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Auf der Spur!

An dem Abend desselben Tages, an dem der Graf Boulbon mit seiner Expedition in Guaymas gelandet war, bewegte sich in einer öden und wilden Gegend unfern der Ufer des Rio Casas Grande eine kleine Gesellschaft mit raschen, aber vorsichtigen Schritten durch das mannshohe Gras.

Voran ging ein junger Indianer von schlanken, elastischen Formen, den Haarschopf auf dem Scheitel mit einem Riemen zusammengebunden, aus dem zwei Adlerfedern, das Zeichen seines Anrechts auf den Namen eines Häuptlings, nach seiner rechten Schläfe niederhingen. Er trug ein Jagdhemd von Hirschleder und eben solche kurze mit Frangen aus Menschenhaaren besetzte Beinkleider, Moccasins, eine Decke über der Schulter und eine gute Büchse in der Höhlung des linken Arms. Sein Gesicht war mit schwarzen, weißen und roten Farben bemalt, zum Zeichen, daß er sich auf dem Kriegspfade befand.

Es war Wonodongah, der »Große Jaguar« der Comanchen. Hinter ihm kam seine Schwester »Windenblüte«, ein kleines Paket tragend, der Yankee folgte ihr, und der alte Trapper machte den Beschluß der Gesellschaft, deren Mitglieder sich sorgfältig bemühten, ihre Füße jedes in die Fußstapfen des Vorhergehenden zu setzen.

Die Lautlosigkeit, mit der sie vorwärts schritten, die Vorsicht, mit welcher der Indianer zuweilen stehen blieb, um in die Ferne zu lauschen, bewies, daß sie entweder verfolgten oder verfolgt waren und sich nicht bloß auf einer gewöhnlichen Wanderung befanden. Die Sonne sank bereits im Westen, als sie sich einer Reihe von Hügeln näherten, die weiter hin zu einer rauhen Bergkette anschwollen, jenem Gebirgszug, der die Sierra Espuelas mit der Sierra de los Patos verbindet.

Der Indianer bog jetzt, noch ehe die Sonne den Horizont erreicht hatte, in einen jener Pfade, die der Gang der wilden Tiere der Prairien nach ihrem Nachtlager oder nach irgend einer Quelle durch die hohen Gräser der Prairie zu bahnen pflegt, und schritt auf diesem weiter, ohne seinen Gefährten irgendwie Rechenschaft zu geben, warum er die Richtung ihres Weges verändert hätte.

Sie waren in dieser etwa eine Viertelstunde fortgeschritten, als der Yankee, der schon lange Zeichen der Ermüdung von sich gegeben hatte, völlig erschöpft stehen blieb und sich auf seine Büchse stützte.

»Gott verdamm' mich!« sagte er, sich mit einem schmutzigen Taschentuch den Schweiß von der Stirn trocknend, »ich kann keinen Fuß mehr vor den andern setzen. Es ist Zeit, Rothaut, daß wir ein Nachtlager suchen, ich bin müde und hungrig.«

Die ganze Gesellschaft war in dem Augenblick, wo der Yankee anhielt, gleichfalls stehen geblieben.

»Hat die ›Schielende Ratte‹ Lust, ihr Haupthaar heute abend an dem Feuer der Apachen trocknen zu wissen?«

»Aber wir haben von den Apachen keine Spur mehr gesehen seit dem See von Guzmanne,« murrte Brown. »Überdies – warum schließen wir uns ihnen nicht an? wir wollen doch dieselben Feinde bekämpfen!«

»Die Apachen sind Hunde,« erwiderte der Indianer stolz. »Der Tomahawk eines Toyah wird immer rot sein von ihrem Blut. Wir sind die Feinde der ›Offenen Hand‹« – dies war der Name, den die Sprache der Indianer dem französischen Grafen bereits gegeben hatte, »aber Eisenarm und der Große Jaguar werden niemals Freunde der Apachen werden.«

Der Kanadier mischte sich hier ein. »Wenn die Gefahr nicht allzu dringend ist,« sagte er, »so möchte ich wohl auch dazu raten, unser Nachtlager zu suchen. Du mußt bedenken, Jaguar, daß Windenblüte nicht unsere Sehnen und Muskeln hat.«

»Es ist gut,« sagte der Comanche. »Mein starker Vater wird diese Nacht die Feuer der Apachen sehen!«

»Und wie weit glaubst Du, daß wir von ihnen entfernt sind?«

»Das Pferd eines Apachen kann den Raum in zwei Stunden durchmessen!«

»Dann sind wir solchen Schurken allerdings verteufelt nahe für ein Nachtlager. Aber es hilft nichts, und ich denke, Jaguar, wir haben ihnen schon so nahe geschlafen, daß wir die Gurgeltöne ihres Schnarchens und das Schnauben ihrer Pferde hören konnten, damals, in den Felsen des Buonaventura, als unser Freund Goldauge noch mit uns war, statt dieses hübschen Mädchens, das noch nicht gelernt hat, eine Büchse zu führen!«

Er nickte lächelnd nach dem Karabiner, der früher ihrem Bruder gehört hatte, und den Windenblüte jetzt in der Hand trug.

»Comeo ist die Tochter ihres Volkes,« erwiderte der Comanche. »Ihre Hand ist schwach, aber sie wird in der Stunde der Not nicht zittern, wie das Moos an der Eiche im Hauch des Windes. Meine Brüder mögen mir folgen. Wonodongah ist bereit, ihren Wunsch zu erfüllen.«

Der Indianer schritt wieder voran, die anderen, einschließlich des Yankee, dem die unangenehme Aussicht auf das Skalpiertwerden neue Kräfte gegeben hatte, folgten. Sie waren durch das Gestrüpp von Gräsern und trockenen wilden Baumwollenstauden etwa zehn Minuten vorgedrungen, als sich nach und nach Bäume um sie her an den Seiten und auf den Spitzen der Hügel erhoben und größere und kleinere Felsstücke umherlagen, die sich wahrscheinlich bei einem früheren Erdbeben von einer vor ihnen emporsteigenden Felswand abgelöst hatten. Noch wenige Schritte, und es zeigte sich ihnen ein Platz, der selbst für das ungeübtere Auge des Amerikaners alle Vorteile zu einem Nachtlager zu vereinigen schien.

Etwa hundert Schritt vor ihnen erhob sich die bereits erwähnte Felswand steil und unzugänglich. Bis zu ihrem Fuß dehnte sich mit sanfter Erhebung ein Hügel aus, auf dessen kleinem Plateau eine mächtige mexikanische Eiche sich erhob, mit ihren Ästen die Felswand vielfach berührend. Der mächtige Baum mit seinem so kurz vor Beginn der Regenzeit bereits welkem und trockenem Laub sah aus, wie ein Greis unter den Bäumen der Wildnis; denn vom Gipfel bis zu seinen untersten Ästen hing in langen Strähnen und Bärten, förmlich eine Hülle bildend, das weiße spanische Moos bis zur Erde. Unter dem Schutz dieser Wand kann sich leicht eine ganze Gesellschaft vor dem Späherauge verbergen, wenn nicht etwa eine neugierige Hand den Schleier lüftet.

Aus einem engen Spalt am Fuße des Felsens strömte eine reichliche und frische Quelle, die sich den Hügel hinab in die Prairie ergoß und zwischen den Anhöhen entlang ihren Lauf nahm. Dies erklärte genügend, weshalb die Tierpfade durch das Gras nach dieser Seite gebahnt waren.

So einladend – Heimlichkeit und Wasser bietend – dieser Ort auch war, so dachten doch weder der Kanadier noch Wonodongah daran, ihn ohne eine weitere genaue Prüfung zu wählen. Während der erstere mit Hilfe Comeos bemüht war, die Spuren ihres Weges möglichst zu verwischen, hatte der Indianer bereits den Hügel erstiegen und war, die Büchse in der Hand, unter die Laube des Baums gedrungen. Einige Minuten nachher rief sein Hugh! die Gefährten heran.

Der Raum unter dem Baum glich einer gewölbten Halle, er war trocken und weit und nur von kurzem oder gar keinem Grase bedeckt, da der Schatten der Äste und des Mooses es nicht zu der Höhe emporschießen ließ, wie in der freien Prairie.

Auf ein Zeichen des Kanadiers legte das Mädchen ihren Pack ab, und der Yankee warf sich, nachdem er einen ledernen Becher an der Felswand mit Wasser gefüllt, aus seiner Holzflasche etwas Rum hinein gegossen und das Getränk hinunter gestürzt hatte, auf den Boden.

»Den Henker!« sagte er, »ich glaube, hier können wir schlafen wie in einem Bett, wenn wir erst ein tüchtiges Abendbrot zu uns genommen haben!«

Aber der Indianer machte keine Anstalt, dem Beispiel seiner Freunde zu folgen. Er fuhr vielmehr eifrig in seiner Untersuchung des Bodens fort.

»Hat mein Sohn etwas gefunden,« fragte der Kanadier, »was seine Besorgnis erregt, daß die Apachen diesen Ort besuchen? Ich muß gestehen, er scheint mir sonst zu einem Nachtlager ganz vortrefflich.«

»Die Apachen sind dümmer als die Wölfe, sie sind zu träge, die Quelle bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen. Die Spuren ihrer Mocassins sind fern geblieben von diesem Ort, und es hat noch niemals ihr Feuer auf diesem Hügel gebrannt.«

»Welche Besorgnis hegt mein Sohn also sonst?«

Der Indianer hob einen weiß genagten Knochen, deren viele vor der Felswand lagen, in den Fingern empor.

»Eisenarm mag sehen!«

»Ei Potztausend!« meinte der Kanadier, »das ist der Schenkelknochen eines Dammhirsches. Die wilden Tiere werden ihn hier verzehrt haben. Aber ich denke, sie werden sich hübsch entfernt halten, wenn sie die Nähe von drei guten Büchsen wittern.«

Wonodongah schüttelte den Kopf. »Wenn die Raubtiere der Prairie hier ihre Mahlzeit zu halten pflegten, müßte man die Spuren ihrer Füße sehen!«

»Und mein Sohn findet keine solche Spur?«

»Nicht eine!«

»Das ist allerdings seltsam, und ich weiß, Rothaut, obschon das Tageslicht schwindet, daß wir uns auf Deine scharfen Augen verlassen können. Doch ich sehe wirklich nicht ein, was dies uns hindern sollte, diesen Platz zum Nachtlager zu wählen. Er ist zur Ruhe, wie zur Verteidigung gleich gut.«

Der junge Mann schien sich der Erfahrung seines Freundes und der vorgebrachten Erklärung willig zu fügen. Er warf sofort seine Decke ab, lehnte seine Flinte an den Stamm des Baumes und begann trocken abgefallene Zweige zu sammeln.

»Wird der Schein des Feuers uns nicht verraten?« fragte der Yankee, dessen Besorgnis seinen Appetit und seine Bequemlichkeit überwog.

»Pah!« sagte der Trapper, »für was hätten wir denn diese Decken mitgeschleppt? Überdies ist das Moos so gut wie eine Wand. Spanne die Decke Deines Bruders zwischen jenen beiden Ästen auf, Kind, dann sind wir vollkommen sicher! So Mädchen, ich sehe, daß Du nicht umsonst den Unterricht der Wildnis genossen hast. Ihr, Meister Schielauge, wäret sicher nicht auf den vernünftigen Gedanken gekommen, eine zweite Decke auf der entgegengesetzten Seite nach dem Felsen zu aufzuhängen!«

»Ich sehe auch wahrhaftig den Nutzen nicht ein,« murrte der Yankee, ärgerlich über den Spitznamen, den ihm der Trapper gab, und den er sich vergeblich schon oft verbeten hatte.

»Ihr seid ein Mann der Städte und nicht der Wildnis,« belehrte ihn der Alte, »sonst würdet Ihr gesehen haben, daß nach der Seite des Felsens hin das Moos wenigen dicht ist, und wissen, daß die Flamme auf dem Stein einen hellen Schein wirft, der weit hin leuchtet, wie Eure Spiegel in den Ansiedlungen. So, Kind, und nun laß Deinen Bruder getrost das Feuer anzünden, der Rauch zerteilt sich in den Zweigen, und sage uns, was Du für uns zu essen hast.«

Comeo hatte ihren Pack geöffnet und mit einer Zierlichkeit und Behendigkeit, die der elegantesten europäischen Hausfrau Ehre gemacht hätte, auf der Haut ihre Vorräte ausgebreitet. Aber leider waren diese so gering, daß sie selbst bei der Enthaltsamkeit eines Indianers Bedauern erregen mußten.

Sie bestanden allein noch in zwei Streifen gedörrtem Büffelfleisch und einigen Stücken Maiskuchen.

»Den Henker auch!« sagte der Trapper, »man kann nicht sagen, Kleine, daß Deine Tafel an Überfluß leidet. Das ist gerade genug, um bis morgen nicht Hungers zu sterben! Nun, ich habe es auch noch schlimmer gehabt, und hätten wir heute morgen nicht die Spuren dieses Gewürms am Guzmann-See gefunden, so würde ich leicht einen tüchtigen Büffel geschossen haben, der uns für die nächste Woche Vorrat geliefert hätte. Jedenfalls müssen wir morgen auf eine oder die andere Weise dazu zu kommen suchen, einstweilen aber wollen wir das verzehren, was wir haben, denn es ist leicht möglich, daß wir alle Kräfte brauchen müßten und mit hungrigem Magen ficht sich's immer schlecht!«

Der Yankee sah mit Neid, daß der Trapper den geringen Vorrat in vier gleiche Teile schied und ihm den einen zuschob. Er tröstete sich damit, sich an dem Feuer einen Becher heißen Kaffees zu bereiten, zu dem er den Vorrat in seiner Jagdtasche bei sich führte, und von dem es ihm nicht einfiel, seinen Gefährten anzubieten.

»So meint Ihr wirklich, Señor Eisenarm,« fragte er, nachdem er seinen ersten Hunger gestillt hatte, »daß wir in Gefahr kommen könnten, hier angegriffen zu werden?«

»Gott allein weiß es, aber ein Mann muß immer darauf gerüstet sein. Ihr habt es selbst so gewollt, daß wir nicht den direkten Weg von Rio Gila nach Hermosillo oder Arispe nehmen sollten, um den Mörder unsers Freundes aufzusuchen. Ihr habt jedoch nach unserm Vertrage über unsere Zeit und unsern Weg zu bestimmen, und Ihr seht, daß wir bereit sind, Euch zu folgen!«

»Ihr wißt, Señor Eisenarm,« sagte der Yankee, »was das Ziel dieses Franzosen ist, und wohin ihn sein Weg führt. Wenn ich also fürs Beste gehalten, daß wir uns direkt nach der Goldhöhle begeben und in ihrer Nähe uns aufhalten, so sind wir gewiß, daß wir über kurz oder lang ihn mit seiner Räuberbande dahin kommen sehen werden, wo er dann ein gefahrloses Ziel für Eure Büchsen sein wird. Da Ihr nun Euch verpflichtet hattet, mir das Geheimnis der Goldhöhle zu entdecken und mir Euren Anteil daran zum Ersatz der Verluste und Mühen zu überlassen, die ich durch Euren seligen Freund gehabt habe, so meine ich, daß unsere beiderseitigen Interessen in der Wahl dieses Weges vertreten waren.«

»Wir werden sehen,« meinte der Trapper, »allzugroße Eile thut niemals gut. Was willst Du thun, Comanche?«

Die Frage galt dem Indianer, der an der Quelle sein Gesicht gewaschen hatte und jetzt bei dem Schein des Feuers und mit Hilfe eines kleinen Stücks zerbrochenen Spiegels aus seinem Medizinsack begann, es sich aufs neue zu bemalen, nur mit andern Farben und Linien.

»Mein Vater lebt in der Prairie, er sieht es!«

»Ah, ich verstehe! Du willst auf Kundschaft ausgehen und Dich womöglich unter die Apachen mischen?«

»Die Apachen sind Coyoten! sie sind blind! sie heulen nur, aber sie beißen nicht!«

»Nun, das möchte ich gerade nicht sagen. Wir haben oft genug gefunden, daß ihre Zähne ziemlich scharf sind. Jedenfalls ist die höchste Vorsicht nötig, Jaguar, da Du nicht einmal Deine Büchse mit nehmen kannst, denn das würde die Aufmerksamkeit auf Dich lenken. Ich dächte, es möchte gut sein, wenn ich Dich in einiger Entfernung begleitete, damit Dir meine Kugel nötigenfalls Beistand leisten kann!«

»Eisenarm muß bei der Schielenden Ratte und dem Mädchen bleiben. Sie haben beide keine Erfahrung!«

Der Trapper nickte. »Das ist wahr! Nun so sei Gott mit Dir, Jaguar, und kehre sobald wie möglich zurück!«

Der junge Mann erhob sich, und ohne den andern ein Wort des Lebewohls zu sagen, als mache er bloß einen Spaziergang, nicht einen Weg, bei dem es sich um Leben und Tod handelte, nahm er den Bogen und die Pfeile, welche seine Schwester auf dem Bündel mit seinem früheren Karabiner getragen hatte, zog die beiden Adlerfedern aus seiner Scalplocke und kroch, ohne den Vorhang des spanischen Mooses aufzuheben, unter diesem hinweg ins Freie.

Nach einigen Augenblicken hörten die Zurückgebliebenen jedoch das Hst! des Comanchen.

»Was giebt es, Jaguar?« fragte der Alte.

»Mein Vater komme und sehe!«

Der Kanadier kroch mit gleicher Vorsicht durch den Vorhang, und auf seinen Wink folgten ihm der Yankee und das Mädchen. Der erste Blick zeigte ihnen sofort, auf was der Comanche ihre Aufmerksamkeit lenken wollte.

Von dem Standpunkt, den sie inne hatten, konnten sie in der Tiefe der Prairie in der Entfernung allerdings von etwa einer Legua oder darüber den Schein von drei verschiedenen Feuern sehen.

»Ah,« sagte der Alte, »die roten Teufel sind also in großer Anzahl hier und nicht bloß eine Bande, wie wir aus den Spuren am See schlossen. Das wird Ernst, Jaguar, und wir müssen auf unserer Hut sein!«

Die Worte waren zwar an seinen jungen Gefährten gerichtet, aber als er sich nach diesem umschaute, war keine Spur mehr von ihm zu sehen.

»Er ist fort, und der Himmel sei mit ihm! Hoffentlich sehen wir ihn nach einigen Stunden gesund wieder. Das Beste, Meister Schielauge, was wir thun können, ist, wieder in unsere Festung zurückzukriechen und geduldig abzuwarten, was der brave Junge für Nachricht bringen wird!«

Der Kanadier hatte übrigens die That mit den Worten verbunden und die andern beiden waren ihm gefolgt. Als der Trapper wieder am Feuer saß und vorsichtig die Kohlen bedeckte, sodaß sie nur leicht fortglimmen konnten, meinte der Yankee: »Wäre es nicht besser, Señor Eisenarm, wenn wir uns sogleich auf den Weg machten und eine größere Entfernung zwischen uns und diese Wilden legten? Euer Freund kann uns ja folgen, er wird gewiß unsere Spur finden!«

Der Trapper schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein, Fremder,« sagte er bestimmt, »das geht nicht. Ich verdenke es Euch nicht, daß Ihr Eure Müdigkeit vergessen habt und Eure Kopfhaut in Sicherheit bringen möchtet, da es wohl das erste Mal ist, daß Ihr so nah mit dem Gewürm zusammenkommt. Aber wir dürfen den braven Jungen nicht im Stich lassen, wenn er etwa genötigt sein sollte, sich auf uns zurückzuziehen, und überdies habe ich Euch schon vorhin gesagt, daß man mit unnützer Eile nichts gewinnt. Hättet Ihr hübsch gewartet mit Eurer Neugier auf die Goldhöhle, bis dieser Franzose mit seiner Gesellschaft heran gewesen wäre, so hätte die Sippschaft dort unten vollkommen Beschäftigung gehabt und würde sich nicht um uns bekümmern. So aber müssen wir nun sehen, wie wir uns aus der Klemme helfen. Das Beste ist, Ihr legt Euch jetzt aufs Ohr und stärkt Euch durch Schlaf, während ich die erste Nachtwache halte. Zur rechten Zeit will ich Euch schon wecken!«

Der Yankee fand, daß es am besten sei, dem Geheiß zu folgert, nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche und streckte sich in seine Decke gehüllt mit den Füßen nach dem Feuer am Boden aus, indem er aus der Ruhe seiner Begleiter schloß, daß die Gefahr nicht sehr dringend sein konnte. Das Mädchen kauerte sich in einiger Entfernung an dem Stamm der Eiche nieder, um wenigstens anscheinend dem Willen ihres alten Freundes Folge zu leisten, obschon sie in Wahrheit nicht schlief, da die Sorge um den Bruder, den sie zärtlich liebte, sie wach erhielt.

Der Kanadier blieb, die Büchse über sein Knie gelegt, an dem Feuer sitzen in einer Stellung, die ihm erlaubte, sich rasch zu erheben. Sein mit schlichtem blonden Haar bedecktes Haupt war in die Hand gestützt, und er schien bald in tiefes Nachdenken verloren. So sah ihn das dunkle Auge der jungen Indianerin, wenn es sich hin und wieder öffnete, um sich auf ihn zu wenden.

Alles umher blieb ruhig und still; nur zuweilen unterbrach das klägliche Geheul der fern durch die Ebene schweifenden Coyoten die nächtliche Stille.

Stunde auf Stunde verfloß, ohne daß der Indianer zurückkehrte oder sich etwas Ungewöhnliches hören ließ, das seine Wache gestört hätte. Von Zeit zu Zeit erhob er sich, kroch durch den Vorhang des Mooses und lauschte nach der Prairie; aber auch dort blieb alles still, und als die Sternbilder Mitternacht zeigten, weckte er den Yankee, ermahnte ihn, scharf Obacht zu halten, und war, ehe sich dieser noch am Feuer niedergesetzt, schon eingeschlafen.

Wiederum waren zwei Stunden vergangen, auch das junge Mädchen war der Allgewalt der Natur erlegen und eingeschlafen, als sich schwer die Hand auf die Schulter des fahrlässigen Wächters legte, der längst an den verglimmten Kohlen eingeschlummert war, und dieser auffahrend mit Todesschreck in das wild bemalte Antlitz eines Indianers blickte.

Emporspringend stieß der Yankee einen Schrei aus und wollte nach seiner Büchse greifen, aber die Hand des Wilden drückte sich rasch auf seinen Mund.

»Die Schielende Ratte,« sagte der Indianer spöttisch, »hat die Augen weder zum Sehen noch zum Wachen! Seine Freunde können sich wenig auf ihn verlassen, wenn die Prairie mit Apachen gefüllt ist.«

»Den Teufel auch!« brummte Master Brown, der bei dem ersten Wort zu seiner großen Beruhigung Wonodongah erkannt hatte; »eines Eurer Gesichter sieht in dieser vertrackten Malerei wie das andere aus und Ihr habt mich wirklich tüchtig erschreckt. Nun, was bringt Ihr neues, Jaguar, ich hoffe, eine gute Nachricht!«

Der Indianer hielt es nicht der Mühe wert, auf die Frage zu antworten, da er bemerkt hatte, daß Eisenarm bereits erwacht war und sich aufgerichtet hatte. Er setzte sich daher zu den Kohlen, warf einige Reiser darauf und zündete diese aufs neue an, indem er erwartete, von seinem älteren Gefährten zum Sprechen aufgefordert zu werden.

Dies geschah denn auch alsbald. Der Kanadier hatte sich zu ihm gesetzt und reichte ihm die Hand.

»Ich freue mich herzlich, Häuptling, daß Du ohne Unfall wieder zurück bist,« sagte er, »denn ich darf wohl annehmen, daß Du ziemlich nahe bei den Schurken gewesen bist, und das ist doch nicht gefahrlos.«

»Wonodongah,« erwiderte der andere stolz, »hat an dem Beratungsfeuer der Apachen gesessen!«

»Das ist ebenso keck wie unvorsichtig,« meinte der andere, »indes es war Dir zuzutrauen. Will mein Sohn uns sagen, was er erfahren hat!«

»Die Prairie ist voll der heulenden Wölfe!«

»Ich fürchtete es nach den Feuern, die wir gestern abend beobachtet. Ich hoffe aber, das Gesindel wird sich nicht allzulange aushalten. Dies sind nicht ihre gewöhnlichen Jagdplätze!«

»Die Apachen sind auf dem Kriegspfad.«

»So, so? aber gegen wen und was thun sie hier?«

»Sie harren auf ihre Freunde und Bundesgenossen! Die Sonne wird sechsmal aufgehen, ehe sie versammelt sind!«

» Caramba! das ist zu lange, um darauf zu warten! Und ist es ein Krieg ihrer Stämme, oder was haben sie sonst vor, das sie hier vereinigt?«

»Die roten Männer haben ein Bündnis geschlossen gegen ihre gemeinsamen Feinde. Sie werden sich nach Abend wenden und die Städte und die Haciendas angreifen!«

»Ich habe von diesem Bündnis der roten Völkerschaften schon am Rio Gila gehört, und weiß, daß die Amerikaner dabei ihre Hand im Spiele haben. Aber ich hoffe, Comanche, daß Deine Nation nicht an diesem Raubzug teilnehmen wird! Weiber und Kinder morden und ruhige Leute um ihr Eigentum berauben ist keine sehr lobenswerte Heldenthat!«

»Der große Geist hat das Wasser zwischen seine roten und seine weißen Kinder gesetzt,« sagte der Indianer. »Als die Jagdgebiete der weißen Männer ihnen zu eng wurden, sind sie nach den Überlieferungen unserer Väter auf ihren Kanoes an den Strand der roten Männer gekommen, von dorther, wo die Sonne aufgeht. Der Indianer sind nicht viele – es war Raum für sie auf den Prairieen und auch noch für ihre weißen Brüder, die hungerte. Die roten Männer haben redlich mit ihnen geteilt und ihnen Land gegeben, Wald und Wasser, Prairie und Berge. Aber die weißen Männer sind unersättlich, sie haben niemals genug und betrogen ihren roten Gastfreund um sein Eigentum mit Gewalt und List, bis er zum Tomahawk gegriffen hat, die Gräber seiner Väter vor dem Eisen ihres Pfluges und dem Schlag ihrer Äxte zu bewahren. Die Nation der Comanchen ist die erste unter den roten Männern. Sie wird nicht fehlen, wenn es den großen Kampf gilt!«

Der Kanadier zuckte nachdenkend die Schultern. »Es ist Wahrheit und Gerechtigkeit in dem, was Du sagst, Comanche,« erwiderte er, »und ich selbst, obschon ich ein weißer Mann bin ohne einen Tropfen anderen Blutes, muß bekennen, daß den roten Männern viel Unrecht geschehen ist, und daß ich es ihnen nicht verdenken könnte, wenn sie die Entscheidung einem großen Kriege Mann gegen Mann und ohne Hinterlist überlassen wollten. Aber ich bleibe bei dem, was ich gesagt, Comanche, das ist kein Krieg um den großen Streit zwischen den beiden Farben, sondern ein Raubzug gegen Wehrlose, hervorgerufen durch die Intriguen schlechter Menschen, und es sollte mir herzlich leid thun, zu sehen, daß Deine Brüder, die Comanchen, dabei gemeinsame Sache machen mit diesen Spitzbuben, den Apachen!«

»Der Comanche,« sagte der Indianer ernst, »hat das Auge des Falken. Er findet seinen Weg allein durch die Prairie!«

»Gut, gut; ich bin alt genug, um zu wissen, daß nichts zu machen ist gegen Vorurteile, die man mit der Muttermilch eingesogen hat. Das Wichtigste ist, daß wir unsern Weg durch die Prairie nach der Goldhöhle, wie dieser würdige Mann wollte, nicht fortsetzen können. Wie hoch schätzest Du die Zahl der Apachen?«

Der Indianer hatte durch seinen langjährigen Umgang mit dem Trapper einige Kenntnis von den Zahlen gewonnen, eine Sache, die sonst bei den Eingeborenen sehr selten zu finden ist.

»Drei Feuer,« sagte er; »an jedem Feuer lagert mindestens zehnmal die Zahl der offenen Hand.«

»Also fünfzig – das würde im ganzen etwa Zweihundert des Gewürms abgeben, viel zu viel für drei ehrliche Büchsen. Es bleibt uns also nur übrig, mit dem Tagesgrauen den Rückweg einzuschlagen und über das Gebirge zu gehen. Was meint Ihr dazu, Meister Schielauge?«

Der Yankee kämpfte offenbar einen großen Kampf zwischen seiner Furcht und seiner Habsucht, schließlich aber gewann doch die erstere die Oberhand. »Ich kalkuliere,« sagte er seufzend, »daß es das Beste sein wird, uns zurückzuziehen und uns zu erkundigen, wo dieser Franzose geblieben ist. Wenn seine Schar mit den Wilden erst an einander geraten, mögen sie sich meinetwegen auffressen wie zwei wilde Tiere! Der Klügere wird dann den Vorteil davon haben. Laßt uns sobald als möglich aufbrechen und unsern Weg zurücknehmen.«

»Die Brüder der Apachen kommen von Mitternacht her. Die Schielende Ratte wird ihnen in den Weg laufen. Ihre Pferde sind schnell.«

»Außerdem,« fügte der Kanadier hinzu, »ist noch ein Umstand zu berücksichtigen. Unsere Vorräte sind gänzlich ausgezehrt, und wir können den Marsch nicht ohne dergleichen antreten.«

»Die Apachen,« sagte der Indianer, »haben wie die Hunde die Knochen abgenagt. Aber es fehlt nicht an Büffeln auf der Prairie. Wenn die Sonne aufgeht, werden sie eine große Jagd halten, um Fleisch für ihre Feuer zu gewinnen!«

»Hollah! das wäre eine Aussicht, Jaguar,« meinte der Trapper, sich mit der breiten Faust auf den Schenkel schlagend. »Es ist zwar etwas gefährlich hier in dem Versteck, aber ich sollte meinen, da die Spitzbuben alle zu Pferde sind, während ehrliche Christenmenschen zu Fuße gehen müssen, werden sie hier zwischen den Felsenrücken weniger verloren haben. Nun denke ich mir, daß wohl die meisten von dem Gewürm nur mit ihren Bogen und Pfeilen, statt mit einer guten Kentuckybüchse oder einem englischen Karabiner bewaffnet sein werden, und da sie ohne Sinn und Verstand auf der Prairie zu morden pflegen, wenn sie eine Herde Tiere entdeckt haben, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß wir in dem hohen Grase leicht einen verendenden oder angeschossenen Büffel finden werden, den wir töten können, ohne von unsern Büchsen Gebrauch zu machen. Das wird uns für eine Woche Vorrat geben, und in der Zeit werden wir mit Gottes Hilfe sicher einen Ausweg finden. Hast Du vielleicht bemerkt, Jaguar, von welchem Stamme der Apachen die ungebetenen Gäste dort drüben sind, und ob sich Krieger von Ruf unter ihnen befinden?«

»Es ist einer unter ihnen, dessen Namen das Blut meines weißen Vaters rascher schlagen macht!«

»Was? – Du meinst doch nicht …«

» Wis-con-Tah, die schwarze Schlange der Mescoleros!«

»Fluch über den Schurken! dann haben wir allerdings Ursache, doppelte Vorsicht zu brauchen. Und Du hast ihn wirklich so in der Nähe gesehen, daß Du ihn erkennen konntest, Jaguar?«

»Der Krieger meines Volkes ist so nahe an ihm gewesen, daß er den Finger in die Narbe seines Halses hätte legen können, welche die Kugel meines weißen Vaters ihm gerissen hat!«

»Schade, schade, daß der Schuft damals in demselben Augenblick, als mein Finger den Drücker berührte, seinen Kopf wenden mußte; es wäre ein giftiges Gewürm weniger auf der Prairie gewesen! Aber wahrlich, Jaguar, ich bewundere Deine Kaltblütigkeit, daß Du so nahe bei den: Schurken sein konntest, ohne daß Du selbst auf alle Gefahr hin einen tüchtigen Schlag nach ihm führtest, der Deinen Erzeuger in den Hinterhalt lockte, wo ihn der ›Graue Bär‹ erschlug.«

»Das Leben Wonodongahs gehört in diesen: Augenblick nicht ihm!«

»Das ist wahr, Jaguar, es gehört der Rache an dem Franzosen und diesem Manne. Aber ich hoffe, daß er auf unserm Wege uns wieder begegnen wird, wo zwischen der Büchse eines christlichen Jägers und ihm nichts ist, als die Prairie, und dann will ich meine Rechnung mit ihm ausgleichen. Sonach ist es also Deiner Schlauheit und Deinem kalten Blut, das über Deine Jahre hinaus ist, gelungen, ohne alle Anfeindung und ohne Abenteuer hierher wieder zurückzukehren?«

Statt der Antwort schlug der junge Indianer die Falten seines Jagdhemdes auseinander, an seinem Gürtel hing eine frische, noch blutige Kopfhaut.

»Teufel, Teufel!« brummte der Trapper, »das ist schlimm! dieser Wis-con-Tah wittert vergossenes Blut auf fünf Meilen in der Runde! Wie ist das gekommen, mein Sohn?«

»Er war einer ihrer Späher und begegnete mir auf dem Rückweg durch die Prairie. Er schöpfte Verdacht und war auf meiner Spur!«

»Nun,« meinte Eisenarm, »ich sehe, daß es sich nicht anders thun ließ. Es ist immer besser, als wenn er unsern Zufluchtsort entdeckt hätte. Aber was hast Du mit dem Leichnam gemacht?«

»Er ist in einer Regenrinne unter Gras und Zweigen verborgen, so gut es die Zeit erlaubte!«

»Gott gebe, daß sie ihn nicht finden. Jetzt aber, Jaguar, strecke Dich noch eine Stunde auf die Decke dort nieder und stärke Deine Kräfte im Schlaf, denn Du wirst sie brauchen. Ich werde Dich wecken, wenn's an der Zeit ist.«

Der Comanche nahm die weite Decke vom Ast, wickelte sich in sie, denn die Regenzeit war nahe und die Morgenluft daher frisch und kalt, und streckte sich auf dem Boden aus. Auch der Yankee suchte sich wieder eine Stelle zum Schlaf, obschon die Besorgnis über das, was er zum Teil gehört – denn der größere Teil der Unterhaltung war in der Sprache der Comanchen gepflogen worden – ihn lange wach erhielt.

Der Morgen dämmerte und die grauen Wolkenstreifen im Osten begannen sich in Gold und Purpur zu färben, als der Kanadier den jungen Indianer weckte. Er hatte in dem Blechtopf bei dem Rest der Kohlen von dem Vorrat des Yankee Kaffee bereitet und nötigte ihn jetzt mit der Sorge eines Vaters, einen Becher des heißen Getränkes zu genießen. Dann sahen beide auf das Genaueste ihre Waffen nach, steckten frische Zündhütchen auf ihre Büchsen, die bereits dazu eingerichtet waren und besprachen sich eine Weile über ihren Plan. Der junge Wilde schien vergeblich in seinen älteren Gefährten zu dringen, ihm allein das Wagnis der Beschaffung der Vorräte zu überlassen, der Trapper verweigerte dies auf das Bestimmteste und traf seine Vorbereitungen zu dem Gange.

Unterdes war auch Comeo erwacht, und die Art und Weise, wie sie sich schweigend aber sorgsam, der Stellung der indianischen Frauen gemäß, um ihren Bruder beschäftigte, bewies, mit welcher Liebe sie an ihm hing und wie sehr sie sich freute, daß er der Gefahr entgangen war. Eisenarm unterrichtete sie von ihrem Vorhaben und wies sie an, sobald sie den Lärm der Jagd auf der Prairie hörte, den Yankee zu wecken und ihn zur Aufmerksamkeit zu ermahnen. Unter keinen Umständen sollten sie den Schutz des Baumes verlassen, sondern lieber, wenn etwa Gefahr drohe, daß ein Unberufener sich ihrem Versteck nähere, Schutz in den Ästen und dem dicken Moos und Biätterwerk des Baumes suchen. Zu dem Ende streuten Eisenarm und der Comanche vor ihrem Weggang noch die Kohlen des Feuers umher und vertilgten sorgfältig alle Spuren des Nachtlagers.

Die Sonne war unterdes am Horizont emporgetaucht, und der Morgenwind begann die Nebel, die über der Prairie lagen, zusammen zu ballen und zu zerstreuen.

Zugleich ließ sich aus der Ferne das Brüllen der Büffel hören, die zur Tränke zogen.

»Es ist Zeit, Comanche,« sagte der alte Jäger, »in einer Viertelstunde werden wir das Geheul dieser Apachen und den Knall ihrer Büchsen vernehmen. Geh' Du zur Linken, indem ich mich nach rechts wende, damit wir den Nebel und die Einsamkeit der Prairieen noch benutzen, um uns verbergen zu können!«

Er nickte dem jungen Mädchen freundlich zu und glitt dann, ohne sich um den schnarchenden Yankee zu kümmern, aus dem Schutze des Baums. Der Comanche war schon früher verschwunden.

Zwei Stunden nachher war die Jagd in vollem Gange und wurde von den Wilden mehr zum Vergnügen, als zur Befriedigung eines Bedürfnisses betrieben. Die Apachen hatten sich bei dem ersten Tagesgrauen von ihren Lagern entfernt, in denen nur etwa ein Dritteil der ganzen Schar zurückblieb, und sich zu zwei großen Halbkreisen ausgedehnt, um die Büffelherde, die am Abend entdeckt worden war, auf dem Wege zur Morgentränke zu umgehen. Die Apachen sind vortreffliche Reiter, wenn sie auch den Comanchen nachstehen, und ihre Pferde sind die wilden feurigen Renner der Prairieen. Nachdem es ihnen gelungen war, die Herde, wahrscheinlich den Zweig einer größeren – denn sie zählte nur etwa zweihundert Stück – einzukreisen, gaben die Häuptlinge das Zeichen zum Angriff, und die Reiter stürzten unter wildem Geheul auf die Masse der Büffel zu, ihre Lanzen, Bogen und Büchsen in der Luft schwingend. Es bedurfte nur weniger Minuten, um die erschreckten Tiere auseinander zu sprengen, und nun galoppierten die Reiter allein oder in Gruppen hinter den einzelnen Tieren drein, schossen – Seite an Seite – ihre Pfeile in ihre Rippen ab, oder suchten ihnen Lanzenstiche hinter die Schulterblätter beizubringen. Häufig wandte sich jedoch das verwundete und verfolgte Tier um, und dann wehe dem Reiter, der nicht genug Gewandtheit hatte, sein Pferd im selben Augenblick herum zu werfen und davon zu jagen.

Nur wenige hatten den Mut, in einem solchen Augenblick mit der Lanze oder der Büchse in der Hand den wütenden Bullen oder die ihr Kalb verteidigende Kuh fest zu erwarten und das Tier sicher auf das Blatt aufrennen zu lassen, oder es durch einen glücklichen Schuß ins Gehirn zu töten. Das Klagegeheul der Indianer verkündete schon bald nach Eröffnung der Jagd, daß einem ihrer besten Krieger der kühne Streich mißlungen war, indem die Kugel an der dicken Stirnmähne des Bullen absprang und dieser mit einem Stoß seiner kurzen, aber spitzigen Hörner allen weitern Heldenthaten des »See-Adlers« ein Ende gemacht hatte.

Aber selbst dieser Unfall konnte der Lust keinen Eintrag thun. Andere Gruppen waren bei diesem Jagdspiel beschäftigt, ihre Lassos von Lederriemen oder die Bolos, die gefährlichen Kugeln, um Horn oder Füße der flüchtenden Tiere zu schleudern und sie damit zu Boden zu reißen.

Die Jagd hatte bereits über zwei Stunden gedauert, und die Apachen waren in Gruppen oder einzeln über die ganze Ebene zerstreut, ohne daß sie jedoch bis jetzt dem Abhang des Gebirges zu nahe gekommen wären, was wohl hauptsächlich darin seinen Grund hatte, daß die gejagten Tiere sich scheuten, in die steileren Hügel zu geraten, weil ihr Lauf dort nicht so rasch war, wie in der Ebene. Comeo und der Yankee waren wiederholt in die Äste des Baumes gestiegen und hatten von dort sich vorsichtig umgesehen, ohne doch das Nahen einer Gefahr zu entdecken. Dies hatte sie ziemlich sicher gemacht, und sie nahmen aus der Ferne nicht ohne Interesse an dem aufregenden Schauspiel teil.

Der kanadische Jäger hatte lange in einer Erdspalte zwischen dem hohen und dichten Grase verborgen gelegen in der Hoffnung, daß der Zufall ihm eines der verwundeten oder ermatteten Tiere zutreiben würde, und er war eben im Begriff, ungeduldig seinen Platz zu wechseln, als er in einiger Entfernung den gellenden Schrei einer indianischen Kehle ausstoßen hörte. Er verbarg sich sogleich wieder und lauschte aufmerksam, aber ohne Erfolg – der Schrei wiederholte sich nicht. Dagegen raschelte und brach es von der anderen Seite her durch die dürren Gräser und Baumwollstauden, und kaum zehn Schritt von ihm stürzte ein mächtiger Bulle mehrfach verwundet im Verenden nieder, während der Atem mit Blut vermischt aus seinen Nüstern drang.

Der vorsichtige Jäger lauschte erst einige Zeit, während das Tier im letzten Todeskampf lag, ob sich keine Zeichen hören ließen, daß es verfolgt würde; die Jagd schien sich aber nach einem entfernteren Teile der Prairie gezogen zu haben, und der Büffel, nur in seiner letzten Angst hierher geflüchtet zu sein, um hier zu verenden. Darauf kroch der Trapper hoch erfreut, daß ihm das Glück so günstig gewesen, aus seinem Versteck hervor, näherte sich vorsichtig dem Tier und machte seinem Todeskampf ein Ende, indem er ihm mit fester Hand die Kehle durchschnitt.

Der gewaltige Koloß schlug noch ein paar Mal mit den Hufen, dann streckte er die Glieder und war tot. Eisenarm legte seine Büchse neben sich und begann alsbald das Geschäft, zunächst um den fetten Höcker einen Kreisschnitt in die Haut zu machen und so dies kostbare Fleischstück in seiner Hülle abzutrennen. Dann legte er weiter den Rücken des feisten Tieres bloß, um einige tüchtige Stücke Filet zum Rösten abzuschneiden.

Plötzlich machte ihn eine Stimme erbeben und innehalten in seiner blutigen Arbeit.

»Mein weißer Vater,« lautete die Ansprache in schlechtem Spanisch, »ist gewiß lange genug auf den Prairien gewesen, um das Recht des Jägers zu kennen. Das Wild gehört dem, der es getötet, nicht dem, der es zufällig gefunden. Der Speer Mokawaunihs hat diesen Büffel ins Leben getroffen!«

Der Trapper hatte sich umgewendet, da die Stimme von der Seite herkam und nicht ohne daß ein gewisses Gefühl von Kälte sein sonst so tapferes Herz überschlich, als er einen Indianer zu Pferde sah, kaum fünf oder sechs Schritte von sich entfernt.

Der Apache – denn daß der Reiter zu ihrer Schar gehörte und selbst ein Krieger von Ruf sein mußte, davon überzeugte ihn der erste Blick – hielt unbeweglich. Sein Karabiner hing an einem Riemen auf dem Rücken, seine Linke, die zugleich den einfachen Zügel seines Rosses hielt, hatte nachlässig die lange Lanze auf den Boden gestemmt, die Rechte aber hing an seinem Körper nieder, und das scharfe Auge des Jägers bemerkte, daß sie die Rollen eines Lassos trug.

Der Kanadier war wohl mehr als einmal in seinem Leben von einer plötzlichen Gefahr überrascht worden, aber nie hatte sie einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht, als die gegenwärtige, da er wußte, wieviel für seine Freunde von dieser Entdeckung und von seiner Kaltblütigkeit abhing.

»Der große Geist,« sagte er daher so ruhig wie möglich, »hat die Büffel für alle seine Kinder erschaffen, für die roten wie für die weißen. Die Krieger der Prairie haben heute eine gute Jagd gehabt, sie werden einem weißen Bruder, der hungert, dieses Fleisch gönnen!«

Er versuchte dabei wie zufällig die Hand nach seiner auf der anderen Seite des Tieres liegenden Büchse auszustrecken, aber der funkelnde Blick, der sofort aus den schwarzen Augen des Indianers auf ihn schoß, belehrte ihn sogleich, daß dieses Manöver bemerkt und gedeutet worden sei. Er zog daher seine Hand wieder zurück und beschäftigte sich damit, die abgeschnittenen Stücke Fleisch in die Haut zu packen.

»Mein Vater muß sehr hungrig sein,« sprach der Indianer mit spöttischem Nicken nach dem Fleisch, »oder einen weiten Weg vor sich haben!«

»Das ist wahr! Du hast es getroffen, Apache,« sagte der Trapper. »Ich habe einen weiten Weg nach den Ansiedelungen, und deshalb eben habe ich die Gelegenheit benutzt, um mir einigen Vorrat mitzunehmen. Ich hoffe, daß Eure Jagd eine recht glückliche gewesen ist!«

»Die Apachen sind Männer, der Büffel weiß, daß in ihrer Hand der Tod ist. Wenn der weiße Jäger ein Freund der Apachen ist, warum kommt er nicht mit mir, um an ihren Feuern auszuruhen und sich zu stärken? Mokawaunihs Name gilt im Rate der Krieger, und er wird für einen guten Platz für seinen Gast sorgen!«

»Ich bin überzeugt davon, Rothaut, und würde gern an dem Feuer der Apachen, meiner Freunde, sitzen. Aber leider ist es diesmal nicht möglich, denn ich bin auf einem sehr eiligen Marsch und muß noch vor Sonnenuntergang einen tüchtigen Weg im Gebirge zurückgelegt haben.«

Der Indianer hatte sich vorgelehnt, auf seine Lanze gestützt; er schien durch die Worte des Trappers vollständig getäuscht und ganz sorglos zu sein.

Eisenarm glaubte diese Stimmung benutzen zu müssen, um sich wieder zu erheben und in Besitz seiner Waffe zu setzen und machte eine entsprechende Bewegung.

»Mein weißer Vater hat vergessen,« sagte der Indianer ruhig, »daß hinter ihm vier Augen sind, die vielleicht mit Mißtrauen seine Büchse betrachten. Die Kugeln meines Vaters stehen in bösem Ruf!«

Mit einer raschen Wendung des Kopfes hatte der Kanadier in der That erkannt, daß er mit dem Indianer nicht mehr allein war. Zwei andere Apachen hielten in seinem Rücken, Büchse und Lanze in der Hand, offenbar bereit, auf einen Wink sich seiner zu bemächtigen.

Das Herz des Jägers krampfte sich zusammen, er fühlte, daß er einen Entschluß fassen müsse.

»Wenn mein weißer Vater ein Freund der Apachen ist,« sagte der Indianer, sich langsam aus seiner vertraulichen Stellung emporrichtend und die Stirn in Falten ziehend, »woher kommt es dann, daß einer ihrer Krieger nicht weit von dieser Stelle erschlagen und seines Skalps beraubt liegt?«

Bei diesen Worten, die dem Kanadier bewiesen, daß der vorhin gehörte Schrei bei der Auffindung der Leiche des in der Nacht von Wonodongah erschlagenen Spähers ausgestoßen worden war, war kein Zweifel mehr möglich. Eisenarm sprang mit einem Satz empor und erfaßte seine Büchse. Aber in demselben Augenblick, noch ehe er sie emporzuheben vermochte, sah er eine dunkle Linie vor seinen Augen vorüber wirbeln und fühlte die Schlinge des Lasso sich um seinen Hals zusammenziehen.

»Hund von einem Bleichgesicht! Die Wölfe der Prairie sollen Deine Gebeine zernagen!«

Der Jäger hatte die Büchse wieder fallen lassen und mit beiden Händen nach dem todbringenden Riemen gegriffen; aber der Indianer hatte das Roß bereits gewendet, und trotz seiner herkulischen Stärke riß der Lasso ihn über den Körper des Büffels zu Boden.

Er fühlte, daß er verloren war!

In diesem verhängnisvollen Augenblick, während er fortgeschleift wurde und über und um sich das gellende Hohngelächter seiner Feinde vernahm, bemerkte das durch den Druck der Schlinge auf die Kehle bereits aus den Höhlen hervortretende Auge den Blitz eines Schusses und sah den grimmigen Krieger, der ihn am Lasso schleppte, mit zerschmettertem Schädel aus dem Sattel stürzen.

Zugleich mit dem Knall hörte er einen furchtbaren Schlag, wie das Brechen von Knochen.

Die Gewalt, die ihn zu Boden gerissen und seine Kehle zugeschnürt hatte, hörte auf; im nächsten Moment fühlte er sich emporgehoben und die Schlinge von seinem Halse gerissen.

»Möge mein weißer Vater schnell das Pferd besteigen, das sein Sohn für ihn bereit hat,« hörte der Trapper eine befreundete Stimme dicht an seinem Ohr, »diese Wölfe werden sogleich hinter uns sein!«

Der Jäger fühlte, indem er einen tiefen Atemzug that und noch halb betäubt um sich schaute, daß jetzt keine Zeit sei zu Erklärungen. Er sah neben sich den Comanchen stehen, die rauchende Büchse noch in der Hand, während die andere ihm die Zügel von zwei indianischen Pferden entgegenstreckte; die Körper von zwei Apachen lagen mit zerschmettertem Schädel blutig im Grase. Mit einer gewaltsamen Anstrengung, seiner wieder Herr zu werden, raffte er sich vollends empor, ergriff sein Gewehr und das Fell mit den Fleischstücken und schwang sich auf das nächste Pferd – im Nu war der Comanche auf dem anderen.

»Vorwärts! vorwärts! nach dem Moosbaum!«

Es war in der That die höchste Zeit. Während die beiden Pferde durch das Gras der Prairie flogen, hörten sie hinter sich und von beiden Seiten das wilde Geheul der herbeieilenden Feinde, das sich noch verdoppelte, als diese bei den Leichen der Ihren angekommen waren. Es schien, als ob die Ebene plötzlich eine Legion von Teufeln ausgespieen, denn überall zeigten sich über den Graswellen die Lanzen und die Köpfe von Reitern, welche die Signalrufe ihrer Gefährten davon in Kenntnis gesetzt, daß sich Feinde auf der Prairie befänden, und zur Verfolgung aufforderten.

Die Jagd, die sich jetzt entspann, war eine weit tollere, als die auf die Büffel. Zuerst versuchten die beiden Reiter allerdings, die Verfolgung nach einer anderen Richtung zu lenken, als dem Zufluchtsort ihrer beiden Gefährten; aber bald überzeugten sie sich, daß dies nur unnütz ihr Leben Preis geben hieß, und daß ihr einziges Heil in der Erreichung dieses Ortes lag. Trotz des rasenden Rittes fand der Comanche Gelegenheit, seinem Freunde Auskunft über die fast wunderbare Art seiner Rettung zu geben.

»Die Squaws der Apachen werden Klagelieder anstimmen, wenn ihre Männer und Brüder je wieder zu ihren Dörfern zurückkehren. Vier ihrer Krieger werden den Platz am Beratungsfeuer nicht wieder einnehmen.«

»Vier, sagst Du, Comanche? Ich weiß nur von dem, den Du gestern abend erschlugst, und den beiden Leichen, die wir soeben zurückließen.«

Der Indianer deutete auf das Pferd, das unter ihm keuchte. »Glaubt mein Vater, daß dieser Platz leer war? Der Tomahawk des Großen Jaguars der Comanchen hat ihn leer gemacht. Wonodongah nahm die Stelle eines Apachen ein und hielt hinter seinem weißen Vater, als die falsche Zunge Mokawaunihs Worte der Freundschaft zu ihm redete.«

Das erklärte in der That alles. Der junge Comanche, der wie sein Gefährte nur in einiger Entfernung von diesem gleichfalls in der Steppe versteckt gelegen hatte, um den verwundeten Büffeln aufzulauern, war dabei von einem Apachen überrascht worden. Schnell entschlossen hatte er diesen getötet, sich seiner Ausrüstung bemächtigt und, unterstützt durch die am Abend vorher vorgenommene Bemalung seines Gesichts mit den Farben und Zeichen der Apachen, das Pferd des Getöteten bestiegen. Er hatte sich kaum eine Strecke von dem Platz seines Sieges entfernt, als jener gellende Schrei ertönte, der aus der Gegend herkam, wo er in der Nacht den Körper des skalpierten Indianers verborgen hatte. Zugleich kam einer der Reiter, der sich zunächst auf der Jagd befand, an ihm vorüber gesprengt und winkte ihm, zu folgen. Wonodongah durfte nicht zögern, dies zu thun, und schloß sich ihm an, gewiß, leicht eine Gelegenheit zu finden, um sich unbemerkt wieder zurückziehen zu können.

Er konnte dies mit um so größerer Sicherheit wagen, als er schon während der Nacht bemerkt hatte, daß die Schar der Apachen aus Abteilungen verschiedener Stämme zusammengesetzt war; zugleich hoffte der junge Wilde mit der ihm eigenen Treue und Aufopferung, daß er Gelegenheit haben könnte, seinem älteren Freunde, der sich nach jener Seite gewendet, im Vorüberkommen ein Zeichen der Warnung geben zu können.

Somit bewahrte er denn auch seine volle Kaltblütigkeit, als er mit seinem Gefährten, dem Apachen, bei dem Krieger anlangte, der den Trapper entdeckt hatte.

Er begriff sehr wohl, was das Ende der Unterredung sein würde. In dem Augenblick, wo Mokawaunih, der ihn ohne Argwohn für einen der Seinen hielt, den Lasso um den Hals des Kanadiers warf und ihn zu Boden riß, lag auch die Büchse an seiner Wange und seine Kugel zerschmetterte den Schädel des Feindes. Die Kugel hatte kaum den Lauf verlassen, als er zugleich den Lauf in seine rechte Hand sinken ließ und mit gewaltigem Schwung den Kolben gegen den Kopf des Apachen schwang, der noch an seiner Seite hielt und sich eben anschickte, seinem Kameraden Beistand zu leisten. Das Glück begünstigte die kühne That. Der Apache stürzte, wie vom Blitz getroffen, von seinem Pferd, und Wonodongah hatte im Nu dessen Zügel ergriffen und stand neben seinem alten Freunde. –

Die beiden Flüchtigen waren jetzt auf tausend Schritt dem Hügel mit dem Moosbaum nahe gekommen, aber etwa sechs der Apachen, mit besseren Pferden versehen, befanden sich dicht hinter ihnen, und in einiger Entfernung folgte unter wütendem Geschrei eine größere Zahl.

Die Reiter trieben ihre Pferde zur letzten Eile.

»Hört mein weißer Vater mich?« fragte der Comanche.

»Sprich!« keuchte der Jäger.

»Dort, wo der Baumwollenbaum steht, müssen wir die Pferde verlassen. Sie können uns nicht länger tragen und der Weg den Hügel hinauf ist steil. Wir müssen versuchen, diese Hunde von Apachen zu täuschen!«

»Ich möchte wissen, für was dieser schuftige Yankee eine Büchse hat, wenn sie sich nicht hören lassen will bei der Not seiner Freunde! Da ist es anders mit Dir, Jaguar! Jetzt sind wir an der Stelle – bücke Dich, damit ihre Pfeile oder Kugeln Dich nicht treffen!«

Die beiden Reiter hatten mit plötzlichem Ruck ihre erschöpften Pferde angehalten und sich von ihnen geworfen. Im nächsten Augenblick, als die Apachen heranjagten, waren sie in dem hohen Grase verschwunden.

Die Indianer sprengten unter dem Wutgeheul getäuschter Erwartung vorwärts, als ein Schuß vom Baume her das Pferd des vordersten traf und es sich überschlagen machte. Gleich darauf fiel ein zweiter Schuß und warf einen der Reiter von dem Rücken seines Tieres. Die Verfolger stutzten und hielten an – ein gellendes Triumphgeschrei, von der Kehle des Comanchen ausgestoßen, erhob sich vom Fuß des Hügels, und das donnernde »Hurra! Brav gemacht, Kinder!« des Trappers mischte sich darein. Gleich darauf sah man die Gestalten der beiden Verfolgten den Hügel hinauf eilen und unter der Decke von Moos verschwinden.

Die Apachen wandten eilig ihre Pferde und entflohen aus der Schußweite. – – –

Eine Minute standen die beiden Flüchtigen mit keuchender Brust unter dem sichernden Versteck, während an dem Stamm der Eiche die zierliche Gestalt Comeos, den Karabiner ihres Bruders in der Hand, herunterglitt und mit freudig funkelndem Auge sie betrachtete.

»Das waren zwei Schüsse, und zwar zur rechten Zeit, Mädchen,« sagte endlich der Trapper. »Da Meister Schielauge nur ein Gewehr hat, so mußt Du den einen gethan haben?«

»Comeo hat ihren Bruder in Gefahr gesehen,« sagte das Mädchen schüchtern aber mit einem Blick der Liebe auf den Gegenstand ihrer Sorge. »Sie hat in ihrer Angst nicht länger zögern können, einen Schuß auf seine Feinde zu thun!«

»Es ist gut!« erwiderte ruhig der Comanche. »Nimm dies Fleisch und zünde das Feuer an!«

»Nein, es ist nicht gut,« rief trotz der drohenden Gefahr und während er an der Mooswand eine kleine Öffnung machte, um hinauszuschauen, der Trapper, »es war vortrefflich! und ich wette, Comeo, daß Dein Mut allein den Meister Schielauge veranlaßt hat, uns auch eine Kugel zu Hilfe zu senden. Ich bin Dir und Deinem braven Bruder von Herzen verpflichtet, wenn auch das Leben eines Jägers gerade nicht viel wert ist in der Prairie. Es ist heute das zweite Mal, Comanche, daß Du meinen Skalp gerettet, und wenn schwören bei einer so geringfügigen Sache nicht eine Sünde wäre, würde ich Dir geloben, daß ich Dir's gedenken will, so lange ich noch eine Büchse heben, oder ein Messer fassen kann. – Aber halt – diese roten Teufel kommen uns etwas zu nahe und bedürfen einer Lektion. Ist Deine Büchse wieder geladen, Jaguar?«

Der Comanche, der dies wichtige Geschäft sofort nach seinem Eintritt begonnen, trat statt aller Antwort an den Moosvorhang.

Die Waffe des Trappers hatte sich unterdes zwischen den Zweigen hervorgestreckt, und da die weißen und dunklen Reflexe des Mooses und der Blätter nicht gestatteten, auf so weite Entfernung die drohende Mündung zu gewahren, hütete sich der Apache, den der Trapper glücklicherweise von seinem höheren Standpunkt zu Fuß durch das Gras hatte heranschleichen sehen, nicht genug, bis Blitz und Knall aus der Blätterwand schlug, der Unglückliche einen hohen Sprung tat und dann platt auf das Gesicht zu Boden fiel.

Ein neues Geheul erhob sich; aber der glückliche Schuß hatte die Wirkung, daß die Apachen sich weislich aus dem Bereich der gefährlichen Büchsen hielten. Dagegen sahen die beiden Freunde, wie sich immer mehr und mehr Indianer in dieser Entfernung versammelten und Boten hin und her durch die Prärie sprengten, um die noch Zerstreuten zu sammeln. Auch der Yankee war jetzt von dem Baum niedergestiegen und machte in einigen Verwünschungen seinem Verdruß und seiner Angst über ihre gefährliche Lage Luft.

»Ich kalkuliere, Meister Eisenarm,« murrte er, »da Ihr ein gutes Pferd zwischen Euren Beinen hattet, es wäre vernünftiger und unserm Kontrakt entsprechender gewesen, Ihr hättet diese heulenden Teufel nach einer anderen Seite gelockt, als gerade hierher, wo wie Ihr wußtet, ich verborgen lag. Was nützt uns nun das Büffelfleisch, das Ihr gebracht habt, wenn diese rote Satane uns zuvor den Kopf einschlagen! Ich fürchte, von einem vernünftigen Vergleich werden sie nichts mehr hören wollen, nachdem wir ihnen einige der Ihren erschossen haben. Ich hab's wahrhaftig nicht gern gethan, aber das Mädchen zwang mich dazu durch ihre Unvorsichtigkeit!«

»Es hat allerdings den Anschein, Mann,« sagte der Trapper mit philosophischer Ruhe, »daß wir hier unsern Skalp lassen müssen, wenn Gott nicht ein Wunder thut. Was aber das Fleisch anbetrifft, so sehe ich nicht ein, weshalb wir uns das nicht zu Nutze machen sollen, so lange noch Odem in uns ist und wir diese Schurken von unserer Festung abhalten können. Ich verspreche Euch, Schielauge, wenn es zum Äußersten kommt, immerhin ein halbes Dutzend auf mich zu nehmen. Sie sollen mich kennen lernen, eine Ehre, die sie bisher nicht gehabt zu haben scheinen. Die meisten von ihnen sind Lipanesen und Mimbrenos Die wildesten und kriegerischsten der neun Stämme der Apachen sind die Gilenos, die Mescaleros, die Lipanesen und die Mimbrenos. mit denen ich bisher weniger zu thun gehabt habe. Aber bemühe Dich nicht, Comeo, dürre Zweige zu suchen, jetzt wo die Halunken unser Versteck wissen, ist es gleichgültig, ob ein bißchen mehr Rauch ihnen in die Nase kommt. Wie denkst Du über unsere Lage, Jaguar? Ich meinerseits muß gestehen, daß ich sie ziemlich unbehaglich finde, obschon ich noch keineswegs gesonnen bin, mein Totenlied anzustimmen, was die Schweine da draußen auch gar nicht einmal wert wären!«

Der Comanche blieb an seinem Posten stehen, während er auf die Anforderung seines Freundes zum Kriegsrat antwortete.

»Nicht die Apachen werden Bras de fer und seine Freunde besiegen, aber das Gras!«

»Das ist wahr, Jaguar! Wenn wir auch noch so scharfen Ausguck halten, wird es uns doch unmöglich sein, zu verhindern, daß sich einer oder der andere im Schutz der Gräser und Stauden näher schleicht und in den Hinterhalt legt. Dann werden ihre Pfeile dieselben Dienste thun, wie unsere Kugeln!«

»Das Feuer!«

Das Wort genügte, um dem Trapper die Idee seines jungen Freundes klar zu machen. »Weiß Gott, Du hast recht, Jaguar, wir wollen die Spitzbuben aus ihrem Versteck herausräuchern, ehe sie weiteres Unheil stiften können. Es ist ein Luftzug von den Bergen her, und die Spitze des Hügels ist ziemlich frei von Gras. Es wird nur darauf ankommen, daß Ihr die Flamme von dem Baume ab haltet; aber ich will so weit wie möglich hinabgehen, wenn ich das Gras anstecke.«

Es schien dem Trapper eine ganz einfache Sache, daß er sein Leben den Kugeln und Pfeilen preisgeben wollte, und er griff ohne weitere Vorbereitungen nach einem Brande des Feuers, an dem bereits die Streifen des Büffelrückens brieten.

Aber die Hand des Comanchen hielt ihn zurück.

»Warum will mein weißer Vater sein Leben wagen, wenn wir ein Mittel haben, das zu vermeiden?«

»Ein Mittel? nun bei Gott, Jaguar, es liegt mir nichts daran, diesen Spitzbuben zur Zielscheibe zu dienen. Aber ich sehe kein Mittel.«

»Eisenarm möge meinen Posten einnehmen und seine Büchse bereit halten, indes ich die Vorbereitungen treffe,« sagte der junge Mann.

Der Jäger ging sogleich an den Moosvorhang, konnte sich aber nicht enthalten, einen Blick rückwärts nach dem Feuer zu werfen, wo der Comanche unterdes mehrere glühende Kohlen heraus gesucht. Dann nahm er aus dem Köcher von getrockneter Haut, den er am Abend vorher benutzt hatte, drei der etwa zwei Fuß langen Pfeile und holte von dem nächsten Baumast eine Partie trocknen Mooses.

Der Trapper schlug sich vor die Stirn. »Daß ich daran nicht dachte!« Von jetzt an, überzeugt, daß der Versuch ohne Gefahr ausgeführt werden würde und gelingen müsse, verwandte er seine Aufmerksamkeit allein auf seine Feinde.

Er bemerkte bald, daß sie sich zu einer Beratung zurückgezogen hatten und eine Person von Bedeutung, ein Häuptling, angekommen sein mußte.

»Ich wollte zehn Biberhäute darum geben,« sagte er zu dem Yankee, der wieder auf den Baum geklettert war und über ihm in den Ästen mit einem kleinen Taschenperspektiv Wache hielt, »und wenn ich zu deren Fang bis an den Rio del Norte wandern müßte, wenn mir dieser schiefhälsige Schurke, die Schwarze Schlange der Apachen, hier noch einmal zum Schuß kommen sollte! Wenn Ihr mit Eurem Dings da mehr als andere Leute mit ihren geraden Augen sehen könnt, so laßt uns ein Wort davon hören.«

»Ich sehe viele Indianer zu Pferde in einem Kreise versammelt,« berichtete Brown. »In der Mitte befinden sich ihrer drei, die Federn in ihrem Haarschopf tragen.«

»Das sind die Häuptlinge. Sagt mir, Mann, könnt Ihr kein besonderes Zeichen an ihnen erkennen, wodurch sie sich von den andern Schurken unterscheiden, denn Schurken sind sie alle!«

»Der eine, ein großer starker Mann – Gott im Himmel, was hat der Kerl für ein grimmiges Gesicht! – trägt eine Wolfshaut um die Schulter, und der Rachen des Tiers liegt gerade auf seiner linken Achsel.«

»Ha! Ich kenne ihn, wenigstens dem Ruf nach,« bemerkte der Jäger. »Es ist Ka-taumih, der ›Springende Wolf‹ der Lipanesen, ein tapferer Häuptling. Aber die anderen?«

»Der zweite,« berichtete der Yankee vom Baume her, »hat ein unförmliches Ding, wie ein Herz oder eine Pfeilspitze mitten auf der Stirn gemalt mit roter Farbe. Er hat nur ein Auge.«

»Dieser Bursche,« sagte der Trapper, »muß der ›Fliegende Pfeil‹ sein, der junge Häuptling der Mimbrenos, von dessen Grausamkeit und Kriegslust sie in der Wildnis viel erzählen. Aber sollten wirklich die größten Schurken von allen, der ›Graue Bär‹ und die ›Schwarze Schlange‹ nicht dabei sein?«

»Ich bitt' Euch, Señor,« flüsterte der Yankee von den Zweigen nieder, »seht nach links dort, es ist mir, als hätte ich schon zweimal den Kopf eines Indianers zwischen den Halmen auftauchen sehen!«

»Ich habe das Gewürm längst beobachtet, der Kerl scheint des Vagabundierens auf der Prairie müde zu sein und sich nach den Jagdgefilden seiner Väter zu sehnen. Sprecht ruhig weiter, Meister Schielauge, und kümmert Euch um den Halunken nicht. Wie sieht der dritte von den Häuptlingen aus?«

»Es ist ein kleiner Kerl, spricht aber am meisten von allen. Er trägt den Kopf etwas nach der linken Schulter geneigt und von seinem Haarbusch hängt ein langes schwarzes Ding herunter, wie eine Wurst oder wie ein Trauerflor in den Ansiedelungen!«

Der Jäger lachte. »Ihr scheint mir ein Leckermaul, Meister Schielauge,« sagte er. »Das, was Ihr für eine Wurst haltet, ist nichts anderes, als der Totem, das Wahrzeichen dieses alten giftigen Schurken, die Haut einer schwarzen Schlange, die, als sie noch umherkroch, gewiß nicht giftiger gewesen ist, als …«

Er unterbrach plötzlich seine Rede. Blitz und Knall aus seiner Büchse folgte, und ein Schmerzgeheul antwortete ihm. Der Yankee sah von der Stelle, wo er vorhin den Kopf eines Indianers bemerkt zu haben glaubte, einen Mann emporspringen und eilig zu den Seinen flüchten, indem er den blutigen Stummel der Rechten mit seiner Linken hielt.

»So,« meinte Eisenarm, »dem Halunken ist das Spielen mit Schießgewehren einstweilen versalzen und ich hoffe, daß seine Flinte selbst zu keinem Schuß mehr taugen wird. Also ein kleiner boshafter und redseliger Kerl mit einer Schlangenhaut am Schopf, sagt Ihr, Mann? Nun, dann könnt Ihr vor jedem Richter in den Ansiedlungen die Bibel darauf küssen, daß Ihr das schlechteste Gewürm in der ganzen Prairie gesehen habt. Hast Du gehört, Jaguar: der ›Springende Wolf‹, der ›Fliegende Pfeil‹ und die ›Schwarze Schlange‹ – es ist bei meines Vaters Haupt keine schlechte Gesellschaft, mit der wir uns hier messen, und ich möchte nur wissen, wo der ›Graue Bär‹ steckt, ohne den sich doch die Schlange selten zu einer Teufelei wagt! Wenn Du Dich nicht eilst, Jaguar, dürften sie bald eine neue aushecken, die uns den Skalp kosten könnte!«

»Hier,« sagte der Comanche, »drei Seiten, drei Pfeile! Mein Vater möge auf den Baum achthaben.«

Der junge Indianer hatte sich zu seinem Zweck einer sehr einfachen Maschinerie bedient. Er hatte die Spitzen der Pfeile mit Flocken der wilden Baumwollenstaude umwickelt, die zahlreich von dem Wind an den Baum geweht waren, einen glimmenden Holzzweig darauf gebunden und die ganze Spitze mit den langen Moosflechten umwickelt. Jetzt bückte er sich unter den Moosvorhang und schoß rasch diese drei Pfeile im Bogen nach verschiedenen Seiten ab.

Da der Brand eben noch durch die Moosflechten verdeckt war, konnten die Feinde nicht sogleich bemerken, was der Zweck dieser Manipulation war. Aber gerade das Durchschneiden der Luft entzündete die Flamme, und die Pfeile waren kaum in das hohe Gras niedergefallen, als sich von diesen Stellen aus leichte Rauchwölkchen in die Höhe kräuselten und gleich darauf eine fliegende Flamme emporschoß.

»Jetzt Kinder gilt's,« rief der Trapper. »Comeo, nimm Deine Flinte und komm gleichfalls her. Wir können der Kugeln nicht zu viele haben, wenn es ihnen einfallen sollte, unter dem Schutz des Rauches rasch einen Angriff zu machen.«

In der That wäre dies bei der großen Übermacht der Apachen für diese anfangs ein verhältnismäßig leichtes Unternehmen gewesen; aber sei es, daß sie von dieser Verteidigungsmaßregel ihrer Gegner gänzlich überrascht und die Anführer zu weit entfernt waren, sei es, daß sie einen direkten Angriff scheuten, ehe sie die Zahl ihrer Feinde kannten – der günstige Augenblick ging vorüber, nur ein neues Wutgeheul beantwortete die kühne Maßregel der Belagerten, und in wenig Minuten blieb jenen nichts übrig, als eifrig die Flucht zu ergreifen und sich vor den Wirkungen der Flammen zu retten, die jetzt wie eine hohe Feuermauer den Hügel umgaben und in rasender Schnelle sich weiter verbreiteten.

Die bei der vorgerückten Jahreszeit völlig ausgetrockneten Gräser und Stauden gaben dem Brande eine vortreffliche Nahrung, und der leichte Luftzug von der Felswand her trieb die Flammen sichtlich in die Prairie hinaus, so daß bald jede Gefahr für den schützenden Baum selbst verschwunden war.

Der Trapper stieß bei dem Anblick der fliehenden Reiter, so lange der Rauch ihm diesen gönnte, ein heiteres Lachen aus. »Den Henker!« rief er, »diese Spitzbuben werden lange Beine machen müssen, wenn sie nicht schlimmer geröstet werden wollen, als unser Büffelrücken. Was meinst Du wohl, Comanche, ob Dein Feuer sie erreichen wird?«

Der Indianer, der mit gleichem Interesse den Vorgang beobachtet hatte, erhob leicht den Arm und wies nach einer Stelle, wo die Rauchwolken sich ein wenig teilten.

»Der Apache ist ein Hund. Er weiß, wo die Hunde trinken,« sagte er.

»Richtig! Das ist wahr, ich habe den Weiher heute Morgen bei unserm Gange bemerkt. Wenn sie so schlau sind und Zeit haben, sich dorthin zu flüchten, werden sie allerdings nicht weit zu laufen brauchen. Aber dann müssen sie ihre Lagerplätze preisgeben und alles, was sie dort zurückgelassen haben, verlieren.«

»Die Schwarze Schlange,« erwiderte der Comanche, »ist schlechter als ein Hund, aber er ist ein Häuptling. Er weiß, daß das Feuer das Feuer vertreibt.«

»Richtig, Du denkst an alles, Jaguar. Es sind genug Pferde unter den Beinen jener Spitzbuben, die selbst mit dem Sturmwind um die Wette laufen könnten. Wahrhaftig, dort hinten steigt eine zweite Rauchwand empor – ich glaube selbst, daß sie diesmal noch nicht nach Verdienst gebraten, und daß wir noch einige Kugeln mit ihnen zu wechseln haben werden. Aber wenigstens auf zwei Büchsenschüsse weit ist das Terrain hier gesäubert und keine Maus kann heran kommen, ohne daß wir sie bemerken.«

Es war in der That so, wie die beiden erfahrenen Jäger schlossen. Die Apachen, überrascht von dem Feuer, hatten sich auf den Ruf ihrer Häuptlinge und mit dem Instinkt, den das Leben in der Prairie allen Eingeborenen verleiht, nach dem kleinen Weiher gestürzt, den jenseits der Hügel und Felsstücke das Wasser des Quells in einer Niederung des Bodens bildete, während zugleich mehrere ihrer besten Reiter in der Richtung der Lagerstätten davoneilten und an entfernten geeigneten Stellen einen Brand dem Brande entgegensenden mußten. Bei der Bildung des Terrains war dies, zumal es der nahen Berge halber in diesem Teile der Prairie an kleinen Bächen oder breiteren, wenn auch trockenen Wasserrinnen nicht fehlte, nicht schwer auszuführen.

So erstreckte sich der Brand denn mehr nach der Seite, von der die Gesellschaft des Yankees zuerst gekommen war, und gewann nicht die Ausdehnung, die Prairiebrande, namentlich in dieser Jahreszeit, zu haben pflegen, obschon nach einigen Richtungen hin auch nach Stunden noch dunkle Rauchwolken sich am Horizont fortwälzten und somit anzeigten, daß das Feuer noch keineswegs ganz erloschen war.

Dagegen war der erste Zweck der Jäger vollständig erreicht, und der Hügel, dessen steiniges, ziemlich kahles Erdreich die Flamme verschont hatte, auf wenigstens zwei Büchsenschüsse weit vollständig gesäubert von dem Gestrüpp der Gräser und Stauden, das den Apachen das Heranschleichen an die einzelnen am Fuß liegenden Steine und Felsstücke erleichtert hätte, wo sie Deckung genug gefunden haben würden, um die seltsame Festung ernstlich zu belästigen und einen allgemeinen Sturm vorzubereiten. Freilich konnte dieser Schutz nur für die Tagesstunden gelten; denn das schützende Dunkel der Nacht mußte für die Angreifer den jetzt fehlenden Schutz des Grases ersetzen und ihnen das Heranschleichen noch mehr erleichtern

Das waren auch die Gedanken, die den Trapper schwer bedrückten, während die drei Männer jetzt an dem Stamme der Eiche saßen und eine tüchtige Mahlzeit an dem gebratenen Büffelfleisch hielten, indes Comeo an der Mooswand Wache stand. Mehrere Pläne wurden hin und her beraten, aber alle wieder verworfen. Eine sofortige Flucht war unmöglich; erstens weil der Boden der Prairie ein bis zwei Stunden brauchte, um sich wieder abzukühlen, vorzüglich aber, weil die Apachen offenbar in der Nähe lauerten, bereit, sich bei einem solchen Versuch auf die dann schutzlose Gesellschaft zu stürzen. Es dauerte denn auch rächt lange, bis ihre Feinde sich wieder zeigten, außerhalb jeder Schußweite hin und her sprengten und mit Schwenken ihrer Waffen und Geschrei sie verhöhnten und bedrohten.

So vergingen mehrere Stunden, der Abend nahte heran, und als endlich die Jäger beschlossen hatten, mit der ersten Dunkelheit auf jede Gefahr hin den Versuch zu machen, nach jener Richtung zu entwischen, woher sie gekommen, verkündete der Yankee, dem meist der Beobachtungsposten in den Ästen der Eiche übertragen war, daß von dort her ein größerer neuer Trupp Indianer sich nähere.

Der Comanche hatte unterdes längst die verhaßte Malerei der Apachen, die ihm so gute Dienste geleistet hatte, wieder aus seinem Gesicht gewischt und dafür die Kriegsfarben seiner Nation sich angemalt; der Trapper sprach eben über die geringen Aussichten zu entkommen mit dem Mann, dessen Habsucht und Goldgier sie in diese Klemme geführt hatte und tröstete ihn damit, daß man ja doch nur einmal sterben könne und ihre Feinde, die Apachen, höchst wahrscheinlich ihre Rache an dem zweiten Liebhaber des Goldthales, dem französischen Grafen übernehmen würden, als der sehr wenig zu dieser Philosophie geneigte Amerikaner plötzlich einen Schrei des Schreckens ausstieß und lang und schwer von dem Ast herunter auf den Boden plumpte, so daß die Kohlen, an denen der Rest des Fleisches behufs der bessern Aufbewahrung in Streifen trocknete, auseinander stoben.

»Zum Henker, Meister Schielauge,« rief der Trapper, »was in aller Welt ficht Euch an, daß Ihr Euren Posten verlaßt, wie ein Sack Mais den Rücken eines Esels? Könnt Ihr nicht reden, Mann, habt Ihr etwa einen Apachen oben im Baume gesehen?«

»Um Gottes willen,« stöhnte der erschrockene Jonathan, der noch immer zwischen den heißen Kohlen saß, »habt Ihr's nicht bemerkt? Dort – dort –! Helft mir um Gottes willen auf, oder ich verbrenne!«

Aber der Jäger achtete nicht auf die neue Gefahr, in der sein kontraktlicher Herr und Meister schwebte; denn seine ganze Aufmerksamkeit war in der That in anderer Weise und weit dringender in Anspruch genommen.

Er sah den Comanchen in horchender Stellung den Kopf niederbeugen und dann sich rasch und gewandt auf die Äste des Baumes schwingen.

Zugleich ließ sich ein leichtes knurrendes Brummen hören, das sich allmählich verstärkte und aus dem Laub des Baumes zu kommen schien.

Der Trapper sah sich überall um, aber er konnte die Ursache nicht entdecken; Meister Jonathan Brown hatte unterdes für gut befunden, sich selbst aus seiner unangenehmen Lage zu befreien.

Der Kanadier wollte eben eine neue Frage thun, als der Comanche an dem Stamm des Baumes nieder glitt und die Hand auf seine Schulter legte.

»Mein weißer Vater,« sagte er ernst, aber vollkommen ruhig, »hat sich vorhin gewundert, daß er den Grauen Bär der Gilenos nicht unter den Apachen gesehen hat.«

»Gewiß! aber was soll das hier? oder hast Du vielleicht eines Deiner kleinen Kunststücke geübt, Jaguar, um dem Burschen da noch mehr Angst einzujagen, als er so schon hat? Ich sollte aber meinen, es wäre eine schlechte Zeit jetzt zu solchen Scherzen.«

Der Comanche lächelte, während das Brummen sich wiederholte und den Jäger überzeugte, daß es nicht von seinem jungen Freunde ausgegangen.

»Eisenarm,« sagte der Indianer, »braucht sich nicht um den Grauen Bären der Apachen zu kümmern, da er den Grauen Bären der Felsgebirge in seiner Nähe hat!«

Die Wahrheit überkam den Kanadier wie mit einem Blitzschlag; aber er hätte es wirklich lieber gesehen, wenn zehn Apachen zugleich auf ihn eingestürmt wären. Dennoch konnte er sich der Wahrheit nicht verschließen, und indem er hastig nach seiner Büchse griff, flüsterte er: »Wo, Jaguar, wo ist das Ungetier?«

Aber der Comanche legte die Hand auf seinen Arm und entfernte die Büchse. »Es ist keine Gefahr,« sagte er. »Mein weißer Vater möge sehen und uns dann Rat halten lassen!«

Er führte den Jäger geräuschlos nach der Rückseite des Baums und deutete in einer Lücke der Zweige nach der Felswand.

Ein grimmiges Brummen und Schnauben ließ sich hören.

Der Trapper blickte erstaunt nach oben. In der glatten Felswand, an einer Kette, über der ein starker Ast bis an das Gestein reichte, befand sich ein Spalt oder ein Loch etwa vier Fuß hoch und drei Fuß breit, das der Trapper bei früherer Untersuchung der Örtlichkeit gar nicht beachtet hatte, da einesteils das aus dem Felsen wachsende Moos und Kraut es großenteils verdeckten, oder das Dunkel des Abends es versteckte, und er es selbst am Morgen, wenn er da Zeit zu einer weitern Untersuchung gehabt hätte, für eine der gewöhnlichen Spalten der Felsen gehalten haben würde.

Die Spalte befand sich in der Höhe von etwas mehr als zwei Mannslängen, also etwa zwölf Fuß hoch vom Boden. Aus dieser Öffnung aber schauten den Trapper zwei runde in grünlichem Feuer schillernde Augen an, die tief zwischen hellbraunen Haaren und über einem Nachen lagen. Die spitze schwarze Schnauze öffnete sich von Zeit zu Zeit und zeigte eine Reihe von scharfen weißen Zähnen, die einen Eisenstab hätten zermalmen können.

»Alle Teufel,« rief der Kanadier, »das ist wahrhaftig ein grauer Bär! Warum hältst Du mich ab, auf die Bestie zu schießen? Wir thun sonst ebenso gut, uns den Apachen freiwillig auszuliefern, als noch länger hier zu warten, daß das Ungetüm herunterkommt.«

Der Indianer zog jedoch den Kanadier zurück. »Die Schielende Ratte möge herbeikommen,« sagte er zu dem Yankee, der sich, die Büchse in der Hand, bis an den äußersten Rand der kleinen Festung geflüchtet hatte. »Comeo wird genügen, Wache zu halten gegen die Apachen.«

Meister Jonathan schlich zitternd heran, fortwährend nach der Felswand schielend. Die Thatsache, daß außer ihren grausamen Feinden, den Apachen, noch das schlimmste und gefährlichste Raubtier der Prairie und des Gebirges sich in ihrer Nähe befand, hatte all seinen Mut gebrochen. In der That ist der graue Bär in jenen Gegenden der furchtbarste Feind, auf den man stoßen kann. Seine Wildheit und seine Kraft sind gleich groß. Er ist imstande, mit einem Schlage seiner mit langen Klauen bewaffneten Tatzen einen Büffel zu Boden zu strecken, und ein Pferd in seinem Rachen fortzuschleppen. Seine Muskelkraft ist enorm. Dazu läuft er so rasch, wie ein Roß galoppiert und selten entgeht ihm ein fliehender Feind. Daher gilt ein Kampf mit ihm und seine Erlegung unter den Indianern als die größte Heldenthat. Zum Glück kommt dies gefährliche Untier nur selten vor und hält sich meist in den rauhern Felsgebirgen auf, es sei denn, daß es vom Hunger getrieben sein Lager näher an den Prairien in irgend einer Schlucht oder zwischen verwittertem Gestein aufgeschlagen hat.

Der junge Comanche stand, als die beiden Männer zu ihm traten, die Arme in einander verschlungen, so ruhig und gelassen da, als ob es gälte, friedlich am Beratungsfeuer ihrer sichern Wohnungen irgend einen gleichgültigen Beschluß zu fassen, nicht als ob sie rings von den größten Gefahren umgeben wären.

»Was denkst Du von unserer jetzigen Lage, Jaguar?« fragte der Trapper. »Ich meine, es wäre vollkommen genug gewesen an einem oder dem anderen dieser Gegner. Wir müssen rasch unsern Kampfplan fassen, denn der Bestie da oben kann es jeden Augenblick in den Sinn kommen, über uns herzufallen.«

»Der Bär wird warten, bis wir ihn angreifen!«

»Ja, wenn er noch kein Menschenblut geschmeckt hat; sonst möchte es doch nicht lange dauern. Nach dem Kopf der Bestie zu urteilen, scheint sie eine der größten ihrer Art. Ich sollte meinen, wenn wir uns so nahe wie möglich heranschlichen und zu gleicher Zeit Feuer auf sie gäben, könnten wir ihr vielleicht den Garaus machen.«

Der junge Mann legte mit einem stolzen Lächeln die Hand auf die mächtige Tatze, die er auf der Brust trug, da er mit der Kriegsmalerei seines Stammes auch jenen seltsamen Schmuck wieder angelegt hatte, den wir bei seinem ersten Erscheinen, auf der Plazza von San Francisco, beschrieben haben.

»Ich habe gesehen, daß der Alte der Berge« – dies ist ein Name, den die Indianer dem grauen Bären zu geben pflegen – »sieben Kugeln im Leibe hatte, und nicht zu Boden fiel.«

»Wahr, wahr, Jaguar, und Dein Tomahawk war es, der ihm den Rest gab.«

»Wenn die Apachen den Knall unserer Büchsen hören,« fuhr der Comanche fort, »ohne daß sie die Kugeln sehen, werden sie glauben, daß wir uns unter einander töten oder daß wir nicht mehr zu treffen vermögen. Sie werden neugierig sein wie die Ratten und eilig herbeikommen.«

»Das ist richtig – aber was sollen wir thun? Es ist noch zu früh am Tage, um unsern ersten Vorsatz auszuführen und den Versuch zu machen, uns durchzuschleichen.«

»Hat mein Vater die Felswand betrachtet unter der Wohnung des Alten der Berge?«

»Freilich, sie ist glatt und steil, und jetzt wissen wir auch, weshalb die Knochen von Hirschen und andern Tieren dort liegen. Die Bestie hat sie aus ihrem Schlupfwinkel fallen lassen.«

»Eisenarm,« fuhr der Comanche lächelnd fort, »hat sonst ein ziemlich gutes Auge. Hat er vielleicht die Spuren des Alten der Berge unter der Felswand auf dem Boden bemerkt?«

»Nein, das weißt Du so gut wie ich! Sie hätten uns unmöglich entgehen können, und das war es eben, was uns gestern abend so verblüffte, daß wir zwar Knochen, aber keine Spur eines Raubtiers fanden.«

»Mein Vater ist ein alter Jäger,« fuhr der junge Mann fort. »Er weiß sehr wohl, daß der weiße Bär nicht auf die Bäume und glatten Steine klettern kann.«

»Gewiß – es ist die einzige gute Eigenschaft, welche die Natur diesem Viehzeug gegeben hat. Aber was willst Du damit sagen, Jaguar?«

Der Indianer hob ruhig seine Hand und deutete nach der Öffnung. »Will mein Vater mir vielleicht sagen, wie der Bär dort hineingekommen ist?«

Die Frage ließ dem Trapper sofort ein Licht aufgehen. »Bei Gott, Jaguar,« sagte er aufgeregt, »Du hast recht. Du bist der Klügste von uns allen! Der Bär hat weder auf den Baum klettern können, noch an dieser glatten Wand in die Höhe. Die Bildung seiner Klauen erlaubt ihm das nicht, im Gegensatz zu allen andern Mitgliedern der Bärenfamilie, die vortreffliche Kletterer sind.«

»Also?«

»Also muß die Höhle oder Spalte dort, wo er sich befindet, noch einen andern Ausgang, oder vielmehr Eingang haben, einen Gang, der wahrscheinlich durch die ganze Felswand führt und ehrlichen Christenmenschen den Weg auf die andere Seite des Berges öffnen würde, von wo sie leicht den Apachen entkommen könnten und ob ihrer dreimal so viel wären, wenn – wenn eben nicht die Bestie diesen Weg versperrte! Wir müssen also mit ihr um den Besitz kämpfen, und Du siehst, daß ich darin doch recht hatte.«

»Mein Vater,« wiederholte der Indianer, »hat selbst zugestanden, daß der Knall unserer Büchsen die Apachen hierher locken würde, die Schwarze Schlange würde den Grund wissen wollen – ihr Geist ist wachsam. Warum wollen wir nicht einen unserer Feinde mit dem anderen kämpfen lassen?«

»Wie meinst Du das, Jaguar?«

»Es ist sehr einfach. Mein Vater hätte es gewiß selbst gefunden, wenn nicht die Freundschaft zu mir sein Auge trübte. Eisenarm, die Schielende Ratte und Windenblüte werden auf den Baum steigen, indes der Große Jaguar hier unten bleibt und den Alten der Berge durch seine Künste so lange reizt und erzürnt, bis er sich aus seinem Schlupfwinkel herabstürzt, um ihn die Gewalt seiner Tatzen und Zähne fühlen zu lassen. Unterdes werden mittels der Äste die Freunde Wonodongahs leicht die Höhle des Bären betreten und nach ihrem Ausgang eilen!«

»Aber Du, Jaguar – was geschieht mit Dir? Wir können Dich doch unmöglich der Gefahr aussetzen, während wir unsere Skalpe in Sicherheit bringen!«

»Der graue Bär,« meinte der junge Mann, »ist plump wie ein Faultier, wenn er auch rasch im Laufen ist. Bevor er sich von seinem Fall aufgerichtet hat und den Jaguar angreifen kann, wird dieser auf dem Baume sein und seinen Freunden folgen. Wenn die Apachen kommen, werden sie nur den Alten der Berge finden, bereit, sie zu umarmen!«

Der Jäger lachte vergnügt. »Wahrhaftig, Junge, das geht; es ist ein vortrefflicher Gedanke. Ich möchte das lange Gesicht der schwarzen Schlange und der andern Schurken ihres Gelichters sehen, wenn sie endlich heute abend ihr Kriegsgeheul erheben und die Courage bekommen, unter diese Mooswand zu dringen und nichts finden, als den Meister Urian und sein kräftiges Gebiß! Laß uns ohne Zögern ans Werk gehen, Comanche!«

»Mein weißer Vater ist also einverstanden mit dem Plan?«

»Gewiß, das heißt, daß ich selbst mir den Vorderposten vorbehalten habe. Und da der Bär vielleicht eine Bärin zur Gesellschaft in seinem Lager hat, so übernehme ich somit auch meinen Teil der Gefahr, sonst würd' ich Dir den Handel hier unten gewiß nicht allein überlassen.«

»Mein Vater spricht die Wahrheit. Er führt aber mit Recht den Namen Eisenarm. Wir wollen unsere Vorbereitungen beginnen.«

Die Verhandlung war mehrfach durch das Brummen und Schnauben des Bären unterbrochen worden, der den Hauptakteur dabei bilden sollte, ohne daß die beiden Jäger sich viel darum gekümmert hätten. Der Yankee hatte anfangs zitternd und mit Staunen der Beratung zugehört, aber sein Vertrauen wuchs schnell an der Ruhe und Sicherheit der beiden Männer, und er teilte zuletzt sogar die Freude des Trappers auf die Überraschung der Apachen, bis die Bemerkung, daß sie leicht einer zweiten Bestie begegnen könnten, diese Stimmung wieder bedeutend bei ihm abkühlte. Er war daher sehr mit der Anordnung einverstanden, daß Windenblüte die zweite Person in der Reihe sein und er ihr folgen sollte. Nachdem die geringen Vorräte der kleinen Gesellschaft daher zusammengepackt waren, wurden Comeo und Jonathan auf die Äste des Baumes spediert, wo sie zugleich Ausschau nach den Apachen halten sollten.

Wonodongah hatte dem Yankee sein Gewehr zu tragen gegeben und nur den Tomahawk, das starke Bowiemesser, das seine frühere, im Schlafgemach des Grafen Boulbon zurückgelassene Klinge ersetzt hatte, den Bogen und eine der wollenen Decken zurückbehalten. Außerdem hatte er das Tuch des Mädchens von hochroter Farbe ihr abgenommen.

Der Trapper hatte einen aus Riemen geflochtenen Strick, der früher das kleine Paket, das Windenblüte getragen, zusammengehalten hatte, um den untersten Ast geschlungen, um damit dem Comanchen im Augenblick der Gefahr das rasche Hinaufklimmen zu erleichtern. Er fühlte jetzt, ob auch der Griff seines Messers ihm gut zur Hand, und reichte dann dem jungen Mann seine Rechte.

»Nun, Jaguar, ich denke, es ist Zeit. Ich weiß, daß wir uns auf Dich verlassen können, aber ich bitte Dich, Dich nicht unvorsichtig der Gefahr auszusetzen und den günstigen Augenblick nicht zu versäumen. Ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich Dich wieder hinter uns weiß!«

»Mein weißer Vater möge sich beruhigen, er selbst hat den gefährlicheren Teil erwählt.«

»Gut, gut, und brauchst Du Hilfe, so rufe, und ich werde sogleich bei Dir sein. Mach es nicht zu arg mit Meister Petz, damit er sich hübsch höflich beträgt gegen unsere Freunde, die Apachen!«

Und vergnügt vor sich hinlachend kletterte er auf den Baum, wo er noch einen Blick nach der Ebene warf. Es kam ihm zwar vor, als sähe er hinter einigen Felsstücken die näher am Fuß des Hügels lagen, verdächtige Schatten, aber es konnte ihnen jetzt gleichgültig sein, ob die Apachen sich etwas mehr genähert hatten oder nicht, und er traf sofort alle Anstalten, um den Augenblick zu benutzen, wenn der Bär in die Falle gegangen wäre.

Der Comanche hatte unterdes seine Vorbereitungen getroffen. Er hatte die schwere Wolldecke über seinen linken Arm geworfen und Tomahawk und Messer derart in den Gürtel gesteckt, daß er den Griff leicht erfassen konnte. Er trat nunmehr an die Felswand unter die Öffnung, aus welcher der Bär noch immer brummend herausschaute und begann allerlei Sprünge und Kapriolen zu machen und mit dem roten Tuch vor seinen Augen umherzuwehen.

Meister Petz schnaubte gewaltig auf und begann seine mit drei Zoll langen Klauen bewehrte Tatze herauszustrecken und nach dem Tuche zu haschen. Da der Beginn der Regenzeit nahe bevorstand, hatte er sich vielleicht schon zu seinem Winterschlaf in der Höhle niedergelegt, war aber durch das Knallen der Schüsse, den Rauch des Präriebrandes oder den Geruch des bratenden Fleisches veranlaßt worden, aus der Tiefe seiner Höhle an die Öffnung zu kommen, um sich umzuschauen, was es gebe.

Die drei auf dem Baum verhielten sich während der Zeit bewegungslos und hatten sich hinter dem Laub verborgen.

Der Comanche trat jetzt, nachdem er das Ungetüm so weit gereizt, einen Schritt zurück, spannte den Bogen und legte einen der beiden letzten Rohrpfeile, die ihm übrig geblieben waren, auf die Sehne. Er zielte sorgfältig und schnellte dann ab; der Pfeil traf sein Ziel und verwundete die Schnauze des Ungetüms, diese empfindlichste Stelle der meisten Tiere. Der Bär stieß ein wildes Gebrüll aus, drängte sich mit dem Vorderleib halb durch die Öffnung und schlug wütend mit den Pranken nach seinem Feinde, so daß Zweige, Blätter und Moos umherflogen. Wonodongah schwang aufs neue das rote Tuch und reizte so das wütende Tier immer mehr. Blut und heißer Brodem kamen aus der Nase und dem fletschenden Rachen und die grünen Augen des Ungetüms funkelten. Aber dennoch schien es keine Lust zu haben, seinen Schlupfwinkel zu verlassen.

»Nimm den zweiten Pfeil, Comanche und ziele nochmals auf die Schnauze der Bestie,« flüsterte der Trapper von oben her.«

Der Indianer warf das rote Tuch vor seine Füße, ergriff den Bogen und legte seinen letzten Pfeil auf. Es war, als ob der Bär sehr wohl wisse, was ihn bedrohe, denn er versuchte, sich in die Höhle zurückzuziehen. Aber der Schütze war schneller als er, die Sehne klang, und der spitze Pfeil traf wiederum die blauschwarze Nase des Tiers und drang diesmal so tief ein, daß er in die Wunde stecken blieb.

Der Bär stieß ein wütendes Schmerzgeheul aus, stürzte vorwärts, versuchte vergeblich, sich an den Zweigen oder der glatten Felswand festzuhalten und plumpte schwerfällig auf den Boden nieder.

Er hatte diesen kaum erreicht, als auch der Trapper seinen beiden Gefährten ein Zeichen gab, ihn: zu folgen, auf einem der unteren Äste dem Felsen möglichst nahe trat und sich mit Hilfe des obern Astes.in die Felsenspalte schwang, in der er verschwand. Das Mädchen warf noch einen Blick auf den Bruder und da sie sah, daß er, den Strick in der Hand, bereits hinter dem Baume stand, folgte sie eilig dem Kanadier. Der Yankee schloß die seltsame Einfahrt in den Berg.

Eisenarm kroch zuerst, das Messer zwischen den Zähnen und jeden Augenblick gewärtig, ein Zeichen von der Anwesenheit des zweiten Bären zu hören, auf Händen und Füßen vorwärts. Einige Schritte weiterhin erhöhte sich der Felsengang jedoch, so daß sie gebückt vorwärts schreiten, wenn auch nicht sich umwenden konnten.

»Ist der Jaguar hinter Euch, Meister Schielauge?« fragte ängstlich der Trapper.

»Ja, ja, es ist alles in Ordnung,« erwiderte bebend der Yankee, denn er glaubte, einen seltsamen gellenden Ton hinter sich gehört zu haben, der ihm Furcht einjagte. »Um Himmels willen macht vorwärts, die Luft ist erstickend in diesem Loch!«

Der Kanadier kroch und ging so rasch wie möglich weiter, was mit einigen Schwierigkeiten verknüpft war, weil der Weg sich offenbar in die Höhe wand und scharfe Steinecken, Knochen und Schmutz ihn häufig noch schwieriger machten. Einmal glaubte er dicht vor sich ein anhaltendes Schnauben zu hören; er umklammerte den Griff seines Messers, bereit, sich auf die Bärin zu stürzen; aber er überzeugte sich bald, daß es das Rauschen von Wasser in einer benachbarten Felsspalte war, wahrscheinlich der Quelle, die am Fuß des Felsens hervorsprudelte. Dazu war der Geruch der Ausdünstungen und der Exkremente der hier hausenden Raubtiere und der verfaulten Fleischreste ihrer Beute so durchdringend, daß eben nur die Nähe des Wassers und der Luftzug, der dieses begleitete, die Fortsetzung des Weges möglich machte. Endlich, nach etwa viertelstündigem Kriechen und Vorwärtsdringen zeigte sich in der Ferne ein matter Lichtschimmer. Der Höhlengang erweiterte sich zu einer oben offenen Felsspalte, die hin und wieder einen schmalen Streifen des blauen Himmels zeigte und auf deren Grund der Bergquell aus hundert Regenrinnen zusammenrieselte. Keine Spur eines zweiten Raubtiers zeigte sich weiter; noch hundert Schritt, und der Trapper trat aus der Öffnung der Felsspalte auf ein kleines Plateau, zu dessen Füßen sich ein wildes, mit Steinblöcken und einzelnen Sträuchern und Bäumen bedecktes Thal ausbreitete.

Sie waren gerettet!

Windenblüte glitt hinter Eisenarm aus der Felsenspalte ins Freie, gleich darauf folgte keuchend der Yankee, dann blieb die Öffnung leer – der große Jaguar der Comanchen fehlte.

Das Mädchen stieß einen Schrei aus, mit einem Sprung stürzte der Trapper zurück zu dem Ausgang, indem er Brown rücksichtslos zur Seite stieß, und schrie den Namen seines jungen Gefährten in die gähnende Mündung hinein. Aber nur das Echo antwortete dumpf auf seinen Ruf!


Als der Bär aus seinem Felsenloch niederplumpste auf den Boden, brach er zwar den Pfeil ab, drückte sich die Spitze desselben damit aber noch tiefer in die Wunde und wälzte sich, brüllend vor Schmerz, einige Augenblicke auf dem Boden.

Es wäre dem Indianer offenbar leicht gewesen, während dieser Zeit zu entfliehen, und er hatte den Strick des Trappers auch bereits in der Hand, um sich empor zu schwingen, als er plötzlich am Stamm der Eiche wie gebannt stehen blieb und auf das wütende Tier starrte.

Seine Augäpfel schienen sich zu erweitern, seine Nüstern blähten sich, der Mund zuckte, und ein stolzer Ausdruck flog über seine Züge.

Die ganze Lust der Jagd und des Kampfes kam über ihn, er dachte an den Ruhm, den es ihm bringen würde, zum zweiten Male den gewaltigsten und gefürchtetsten Räuber der Prärie überwältigt zu haben, und alles andere war vergessen.

Der Bär hatte sich jetzt aufgerichtet, seine funkelnden Augen hatten seinen Feind erblickt, und er kam auf den Hinterbeinen langsam mit erhobenen Tatzen und geöffnetem Rachen, aus dem Geifer und Blut floß, auf ihn zu. Das Tier war eines der größten seiner Art und sein Anblick wahrhaft furchtbar.

Es war jetzt zu spät zur Flucht, auch wenn der Comanche hätte entfliehen wollen. Aber er dachte nicht im entferntesten daran. Er ließ den Strick fallen, seine Augen begegneten denen des Tieres, seine Rechte hatte das schwere Bowiemesser aus dem Gürtel gerissen, die Linke faßte die wollene Decke, und indem er mit einem Sprung auf das Tier zustürzte, warf er ihm die Decke über den Kopf, bückte sich tief und stieß das Messer bis ans Heft in den Bauch des Ungetüms.

Zweimal wurde der Stoß mit Blitzesschnelle wiederholt, während der Bär sich aus den Verwickelungen der Decke loszumachen strebte; dann fiel das Tier mit seiner ganzen Schwere über den kühnen Jäger her und warf ihn zu Boden. Einige Augenblicke wälzten sich Bär und Mann auf der Erde in wütendem Kampf. Wieder und wieder tauchte sich das Messer in den Leib des Tieres, dessen Klauen und Zähne aber hatten auch furchtbar den jungen Mann zerfleischt, und als die Tatzen des Bären ihn jetzt umfaßten und ihn wie in einem eisernen Schraubstock zusammenpreßten, fiel sein blutender Arm herab, das Messer entglitt den sich öffnenden Fingern, und sein Kopf sank hinten über, indem seine Augen mit einem letzten Blick den roten Rachen mit den grimmigen Zahnreihen weit geöffnet über sich sahen.

In diesem Augenblick glänzte etwas durch die Luft, ein krachender Schlag erfolgte und wiederholte sich, und das Gehirn des Ungetüms spritzte ihm mit seinem Blut ins Gesicht. Während die Tatzen des Bären sich lösten, sank der Comanche zu Boden und sah wie im Traume um sich eine seltsame Scene, ehe er das Bewußtsein verlor.

Über dem toten Tiere stand ein Indianer von mächtiger Gestalt und bereits über die mittleren Jahre des Lebens hinaus, wie die grauen Haare seines Schopfes zeigten, von dem zwei Adlerfedern niederflatterten. Die Züge seines Gesichts, bedeckt mit der Kriegsmalerei der Gilenos, waren rauh und finster, seine rechte Hand, jetzt ruhig an seiner Seite herabhängend, hielt einen schweren Tomahawk umfaßt, von dessen scharfer Klinge das Blut und das Gehirn des Ungeheuers herabtropfte. Auf seiner Brust aber trug der riesige Wilde denselben Schmuck wie der junge Häuptling der Toyas, eine Kette von Zähnen und Klauen, mit der Tatze eines Bären in der Mitte.

Ringsumher aber, auf ihre Speere oder Karabiner gestützt, stand ein Kreis dunkler, drohender Gestalten, mit blitzenden Augen und Unheil verkündenden Mienen.

Der grimmige Indianer erhob seine Hand und deutete spöttisch auf das erlegte Tier. »Der graue Bär der Apachen,« sagte er, »ist ein großer Häuptling! Die Toyahs sind seine Hunde – der Große Jaguar der Comanchen ist ein Knabe, wenn es den Kampf von Männern gilt. Sein Schmuck ist eine Lüge; Wonodongah ist unter dem Fuß seines Feindes!«

Ein gellendes Siegesgeschrei der Apachen weckte das Echo des Felsens bei der Nennung dieses Namens, der ihnen jetzt erst kund gab, welcher entschlossene und gefürchtete Gegner ihrer Nation in ihre Hände gefallen war. Das Echo dieses Siegesgeheuls war es, das den Yankee auf der Flucht durch die Felshöhle erreichte und ihn mit einer Lüge vorwärts jagte.


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