Fritz Reuter
Läuschen un Rimels, Neue Folge
Fritz Reuter

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1. De swarten Pocken

Wenn 'n Spitzbauw ut de Dör rut geiht,
Denn weit hei ganz genau Bescheid,
Wat den'n fehlt, von den'n hei geiht;
Doch wenn en Dokter rute geiht,
Denn weit seindag' hei nich Bescheid,
Wat sinen Kranken fehlen deiht.

Tau »Weit nich wo«, dor wahnt Herr Holtermann,
De kreg mal in sin leiw Gesicht
En Anfall von de fleigend Gicht.
Dat knep un ret un packt em an,
Dat purrt un bohrt in't Fleisch herümmer,
Un wat för Druppen hei ok sluckt
Un wat sin leiwe Fru ok brukt,
Je, dat würd slimm un ümmer slimmer.
Drei olle Wiwer pusten nu:
»Dor sprüngen twei Kirls woll äwer den Tun,
De ein, de was blag, un de anner was brun.«
Helpt allens nich. »Na«, seggt de Fru,
»Fik, lop nah unsen Dokter hen,
De kennt uns' Vadern sine Gicht
Un kennt ok sin Naturgeschicht.«

Fik kümmt taurügg: »De is nich in,
Hei ward woll up de Landstrat sin;
Doch wenn hei kem, denn süll hei kamen.«
»Denn hal en annern, Fik, un lop!«
Je ja, je ja! De Dokters alltausamen,
De wiren ut, un Fiken drop
Sülwst bi de nervenswacksten Damen
Un in de Wirtshüs', wo sei süs doch kamen,
Nich einen von de Herrn Doktoren,
Sie wären alle ausgefohren.
Blot den Cichurgus Jakob Kalw,
Den find't s' tauletzt un slept em ran,
Doch Jakob, de is ok man halw,
Is dun, as einer wesen kann,
Hei's niederträchtig in den Storm
Un süht den Nikolaitorm
För 'ne steidelricht't Klistierspritz an.

Fik ledd't nu den Cichurgus 'rin,
Un as hei in de Stuw ward sin,
Dunn sammelt hei denn sin Gedanken
So gaud, as't geiht; nimmt sick tausamen
Un geiht an't Bedd un fröggt den Kranken,
Up wecke Ort hei dortau kamen.
»Ick heww't so kregen«, seggt de Krank.
Nu fohrt em Jakob in't Gesicht
Un fingeriert de Back entlang.
»Dat deiht woll weih?« De Krank, de schriggt.
»Dat wüßt ick, dat dat weih dauhn ded.«
Un tippt nu wider hen un her,
Ob dit em nich noch weiher ded?
De Krank, de schriggt, dat't nich taum Utholl'n wir.
»Nich wohr?« fröggt Jakob, »'t brennt as Fü'r.
Nu täuwen S' man, Herr Holtermann,
Nu klopp ick mal hir baben an,
Hir up den spitzen Backenknaken,
Wat S' denn woll för Gesichter maken!«
De Krank, de springt nu hell in En'n
Un grippt nah Jakob sine Hän'n
Un bröllt un schriggt un weihmert lud.
»Nich wohr, dat holl der Deuwel ut?«
Fröggt Jakob Kalw, »nich wohr, dat brennt?
Sei makten ok en schön Gesicht.
Ja, Herr, dat is de fleigend Gicht,
Ick kenn s' gewiß, wenn s' einer kennt.«

»Na«, fröggt de Fru, »wat sünd för Saken
Denn gaud dorför? Wat's denn tau maken?«
»Tau maken? – Je«, seggt Jakob Kalw,
»Tauirst nem wi hir dese Salw
Un ward'n em dat Gesicht insmeren,
De ward de bösen Dünst vertehren,
Un denn«, un leggt den Finger an de Näs',
»Heww'n Sei kein Roborantium?«
De Fru, de steiht as in den Däs'.
»Dat nich.« – »Villicht ein Mitigantium?«
»Ne«, seggt die Fru, »dat ick nich wüßt.«
Je, seggt uns' Jakob, etwas müßt
Noch uter sine Salw gescheihn,
De Salw, de ded dat nich allein.
Ob sei kein Surkrut nich hett?
Dat hett sei, ja! »Denn nemen S't«, seggt Jakob,
»Un slagen S't in 'ne rein Salwjett
Un legg'n S't den Kranken up den Kopp!«
Un geiht nu 'rut un seggt adjü.

»Fik«, seggt de Fru, »oh, lop em nah!
Ob ok 'ne Bratwust müßt dorbi?«
Un Fik kümmt t'rügg: »Ja, säd hei, ja!
Dat künn taum wenigsten nich schaden.«
Na, up Befehl von Jakob Kalw
Würd Holtermann nu ingesmert
Un mit 'ne gnäterswarte Salw
Sin leiwes Antlitz angeteert,
Un as en Turban up den Kopp
Lagg de Salwjett mit Surkrut,
Un baben lagg de Bratwust up,
Un unse gaud Herr Holtermann
Sach as en Muhrenkönig ut.

Un as hei dor so nüdlich sitten deiht,
Dunn kloppt dor wer, dunn kloppt wer an,
Un as de Dör nu apen geiht,
Dunn kümmt en Dokter rin.
Wo heit doch noch de Mann?
Sin Nam' ward doch nich Möller sin?
De Nam' is mi doch rein entfollen.
De ward den Puls bedächtig hollen
Un fragt nah dit un fragt nah dat:
Wo't nu woll sitt? Wo't irsten satt?
Hei fäuhlte sick woll höllschen matt?
Un ob hei sick all fäuhlte frischer?
Nah allens fragt de Dokter –
Wo heit doch noch de Mann?
Dat'ck mi doch nich besinnen kann!
Un seggt tauletzt: »Herr Holtermann,
Chirurgus Kalw sagt: fliehend Gicht.
Ich aber sag, das ist es nicht,
Hier ist was anders indiziert:
Der Puls ist klein, die Haut ist trocken,
Die schwarze Farbe im Gesicht,
Das Auge rötlich inflammiert,
Ich sage leider: schwarze Pocken.«
Un röppt de Fru allein sick 'ran:
»Bestell'n S' dat Sarg man bi den Discher.
Un nu adjüs!« seggt Dokter..... –
Wo heit doch noch de Mann?
Dat ick den Namen doch nich weit!
Mi is, as wenn hei Schröder heit.

»Ja, Vadder«, seggt oll Nahwer Gräun,
»Du büst entfahmten antauseihn,
Un din Kalür geföllt mi nich,
Din Utseihn is jo fürchterlich!
Wenn dat de swarten Pocken sünd,
Denn mak di man up wat gefaßt,
Ick heww sei einmal hatt as Kind,
Dat is en niderträcht'gen Gast
Un is en Hunnendanz up Socken.«
De Fru, de schriggt, un Fik, de schriggt:
»Ne, ne, dit is kein fleigend Gicht!
Ne, ne, dit sünd de swarten Pocken!«
Un all'ns in'n Hus', dat weihmert lud:
»Hei süht all ganz verännert ut,
Dit sünd de richt'gen swarten Pocken!«

Un an dat Hus up ap'ne Strat,
Dor lett wohllöblich Magistrat
'ne Tafel slagen mit 'ne Schrift:
»Allhier ist schwarzes Pockengift!!!
Wir lassen jedermann gebieten,
Vor schwarzen Pocken sich zu hüten,
Es soll sich keiner unterstehn,
In dieses Haus hineinzugehn.
Wer dennoch aber Pocken kriggt,
Der wird vom hies'gen Stadtgericht
Als ihr Verbreiter angesehn.
Wonach ein jeder sich zu richten hat.«
Un Urt un Datum. »Hies'ger Magistrat.«
Dunn kümmt de Dokter Michel an,
Husarzt bi Herren Holtermann,
Hei hadd mal wedder switisiert
Un up de Landstrat rümflankiert.
»Min Söhning«, seggt hei tau den Kranken,
»Sei känen Ehren Schöpfer danken,
Mit swarte Pocken is dat nicks;
Cichurgus Kalw
Hett stats mit Salw
Sei angeteert mit Stäwelwichs.«


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