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Vorwort des Verfassers

Dieses Buch erschien in erster Auflage (1860) unter dem Titel »Geschichte der deutschen Frauen«. Die vorgenommene leichte Veränderung des Titels rechtfertigt sich dadurch, daß der jetzige den Inhalt des Buches deutlicher und bestimmter ankündigt.

Es bringt – wie ich aus der Vorrede zur ersten Auflage herübernehme – eine Geschichte des deutschen Frauenlebens, wie dieses in und mit den verschiedenen Entwicklungsphasen unseres Landes sich gestaltet hat. Meine Arbeit zerfällt demnach in drei Abschnitte: Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Unter erstem verstehe ich die Zeit vom Aufdämmern der deutschen Geschichte bis zur Epoche Karls des Großen; unter dem zweiten die Periode, die mit dem karolingischen Reichsbau anhebt und mit dem geistigen und sittlichen Verfall der romantischen Weltanschauung im 15. Jahrhundert endigt; unter der dritten selbstverständlich die Zeit vom 16. Jahrhundert abwärts.

Zweierlei erkläre ich mit Betonung: Erstens, daß ich Geschichte schrieb, aus den Quellen geschöpfte Geschichte, und daß demnach von einer Verherrlichung der sogenannten »guten, alten, frommen Zeit« keine Rede sein konnte. Männer von Wissen und Gewissen überlassen solche Falschmünzerei billig unwissenden Phantasten oder gemeindenkenden Spekulanten, die »auf Karriere dienen«. Zweitens in einer Geschichte der deutschen Frauenwelt mußten begreiflicherweise häufig Verhältnisse berührt werden, deren Betrachtung nicht für das unreife Alter taugt. Um so weniger, da dem Kulturcharakter der verschiedenen Zeitalter sein volles geschichtliches Recht nur widerfährt, wenn man sich nicht scheut, sie, wo nötig, in ihrer eigenen Ausdrucksweise reden zu lassen. Von allen Musen bedarf die der Sittengeschichte des mutigsten Auges. Sie muß es energisch offen halten, wo ihre Schwestern errötend die Wimpern senken. Aber sie besitzt zugleich auch den strengsten Mund, und seinen Offenbarungen können nur grundverdorbene Gemüter unlautere Anregungen entnehmen. Vielleicht ist diese Hindeutung ganz überflüssig. Sie wäre es gewiß, lebten wir nicht in einer Zeit, wo die religiöse, politische und literarische Heuchelei gewinnbringender ist als jemals.

Ich schrieb, also und ich schreibe überhaupt nicht für halbwüchsige Jungen oder gedankenlose Zierpuppen, sondern für denkende Männer und für denkende Frauen, und ich weiß recht gut, daß die letzteren, gerade wie die ersteren, überall in der Minderheit sind.

Trotzdem gibt es, soweit deutsch gesprochen wird, immer noch Männer und Frauen, die es vorziehen, statt der Duckmäuser, Fuchsschwänzer und Schönfärber einen aufrichtigen Wahrheitssucher und rücksichtslosen Wahrheitssager zu hören. Wahrheit aber »ist Feuer, und Wahrheit reden ist leuchten und brennen«. Falls durch meine Wahrhaftigkeit da und dort einer oder eine sich gebrannt fühlen sollte, um so schlimmer für sie, nicht für mich!

Zu meinen Feinden zu sprechen, habe ich längst aufgegeben, maßen ich nachgerade zu alt geworden, um dem Unverstand Vernunft, der Gemeinheit Hochsinn, der Bosheit Gerechtigkeit zu predigen. Aber meinen Freunden und Freundinnen im Vaterland und in der Fremde gebe ich die Versicherung, daß, solange ich atme, niemals ein Tag kommen wird, wo ich nicht mehr das Recht hätte, von mir zu sagen:

»Moi quand j'ai vu le mal debout sur mon chemin,
J'y marche le front haut et la hache à la main.«

Eine vom redlichen Freimut getragene Geschichtschreibung ist die Stimme des Gewissens der Menschheit. Mag sie, wie Wissende wollen, nur eine Stimme in der Wüste sein, dennoch würde ihr Verstummen eine ungeheure Lücke im intellektuellen und sittlichen Dasein der Völker bald schmerzlich empfinden lassen. Gerecht, aber nicht angekränkelt von der Farblosigkeit erkünstelter Gleichgültigkeit, lauten die Wahrsprüche der Weltrichterin. Sie verschmäht es, die Maske einer angeblichen »Objektivität« vorzustecken, welche die diplomatische Historiographie zusammengeleimt hat, um damit die wahren Züge ihrer Geschichtemuse Unkundigen zu verbergen – ihrer Geschichtemuse, die aus der Familie des »scharlachenen Weibes« stammt.

Die echte, die herbjungfräuliche Klio hält in unbestechlicher Wage, worin der Menschen Wollen und Walten, Verdienste und Verschuldungen gewogen werden. Höflingen, Hämmlingen und Halblingen zum Trotz und Tort übt sie streng ihr strenges Amt. Sie hat Kränze bereit für jede gute und das brandmarkende Eisen für jede böse Tat, und wie sie jedem Märtyrer einen von jenen um das bleiche Haupt windet, so läßt sie unter der Weißglühhitze von diesem jede Schurkenstirne aufzischen.

Denn nicht dazu ist sie da, alle Prinzipien auszubeinen, alle sittlichen Unterschiede zu verwischen, alle Gegensätze zu dem flauen Brei der Charakterlosigkeit zusammenzurühren, alle Begeisterung, allen Schmerz, allen Ekel und Zorn auf dem Kühlschiff einer feigen Anbequemungstheorie verdampfen zu lassen, nein! – sondern das ist ihre Pflicht, der Wahrheit hochrote Fahne den Luftströmungen bestandloser Tagesmoden beharrlich entgegenzutragen, und das ist ihr Recht, gleich unbekümmert um Zustimmung oder Widerspruch, mit voller Bruststimme zu sagen: »Dies ist recht und dies ist schlecht!« So nur erfüllt sie ihre Bestimmung, als eine Weckerin und Warnerin, als eine Richterin und Rächerin, als eine rückwärts deutende, aber vorwärts schreitende Prophetin die Menschheit zu geleiten auf ihrer leidvollen und dennoch glorreichen Bahn.

J. Scherr.


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