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Des Kreuzträgers Geschichte.

Sie wissen, daß ich meines Gewerbes ein Wegweiser war. Ich trieb das Handwerk seit dreißig Jahren, und wiewohl wir oft und mannigfache Gefahren zu bestehen hatten, hatte doch nie eine Karawane oder eine Gesellschaft einzelner Reisender unter meiner Führung ein nennenswertes Unglück betroffen.

Ich geleitete die Warenzüge und die Reisenden von den Präsidios jenseits des Rio del Norte nach Chihuahua durch die Wüste, ja, ich bin herunter gewesen bis Monteraux, und ich darf sagen, ich hatte einigen Ruf bei den Kaufleuten und den Reisenden als ein sicherer und zuverlässiger Mann, und ich war stolz darauf und suchte ihn zu erhalten.

Sie können denken, daß mein Dienst gefährlich genug war und große Aufmerksamkeit erforderte. Jenseits des Rio Grande die Comanchen, diesseits die wildesten Stämme der Apachen. Dazu treiben sich oft Banden weißen Gesindels in der Wüste umher, die schlimmer sind, als die grausamsten Indianer. Aber immer war es mir gelungen, meine Aufgabe zu erfüllen, sei es durch Geschenke oder einen kleinen Tribut, sei es durch meine Aufmerksamkeit, die jede Falle vereitelte, oder auch manchmal durch eine energische Verteidigung. Ich war ein guter Schütze, aber ich hatte bis dahin noch nie selbst Menschenblut vergossen.

Ich scheute keine Mühe, und meine Arbeit hatte mit Gottes Hilfe guten Segen getragen, denn mein kleines Vermögen wuchs zusehend, und einige Spekulationen, die ich bei den Karawanen auf eigene Hand machte, trugen viel dazu bei. Wenn ich dann nach allen Strapazen der Reise nach Hause kam, so erwarteten mich Freuden, die mich für alles entschädigten. Kamerad, ich weiß nicht, ob Sie je das Glück eines eigenen Herdes gekannt, an dem uns die Arme eines braven Weibes und die Zärtlichkeit geliebter Kinder erwarten! Wenn dies nicht ist, dann wissen Sie nicht, was ich verloren habe. Ich hatte erst spät geheiratet, erst im vierzigsten Jahre, weil ich immer fürchtete, einer Familie keine genügende Existenz bieten zu können. Es war die Tochter einer verarmten, aber nicht ungebildeten deutschen Auswanderer-Familie, die sich in Texas niedergelassen hatte. Maria, so hieß mein Weib, hatte mir gleich in den ersten Jahren unserer Ehe zwei Kinder geschenkt, ein Mädchen und einen Knaben, so kräftig und stattlich und gut, daß jedermann sie liebte, sie waren unsere ganze Seligkeit. Maria, so hieß auch meine Tochter, war zur Zeit, von der ich rede, siebenzehn Jahr und bereits die Braut eines wackeren jungen Mannes, der aus dem Norden gekommen und nur darauf wartete, sich eine passende Niederlassung zu gründen, um sie zu heiraten; Robert, mein Sohn, aber fünfzehn, ein keckerer Bursche lebte nicht, und ein besseres Herz hat nie zwischen den beiden Meeren geschlagen.

Es war vor etwa sechs Jahren, etwa ein Jahr, ehe mir das Unglück geschah, daß ich bei dem Geleit der Handelskarawane aus dem Westen nach Palatos mit den Apachen in Streit geriet. Der Häuptling der Mescaleros, derselbe Teufel, der jetzt dort auf eine neue Bosheit sinnt, hatte für den sicheren Durchzug durch die Wüste einen nach meiner Meinung unverschämten Tribut gefordert, und ich hatte dem Kaufmann, der den Hauptanteil an den Waren hatte, geraten, die Forderung abzulehnen, indem ich mich auf mein Glück, meine Kenntnis des Weges und auf den Umstand verließ, daß wir eine gute Anzahl waffenkundiger Männer bei uns hatten. Mein erster Arriero, ein Mestize im zweiten Grad, hatte den Unterhändler gemacht; er selbst riet mir, der Gefahr zu trotzen;

 

Fehler in der Scanvorlage: 4 Seiten von Band III waren hier eingebunden, Die richtige Seiten fehlen in unserem Exemplar. Re

 

Flammenschrift in mein Herz gegraben! – sahen wir von Süden her drei Reiter am Horizont erscheinen, die sich uns näherten. Es war der Häuptling der Mescaleros mit zwei Begleitern. Ich ging ihnen mit dem Kapitän – Masterton war sein Name, und er hatte bei dem Eindringen der Amerikaner unter General Scott in Mexiko selbst seine Gattin kennen gelernt, die Tochter eines Deputierten des Staates Durango, – und mit meinem Sohn den Apachen entgegen und begrüßte sie. Es war das erste Mal, daß ich die »Schwarze Schlange« von Angesicht zu Angesicht sah, und sein Anblick gefiel mir keineswegs. Aber das Zeichen von Vertrauen, das mir die Apachen gegeben, mußte jedes Vorurteil unterdrücken, und so lud ich ihn ein, da ich mit der Sprache wohl vertraut war, sich bei mir niederzusetzen und unsern Handel zu besprechen. Ich ließ Aguardiente, in bescheidenem Maß, denn ich kannte die Leidenschaft der Roten, und Taback kommen. In mein Lager selbst mochte ich ihn nicht einladen, obschon er große Lust zeigte, dahin zu gehen. Ich wiederholte mein Anerbieten: freien Weg durch das Gebiet und Sicherheit für das Leben meiner zehn Begleiter und ihr Eigentum, wofür ich mich erbot, ihnen schon jetzt ein Dutzend rote Decken, einen Kasten mit bunten Korallen und Perlschnüren und zehn Messer zu geben, dem noch, sobald wir den ersten Bach erreicht haben würden, der in den Rio Florida mündet, fünf Flinten, ein Fäßchen Pulver und ein Fäßchen Branntwein hinzugefügt werden sollten. Der Vertrag wurde angenommen und in der gewöhnlichen Weise auf einem Stück Haut mit den Totems der Indianer ausgestellt und unterzeichnet. Ich kann einen Eid bei der heiligen Madonna darauf ablegen, daß ich das Zeichen der Indianer empfing, denn ich zeigte es bei der Rückkehr noch meinem Weibe in der Gegenwart Xaverios und belehrte sie, die Besorgnis genug hegte, daß auch der schlechteste Wilde, selbst ein Apache nicht, es wagen würde, sein Totem zu leugnen. Ich ließ die Gaben bringen, die ich der Schlange versprochen hatte und fügte aus eigenem Antrieb noch zwei bunte Tücher hinzu.

Der Häuptling der Mescaleros hatte uns eingeladen, am drittnächsten Tage einer Büffeljagd beizuwohnen, und der Kapitän und mein Sohn hatten dies mit Freuden angenommen und versprachen sich viel Vergnügen davon. Ich weiß nicht, war es Ahnung oder Zufall, was mir eine gewisse Besorgnis einflößte – ich gab keine bestimmte Zusage und schützte die Eile unseres Weges vor. So bestiegen die Apachen, als sie nichts mehr an Geschenken erreichen konnten, wieder ihre wilden Rosse und jagten davon.

Ich schlief in dieser Nacht, nachdem ich die Posten ausgestellt und die Ablösungen geordnet hatte, an der wir Männer sämtlich teilnahmen, eine tiefen und festen Schlaf neben den Meinen, unbesorgt um die Zukunft und nichts ahnend von dem Elend, das uns bevorstand.

Am andern Morgen mit dem ersten Grauen brachen wir wieder auf. Wir hatten unsere Schläuche an der Quelle gefüllt, um uns und unsere Tiere während des Tages mit Wasser versehen zu können, und ich wußte, daß wir am Abend eine jener natürlichen Cisternen erreichen würden, welche die Hand Gottes in die Wildnis gebaut hat.

Wir legten einen anstrengenden Tagemarsch zurück, und ich sah mich jetzt nach dem Ort um, wo wir zu rasten beschlossen hatten. Verschiedene Zeichen, die ich mir auf meinem früheren Wege wohl gemerkt, deuteten mir die Nähe der Cisterne an, und daß ich auf der richtigen Spur war, aber nirgends konnte ich sie entdecken. Endlich fand ich nach langem Suchen den Ort; er mußte es unzweifelhaft sein, die Spuren von Pferden und Menschen umher, die zum Teil noch frisch waren, bewiesen mir, daß wir uns an der richtigen Stelle befanden. Da war auch die Felsenmulde, in welcher das Wasser sich wochenlang frisch zu erhalten pflegte, aber – von dem Wasser selbst war keine Spur! Der Boden umher war feucht, als sei er reichlich darüber weg gegossen worden, in der Mulde, die sonst rein und klar war, befand sich nur noch Schlamm, durch hineingeworfenen Sand entstanden, und nutzlos für Menschen und Tiere. Wer hier gewesen war, mußte arg gehaust haben, das bewies der Zustand des Bodens umher, und ich verwünschte den Leichtsinn oder die Fahrlässigkeit der Indianer oder der wilden Jäger, denn ich war überzeugt, daß nur durch einen solchen Trupp der kostbare, uns so notwendige Schatz vernichtet worden war.

Indes was war zu thun? Wir mußten uns fügen, denn den Reisenden durch die Wüste passieren oft noch schlimmere Dinge, und ich vertröstete die Meinen auf die Quelle, die wir am andern Tage sicher finden würden.«

Der Wegweiser war bis hierher in seiner Erzählung gekommen, als ein sanftes Licht sich durch die Zweige der Sträucher und über die glatten Flächen des Gesteins zu verbreiten begann.

Der Mond war aufgegangen.

Fast mit dem ersten Schein erklang aus der Schlucht heraus ein langgedehnter gellender Schrei, der sich zweimal wiederholte und das Echo der Felsen hervorrief.

Im Nu wurde es lebendig, man hörte die befehlende Stimme der Häuptlinge, das Rufen der Krieger, das Wiehern der Pferde.

»Sie machen sich fertig zum Aufbruch,« sagte der Trapper, in dem der Vorgang selbst das Interesse an der Erzählung des Wegweisers überwog.

»Und ehe eine halbe Stunde vergeht, werden sie auf ihrem blutigen Wege sein,« fügte der Kreuzträger hinzu, »Gott gebe, daß die Christen, denen es gilt, gewarnt und vorbereitet genug sind, sie abzuschlagen. Denn siegen der ›Graue Bär‹ und die ›Schlange‹, so haben sie kein Erbarmen zu hoffen.«

Man mußte jetzt mit großer Vorsicht handeln und möglichst im Schatten der Felsen und Büsche versteckt bleiben; denn da der Mond die Höhen beschien, während der Grund noch in Dunkel gehüllt lag, hätte jedes unvorsichtige Erscheinen zu ihrer Entdeckung führen können. Nur Comeo hatte sich von der kleinen Gesellschaft entfernt und war bis an den Rand der Schlucht vorgeglitten. Die erfahrenen Jäger konnten durch das Gehör ebenso gut alle Vorgänge beobachten, als geschähe es mit dem Auge.

Der Wegweiser hatte recht geurteilt, es währte noch keine halbe Stunde, als man die Indianer fortreiten hörte. Der Mond war jetzt so hoch gestiegen, daß er bereits den Zugang der Schlucht beleuchtete.

Es wurde verhältnismäßig still in ihr.

Über die Steine auf der Höhe nach dem Versteck der Abenteurer glitt ein Schatten – es war Comeo.

»Der große Geist ist uns günstig,« sagte sie mit ihrer leisen, klangvollen Stimme. »Der Graue Bär und die Schlange haben mit den Kriegern das Lager verlassen, zu dessen Bewachung zehn Männer zurückgeblieben sind. Wonodongah ist an seinem Platz, aber Fesseln binden seine Glieder. Es ist Zeit!«

»Wozu?« fragte der Offizier.

»Daß die Schwester bei ihrem Bruder ist – ich gehe zu dem Jaguar der Toyas!«

(Schluß des zweiten Bandes.)


Herrosé & Ziemsen. Wittenberg


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