Lou Andreas-Salomé
Das Haus
Lou Andreas-Salomé

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V.

Fast unmittelbar darauf befand sich Balduin schon auf dem Wege zur Stadt, zu Branhardt, der in aller Frühe von seiner Konsultationsreise unten eingetroffen sein mußte, jedoch erst abends hinaufkam.

Nach dem Morgengespräch mit der Mutter trieb es ihn doppelt, ihn wiederzusehen – ihn, der so viel nüchterner dachte als sie – von des Sohnes übermäßigen Zuversichten nicht gleich jede Verwirklichung erwartete, ihn aber vornehmen würde, bis er sie verwirklichen lernte. Beide Eltern, in denen Balduin alles verkörpert sah, was er selber so brennend gern gewesen wäre! Wenn irgend jemand auf der weiten Welt, so mußten doch sie es ihm übermitteln. Lebte ihr Sein doch unmittelbar auch ihm im Blut – sein fester, sicherer Untergrund, mochte sonst alles sich ihm verwirren oder schwanken. Er sog sich unterwegs ganz voll mit der Befriedigung, die von diesem Gedanken ausging.

Erst die Nähe des Klinikenviertels stimmte ihn etwas herab. Er war immer außerordentlich empfindlich gewesen gegen Eindrücke gewisser Art. Und des Vaters Wohnräume machten das nicht besser. Nicht nur, insofern sie ja eingerichtet waren im engsten Anschluß an dessen Klinikräume, sondern auch weil ihnen geradezu absichtsvoll alles fehlte, was sie etwas individuell behaglicher hätte machen können. Vielleicht sprach sich in der Tat Grundsatz, Absicht darin aus: das Behagen sollte oben auf ihn warten, bei den Seinen –?

Man fing an, das Morgenfrühstück aufzutragen, da, wo Balduin wartete. Vom Bahnhof in die Klinik gegangen, weilte Branhardt noch immer dort. Kam er nicht endlich –?!

Balduin erwog bei sich: Sohnesliebe, wenn sie solche Notdurft, solche Abhängigkeit umschließt, verliert zuletzt doch jede Poesie des freien Gefühls. Wieviel besser war doch Gitta mit allem dran, die genoß natürlich einfach ihre Kindesliebe!

Und schon verlor sein Gefühl für ihn selber an Poesie, wie eine schlechtgetränkte Blume, die allzu direkt der Sonne ausgesetzt gewesen ist. Mit jeder Minute, die vorrückte, welkte seine Stimmung mehr ab, und die anfängliche Ungeduld durchsetzte sich sonderbar mit stechender Angst.

Das Bewußtsein, das er unterwegs mit aller Gewalt in sich verschärft hatte: auf den Vater angewiesen zu sein, verstrickte ihn plötzlich in die Mißempfindung eines Beengten, Eingesperrten, der selbstverständlich weit lieber frei wäre, sich aber wie eine Fliege zwischen feinsten Spinnweben verzappelt.

Als Branhardt eintrat, stand sein Sohn gerade im Begriff, noch rasch davonzulaufen: zunächst bloß das – als Freiheitsbeweis –, er brauchte gleich den drastischsten.

Es machte ihm Mühe, sich zu fassen.

Branhardt, der zur Pünktlichkeit, zum entscheidenden Augenblick Erzogene, hatte keine Ahnung davon, daß er hier um etliche Minuten zu spät kam. Mit herzlicher Freude bewillkommnete er den Sohn und erfuhr umgehend von dessen Plan, gleich noch ins Wintersemester einzuspringen.

Hätte Balduin das erst jetzt formulieren müssen, so wäre es verworren genug herausgekommen, aber er besaß es noch genau so bei sich, wie es sich im Augenblick der Eingebung vor Anneliese orakelartig in ihm geprägt hatte – und sein augenblickliches nervöses Freiheitsverlangen gab nur den übertriebenen Tonfall dazu.

»Erfreulich, daß du's schon selber wünschst! Hattest dir das Zusammenklappen übrigens redlich verdient, so wie du es triebst«, meinte Branhardt gutgelaunt und faßte ihn um die Schulter, wozu er den Arm heben mußte. »Und das hat der Junge sich nicht nehmen lassen, mir wahrhaftig noch um ein Stück mehr über den Kopf zu wachsen!«

Dann ging er sachlich ein auf seine verschiedenen Nöte, ließ ihn den Stiefel abziehen und nahm sich der heimtückischen Frostbeule am Fuß an.

»Dies wären also nur noch Belanglosigkeiten«, sagte er aufmunternd, als sie sich zu seinem verspäteten Morgenfrühstück setzten, womit es nun schon eilte. Doch die Eile, die kam gar nicht recht zur Äußerung. Branhardt ließ noch Wein bringen zu einem Willkommschluck, machte den Wirt für seinen langen, schmalen Jungen, seinen Gast, legte ihm von allem vor, füllte ihm das Glas und unterhielt ihn mit einer Lebhaftigkeit, die dennoch Raum und Ruhe zu schaffen wußte für alle Dinge.

Balduin konnte diesem lebhaft sichern Gebaren des Vaters jedesmal zusehen wie gebannt – es bestach da etwas seine Sinne, seine Augen bis zur Willenlosigkeit. Von der steil gebauten Stirn mit ihrer senkrecht scharfen Furche, an der auch das Frohsein nichts mehr glättete, schien diese Überlegenheit auszugehen und noch hinter den leichten, freien Bewegungen der Glieder zu stehen wie eine Macht, die spielen kann.

Selbst daß der kleinen Statur das Ansehnliche fehlte, verstärkte für Balduin den Eindruck nur noch. So etwa, als brauche sich da gar nichts erst groß aufzurecken oder sich um Sichtbarkeit der Kraft zu bemühen, weil sie eben zaubern konnte – hexen.

Branhardt fragte zwischendurch den Sohn aus nach seinem bisherigen Aufenthalt, aber Balduin, der in seinem Herzen eigentlich noch mit der Frostbeule am Fuß beschäftigt war und der Frage, ob der Vater sie schließlich nicht würde schneiden wollen, antwortete nur zum Schein. Um diese eine Frage nicht zu tun, lachte er viel zuviel, und sein Gesicht mit den selbst im Winter beharrenden Sommersprossen rötete sich bis unter das dichte, hübsch gewellte Haar. Indem er seine Stimmung zu steigern suchte, geriet er bei der Schilderung des Anstaltslebens in ganz entgegengesetzte Übertreibungen als morgens Gitta gegenüber. Aber einmal im Zuge, lobte er auch sein Wohlbefinden dort: wie der Vater es voraussetzen mochte, und wie es ihn ja jedenfalls freuen mußte. Balduin sah auch gut, daß Branhardt überdies des Sohnes mitteilsame Zutraulichkeit zu allergrößter Herzensfreude wurde, und dies trieb ihn nur immer tiefer hinein in eine Strömung, die ihm dabei doch als eine richtungverkehrte, den wirklichen Einigungspunkt mit dem Vater immer weiter verfehlende, völlig bewußt blieb. Er selbst hatte nichts davon, nun nicht mehr bloß als körperlich Bedürftiger vor ihm zu sitzen, sondern gleichsam als ebenbürtiger junger Freund, mit dem man sich findet wie mit der eigenen Jugend. Ausschließlich nur der Vater hatte also die angenehme Illusion, die Balduin daneben rein ästhetisch mitempfand, mit feinstem Eingehen auf der Höhe erhielt und zugleich ganz ohne weiteres beneidete.

Seine Wiedersehensfreude wurde ihm indessen bei diesem Tun und Unterlassen ausgeblasen wie ein Licht ohne Windschutz.

Als er heimkehrte, des Fußes halber im von Branhardt befohlenen Wagen, da fühlte er sich verunglückter als je zuvor: und so, als habe er sich selber für immer einen Freund entwendet, den er noch am Morgen, noch vor einer Stunde, hätte haben können, der aber nun bereits versorgt war mit einem unrichtigen Balduin.

Etwas stärker hinkend, als unbedingt notwendig gewesen wäre, durchquerte er den Garten, um über die kleine Holzveranda direkt in sein Privatreich zu gelangen. Eins der Schiebefenster stand offen, aber dafür fauchte das eiserne Öfchen vor Hitze rot. Auf dem Tisch mit dem dunkelgrünen Wollfries standen einige harzduftende Fichtenzweige im Glas mit brennend roten Hagebutten dazwischen, wie Gitta sie sich im Bergwald unnatürlich geschickt vom wilden Rosenbusch abriß. Der Koffer gähnte dem Eintretenden weitgeöffnet entgegen; sein Inhalt lag am Boden noch umhergestreut.

Balduin fing diesen Inhalt zu sichten an, kam nicht zurecht damit, denn die Hände brannten ihm an den entzündeten Punkten beim Zufassen.

Müde ließ er ab vom Ordnen und Kramen. Beim Stillsitzen aber belästigten rätselhaft viele Fliegen ihn: weniger noch als zur Sommerzeit ließen diese überlebenden, todgeweihten Schwärme sich fortscheuchen; matt und aufgeregt surrten sie herum – starben manchmal mitten im Fluge unvermutet, oder sie krochen an ihm herauf, mit dünnen, kühlen Füßchen, um zu sterben. Man saß eigentlich in ihrer Agonie. – Zuletzt war er gar nichts mehr als ein Stelldichein für Fliegen.

Endlich stieß er die Tür nach der kleinen Veranda auf. Wenn doch das Rotkehlchen da wäre, das Gitta vorigen Winter so zutraulich gemacht, daß es oben bei ihr wohnte und tagsüber durchs Haus hüpfte und flog, alle Fliegen und Spinnen aufpickend.

Balduin trat heraus auf die Holzstiege in die frische Novemberluft. Ein Raubvogel schrie. Die Sonne stand als ein roter Mond am etwas dunstigen Himmel über der Stadt. Es war nicht wie am Tage, obwohl früher Nachmittag war.

Einsamkeit über dem Stückchen Garten, als sei er weit – Einsiedelland; eine Stimmung, die Tag und Menschennähe leugnete. – Wie fein hatte die Mutter seiner gedacht, daß sie ihm gerade diesen Winkel zu eigen gab – ihm dieses Treppchen ins Freie hinaus, einen Ausweg jederzeit, öffnete! Hier konnte er sich wohl fühlen.

Allein kaum daß Balduin sich anschickte, die Stufen in den winterlich stillen Garten hinunterzugehen, fiel ihm noch rechtzeitig Frau Lüdecke ein, die das sicher von ihren Fenstern aus bemerken mußte. Sie würde ihn sofort wittern, gerade wie es die Fliegen getan – sie würde »Herr Balderchen« zu ihm sagen und gewiß vieles noch. – Heut bei der Ankunft im Morgengrauen, da überstand er das, weil er Frau Lüdeckes so sehr bedürftig und weil er hungrig war.

Es erschien ihm ganz unzweifelhaft, daß sie aus dem Fenster blickte. Sie besaß eine förmliche Leidenschaft dafür, sich dort hinzustellen, zwischen die steifgebügelten Tüllgardinen, beim blanken Kanarienbauer.

Balduin blieb oben. Von seinen Holzstufen schaute er hoffnungslos in den Garten wie in ein ihm verschlossenes Paradies, vor dessen Eingang Frau Lüdecke Wache hielt mit flammendem Schwertchen.

*

Anneliese hatte seine Heimkehr vom Vater nicht bemerkt, weil sie Besuch bekommen hatte, der sie in Anspruch nahm – zu sehr, wie Frau Lüdecke meinte, denn sie fand, den ehre man ja geradezu; als ob er in eigener Kutsche vorgefahren käme.

Das tat Anneliesens Freundin, die alte Hausierfrau, Hutscher mit Namen, nun zwar nicht; Frau Lüdecke argwöhnte aber, daß Branhardts sie am liebsten gleich ganz im Hause behalten hätten. Entschieden besaßen sie eine gewisse Schwäche für dergleichen – die Baumüllers, die Hutscher, ja, Frau Lüdecke war ehrlich genug, hinzuzufügen: auch die Lüdeckes –, lauter halbwegs verkrachte Existenzen, die sie sich mal wo auflasen. Und die neben ihnen sozusagen selbständige Existenzen blieben oder wurden, nicht Dienerschaft, »Herrschaftsanhängsel«. Dieser Umstand wurde Frau Lüdecke am wenigsten verständlich, und beinah tat er deshalb ihrer Hochschätzung der Branhardts Eintrag.

Anneliese kannte die Hausier-Hutscher seit so manchem Jahr, seit sie sie einst am Fuße des Bergwaldes zusammengesunken vorgefunden und bei sich verpflegt hatte. Noch jetzt begriff sie's kaum, daß ihr die Hutscher nicht öfter vor Hunger oder Erschöpfung umfiel, und für wen sie die wunderlich unnützen Dinge in ihrer großen Rückenkiepe feilhielt, als da waren: gefärbte Sträuße, silberne Gürtel, goldene Haarkämme, Diamantnadeln und ähnliches. Doch vielleicht dank der frischen Luft – dem einzigen, worin sie prassen durfte – sah man bei aller Entbehrung der Alten ihre Siebzig nicht an, und kein weißes Haar im schwarzen, dünnen Scheitel; nur die Augen wurden ihr trüber von Jahr zu Jahr.

Stillsitzen und Stubenluft war ihr Folter: so hatte Anneliese es ganz vergeblich versucht, sie mit lohnender Arbeit festzuhalten – länger als Tage hielt sie's nicht aus, und gut machte sie's auch nicht. Ihre Hände – merkwürdig edelgeformte, wie man es im Volk nicht oft antrifft – mochten allzu lang den Füßen das eigentliche Tagewerk überlassen haben. »Rast' ich, so rost' ich!« sagte sie gern, meinte damit ausschließlich die Füße und behauptete, es stände schon in der Bibel. Je länger ihre schlechten Augen sie am Bibellesen behinderten, desto getroster verlegte sie alle Aussprüche, die ihr besonders wohl gefielen oder Eindruck machten, ins Neue Testament.

In der warmen Stube beim warmen Süppchen, das der Zahnlosen bereitet wurde, saß sie, überselig, wieder mal hier gelandet zu sein – übervoll auch von Neuigkeiten und neuen Kümmernissen. Der Sohn, Arbeiter in einer Teppichfabrik, litt an Bluterbrechen, seine Frau trieb sich liederlich umher. Übler noch war die Tochter dran, ein Dienstmädchen. Frau Hutscher hatte ihre Grete zu phänomenaler Ehrbarkeit erzogen, mit dem drohenden Spruch: »Der Tod ist der Sünde Sold!« Und bis zum letzten Endchen ihrer plagereichen Jugend blieb Grete auch allen Lockungen gegenüber standhaft – bis zum »ehrlichen Freier«, der sie mit dem Standesamt verführte. Ans Sparkassenbuch – diese Begleiterscheinung einer standhaften Jugend – als Ehemotiv hatte niemand gedacht. Nun war sie's los, ihn ebenfalls, und lag verlassen, dienstunfähig, schwanger beim kranken Bruder unterm Dach.

Mitten in ihrer Jammererzählung tröstete Frau Hutscher sich selbst zwischendurch mit einem Sprüchlein, und wär's auch nur: »Hoffnung welket nie« oder: »Lerne dulden, ohne zu klagen«. Von der Gemeinplätzigkeit mancher ihrer Sprüchlein konnte man es kaum glauben, daß sie noch als Herzstärkung wirkten, und so manchen belästigte es, wenn sie ihren Waren zuviel davon gratis hinzugab. Allein in der Alten Hand wurde auch das dürrste, abgestorbenste dieses zusammengescharrten Spruchreisigs irgendwie grün und lebendig, bekam Frühling, ja, wuchs sich zu Bäumen aus, unter deren Schatten sie zu rasten, von deren Früchten sie sich zu nähren wußte.

So reich war Frau Hutscher.

Übernachten wollte sie diesmal nicht. So ging sie mit erstem Dunkelwerden; ein großes Bündel Sachen, Nötigstes enthaltend, in die Kiepe zum übrigen gestopft und von Anneliese besorgt entlassen, denn der leuchtete es wenig ein, wie ihre hausuntüchtige Alte das zuwege bringen werde: den Sohn verpflegen, später Wöchnerin und Kind, und nicht mehr über Land gehen; wie würden ihre trägen Hände und trüben Augen das vollbringen?

Die Hutscher, gekrümmt unter ihrer überfüllten Kiepe am Rücken – aus der sie noch rasch für Gitta Rubinohrringe gespendet hatte und für Balduin diamantene Manschettenknöpfe –, leuchtete vor Sattheit und Liebe.

»Das Vollbringen gibt Gott!« rief sie, sich noch zurückwendend. »Steht doch geschrieben: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Und es steht auch geschrieben: Frisch gewagt ist halb gewonnen!«

Anneliese pflegte geneckt zu werden ihrer »Hausierfreundin« wegen, die, sehr zu deren Vorteil, schon überall unter diesem Titel bekannt war. Aber nicht selten, wenn die Alte an ihrem Knotenstock davonstampfte, kam es Anneliese in der Tat vor, als habe sie ihr eine Erbauung hinterlassen, wenn sie sich auch nicht immer im Wortlaut des Neuen Testaments fand.

Als Anneliese hinaufstieg, nach Balduin zu sehen, tönte ihr aus Gittas Zimmer der lebhafteste Streit der Kinder entgegen. Auch durch ihren Eintritt ließen sie sich keinen Augenblick darin stören.

Gitta saß aufgeregt an ihrem Fenstertisch; offenbar hatte sie dem Bruder Mitteilung gemacht von den Briefen der Urgroßmutter und ihm eigene Notizen dazu aus ihrem Abreißheft zum besten gegeben. Noch ehe man das dem Wortwechsel entnahm, sah man es Gitta an, indem nämlich sie selber bemüht gewesen war, zur »Urgroßmumme« zu werden, und gleich zu oberst bei der Haarfrisur damit begonnen hatte. Zu beiden Seiten ihres Kopfes wand sich ein kunstvolles Flechtwerk eng ineinandergeflochtener Zöpflein, wie es sich auf alten Familienporträten den Damen breit um die Ohren legt. Balduin imponierte dies nicht genügend. Seine Kritik ging wie ein Sturm des Zorns über Gittas umwundenes Haupt dahin. Wozu sie in ihrem Abreißbuch wiederhole, was doch schon in den Briefen enthalten sei? Worin denn eigentlich ihre albernen Notizen sich unterschieden vom sklavisch nachgemachten Zopfwerk um die Ohren?

In der Erregung überschrie seine Stimme sich stets.

Als Kritiker war der Bruder Gitta unantastbar; nur ihm, nicht ihr, gelangen die Dinge, vor denen bereits Kenner und Könner nicht etwa Nachsicht äußerten: nein – Respekt.

Aber doch wurde Gitta wütend. Gerade war es ihr gelungen, sich fast ganz so zu fühlen wie die Urgroßmumme. Sie weinte vor Empörung und Verdruß, und Salomo bellte Balduin an.

Salomo saß auf Gittas Rocksaum, den sie ihm sorglich untergeschoben hatte, denn es machte ihn stets betroffen, wenn sein Gesäß unerwartet auf was Kaltes kam.

Anneliese, auf ihrem Stuhl bei der Tür, die Ohrringe und Brillantknöpfe noch in Händen, hörte und sah erstaunt zu. Machte das nur die Abwesenheit während längerer Wochen so seltsam, oder waren ihre beiden Kinder wirklich nicht ganz richtig im Kopf?

Balduin lief dabei beharrlich auf und ab, und von Zeit zu Zeit erinnerte Gitta ihn erbittert an den frischgestrichenen Fußboden. Damit schien er nun auch ein Einsehen zu haben: trotzdem er der Frostbeulen wegen in weiten, weichen Filzpantoffeln steckte, achtete er bei aller Aufregung noch darauf, jedesmal auf einen der ausgelegten Schutzlappen zu treten, wobei er bald einen sehr großen Schritt machen mußte, bald einen ganz kleinen, was sich drollig genug ausnahm. Die unförmlichen Pantoffel zu den schmalen Fußknöcheln und dünnen Waden unter der Kniehose wirkten an sich schon grotesk.

Allmählich fing Balduin an auseinanderzusetzen, wie man's machen müsse. Nicht von der Urgroßmutter aus nämlich, sondern vom Urgroßvater. Seine Empfindungen dabei, die wären das Neue, noch nicht Gebuchte. Sobald er mit tatsächlichen Vorschlägen kam, wurde Gittas Aufmerksamkeit wach. Zwar machte sie ihre Einwände. »Sich in ihn hineinzuversetzen ist wenig angenehm«, meinte sie egoistisch.

Balduins Fuß stockte. »Aber wundervoll doch auch! Stell' dir nur diese Vereinsamung vor – und dann, daß diese Frau ihm nachgeht in alles hinein – bis in die dunkelsten Dinge hinein, die ihn zum Abgrund ziehen. – Angenommen, er fühlt das noch: wieviel Qual, wieviel Seligkeit muß das sein! Förmlich reizen müßte es ja, sich in immer dunkleres Dunkel zu stehlen, nur um zu sehen, wie weit – wie weit ein Mensch nachgeht. – Diese Einsamkeit und dies Entzücken – damit ist er ja in der Hölle und im Himmel gleichzeitig – nicht erst später ist er's, nach seinem Tode –, nein, schon belohnt für alles, schon bestraft für alles –!«

Balduin brach ab. »Wenn du dir das nicht vorstellen kannst, so bist du ein Kamel!«

»Ja, ja, prachtvoll, sehr gut!« sagte Gitta eifrig. Ihr Zorn war verraucht. Das Kamel focht sie nicht weiter an. An den Wimpern noch die letzten der vergossenen Tränen, blickte sie erwartungsvoll und folgsam auf den Bruder.

Er war stehengeblieben, das Lampenlicht fiel auf seine schöne Stirn, deren Haut so zart sich abhob vom rötlichen Haar und das sommersprossige Gesicht eigentümlich adelte, dessen Züge ein wenig unbestimmt waren wie die Anneliesens.

Mit heller Stimme malte er Schauriges aus, während er dastand, die eng geschlossenen Füße in den Filzpantoffeln auf einem der Schutzlappen wie auf einem Postament.

Er redete ernst und gesammelt und fast ohne sich zu unterbrechen, und Gitta schrieb.

Sie hatte große, erschrockene Augen. Aber einwandlos machte sie mit energischem Stift alle erforderlichen Zutaten zu ihren kurzen Notizen. Sie hatte jetzt einen düster violetten Stift dazu gewählt.

Anneliese saß regungslos.

Wie sprach der Balder doch von den Dingen – nicht nervös überstiegen wie vom Wirklichen, nicht reizbar unsicher wie sonst – vielmehr ruhig überzeugt gleich einem, der Freude daran hat, für seine Worte einzustehen. Ja – einzustehen!

Als hörte sie zum allererstenmal ihn von einer Wirklichkeit sprechen anstatt von Hirngespinsten, mit denen er sich herumschlagen mußte.

Eine Ahnung kam ihr, was das sei, worin er zu Hause sei – und warum er's nicht ganz sein konnte anderswo und auch bei ihr nicht –, was ihm das sei: »dichten«. So wie er jetzt ihr vor Augen war, so war er in Wirklichkeit – kein Prinz Nimm-von-mir, kein Kaspar Habenichts – nein, er selbst, der Balder.

Sie regte sich nicht auf ihrem Platz – sie schaute, lauschte. – Und die Kinder ließen sich auch gehen vor ihr, als sei dies alles ihr ebenso vertraut wie einst Schaukelpferd und Puppe.

Dennoch fiel es keinem von ihnen jemals ein, daß, in Spiel oder Ernst, die Mumme etwas über sie erfahren könnte, was sie nicht schon wüßte.


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