnen und sind sehr massiv aus Holz gezimmert. Fußschemel sieht man häufig. Vorkommende Bücher haben gelbe Deckel, vielleicht um die Messingbeschläge anzudeuten. Von musikalischen Instrumenten machen die Querflöte, die neun- oder auch zwanzigsaitige Harfe (Kithara, Psalterion), die dreisaitige Leier (Organistrum), die einfache Theorbe (Lyra) und das Tamburin (Tympanum) sich bemerkbar.

Das Bettgestelle ruht in den Bildern der Herrad auf vier massiv hölzernen Stollen oder Füßen und ist so einfach, daß es gewöhnlich nur ein Kopfbrett, kein Fußbrett hat. Die Hauptstücke des Bettes sind eine Matratze, um die ein weißes oder auch farbiges Laken ganz herumgeschlagen ist, und ein kleines viereckiges Kopfkissen. Der Schlafende hat seine Tunika an und keine andere Decke als seinen Mantel. In dem Maße aber, in dem das Bett im Vorschritt der Zeit reicher und üppiger wurde, vereinfachte sich der Schlafanzug, bis er endlich im 14. Jahrhundert bei paradiesischer Einfachheit angelangt war. In Wolframs Parzival sind die Hauptstücke eines vornehmen Gastbettes im 13. Jahrhundert angegeben: das Pflumit oder die Hauptmatratze, mit Sammet überzogen und mit zwei schneeweißen Leilachen überdeckt; ferner der an die Kopfwand des Bettgestelles gelehnte Kulter, eine kleinere, mit Linnen oder goldgesticktem Seidenzeug überzogene Matratze, die aber auch als ein auf der Hauptmatratze ruhendes Unterbett erscheint; dann das Kopfkissen (Wankissen, Wangenkissen, Ohrkissen) und endlich als Decke ein hermelinverbrämter Mantel. Parzival von Wolfram von Eschenbach, übersetzt von Karl Pannier, 2 Bände (Reclam), Leipzig. 2. Band 552 Vers 7 ff., S. 151 f. (D. Verf.)

Zu dieser Zeit scheinen wenigstens die Damen noch das Hemd im Bett anbehalten zu haben. Im Nibelungenlied besteigt Brunhild »in sabenwizem hemede« das Brautbett, in dem sie freilich den Bräutigam nicht duldet, und wenn geltend gemacht wurde von Karl Seifart »Das Bett im Mittelalter«. Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte 1857, S. 89. (D. Verf.), sie wäre gerade durch dieses Motiv bewogen worden, gegen die schon damals herrschende Sitte bekleidet schlafen zu gehen, so ist diesem die Brautnacht der weißhändigen Isold entgegenzuhalten, wie sie Heinrich von Freiberg in seiner Fortsetzung des Tristan mit reizender Naivität geschildert hat. Da windet und birgt die schöne Braut »ir wizen linden bein« in ihr Pfeitel, worunter man nur ein Hemd verstehen kann, und liegt also ebensowenig wie Brunhild nackt im Bett, obgleich sie ganz anders als diese gegen ihren Bräutigam gesinnt ist und »daz blunde blümelein, ir blundez magetum nur eine wile vor Tristand wern und ernern« will. Daß die Männer schon zu Wolfram von Eschenbachs Zeiten nackt zu Bette gegangen, ist durch die Stelle angedeutet, wo von dem jungen auf Gurnemans Burg bewirteten Parzival bei seinem Schlafengehen gesagt wird: »Ein deklachen von harmin wart geleit über sin blôzen lîp.« Daß in erotischen Situationen auch die Frauen schon im 13. Jahrhundert das Lager »kleiderblôz« beschritten, würde noch nicht den Schluß erlauben, die Damen hätten schon damals die Sitte des Nacktschlafens adoptiert; allein wir haben Zeugnisse dafür, daß die Schönen auch unter anderen Umständen nackt im Bett lagen. Diesen wenigen Angaben von der Nachtkleidung stehen schier unabsehbare in Wort und Bild gegenüber, die beweisen, daß die überwiegende Mehrzahl der Frauen sich nackt zu Bett legte. Siehe Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, Wien 1897, 2. Band S. 246. (D. Hrsg.)

Vor leide diu vrouwe daz hâr uz rouft;
Ein sîdin hemde si an slouft,
Mit im von dem bette si gienk. v. d. Hagen, Gesamtabenteuer, I. 270. (D. Verf.)

Im 14. und 15. Jahrhundert war dieser Brauch ganz allgemein und konnte kaum anstößig sein zu einer Zeit, wo auch in Deutschland mit Nuditäten über die Maßen freigebig verfahren wurde, obzwar meines Wissens auf deutschem Boden die mittelalterliche »Naivität« nie so naiv sich gebärdete, daß, wie solches in Frankreich geschah, einziehende Monarchen – wie Ludwig XI. in Paris 1461, Karl der Kühne in Lille 1468 – in den Straßen der Städte bei hellem Tage von splitternackten Mädchen empfangen wurden, die Göttinnen oder Sirenen vorstellten, und während tausend Männeraugen frech sie betasteten, »ganz unbefangen« Verse hersagten.

Eine ähnliche Szene kam noch im 16. Jahrhundert in Flandern vor. Als Karl V. seinen Einzug in Antwerpen hielt, wurde auf Anordnung des Magistrats auf der Straße von der Zunft der Meistersänger (»Kammer der Rederijker«) eine der dramatischen Allegorien jener Zeit aufgeführt, und in diesem Schauspiel hatten die schönsten Mädchen der Stadt Rollen inne, nur einen Flor der dünnsten Sorte um ihre nackten Reize geschlagen. Der Kaiser schritt ernst vorüber, ohne einen Blick auf die Schönen zu werfen. Nicht so der mit dabei gewesene Albrecht Dürer, der, wie er seinem Freunde Melanchthon erzählte, diese Mädchen sehr aufmerksam und etwas unverschämt in der Nähe betrachtete, »weil er ein Maler«. Die Dirne und ihr Anhang. Ein Beitrag zur Geschichte des Geschlechtslebens in der deutschen Vergangenheit von Max Bauer, Dresden o. J. S. 214. (D. Hrsg.)


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