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Das Central-Comité.

Ende April, also mehr als zwei Monate vor den eben mitgeteilten Ereignissen fand am Abend jenes Empfangs in den Salons der Fürstin Czartoryski im Hotel Lambert, und der Kaiserin Eugenie in den Tuilerien eine Sitzung des polnischen Zentral-Komitees statt, und zwar in dem Lokal, das ganz in der Nähe der allgemeinen Versammlung der Emigranten lag und nur durch einen kurzen Korridor oder ein längliches Gemach von dem bereits beschriebenen Gartensaal getrennt war.

Dieser abendlichen Beratung sollten außer den 43 Mitgliedern des Komitees noch verschiedene andere Personen beiwohnen.

Die Namen der 43 Mitglieder waren der russischen Regierung keineswegs unbekannt; hatte doch schon zur Zeit der Zusammenkunft der drei Monarchen in Warschau der Polizeiminister der polnischen Hauptstadt seinem Gebieter die Liste dieses Zentral-Komitees überreicht. In dem Bewußtsein des Schutzes der französischen Regierung brauchten sie also nur wenig Vorsicht zur Sicherung oder Verheimlichung ihrer Person, und diese Vorsicht beschränkte sich daher auf Maßregeln gegen das Einschleichen russischer Spione, und da sich die dreiundvierzig genügend untereinander kannten, waren diese Maßregeln sehr leicht zu treffen.

Der Raum, der früher zu einer mit dem Hotel in Verbindung stehenden Orangerie gedient hatte, war sehr einfach ausgestattet; auf der einen Langseite erhob sich eine niedere Estrade mit eurem langen, nur auf einer Seite mit sieben Sesseln besetzten Tisch, der gleich den Tafeln der gewöhnlichen amtlichen Sessionszimmer mit Tuch, hier jedoch nicht grünem, sondern purpurfarbenem, bespannt war. Dem Tisch gegenüber befanden sich drei Reihen Bänke, sodaß nur ein Raum von etwa zwei Schritten zwischen Tafel und Sitzreihen blieb und jeder, der auf diesen seinen Platz hatte, ohne Anstrengung der Stimme sich an den Debatten des Ausschusses beteiligen und wenn er an den Tisch herantrat, von allen gehört werden konnte.

Drei Wände waren ohne jeden Schmuck, nur die Langwand hinter der Tafel trug gerade hinter dem Mittelplatz des Vorsitzenden eine Dekoration von Fahnen in den polnischen Farben: Weiß und Purpur, oder Weiß, Blau und Purpur, die das vereinigte Wappen von Polen und Litthauen: das weiße Pferd und den geharnischten Reiter mit geschwungenem Säbel, beide in rotem Felde, umgaben.

An dem Tisch des Ausschusses waren augenblicklich nur drei Sessel besetzt, die übrigen vier noch leer.

Die drei Bänke gegenüber dagegen waren bis auf wenige Plätze von den vierzig Mitgliedern gefüllt.

Am Ende der Tafel saß ein alter Mann mit fast bis auf die Schultern herabhängenden weißen Haaren und einer blauen Brille. Er hatte einige Papiere vor sich und drückte eben die Feder eines kleinen Metallhammers, der auf eine silberne Glocke schlug, während die meisten Anwesenden noch vor ihren Sitzen standen oder sich in Gruppen mit einander unterhielten.

Der Hammer schlug drei Mal rasch hintereinander in scharfem Ton an.

»Ich bitte die Brüder, Platz zu nehmen.«

In wenigen Augenblicken war dies geschehen.

»Meine Herren und Brüder,« sagte der Alte: »Im Namen Gottes und der heiligen Sache Polens erkläre ich, als der Alterspräsident, die Sitzung unseres Komitees für eröffnet und bitte Sie, den heutigen Präsidenten zu erwählen, nachdem wir uns überzeugt haben, daß nur Mitglieder des Komitees anwesend sind. Bruder Morawski, als dem jüngsten Mitglied muß ich Ihnen diese Prüfung übertragen –«

Der Aufgerufene erhob sich, verglich die Zahl der Anwesenden mit der Liste und erklärte, daß drei Mitglieder fehlten.

»Graf Dzialinski,« bemerkte der Alterspräsident Mazurkiewicz auf die Namhaftmachung der fehlenden Mitglieder, »hat mich benachrichtigt, daß er noch kurze Zeit im Hotel zurückgehalten werde; Bruder Guttry ist im preußischen Landtage von der Vertretung der wichtigen, nationalen Anträge zurückgehalten, welche die polnische Fraktion, wie Ihnen bekannt sein wird, dort gestellt und in diesen Tagen zu verteidigen hat, und unser Bruder Nepomucen Janowski ist leider schwer erkrankt. Die beiden letzten Brüder haben jedoch Vollmachten gesendet. Wir können also zur Wahl des Vorsitzenden schreiten, der dann die Schriftführer nach eigenem Ermessen wählt.«

»Wollen wir nicht auf die Prinzen warten?« fragte einer der Teilnehmer von der untersten Bank.

»Ich protestiere dagegen,« sagte eine andere scharfe Stimme von der obersten Reihe her. »Nach den Regeln der Sitzungen muß ein Mitglied des Zentral-Komitees selbst den Vorsitz führen.«

»Die Prinzen Czartoryski sind stets als Mitglieder des Zentral-Komitees betrachtet worden, General,« bemerkte der Alterspräsident.

»Aber nur als Ehrenmitglieder,« beharrte jener, »wir hegen gewiß alle vor der durchlauchtigen Familie Czartoryski den größten Respekt, bei den widerstreitenden Interessen der Fraktionen jedoch, welche heute hier zur Sprache kommen müssen, ist es unsere Pflicht, uns streng an die Vorschriften des Statuts zu halten.«

»Ich schlage also vor, die Wahl durch Akklamation wie in früheren Fällen eintreten zu lassen.«

»Wroblewski!«

Nur zwei Stimmen von der obersten Bank riefen: »General Mieroslawski!«

»Ah, da kommt Dzialynski! Graf Dzialynski!«

Der Schwiegersohn des alten Fürsten, der preußische Abgeordnete Graf Dzialynski, trat in der Tat mit dem ältesten Sohn des Fürsten, dem Prinzen Witold durch eine Tür am oberen Ende des Saals ein. Alle Mitglieder des Komitees bis auf die der obersten Bank erhoben sich zu seiner Begrüßung.

Der General, der vorhin opponiert, neigte sich zu dem Ohr seines Nachbars. »Passen Sie auf, Antoni, die verdammte Adelskoterie wirft uns wieder ein Hindernis dazwischen.«

»Graf Dzialynski!« wiederholten mehrere Stimmen, andere beharrten bei: »Wroblewski!«

»Ich bitte die Brüder,« sagte der Graf, »von mir abzusehen. Ich bin erst gestern von Berlin eingetroffen und wenn auch mit den Warschauer Angelegenheiten vertraut, doch über den Stand der hiesigen noch nicht genug informiert. Ich bitte meine Stimme unserem würdigen Freunde Wroblewski geben zu dürfen.«

Der mit dem größten Vertrauen der Emigration beehrte Führer der gemäßigten Partei übernahm alsbald den Vorsitz und ernannte zwei der jüngeren Mitglieder zu Protokollführern.

»Brüder des Zentral-Komitees,« sagte er nach den formellen Einleitungen, »es stehen folgende wichtige Gegenstände zur Debatte unserer heutigen Versammlung:

 

Die Berichte unserer Freunde aus Warschau; desgleichen unserer Freunde aus Petersburg und dem Auslande; die weiteren Instruktionen nach Warschau; die Aussichten einer Erhebung zur Befreiung Polens und die Frage der günstigsten Zeit dazu.

 

Ich glaube, daß die beiden ersteren Gegenstände die Verhandlung der beiden letzten bedingen werden, und ich habe Ihnen daher zuvor nur die Kardinalfrage zu stellen, ob unsere heutige Beratung eine ganz vertrauliche nur unter den Mitgliedern des Komitees sein soll, oder ob sie die Herbeiziehung von Freunden unserer Sache gestattet, die nicht speziell zu den Mitgliedern gehören, deren Rat und Beistand uns aber von der höchsten Wichtigkeit ist!«

»Wie ich gehört,« sagte ein Teilnehmer der ersten Bank, der Adelsfraktion, »hat ein Mitglied des Komitees in Warschau selbst dessen Berichte überbracht. Seine mündlichen Rapporte werden uns leicht Ausführlicheres geben, als alle schriftlichen. Ich beantrage seine Zulassung.«

»Einer unserer zuverlässigsten Offiziere, der Kapitän Marian Langiewicz ist von Cuneo hier eingetroffen, um der Sitzung beizuwohnen,« erklärte Graf Dzialynski, »ich beantrage für ihn und den Herrn Grafen de Noël die Zulassung zur Beratung.«

»Ein Bevollmächtigter der Kurie, Abbé Calvati aus Rom, erbittet gleichfalls den Zutritt,« sagte ein Dritter.

»Der ungarische Diktator Kossuth wünscht der Sitzung beizuwohnen,« erklärte ein Vierter.

»Ein Mitglied der europäischen Liga aus Genf befindet sich im allgemeinen Saal!« ein Fünfter.

»Sein Name?«

»Ricciotti Garibaldi, der zweite Sohn des Generals!«

»Wollen die Brüder nicht etwa noch Graf Kisseleff einladen?« hörte man die scharfe spöttische Stimme des Generals Mieroslawski, »er würde vielleicht die einfachsten Wege zur Vertreibung der Russen aus Polen angeben können!«

Alle kannten zur Genüge die Eifersucht, die der polnische Agitator gegen Garibaldi und seine Anhänger hegte. Der Sitzung drohte demnach schon in ihrem Beginn einen Konflikt, doch löste ihn glücklich die Energie des Vorsitzenden.

»Wenn die Brüder keinen begründeteren Einwand gegen einen der Vorgeschlagenen zu erheben haben, werde ich diese eintreten lassen.«

Selbst die Partei des Berges schien sich des Widerspruchs zu schämen, und der Präsident gab dem jüngsten Mitglied das Zeichen zur Einführung.

Die Bezeichneten, auch das noch nicht genannte Mitglied des Warschauer Zentral-Komitee's, traten ein und letzteres stellte sich sofort dem Präsidenten gegenüber, während der Ungar Kossuth mit der Anmaßung, die ihn charakterisierte, sofort auf den leeren Platz an der Tafel zuging und diesen einnahm, als gebühre er ihm selbstverständlich. Die anderen nahmen auf einer Bank neben der Eingangstür Platz. Nach wenigen Minuten der Begrüßung war die Ordnung wieder hergestellt.

»Wir wollen zuerst den Bericht aus Warschau hören,« sagte der Präsident.

Der Eingetretene vor dem Tisch wandte sich sofort halb gegen die Versammlung.

»Ich habe diese Berichte gebracht und bin bereit, sie zu erläutern. Ich bin Adam Prot Asnik, der frühere Präsident der »schwarzen Brüderschaft«. Man wird von mir wissen! Ich saß in der Alexander-Zitadelle gefangen, aber es ist mir gelungen, mich zu befreien, und ich war bei dem Volk, als sich dieses am 27. Februar gegen die Mordtaten der russischen Schergen erhob. – Die Brüder werden mich kennen,« sagte er dreist und hochmütig.

»Wir haben von Ihnen gehört,« bemerkte ruhig der Präsident des Zentral-Komitees. »In wessen Auftrag kommen Sie?«

Der Student sah den alten Mann verwundert an. Es schien ihn zu befremden, daß man bei der Nennung seines Namens ihn nicht gleich mit offenen Armen und mit besonderen Ehren aufnahm.

»In wessen Namen ich komme? Im Namen aller Warschauer Patrioten. Ich komme im Namen der Zehner, der Volksjunta, des Revolutions-Komitees, die allein die berechtigten Führer der Bewegung im Vaterlande bilden. Ich soll das Zentral-Komitee auffordern, so bald wie möglich Waffen und Geld zu senden. Die Erhebung ist vollkommen reif zum Ausbruch. Wir warten nur auf das Signal von Paris und darauf, daß man General Mieroslawski an unsere Spitze stellt. Hier ist das Verzeichnis der Kräfte, über die wir in den Woiwodschaften im Augenblick der Erhebung gebieten können.«

Der Präsident schüttelte etwas zweifelhaft den Kopf.

»Die Ernennung des Generals ist noch nicht erfolgt,« sagte er. »Wir ehren Ihren Eifer, Herr Asnik, aber die Begeisterung der jungen Patrioten muß durch die verständigen Erwägungen der Älteren gezügelt werden. Wir haben auf anderem Wege Berichte aus Warschau erhalten, welche die Zeit zu einer offenen Volkserhebung noch keineswegs gekommen glauben.«

»Das kommt von den Lauen, den Weißen, Herr,« sagte heftig der Student. »Sie werden mit ihrem Zögern noch alles verderben! Das Volk, das wahre Volk ist zur Erhebung bereit mit dem Opfer seines Blutes. Man hat ihm das Losschlagen versprochen, man darf seinen Mut nicht erkalten lassen. Noch ist Warschau ohne zahlreiche Garnison.«

»Eine so wichtige Frage,« sagte der Präsident, »kann nicht von dem Eifer eines einzelnen entschieden werden. Hören wir erst die anderen Berichte.«

Er ließ die überbrachten vorlesen, aus allen ging hervor, daß sie vom größten Fanatismus diktiert waren, dem die ruhige Besonnenheit und die Abwägung der Mittel fehlte.

Verschiedene Stimmen ließen sich für und wider hören, der Diktator Kossuth hielt eine seiner weitschweifigen Reden und beteuerte die Bereitwilligkeit der Ungarn, ihren polnischen Brüdern grade in diesem Augenblick die helfende Hand zu reichen, wo man die Tyrannei in Petersburg und Wien an der Wurzel fassen könnte; aufs neue wurden die tollsten Vorschläge für einen sofortigen Ausbruch der Volkserhebung gemacht.

Aber auch an ruhigeren und verständigen Stimmen fehlte es nicht. Marian Langiewicz erklärte gegen die Partei des Berges, daß er während seiner heimlichen Anwesenheit im Königreich weder die Volksstimme noch die getroffenen Vorbereitungen so weit gediehen gefunden habe, um jetzt schon mit einem Angriff gegen die russischen Garnisonen zu beginnen. Er sprach sich für einen Aufschub von zwei Jahren aus, und auch der preußische Deputierte stimmte ihm zu. Der letztere schien sich sehr viel von einer Beteiligung der polnischen Bevölkerung im Großherzogtum, in Oberschlesien und Westpreußen zu versprechen, aber auch er mußte doch zugestehen, daß das Volk selbst wenig dazu geneigt und mit dem preußischen Regiment eigentlich ganz zufrieden sei, ja, daß selbst ein großer Teil des Adels von polnischer Geburt an der Person des Königs hänge und von einer Losreißung dieser Landesteile nichts wissen wolle. Nur die radikalste Opposition in der Kammer sei bereit, der polnischen Nation jede Unterstützung zu gewähren, ja sogar eine Trennung der alten polnischen Landesteile von dem Staat, weil man darin eine Schwächung der Hohenzollern-Monarchie finde. Auf der andern Seite wurde der Gedanke der Gründung eines selbständigen Polens bis zur Weichsel, gleich dem alten Herzogtum Warschau unter einem preußischen Prinzen angeregt, durch das man Preußen mit Rußland in Konflikte zu bringen hoffte.

Der Streit war ziemlich lebhaft, und verschiedene Pläne für die Insurektion wurden vorgelegt, gebilligt oder verworfen. Zuletzt einigte man sich, nachdem der Abbate die päpstliche Erlaubnis für den Klerus, sich an der politischen Bewegung zu beteiligen zugesichert hatte, zu folgenden Grundzügen:

Der wirkliche Ausbruch einer bewaffneten Erhebung im Königreich sollte erst im Frühjahr 1863 stattfinden, bis dahin aber die Spannung und Aufregung der Bevölkerung möglichst vermehrt, die Erbitterung geschürt werden. Alle Konzessionen der russischen Regierung sollten scheinbar willig akzeptiert, die Forderungen aber mit jeder gesteigert werden. Durch diese scheinbare Unterstützung der Regierung wollte man, ehe der offene Bruch mit ihr eintrat, möglichst viele zuverlässige Männer in die öffentlichen Stellen bringen und ihr so nach und nach die Macht aus den Händen nehmen. Unter dem Vorwand einer Selbstverwaltung der Polizei durch die Bürger und Akademiker sollte eine geheime Macht gebildet werden, welche die spätere Teilnahme der Bevölkerung zu erzwingen und einen Druck auf das Land auszuüben hätte. Jede Gelegenheit müsse benutzt werden, durch Demonstrationen die russischen Behörden zu einem gewaltsamen Einschreiten und zu strengeren Maßregeln zu reizen, deren Opfer sollten dann als patriotische Märtyrer ausgegeben und ihr Schicksal durch die Presse übertrieben werden, durch Bilder sollte die Phantasie entflammt, das Gebiet der Entstellung und Lüge ganz systematisch benutzt werden, um die Sympathien anderer Völker zu gewinnen. Daneben sollte eine förmliche zweite Regierung über das ganze Land organisiert werden, mit Zwangsaushebungen und einer Steuererpressung, welche die öffentlichen Steuern überböte. Ein Schreckenssystem müsse jede andere Meinungsäußerung unterdrücken; durch Priester und Frauen sei fortwährende Aufregung zu erhalten; Handel und Wandel müsse brach gelegt, die Religion mißhandelt und unterdrückt erscheinen; die Anwerbung durch das System der Zehner sich nicht bloß auf Warschau, sondern über das ganze Land erstrecken; eine geheime Gensdarmerie bis in die kleinsten Orte engagiert sein, die Landbevölkerung gezwungen werden, auch den besten Maßregeln der russischen Regierung Mißtrauen und Widerstand entgegen zu tragen. Wenn dann das Volk in allen seinen Gefühlen verletzt, ruiniert, in Schrecken gesetzt und in jedem freien Willen unterdrückt sei: dann wäre es Zeit, auch den offenen Kampf gegen den russischen Koloß zu beginnen und den Zuzug von außen her, die ungarische, englische und französische Hilfe, zu verlangen. Dieser teuflische Plan wurde bis in die Details besprochen. Ein Bericht aus Petersburg, der verlesen wurde, mahnte gleichfalls zur Verzögerung des Ausbruchs, da infolge des am 17. März von den Kanzeln proklamierten Manifestes des Kaisers Alexander II. betreffend die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland durch das ganze weite Reich sich unter dem russischen Adel eine Mißstimmung zu zeigen begänne, man selbst an der Treue der Offizierskorps zu zweifeln anfange, die geheimen Komitees der Panslavisten und der Nihilisten immer größere Verbreitung gewönnen und man sogar schon ganz offen Andeutungen über eine Entthronung der Familie Romanow hören könne.

In diesem Stadium der Debatte war es, wo ein Klopfen an der Tür die Aufmerksamkeit des den Dienst habenden jüngsten Mitglieds des Komitees erregte und es hinausrief. Bald darauf kehrte es zurück und übergab dem Vorsitzenden einen Brief, den dieser mit steigender Aufmerksamkeit durchlas und dann in die Tasche schob.

»Es ist Zeit, Brüder,« sagte er, »daß wir zu einem bestimmten Beschluß kommen und unseren Brüdern in Warschau diesen kund geben.«

»So sei es!«

»So fordere ich die auf, die für eine bewaffnete Erhebung gegen die russische Herrschaft noch vor dem ersten Januar 1862 sind, aufzustehen.«

Nur die Mitglieder der obersten Bank gaben das Zeichen.

»Die Erhebung ist also bis zum Jahre 1863 vertagt, die Bestimmung der genaueren Zeit wird einem späteren Beschluß überlassen bleiben. Die Vertagung schließt natürlich die bereits beratene Organisation der geheimen Nationalregierung nicht aus. Diese möge die einzelnen Gelegenheiten zu Volksdemonstrationen feststellen. Nur die Zeit des bewaffneten Aufstandes bleibt vorbehalten. Wir haben zunächst den Oberbefehl über das Nationalheer zu bestimmen.«

»Im Namen meines Vaters, des Fürsten, schlage ich den mit der militärischen Organisation bereits betrauten Kapitän Marian Langiewicz den Mitgliedern vor,« sagte mit fester Stimme der Prinz.

»Ich habe das erste Recht darauf,« erklärte hochmütig der General Mieroslawski.

»Die Nationalregierung wird darüber entscheiden. Es ist die Pflicht eines jeden Polen sich ihrer Anordnung zu fügen. Aus wieviel Personen hat die Nationalregierung zu bestehen?«

»Ich beantrage die Zahl fünf,« sagte ein Mitglied der unteren Bank.

»Einverstanden.«

»Und daß die Wahl zunächst in folgender Weise erfolgt: ein Mitglied durch das Zentral-Komitee in Warschau, ein Mitglied durch die Volksjunta, ein Mitglied aus der Direktion der Weißen …«

»Ich beanspruche die Rechte der schwarzen Brüderschaft …« fiel die Stimme des Sendboten derselben ein.

»Einverstanden! Für die Ernennung des letzten Mitglieds verlange ich dagegen das Recht des Pariser Bundes. Ich schlage die Wahl durch Stimmzettel vor und die Geheimhaltung der fünf Namen während der ersten sechs Monate nach Beginn der bewaffneten Erhebung, um sie der Beeinflussung der Parteien zu entziehen.«

»Der Vorschlag ist gut. Ich stimme dafür.«

Sämtliche Mitglieder, die für die Vertagung des Ausbruchs gestimmt, erklärten sich auch für diesen Vorschlag.

»Diese Beschlüsse müssen alsbald den Komitees in Warschau überbracht werden. Der Bote wird zugleich die bisher gesammelten Geldbeträge und die Konsignements für die Waffensendungen zu überbringen haben. Es muß daher ein vertrautes und geprüftes Mitglied sein, da wir ihm die Mittel der Erhebung anvertrauen. Es darf keine Person sein, deren Abwesenheit die Aufmerksamkeit der Spione des russischen Gesandten erregen würde.«

Vier Personen meldeten sich: der preußische Abgeordnete, der Diktator Kossuth, der Student Prot Asnik und ein anderes Mitglied.

»Wir müssen den Herrn Grafen darauf aufmerksam machen, daß seine Stellung eine zu exponierte ist. Herr Kossuth gehört einer anderen Nationalität, es bleiben demnach zur Wahl nur das Mitglied des Zentral-Komitees und der Warschauer Patriot, der uns bereits die dortigen Berichte überbracht hat, Herr Prot Asnik.«

»Ich bin bereit, schon morgen die allerdings nicht gefahrlose Rückkehr anzutreten, sobald ich Papiere und Anweisungen erhalten habe.«

Der Präsident erhob sich. »So bitte ich Herrn Prot Asnik, sich zu der großen Reise bereit zu machen. Ich erkläre die Sitzung für geschlossen, bitte aber die Mitglieder noch einige Augenblicke zu verweilen, da eine wichtige Anzeige eingegangen ist. Ich bitte den Bruder Mickiewiez die weißen Ruten zu verteilen.«

Alle Mitglieder des Komitees sahen sich erstaunt, fast erschrocken an. Seit den vier Jahren seiner Organisation war die Verteilung der Weidenruten, die später eine so furchtbare Rolle in Polen spielte, nur einmal vorgekommen, die Fremden kannten sogar nicht einmal ihre Bedeutung. –

Das aufgeforderte Mitglied nahm unter der Estrade ein Bund feiner weißgeschälter Ruten hervor und verteilte sie schweigend und mit niedergeschlagenen Augen.

Wiederum erhob sich der Präsident und sichtlicher Ernst lag auf seinem markierten und verwitterten Gesicht.

»Brüder,« sagte er, »wir sind in der traurigen Lage, ein Gericht halten zu müssen. Es ist mir diesen Abend die Anklage gegen einen unter uns auf den Mord eines unserer Brüder zugegangen, Sie erinnern sich, daß im Februar einer unserer besten Patrioten, der Graf Hippolyt Oginski, den wohl die meisten von uns persönlich gekannt haben, in Warschau den Tod gefunden hat.«

»Der Graf fiel unter den russischen Kugeln,« sagte hastig der Student.

»Die Anklage lautet auf Mord durch eine Kugel – aus den Reihen des polnischen Volks!«

»So fiel er auf Befehl der Junta, weil sie, wie ich weiß, den Beweis erhielt, daß der Graf in geheimer Verbindung mit der russischen Polizei stand.«

»Ich erlaube mir kein Urteil,« sagte ruhig der Präsident. »Ich mache den Bruder Prot Asnik nur darauf aufmerksam, daß er durch sein Gebahren sich selbst als Mitwisser dieses Geheimnisses verdächtigt hat.«

Die sonst von großer Frechheit zeugende Stirn des jungen Verschwörers hatte sich dunkler gerötet. »Ich protestiere! Mein Patriotismus ist bekannt und erprobt. Wo sind meine Ankläger?« Und seine etwas erschrockenen Augen sahen wild über die Versammlung.

»Es ist nicht mehr alles billig, sie Ihnen gegenüber zu stellen. Laßt die Schreiberin dieses Briefes eintreten.«

Der Präsident winkte. Das Mitglied des Komitees, das diese Funktion übernommen, öffnete die Tür: »Treten Sie ein, Madame!« Dann stellte er sich im Innern mit dem Rücken gegen die Tür und zog einen kurzen Revolver aus seiner Brusttasche. Zugleich tat ein anderes Mitglied auf den Wink des Präsidenten das Gleiche an dem Ausgang der zweiten Langseite, der zu dem allgemeinen Versammlungslokal führte.

Die Eintretenden waren eine Frau in schwarzem Mantel und Schleier und ein Knabe.

»Sind Sie die Schreiberin dieses Briefes?«

»Ja, Pan. Ich habe von den Dienern dieses Palastes gehört, daß heute hier eine Versammlung der aus ihrem Vaterland Polen verbannten Patrioten stattfände und ich habe gewartet, bis man mir gestattet hat, einzutreten.«

»Wer sind Sie? Woher kommen Sie!«

»Ich komme von Warschau … zugleich mit diesem Mann – mein Name ist:« – sie entfernte mit der rechten Hand ihren Schleier und kehrte dem ehemaligen Studenten ihr Antlitz zu.

»Wanda Morawska!« stieß dieser unwillkürlich heraus, »Sie hier?«

»Sie haben aus seinem Munde meinen Namen gehört,« sagte das Mädchen, »es kann also kein Zweifel über meine Person sein. Außerdem sehen Sie hier das nicht zu widerlegende Zeugnis!« und mit einer Bewegung voll Hoheit ließ die unglückliche Polin den Mantel fallen und zeigte der Versammlung den leeren Ärmel ihres schwarzen Gewandes.

»Wir haben von Ihrem unglücklichen Schicksal vernommen, Fräulein von Morawska,« sagte der Präsident, und fast alle hatten sich erhoben und umdrängten sie. »Die Kasse des Zentral-Komitees hat die reiche Gabe erhalten, die Sie ihr durch Vermittelung eines Bankhauses in Posen haben zustellen lassen, und ich danke Ihnen dafür im Namen des Vaterlandes.«

»Um so mehr werden Sie dem Gerechtigkeit widerfahren lassen, dessen Vermächtnis an mich und das Vaterland sie war, ehe er starb. Ich war die Verlobte des Grafen Hippolyt von Oginski, trotz meiner Verstümmelung, und klage jenen Mann an, den tötenden Schuß auf ihn abgefeuert zu haben.«

Ihre Hand wies auf den Studenten. Ein gewisser Abscheu zeigte sich auf den Gesichtern der meisten, und die ihm nahe gestanden hatten, waren von ihm zurückgewichen.

»Ich begreife Ihren Schmerz, Fräulein von Morawska,« sagte der Präsident teilnehmend, »und daß dieser sie bewogen, einen Mann solcher Tat anzuklagen, der sich sonst als guter Patriot bewiesen hat. Haben Sie Zeugen der Schuld?«

»Diesen Knaben hier, der es mit angesehen, wie er die tückische Kugel abschoß, die ein edles Leben zerstörte, das tausendfach mehr wert war, als das seine.«

Der Angeklagte schien zu begreifen, daß nur die größte Kühnheit ihm übrig blieb.

»Die Pana Morawska spricht die Wahrheit,« sagte er kalt, »es ist richtig, ich schoß die Kugel auf einen Verräter ab, der mit den Feinden Polens in Verbindung stand. Möge sie es leugnen, daß der Graf sich durch den Schutz der russischen Polizei des Verrats dringend verdächtig gemacht hatte. Ich weiß, daß er diesen Schutz sogar für sie selbst in Anspruch genommen hat. Er fiel auf den Befehl einer Todesjunta der schwarzen Brüderschaft. Ich war nur der Arm, ihr Urteil zu vollstrecken und kann dafür auch nur von ihr selbst in Warschau gerichtet werden.«

»Ich will dafür bürgen,« sagte der künftige Diktator der polnischen Revolution, »daß Graf Hippolyt Oginski kein Verräter am Vaterlande war, sondern einer der besten Patrioten. Es befinden sich in diesem Augenblick genug Personen in Paris, die mein und dieser Dame Zeugnis bestätigen können.«

»Dank Ihnen, Kapitän Marian Langiewicz,« sagte die Verstümmelte, »und möge es Ihnen im Glück wie im Unglück nie an einem treuen Herzen fehlen.«

Er reichte ihr die Hand. »So war es in jedem Fall ein voreiliges und grausames Urteil,« sagte der Präsident, »wenn wir auch annehmen müssen, daß dieser Mann hier nur seinen Obern zu gehorchen geglaubt hat, als er die schlimme Tat beging, für die wir ihn hier nicht verurteilen können!«

Die Augen der Verstümmelten blitzten, der Knabe hatte sie am Kleide gezupft.

»Ruhig, Janko! Sie wollen also den Mord nicht bestrafen?«

Der Präsident hatte mit seinem Blick die Männer ringsum befragt.

»Wir haben kein Recht dazu!«

»Auch nicht dafür? – Knabe – zeige Deinen Fund!«

Der Bursche hatte eine kleine Brieftafel aus seiner Tasche gezogen und reichte sie ihr zu.

»Hier Panna!«

Diesmal war es ein Wutschrei, der den Lippen des Studenten entfuhr, der sich mit der Gier eines Wolfes auf den kleinen Ankläger stürzte und ihm die Brieftafel zu entreißen suchte. Aber das Mädchen hatte sich vor den Knaben geworfen und die Hand des Kapitäns und anderer rissen den Erbleichten zurück.

»Nehmen Sie selbst, Herr, und prüfen Sie! Seit ich wußte, daß dieser Mann wieder aus der russischen Zitadelle in Warschau entkommen, hegte ich Mißtrauen gegen ihn und jene bübische Tat heftete mich an seine Fersen. Als der Knabe hier mir Nachricht gab, daß er sich zum Überbringer der Berichte des Revolutions-Komitees nach Paris hatte bestimmen lassen, angeblich um sich den Nachforschungen der Warschauer Polizei für einige Zeit zu entziehen, stieg dieses Mißtrauen und ich beschloß, ihn im Geheimen zu begleiten und ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen. So ist es geschehen, und ich und der Knabe Janko, den ich in Wahrheit aus jenem Grunde mit mir nahm, haben uns wie die Spürhunde an ihn gehängt. Fragen Sie ihn jetzt, weshalb er sich zwei Tage in Wien aufgehalten, was er im Hotel der russischen Gesandtschaft zu tun gehabt hat? Als er dies Hotel verließ, hat Janko das Portefeuille aufgehoben, das beim Besteigen des Fiacres aus seiner Tasche gefallen war. Er hat dem russischen Gesandten dort die Abschrift dieser Berichte verkauft, die er über Nacht in Wien kopierte.«

»Falsch! Es ist Lüge, Verleumdung, der giftige Haß dieser Dirne, weil ich ihren Galan erschoß!«

Sie streckte die Hand wie zum Schwur empor, dann sagte sie kalt: »Lesen Sie – laut!«

»Es ist eine zufällige Geschäftskarte, ohne Bedeutung!« schrie der Angeklagte.

Der Präsident hatte das kleine Portefeuille geöffnet es enthielt nur eine Visiten-Karte:

 

Victor von Balabine,
Wirklicher Staatsrath.

 

»Es ist der Name des russischen Gesandten. Darunter steht: Vorzeiger ist zuverlässig und hat wichtige Dienste geleistet.«

»Und hier in dem Zimmer des Wiener Hotels, in dem ich mit jenem logierte, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, fand ich am Tage der Abreise dies Papier, einen Teil jener Kopie, die er über Nacht genommen hatte. Vergleichen Sie es mit dem Original, das er Ihnen brachte.«

Der Ertappte stand bleich und zähneknirschend. »Die Brüder werden nicht aus bloßen Zufälligkeiten und nach dem Schein urteilen! Ich bin mir keiner Schuld bewußt; mein Eifer für die Sache der Nation ist bekannt!«

Der Präsident Wroblewski wandte ihm den Rücken. »Die schwarze Jungfrau von Czenstochau hält ihre Hand über Polen. Brüder, dieses zerrissene Blatt stimmt allerdings mit dem Original. Unsere heilige Sache ist also einer großen Gefahr entgangen. Die Sitzung ist geschlossen – geben Sie die Weiden ab und nehme einer diese Dame mit sich, bis sie ein Unterkommen gefunden hat.«

Die Mitglieder des Zentral-Komitees entfernten sich schweigend, nachdem jedes die ihm überreichte Weidenrute an der Tür zurückgegeben hatte.

Sie waren alle bis auf zwei in der Mitte geknickt.

An der Tür trafen der Kapitän Langiewicz, welcher der Morawska den Arm gereicht hatte, und der Insurgentengeneral Mieroslawski zusammen.

Der letztere sah hochmütig zurück. »Noch, Herr Kapitän, sind Sie nicht am Ziel! Wir werden uns in Cuneo wiederfinden, wenn ich aus Frankfurt a. M. zurückkehre.«

»Ich werde die Ehre haben, Sie zu erwarten.«

Als der Abbate das Gemach verlassen wollte, faßte eine Hand seinen Arm. Es war der Präsident der Versammlung, der sich zu seinem Ohr beugte.

»Wünschen Euer Hochwürden ihn Beichte zu hören?«

Der Abbate zuckte die Achseln. »Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich kann Sie nur erinnern, daß Sie sich im Bereich der französischen Gesetze befinden.«

»Eben deshalb! Er wird ungefährdet das Palais verlassen, – durch den Ausgang am Fluß!«

Der entlarvte Verräter wollte noch einige Worte zu seiner Verteidigung sagen, aber der Präsident wies kurz nach dem Ausgang. »Gehen Sie, Herr, die Brüder, die Sie geleiten werden, erwarten Sie!«

Der Student Prot Asnik zog einen Revolver aus der Tasche, als wolle er andeuten, daß er etwaiger Gefahr Trotz biete. Dann schritt er mit entschlossenem Wesen den andern nach. – – – – – – – –

»… Schade, – es war ein hübscher noch junger Mann mit schwarzen Locken« … hatte die Pariser Dame gesagt III. Band S. 289., als die Equipage des dänischen Gesandten zurückkehrend aus der Soirée der Kaiserin am Pont de la Constantine einige Augenblicke von einer Ansammlung Neugieriger aufgehalten worden war.


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