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Compiegne.

Matthias I., 4. Kap., 9. 10.

Siebenzehn Lieues von Paris an der Nordbahn liegt die alte Königsstadt Compiegne, vielgenannt in der französischen Geschichte der älteren und neuen Zeit.

Sie ist unregelmäßig gebaut wie meist die alten Städte und zählt gegenwärtig noch 9000 Einwohner, deren Handelsverkehr auf der sich hier verbindenden Aisne und Oise früher, ehe die innern Unruhen ihn zerstörten, nicht unbedeutend war.

Älter als die Stadt selbst mit ihrem aus dem 14. Jahrhundert stammenden gothischen Bau des Rathauses war die Burg, an die sie sich lehnte, das Palatium des Heiligen Ludwig, ursprünglich schon von Chlodwig erbaut und häufig von Fredegunde, der mordsüchtigen Gemahlin Chilperichs, im sechsten Jahrhundert, später von Pipin und Karl dem Großen bewohnt.

Bei der Belagerung dieser Burg fiel die Jungfrau von Orleans in die Hände der Engländer, die ihr in Rouen auf dem Scheiterhaufen den Märtyrertod bereiteten.

Franz I. begann, als er aus der spanischen Gefangenschaft zurückkam, ihre Erweiterung und die Umwandlung des großen an die Burg stoßenden prächtigen Waldes zum Park. Auf derselben Stelle, wo früher die alte Burg, das Palatium stand, begann Ludwig XIV. 1708 den prächtigen Neubau des heutigen Schlosses, nachdem der Palast zu den glänzenden Festen, die er nach der verräterischen Usurpation von Elsaß und Lothringen bei Gelegenheit des Lustlagers von 1698 der Maintenon gab, zu klein befunden worden.

Ludwig XV. und selbst Ludwig XVI. setzten den Bau fort, bis die große Revolution dazwischen kam und zuerst ein Militärhospital, dann eine Schule der schönen Künste daraus machte.

Hier wurde die unglückliche Königin Marie Antoinette von Gatten und Schwiegervater empfangen und hier hielt sie ihre Flitterwochen.

Auch die dritte Österreicherin in der französischen Königsgeschichte, Marie Louise, fand hier ihren Empfang. Napoleon, der große Schlachtenkaiser, hatte zwischen seinen Kriegen Zeit gefunden, das Schloß zu vollenden, erwartete hier seine junge Vermählte. Er hatte die Galanterie so weit getrieben, die Zimmer der jungen Kaiserin ganz nach den ihren in Schönbrunn einrichten zu lassen, und die Prachträume mit zahlreichen Kunstwerken ausgestattet.

In der von ihm erbauten Grande Galérie des Batailles, deren von 20 Marmorsäulen getragene Decke in vortrefflichen Malereien von Girodet allegorisch seine Schlachten zeigte, kam 1814 der zurückgekehrte Ludwig XVIII. mit Kaiser Alexander zusammen. –

Der Bürgerkönig feierte hier die Hochzeit seiner ältesten Tochter mit dem König des neu geschaffenen Belgien.

Und hierher hatte jetzt der dritte Napoleon den neuen König von Preußen eingeladen, als er sich vergewissert, daß dieser seinen Besuch in Baden-Baden erwidern werde.

Diese Zusage hatte nicht allein in den diplomatischen, sondern auch in den Kreisen der vornehmen Welt das größte Aufsehen erregt, da Compiegne von der Kaiserin Eugenie zu den Jagdsaisons und zur etappenweisen Einladung der Gesellschaft von Paris in der Diplomatie, Politik, Mode und Kunst eingerichtet worden war, und schon lange vor dem Tage der Ankunft des Königs von Preußen, der dem Besuch des Königs von Schweden folgen sollte, war kein Unterkommen mehr in Compiegne zu finden, die Neugier und Schaulust der Pariser hatte alle Quartiere in Beschlag genommen. Alle Welt schob diesem Besuch große politische Bedeutung unter, und die spekulativ erscheinende Broschüre »Rhein und Weichsel« galt weniger als Manifest des polnischen Revolutions-Komitees, denn als inspiriert vom Kaiser selbst, da ja die dreiste Ankündigung derselben in der Kölnischen Zeitung dies glauben machte.

Auch der »Constitutionel« und die Stimme des französischen Publikums bezeichneten die Zusammenkunft als von hoher politischer Wichtigkeit, während ein großer Teil der preußischen Presse sie nur als Courtoisie-Besuch darzustellen suchte. Jedenfalls ließ sich die besondere Bedeutung nicht leugnen, die ein Besuch des neuen Königs von Preußen bei dem Kaiser Louis Napoleon haben mußte. –

Im Laufe des 5. Oktober bereits war der französische Hof, der bisher meist in St. Cloud verweilt hatte, mit dem größten Teil der zu den Festlichkeiten Geladenen in Compiegne eingetroffen und hatte das Palais bezogen. Nur ein Teil der Minister und kein Mitglied des diplomatischen Korps, mit Ausnahme der preußischen Gesandtschaft natürlich, befand sich unter den vom Kaiser geladenen Gästen.

Es war am Abend des Tages, Sonnabend, und das Wetter überaus schön und mild, als auf der großen Terasse vor dem Palais und in den von ihr ausgehenden Alleen durch den Park sich viele Gruppen schaulustigen Publikums versammelt hatten, teils um die kaiserliche Familie, teils um die Anstalten für den Empfang des königlichen Gastes am nächsten Tage zu sehen.

Ein Mann in der Hausuniform der kaiserlichen Adjutanten schritt hastig durch den großen an 3000 Fuß langen Gang, der, durch eiserne Gitter überwölbt, mit Laub bedeckt ist und einen schattigen Weg vom Schloß nach dem Park bildet, welcher letztere sich unmittelbar an den herrlichen, wohl über 56,000 Morgen großen, meist mit Laubholz, Eichen und Rüstern bestandenen Wald anschließt.

»He Boulbon, nicht so eilig!«

Der junge Offizier blieb stehen. »Das ist Henrys Stimme, oder mich soll …«

»Nun, was denn, vortrefflichster aller Günstlinge, der Du ehemalige Freunde im Unglück nicht mehr zu kennen scheinst!«

»Wahrhaftig!« lachte der junge Graf, »an Dir wird das Wort zur Wahrheit, daß die Leichtsinnigsten stets das meiste Glück haben und immer wieder beim Fallen auf die Beine zu stehen kommen. Es tat mir leid, daß ich bei Deiner Ankunft in Paris nach der unsinnigen Wüsten- und Nilfahrt nicht zu Hause war, doch Du wirst von Bonifaz gehört haben, daß ich im Dienst nach Chalons geschickt wurde. Aber es versteht sich, daß ich Deine Wünsche nach meiner Rückkehr auf das Eiligste erfüllte, Dich möglichst nach allen Seiten entschuldigt und Dein Billet an Madame la Duchesse sofort selbst übergeben habe.«

»Und eben infolgedessen siehst Du mich hier. Parbleu! Man muß immer seine kleinen Gönnerschaften haben, und es war nicht zu viel, daß die Herzogin sich ihres leichtsinnigen Vetters erinnert und so lange beider Kaiserin für mich petitioniert hat, bis die Ungnade aufgehoben wurde, die, wie Du siehst, ohnehin nicht lange gedauert hat, denn am 30. August, drei Tage nach meiner Ankunft in Paris und dem Besuch bei Dir, schickte mich Seine Exzellenz der gestrenge Herr Kriegsminister auf die Festung, und vorgestern schon bekam ich meine Begnadigung in Peronne, nur daß ich vorläufig zu einem Linien-Regiment versetzt bin, – ich, ein eleganter Husar, das wahrscheinlich zum Expeditionskorps nach Mexiko bestimmt ist. Du siehst. Allerbester, daß ich keine Zeit verliere, die Tour um die Welt zu machen!«

»Du – nach Mexiko?«

»Wie Du eben gehört hast: man steckte es mir unter der Hand, und es soll wahrscheinlich eine kleine Strafe sein für den allerdings etwas willkürlichen Streich an der Adula Bai. Der Teufel konnte auch wissen, daß meine Odysseusfahrt so lange dauern würde. Vorläufig brauche ich erst in vier Wochen beim Regiment zu sein, Madame la Duchesse hat mir bis dahin Urlaub erwirkt, wahrscheinlich um mir Zeit und Muße zu geben, ihr mein Abenteuer mit Verstand erzählen zu können – à propos! die Herzogin ist doch hier? denn ich komme direkt von Peronne, mich bei ihr zu bedanken, und habe nicht einmal in Paris verweilt, hoffe also von Dir alle Neuigkeiten in Empfang zu nehmen.«

»Nein, die Herzogin hat in diesem Monat nicht den Dienst. Aber ich zweifle nicht, daß Du sie unter der Gesellschaft in der Stadt sehen wirst. Denn halb Paris ist hier!«

»Desto besser, dann hat sie mehr Zeit für mich.«

»Aber ich selbst weiß noch kaum, wie und auf welchem Wege Du zurückgekehrt bist?«

»Nun, daß ich glücklich in Kairo eintraf, nachdem ich wenigstens mein Ziel erreicht hatte, am Nil mit Lord Walpole Kugeln und einige Säbelhiebe in Gesellschaft zu wechseln, weißt Du. Der Bericht unseres Generalkonsuls in Alexandrien, daß ich glücklich wieder zum Vorschein gekommen, ging mir ja voraus. Es war brav von Euch, daß Ihr mir wenigstens eine Krankheit auf den Hals gelogen hattet, obschon der Minister nicht recht an die verspätete Genesung zu glauben schien.«

»Die Entschuldigung hat Dir wenigstens nicht geschadet und die Handhabe zu Deiner Begnadigung gegeben. Aber Du bist mir noch die Antwort schuldig.«

» Parbleu! Ich konnte doch keine Lust haben, mit meinem ehemaligen Gegner und Rivalen mich über Malta einzuschiffen, und so nahm ich das Anerbieten seines Vetters, des Conde Lerida, eines verteufelten Spaniers und Don Juans an, uns auf seiner Dampfyacht – denn Du mußt wissen, daß wir auch den Grafen Saint Bris, einen Legitimisten aus Gaëta mitbrachten – überzusetzen, hatte unterwegs ein kleines Abenteuer im Golf von Tarent, lernte in Roccabruna dem Schloß des Conde, in aller Eile noch eine geheimnisvolle Spanierin kennen und hielt dann über den Mont Cenis wieder meinen Einzug in Frankreich. Aber nun beichte: weißt Du etwas von meiner russischen Cousine und unseren damaligen Reisegefährten, oder ist sie bereits glücklich mit Lord Walpole nach England auf und davon gegangen, wie es fast den Anschein hatte?«

»Du meinst die Fürstin Wera Wolchonski?«

»Versteht sich! Die Smaragdenfee, die mich verhexte und hinter sich drein in beiläufig sehr schlechter Gesellschaft durch die ganze nubische Wüste schleppte.«

»Die Fürstin Wera ist in Paris, wenn auch noch nicht in der Gesellschaft eingeführt, denn sie widmet wie ich höre, einstweilen alle Zeit verschiedenen Studien, um ihre in Sibirien etwas zurückgebliebene Ausbildung während des Winters zu vollenden. Alle Welt fabelt von ihr das Wunderbarste, und es sollte mich nicht wundern, wenn Du sie hier in Compiegne träfest; denn Du hast ja die beste Gelegenheit, Näheres über sie zu erfahren.«

»Wieso?«

»Da Deine Beschützerin und Verwandte, die Herzogin von Rochambeau ja auch die Patronesse der jungen Fürstin geworden ist.«

»Mordi! Daran dachte ich nicht! Sie ist ja ebenso nahe verwandt wie ich.«

»Eben deshalb! Aber nun …«

»Halt, ich sehe, Du hast Eile, aber eine Frage noch! Was weißt Du von Lord Walpole?«

»Nun, er ist ebenfalls in Paris, war nur sehr kurze Zeit in England, und will sich, wie ich hörte, hier der englischen Gesandtschaft attachieren lassen.«

»Hol' sie alle der Henker, die Puddingfresser, die überall ihre Finger haben müssen! Ich glaube, gelesen zu haben, daß wir augenblicklich nicht besonders gut mit ihnen stehen.«

»So scheint es! Die Milizmanöver in England, so komisch diese Nationalgarde auch ist, die Rüstungen für die Flotte, die unklare Haltung gegenüber dem amerikanischen Krieg, die Intriguen in Italien und Griechenland, die neuesten Angriffe der Times wegen des morgenden Königsbesuchs aus Deutschland haben Verstimmung erregt. Aber nun lebe wohl, ich muß Dich wegen eines Dienstauftrages verlassen. Nach dem Besuch des Königs wirst Du mich hoffentlich stets in meiner Wohnung finden!«

»So Adieu für heute! Ich sehe, daß ich genug zu tun haben werde, um mich au fait zu setzen. Hast Du keine Einladungen zu vergeben, da Du doch jetzt protegieren kannst?«

»Das einzige, womit ich Dir dienen kann, ist eine Karte für die Offiziere der Garnison?«

»Welche haben den Dienst?«

»Eine Kompagnie Zuaven und eine Abteilung der Guiden. Hier – nimm und handle vernünftig!«

»Adieu, Hofmeister! Seit Du Familienvater geworden bist, scheint nichts mit Dir anzufangen zu sein.«

Der Husarenleutnant trennte sich lachend von dem Freunde, der, um dem weiteren zu entkommen, hastig nach dem Park vorwärts schritt. Am Ausgang der großen Allee wandte er sich links und ging im Dunkel bis zur dritten Bildsäule am Beginn des Parks, einer Statue der Flora.

Am Fuß dieser Statue lehnte ein Mann, trotz des warmen Abends in einen Sommermantel gehüllt.

»Mein Herr, sind Sie der, welcher diesen Morgen das Schreiben an Se. Majestät den Kaiser, unterzeichnet »Palikao«, gerichtet hat?«

»Ich bin es!«

Die Stimme war klar, etwas scharf, der Akzent der Worte ebenso.

»Dann habe ich den Auftrag, Sie zu Seiner Majestät zu führen, doch kann er Ihnen nur eine halbe Stunde widmen. Seine Majestät sind sehr beschäftigt.« –

»Ich werde mich bescheiden.«

»Bitte, hierher! Ich habe den Befehl, Sie durch den zweiten Flügel zu ihm zu geleiten – und …«

Der Fremde sah ihn fragend an, dann sagte er:

»Wenn es nötig sein sollte, da ich Seiner Majestät unbekannt und ein Fremdling bin, mich darauf untersuchen zu lassen, daß ich keine Waffen bei mir führe, so bitte ich, sich nicht genieren zu wollen.«

»Ich habe keine Befehle, Ihre Versicherung zu beanstanden. Gehen wir also weiter.«

Sie setzten ihren Weg fort, der Graf führte den Fremden, dessen Stimme ihm nicht ganz fremd erschien, zu einem der Seitenportale. Ein Wort an die dort Posten stehende Wache, er wandte sich in dem erleuchteten Portal sogleich zu einem Korridor und stieg die Treppe zu einem zweiten hinauf. Der Graf konnte sich nicht enthalten, sobald er in das volle Licht der Gasflammen getreten war, einen neugierigen Blick auf seinen Begleiter zu werfen.

Er fand einen modern gekleideten Mann von etwa 40 Jahren von dunklem reichem Haarwuchs mit Bart, wie ihn damals alle Franzosen zu tragen pflegten, und mit etwas trägem Ausdruck der Augen. Obschon nichts Besonderes oder Auffallendes in dieser Physiognomie lag, konnte er sich doch des Gedankens nicht entschlagen, daß ihm dies Gesicht schon vorgekommen sein mußte.

An einer der Türen des hell erleuchteten Ganges blieb der Graf stehen und klopfte.

» Entrez, Monsieur!«

Der Graf trat ein, das Gemach bildete offenbar ein kleines Antichambre, wahrscheinlich zu einem größeren, und war nur von einem altern Mann in schwarzem Frack, Schuh und Strümpfen besetzt, dem man doch trotz seiner Toilette ansah, daß er zum dienenden Personal gehörte.

»Monsieur Martin, haben Sie die Güte, dem Herrn Kabinetssekretär zu melden, daß hier die verlangte Person ist. Legen Sie ab, Herr.«

Der Adjutant wollte sich wieder entfernen, aber der Kammerdiener hielt ihn mit einer Bewegung der Hand zurück.

»Monsieur de Mocquard, Herr Graf, ist in diesem Augenblick nicht in seinem Kabinet, aber er hat mich beauftragt, Sie zu bitten, auf ihn zu warten, da der Kaiser Sie zu sprechen wünscht. Ich werde die Ehre haben, Sie später aus dem Dienstzimmer abzurufen. Wollen Monsieur nicht die Güte haben, Platz zu nehmen?«

Während der Fremde sich niederließ, entfernte sich der Adjutant. – – – – – – – – – –


In seinem Kabinet saß der Kaiser Napoleon, oder wie man ihn zu nennen pflegte Napoleon III., vor ihm stand mit mehreren Papieren in der Hand Mocquard, sein Kabinetssekretär.

Der Kaiser trug einen bequemen Zivil-Überrock, er sah etwas leidend aus und drehte, wie er zu tun liebte, eine Papier-Zigarette.

»Ich bin im Zweifel, lieber Mocquard,« sagte er, »wen ich mit dieser subtilen Mission beauftragen soll; Thouvenel dazu heranzuziehen, würde der Sache sofort einen diplomatischen Charakter geben, und Sie wissen, daß der König von keinem seiner eigenen Minister begleitet ist, sondern nur Militärs in seiner Umgebung hat.«

»Warum, Sire, sollte dann nicht Soldat dem Soldaten gesprächsweise die Vorteile einer Abtretung des linken Rheinufers gegen eine arrondierte Stellung Preußens in Deutschland und dessen Führerschaft andeuten können? Wozu haben Sie den Marschall? Er will ja sehr gern nicht blos den Haudegen spielen, sondern auch den Diplomaten und möge sich auf diesem Felde versuchen.«

»Sie haben Recht; es wird nichts anderes übrig bleiben, und Sie müssen ihm heute Abend noch die nötigen Andeutungen machen. In Berlin bei seiner Krönungsbotschaft kann er sie dann weiter führen, je nachdem er ein Eingehen darauf gefunden hat oder nicht.«

»Und Österreich?«

»Es hat ja selbst Preußen solche Lockspeise gestellt und sich bereit erklärt, die Führerschaft am Deutschen Bunde ihm zu überlassen, wenn Preußen ihm seinen außerdeutschen Besitz garantieren und die revoltierenden Nationalitäten unterdrücken helfen will, selbst auf Kosten eines Bruchs mit Frankreich.«

Der Kabinetschef des Kaisers lächelte. »Sollte es wirklich Eurer Majestät so Ernst sein mit dieser Unterstützung der Herren Garibaldi, Klapka, Kossuth und des polnischen Revolutions-Komitees?« fragte er.

Der Kaiser warf ihm aus dem halbverschleierten Auge einen bedeutungsvollen Blick zu. »Ich dächte, wir hätten in Frankreich an solchen Tendenzen genug. Rouher schreibt mir zwar aus Turin, daß die italienische Agitation kaum im Zaume zu halten ist und ganz offen durch die britische Gesandtschaft unterstützt wird, und mein kluger Vetter wird bei seiner eiligen Rückkehr aus Amerika aus Besorgnis vor einem Renkontre mit dem Orleans und der öffentlichen Meinung wegen seines schmutzigen Prozesses in der Patterson'schen Angelegenheit großen Lärm schlagen im Namen seines Herrn Schwiegervaters über Rom; indessen, wenn wir mit dem englischen Drängen auf Zurückziehen unserer Besatzung fertig geworden sind, werden wir es auch mit ihm werden. Ich habe da einen Beistand, der sich nicht scheut, ihm entgegenzutreten.«

Wieder erhob der Kaiser das Auge zu seinem Vertrauten.

»Die Sympathien Ihrer Majestät für den heiligen Vater und das Patrimonium Petri,« sagte der Kabinetschef lächelnd und sich mit seinen Papieren zu tun machend, »stehen nicht allein. Die Partei der Kirche ist sehr groß in Frankreich.«

»Darum schadet es ihr nicht,« meinte der Kaiser, »daß die Broschüre des Ex-Jesuiten Passaglia und dieser neue Aufklärer von der Sorbonne, Monsieur Renan, so großes Aufsehen machen. Die Herren Bischöfe und der ganze Vatikan müssen fühlen, daß sie der weltlichen Macht nicht entbehren können. Sobald Frankreich seine Hand von Rom abzieht, ist das Ende des Patrimoniums Petri, ja selbst der geistlichen Oberherrschaft des Papsttums nur eine Frage der Zeit.«

Es schien wohl nur selten der Fall, daß die Vorsicht des Kaisers selbst seinen Vertrautesten gegenüber sich soweit vergaß, und er lenkte auch diesmal sofort ein. »Wir dürfen mit einer offenen Beschützung des Professors Renan nicht zu sehr unsere Ultramontanen vor den Kopf stoßen, die Religion und der Einfluß der Kirche sind schließlich doch die beste Stütze der Monarchie. Indes, was ich sagen wollte, diese perfide englische Politik, die sich eben nur hält durch die fortwährenden Intriguen auf dem Kontinent, will durch die Entblößung Roms von Truppen den Papst zwingen, in Malta oder unter der englischen Flagge seinen Schutz zu suchen und damit ein neues Mittel haben, Europa fortwährend in Schach und Verwirrung zu halten. Deswegen, lieber Mocguard, bin ich für die Fortdauer der Okkupation Roms.«

»Ich glaube, Eure Majestät haben darin Recht und bleiben der schärfste Politiker Ihrer Zeit.«

»Und was ich Ihnen sagen wollte in betreff Österreichs, – Sie mögen dem Fürsten Metternich und auch Grammont dahin einen Wink nach Wien geben – es ist mir ganz genehm, wenn die englischen Waffensendungen unter Baumwoll-Emballagen nach Ungarn über Triest endlich einmal konfisziert werden. Sagen Sie also Metternich direkt, Venetien oder die dalmatinische Küste würde mit meinem Willen gegenwärtig nicht von Italien aus angegriffen werden. Außerdem habe ich ein Pflaster für die österreichische Empfindlichkeit über das Geschehene.«

»Wollen Euer Majestät die Gnade haben, Näheres anzudeuten?«

»Die mexikanische Expedition!«

»Die Okkupation Mexikos?«

»Ja. Ich werde dem König Wilhelm direkt den mexikanischen Tron für einen der Prinzen seines Hauses anbieten, wie das neue Rumänien, das sich doch mit den Couzas unmöglich halten kann, einem andern Prinzen des Hauses Hohenzollern. Auf diesem Wege gewinnen wir uns zwei Freunde. Geht König Wilhelm auf diese Ideen nicht ein – sein Neffe, Prinz Friedrich Karl, ist ja doch ein ganzer Soldat und die neue preußische Flotte hätte damit eine vorläufige Aufgabe – so werde ich durch Grammont dem Kaiser Franz Joseph das Anerbieten für einen seiner Erzherzöge machen lassen, denjenigen z. B. seiner Brüder, der ihm der unbequemste ist.«

»Den Erzherzog Maximilian?«

»Mag sein! Er hat einen ehrgeizigen, abenteuerlichen Charakter und ist ja wohl mit einer belgischen Prinzessin verheiratet?«

»Mit der Prinzessin Charlotte.«

»Immerhin! Ich habe dabei einen weitern Zweck. Sie haben doch dem Grafen Boulbon sagen lassen, daß ich ihn noch zu sprechen wünsche, und den Mann, seinen Diener oder Vertrauten, zu sich bescheiden lassen?«

»Ja, Sire!«

»Mit der Unterstützung des Erzherzogs Maximilian als Tronprätendenten von Mexiko würden wir drei Dinge erreichen: zunächst die Unterstützung der Südstaaten Nordamerikas, ihre Verpflichtung gegen uns anstatt gegen Amerika; die Demütigung Englands in dem Verhältnis zu Österreich, und das Vertrauen der katholischen Kirche, während auf der anderen Waagschale allerdings bei der Annahme eines preußischen Prinzen ebenfalls die Politik Palmerstons eine Niederlage erleiden und unser Einfluß auf die deutschen Angelegenheiten gesichert würde.«

»Ich bewundere die Kombinationen Eurer Majestät!«

»Es hängt das alles von der morgenden oder übermorgenden Unterredung mit dem König Wilhelm ab. Wie gesagt, beruhigen Sie einstweilen Metternich über meine Gesinnung gegen Österreich und schieben Sie alles Odium auf England. Vergessen Sie nicht, auf den Tisch des Königs Wilhelm die Nummern der »Times« und des »Observer«, des Leiborgans Palmerstons zu legen, welche die hämischen Angriffe gegen Preußen wegen seiner Bestrebungen für die Bildung einer Flotte und gegen die preußische Armee enthalten, die doch nach den Berichten von den Manövern am Rhein schon jetzt geeignet wäre, den ganzen englischen Militär-Plunder mit Haut und Haar zu verschlucken.«

»Ich habe bereits dafür gesorgt.«

»Nun, wohl bekomms! Wenn ich diesen festen und militärisch stolzen Charakter richtig taxiere, werden diese absprechenden Urteile über die preußische Armee bei ihm den Einfluß der Weiber vollständig paralysieren. Es ist ein einziges gerechtes und gescheutes Wort in diesen beleidigenden und anmaßenden Artikeln der englischen Presse, das ist: daß Preußen Europa gefährlich werden könnte, wenn es einmal einen energischen Minister an der Spitze seiner Politik hätte, etwa einen zweiten Richelieu! Dann wäre es natürlich auch uns gefährlich.«

»Aber Richelieu hatte Ludwig XIII. zum Herrn!«

»Desto schlimmer! Denn König Wilhelm scheint mir ein ganz anderer Charakter, auf den inan sich stützen, oder mit dem man kämpfen muß. Sie sehen, lieber Mocquard, daß Frankreich in diesem Augenblick Ursache hat, nach allen Seiten die Augen offen zu halten. Die nächsten Tage werden viel für die Schicksale Europas entscheiden. Ich will Ihnen ehrlich gestehen, daß ich ein gutes Einvernehmen mit Rußland und Preußen jeder anderen Koalition vorzöge, schon um der Zukunft meines Sohnes willen. Lassen Sie dem jungen Czartorhiski einen Wink geben, daß er seine Propaganda in Polen einstweilen menagieren möge, oder ich werde durch den Konstitutionel erklären lassen, daß die Broschüre »Rhein und Weichsel« sein eigenes Machwerk sei.«

Der Kabinetschef verbeugte sich. »Haben Euer Majestät noch weitere Befehle? In Betreff der mexikanischen Expedition möchte ich Sie nur noch an den Ehrgeiz des Generals Prim erinnern. Er hat eine Mexikanerin zur Frau und die frühzeitige Dekouvrierung der Bestimmung eines deutschen Prätendenten für den mexikanischen Thron könnte ihn zum Feinde machen.«

»Auf seine Gefahr. Er möge sich mit der Havannah begnügen, ich kann unmöglich, wie mein Oheim, jedem Marschall zu einem Thron verhelfen. Er wäre schließlich ein zweiter Bernadotte, nicht lau, nicht kalt gegen England. Sehen Sie zu, ob jener Mann, der mir so geheimnisvoll von Montauban empfohlen ist und eine besondere Mitteilung über England verspricht, an Ort und Stelle ist? Adieu! Ich rechne auf Ihre Geschicklichkeit und Ihren Eifer.«

Er reichte dem Kabinetschef seine Hand und machte ihm das Zeichen der Entlassung.

Kaum war der Kaiser allein, als er mühsam einen schwankenden Gang durch das Zimmer machte. »Connard hat Recht,« sagte er, »ich muß ihn morgen konsultieren. Dieses übel ist in fortwährendem Steigen, und ich muß große Vorsicht üben. Doch, er ist ja morgen zur Stelle, da er zu den Eingeladenen gehört. Sehen wir zu, wen uns der General da als seine zweite Entdeckung geschickt hat. In Beziehung auf die mexikanische Expedition täuscht er sich. Dazu ist er viel zu habsüchtig, er hat in China genug gestohlen, sodaß er jetzt anderen den Platz lassen möge.«

Es klopfte leise an die Tür aus dem Kabinet seines Geheimsekretärs.

Der Kaiser ließ statt der Antwort eine silberne Glocke anschlagen, und erhob sich zugleich, mit dem Rücken an sein Bureau gelehnt bleibend.

Tür und Portiere öffneten sich, und der Fremde, den Graf Boulbon aus dem Park geholt hatte, trat ein.

Er blieb mit einer tiefen Verbeugung an der Tür stehn, richtete sich dann auf und kreuzte die Arme über die Brust. Dem Kaiser entging diese orientalische Geste nicht, und er eröffnete sofort die Unterredung.

»Sie sprechen französisch?«

»Vielleicht nicht ganz so geschickt wie Euere Majestät selbst, aber jedenfalls fertig genug.«

»Sie sind der Kaufmann Lacrosse, dem General Montauban die Überfahrt auf dem Dampfer »Veloce« bewilligte?«

»So nannte man mich, Majestät!«

»Und Sie sind in Wahrheit der ehemalige Peischwa von Bithoor, Nena Sahib?«

»Ja, Majestät!«

Dieses offene und dreiste Bekenntnis des furchtbaren Feindes Englands imponierte dem Kaiser. Er wies mit einer Bewegung der Hand nach einem Sessel ohne Lehne und sagte bloß: »Setzen Sie sich, Herr!«

Es entstand eine kleine Pause, in der sich die beiden Männer mit scharfen Augen maßen.

»Ist Ihre Anwesenheit in Paris bekannt, Herr Srinath Bahadur?« fragte endlich der Kaiser.

»Niemandem mit Gewißheit außer Eurer Majestät,« sagte der Indier, »obschon ich fürchten muß, von einigen Personen auf der Überfahrt nach Ägypten beargwohnt worden zu sein.«

»Das wäre mir natürlich unangenehm, und, wenn ich auch, gegen Ihren Besuch Frankreichs und Ihren Aufenthalt in Paris nichts habe,« sagte der Kaiser, »da Frankreich jedem politischen Flüchtling offen steht und selbst der Diktator Rosa, dessen Ruf kaum weniger blutig ist, als der Ihre, noch kürzlich hier ein Asyl gefunden hat, so muß ich doch wünschen, daß Sie hier so unbemerkt wie möglich bleiben.«

»Ich werde den Schutz Eurer Majestät nicht lange in Anspruch nehmen,« sagte der Indier, »da die Aufgabe meines Lebens mich weiter treibt. Bis dahin, Sire, werde ich nicht gegen die Gesetze Ihres Landes verstoßen.«

Der Kaiser nickte zustimmend mit dem Kopf. »Sie haben mir zwar gesagt, daß Sie der ehemalige Peischwa von Bithoor, der berüchtigte Nena Sahib, sind,« sagte er, »aber ich habe noch keinen Beweis für Ihre Angabe.«

»Ich hatte mir erlaubt, dem Herrn General vor dem Frieden von Peking eine Perlenschnur für Ihre Majestät die Kaiserin von Frankreich zu übergeben.«

»Der Spitzbube! Er schreibt, er habe sie in dem Palast des chinesischen Kaisers erbeutet. Aber – was solls damit?«

»Die Schnur zählte 42 orientalische Perlen von hohem Wert. Jede zehnte von beiden Seiten …

»Halt da, Monsieur!« unterbrach ihn der Kaiser. »Warten Sie einen Augenblick.« Er ließ zwei Mal die Glocke anschlagen. Sogleich trat der Kabinetschef Mocquard ein.

»Ich fürchtete schon, Sie hätten das Kabinet verlassen. Ich muß Sie in einer vertraulichen Sache nochmals bemühen.«

»Euer Majestät waren nicht allein,« sagte mit einem Blick auf den Fremden der sorgsame Beamte.

»O, ich weiß, daß Sie dann stets in meiner Nähe sind, wenn ich Sie brauche. Aber haben Sie die Güte, sich selbst zu Madame Lenoir, der ersten Kammerfrau der Kaiserin, zu bemühen, und in meinem Auftrag für einige Augenblicke sich die Perlenschnur geben zu lassen, die ihr Graf Boulbon von dem General Montauban überbracht hat. Nun, mein Herr?« fuhr er, zu dem Indier gewendet, fort, während Mocquard sich entfernte.

»Die zehnte Perle, Sire, hat stets die birnenartige Form, welche nur die Juwelenschleifer von Birma ihr zu geben vermochten.«

»Wir werden sehen. Ah – da sind Sie schon. Ich danke Ihnen – Sie können es sogleich wieder zurücknehmen. – Hier, mein Herr!«

Der Kaiser reichte das geöffnete Etui mit dem kostbaren Schmuck dem Indier, der die Perlenschnur herausnahm und, indem er sie durch die Finger gleiten ließ, nur einen Blick darauf warf.

»Dies ist die Sendung des Sahib Generale?«

»Jawohl! Lemonier, die Hof-Juweliere ihrer Majestät, schätzen ihn auf achtzigtausend Franken.«

Der Mann lachte verächtlich. »Und glaubt der Beherrscher des mächtigen Frangistan, daß ich es gewagt hätte, seiner Begum eine solche Erbärmlichkeit anzubieten, die in meiner Heimat die Frau jedes reichen Geldwechslers trägt? Diese Perlen gleichen denen, die ich Ihrem General zu bieten die Ehre hatte, so wenig wie der rote Kieselstein des Feldes dem Edelsteine aus den Minen von Nischampoor. Die Perlenschnur, mit der ich den Schutz Frankreichs erkaufte, hatte den zehnfachen Wert der Belohnung, die England auf das Leben Srinath Bahadurs gesetzt hat, also eine Million Rupien, war also würdig von jeder Fürstin getragen zu werden, denn sie stammt aus dem Schatz der Begum von Somroo!«

»Wahrhaftig? Und sie zählt 42 Perlen?«

»Ja, Sire! In Indien würde man einen treulosen Diener, der seinem Herrn ein Kleinod stiehlt, mit Zangen zerreißen.«

»Verlassen Sie sich darauf, Prinz! Wir werden Herrn von Montauban etwas schmerzlicher ins Fleisch zu treffen wissen, wenn der Umtausch sich bewahrheitet.«

»Sire, ich habe ein besseres Mittel, Sie von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen, sobald wir allein sind.«

Der Kaiser hatte schon vorher mit einem Wink an seinen Vertrauten das Etui zurückgegeben und ihn entfernt.

»Sie sehen, wir sind es!«

»Sire,« sprach der Indier halblaut, »man sagt, daß Sie ein altes Amulet, ein Erbstück Ihres großen Oheims, der die Engländer haßte wie ich, auf Ihrer Brust tragen?«

Der Kaiser konnte eine Bewegung des Erstaunens nicht verbergen. Dann – nach einer Pause – sagte er: »Es ist wahr; zwar spreche ich nie davon und erinnere mich nur, es wenigen Personen gezeigt zu haben – zuletzt, so viel ich weiß, dem Großfürsten Nikolaus von Rußland. Woher haben Sie Kenntnis davon erhalten?«

»Es ist gleichgültig, Sire; vielleicht hat der Fürst, den Sie nannten, es zufällig erzählt. Würden Euer Majestät mir die Gnade erweisen, es mir zu zeigen – man sagt, es stamme aus Indien, wie ich.«

»Es soll ein Geschenk des berühmten Khalifen Harun al Raschid an den ersten Kaiser auf dem Thron Frankreichs, an Karl den Großen gewesen sein, der es mit in sein Kaisergrab zu Aachen nahm. Die Stadt Aachen verehrte es als eine Art Reliquie Napoleon I., der es meiner Mutter Hortense als Merkwürdigkeit schenkte, – doch, so viel ich weiß, hat es keinen Wert, als den seines Alters.«

Der Indier begnügte sich, ihn ohne weitere Worte fragend anzusehen.

Einige Augenblicke zögerte der Kaiser, dann drehte er sich um, öffnete sein Gilet und schien unter dem Hemd mit der Hand zu suchen. Endlich zog er eine starke, aber dünne Schnur hervor, hielt den Gegenstand, den sie trug, in der Höhlung der Hand und zeigte ihn dem Fremden eine Minute lang. Dieser trat nach einem aufmerksamen Blick darauf bescheiden zurück, griff aber sogleich auch in seine Brusttasche.

»Sire, es ist, wie ich hoffte! Die Form ist zwar eine andere – aber überzeugen sich Eure Majestät, Farbe und Gegenstand sind dieselben.« Er streckte dem Kaiser die feine schmale Hand entgegen; an der ein matt goldener Ring mit einem grünen Stein funkelte.

»Das ist seltsam – dasselbe Zeichen. Können Sie mir Auskunft geben über dessen Bedeutung? Man findet zwar ähnliche Attribute des Hippokrates nicht selten auf Gemmen aus dem Altertum, aber ich sah noch keins in dieser Stellung.«

»Sire, es ist die grüne Schlange Ahriman, die nach der Deutung der Perser den Stier des Ormudz anfiel. Fast jedes Volk und jeder Glaube seit vielen tausend Jahren haben ihr Geheimnis in der Schlange gefunden, auch die Söhne Brahmas.«

»Es ist mir interessant gewesen, diese Aufklärung von Ihnen zu hören. Ich zweifle nun nicht mehr an der Identität Ihrer Person. Wir wären also gewissermaßen Verbündete in dem Zeichen der Schlange. Aber was führt Sie aus dem fernen Osten hierher nach Frankreich und womit kann ich außer mit der schweigenden Duldung einem Mann dienen, der Juwelen von einer Million an Wert verschenken konnte.«

»Sire, ich habe die Geschichte Frankreichs kennen gelernt, aus Büchern und lebendigen Worten. Ich fand darin ein schwarzes Blatt, das noch immer der Sühne harrt.«

»Die Geschichte Frankreichs enthält leider manches Unglücksblatt.«

»Sire, auf jenem Blatt steht ein einziger Name – er heißt: Sankt Helena!«

»Was wollen Sie mit dieser Erinnerung sagen? Sie sind Englands Gegner und haben allerdings vielleicht Ursache, es zu hassen, aber ich …«

»Sire, ich bin und bleibe sein Todfeind!«

»Das ist eben Ihre Sache: Frankreich steht nicht mit England im Kriege, die Politik der Staaten hat sich vielfach geändert, und wenn Sie in der Tat sich mit der Geschichte Frankreichs und meines Hauses vertraut gemacht, werden Sie gefunden haben, daß ich selbst manche Ursache habe, England dankbar zu sein und sein Verbündeter zu bleiben.«

»England ist falsch und treulos gegen alle, die ihm trauen. Es kennt nur seine eigenen unersättlichen Interessen. Ich komme, Euer Majestät vor ihm zu warnen. Trauen Sie in der Stunde der Gefahr niemals auf britische Zusagen und Dankbarkeit. Sie haben England gegen den Moskowiten beigestanden, und ihm auf diese Weise Indien erhalten. Wollen Sie sehen und wissen, wie es Ihnen lohnt?«

»Bah! Herr Srinath Bahadur treibt also höhere Politik? Sie vergessen, daß auch Frankreich durch den Bau eines Kanals ins rote Meer einen offenen Weg nach Ihrem Indien gewinnt.«

»Und glauben Sie wirklich, Sire, daß Sie ihn für Frankreich bauen werden? Man hat mir gesagt, daß man auf den Rheden von Frankreich vortreffliche Schiffe zu bauen versteht und verstanden hat – für die Engländer!«

»Diese Zeit ist vorüber! England sieht ein, daß es mit seinem Prestige ein Ende und daß es die Weltherrschaft mit Frankreich wenigstens zu teilen hat. Zwei große Nationen können auch friedlich neben einander leben, ohne sich immer anfeinden zu müssen. Sie werden vielleicht Gelegenheit haben, sich noch in diesen Tagen davon zu überzeugen.«

»Sire, Ehrgeiz und Habsucht werden niemals treue Verbündete sein für Ehre und Aufrichtigkeit. Ich bitte Euer Majestät nochmals, einen Blick auf das Papier zu werfen.« Und er hielt dem Kaiser ein Heft Papiere entgegen.

»Was ist dies?«

»Es ist der geheime Traktat, den der englische Bevollmächtigte in China dem Kaiser von China anbot: gegen gewisse Vorteile der unbeschränkten Einfuhr, die britischen Truppen und Schiffe in Ihrem gemeinsamen Kriege zurückzuziehen.«

»Ich habe niemals an solcher Krämerpolitik gezweifelt, aber zum Glück sind es meine Soldaten gewesen, die den Sieg von Palikao erfochten, so gut wie sie – nicht die englischen – den Malachof erstürmten. Und dies?«

»Es ist die Abschrift der geheimen Instruktionen für die letzten beiden Vizekönige von Indien.«

Der Kaiser, der bekanntlich sehr fertig Englisch sprach, hatte sich in die Lektüre bereits vertieft und schüttelte wiederholt den Kopf.

»Es fehlt dem alten Pam Palmerston. in der Tat nicht an Schlauheit. Die Beherrschung des mittelländischen Meeres durch Gibraltar, Malta und Sizilien, das großmütige Aufgeben des nutzlosen Ionien gegen einen englischen Prinzen auf dem griechischen Tron. Eine feste Position in Galipoli, für das Versprechen des britischen Schutzes gegen Rußland und Österreich! – Bei erster Gelegenheit Okkupation Ägyptens! – Ei, das wäre billiger Erwerb auf Grund der Arbeit anderer! Und von Westen her? Bündnis mit den Afghanen und Unterstützung des Khans von Khiwa! Vorsichtiges Verdrängen Frankreichs aus Birma und Siam. Beförderung aller Aufstände gegen Holland auf den Molukken – und gegen die Holländer am Kap! Stärkere Befestigung Adens und Besitz der Küste von Abessynien, somit Sperrung der Straße von Bab el Mandeb! Das Netz, das Frankreich zum Binnenstaat macht, und die neue Weltlinie ist fertig! Ob der honorable Sir Charles Wood wohl der geeignete Mann sein wird dazu?! Aber ich denke, wir können ihnen einige Etappen auf dieser neuen Weltstraße verlegen. Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, und – wenn Herr Labrosse auch augenblicklich keine Revanche dafür sieht, er möge überzeugt sein, daß ein Bonaparte die Erinnerung an dieses Programm nicht aus den Augen verlieren wird. Sie haben mir gesagt, daß Sie Frankreich nicht zum längeren Aufenthalt gewählt haben, und ich will nicht fragen und wissen, wohin Sie sich wenden, aber jeder Wunsch an mich unter der heutigen Unterschrift wird stets die möglichste Beachtung finden. Es ist mir lieb gewesen, den Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, dessen Name die Kinder in der Wiege in England schon erzittern machte und – – sein Sie vorsichtig, nicht in die Hände Ihrer Feinde zu fallen.«

Der Kaiser machte eine leichte verabschiedende Bewegung und begleitete den Fremdling höflich bis zu der Tür des Kabinets, aber er reichte ihm nicht die Hand.

»Lassen Sie Graf Boulbon diesen Herrn bis zu der Stelle sicher zurückgeleiten, wo er ihn traf, und schicken Sie nachher den Kapitän zu mir. Bis dahin lassen Sie seinen Diener eintreten.«

Er saß wieder nachdenkend in seinem Sessel und strich mit der Linken seinen Bart. »Dieser Montauban verdiente General-Kommissar bei einer Landung in England zu sein! Für Eugenie wird das Changement der Perlen stets ein kleines Beruhigungsmittel sein, wenn man ihre Sympathien für Rom ein wenig beschneiden muß. Ah – kommen Sie näher Freund! – Sie heißen?«

»Bonifaz Cornoche aus Avignon!«

»Sie waren ein Diener des in Mexiko gefallenen Grafen Raousset Boulbon?«

»Ich diene seiner Familie seit länger als zwanzig Jahren, Sire!«

»Ich weiß, daß Sie ein treuer Diener sind. Treue Diener muß man ehren, wie gute Soldaten im Dienst, Ich bewillige Ihnen das Kreuz!«

»Sire … diese unverdiente Gnade …«

»Sie haben auch Ihre Feldzüge gemacht, in Algerien, in Mexiko, in China, gleichviel unter welchem Namen und Rang. Wie lange waren Sie mit dem ältern Grafen Boulbon in Amerika?«

»Drei Jahre, Sire; ich war drei Jahre von Frankreich abwesend, ich ging mit meinem Herrn nach der Katastrophe vom 2. Dezember …«

Der Kaiser winkte unterbrechend. »Sie sind also Zeuge gewesen von dem Tode des Obersten Grafen Boulbon bei seiner Expedition in die Sonora?«

Der alte Avignote wollte eine Bewegung machen, als kratze er sich in den grauen Haaren, aber er besann sich, wo er sich befand und ließ die Hand wieder sinken.

»Ich grade nicht, Sire, aber Kreuzträger, Bras de Fère und Wonodongha, der junge Comanche, drei vortreffliche Burschen, von denen ich den zweiten in China wieder getroffen habe, Er ist Vormund des jungen Kapitäns so gut wie ich, und das erinnert mich daran. Eurer Majestät zu danken für die Bestätigung des Brevet für meinen jungen Herrn. Ich war damals leider bei der Gräfin, aber es ist so gut, als wäre ich dabei gewesen, denn das Wort Eisenarms ist so wahr wie reines Gold.«

»Um solches scheint es sich allerdings zu handeln. Man hat mir gesagt, daß der Oberst Graf Boulbon bestimmt hat, sein Sohn solle zu einer gewissen Zeit gleichfalls nach Mexiko gehen und für Frankreich eine dort von ihm entdeckte wertvolle Mine in Besitz nehmen.«

»Einen Placero, Sire! Nur wird es ein tüchtiges Raufen darum mit diesen Schurken den Apachen kosten, mit denen wir oft genug aneinander geraten sind. Aber ich versichere Euer Majestät, daß dieser Placer wohl der Mühe lohnt!«

»So haben Sie ihn selbst gesehen und kennen seine Lage?«

»Nein, Sire, aber Eisenarm kennt sie, und er hat mir Proben mitgebracht, damals an den Bonaventura und auch nach China, die bei mir alle Zweifel beseitigt haben. Pures Gold sage ich Ihnen! Ich habe ein Stück bei unserer Ankunft aus Ägypten hier verkauft für die Equipierung meines Mündels, und der Goldschmied, dem ich es anbot, hätte mich gern bei mehr solchen Käufen übers Ohr gehauen.«

»Sie hätten sich damit an die Bank oder Münze von Frankreich wenden sollen.«

»Ein andermal, Sire; man kann nicht Augen genug haben gegen solche Schurken. Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, so hätte ich gewiß nicht ruhig zugesehen, daß Eisenarm so mir nichts dir nichts Ihrem geizigen General die schöne Goldstufe für die Aufhebung des Bischen Arrests an Louis zurückließ. Indes er meinte, es gäbe genug von dem Zeugs da drüben.«

Der Kaiser strich sich mit der Hand über die Stirn, er schien manchmal zu glauben, er spräche mit einem Wahnsinnigen, überzeugte sich aber an dem sonst so einfachen und doch schlauen Wesen des ehemaligen Sackträgers von Avignon, daß er nur mit einem Original zu tun habe.

»Wissen Sie, daß Frankreich eine Flotte nach Mexiko zu senden im Begriff steht?«

»Man spricht davon, Sire, und auch die englischen Puddingfresser, die ihre Nase überall dabei haben müssen, und die steifen Dons.«

»Sie sprechen mit wenig Zuneigung von den beiden Nationen!«

»Als ob ich sie nicht zur Genüge kennen gelernt hätte, drüben und hüben. Aber ich dachte mir, – denn der Oberst sprach immer mit vieler Achtung von Ihrem Verstande Sire – daß Sie schon die beiden andern Hunde zur rechten Zeit wegbeißen würden von dem Knochen, wenn Sie nur erst erfahren hätten, wie fett der Bissen ist!«

»In der Tat! Also hätten Sie Lust, mit Ihrem jungen Herrn die Expedition nach Mexiko mitzumachen?«

»Mit dem Kapitän, Sire? Bis ans andre Ende der Welt! Aber es wird besser sein, Sie lassen dort erst das Terrain säubern und behalten ihn noch so an zwei Jahre hier, denn die Kugeln dieser mexikanischen Banditen, namentlich des Gefleckten, und die Fieber in den Sümpfen zwischen Veracruz und Puebla könnten nur ihn zu Schaden bringen, ehe er ein Recht hat, von Eisenarm die Erbschaft für Frankreich zu fordern.«

»Wann hat er dieses Recht?«

»In zwei Jahren, Sire, an seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag. So hat es mein verstorbener Herr gewollt, und so haben wir es mit einander abgemacht.«

»Und der Kapitän weiß, daß er das Recht in zwei Jahren haben wird? Also im Jahre 1863?«

»Keine Silbe weiß er davon, keine Ahnung hat er von all den Reichtümern. Er weiß nur, daß er die Freunde seines Vaters in zwei Jahren in Mexiko aufsuchen muß, um von ihnen seinen letzten Willen zu erfahren.«

»Aber werden Sie die Männer, die Bewahrer dieses Geheimnisses, auch wiederfinden?«

»Sire, Sie kennen Eisenarm nicht! Er wird an dem bestimmten Tage in Puebla sein an den Altarstufen der Kathedrale, so sicher, wie Sie in Paris sind.«

»Hoffentlich! Aber es könnten Umstände eintreten, die es schon früher wünschenswert machen, seinen Aufenthalt zu erfahren und zu wissen, ob dieser Führer noch am Leben ist. Jeder Mensch ist sterblich.«

»Das ist wahr, und Sie müssen mir versprechen, in diesem Fall mein Mündel die Täuschung nicht entgelten zu lassen. Eben darum haben wir uns entschieden, ihm vorher nichts in den Kopf zu setzen von Hoffnungen. Wenn sichs erfüllt, wird es nicht zu viel sein, wenn Sie einen Marschall von Frankreich aus ihm machen. Er braucht zwar, wie ich mich überzeugt habe, dazu nicht viel zu lernen, aber er hat bereits allerlei Allotria im Kopf, grade wie sein Vater, und ein ernstes Studium hält die jungen Leute von vielen unnützen Dingen ab. Übrigens, Sire, was Sie mir da sagten, daß wir alle sterblich sind, und daß das Geheimnis auf zwei Augen ruht, so vergessen Sie ganz, daß auch der große Jaguar der Comanchen unsern Schatz bewacht und daß wir ihn aufsuchen könnten.«

»Aber wie eine Person finden in einem Lande, das drei mal größer ist als ganz Frankreich?«

»Ich habe Gelegenheit gehabt, auf unserer Überfahrt von China die Bekanntschaft von zwei Trappern der amerikanischen Wildnis zu machen, die nächstens nach Amerika zurückkehren wollen, an den Colorado, jedenfalls nach den Prairien, und ich möchte wissen, wen ein Prairiejäger nicht finden würde, sobald er auf eine Spur verwiesen ist, und sollte der Raum zehnmal größer sein, als Frankreich. Darf ich dem jungen Kapitän von der Ehre sagen, deren mich Euer Majestät durch diese Unterredung gewürdigt haben?«

»Ich werde ihm das Nötige selbst sagen – noch in dieser Stunde.«

»Ich danke Ihnen dafür, Sire, denn Louis darf mich nicht auf falscher Fährte ertappen und Mißtrauen gegen mich hegen. Gott erhalte Sie, Sire, und verleihe Ihnen Sieg über alle Ihre Feinde, denn ich zweifle nicht, daß es auch stets die Feinde Frankreichs und der heiligen Kirche sind, über die man jetzt etwas locker denkt, als wären wir Ketzer, wie die Engländer oder die Deutschen. Kann ich abtreten, Sire, denn ich darf nicht vergessen, daß ich für Louis noch allerlei Dinge zu besorgen habe?«

Der Kaiser winkte ihm freundlich, und während Bonifaz sich entfernte, murmelte er: »Wenn ein Herr stets so treue und uneigennützige Diener fände, wie Mocquard und dieser Avignote es sind, müßte das Herrschen leicht sein! Ich weiß nicht, aber diese Unterredung, obschon sie nur meiner Neugier über die Andeutungen des Generals dienen und mich von ernsten Dingen abwenden sollte, hat doch meine Nerven aufgeregt. Wenn sie wahr sein könnte, diese Nachricht von einem unermeßlichen Goldlager! Freilich, die Geheimnisse der Natur bleiben ewig neu und unerforscht, wie die Menschen unersättlich. Welche dann unbestrittene Weltherrschaft Frankreichs! Ich wünschte fast, ich hätte jenen Trapper, von dem der Avignote erzählte, selbst befragen können!« Er strich mit der Hand langsam über Stirn und Mund, als wollte er den Gedanken verscheuchen und zur Wirklichkeit zurückkehren. »Es ist eine Fabel, wie die vom ganzen Lande Golkonda oder den Diamantenfeldern Brasiliens. Diese sind für die Könige allein in den Taschen des Volks zu finden, wenn sie klug und – vorsichtig sind.« Er griff nach der Handschelle und bewegte sie.

Als der Huissier eintrat, sagte er kurz: »Der Adjutant vom Dienst, wenn er bereits zurückgekehrt ist.«

»Der Herr Kapitän erwartet die Befehle.«

»Dann soll er noch einige Augenblicke zu mir kommen, und schicken Sie zu Ihrer Majestät der Kaiserin. Ich würde heute Abend noch die Ehre haben, sie zu sehen. Gutenacht dann! Ich brauche keine Hilfe beim Coucher.«

Er winkte. Der Huissier öffnete bald darauf dem Adjutanten die Tür des Kabinets.


Es war am Sonntag, den 6. Oktober, nachmittags 6 Uhr, als König Wilhelm von Coblenz und Cöln mittels Separatzuges in Compiegne eintraf. Der preußische Gesandte war seinem Monarchen schon bis zur Grenze entgegengereist, und begleitete ihn von dort mit dem zur Begrüßung dahin gesandten Marschall Vaillant und General Frossard. König Wilhelm war von keinem seiner Minister, sondern von den Generaladjutanten General Frhrn. v. Manteuffel, dem damaligen Chef seines Militär-Kabinets, General von Alvensleben, den Flügeladjutanten Oberst v. Boyen, Major Freiherr v. Steinäcker und Rittmeister Freiherr v. Loë, außerdem von dem Chef des Zivilkabinets Geh. Rat Illaire begleitet.

Als der Zug auf dem Perron in Compiegne anfuhr, erwartete ihn dort bereits seit einer halben Stunde der Kaiser, und beide Monarchen begrüßten sich auf das Freundschaftlichste. Beide trugen Zivilkleidung, ebenso ihre Umgebung, die aufgestellte Ehrenwache war von den Gardezuaven, die Tambours schlugen den Feldgruß, die Musik spielte, und der Kaiser geleitete sofort seinen erlauchten Gast, nachdem er ihm seine Begleiter, die Generäle Duc de Montebello und Fleury vorgestellt hatte, mit diesen zum Wagen. Die Persönlichkeit des Königs in seiner hohen militärischen Haltung und seinem frischen gesunden Aussehen machte einen sehr günstigen Eindruck auf alle Personen, die Zutritt zum Perron gefunden hatten, sowie bei dem ganzen Publikum; die Erscheinung des Kaisers war die bekannte, von den Parisern oft gesehene, nur schien es ihm einige Beschwerden zu machen, sich grade und stramm zu halten.

Die Equipagen des Gefolges schlossen sich dem Wagen der beiden Herrscher an.

Nirgends in der Stadt sah man französische oder preußische Fahnen, dagegen die Köpfe zahlloser Neugieriger und verschiedene Anstalten zu einer Illumination, denn der Munizipalrat von Compiegne hatte dem Maire einen unbeschränkten Kredit für den Empfang des fürstlichen Gastes eröffnet.

Die Equipagen – es waren Isabellen mit Jockeys und Vorreitern in der beliebten Livre des Marstalls der Kaiserin: Hellblau mit Silber, – fuhren an der großen Freitreppe des Palastes vor.

Am Fuß dieser Treppe erwartete die Kaiserin Eugenie mit ihrem Sohn und der Prinzessin Anna Murat den königlichen Gast ihres Gemahls. Die Kaiserin hatte großes Gewicht auf diesen Besuch gelegt. Es ist bekannt, wie sehr sie sich schon bemüht hatte, in den Kreis der fürstlichen Frauen von legitimer Herkunft eingereiht zu sein, und daß die Königin von England und die Königin Isabella die einzigen waren, mit denen sie bisher als Souveränin in persönlicher Verbindung gestanden hatte.

Hinter der Kaiserin befand sich ihr Hofstaat, auf jeder Stufe der prächtigen Ehrentreppe stand ein Soldat der kaiserlichen Guiden in der schönen Uniform dieses Elitekorps, bis hinauf zum Foyer.

Die Kaiserin trug bei dem Empfang eine Robe hellgrüner Seide mit Bouguets und eine Spitzen-Mantille. Das »Kind von Frankreich«, das damals bereits 5½ Jahr zählte, hatte nach der lächerlichen sich damals für die Kinder anbahnenden, sogenannten Abhärtungs-Methode schottische Tracht.

Die Kaiserin hatte Diamanten im Haar, sie hielt in der Hand ein Bouquet mit den Blumen der Napoleoniden, den Veilchen. In der Mitte dieser Veilchen aber sah man jene bescheidene Lieblingsblüte des Königs Wilhelm, die jeder kennt und deshalb liebt und ehrt: die einfache Kornblume.

Es war dies offenbar eine Courtoisie gegen den erlauchten Gast.

Der König trat sofort, als er den Wagen verlassen, auf die Kaiserin zu, empfing ihre Begrüßung und küßte ihr als Kavalier die Hand. Dabei klopfte er das Kind, das neun Jahre später seine ersten Kugeln von den Höhen bei Saarbrücken her gegen ihn versuchen mußte, freundlich die Wange; dann bot er der Kaiserin Eugenie seinen Arm und geleitete sie chevaleresk die Treppe hinauf; der Kaiser Louis Napoleon folgte mit der Prinzessin Mürat und führte nach der Verabschiedung von den hohen Damen seinen erlauchten Gast selbst bis zu der Flucht der für ihn und sein Gefolge bestimmten Gemächer.

Es waren dies sechs Zimmer und elf Salons, meist mit den kostbaren Gobelins tapeziert, an denen die französischen Schlösser so reich sind. In dem Schlafgemach des Königs stand dessen Bett zwischen zwei lebensgroßen Bildnissen des Kaisers und der Kaiserin. Man sieht, daß der Beherrscher Frankreichs kein Zeichen der Aufmerksamkeit unterlassen hatte, seinen hohen Gast zu bestechen.

Nach einer Stunde holte der Kaiser selbst den König ab, um ihn zu dem aus nur 20 Kuverts, also dem engsten Zirkel des Hofes, bestehenden Diner zu geleiten. Nach der Tafel sollte das Curée, diese etwas läppische Nachahmung der alten Waidmannssitten stattfinden, für welche die Franzosen überhaupt keinen Sinn haben, die das Wild nur am Bratspieß lieben und suchen. Die Pariser Sonntags-Jäger sind noch viel abgeschmackter, als es die deutschen sind.

Das Curée in Compiegne bestand in einer Koppel von 50 Jagdhunden, welche unter Hörnerschall von den Piquers nach dreimaligem Versagen auf ein Stück Wildfleisch losgelassen wurden. Der ganze Hof und ein zahlloses Publikum wohnte diesem Schauspiel von der glänzend erleuchteten Terrasse aus und im Kreise vor ihr bei.

König Wilhelm war selbst ein Verehrer und Liebhaber der echt deutschen Gewohnheiten der Jagd, und er hätte schwerlich jenem Gesetz der Aufhebung der Jagdberechtigung, diesem Raub an dem gesetzlichen Eigentum vieler Unterthanen, darunter Witwen und Waisen, dieser liberalen Schmach des Ministeriums Pfuel beigestimmt, wenn er damals schon die Macht dazu gehabt hätte. Er liebte es, selbst als Jäger tätig zu sein, scheute keine körperlichen Anstrengungen dabei, und war ein bewährter Schütze; bei diesem Schauspiel zog er es aber natürlich vor, sich mit seinen kaiserlichen Wirten und den vorgestellten Personen zu unterhalten. Namentlich war es die Kaiserin selbst, mit der er sprach. Sie hatte zu diesem Schauspiel bereits die Toilette gewechselt und trug eine rosafarbene, sehr duftige Robe mit weißen Blüten im Haar.

Der Streit der Meute um das blutige Stück Wildfleisch schien die Zuschauer wenig zu interessieren, und sie zerstreuten sich bald in Gruppen auf der Terrasse und auf den Wegen zum Park. Auch die Menge suchte offenbar das interessantere Schauspiel in den Personen der glänzend erleuchteten Terrasse, nicht bei den Piqueurs und den Hunden. –

Zwei Männer schritten auf einem der breiten Gänge des Gartens nebeneinander her. Sie gehörten offenbar beide zu den distinguierten Kreisen und waren Militärs, obwohl sie Civilkleider trugen. Obschon allen echten Soldaten diese Tracht stets eine Art ungewohnter Gène ist, sah man an den Bewegungen der beiden Spaziergänger, daß nicht bloß das Feldlager und der Paradeplatz, sondern auch das Parket ihnen ein gewohnter Boden sein mußte.

»Wir freuen uns auf die Ehre, Herr Marschall, Sie in Königsberg und in Berlin wiederzusehen,« sagte der eine der beiden Spaziergänger in elegantem aber offenbar nicht nationalem Französisch. Es war dies ein großer schlanker Mann im Anfang der Fünfziger, sein Gesicht hatte etwas eigentümliches: die breite, etwas finstere Stirn, umgeben von einem noch sehr vollen Haarwuchs, darunter starke Brauen, die Gesichtsform etwas gepreßt, das tiefliegende Auge beobachtend, prüfend und klug. Man sah es dann zuweilen mit einer gewissen Vorsicht und Überlegenheit aufleuchten.

Einen ähnlichen und doch anderen Eindruck machte der Zweite der Promenierenden, ein Mann von mittlerer Größe, fast gleichem Alter und jener fast theatralischen Eleganz in den Bewegungen, die den Soldaten der französischen Nation niemals fehlt. Er hatte etwas Leidendes in dem runden Gesicht und einen melancholischen Ausdruck in den Augen.

»Es ist sehr liebenswürdig von Seiner Majestät dem Kaiser gewesen, und der König weiß dies vollkommen zu würdigen, daß ein so berühmter und glücklicher Feldherr mit dieser Mission betraut worden ist. Sie kennen unsern Norden noch nicht?«

»Der Herr General wissen wahrscheinlich, daß ich bis jetzt nur Gelegenheit hatte, in meiner militärischen Tätigkeit im Süden verwendet zu werden; Antwerpen war der nördlichste Schauplatz, schon fünf Jahre, nachdem ich als Leutnant in die Armee trat. Ich glaube, unsere militärische Karriere hat ziemlich zu gleicher Zeit begonnen.«

Der Preuße verbeugte sich höflich. »Nur daß sie andere Wege nahm. Der Name des Herrn Marschall ist bereits ein weltbekannter. Sie haben das Glück gehabt, fast nie ein Soldat des Friedens gewesen zu sein. Die Schlachtfelder Algeriens, der Krim, der Lombardei waren Stationen von so hoher Bedeutung, daß man sich ihrer stets erinnern muß.«

»Das waren glückliche Chancen für einen Soldaten, die in den politischen Verhältnissen lagen. Aber ich weiß auch, daß während mich in dieser Weise das Glück begünstigte, Sie Gelegenheit hatten, ebenfalls große Erfolge zu erreichen. Ich möchte fast fürchten, daß der Frieden von Paris und der von Villafranca durch gewisse Missionen sehr gefördert wurden. Seien wir also dem Schicksal dankbar, das König Wilhelm gestattet, seine große Mission einer Einigung Deutschlands in friedlicher Weise zu verfolgen. Eine Politik des Schwertes und richtige Wahl von Bundesgenossenschaften erzielt oft größere Erfolge als eine Schlacht.«

Der andere machte eine leichte zustimmende Bewegung.

»Seien wir aufrichtig, Herr Kamerad,« fuhr der Marschall fort, »was haben wir im Grunde von unseren Siegen in der Krim und am Mincio gehabt? – Höchstens die Stärkung des englischen Einflusses und ein neues, ziemlich undankbares Italien, das uns noch immer zwingt, auf Posten zu stehen, wenn wir nicht erleben wollen, daß das Oberhaupt unserer eigenen Religion selbst seiner Existenz und Freiheit beraubt wird. Der Einfluß Frankreichs auf die orientalischen Fragen ist nur ein künstlicher, und Sie werden doch nicht glauben, daß eine so unbedeutende Erwerbung unserer natürlichen Grenze am Mont Cenis als ein Äquivalent für Frankreichs große Opfer angesehen werden kann.«

»Sie sprechen offen, Herr Marschall!«

»Warum dürfte es der Soldat nicht dem Soldaten gegenüber tun. Wir werden hoffentlich niemals Gelegenheit haben, uns mit dem Schwert gegenüber zu stehn. Der Kaiser ist voll aufrichtigster Gesinnung für Preußen und König Wilhelm. Er wünscht lebhaft, daß Preußen die gebührende Stellung in Deutschland einnimmt und sich arrondiert, selbst auf Kosten Österreichs.«

Der General schwieg.

»Sie müssen Norddeutschland haben und eine Flotte. Aber hierzu gehören die Nordseeküsten. In einem Kriege gegen Dänemark, der jedenfalls nicht ausbleiben kann, würden Sie die Herzogtümer nehmen, über die man jetzt so viel polemisiert.«

»Und England?«

»Ja, die Besitznahme würde allerdings ein Schlag gegen England sein, den man dort fürchtet. Haben Sie schon die »Times« gelesen und gesehen, mit welchem Hohn diese englische Presse gegen die Begründung einer preußischen Flotte polemisiert? Aber Sie werden keine Weltstellung einnehmen ohne eine Flotte, und dazu gehört eben ein Besitz an der Nordsee. Auch der Kaiser ist dieser Meinung.«

»Ich zweifle nicht.«

»Die Ostseeküsten sind flach, Sie würden sich also dort gegen englische Schiffsdiversionen decken können. Und von der Nordsee her würde Ihnen Frankreich den Rücken decken gegen alle Landungen. Das eben fürchtet man in England.«

»Meinen Sie?«

»Was nun Mitteldeutschland betrifft, so denke ich, daß Österreich schwerlich gegen Ihre Ausdehnung, Ihre Arrondierung Preußens von der Weichsel bis zum Rhein etwas Erhebliches tun könnte. Es sind dies ohnehin Ihre natürlichen Grenzen, die Sie über kurz oder lang haben müssen.«

»Die Weichsel berührt nur im letzten Viertel preußisches Gebiet, Herr Marschall!«

»Ich weiß es; sie durchströmt Polen. Aber Rußland würde mit dem linken Weichselufer eine große Last, eine ewige Wunde los werden, und ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, daß die Polen es für wünschenswert halten, im Fall ihnen nicht ein eigener selbstständiger Staat werden kann, daß wieder ein Herzogtum Warschau hergestellt wird.«

»Sie beweisen dies augenblicklich wenig in unserer Provinz Posen.«

»Oh, das liegt wohl an anderen Verhältnissen. Eine ernste Asylverweigerung im Hotel Lambert und die bestimmte Erklärung, daß eine polnische Revolution gegen unsere Verbündeten nicht auf französischen Beistand zu rechnen hat, würde diese Heißsporne, die sich nur auf Frankreich und England vertrösten, sehr bald und voll zur Ruhe bringen.«

»Wir haben in unserer Kombination ganz Österreichs vergessen.«

»Österreich ist ein sich selbst zersetzender Staat. Zweifeln Sie daran? Es mag seine Macht und Entschädigungen an der Donau abwärts suchen. Metternich fühlt das selbst und sucht den Kaiser vergeblich für diese neue Triasidee zu gewinnen, für die man jetzt an Ihrem Bundestage, diesem ewigen Hemmschuh für die preußische Entwickelung plädiert. Ich glaube kaum, daß der Kaiser selbst dagegen sein würde, wenn König Wilhelm das ganze Deutschland etwa bis zur Mainlinie in Anspruch nähme, indem er dafür einen zuverlässigen Bundesgenossen an Frankreich zu gewinnen suchte.«

»Wäre dies alles?«

Der Marschall nahm vertraulich den Arm seines Begleiters.

»Nun, es verstände sich von selbst, daß wir, um eine beiderseitige gesicherte Position zu gewinnen, die natürliche Grenze regelten, die Deutschland, oder vielmehr dann Preußen, von Frankreich scheidet; es kann nichts von der Natur mehr dazu Bestimmtes und Günstigeres geben, als den Rhein. Colmar, Straßburg, Belfert gehören ja ohnedies Frankreich an, die Mosel- und Saarlinie bilden nur die natürliche und politische Fortsetzung. Das ist eben jene naturgemäße politisch richtige Verbindung, welche die Engländer fürchten. Darum verhöhnen sie Ihre Flottenbestrebungen und weisen Sie allein auf die Armee zurück. Sie erhoffen in dieser eine Verbindung gegen uns, gerade, wie sie einst die hessischen Regimenter gegen die Nordamerikaner kauften.«

Der General blieb plötzlich stehen, zog seinen Arm aus dem seines Begleiters und sah diesem voll ins Gesicht.

»Sie glauben doch nicht, Herr Marschall, daß ein König von Preußen im Dienste Englands marschieren würde?«

»Bewahre! Aber ich fürchte, Sie mißverstehen mich. Die englische Presse tut freilich so, denn sie spricht ganz offen aus, daß England bei einem Kriege gegen Frankreich Subsidien verweigern würde, wenn der Bundesgenosse nicht blindlings nach dem britischen Kommando und Interesse handelte, sondern einen eigenen Willen zeige. Lesen Sie erst selbst diese Sprache, und sagen Sie mir, ob die englische Unverschämtheit die preußische Politik nicht gerade behandelt, wie eine ihr bereits verpachtete Domaine. Dies alles ist nichts anderes, als die Besorgnis vor einer Verbindung der Küsten von Memel bis Bordeaux, vom Niemen bis Biarritz und zu den Pyrenäen, denn das hieße die Ausschließung der englischen Krämer-Interessen vom Kontinentalmarkt, jene Idee, die schon Napoleon I. hegte, und die man so wenig zu würdigen verstand. Freilich mag seine eigene Tyrannei daran die Schuld getragen haben, aber der Kaiser Louis Napoleon, sein Neffe, ist zu klug, um nicht die Selbstständigkeit der Nationen zu achten. Überdies ist der Handel für die Bedürfnisse des ganzen Kontinents, die sonst England berühren mußten, ein anderer geworden. Die Eisenbahnen verbreiten jetzt die Erzeugnisse der Levante und Indiens durch ganz Europa, Ägypten baut selbstständig Baumwolle, ja, wir erleben, daß England selbst Baumwolle von den rheinischen Magazinen kauft, und durch den von Frankreich gebauten Suez-Kanal werden die Erzeugnisse Indiens einen ganz andern Weg nehmen als damals, nämlich durch Italien, Deutschland und Frankreich. Schon aus diesem Grunde werden auch Sie sich der Anerkennung Italiens nicht länger entziehen können.«

»Es sind dies politische Fragen, die sich unserer Beurteilung entziehen. Der weltliche Vorteil kann nicht Taten der Beraubung und der Ungerechtigkeit in das Gegenteil verkehren. Seine Majestät der König ist ein sehr gewissenhafter Herr und denken sehr religiös.«

»Deshalb findet auch die Beraubung des Oberhaupts der katholischen Christenheit bei ihm keine Zustimmung; alle guten katholischen Christen wissen das und setzen deshalb große Hoffnungen auf ihn,« sagte hastig der Herzog.

»Verstehen wir uns recht, Herr Marschall,« entgegnete der General. »Seine Majestät der König denken in dieser Beziehung ganz evangelisch über die weltliche Macht der Kirche. Er schützt aber Papst Pius persönlich.«

»Um so leichter wird eine Übereinstimmung Frankreichs mit dem politischen Oberhaupt Deutschlands auch diese schwierigen Fragen lösen können. Das linke Rheinufer ist ja größtenteils so streng katholisch wie Belgien, und selbst in Holland sind zahlreiche Elemente dafür, so daß also eine Rheingrenze …«

Der General war wiederum stehen geblieben und hatte sich zum Rückweg gewandt.

»Überlassen wir also getrost diese Entwickelung der Zukunft,« sagte er, »dem Willen und der Weisheit Gottes.«

Etwas frappiert folgte ihm der Marschall. »Ich stimme darin ganz mit Ihnen überein. Auch die weiseste Vorsorge der Völker und ihrer von Gott eingesetzten sichtbaren Leiter können eben nur den Entscheidungen Gottes die Wege bahnen. Ich hoffe in dieser Beziehung ohne einen neuen Weltbrand und Umsturz Ihren Königlichen Herrn noch als Kaiser von Deutschland, und Preußen als Territorialmacht zu begrüßen, die das europäische Gleichgewicht sichert. Ich werde mich stets freuen, mit dem Manne, der schon so geschickt in die politischen Verhandlungen der Staaten eingegriffen hat, so vertraulich über diese Verhältnisse konversiert zu haben. Was meinen geringen Einfluß auf die Stimmungen in Frankreich betrifft, so rechnen Sie stets auf meine Sympathien für die preußische Armee und Flotte.«

Der General machte wieder eine höfliche Verbeugung und wandte das Gespräch, ohne daß es den Anschein eines Abbrechens von den bisherigen politischen Fragen gewann, auf die Umgebung und die Arrangements der für den nächsten Tag bestimmten Festlichkeiten und die bevorstehende Krönung in Königsberg. – – – – – – – – – – –


Es war bereits Mitternacht, als sich die hohe Gesellschaft trennte. Der Herzog von Magenta hatte sich beeilt, auf einen Wink der Kaiserin seine Gemahlin aus ihren Gemächern abzuholen, um sie nach den ihnen selbst angewiesenen im linken Flügel des Palastes zurückzugeleiten.

Die Gemahlin des Marschalls Mac Mahon war eine sehr eifrige Katholikin und voll Ehrgeiz; sie hing mit einem gewissen Fanatismus an der Abstammung ihres Gemahls von einem jener fabelhaften milesischen Königsgeschlechter, die schon zu Zeiten des Romulus die Smaragd-Insel beherrschten. Die Vorfahren des Marschalls waren erst 1688 von Irland in Frankreich eingewandert; sein Vater war bereits Pair von Frankreich, und einer der persönlichen Freunde Karl X. Dies erklärt auch gewisse legitimistische Sympathien und seine Abneigung gegen England. Brachte doch die napoleonische Presse im Jahr 1860 häufige Andeutungen, daß es nicht so unmöglich sei, daß der Abkömmling der alten milesischen Könige dermaleinst unter gewissen Umständen wieder den Thron seiner Väter besteigen könnte. –

In dem inneren Salon der Kaiserin wandte diese sich sofort zum Marschall.

»Verweilen Sie noch einen Augenblick, Herr Herzog, ich habe der Frau Marschallin einen Auftrag des Kaisers auszurichten. Wann reisen Sie nach Berlin ab?«

»Ich denke, in vier Tagen.«

»Dann muß ich mich allerdings beeilen, denn die Zeit zu Bestellungen in Paris ist kurz. Ich hoffe, Ihre Vorbereitungen, Frankreich dort mit Glanz zu vertreten, sind zumeist getroffen?«

Der Marschall verbeugte sich: – – – –

»Seine Majestät haben es durch den unbegrenzten Kredit, den sie die Gnade hatten, mir zu bewilligen, ermöglicht. Schade nur, daß die Lokalitäten unserer Gesandtschaft daselbst so beschränkt sind.«

»Aber ich habe die Zeichnung des Saals gesehen, den Sie zu Ihrem Ballfest anbauen lassen. Die Dekoration ist allerliebst. Und hier, meine liebe Herzogin, ich bin vom Kaiser beauftragt. Ihnen dies besondere Kuvert für Ihre Toilette zu übergeben. Der Kaiser wünscht, daß diese Toilette die aller preußischen Damen überstrahle, wie Ihr Name den ihren.«

Das Kuvert enthielt 50,000 Franken.

»Und nun, Herr Herzog, hier wartet jemand, der sehr interessiert war, zu erfahren, wie uns dieses Haupt der Hohenzollern gefallen hat.«

Die Portiere einer Seitentür öffnete sich, und es erschien die Soutane des Priesters. Es war ein noch ziemlich junger Mann, aber die Tonsur bezeichnete ihn als einen bereits geweihten Priester.

»Treten Sie näher, Herr Abbé Calvati,« sagte die Kaiserin. »Sie sollen auch alsbald die Antwort für Se. Eminenz haben. »Nun, Herr Marschall, ich sah Sie lange mit einem der Cavaliere aus dem Gefolge des Königs Wilhelm sich unterhalten. Ich hoffe doch, daß es ein katholischer Herr war?«

Der Marschall zuckte die Achseln. »Soviel ich weiß, gehört der General zu der protestantischen Kirche, und soll sogar ein sehr eifriger Protestant sein.«

»Dann ist es Dir gewiß nicht gelungen, Maurice,« sagte die Herzogin zu ihrem Gatten, »die Meinungen dieser Ketzer über die Beraubung Seiner Heiligkeit zu erforschen. Natürlich werden die Protestanten sich mit jedem Angriff gegen unsere Kirche einverstanden zeigen.«

»Ich glaube. Sie irren, Frau Gräfin,« sagte der Marschall etwas ärgerlich darüber, daß die Kaiserin ihn in Gegenwart eines Fremden zum Sprechen nötigen wollte – »wo es auf Eingriffe in die Rechte der Kirche, das heißt der Geistlichkeit ankommt, denkt die Orthodoxie beider Konfessionen gleich. Selbst die Protestanten mißbilligen die Beraubung des Heiligen Vaters und bezeichnen sie als eine solche.«

»So sind wir also sicher, daß Preußen das sogenannte Königreich Italien nicht anerkennen wird?« fragte der Priester. »Der König Franz wird als Krönungsbotschafter den Fürsten Carini nach Deutschland schicken.«

»Und der König Viktor Emanuel den Herzog della Rocca; die Politik, Herr Abbé, ist ein seltsames Feld und wechselt wie das Kriegsglück.«

Der Abbate verneigte sich höflich. »Das der Herr Marschall bisher stets an seine Fahnen zu fesseln verstand.«

»Bisher! Ich hoffe dies im Interesse Frankreichs und der heiligen Kirche auch für die Zukunft.«

»Der Kaiser,« sagte die hohe Frau, »hat eine große Vorliebe für seinen hohen Gast, und ich muß gestehen, daß seine Person auch mir einen Vertrauen erregenden Eindruck gemacht hat. Er hat etwas sehr Ritterliches und Gutmütiges in seinem Gesicht! Doch ich fühle heute noch keine Lust zum Schlafen. Ich will es daher machen wie der Kaiser, und da Sie ja selbst eine halbe Spanierin sind, wie ich, Frau Marschallin, wollen wir beide unsere gewohnte Zigarette nehmen und einige Augenblicke plaudern, bis die Frauen vom Dienst eintreten.« Ein Wink der Kaiserin, die sich in eine an dem ovalen Mitteltisch des Salons stehende Chaiselongue, ein Lieblingsmöbel der Kaiserin, lehnte, wies die Marschallin und die beiden Männer an, auf den gegenüberstehenden kurzen Sesseln sich niederzulassen.

»Wie kamen Sie zur Wahl Ihres Begleiters, Herr Marschall?« fragte sie.

»Der Name verführte mich. Graf Pourtalès sagte mir, daß er das volle Vertrauen des Königs Wilhelm genießt. Es ist ein Vetter dieses Herrn, der Preußen bei dem Frieden von Paris vertrat.«

»Ah, ich erinnere mich, auf die Einladung des Kaisers; denn Preußen selbst hatte wohl einen sehr geringen Einfluß darauf. Aber diese deutschen Namen sind so schwierig auszusprechen.«

»Der damalige Ministerpräsident ist, wie gesagt, ein Vetter des Generals. Es ist ein ziemlich altes Geschlecht, das den Hohenzollern häufig verdiente Soldaten und Staatsmänner gab. Der General ist durch mehrfache diplomatische Sendungen nach Wien und Petersburg bekannt und soll in diesem Sommer noch seiner militärischen Überzeugungen wegen ein Duell mit einem der preußischen Oppositionsführer gehabt haben.«

Die Kaiserin machte eine leichte Bewegung, als hege sie kein Interesse dafür. »Sind Sie eine Liebhaberin von Edelsteinen, Frau Marschallin?« fragte sie.

»Wie alle Damen; ich besitze einige wertvolle Familiendiamanten.«

»Dann vergessen Sie nicht, sich zu überzeugen, ob unter den Krondiamanten, welche die Königin tragen wird, wie es heißt an einer Broche, sich auch jener berühmte Diamant befindet, welchem man den Namen »der Regent« gegeben hat, und der eigentlich unserer Familie gehört.«

Die Marschallin blickte sie fragend an.

»Der ›Regent‹,« sagte die Kaiserin, die in allen Schmuckangelegenheiten vortrefflich Bescheid wußte, »ist einer der fünf großen Diamanten, die man kennt. Als der größte galt der des Großmoguls, der die Größe eines halben Hühnereies hat und 279 Karat wiegen soll, aber seit der Einnahme von Delhi spurlos verschwunden ist. Man sagt, daß ihn die Empörer versteckt oder zu Nena Sahib gebracht haben sollen, bis das Reich des Großmoguls wieder aufgerichtet wird. Der zweite ist der Koh-I-Noor oder Berg des Lichts, der auf drei Millionen Rupien geschätzt wurde und dem Radschah von Lahore gehörte, bis er in den Besitz der Königin Viktoria kam. Wie man hört, wird er bei der Ausstellung in London im nächsten Jahre zu sehen sein, der dann hoffentlich bald eine in Paris folgt. Der im Jahre 1741 in Brasilien gefundene 1680 Karat schwere, dem Kaiser von Brasilien gehörige, Stein »Braganza« ist noch nicht geschliffen, weil man fürchtet, ihn dann als unecht zu erkennen. Der berühmte Diamant »Orlow« in der russischen Krone soll das Auge einer Bramastatue in Indien gewesen und von einem holländischen Soldaten dieser geraubt worden sein. Die Kaiserin Katharina II. ließ ihn im Jahre 1778 in Amsterdam kaufen. Dann kommt der »Sancy«, der seit 400 Jahren in Europa ist und Karl dem Kühnen gehörte, der ihn in der Schlacht bei Nancy trug. Ein schweizer Soldat fand ihn bei dem Erschlagenen, und verkaufte ihn für einen Gulden an einen Geistlichen. Im Jahre 1489 kam er an Anton, den König von Portugal, der ihn aus Geldnot für 100 000 Franken an einen Franzosen verkaufte, von dem ihn später Sancy erbte, nach dem er den Namen führt. Als Sancy als Gesandter nach Solothurn ging, befahl ihm König Heinrich III., daß er ihm als Unterpfand seiner Treue jenen Diamanten schicke. Der Marquis willigte ein; allein der Diener, dem er vertraut war, wurde unterwegs angefallen und ermordet, hatte aber vorher den Diamanten verschluckt. Es ist eine seltsame Geschichte mit dieser Ermordung. Sie wissen, ich liebe seltsame Geschichten, und deshalb weiß ich so genau bescheid davon. Sancy ließ den Diener öffnen, und man fand den Diamanten in seinem Magen. Jacob II. von England, der letzte Stuart auf dem englischen Königsthron, besaß, diesen Diamanten 1688, als er nach Frankreich kam. Später war er im Besitz Ludwig XIV. und Ludwig XV., der ihn noch bei seiner Krönung trug. Im Jahre 1855 wurde er von dem Oberjägermeister des Kaisers von Rußland für eine halbe Million Rubel gekauft.«

»Aber von wem?« fragte der Marschall.

Die Kaiserin sah lächelnd auf den Geistlichen.

»Doch wohl von seinem damaligen Besitzer – ich kenne nur die Daten. Er wiegt über 53 Karat und soll gegenwärtig im russischen Szepter sein. Doch der Diamant, um den es sich handelt, der »Regent« oder »Pitt«, so genannt, weil er durch den Engländer Pitt dem Regenten Herzog von Orleans verkauft wurde …«

»So könnten also die Orleans darauf Anspruch machen?« sagte den Stich von vorher erwidernd, unbefangen der Abbate.

»Hochwürdiger Herr,« war die etwas spottende Antwort, »die Orleans erheben zwar sehr vielerlei Ansprüche, aber der Diamant gehörte Napoleon I., dem ihn die Preußen nach der Schlacht von Belle-Alliance raubten. Seitdem soll er sich im preußischen Kronschatz befinden, obschon aller andere Raub im zweiten Pariser Frieden an Frankreich zurückgegeben werden mußte, bis …«

»Sie unterbrach die Fortsetzung der Worte, nur war der römische Geistliche nicht so diskret, sondern sagte leise:

»… bis Frankreich die Gelegenheit hat, ihn wiederzuholen, wie manches andere ihm genommene rechtmäßige Gut, z. B. den Schatz der heiligen drei Könige am Rhein.«

»Still, still – keine Politik, Herr Abbé,« sagte die Kaiserin – »ich hätte kaum geglaubt, daß Sie eine so gefährliche Mission haben. Kurz, man leugnet den Besitz in Berlin, und darum wäre es mir interessant, durch das scharfe Auge der Frau Marschallin etwas Sicheres zu erfahren.«

Der Marschall hatte den Geistlichen bei dieser Andeutung über die Gedanken des Vatikans in Betreff der Zusammenkunft zu Compiegne angesehen; doch das ruhige behagliche Gesicht des Abbé zeigte keine Spur des Bewußtseins davon.

»Ihre Majestät,« sagte die Marschallin, »haben in der Tat da eine bessere Beobachterin in mir vorausgesetzt als ich bin. Ich muß bekennen, daß ich mich in der Beurteilung von Edelsteinen ganz auf den Juwelier verlassen muß, und daß ich als Creolin die farbigen Steine selbst den Brillanten vorziehe. Die Smaragden, die man gegenwärtig als solche Wunder an Schönheit bei Tissot anstaunt, gefallen mir weit besser.«

»Smaragden? Man hat sie mir noch nicht vorgelegt?«

»Ich glaube, sie sind noch nicht in seinem Besitz, sie sollen auch das Eigentum einer jungen russischen Fürstin sein, die kürzlich aus Indien oder China hier angekommen ist.«

»Ah, der Fürstin Wolchonski? Ich hörte davon, Kapitän Boulbon erzählte uns bereits früher von dem Juwelen-Reichtum dieser Dame.«

Die Marschallin verneigte sich bejahend.

»Auch die Herzogin von Rochambeau sprach mir davon und wird die junge Fürstin nächstens vorstellen. Ja, Rußland muß in der Tat ein merkwürdiges Land sein. Herr von Morny erzählt manche pikante Anekdote davon. So hörte ich neulich noch von ihm eine interessante Spielergeschichte aus der Zeit des jetzigen Kaisers, welche die Banken von Baden-Baden und Homburg beschämt.«

Sie wartete offenbar auf die Aufforderung, sie zu erzählen, sei es auch nur, nach dem französischen Sprüchwort, pour passer le temps, denn ihre Augen hatten dabei flüchtig die Uhr gestreift.

Der Marschall war, wie bereits erwähnt, nicht bloß Soldat, sondern auch Hofmann. »Wenn Euer Majestät nicht etwa geruhen, uns zu entlassen, es ist bekannt, wie vortrefflich Sie zu erzählen wissen! Wenn Sie die Gnade haben wollten?«

»Warum nicht, es ist mir ein Zeitvertreib, wie jeder andere. Es war bald nach dem Krimkrieg. Das Ereignis machte damals in Petersburg Aufsehen, obschon man den inneren Zusammenhang nicht erfuhr. Ein russischer Kavalier, man hat mir den Namen genannt, aber diese russischen Namen sind so schwer zu behalten wie die deutschen, also ein russischer Offizier aus hoher Familie, der bei der Garde gestanden, nahm zu allgemeiner Verwunderung seiner Freunde den Abschied und erhielt ihn. Er war ein starker Spieler und Lebemann gewesen, und es soll in Rußland nicht ungewöhnlich sein, daß auch die besten Familien sich durch den großen Aufwand, den sie machen müssen, ruinieren.«

»Es gibt trotz der Aufhebung der Leibeigenschaft noch immer kolossale Vermögen in Rußland,« sagte der Marschall.

»So scheint es, aber bei dem Vorgang, den ich Ihnen erzähle, scheint der russische hohe Adel sehr interessiert gewesen zu sein. Die Russen sind bekanntlich große Spieler. Man munkelte, daß jener Kavalier – nennen wir ihn meinetwegen mit dem Namen jener Smaragdendame: Graf Wolchonski – trotz seines großen Vermögens sich ruiniert habe. Um so mehr war man erstaunt, ihn nach kurzem Verschwinden aus der Gesellschaft wieder in dieser erscheinen zu sehn und zwar mit einem Glanz, der seine früheren Depensen überbot. Er hatte eine Villa oder ein Haus in der Umgebung von Petersburg gekauft und mit einem wahrhaft orientalischen Luxus einrichten lassen, in dem er Gesellschaften gab, die an die Feste eines Potemkin oder an die der Regentschaft in Frankreich erinnerten und bald die ganze junge Männerwelt Petersburgs an sich zogen. Alles, was an Eleganz und Reichtum sich in der Zarenstadt sammelte, suchte dort Zutritt, denn die Gesellschaft war natürlich sehr exklusiv und aristokratisch, und es galt als ein Passepartout für die vornehmsten, selbst die Hofkreise, bei den Abend-Gesellschaften des Herrn von Wolchonski Zutritt zu haben. Man wußte zwar, daß dort gespielt wurde, denn in welcher Gesellschaft wird in Rußland nicht gespielt, aber es geschah unter den Augen der Polizei, und diese konnte nur die höchste Loyalität und Noblesse bei dem Spiel konstatieren, obschon das fabelhafte Glück des Obersten das größte Staunen erregte.

Ich habe gehört, daß ein Landsmann von mir, ein Herr Garcia in diesem Jahre in den rheinischen Bädern ein ähnliches fabelhaftes Glück gezeigt hat. Es war natürlich, daß diese kleinen Abendgesellschaften und das Spielerglück selbst bei Hofe besprochen wurden und zu Ohren des Kaisers kamen, um so mehr, da in rascher Aufeinanderfolge mehrere der angesehensten und reichsten Familien fast ruiniert wurden und zwei Selbstmorde von Offizieren vorkamen, die hier ihr Verderben gefunden hatten. Der Kaiser gab dem Chef der Polizei, die bekanntlich in Rußland sehr gut sein soll, die strengsten Befehle zur Überwachung jener Gesellschaften, aber, wie gesagt, sie konnte nur das Beste berichten.«

»Unter Kaiser Nicolaus,« sagte der Marschall, hätte man sie ganz verboten und den Herrn Obersten eingesperrt, wie man es überhaupt mit den Verführern der jungen Offiziere machen muß.«

»Die Familie des Bankhalters scheint doch zu vornehm gewesen zu sein, um ohne allen Beweis zu einem solchen Mittel greifen zu können. Kurz, so viel steht fest, daß der Oberst selbst bei den Festen im Winterpalais Eintritt behielt. Endlich ließ einer der verdientesten Generäle aus dem Krimkriege eines Tages um Audienz bei dem Kaiser bitten und bat um seinen Abschied. Der Kaiser fragte ihn vertraulich nach der Ursache, und da erfuhr er, daß der General den Abschied nehmen wolle, weil sein einziger Sohn, der als Offizier in der reitenden Garde stand, ihn und die ganze Familie durch sein Spiel vollständig ruiniert und gezwungen habe, selbst sein Haus in Petersburg zu verkaufen, um einen Kassendefekt zu decken, den der junge Offizier verschuldet hatte.

Die Kassendefekte sollen nun zwar in Rußland nichts so seltenes sein, daß der Kaiser darüber erstaunen konnte, doch desto mehr staunte er über die Selbstanklage des Generals, der einer seiner Lieblinge war.

»Wie hoch haben sich Deine Verluste belaufen, Fedor Nikolajewitsch,« fragte er.

»Über hunderttausend Rubel, Majestät«!

»Das ist allerdings viel«, sagte der Kaiser. »Und das ganze Geld hat Dein Sohn verspielt?«

»Leider!«

»Aber wo?«

»In dem von Gott verfluchten Hause des Obersten Wolchonski!«

»Ich dachte es mir fast,« sagte der Kaiser. »Höre, Fedor Nikolajewitsch, Du bist nicht der einzige, dem es so gegangen ist. Aber dieser Sache muß ein Ende gemacht werden. Gehe nach Hause, behalte Dein Regiment und Dein Haus und sprich mit keinem Menschen von dem, was Du mir vertraut hast. Dein ungeratener Sohn aber wird noch heute nach dem Kaukasus versetzt werden.«

Der General ging getröstet nach Hause, der Kaiser aber setzte sich alsbald nieder und schrieb einen Privatbrief an den Kaiser von Österreich, mit dem er also damals sehr gut gestanden zu haben scheint. In diesem Briefe ersuchte er den Kaiser Franz Joseph, ihn unter bestimmten Vorsichtsmaßregeln den geschicktesten Polizeibeamten, den Wien hätte, zuzuschicken.

Es vergingen nicht acht Tage, so ließ sich ein Baron Eötvös bei dem Kaiser Alexander melden, als der Überbringer einer Allerhöchsten Empfehlung und wurde alsbald eingeführt.

Der Baron mit dem ungarischen Namen entpuppte sich als ein österreichischer Polizeibeamter.

»Sind Sie Spieler?« fragte der Kaiser.

»Sire, ich kenne alle Spiele, die in Europa üblich sind.«

»Verstehn Sie sich auf falsche Karten?«

»Sire, ich bin drei Jahre in Italien Croupier gewesen. Die Verfolgung falscher Spieler ist eine meiner Hauptforcen.«

Der Kaiser erzählte ihm hierauf den Verdacht, den man gegen den Obersten hegte, aber er verhehlte ihm nicht, daß es selbst den schärfsten Augen nicht gelungen sei, einen solchen Verdacht zu begründen.

»Sire,« sagte der Beamte, »verzeihen Sie, aber – sollten die russischen Beamten, die mit der Beobachtung betraut waren, nicht vielleicht bestochen gewesen sein, ein Auge zuzudrücken?«

»Ich habe selbst daran gedacht,« sagte sehr offenherzig der Kaiser, »aber in diesem Falle ist es nicht möglich. Sie wissen alle, was sie zu riskieren hatten. Man hat sich die Karten, die dort gebraucht waren, zu verschaffen gewußt, und – hier sind drei solcher Spiele.«

»Dann bleibt mir nur übrig, mich selbst zu überzeugen, Majestät, aber ich muß dazu Gelegenheit haben, das Spiel des Herrn Oberst zu beobachten, denn diese Karten sind allerdings ganz unverfänglich. Es müßte demnach auf eine so geschickte Weise die Volte geschlagen werden, wie es nur wenige in Europa verstehen, und diese kenne ich alle.«

Der Kaiser dachte nach, dann sagte er: »Ich will unter allen Umständen der Sache auf die Spur kommen. Quartieren Sie sich unter dem Namen, unter dem Sie gemeldet wurden, denn wir müssen dem Gegner gegenüber möglichst vorsichtig zu Werke gehen, in dem ersten Hotel am Newski-Prospekt als vornehmer Fremder ein, scheuen Sie keine Kosten, und lassen Sie sich auch bei Hofe vorstellen. Das ist die beste Gelegenheit, in alle Zirkel eingeführt zu werden. Sobald Sie in dem Hause des Verdächtigen Eintritt gefunden haben, lassen Sie sich wieder bei mir melden.«

Der Baron Eötvös, dem von Wien aus die besten Empfehlungen zur Seite standen, folgte dem Befehl, fand bald in der vornehmen Gesellschaft Zutritt, da er ein vollendeter Kavalier und sehr angenehmer Gesellschafter von der feinsten Bildung war, und es dauerte auch nicht lange, bis er von in Offizierkreisen gewonnenen Bekannten bei dem Obersten Wolchonski eingeführt wurde.

Zwei Tage darauf ließ er sich beim Kaiser melden.

»Nun, mein Herr, ist es Ihnen gelungen, das falsche Spiel zu entdecken?«

»Sire, ich bin entweder blind, oder der Dupe eines schlauern Mannes. Ich habe Gelegenheit gehabt, während eines ganzen Abends dem Spiel des Herrn Obersten zuzusehen, sogar meinen Platz mehrfach geändert, selbst mitpointiert und ihn aufs Genaueste beobachtet. Er schlägt entweder die Volte in einer bisher ganz unbekannten Weise und mit Karten, deren Kennzeichen nur ihm bekannt sind, oder – er hat ein Pakt mit dem Glück gemacht.«

»Und was glauben Sie?«

»Er spielt falsch, aber es ist mir bisher unmöglich gewesen, zu entdecken, wie?«

»Gehen Sie, und setzen Sie Ihre Beobachtungen fort – wir müssen die Entdeckung machen um jeden Preis.«

Der Beamte entfernte sich und blieb acht Tage fort. Dann ließ er sich wieder bei dem Kaiser melden. »Sire,« sagte er, »der Oberst steht mit dem Teufel im Bunde, oder – sein Glück geht mit rechten Dingen zu, und – ich bin ein Stümper in meinem Amt. Es sind in meiner Gegenwart wohl zweimalhunderttausend Rubel in dieser Zeit von dem Obersten gewonnen worden, ohne daß ich ein falsches Spiel entdecken konnte. Ich bitte Euer Majestät, mich entlassen zu wollen, denn – zur vollen Überzeugung gäbe es nur ein Mittel, und das wäre zu kostspielig.«

»Sprechen Sie,« sagte der Kaiser, »ich muß die Überzeugung haben, um jeden Preis.«

»Dann müssen Euer Majestät mich zu einer Haussuchung bei dem Obersten bevollmächtigen, aber einer Haussuchung, bei der ich nötigenfalls das ganze kostbare Haus demolieren kann.«

»Was brauchen Sie dazu?«

»Die Vollmacht Eurer Majestät und eine halbe Sotnie Ihrer Kosacken, die nur mir zu gehorchen und von niemand Anderem Befehle anzunehmen hat.«

»Was bezwecken Sie damit?«

»Sire, ich bin überzeugt, daß mit falschen Karten gespielt wird. Diese müssen nach dem Spiel irgendwohin bei Seite geschafft werden, aber es war unmöglich, zu entdecken wohin und wo sie sich befinden, denn es wird jede Taille mit frischen Karten gespielt. Die Karten, die Ihre Polizei konfisziert oder entwendet hat, tragen keinerlei beweisende Merkmale. Es ist bekannt, daß in jedem vornehmen Hause die beim Spiel gebrauchten Karten ein Douceur der Dienerschaft bleiben. So ist es auch bei dem Herrn Obersten, und ich habe mich überzeugt, daß die von den Dienern ganz offen verkauften Karten ganz unverdächtig sind. Aber …«

»Nun?«

»Ich habe ermittelt, daß nicht alle Karten verkauft werden. Es muß also ein Vorrat gebrauchter im Hause zurückbleiben. Aber wo? – Das ist nur auf die von mir bezeichnete Weise zu ermitteln.«

»Gut, es sei denn, obschon ich gern Aufsehen vermieden hätte! Warten Sie!« Der Kaiser ging an einen Tisch und schrieb eigenhändig eine Ordre. »Nehmen Sie, aber ich rate Ihnen selbst, erst im Augenblick der Ausführung davon Gebrauch zu machen und, wie alle Fremden tun müssen, Ihre Abreise drei Tage vorher anzukündigen. Sollten Sie etwas entdecken, so bin ich bei Tag und Nacht für Sie zu sprechen.«

Der Beamte dankte und empfahl sich. Die Zeitungen brachten in der gewöhnlichen Weise die Anzeige, daß der Baron von Eötvös Petersburg zu verlassen gedenke und alle Forderungen an ihn einzureichen bitte.

Der gewöhnliche Spielabend bei dem Obersten traf auf den zweiten Tag vor der angezeigten Abreise. Der Baron kam etwas spät in die Gesellschaft. Er war erst im Dunkel nach einer der zahlreichen Kasernen gefahren und hatte dort den wachehabenden Offizier rufen lassen. Dieser erhielt von ihm die nötigen Instruktionen, aber nur die Angabe, wo er mit seinem Detachement anzutreffen sei.

Als der Baron in das Landhaus eintrat, war das Spiel bereits in vollem Gange, und er wurde mit aller Liebenswürdigkeit empfangen, die dem vornehmen Russen eigen ist, und seine Abreise bedauert. Er verweilte, bis die Gesellschaft um 2 Uhr in der Nacht aufzubrechen begann, und war einer der Letzten, die fortfuhren.

Aber er hatte kaum tausend Schritte gemacht, als er seinem Iworsnik umzukehren und zurückzufahren befahl. Mit Erstaunen sah die Dienerschaft des Obersten ihn wieder eintreten und direkt nach dem Kabinett gehen, wo der Hausherr noch mit zwei Damen der Gesellschaft saß und ihm entgegen kam.

»Welches Vergnügen, Sie noch wiederzusehen, Herr Baron, Sie haben gewiß etwas vergessen.«

»Ich komme, Herr Graf,« sagte der Beamte, »um einen kleinen Irrtum aufzuklären. Ich bitte Sie, dieses Papier zu lesen, ich habe den Allerhöchsten Auftrag, bei Ihnen Haussuchung zu halten, und ersuche Sie, Sich vorerst nicht von Ihrem Platz zu rühren, es sei denn, Sie wollten mir freiwillig Ihren Vorrat an Spielkarten aushändigen?« – – – – – – –

Der Oberst schien weder betroffen noch besorgt. Er legte sich ruhig in seinem Fauteuil zurück.

»Die Sache ist nicht neu,« sagte er, »die Polizei hat schon früher mein Glück zu erklären gesucht, die Karten, die heute abend gebraucht worden sind, liegen noch im Salon, und hier ist der Schlüssel zu meinem Pult, worin mein ganzer Vorrat von Karten aufbewahrt wird.«

»So erlauben Sie?« Der Beamte öffnete ein Fenster und tat einen Pfiff. Nach einigen Augenblicken trat ein Kosaken-Offizier mit mehreren Arbeitsleuten herein. »Zu Deinem Befehl, Gospodin. Hier sind die Leute. Das Haus ist rings besetzt, und keine Seele kann es verlassen, ohne Deine Erlaubnis.«

Es waren ein Schlosser, ein Maurer, ein Tischler, die mit ihren Werkzeugen eingetreten waren, andere warteten draußen. »Befehl des Kaisers«, sagte der Beamte. »Ich übernehme alle Verantwortung.«

Und nun begann unter seiner Leitung eine Haussuchung, bei der auch kein Möbel, keine Schublade, kein Fuß breit der Mauer oder des Parquets ungeprüft blieb. Der Oberst wohnte ihr mit großer Ruhe bei und öffnete bereitwillig jedes Behältnis. Die Nachsuchung dauerte volle drei Stunden, aber der Wiener Beamte konnte nicht das geringste Verdächtige finden. Mit Ausnahme der Karten, die der Hausherr ihm selbst angegeben, fand sich kein anderes Blatt, und jene Packete enthielten ganz richtige Karten. Nach vollen drei Stunden mußte der Beamte sich selbst gestehen, daß alle seine Mühe vergeblich gewesen, und daß er sich, und, was wichtiger war, der vornehmen Gesellschaft gegenüber den Kaiser blamiert hatte. Er mußte sich zuletzt entschließen, die Arbeiter und die Eskorte fortzuschicken und versuchte sich mit dem Befehl, der ihm geworden, zu entschuldigen.

Der Graf war jeden Augenblick der vornehme Mann geblieben, hatte keinen Augenblick seine Haltung verloren oder sich dem Befehl des Kaisers zu widersetzen Miene gemacht. Als der Beamte ihm jetzt anzeigte, daß die Haussuchung beendet und ohne Resultat geblieben, nahm er dies ebenso kaltblütig auf und geleitete den Beamten durch die Vorzimmer bis zum Ausgang.

Dieses Vorzimmer zeigte keinerlei Möbel, die Wände waren ohne Schränke, nur mit alten Waffen und musikalischen Instrumenten und ähnlichen Gegenständen geschmückt. Indem der falsche Baron bereits die Tür in der Hand hatte, fing er zufällig einen spöttischen Blick des Hausherrn auf, der über eine gewöhnliche spanische Mandoline streifte. Ein Gedanke blitzte ihm durch den Kopf, und er trat in das Foyer zurück. –

»Erlauben Sie, daß ich hier noch meine Pflicht erfülle.«

»Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben,« sagte der Hausherr mit der bisherigen Ruhe. Der Beamte ging direkt auf die Stelle zu, wohin er den Blick des Spielers aufgefangen hatte und streckte die Hand nach der Guitarre aus. In diesem Augenblick fühlte er eine andere auf der seinen. Diese Hand war feucht, es war die des Grafen. »Bitte, einen Augenblick, mein Herr,« sagte dieser, »treten Sie gefälligst hier herein, ich habe mit Ihnen zu sprechen.« Er öffnete selbst eine Seitentür und beide traten in ein Zimmer, der Beamte hatte noch immer die Guitarre in der Hand, aus der beim Schütteln mehrere Spiele Karten fielen. Der Graf hatte sein Portefeuille gezogen und mehrere Bankchecs herausgenommen. »Unser Spiel ist gespielt,« sagte er ebenso ruhig wie früher, »Sie haben gefunden, was Sie suchten, diese Karten sind allerdings genügend, pour corriger la fortune. Ich denke, wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, künftig keine Karte mehr anzurühren und Sie ersuche, diese dreißigtausend Rubel für Ihre Kosten von mir anzunehmen, kann auch der Kaiser zufrieden sein.«

Der Beamte schwankte einen Augenblick – dreißigtausend Rubel waren ein Vermögen, mit dem er sich in Oesterreich eine wirkliche Baronie kaufen konnte. Aber er blieb fest und wies die Scheine zurück. »Herr Graf,« sagte er, »ich kenne meine Pflicht. Werfen Sie sich ihrem Monarchen zu Füßen, ich glaube, es kommt ihm nur darauf an, Ihr Spiel aufhören zu machen, das die besten Familien ruiniert.« Der vornehme Graf warf ihm einen Blick zu, dann sagte er: »Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe Sie verkannt. Das wäre, was man einem russischen Beamten hätte bieten können. Hier in diesem Portefeuille sind einmalhunderttausend Rubel. Nehmen Sie es, schweigen Sie, und bewahren Sie einen der ersten Namen Rußlands vor Schmach. Ich bitte Sie darum und verpfände Ihnen nochmals mein Wort, keine Karte anzurühren und Rußland zu verlassen.«

Diesmal war die Versuchung zu groß; der Beamte nahm das Portefeuille und verließ das Haus.

Am andern Tage zeigte er dem Kaiser schriftlich an, daß seine Mission mißglückt sei, daß er nichts Verdächtiges gefunden habe und beschämt nach Wien zurückkehre.

Am Nachmittag hörte er im Hotel von einem großen Diebstahl sprechen, der am vergangenen Tage dem Grafen Wolchonski zugefügt sei und ihn, den Liebling der vornehmen Gesellschaft, zu ruinieren drohe. Die ganze Polizei sei wegen dieses Diebstahls bereits auf den Beinen, und der Telegraph spiele nach allen Hauptstädten Europas, denn die Nummern der gestohlenen Banknoten seien wohl bekannt. Die Zeitungen brachten bereits ein genaues Verzeichnis derselben.

Der Wiener hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Zeitung zu nehmen, auf sein Zimmer zu gehen, die Tür abzuriegeln und dort die Brieftasche mit ihrem Inhalt genau mit den Angaben in der Bekanntmachung des Ober-Polizeimeisters zu vergleichen.

Es stimmte alles auf das Genaueste: die Beschreibung des Portefeuille, die Nummern und Buchstaben der Banknoten; er sah, daß ihn der Russe überlistet hatte, denn nach dieser Bekanntmachung war keine der Banknoten irgendwo auszugeben, ohne daß sie als gestohlen erkannt und angehalten worden wäre. Dagegen war nach einiger Zeit der Wert durch Nichtigkeitserklärung von dem früheren Besitzer sehr leicht wieder zu realisieren.

Und er selbst hatte nicht den geringsten Beweis gegen ihn wegen falschen Spiels in den Händen, denn natürlich hatte es ihm nicht einfallen können, gegenüber einer solchen Bestechung die gefundenen gezeichneten Karten mitzunehmen. Er sah, daß er ganz in den Händen des Russen war, schlug sich vor die Stirn und dachte nach.

Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt. Statt sich nach der Eisenbahn zu begeben, fuhr er noch einmal zum Winterpalast und ließ um eine Audienz bitten.

Der Kaiser empfing ihn diesmal ziemlich kalt in seinem Kabinett. »Ich bedaure sehr,« sagte er, »daß Ihre Mühe vergeblich gewesen ist, und ich kann nun nichts weiter unternehmen, um so mehr, da der Graf nach dem Polizeirapport ein bedeutendes Unglück gehabt hat. Ihre Bemühungen werden Ihnen in Wien honoriert werden, und wir wollen beide über das Geschehene das möglichste Schweigen beobachten.«

Aber statt sich auf diese Entlassung zu entfernen, fiel der Wiener dem Kaiser zu Füßen und streckte ihm die Brieftasche entgegen. »Sire,« sagte er, »ich bitte um Gnade. Der Teufel des Reichtums hat mich einen Augenblick verblendet. Meine Mission war vollständig gelungen.« Und nun erzählte er dem Kaiser alles Geschehene auf das Genaueste, ohne seine Schuld zu verheimlichen, und legte zugleich die Zeitung vor, welche die Nummern der angeblich gestohlenen Banknoten enthielt.

Der Kaiser war überrascht; er tat mehrere Fragen, die ihn von der Aufrichtigkeit des Geständnisses überzeugten, verglich die Nummern und dachte dann nach.

»Sie haben allerdings gefehlt,« sagte er, »aber ich vergaß Sie auf das Wort meines Ahnherrn Peter der Große, als ihm gegen das Gesuch der Juden um die Erlaubnis zur Niederlassung in sein Reich eingewendet wurde, sie könnten bei dem bekannten Handelscharaktere dieser Nation das Volk durch Betrug übervorteilen, meinte: »O, für meine Russen wäre mir nicht bange, nur für die Juden!« aufmerksam zu machen, mit dem er die Niederlassung der Juden in Rußland gestattete. Es kam mir bloß darauf an, Gewißheit über meinen Verdacht zu erhalten. Nehmen Sie dreist diese Noten mit sich als Ihre Belohnung, und seien Sie stets ein ehrlicher Mann gegen Ihren Kaiser. Geben Sie her, ich werde sie Ihnen selbst umtauschen, und daß ich die Nummern gestohlen habe, wird man wohl nicht behaupten!« –

Der Kaiser ging in sein Kabinett, brachte selbst dem Wiener die umgetauschten Banknoten und entließ ihn. Am andern Morgen hielt die bekannte Kibitka in der Dämmerung vor der Villa des Grafen Wolchonski, der angebliche Baron Eötvös aber soll in Unterösterreich sich eine prächtige Villa an einem der schönen Bergseen gekauft und sich in das Privatleben zurückgezogen haben.«

»Und von dem Grafen Wolchonski, wie Euer Majestät ihn zu bezeichnen beliebten,« fragte die Marschallin, der als Dame diese Freiheit wohl gestattet war, »hat man nie wieder gehört?«

»Verzeihen Sie, Frau Marschallin,« sagte der Abbé, »wenn ich mit Ihrer Majestät Erlaubnis die Bemerkung mache, daß der Herr Herzog von Morny wohl nicht mitgeteilt hat, daß die Anekdote bereits zur Zeit des Kaisers Nikolaus und nur wenige Jahre vor dem Krimkriege sich ereignete, in einer Zeit, wo Frankreich noch nicht das Glück hatte, eine so ausgezeichnete Erzählerin seine Beherrscherin zu nennen, und daß seitdem der jetzige Zar den angeblichen Oberst Wolchonski längst aus Sibirien begnadigt hat und er in der Armee, die jetzt am Pruth zusammengezogen wurde, eine hohe Charge bekleidet.«

Die Kaiserin lachte. »Sie sehen,« sagte sie, »daß die hohe Kirche ihre Rapports überall hat. Zur Sühne sollte der Herr Abbé eigentlich dafür uns mit einer Anekdote aus Rom unterhalten, wenn ich nicht die Frau Marschallin noch erinnern möchte, daß sie nicht versäumen möge, in Berlin sich die neuen Sensitiven anzusehen, die selbst die Erinnerungen an unsern Hume in Schatten, oder vielmehr ins Licht stellen sollen. Ich hoffe, daß die Kirche nichts gegen eine solche kleine Exkursion auf das Gebiet der Magie und der Theorie von Geistererscheinungen haben wird.«

»Euer Majestät wissen, daß die heilige Schrift selbst die Erscheinungen von Geistern bestätigt und nur die Beschäftigung mit den bösen und teuflischen verbietet.«

»Sodaß also die Nekromantie eigentlich erlaubt wäre?«

»Nach ihrer Bedeutung als solche verbietet sie als ein Teufelswerk die Kirche ganz bestimmt. Dennoch hat sie sich leider nicht bei allen Völkern und zu keiner Zeit ganz unterdrücken lassen. Die heilige Inquisition, diese vortreffliche Einrichtung des vierten lateranischen Konzils und des Papstes Innocenz zur Reinhaltung und Festigung des katholischen Glaubens, hat vielfach Gelegenheit gehabt, sich mit dieser schlimmen Wissenschaft als einer sehr gefährlichen Ketzerei zu beschäftigen.«

»Hat nicht auch der berühmte Cagliostro in den Kerkern der Inquisition zu Rom sein Ende gefunden?«

»So ist es, Majestät, es war dies im Jahre 1795, daß jener entwichene Priester Giuseppe Balsamo vom heiligen Vater als arger Freimaurer und Aufwiegler der Geister zum Tode verurteilt und, zur ewigen Haft begnadigt, auf dem Fort San Leon starb. Diese Art der Ketzerei nimmt leider wieder sehr überhand, und es ist grade das katholische Frankreich, wo gegenwärtig die Freimaurerei so hohen Schutz genießt.«

Die Kaiserin machte eine spöttische Bewegung. »Oh, wenn Sie damit unsern werten Vetter, den Prinzen Napoleon meinen,« sagte sie, »der so gern Großmeister der Logen von Frankreich werden möchte, so seien Sie unbesorgt über diesen Ehrgeiz. Ich lasse dem Herrn Kardinal die Versicherung geben, daß Plonplon niemals ein Karbonari von Bedeutung sein wird, so wenig wie sein Konkurrent, dem es mehr am Herzen liegt, sich zum König von Neapel ernennen zu lassen. Aber soviel ich weiß, ist seit alter Zeit gerade Rom, der Sitz des heiligen Vaters, eine Stätte der Nekromantie und der Weissagungen gewesen.«

»Leider, leider,« sagte der Abbé. »Das Ketzertum hat durch die Duldung der Juden, dieser steten Hehler des gefährlichsten Unglaubens und der verbotenen Künste, wieder sehr überhand genommen. Hat doch unterm Schutz des erhabenen Gemahls Ihrer Majestät dieser Herr Mocquard selbst ein Theaterstück aufführen lassen können, das die jüdische Apostasie in Schutz nimmt, und dürfen die französischen Gerichte in diesem Augenblick doch eine Abtrünnige in Schutz nehmen, die der Macht der heiligen Kirche sich entzogen hat.«

»Oh – Sie meinen die Sängerin Carlotta?«

»Eine Verfluchte, eine Verworfene!«

»Ja, lieber Herr Abbé,« meinte die Kaiserin, »Mademoiselle Carlotta gehört zum Theater und beginnt jetzt in Paris Mode zu werden, grade wie jene kleine Russin mit ihren Smaragden, von der wir vorhin sprachen. Wenn sie nicht so schwerfällig und träge wäre, wie ich höre, könnte sie vielleicht die Theresa ersetzen, die seit dem Feldzug in der Lombardei, also seit zwei Jahren, verschwunden ist. Mit der Mode und mit dem Theater, lieber Abbé, ist nichts zu machen, und das halbe Theater, das wissen Sie von der Rachel und Offenbach her, gehört zum alten Testament. Also muß sich die Kirche hier schon mit der Erinnerung an eine Abtrünnige begnügen statt mit der Person. Aber unser Gespräch hat eine ganz andere Wendung genommen, als ich beabsichtige. Sie haben uns gesagt, Herr Abbé, wie die Kirche zu der alten Nekromantie und Zauberei steht, aber was sagt sie zu den Klopfgeistern, dem Magnetismus, Mesmerismus und den Spiritisten?«

»Erlauben Eure Majestät mir mit Ihren eigenen Worten zu antworten: mit der Mode und mit dem Theater ist nichts zu machen!«

»So glauben Sie also nicht an die Klopfgeister und Gespenster?«

»Ich glaube nur an Geister, welche die Kirche als solche bezeichnet, am wenigsten an die Gespenster.«

Der Marschall sah ihn fest an.

»Haben Sie noch nie ein Gespenst gesehen?«

»Nein – und Sie?«

Der Abbé schien die Sache halb scherzhaft behandeln zu wollen.

»Haben Sie niemals von dem Schlachtengespenst gehört?«

»Ich habe wohl von dergleichen gehört; ich leugne überhaupt nicht die Möglichkeit der Erscheinung der Geister, es wäre das gegen die Religion, ja, ich möchte sagen, gegen jede Religion, und wir Christen wissen am besten, daß Gott der Herr die Macht hat, zu seinen weisen Zwecken die Todten aus ihren Gräbern erstehen zu lassen. Ich behaupte nur, daß die Menschen nicht das Recht haben, sie zu rufen, ohne Frevel und Sünde zu begehen. Ich wiederhole, die Kirche lehrt, daß es böse und gute Geister giebt. Zu den letztern gehören die Engel, zu den erstern die Dämonen, die Heerscharen des Teufels.«

»Und zu welchen von beiden gehört also das Schlachtengespenst?«

»Der Herr Marschall haben mir meine Frage noch nicht beantwortet, haben Euer Durchlaucht das Schlachtengespenst gesehen?«

»Ja, Herr Abbé, zwei Mal! Jeder alte kriegserfahrene Soldat kann Ihnen davon erzählen. Ich habe es zweimal gesehen. Nach dem Sturm auf Konstantine, und nach der Schlacht von Magenta. Sie sehen, Herr Abbé, daß sein Erscheinen sich nicht an die Nationalitäten oder an die christliche Kirche bindet.«

»Das müssen Sie uns erzählen,« sagte die Kaiserin, »aber ein anderes Mal, heute habe ich Sie hier behalten,« und sie sah zugleich auf die Uhr über dem Kamin und nach der Tür ihres Schlafgemachs, in der ihre erste Kammerfrau erschienen war, »nur wegen ein wenig Kartenschlagens oder Wahrsagens, und das wird doch keineswegs in Gegenwart einer schönen Frau, eines tapfern Soldaten und eines Geistlichen etwas so Erschreckendes oder Gefährliches sein, wie eine Geistererscheinung.«

»Wie, Euer Majestät wollten sich wahrsagen lassen? Aber es gibt hier keine Lenormand,« sagte heiter die Herzogin.

»Nun – aber etwas Originelleres. Einen alten Schäfer aus der Nähe von Pierrefonds, der einen großen Ruf besitzt und den uns eines unserer Kammermädchen, das aus Compiegne stammt, sehr gerühmt hat. Sie müssen als halbe Spanierin wissen, Frau Marschallin, daß wir alle ziemlich abergläubisch sind, und ich habe mir diesen Wahrsager expreß für diese Gelegenheit aufgehoben. Nun, wie ists Madame de Lenoir, hat Ihre Françoise den Mann herbeigeschafft oder nicht?«

»Der Mann wartet seit einer halben Stunde in meinem Zimmer!«

»Nun, da führen Sie ihn her. Er wird sich doch nicht vor anderen Personen scheuen?«

»Euere Majestät werden sich, fürchte ich, in Ihren Erwartungen getäuscht fühlen. Der von Françoise gerühmte Mann ist zwar da, aber er ist ein sehr einfacher und schlichter Bauer, der vielleicht das gebrochene Bein eines Schafes besprechen kann aber schwerlich geeignet ist, Euer Majestät eine Unterhaltung zu gewähren.«

»O, Sie dürfen auch eben nichts über unsere Personen sagen, deshalb, Frau Marschallin, hielt ich Sie zurück. Der Mann kennt, wie ich hoffe, nicht einmal die Person des Kaisers, wenn er auch von unserer Anwesenheit gehört hat.«

»Es scheint so,« sagte der Marschall, »daß Euer Majestät mich bestimmt haben, den Kaiser selbst vorzustellen?«

»Bitte, Sie werden ihn ja ohnehin bei der Gelegenheit repräsentieren, über die ich eben ein so unbefangenes Orakel hören möchte. Holen Sie also Ihren Propheten, liebe Lenoir.«

Die Kammerfrau entfernte sich und kam nach einigen Augenblicken mit einer für diese Umgebung allerdings seltsamen Persönlichkeit zurück.

Es war in der Tat ein alter und sehr einfacher Landmann, wie man ihn in einer gewissen Entfernung von Paris auf abgelegenen ländlichen Ortschaften noch heute oft findet. Er mußte nach den schlichten weißen Haaren, die er unter einem Kamm am Hinterkopf trug, über siebenzig Jahr alt sein, trug kurze Lederhosen und hohe wollene Strümpfe, die bis über die Knie reichten, dicke und plumpe Schuhe, dazu die gewöhnliche blaue Bluse der französischen Bauern und hielt die gestreifte Zipfelmütze in der Hand. Der Mann hatte etwas Gutmütiges, aber überaus Linkisches und Befangenes, was freilich in der seltsamen Situation, in die er gradezu aus seiner Schafherde abgeholt worden war, seine Erklärung fand. Dazu hatte er äußerst blöde und gerötete Augen.

Die Kaiserin hatte der Herzogin einen Wink gegeben, den Mann zu befragen.

»Wie heißt Du, Freund?«

»Pierre, Madame.«

»Ist das Dein ganzer Name?«

»Die Leute, die mich suchen wollen, fragen gewöhnlich nach dem Schäfer Pierre von den Römergräbern. Ich wünschte, sie ließen mich in Frieden bei meinen Schafen.«

»Aber sie glauben, Du könntest in die Zukunft sehen und sie ihnen voraussagen.«

»Die kann Gott allein wissen und die heilige Jungfrau. Die einfältigen Leute meinen freilich, daß ich mehr wissen müsse als andere, weil ich meine Schafe immer auf den alten Heidengräbern hüte. Die Tiere sind klüger als die Menschen glauben, Madame, und haben mich in den fünfundsechzig Jahren manches Kraut kennen gelehrt, das gegen allerlei Krankheiten hilft.«

»Nicht auch gegen den Tod?«

»Nein, Madame; wir alle müssen sterben, die Reichen und Mächtigen so gut wie die Niedern und Armen. Das ist gut und das hat der liebe Gott so in seiner Weisheit gemacht, damit wir alle einen und denselben Trost haben.«

»Und der ist?«

»Ich sagte es Ihnen schon: das Grab, auf das wir uns alle vorbereiten sollen.«

»Das sind weise und hohe Worte im Munde eines Schäfers!«

»Warum sollte Gott nicht auch den Ärmsten, den Hirten, Erleuchtung des Geistes gegeben haben! Schon die heilige Schrift lehrt, obgleich ich nicht gelernt habe, sie zu lesen, daß Hirten es waren, welche den Heiland zuerst erkannten und ihn auf dem Schoß der heiligen Jungfrau verehrten, eher als die Könige aus dem Morgenland kamen.«

»Du hast Recht, die wahre Weisheit ist oft bei der Einfalt zu suchen!«

»Sie mögen immerhin meiner spotten, Madame, aber hat nicht Gott grade auch eine arme Schäferin gewürdigt, Frankreich aus der Macht der Engländer zu retten, bis er sie grade an dieser Stelle wieder in ihre Hände gab, damit sie durch den Tod als Märtyrerin Zeugnis ablege für ihn. Ich sehe oft in der Nacht die weiße Taube über die Bäume niederschweben, die ihr Geist ist, und die wiederkehren darf, wenn Frankreich ein Feind naht, und meine Schafe sehen sie auch.«

»So! Also die Seele der Jungfrau von Orleans läßt sich in Gestalt einer weißen Taube vor Dir sehen, wenn Frankreich ein Feind naht?«

»Ja, oder wenn ein Unglück bevorsteht. – Schon mein Vater, der Klosterschäfer war, wie ich, hat sie gesehen, noch ehe ich geboren wurde, und ich bin nun bald achtzig Jahre alt.

»Das wäre also vor der großen Revolution gewesen?«

»Ja, Madame, ehe die bösen Leute in Paris die schöne Königin ermordet haben, die oft in Compiegne war.«

»Und wann hast Du die Taube dann wieder gesehen?«

»Oft, Madame, sehr oft, damals zuerst, als der große Kaiser nach Rußland zog und die Preußen und die Russen kamen und den großen Kaiser verjagten, der selber so viele Könige und Herren vertrieben hatte.«

»Hast Du ihm denn nicht als Soldat gedient in Deiner Jugend?« fragte der Marschall.

»Nein, Herr, sie konnten mich nicht brauchen, weil sie dem Maire sagten, ich wäre manchmal schwach im Kopf. Aber die wahre Ursache war wohl, daß sie schon zwei von meinen Brüdern in den Krieg geschleppt hatten, von denen keiner zurückgekehrt ist, und daß ich eine verstümmelte Hand hatte.«

Er nahm die Zipfelmütze in die andere Hand und zeigte seine Linke.

»Ei – dann ists erklärlich. Wie kamst Du zu der Verstümmelung?«

»Der Eber hatte Zähne und der Wolf Klauen. Hüte auch Du Dich, Herr, vor dem Eber und dem Wolf, ich seh' Dir's an, daß Eber und Wolf auch Dir Unglück bringen werden!«

»Da haben Sie gleich eine Prophezeiung, Monsieur,« sagte die Kaiserin, das Gespräch weiter führend. »Wann hast Du die Taube zum letztenmal gesehen?«

»Als heute die Sonne aufging, sah ich sie über dem Walde schweben, Madame, und meine Schafe sahen sie auch.«

»Das bedeutete also die Ankunft eines Feindes?

»Oder ein Unglück, Madame. Man sagt, in der großen Stadt an der Seine werde das Brot wieder sehr teuer In der Tat drohte damals Paris große Teuerung, so daß ein Zug von 1000 Arbeitern nach Compiegne kommen wollte, als ob der König von Preußen ihnen helfen könnte. Die Polizei verhinderte den Zug., und Hunger tut den armen Leuten gar wehe; dazu sei der Preuße im Lande.«

»Als Freund oder als Feind?«

»Das weiß ich nicht, Madame, nur soviel ist sicher, daß für Frankreich noch niemals viel Gutes von den Preußen und Russen gekommen ist. Meine zwei Brüder sind dort erschlagen worden oder erfroren. Es muß ein böses Land sein und es ist besser, davon zu bleiben.«

»Hm – wie man's nimmt, Mann. – Du hast eben diesem Herrn hier gesagt, wovor er sich hüten soll – kannst Du mir auch eine solche Warnung geben?«

»Warum nicht, aber wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie die Knochen meiner Schafe fragen.«

»Die Knochen Deiner Schafe?«

»Ja – es ist nicht viel Mühe, und es trügt niemals.«

Er griff in die Tasche unter seiner Bluse und zog fünf jener durch den Gebrauch glatt polierten Hammelknöchelchen hervor, welche die Kinder zuweilen als Würfel oder Spielwerk brauchen, und eine Art Becher von Schaffell, die Wolle nach innen gekehrt, worein er die seltsamen Würfel tat.

»Sie müssen es gut schütteln und dreimal werfen, indem Sie ein Ave sprechen, Madame, und dabei an eine Frage denken.«

»Die Kaiserin sah erst auf den allerdings nicht sehr saubern Apparat und dann auf ihre bekanntlich sehr schönen, bereits von den Handschuhen entblößten Hände.

»Ich ziehe es doch vor, lieber Freund,« sagte sie, »Du sagst mir Deine Warnung ohne diese Knochen.«

»Wie Sie wollen, Madame, sonst kann ich auch für Sie werfen, obschon es allerdings nicht so gut ist.«

Und seine Zipfelmütze auf die Erde legend und den schmutzigen Becher schüttelnd, warf er, nachdem er das Zeichen des Kreuzes darüber gemacht, dreimal die improvisierten Würfel auf die Tafel, jedes Mal ihren Fall sorgsam beobachtend und einen der Würfel versetzend, bis ein Kreuz sich bildete oder das bekannte Spiel verunglückte.

»Nun – glückt es?« fragte die Kaiserin belustigt.

»Nein, Madame! Die Knochen wollen nicht. Hüte Dich, über ein großes Wasser zu gehen, es ist Unheil für Dich, und doch wirst Du's tun.«

Die Kaiserin lachte. »Ich denke, noch manche Seereise zu machen. Ist das Deine ganze Weisheit, Schäfer? Antworte mir bestimmt, was Dein Orakel Dir weissagt. Meint es der Gast, den ich im Sinn habe, gut oder falsch mit mir?«

»Es kommt darauf an, Madame, ob man es selbst redlich meint oder nicht. Es ist gut, wenn man nicht nach eines anderen Gut strebt; des einen Höhe ist des andern Erniedrigung. Ich sage Ihnen nur, lassen Sie die, die Ihnen nahe stehen, nicht über ein großes Wasser gehn, und tun Sie es selbst nicht. Es bedeutet immer Unglück für Sie.«

Die Kaiserin versank unwillkürlich einige Augenblicke in ernstes Sinnen, dann sagte sie: »Kennst Du mich?«

»Nein, Madame!«

»Und kennst Du diese Dame?«

»Nein, Madame, – aber …«

»Nun, sprich ungescheut.«

»Eine von Ihnen wird, wenn ich die Taube der Jungfrau zum letztenmal sehe, die höchste Frau in Frankreich sein.«

»Deine Aussprüche sind immer etwas reserviert, guter Freund, und unbestimmt.«

»Und wann wirst Du die Taube zum letztenmal sehen? Du bist alt, wie Du selbst sagst.«

»Fünfundsiebenzig Jahre, Madame, aber Gott allein weiß es, wann er mich abzurufen gedenkt.«

»Wenn Dir die Gabe verliehen ist, in die Zukunft zu sehen – hast Du auch das Auge für die Vergangenheit?«

»Oft, Madame, ich kann jedem Lamm ansehn, ob der Wolf ihm schon nahe gewesen ist.«

»Das ist allerdings kein sehr ermutigender Vergleich. Indes – ich bin zwar keines Deiner Lämmer, aber was brauchst Du zu Deiner Prüfung?«

»Die Besichtigung der Handfläche.«

»Also auch hier bei dem einfachen Schäfer die Fabeln der Nekromantie und der Chiromantie! Sie haben Recht, Herr Abbé, der Aberglaube ist doch sehr verbreitet. Bitte, meine Herren, zeigen Sie einmal dem neuen Paracelsus in der Bluse Ihre Hand.«

Der Marschall und der Abbé hielten ihre Hände hin.

Der Schäfer berührte das Innere derselben mit der Spitze seines Zeigefingers und verfolgte damit die Linien der Handfläche.

»Es ist viel Blut an dieser Hand gewesen,« sagte er dann ruhig, dem Marschall ins Gesicht sehend, »und wird noch viel Blut daran sein.«

»Das war nicht schwer, einem Mann zu sagen,« meinte spöttisch der Marschall, »von dem man erraten kann, daß er französischer Soldat war. Du mußt etwas Genaueres sagen, Freund!«

»Das war im Kampf, aber Du hast schon zweimal das Blut dessen vergossen, der das Deine geschont hatte,« fuhr der Schäfer, immer auf die Hand sehend, ruhig fort, »und das ist schlimm für Dich!«

»Unsinn! – und doch – es könnte etwas Wahres daran sein, ich erinnere mich wenigstens eines Vorfalls … aber betrachte einmal dagegen die weiche zarte Hand des Herrn Abbé hier, da kannst Du etwas anderes daraus lesen, als aus meiner Soldatenfaust.«

»Und dennoch,« sagte der alte Mann, die Hand des Abbé mit seinen Fingern aufhebend und dann rasch fallen lassend: »seh ich auch hier vergossenes Blut daran, Weiberblut, und es wird nicht das letzte sein.«

Eine fahle Blässe hatte sich über das Gesicht des jungen Geistlichen gebreitet, und rasch zog er seine Hand zurück. »Das ist die gerechte Strafe für einen Diener der Kirche,« sagte er hastig, »daß er sich zu solchem Aberglauben hergeben konnte. Dein Beichtvater, alter Mann, sollte Dir strenge Bußen auflegen für solche sündhaften Worte.«

Aber schon hatten die Marschallin und die Kaiserin ihre Hand hastig auf den Teppich des Tisches gelegt und deren Inneres dem Schäfer zugekehrt.

»Sie waren stets eine gute Mutter und gesegnete Gattin,« sagte der alte Mann. »Ihre Lebensweise ist wie die des Mannes, den Sie lieben. Nur einer Ihres Namens droht Gefahr.«

»Und ich?«

»Ihre Lebenslinie, Madame, ist früh geteilt. Haben Sie vielleicht zwei Gatten – gehabt?«

Der Marschall lachte. »Ihre Majestät sehen,« sagte er, »hieraus am besten, welche Bedeutung all' den Faseleien dieses halb blödsinnigen Menschen zu gewähren ist! Darf ich den Mann fortschicken?«

»Tun Sie es, Herr Marschall! Ich bin in der Tat bestraft für meine Leichtgläubigkeit. Wenn der Kaiser ein Wort davon erfährt, wird er uns verdientermaßen ausspotten.« Sie hatte, in der Causeuse zurückgesunken, die Hand nach der Glocke gestreckt. Die Kammerfrau war eingetreten. »Entfernen Sie den Mann wieder, liebe Lenoir, und belohnen Sie ihn reichlich für die Unterhaltung, die er uns gewährt hat – ein anderes Mal will ich doch vorsichtiger sein. Es ist Zeit, uns zur Ruhe zu begeben. Gutenacht, meine Herrschaften – versäumen wir die Stunde der Jagd nicht.«

»Sie winkte zur Entlassung; ihre Gesellschafter hatten sich bereits erhoben, nur der alte Schäfer, den die beiden Benennungen wie Blitzstrahle getroffen, lag noch immer auf den Knien und schien ganz betrübt.

»Eine Kaiserin – ein Marschall von Frankreich? – Ich Unglücklicher, die heilige Jungfrau möge mich Ärmsten beschützen, daß ich ihnen solche Dinge gesagt.« Er wäre am liebsten zu der Kaiserin gerutscht, ihre Füße zu umfassen, aber die hohe Frau war bereits verschwunden, und der Abbé, der, von der eigenen Prophezeihung ziemlich betroffen, auf die folgende Szene wenig geachtet hatte, berührte seine Schulter.

»Steht auf, Mann, und folgt dieser Dame. Ihr seht, welches Unheil Euch aus dem Treiben dieses von der heiligen Kirche verbotenen Gewerbes entstehen kann! Bereuet die Sünde und entfernt Euch schnell.«

Er folgte dem Marschall und seiner Gemahlin, während Madame Lenoir den alten Schäfer fortführte und ihn der neugierigen Zofe übergab, um ihn weiter zu schaffen. Nachdem der Abbé sich von Herzog und Herzogin verabschiedet hatte, verließ er selbst das Schloß durch das Hauptportal und nahm an der Schildwache vorüber seinen Weg über Vorplatz und Garten zur Stadt, wo er bei einem der Geistlichen ein Unterkommen gefunden hatte.

Auf dem Platz vor der Kirche St. Jacques mit ihrem merkwürdigen Turm erwartete ihn jedoch noch eine weitere Verzögerung.

Wer Compiegne besucht hat, wird gewiß die Ruinen der Abtei von Corneille besichtigt haben, an deren Stelle Karl der Kahle eine Kirche baute, die zuerst wie die berühmte Kathedrale von Paris den Namen Notre Dame führte, sowie den Turm »Julius Cäsars« oder des »heiligen Ludwig«, oder wie andere Chronisten ihn bezeichnen »der Jungfrau von Orleans«, die an dieser Stelle den englischen Pfeil, der sie zur Gefangenen machte, aus der Wunde zog mit den Worten: Es ist nicht Blut, es ist Ruhm!

In der Nähe befand sich das Haus, wo der Abbé Wohnung genommen.

»Sie haben ziemlich lange auf sich warten lassen, ehrwürdiger Herr,« sagte die etwas brüske Stimme eines Herrn, der vertraulich den Arm unter den seinen schob, »Indes ich wollte doch wissen, woran wir sind. Diese Preußen sind jetzt da – haben Sie die Kaiserin oder wenigstens die Frau Marschallin gesprochen?«

»Beide, Durchlaucht, ich komme sogar eben von einer ziemlich seltsamen Szene, der ich mit ihnen beigewohnt.«

»Und die Mission Seiner Eminenz?«

»Ist erfüllt. Die Kaiserin ist eine zu getreue Tochter der Kirche und Verehrerin des heiligen Vaters, als daß sie nicht versprochen haben sollte, alles aufzubieten, kein Bündnis mit Preußen zustande kommen zu lassen und den Kaiser wieder Österreich zu nähern. Sie ist sehr erbittert gegen diese Hinneigung zu Turin, die sie allein dem Einfluß der Prinzessin Mathilde und ihres Bruders zuschreibt.«

»Die Unterstützung der italienischen Revolutionäre und der fortwährenden Agitation in Venedig, Ungarn und Galizien ist nicht viel besser als eine Kriegserklärung und widerspricht allen Zusagen von Villafranca. Wir haben jetzt genug zu tun, den preußischen Intriguen um die Oberherrschaft in Deutschland zu begegnen. Sagen Sie dem Kardinal, daß das Haus Hohenzollern an der Spitze Deutschlands die gänzliche Auflösung des Kirchenstaats, ja über kurz oder lang der Ruin der römischen Hierarchie wäre. Schon in diesem Sinn ist es notwendig, Frankreich von einer Alliance mit Preußen auf Kosten Österreichs abzuhalten, und es auf das natürlichere Bündnis mit letzterem zu verweisen. Rom hat in uns seine einzigen wahren Freunde und verliert mit der Schwächung unserer Macht immer mehr die Kraft des Widerstandes gegen die ketzerischen Staaten.«

»Warum stellt sich denn Österreich nicht offen an die Spitze Deutschlands durch eine Neubildung seiner Verhältnisse, in der man der nationalen Einigkeitsschwärmerei einige Zugeständnisse macht, aber die wahre Herrschaft in den Händen der katholischen Höfe läßt.«

Der Fürst schüttelte den Kopf. »Denken Sie daran, daß schon mein Vater Seine Heiligkeit und den Herrn Kardinal vor diesem Experiment als sehr gefährlich warnte. Konzessionen sind eine sehr abschüssige Bahn. Wenn wir ehrlich sein wollen, hat Papst Pius mit den seinen zuletzt Rom verloren und die Republik Garibaldi und Mazzini allein hervorgerufen.«

»Und wie ein Triumphator ist er wiedergekehrt! und ob die Kirche auch einen Augenblick weichen muß, sie wird immer zuletzt den Sieg gewinnen.«

»Sie denken an den bekannten Spruch der Jesuiten vor Pombal. Aber erinnern Sie sich, daß es der Kirche unserer Zeit notwendig wird, sich auf eine große politische Macht zu stützen. Und wo findet sie einen treueren Boden als Österreich.«

»Sodaß, wenn Papst Pius vor Viktor Emanuel Rom verlassen müßte, er stets in Österreich die Aufnahme finden würde?« Der Blick, mit dem der Abbé den Diplomaten dabei ansah, enthielt einen versteckten Spott.

»Sie werden es billigen, wenn ich Ihnen offen sage, daß es immer besser sein wird. Seine Heiligkeit halten unter allen Umständen in Rom aus. Es wird dies ein Märtyrertum sein, aber eines, dem die Kirche sich zu ihrem eigenen Heil unterwerfen muß.«

»Es würde auch zu kostspielig und unbequem für Österreich sein. Beruhigen Sie sich, Durchlaucht, und melden Sie nach Wien, daß der Kaiser Napoleon auf das Drängen der Kaiserin Eugenie bereits daran denkt, der Familie des Kaisers Franz Joseph einen Beweis seines Vertrauens zu geben.«

»Oh,« sagte der Diplomat ziemlich frostig: »Sie sind beide noch zu jung und außerdem wünscht die Kaiserin als bayerische Prinzessin die Verbindung mit ihrer eigenen Familie. Es ist dies eine alte Familienkonvention!«

»Deren Wichtigkeit man in Rom auch vollkommen anerkennt. Nun, der Kaiser hat noch zwei Brüder, deren man sich bei der Wahl für einen Thron wohl erinnern wird.«

Der Diplomat sah seinen Begleiter aufmerksam an. »Ich kenne keinen freien Thron?«

»Throne entstehen so gut wie Dynastien. Erinnern Sie sich an die Zeit des ersten Napoleon.«

»Wie? man denkt doch nicht an einen polnischen Wahlthron für einen Erzherzog von Österreich? Rußland würde diese Wahl nicht dulden, wahrscheinlich auch Preußen kaum, selbst auf die Gefahr eines Krieges nicht.«

»Auch das nicht! Aber es ist nicht immer nötig, daß ein neuer Thron die Eifersucht der europäischen Regentenhäuser erregen muß. Es ist diese Eventualität nur eine Andeutung der persönlichen Sympathien des heiligen Vaters und des Kaisers Louis Napoleon, die den sonst ganz gerechtfertigten Groll der Hofburg in Wien beruhigen möge. Sorgen Sie also dafür, sobald dieser kleine König von Preußen wieder über den Rhein zurück ist, die Tuilerien zu frequentieren, Sie werden das beste Entgegenkommen finden. Doch, um von etwas anderem zu sprechen, das heilige Kollegium, Sie verstehen mich, das Kollegium di Tre, wünscht für die Dienste bei dem Kaiser Napoleon Ihren Einfluß in Wien in einigen anderen unbedeutenden Sachen.«

»Mit Vergnügen! Was ist es?«

»Zunächst: es wird mit Unterstützung der Kirche für die Katholiken und deren Institute eine besondere Bank und Sparkasse in Brüssel von einem sehr tüchtigen Geschäftsmanne und Freund der Kirche gegründet werden. Die österreichische Regierung möge den Filialen dieser Unternehmung in den österreichischen Staaten keine unnötigen Schwierigkeiten in den Weg legen.«

»Ich werde das befürworten.«

»Dann möge man der Unterstützung der armen Polen, dieser treuen und von Rußland systematisch mißhandelten Söhne der katholischen Kirche, wenn die Sendungen über Wien und Krakau geleitet werden müssen, keine zu rigorose Aufsicht zuwenden.«

»Sobald die revolutionäre Agitation, wie jetzt von Ungarn aus geschieht, sich nicht auch gegen den österreichischen Staat wendet! In Betreff Preußens und Rußlands haben wir nicht dasselbe Interesse.«

»Sie würden damit nur im Einverständnis mit Sachsen handeln. Der Weg über Gotha und Dresden ist bereits gesichert.«

»Und das Dritte?«

»Eine ganz unbedeutende Sache. Eine Sängerin, eine getaufte Jüdin, hat, um gewissen Kirchenstrafen für ihren frevelhaften Lebenswandel sich zu entziehen, sich nach Frankreich geflüchtet. Wenn sie sich nach Wien und Galizien wenden und dort Schutz suchen sollte, möge man die Autorität der Kirche über solche Abtrünnige achten.«

»Das ist vielleicht der schwierigste von allen drei Aufträgen,« sagte der Diplomat. »Es kann der Regierung die ganze oppositionelle Presse auf den Hals laden.«

»Die Wiener Polizei wird im Einverständnis mit unserem Nuntius leicht Mittel und Wege finden, die Ausweisung oder Auslieferung einer gefährlichen Verbrecherin ohne unnützen Eklat zu bewirken.«

»Ich werde dafür sorgen, daß die Frage in die geschicktesten Hände gelegt wird.«

»Das ist alles, was wir wünschen, und man wird dem Wiener Kabinett dafür stets die zuverlässigsten Nachrichten über die revolutionären Pläne gegen Tyrol, das Friaul und Istrien zugehen lassen. Und nun, Durchlaucht, da wir einig sind, sage ich Ihnen gute Nacht, um auch meinerseits die Ruhe zu suchen. Mögen Gott und die Heiligen stets mit Ihnen sein und alle Feinde der heiligen Kirche strafen.«

Er verschwand in dem Portal des geistlichen Hauses, der Diplomat aber wandte seine Schritte eilig dem Bahnhofs-Hotel zu, in dem er Wohnung genommen, um mit dem nächsten Morgenzug nach Paris zurückzukehren.


Im Schlafgemach des Königs Wilhelm von Preußen stand das Bett des hohen Herrn, das bekanntlich in den Heimatschlössern so sehr einfach feldmäßig war, wie erwähnt worden, zwischen den lebensgroßen Bildern des Kaisers Ludwig Napoleon und seiner Gemahlin. Ehe sich der König in der gewohnten Weise zur Ruhe begab, hatte es sein Generaladjutant für Pflicht gehalten, ihm kurz über den Eindruck zu berichten, den sein Gespräch mit dem französischen Marschall auf ihn gemacht hatte.

»Sie haben Recht in der vorsichtigen Äußerung Ihrer Ansichten getan, lieber General,« sagte der König, »und in der Meinung, die Sie selbst über meine Gesinnungen in der Rheinfrage haben. Ein König von Preußen hat Schwert und Krone von Gott vor allem auch in der Aufgabe erhalten, daß er sich als ein deutscher Fürst fühle, und ich denke, daß, so lange mich Gott auf diesen Posten stellt, kein Fußbreit deutsches Land und kein deutscher Mann an die Fremden verloren gehen soll. Und deshalb ist es meine Pflicht, das preußische Schwert stark zu machen und nicht nachzugeben in allem, was ich dazu für zweckmäßig halte. Was Preußen jetzt tut, wird mir vielleicht später Deutschland danken. » Suum cuique!« sagt der alte Wahrspruch meines Ahnherrn, und deshalb lassen Sie uns fest, allen Anfeindungen zum Trotz, an dem Werke der neuen Organisation der preußischen Armee halten, an dem ja auch Sie und mein wackerer Roon so treulich mitgeholfen haben. Das Weitere müssen wir Gott anheim stellen.«

Er reichte dem General die Hand. – –

Der nächste Morgen brach warm und schön herein.

Im Laufe des Vormittags erteilte König Wilhelm mehrere Audienzen, nahm eine Adresse der Deutschen in Paris entgegen und ließ dem deutschen Hilfsverein daselbst ein Geschenk von 3000 Franken übermitteln. Um 9½ Uhr fand die chasse à tir, statt, eine Fasanenjagd in dem schönen Waldgehege von Compiegne, bei der König Wilhelm, der links von dem Kaiser stand, den ersten Fasan schoß, der Kaiser den zweiten. Beide waren in grünen Jagdüberröcken, und zwölf Unteroffiziere von den Guiden bildeten die Büchsenspanner der beiden Souveraine. Um 11 Uhr kehrten sie in das Schloß zurück, und jetzt fand jene Unterredung zwischen ihnen statt, von deren Inhalt die Pariser Presse in den Zeitungen und mit der Broschüre: » L'empereur et le roi Guillaume« so viel fabelte, bis um 2½ Uhr der hohe Besuch und der ganze Hof in sieben offenen Jagdwagen eine Fahrt durch Park und Wald nach den mächtigen Ruinen des Schlosses Pierrefonds machte, an dessen riesigen Mauern, die der Ligue und der Fronde getrotzt, sich selbst der gewaltige Zorn eines Richelieu erschöpft hatte. Auf dem ersten Wagen saß der König zwischen dem Kaiser und der Kaiserin, die ein graues Kleid mit einem himmelblauen Spitzenshawl darüber und einen Hut à la Louis XV. mit Hahnenfedern trug. In Pierrefonds wurde der König zu seiner Überraschung von dem Musikkorps der Garde mit den Klängen des Dessauer Marsches begrüßt, worauf ein im Freien serviertes Dejeuner eingenommen ward und die Rückfahrt über die Ruinen des römischen Theaters und die Heidengräber stattfand.

Ob die Kaiserin Eugenie dabei wohl nach der weißen Taube der Jungfrau blickte? –

Später fand in dem von Napoleon I. erbauten Saal das große Diner statt mit mehr als 80 Kouverts und später in dem 800 Personen umfassenden Theater des Schlosses die Darstellung eines ziemlich unbedeutenden Stückes durch die Schauspieler des Théâtre français, bei der alle Damen in großer Toilette erschienen, die Kaiserin in weißer Robe à la Pompadour mit Rosen aufgenommen, Diamanten-Kollier und Stirnband. Paris war voll von dem Glanz, und die Verkäufer der improvisierten Broschüre und der Statuette des Königs Wilhelm machten brillante Geschäfte.

Aber vom den gehofften politischen Resultaten wollte nichts Zuverlässiges verlauten; diese Preußen waren zähe, ernste Erscheinungen, die zwar der Konstitutionnel am andern Tage bei dem Scheiden nach der kleinen Parade über die Garde-Zuaven und die Guiden dem Kaiser die Hand küssen sah, von denen aber Keiner an solche Devotion gedacht hatte. Daß am Abend vorher die Ouvertüre der Theatervorstellung aus einigen Takten des bedeutsamen Arndt'schen Volksliedes »Was ist des Deutschen Vaterland?« bestanden hatte, war wohl nur Wenigen aufgefallen. Und dennoch wog die Erinnerung daran damals so schwer.

» Au Revoir aux bords du Rhin!« lautete der Ruf des Kaisers Napoleon, als er sich gegen 12 Uhr auf dem Bahnhof von dem Preußenkönig verabschiedete. »Auf Wiedersehn an den Ufern des Rheins!«

Sie haben sich noch einmal wiedergesehen und zwar bei der großen Pariser Weltausstellung von 1867, ehe die Parole Wahrheit wurde, eine Wahrheit, welche zehn Jahre später die Welt bewegte!

»An den Ufern des Rheins! Hast Du es gehört, Henry,« sagte, als der Kaiser eben den Bahnhof verlassen hatte, um zum Palast zurückzukehren, ein junger Offizier. »Dann bin ich wahrscheinlich fern von hier; wenn ich überhaupt noch lebe!«

»Unsinn, Louis! Du bist kaum 21 Jahre alt und hast ein Leben vor Dir. Wo solltest Du sein?«

»Es ist mir zugesichert, später den Marschall Forey nach Mexiko begleiten zu dürfen, in zwei Jahren, aber bis dahin wird in Europa wenig los sein, es müßte denn in der Tat zu einem Bruch mit England kommen. Doch – ich wollte Dich fragen, hast Du Madame de Rochambeau gefunden?«

»Meine Cousine Claire und, was Dich doch mehr interessiert, meine Cousine Wéra, und, was Dich am meisten interessieren wird, ihr Schooßkind Tank-ki. Parbleu! Die schlitzäugige Chinesin ist ordentlich eine Schönheit geworden, seit sie Mutter ist und hat den kleinen Sprößling ihrer Liebe selbst nicht einmal verlassen wollen, um gestern Abend die gräßliche Hitze des Theaters mit den beiden Damen zu teilen.«

»Also war die Fürstin dort?

Ich dachte es mir fast, als ich von meinem zurückgelegenen Standpunkt in der Mittelloge, denn Herr von Cambazères war sehr streng in der Anweisung der Plätze, die Offiziere der Garnison und die jungen Kavaliere von Paris sich recken und ihre Aufmerksamkeit zwischen der kaiserlichen Loge und den reservierten Fremdenplätzen in den Seitenlogen teilen sah. Und sind die Damen schon zurück nach Paris?«

»Nein – mit dem zweitnächsten Zug, ich fahre mit demselben Train. Und Du?«

»Ich begleite Dich, wenn Dirs genehm, denn mein Extradienst ist zu Ende. Ich wäre sonst mit dem Marschall gefahren, der nur die Abfahrt des Königs abwartete. Es mag Dir lächerlich vorkommen, aber ich gestehe Dir, Henry, daß ich Tank-ki und den Knaben sehen möchte, von dessen Geburt ich keine Ahnung hatte.«

»Familienvater!« spottete der Husar, »Du weißt, das Kindergeschrei in der modernen Pariser Welt verpönt ist und man die Kinder zu den Ammen aufs Land tut, selbst die legitimen.«

»Und schwer wird sich diese Unnatur vielleicht einmal rächen. Du weißt jetzt, Henry, daß ich selbst ein Kind der Liebe bin, obgleich die Gerechtigkeit meines Vaters mich später legitimiert hat. Also spotte nicht und laß mich mit Dir gehen. Wer weiß, ob es ihm nicht geht, wie mir, und der Knabe nur kurze Zeit Gelegenheit hat, sich des Vaters zu erfreuen.«

»Was kümmerts mich? So mache Dich bereit, wir werden gute Gesellschaft haben, ein Reisegefährte aus Ägypten begleitet uns, der Marquis von Saint-Bris, der durch seine Wunde meine Rückkehr von dort verzögerte, und ein römischer Geistlicher, der bereits die Ehre Deiner Bekanntschaft hat, nebst einem irischen Baronet, einem ziemlichen Original mit seiner steifen Lady!«

»Von welchen Personen sprichst Du? Ein römischer Geistlicher? Ich hatte nur wenig Gelegenheit, in Rom Verbindungen anzuknüpfen, außer in dem Abbé Calvati …

»Und gerade dieser ist es, um den es sich handelt. Kein Asket, sondern ein Weltgeistlicher von Bildung und Tournüre. Ich machte seine Bekanntschaft heute Morgen bei der Herzogin. Doch nun einstweilen: Adieu, denn ich soll die Damen zur Bahn abholen, und in einer halben Stunde schon folgt der Zug dem königlichen Train.«

Als bald darauf die Gesellschaft sich zusammengefunden hatte, bedurfte es nur weniger Vorstellungen und die Unterhaltung erging sich natürlich zunächst in dem Thema der festlichen Tage. »Die Besuche scheinen permanent,« berichtete der Graf, »soeben, als ich mich im Schloß verabschiedete, war die Depesche angekommen, daß heute noch der Prinz auf seiner Rückkehr aus Amerika eintrifft.«

Der Abbé horchte auf. »Haben Seine kaiserliche Hoheit es so eilig, zu vernehmen, ob man hier die Anerkennung des Königreichs Italien erreicht hat?«

»Ich glaube schwerlich; doch kann ich Ihnen eine andere Neuigkeit aus der Umgebung König Wilhelms sagen; der bisherige preußische Gesandte in London ist auswärtiger Minister geworden, und in Warschau haben neue Demonstrationen der polnischen Nationalpartei stattgefunden.«

»Ein Anhänger des englischen Kabinets Minister in Berlin?« sagte verstimmt der Geistliche, »dann wird allerdings die Anerkennung nicht warten lassen; aber die zweite Nachricht, Herr Graf, ist von Wichtigkeit, da, wie ich soeben Nachricht erhielt, der Erzbischof von Warschau vorgestern daselbst gestorben ist. Es kann noch manches geschehen in diesem Monat.«

Er versank in tiefes Nachdenken, aus dem ihn erst der zufällig genannte Name Lautrec weckte.

Er blieb auch nicht der einzige, der darauf achtete, auch der Begleiter des jungen Husarenoffiziers war es, der auf ihn horchte. »Lautrec – ist das nicht ein alter Seekapitän aus Havre, später einer der angesehensten Pflanzer auf Guadeloupe …?«

»Ich weiß von dem Vater weniger,« sagte die Herzogin, »aber wenn der Vater ein Cosar war, dann kann diese abscheuliche Rebellion der Tochter gegen die frommen Frauen um so weniger wundernehmen, von der seit vorgestern ganz Paris voll ist.«

Der Abbé sah unwillig auf die Herzogin, aber der junge Marquis fragte hastig: »Mademoiselle Josephine Lautrec? – was ist mit ihr geschehn?«

»Man sieht, Monsieur, daß Sie fast noch ein halber Wilder sind, gerade wie mein Cousin, nur daß Sie doch seit vier Wochen nach Paris zurückgekehrt sein wollen, während er diese Zeit in wohlverdientem Prison saß. Ich hörte zufällig davon, und dachte schon daran, Mademoiselle Lautrec, deren Charakter mir gefällt, Aufnahme bei mir anzubieten, bis ihr natürlicher Beschützer zurückgekehrt ist.«

Die Herzogin machte eine äußerst mißbilligende Miene. »Wie, Sie, Durchlaucht, diese Rebellin gegen Zucht und Gehorsam, wie sie jedem jungen Mädchen geziemen, bei sich aufnehmen?«

»Warum nicht, Frau Herzogin? Mademoiselle Lautrec scheint so verlassen, wie ich es sein würde, wenn Sie nicht so freundlich gewesen wären, die Patronage über mich zu übernehmen. Und Sie wissen, daß etwas rebellisches Blut von meiner Erziehung her in mir steckt. Ich dachte in der Tat daran, Mylord mit der weitern Nachfrage zu beauftragen, aber er ist so steif und engherzig, daß er mir seine Hilfe verweigerte, und so wird mir wohl nichts übrig bleiben, als mich an meinen Hitzkopf von Cousin zu wenden.«

»Wenn Sie einen Beistand brauchen können, Durchlaucht,« sagte hastig der junge Aristokrat, so bitte ich, meine Person in Anspruch zu nehmen, denn ich muß Ihnen sagen, daß ich die Ehre habe, Mademoiselle de Lautrec und ihren Vater von früher zu kennen, und gesonnen bin, dieses Recht früherer Bekanntschaft in Anspruch zu nehmen, seit ich aber erfahre, daß Mademoiselle in Europa ist, und ihr Vater …«

»Die hiesigen Zeitungen sprechen bereits von dem Abenteuer, er soll augenblicklich in Italien sein, in Neapel.«

»In Neapel? Parbleu! Da sind wir wieder vielleicht grade vorbeigegangen. Warten Sie, Henry! Wann waren wir doch nach der Begegnung mit General Borges in Neapel?«

»Anfang September! Sie wissen, daß wir nur kurze Zeit da weilten, da Lerida eilte, nach seinem Felsennest zu seiner geheimnisvollen Spanierin zu kommen, und ich es endlich auch für Zeit hielt, mich wieder in Frankreich zu zeigen. Aber damit habe ich noch immer nicht erfahren, um welche Rebellion es sich mit dieser Mademoiselle de Lautrec handelt? Meine schöne Tante und die Fürstin vergessen ganz, daß ich erst seit zwei Tagen wieder ein Mensch bin. Also erzähle mir geschwind die Geschichte, wenn Du sie weißt, Louis.«

Der Adjutant zuckte die Achseln. »Ich habe den Namen nicht einmal gehört; doch halt, ich darf nicht lügen! War nicht eine Mademoiselle Lautrec im April dieses Jahres Brautjungfer bei der Vermählung der schönen dänischen Dame, für die sich die Kaiserin interessierte?«

Die Herzogin nickte, der Husar aber meinte: »Damit komme ich immer noch nicht zu meiner Geschichte!«

»Sie sind unverbesserlich, Henry,« sagte die Dame, »Nun, damit ich Ihre Neugier befriedige, die unersättlich ist, wenn Sie nur von einer jungen Dame hören, welcher der liebe Himmel kein gradezu häßliches Gesicht gegeben hat: Mademoiselle Lautrec ist mit ihrem Vater im Frühjahr von Guadeloupe herübergekommen, um in eine Pension gebracht zu werden zur Vollendung ihrer Erziehung, und der alte Kapitän hat sie, als er in Geschäften oder aus sonst einer Ursache nach Italien reiste, von woher er noch nicht zurückgekommen ist, in das Pensionat und unter die Obhut der heiligen Damen vom sacré cœur gegeben! Wie hätte er auch besser und passender für sie sorgen können, als bei so frommen Frauen, deren Pension sich des höchsten Ansehns in der Aristokratie erfreut. Aber diese wilde kreolische Katze scheint ein Ausbund von List und Bosheit zu sein, sie hat die Pensionärinnen förmlich zur Rebellion gegen die frommen Nonnen verleitet, die skandalösesten Auftritte und Verleumdungen hervorgerufen und hat zuletzt, man sagt, mit teuflischer Schlauheit und förmlicher Gewalt eine Flucht aus dem Kloster ausgeführt, die man bei einem jungen Mädchen kaum glauben kann!«

»Aber was ist mit ihr alsdann geschehn?«

»Was leider in Frankreich, wo die Kirche in frevelhafter Weise unterdrückt wird, an der Tagesordnung ist; sie hat sich in die Arme der weltlichen Macht geflüchtet und Polizei und Gerichte zu ihrem Beistand gerufen, die jetzt, statt sie in das Institut der Damen vom sacré cœur mit Gewalt zurückzuführen, wo sie die Rute verdient hätte, eben daran sind, ihr einen weltlichen Vormund zu stellen, bis sie unter die Obhut ihres Vaters zurückgegeben werden kann.«

Die drei Offiziere lächelten. Sie kannten die Geheimnisse von Paris gut genug, um nicht alles so unbedingt zu glauben, wie es die Herzogin im Interesse des von ihr protegierten Frauenstifts darstellte.

Auch die Fürstin war ungläubig.

»Einer meiner Lehrer hat mir die Sache etwas anders erzählt,« sagte sie spöttisch. »Das junge Mädchen soll den empörendsten Versuchen ausgesetzt gewesen sein, sie für das Klosterleben zu gewinnen und zu einem Gelübde zu verleiten. Ihr Trotz und ihre angebliche Bosheit sollen nur Jugendmut und Lebenslust sein, die sich gegen den ihr angetanen Zwang auflehnten, ja, gegen gradezu abscheuliche Künste, die unter der Maske der Religion ihre Ehre zu verderben suchten.«

»Abscheuliche Verläumdungen!« sagte die Herzogin. »Wenn, liebe Tochter, unter der Zahl Ihrer Lehrer, denen Sie zu viel Einfluß gestatten, sich Männer befinden, die Ihre Unerfahrenheit mit solchen Verdächtigungen mißbrauchen, so wird man sie aus Ihrer Nähe entfernen und durch andere geeignetere Personen ersetzen müssen.«

»Verzeihung, Madame!« sagte die junge Fürstin mit einem Ausdruck hochmütiger Härte, »Sie werden sich erinnern, daß ich die Auswahl der Lehrer für mich und Tank-ki mir selbst vorbehalten habe. Mylord Walpole und der russische Gesandte haben, ehe sie mir die betreffenden Personen anrieten, erst die sorgfältigsten Erkundigungen über sie eingezogen.«

»Auch ein englischer Lord und Graf Kisseleff können sich irren,« sagte die Herzogin pikiert, »namentlich, wo es sich um die Beurteilung einer ihnen fremden Konfession handelt; die Religiosität ist für uns Frauen eine wichtige Gemütssache …«

Die Fürstin lachte, und legte die Hand auf das Knie der ihr gegenüber sitzenden Dame. »Lassen Sie uns nicht darüber streiten, Altesse,« meinte sie heiter, »Sie wissen aus Erfahrung schon, daß ich eine halbe Ungläubige bin und zur Betschwester keine Anlage habe. Aber vielleicht hat Mademoiselle Lautrec, die mir dadurch noch interessanter wird, einmal eine Erbschaft zu erwarten?«

»Die schöne Königin von Guadeloupe, wie man sie dort zu nennen pflegt, ist eine der reichsten Erbinnen der ganzen Insel,« berichtete der Marquis.

»Sodaß demnach, wenn sie sich, wie man sagt, Gott weihte, also den Schleier nähme, diese ganze reiche Erbschaft ihrem Kloster und der lieben Kirche zufallen dürften.«

Der scharfe Verstand der Fürstin schien mit dieser unbarmherzigen Logik nicht allein die Herzogin, sondern auch den römischen Abbé getroffen zu haben.

»Sie ist ein Satan in ihrer Selbständigkeit!« murmelte die Herzogin, die, wie die Sibirianka scherzhaft bemerkt hatte, auch in dieser Beziehung wahrscheinlich schon allerlei Erfahrungen mit ihrer Patronage gemacht hatte.

» Yes, yes!« sagte die irländische Baronesse in ihrer steifen puritanischen Haltung. »Ich habe immer gehört, daß die Leute von der Kirche feind sehr interessiert. Was sagst Du, Sir Terenz?«

»Ich stimme Dir ganz bei, Judith,« meinte der willenlose Ehemann, »nur habe ich auch immer gefunden, daß die irischen Väter verteufelt gute Burschen waren, sei es beim Punschbrauen, bei einem guten Leichenschmaus, oder selbst bei einem Kirchturmrennen. Pferde- und Mädchenfleisch geht ihnen über alles.«

»O pfui, Sir Terenz,« naserümpfte die steife Lady, solche Worte sind shocking!«

»Der Teufel hole sie, aber es ist trotzdem die Wahrheit, Gentlemen und Ladies.«

Die jungen Offiziere lachten recht herzlich über die Offenherzigkeit Paddys, an dem sie großes Gefallen fanden, aber Lady Judith begnügte sich mit diesem einen Versuch, ihn ins Gespräch zu ziehen.

»Sie mögen das Rechte getroffen haben, Fürstin,« erneuerte der Marquis das Gespräch, »aber doch dürfte die Spekulation sich darin irren, daß die liebenswürdige Josephine Lautrec die einzige Erbin ihres Vaters war.«

Der römische Abbate konnte sich nicht enthalten, den Sprecher fragend anzuschauen. »Wieso, Monsieur le Marquis?«

»Kapitän Lautrec,« sagte dieser, »hatte einen Neffen, einen tapferen Offizier der französischen Armee, der nach Solferino seinen Abschied nahm und mit mir in Gaëta diente.«

»Sein Name?«

»Kapitän Gauthier,« sagte der junge Mann, »Sie müssen sich seiner erinnern, Signor Abbate, aus jener Nacht unseres Überfalls von San Agatha, denn seitdem ich Sie hier wiedergesehen, ist mir die undeutliche Erinnerung, die mir schon damals bei unserer Begegnung in Rom Ihr Gesicht bekannt sein ließ, klarer geworden.«

»Ich habe nicht die Ehre, mich des Offiziers zu erinnern, den Sie eben genannt,« meinte kaltblütig der Priester. »Ich habe die Gewohnheit, alles zu vergessen, was außerhalb meines Amtes liegt.«

»Aber Ihr Amt oder Beruf schien es doch damals gewesen zu sein, die lockere Gesellschaft zu beaufsichtigen und die Aufmerksamkeit der piemontesischen Offiziere abzulenken, was unserem kecken Unternehmen so trefflich zu statten kam, wenn der Überfall auch leider nur zum Teil gelang und wir uns dann mit Hilfe des wackern Kapitän Tonelletto zurückschlagen mußten zu den Unseren. Sie müssen doch wissen, was aus den Weibern geworden ist, namentlich der früheren Chanteuse Theresa, die unserem tapferen Führer den Tod gebracht haben soll. Ich habe in der Tat nicht erfahren können, ob Kapitän Gauthier damals ein Opfer unseres kühnen Streiches geworden, oder ob er nur verwundet in die Gefangenschaft der Piemontesen geraten ist, die unserer kleinen Schar zu mächtig wurden.«

Der Abbé Calvati schien sich trotz dieser Appellation an sein Gedächtnis in diesem Fall sehr ungern zu erinnern. »Ich kann Ihnen in der Tat nichts Sicheres berichten, Monsieur le Marquis. Ich folgte, wie Sie, damals nur einem Auftrag meiner Oberen im Interesse des armen König Franz und gegen die Feinde Seiner Heiligkeit. Jene frivolen Weiber konnten keinen Gegenstand für meine weitere Beachtung bilden.«

Er zog aus der Tasche seiner Soutane das Brevier, ein Beweis, daß er nicht weiter befragt zu sein wünsche.

»Der arme Gauthier!« sagte der Marquis hartnäckig. »Er hatte eine Ahnung seines Todes und schien ihn ohnehin zu suchen und zu wünschen. Aber er sprach noch einige Augenblicke vorher von dieser Cousine Lautrec zu mir und vertraute mir sogar ein Schreiben an ihren Vater, den Kapitän, an. Ich sandte es zwar von Rom aus später an seine Adresse nach Guadeloupe, aber das legt mir um so mehr jetzt die Pflicht nahe, mich nach seiner Tochter zu erkundigen.«

Die beiden Offiziere und die Fürstin versprachen ihm darin ihren Beistand; so war der Bahnhof erreicht.

Auf dem großen Vorplatz fanden sie den Wagen der Herzogin, und nachdem die drei Offiziere verabredet hatten, sich am Abend im Café Anglais zu treffen, trennten sie sich, nachdem Graf Boulbon und der Marquis die Fürstin um die Erlaubnis gebeten hatten, ihr am andern Mittag aufwarten zu dürfen.

Der Abbé Calvati hatte nach kurzer Beurlaubung bei der Herzogin alsbald einen Fiaker bestiegen. » Rue des postes!« lautete sein Befehl. »Rasch! es gibt ein gutes Trinkgeld!«

Kaum eine halbe Stunde später befand er sich in einem ziemlich bequem, wenn auch klösterlich eingerichteten Gemach des großen Hinterhauses, das der Kongregation der Gesellschaft Jesu gehört.

Der Abbé saß an einem Pult und schrieb eifrig; ihm gegenüber stand ein Mann von etwa fünfzig Jahren, in der schwarzen Soutane mit dem weißen Kragen, wie sie noch immer die Mitglieder des Ordens in ihrer Häuslichkeit oder bei ihren amtlichen kirchlichen Verrichtungen zu tragen pflegen. Sein Gesicht hatte einen strengen, fast asketischen Ausdruck, im Gegensatz zu der Bonhommie und feinen Physiognomie des Römers. Er sah auch mit einer gewissen Feindseligkeit auf den jungen Kleriker, ohne jedoch mit dem geringsten Wort dessen kurzen und entschlossenen Befehlen zu widersprechen.

»Haben Sie den Kurier für Rom bereits instruiert, hochwürdiger Bruder?« fragte der Abbate.

»Er weiß, daß er seine Depeschen zuerst in unserm heiligen Kollegium abzugeben hat und dann erst im Quirinal den Kardinal aufsuchen soll.«

»Gut! Und ist der Mann verschwiegen und zuverlässig?«

»Auf Ihren Befehl wählte ich den gewandtesten unserer Laienbrüder aus, der stets für die geheimen Missionen benutzt wird und den Weg nach Rom unter verschiedenen Gestalten schon zehnmal gemacht hat. Ich bürge für ihn.«

»Das genügt. Hier dieses Telegramm durch einen Privaten zum Bureau.«

»Darf ich fragen, wohin es bestimmt ist? Sie wissen, daß es keine müßige Neugier ist, sondern Vorsicht.«

»Nach Warschau!«

»Dann ist diese um so notwendiger. Wir wählen von hier stets den Weg über Breslau und die Unterbrechung daselbst.«

»Aber die Nachricht hat die größte Eile.«

»Baruch Lehmann ist der aufmerksamste Korrespondent. Nur muß ich Sie bitten, keine Chiffern anzuwenden, sondern die gleichgültigsten Worte zu wählen, möglichst in Form eines kaufmännischen Auftrags.«

»Lesen Sie selbst, lieber Bruder!«

Der Abbé reichte dem Vorsteher des Ordenshauses das Manuskript des Telegramms zu, und dieser las halblaut:

 

»Der hochwürdigsten
Frau Mathildis, geborenen Gräfin Zerboni,
zur Zeit in Warschau, Hotel d'Angleterre.

Unsere Frau Priorin ist am Sechsten im Herrn gestorben und wird am Zehnten beerdigt.

Schwester Rosalia.«

 

Der Superior –, denn diesen Rang in der hierarchischen Gliederung des berühmten Ordens hatte der Vorsteher des Pariser Ordenshauses für gewöhnlich –, schüttelte den Kopf.

»Sie geben mir nur halbes Vertrauen, hochwürdiger Bruder,« sagte er, sich an die andere Seite des Schreibtisches setzend und die Feder zur Hand nehmend. »Die Fassung dieses Telegramms, so einfach sie ist, könnte der russischen Polizei, die jetzt überaus mißtrauisch ist, verdächtig erscheinen. Sagen Sie mir, was davon notwendig ist.«

»Adresse, die Daten und die Unterschrift.«

»Dann überlassen Sie mir gefälligst die Abfassung,« und der alte Jesuit schrieb:

 

»An Baruch Lehmann in Breslau.

Die hochwürdigste Frau Mathildis, Gräfin Zerboni, in Warschau, Hotel d'Angleterre wohnend, ist sofort zu benachrichtigen, daß die durch Schwester Rosalia am Sechsten bestellten Perlen bis zum Zehnten dort eintreffen werden.«

 

Und er reichte diese neue Fassung über den Tisch hinüber.

Der Abbé las das Telegramm und machte ein Zeichen der Zustimmung. »In der Tat, dies genügt und ist besser. Haben Sie nach dem Hotel Lambert gesandt?«

»Der Bote ist bereits zurück, der Prinz wird in einer Stunde hier sein.«

»Etwas langsam für einen Prätendenten der polnischen Krone; doch wir müssen uns damit begnügen und einstweilen eine andere Sache verhandeln. Die Frau Oberin des Klosters vom heiligen Herzen hatte direkt berichtet, daß unter den gegenwärtigen Pensionärinnen ihr eine junge Dame von den Antillen zur Vollendung ihrer Erziehung anvertraut ist, der nach dem Tode ihres Vaters ein sehr bedeutendes Vermögen zufällt, und der Provinzial von Zentral-Amerika hat die letzteren Angaben bestätigt und darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es sei, daß die Hand dieser Erbin nur einem zuverlässigen Anhänger der Kirche zu Teil werde.«

Der Superior begnügte sich mit einer zustimmenden Verneigung.

»Was ist in dieser Beziehung geschehen?«

»Die Frau Vorsteherin war von dieser Notwendigkeit unterrichtet und ersucht worden, dieser Pensionärin die größte Sorgfalt zu widmen, ebenso der Beichtvater des Klosters vom sacré cœur – aber leider …«

»Nun?«

»Es scheint ohne unser Verschulden und in allzu großem Eifer für das Beste der Kirche diese Pensionärin etwas zu hart behandelt worden zu sein, so daß ihr eigensinniger Charakter zu bedauerlichen Exzessen getrieben worden ist.«

»Das heißt, man hat sie zur Ablegung eines Gelübdes veranlassen wollen, statt sie als Weltkind zu behandeln und sie durch Vorschub ihrer Neigungen zu gewinnen. Das war ein törichtes Verfahren. Aber es scheinen noch andere Ereignisse dabei vorgekommen zu sein, welche die junge Pensionärin veranlaßt haben, den Schutz des Klosters zu verlassen?«

Der Superior sah, daß der junge Priester bereits mehr wußte, als er ihm hatte mitteilen wollen. »Es ist allerdings dabei leider eine bedauerliche Ungeschicklichkeit vorgekommen, die bereits ihre strenge Bestrafung gefunden hat. Der neue Beichtvater des Klosters …«

»Nun? – Er hat dem Mädchen Gewalt antun wollen?«

»Nein – nicht so weit! – Aber er hat geglaubt, bei ihrem leichtfertigen leidenschaftlichen Charakter durch eine allzurasche Entwickelung ihrer Sinnlichkeit sich eine Herrschaft über sie zu sichern.«

»Und er ist dabei zu plump und unvorsichtig zu Werke gegangen!«

»Sie bezeichnen sein Vergehen ganz richtig, hochwürdiger Bruder. Der Pater Falmayer hat sonst große Fähigkeiten und eignete sich persönlich sehr gut zu dem Beichtiger des Instituts. Ich habe ihn sofort entfernt, und Pater Falmayer befindet sich bereits in Pönitenz.«

»Falmayer – ich muß den Namen kennen. Ist er nicht ein geborener Schweizer aus Freiburg?«

»Er ist allerdings von deutscher Abstammung, wurde im Kollegium zu Dole im Jura erzogen und ist sonst, bis auf diese – Schwachheit des Fleisches, eine der gewandtesten und scharfsinnigsten Stützen des Ordens, dabei –«

»Sprechen Sie nur weiter!«

»Einer der schönsten und stattlichsten Männer, die ich kenne.«

»Das könnte stimmen! – Noch eins. Sie erhielten von Rom den Auftrag, hier ein jüdisches Geschäftshaus, oder vielmehr das Hauswesen seiner Besitzer unter genauer Beobachtung zu halten.«

»Moses und Aaron Ruffeli aus Galizien oder Italien.«

» Si! Die Zahl der Familie …«

»Sie hat sich seit August durch die Anwesenheit einer Verwandten, einer angeblichen Sängerin, vermehrt.«

»Warum sagen Sie einer angeblichen? Die Sängerin Carlotta Ruffeli war eine der berühmtesten Primadonnen Europa's. Sie rivalisierte mit Glück mit der Lind und Alboni.«

»Ich kenne dergleichen Nichtigkeiten nicht.«

»Unrecht genug, gerade hier in Paris, wo Nichtigkeiten die Hauptsache sind! Wie steht hier das Haus Ruffeli?«

»Es macht sehr gute Geschäfte, namentlich gegenwärtig in Waffenlieferungen nach Ungarn, Polen und der Türkei, also nach dem Osten. Es beschäftigt zahlreiche Kommis in seinem Kontor.«

»Blos jüdische?«

»Nein, hochwürdiger Bruder! Sie wissen, ein Schelm traut dem andern nicht. Sie könnten schließlich der russischen oder österreichischen Gesandtschaft, die ihre Spione überall haben, die Adressen und Wege der Sendungen verkaufen. Noch kürzlich sind zwei Kommis auf diesen Verdacht hin entlassen worden.«

»Hätten Sie Mittel und Wege, eine bestimmte Person in ihre Dienste zu bringen?«

»Auf einigen Umwegen gewiß.«

»Und sind die Geschäfte des Hauses Ruffeli bedeutend?«

»Sehr bedeutend; die Entziehung gerade dieses Zweiges ihrer Tätigkeit würde ihnen den größten Nachteil bringen – ja, unter Umständen selbst den Kredit des Hauses vernichten.«

»So lassen Sie den Pater Falmayer rufen; ich will ihn selbst sprechen.«

Der Superior machte eine ablehnende Bewegung. »Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen zu sagen, hochwürdiger Bruder, daß der Pater in diesem Augenblick unter strenger Pönitenz steht, der er schon des Gehorsams und des Beispiels wegen nicht entzogen werden darf.«

Der Abbate sah den im Range ja weit über ihm stehenden Jesuiten hochmütig an. »Sie wissen, hochwürdiger Herr, daß ich vom General selbst unbedingte Vollmacht habe. Kraft dieser hebe ich die Pönitenz einstweilen auf, so verdient sie auch gewesen sein mag. Also lassen Sie immerhin den Pater holen.«

Bei der Berufung auf den General des Ordens verneigte sich der ältere Jesuit demütig und erhob sich. Aber bevor er sich noch entfernen konnte, wurde drei mal an die äußere Tür geklopft, und ein Diener im geistlichen Gewande trat ein.

»Was gibt es? Was hast Du zu melden?«

Der dienende Bruder verneigte sich demütig:

»Seine Hoheit, der Fürst Witold Czartoryski ist soeben eingetreten und fragt nach dem hochwürdigen Herrn.«

»So führen Sie ihn schleunig hierher! Ich werde ihn mit Ihrer Erlaubnis, hochwürdiger Herr, selbst empfangen.«

Der Superior entfernte sich, den vornehmen Gast zu begrüßen und zu geleiten.

Einige Augenblicke darauf führte er das nunmehrige Haupt der polnischen Propaganda in Paris ein. Der Abbate kam dem Fürsten mit der ganzen Devotion eines geschulten Hofmannes entgegen.

»Euer Majestät wollen mir verzeihen, wenn ich Sie um Gehör bitten ließ. Sie kennen mich hoffentlich noch von der Versammlung im April her?«

»Ah – Abbé Calvati! Sehr erfreut, Sie zu sehen, und ich bin Ihnen doppelt verbunden, daß Sie die Vorsicht geübt, nicht in unser Hotel zu kommen. Was bringen Sie uns für Nachrichten?«

Der Abbate hatte den Fürsten zum Sopha geführt und in bescheidener Entfernung selbst Platz genommen.

»Haben Euer Majestät bereits Nachricht aus Warschau von dem Tode des Herrn Erzbischofs?«

»Vor einer halben Stunde ist sie von Posen eingetroffen – und was nun?«

»Dann, Euer Majestät hält uns nichts mehr zurück, und Sie haben die Einwilligung Seiner Heiligkeit, zu handeln. Ich habe mir bereits erlaubt, unsere Freunde in Warschau von Ihren Absichten in Kenntnis zu setzen, daß das Märtyrertum beginnen kann. Das Begräbnis des verewigten Erzbischofs wird die beste Gelegenheit zu einer energischen Demonstration bieten.«

»Lassen Sie sehen – das Begräbnis wird wahrscheinlich schon übermorgen stattfinden; aber es ist unmöglich, daß bis dahin einer unserer Vertrauten Warschau erreichen kann. Das Zusammentreffen einer Demonstration in Warschau zum selben Tage mit der ausgeschriebenen Verbrüderung nach Horodlo wäre sonst allerdings vortrefflich. Doch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie mir einen Titel geben, der vielleicht meinem Vater zukam, mir aber ohne Berufung der Nation nicht gebührt. Ich bitte Sie also, der Zukunft ihr Recht zu lassen.«

Der Abbate verbeugte sich. »Euere Durchlaucht sind der erste Prinz Ihres Hauses, also der rechtmäßige Erbe Ihres verewigten Vaters. Eben wegen des Zusammentreffens erlaubte ich mir durch den Telegraphen unsere Zustimmung zu erteilen. Man hat nur darauf gewartet, Euer Durchlaucht haben demnach alle Zeit, die weiteren Maßregeln der Erhebung zu ordnen. Man wird Ihnen auf dem Wege über Wien und Krakau keine Schwierigkeiten mehr in den Weg legen, sobald Sie nur die österreichischen Interessen schonen.«

»Vortrefflich! Sie haben Ihr Versprechen gehalten. Aber nun, wen wird Seine Heiligkeit oder der Herr Kardinal zum Nachfolger des verstorbenen Erzbischofs Fialkowski ernennen?«

»Die Administration der Erzdiözese von Warschau fällt zunächst an Bialabrzewski, der ganz die geeignete Persönlichkeit ist, die Strenge der russischen Regierung herauszufordern und das Märtyrertum zu beginnen.«

»Aber als Erzbischof selbst?«

»Wir hoffen, daß das Petersburger Kabinett sich hat täuschen lassen und selbst die Wahl des Priesters Felinski als ihm wünschenswert bezeichnen wird. Wir wissen bestimmt, daß man zugleich dem heiligen Stuhl das Anerbieten machen wird, die päpstliche Nuntiatur in Petersburg wieder herzustellen.«

»Aber Felinski – sind Sie seiner auch sicher? Man hat ihn mir als einen Lauen bezeichnet!«

»Er wird im rechten Augenblick ein Mann sein und der Würde der Kirche nichts vergeben. Grade seine bisherige Haltung wird sein Auftreten um so bedeutsamer machen. Er ist ein Mann, viel entschlossener als Przyluski in Posen.«

»Dann verlasse ich Sie sehr beruhigt, ehrwürdiger Herr! Sie werden sicher ein Licht der Kirche werden. Haben wir sonst noch etwas zu besprechen?«

»Nur die Bitte, vorläufig die Agitationen auf Polen zu beschränken. Preußen muß geschont bleiben, schon wegen seiner Haltung in der italienischen Frage. Wir hoffen dort noch bedeutende Konzessionen zu erreichen. Außerdem – wie ist das Komitee mit Ihren Waffen-Spediteuren zufrieden?«

»O – das Haus Ruffeli scheint wirklich ganz vortreffliche Verbindungen angeknüpft zu haben.«

»Trauen Euer Durchlaucht ihm nicht zu viel; ich weiß, daß das ungarische Komitee in Genua seit kurzem Ursache erhalten hat, ihm zu mißtrauen.«

»Ich danke Ihnen für diese Warnung und werde sie beachten lassen. Empfehlen Sie mich dem Kardinal und legen Sie Seiner Heiligkeit meine Ehrfurcht zu Füßen, sobald sich Gelegenheit findet.« Der Fürst reichte dem Jesuiten die Hand und wurde von ihm bis zum Ausgang des Hauses begleitet.

Als der Abbate in das Gemach zurückkehrte, fand er den deutschen Pater aus der Pönitenz bereits dort.

Es war ein Mann von etwa 33 bis 35 Jahren, groß, kräftig, eine prächtige Gardegestalt mit einem interessanten, schönen Gesicht und jenen tiefen, geistvollen Augen, die für die Frauen so unwiderstehlich zu sein scheinen.


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