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Windenblüte.

Wir haben Eisenarm mit seinem feigen und nichtswürdigen Kontraktsherrn und der Schwester des heldenmütigen Comanchen in dem Augenblick verlassen, als sie die traurige Entdeckung machten, daß dieser ihnen fehlte.

Von allen dreien wußte oder vielmehr ahnte der Yankee allein, was geschehen war, da er noch das Triumphgeschrei der Apachen gehört hatte, mit dem sie die Ankündigung des »Grauen Bären« empfingen, daß der junge Häuptling der Toyah in ihre Hände gefallen sei. Aber er hütete sich wohl, diese Kenntnis zu verraten, als er jetzt den Trapper mit aller Kraft der Überredung zu verhindern suchte, den Weg durch den Felsengang des Bären wieder zurückzunehmen. Er glaubte mit der gewonnenen Zeit seine eigene Sicherheit am besten erkauft und behauptete, daß er den jungen Comanchen noch in den Irrgängen der Felsenspalten hinter sich bemerkt habe, und daß derselbe vielleicht in den labyrinthischen Windungen auf einen andern Weg geraten oder aus irgend einer Ursache noch einmal zu dem eigentlichen Lager der Bestie zurückgekehrt sein müsse. Zuletzt, als alle seine Einwendungen Eisenarm nicht von seinem Vorsatz, umzukehren, abzubringen vermochten, erinnerte er ihn an ihren Vertrag, und daß er vor allem verpflichtet sei, ihn weiter zu führen.

Aber seine Bitten, Flüche und Verwünschungen hätten eher einen Stein rühren, als den Kanadier auch nur ein Haarbreit von einem Vorsatz abziehen können.

»Hört, Meister Schielauge,« sagte der Riese, »ich will nicht gerade behaupten, daß Ihr wie ein Schuft gehandelt habt, denn in den Städten ist jedem Mann sein Skalp das Nächste und es ist ein natürliches Gefühl, aber wenn Ihr länger in der Wüste gelebt hättet, würdet Ihr wissen, daß ein Skalp auch auf dem eigenen Schädel keine Ursache ist, um einen Freund im Stich zu lassen, besonders wenn man ihn von Kindesbeinen an durch tausend Gefahren begleitet und ihn als Sohn betrachtet hat. Überdies werdet Ihr schwerlich in Eurem Leben die Goldhöhle zu sehen bekommen, wenn der Große Jaguar uns fehlen sollte; denn mein Gedächtnis und meine Sinne fangen nachgerade an, alt zu werden, und ein Unternehmen wie das unsere fordert allen Witz eines Indianers und alle Gewandtheit von fünfundzwanzig Sommern! Also bleibt ruhig hier und beschützt dieses weinende Mädchen, indes ich mich nach ihrem Bruder umsehe.«

Dies Argument entschied, und nachdem Eisenarm an Comeo noch einige Weisungen gegeben und seine Büchse zurückgelassen hatte, um rascher vorwärts kriechen zu können, verschwand er wieder in dem unterirdischen Gang.

Es dauerte volle zwei Stunden und die Nacht begann bereits mit raschem Übergang einzutreten, als zur großen Beruhigung des Yankee der Kanadier zurückkehrte.

Ohne die hastigen Fragen Master Browns zu beantworten, setzte er sich auf einen Stein, nahm seine Büchse wieder in den Arm, und nachdem er Comeo bedeutet hatte, in dem Eingänge der Felsenspalten selbst, die den Schein verbergen mußten, ein Feuer zu machen und das bei ihrer Flucht weislich mitgenommene Stück Fleisch zu rösten, verfiel er in tiefes Nachdenken.

Das Mädchen hatte gehorcht, ohne auch nur eine einzige Frage zu thun, obschon ihr dunkles Auge sich oft angstvoll und bittend auf den Trapper wandte. Sie kannte zu gut die Gewohnheiten der Krieger ihres Volkes, die der weiße Mann durch den langen Umgang sich gleichfalls angeeignet hatte, als daß sie eine unziemliche Neugier gezeigt hätte, selbst wo es das Schicksal ihres einzigen natürlichen und geliebten Beschützers galt, der von ihrer ganzen Familie ihr geblieben war.

Nicht so der Yankee, der diese Rücksichten nicht kannte oder achtete und wiederholt versuchte, das Nachdenken des Jägers zu stören. Aber Eisenarm wies ihn mit ungeduldiger Gebärde zur Ruhe, und es blieb ihm endlich nichts übrig, als sich zu fügen.

Dies Schweigen endete auch nicht eher, als bis Comeo das geröstete Fleisch auf den Blättern des Sassafrasbaums vor den Männern niederlegte.

Jetzt stellte der Jäger seine Büchse zur Seite, rieb sich die Hände und nahm sich dann ein tüchtiges Stück Fleisch.

»Nun, Mann, eßt,« sagte er, »denn wir haben einen weiten Marsch durch die Sierra vor uns und brauchen Stärkung. Weine nicht, Mädchen; es ist nicht so schlimm, wie es ausschaut, denn solange noch Leben in einer Menschenbrust und die Skalplocke noch auf dem Haupte eines Indianers ist, solange ist auch noch Hoffnung, und wenn der Mann selbst in den Händen dieser Teufel von Apachen wäre!«

Das arme Mädchen stieß einen Laut des Schmerzes aus. »Will Bras-de-fer nicht der armen Winde sagen, wo ihr Bruder ist? Er ist der Stamm, um den nach dem Willen des großen Geistes die Liane sich ranken soll?«

»Wahr, wahr, Kind, es ist Natur in Deinen Worten, denn Dein wackerer Bruder ist bestimmt, Dir Vater und Mutter zu ersetzen. Weiß Gott, ich liebe den Burschen, als wäre er mein Sohn, nicht bloß das Kind eines alten Freundes. Auch fühle ich, was ich ihm schuldig bin, und daß er erst heute morgen wieder mein Leben aus der verdammten Schlinge des Lasso gerettet hat, die ich alter Narr unvorsichtig genug war, mir über den Kopf werfen zu lassen.«

»Aber damit wissen wir noch immer nicht, wo der Indianer sich befindet?« unterbrach ihn der Yankee ungeduldig.

»Wo anders, Mann, als in den Händen seiner schlimmsten Feinde, ich meine Wis-con-Tab, die Schwarze Schlange der Meskaleros. Ich sehe die Sache, als ob ich dabei gewesen wäre, und dennoch ist mir eines rätselhaft dabei – ich habe die Spur dieses schiefen Satans unter all dem Gewirr von Fußtritten nicht zu entdecken vermocht, obschon ich sie gut kenne, wie die meines eigenen Mocassins. Der Mann, der ihm zu Hilfe kam und mit dem Schlage seines Tomahawk den Schädel der Bestie spaltete, war ein Krieger und ein Mann von Kraft, fast wie die meine, denn ich fand, wie tief sich seine Ferse dabei in den Boden gestemmt hat. Wüßte ich nicht, daß der ›Graue Bär‹ nicht bei der sauberen Gesellschaft war, so könnte ich nur auf ihn raten.«

»So hat ein Kampf stattgefunden?«

»Gewiß, Mann! So gewiß, als Ihr da sitzt und Eure Kehle mit Rum verbrennt, statt Euch mit dem klaren Wasser dieser Quellen die Augen hell zu halten. Aber nicht zwischen dem ›Jaguar‹ und seinen menschlichen Feinden, denn sonst hätte ich seinen Leichnam gefunden, des Skalps beraubt.«

»So erzählt deutlicher,« brummte der andere, »der Teufel kann alle Eure indianischen Andeutungen verstehen!«

Der Jäger lächelte gutmütig trotz aller Besorgnis um seinen Freund. »Das kommt von Eurer verkehrten Erziehung in den Städten her,« sagte er, »und ich danke Gott, daß ich meinem Vater zeitig genug davongelaufen bin, um mir wenigstens meine fünf Sinne frei zu halten. Das Mädchen dort, so jung es ist, wird mich längst verstanden haben.«

Comeo nickte, während sie ihr sanftes Gesicht mit den Händen bedeckte, zwischen deren Fingern sich die Thränen unaufhaltsam hervordrängten.

»Weine nicht, Kind; obschon das die natürliche Gabe Deines Geschlechts ist,« tröstete sie der Jäger. »Ich bin selbst zweimal gefangen gewesen in ihren Händen und stand das eine Mal am Marterpfahl dieses schiefen Teufels, als mich Dein Vater mit den Comanchen aus ihrer Mitte holte, freilich auf Kosten seines Lebens; das andere Mal rettete ich mich selbst. Aber Du weißt, daß dafür dieses Leben Deinem Bruder zu Diensten steht, und daß ich nicht der Mann bin, einen Freund in der Not zu verlassen. Um es kurz zu machen, Mann, ich war unter dem Moosbaum und habe mich da überzeugt, daß Ihr gelogen habt, als Ihr uns sagtet, daß Wonodongah, der große Jaguar der Comanchen, in dem Felsen hinter Euch sei. Er hat die Höhle des Bären nicht betreten.«

»Gott soll mich verdammen!« rief der Amerikaner verwirrt, »wenn ich nicht gemeint habe, seine Schritte, ja, seine Stimme hinter mir zu hören Es war zu enge und zu finster, um mich lange umzuschauen.«

»Nun, es nützt nichts, und ich will glauben, daß die Furcht Euch zu der Lüge getrieben. Aber es ist immer eine schlimme Sache, wenn ein Mann von der Wahrheit weicht, oder Dinge behauptet, von denen er sich nicht genau überzeugt hat. Es wird jetzt an Euch sein, Euren Fehler wieder gut zu machen. Kurzum, der Jaguar hat der Lust nicht widerstehen können, sich mit dem Bären zu messen, und er ist bei dem Kampf, der ihm vielleicht trotz seiner Gewandtheit schlecht bekommen wäre, von den Apachen überrascht worden, die den Bären vollends töteten und ihn ohne Widerstand gefangen nahmen, da er schwer verwundet war. Es ist wahrscheinlich sogar ein Glück für ihn, daß es so gekommen ist, denn der Bär hatte ihn unter sich.«

»Aber woher wißt Ihr das alles?«

»Bin ich denn ein Maulwurf, wenn ich auch nicht die scharfen Augen eines Wilden habe?« entgegnete unwillig der Riese. »Ich sagte Euch, daß ich auf dem Platz unter dem Moosbaum gewesen sei, und da das Tageslicht noch nicht geschieden war, so genügten fünf Minuten dazu, um mich von allem zu überzeugen. Der Strick hing noch an dem Ast des Baumes, ein Beweis, daß der Jaguar ihn gar nicht benutzt hat; denn er würde nie diese Spur seines Entkommens den Augen der Apachen zurückgelassen haben. Unter dem Baum aber liegt der Körper des Bären, und obschon sie sein Fell und seine Tatzen mit sich genommen haben, damit sie sich an dem Feuer ihrer Wigwams rühmen können, sie hätten das Untier angegriffen und besiegt, habe ich doch fünf Wunden von dem Messer unseres roten Freundes in dem Leibe des Bären gefunden, die gemacht worden sind, bevor eine andere Hand ihm den Schädel spaltete.«

»Der Narr hätte bedenken sollen, daß sein Leben mir gehört,« sagte Brown mürrisch. »Was beweist Euch denn, daß er nicht den Lohn seiner Unvorsichtigkeit bekommen hat und gleichfalls getötet worden ist?«

»Es war viel Blut auf dem Platz, wo er mit dem Untier gerungen, und ich konnte an dem Boden sehen, daß der Bär auf ihn gefallen ist. Die Fetzen seiner Decke lagen umher. Aber er ist nur schwer verwundet, nicht getötet, weder von dem Bären, noch von den Apachen. Wenn er tot wäre, so oder so, würden sie ihn sicher skalpiert und seinen entehrten Leichnam den Tieren der Wildnis zurückgelassen haben. Sein Arm ist gebrochen oder zerrissen.«

Die junge Indianerin war trotz ihrer gewohnten Zurückhaltung aufgestanden und hatte sich angstvoll dem Jäger genähert. »Ich weiß, mein Vater spricht die Wahrheit und wird das Herz eines armen Mädchens nicht täuschen! Aber hat er ein Zeichen, die für seine Annahme spricht?«

»Hier, hier, dieses Messer habe ich auf dem Platze gefunden, es ist das Deines Bruders und beweist mir, daß sein Arm schwer verletzt sein muß, sonst hätte er es sicher nicht fallen lassen.«

»Aber was meint Eisenarm, was mit seinem Freunde geschehen wird?«

»Sie haben ihn mit sich genommen als Gefangenen in ihr Lager, es ist kein Zweifel daran. Ich habe den Rauch ihrer Feuer gesehen.«

»Sie werden ihn martern und töten!« rief das Mädchen schluchzend.

»Nicht, ehe er vollkommen wieder geheilt ist. Du weißt Comeo, daß die Indianer nie einen kranken oder verwundeten Krieger an den Marterpfahl stellen, er muß die volle Kraft haben, ihre Qualen zu ertragen. Übrigens, wenn wir nicht gerade einige ihrer besten Krieger erschossen hätten, sollte ich meinen, daß sie trotz alles Hasses doch Anstand nehmen möchten, einen Häuptling zu töten, da sie gegenwärtig mit den Comanchen im Bündnis sind und ihre Rache fürchten müssen.«

»Ein Toyah,« sagte das Mädchen stolz, »ist nie der Freund eines Apachen!«

»Recht, recht, Kind, und das wissen die Schufte so gut wie wir. Sie werden deshalb auch jedenfalls ein Mittel suchen, ihre Bosheit zu befriedigen, wenn sie nicht verhindert werden.«

»Und wird mein weißer Vater zugeben,« fragte die Indianerin, »daß sein Freund in den Händen seiner Peiniger bleibt, auch wenn er eine rote Haut trägt?«

»Nicht, solange mein Arm und meine Büchse zusammen halten, Kind, verlaß Dich darauf! Rothaut oder Weißhaut, das bleibt sich gleich, wenn nur das Herz ehrlich ist, und es schlägt kein edleres in der Brust eines Menschen, als in der Wonodongahs, das will ich gegen alle vertreten, ob sie aus den Städten kommen, oder aus der Wüste! – Hört, Mann, Ihr könnt Euch und uns einen großen Gefallen erweisen.«

»Was soll ich thun? ich dächte, ich hätte der Beschwerden schon genug gehabt!«

»Wenn Ihr nicht der Gefahr ins Auge sehen könnt, oder Euch vor einem weiten Wege scheut,« sagte der Jäger trocken, »so hättet Ihr überhaupt das Unternehmen nicht anfangen sollen und wäret besser in San Francisco geblieben.«

»Nun in des Teufels Namen, so sagt, was ich thun soll!«

»Ihr müßt in das Lager der Schwarzen Schlange gehen!«

»In das Lager der Apachen?«

»Ja!«

»Ihr seid verrückt, Mann! welcher Mensch mit gesunden Sinnen wird mit freiem Willen sein Leben so unsinnig preisgeben.«

»Aber es handelt sich um den Jaguar!«

»Meinetwegen um alle Bestien der Wildnis und alle Indianer dazu! ich werde kein solcher Narr sein!«

Der Jäger lächelte verächtlich. »Ich erinnere mich,« sagte er, »daß Ihr selbst gestern abend vorschlugt, uns den Apachen anzuschließen, um mit ihnen den Franzosen zu bekämpfen. Ich sehe nicht viel Gefahr dabei, denn keiner hat Euch gesehen, und Ihr könntet Euch dreist für einen der Agenten der Staaten, oder einen Doktor, oder sonst eins von dem weißen Gezücht ausgeben, das die Prairie schändet und den Charakter der Indianer verdirbt. Es ist von Wichtigkeit, daß der Jaguar erfährt, daß seine Freunde in der Nähe sind, obschon er das auch ohne Botschaft wissen kann. Aber wir müssen in Verbindung mit ihm treten, um zu erfahren, was sie mit ihm vorhaben, und um jede günstige Gelegenheit ausnutzen zu können.«

»Das ist alles recht schön,« brummte der Yankee, »aber ich danke dafür. Auch werde ich es keineswegs zugeben, wenn Ihr etwa so toll sein wolltet, Euch selbst in die Gefahr zu begeben – Euer Kontrakt bindet Euch an mich!«

Bras-de-fer sah einige Augenblicke finster vor sich nieder, er ärgerte sich über die Feigheit seines Gefährten und die Macht, die dieser sich über ihn anmaßte.

»Hört, Meister Schielauge,« sagte er endlich – »ich will Euch den Vorschlag machen, unseren Kontrakt aufzulösen, da es so gekommen ist. Das Goldauge war zwar ein lieber Freund, und ich möchte ihn an dem schurkischen Franzosen gern rächen, aber das Schicksal des Jaguars liegt mir mehr am Herzen. Was Eure Ausgaben betrifft, so will ich mich anheischig machen. Euch so viel des gelben Metalls allein aus der Goldhöhle zu holen, wie die Büchse wiegt, die Ihr mir verschafft habt.«

»Nichts da!« schrie der Yankee, dessen Habsucht durch das Anerbieten nur noch mehr gereizt wurde, da es ein neuer Beweis für die Möglichkeit war, das Ziel seines Strebens zu erreichen.

»Ich habe Eure Unterschrift unter dem Kontrakt und Ihr müßt ihn erfüllen. Ich verbiete Euch, in das Lager der Apachen zu gehen und Euer Leben zu gefährden, da Ihr der einzige seid, der mir jetzt den Weg zeigen und mir zu meinem Eigentum verhelfen kann.«

Der Jäger zuckte mit den Achseln und wollte eben eine rauhe Antwort geben, als sich Windenblüte ins Mittel legte.

»Warum will mein weißer Vater nicht die Tochter der Comanchen in das Lager der Apachen senden?« fragte sie. »Es wird niemand auf die Schritte eines armen Mädchens achten.«

Der Jäger sah sie erfreut an und nickte zustimmend. »Es ist Sinn darin, Kind,« sagte er freundlich, »und ich dachte gleich daran, aber ich wollte Dir den Vorschlag nicht machen, weil ich Dich für zu furchtsam hielt und wie es meine Pflicht war, den Gang erst diesem Manne vorzuschlagen. Mich kennen die Schurken auf tausend Schritt weit, aber von Deiner Anwesenheit auf den Prairieen hat schwerlich einer Ahnung. Wenn Du Dich für eine der Indianerinnen aus den Niederlassungen ausgiebst, die ihrem Dienst wegen einer Strafe entflohen, oder für eine Comanchin, die ihren Stamm bei dem Kriegszug begleitet hat und von ihm in der Prairie abgekommen ist, wird keine Gefahr für Dich dabei sein. Aber wir müssen ihr Lager von der entgegengesetzten Seite erreichen, und deshalb ist es nötig, im Schutz des Gebirges ihnen einen Tagemarsch vorauszukommen, ehe Du Dein wackeres Unternehmen beginnen kannst. Der Mond geht jetzt eben auf, und wir müssen uns seinen Schein zu Nutze machen, um noch zwei Stunden zu marschieren, ehe wir die Ruhe suchen. Unterwegs, Kind, können wir näher darüber sprechen, ich bin jetzt beruhigt und hoffe, daß die Schurken Deinem Bruder den Dienst der Heilung seiner Wunden leisten, aber ihm kein Haar weiter krümmen sollen. Auf denn, Meister Schielauge, und nehmt Euer Gepäck, wenn Ihr nicht hier zurückbleiben wollt; denn bei Gott, ich habe große Lust, Euch zu lassen, wo Ihr seid, und fange an zu glauben, daß es das Beste für uns alle wäre!«

Damit schulterte er die beiden Büchsen, die seine und die bei der Flucht mitgenommene des Comanchen, und stieg mit kräftigen Schritten in das Thal hinab.

Meister Brown beeilte sich, seinen Ranzen aufzunehmen und ihm zu folgen, denn er sah, daß auch das Mädchen sich wenig um seinen Einspruch kümmerte, und wollte immer lieber einer unbekannten Gefahr unterm Schutz der sichern Büchse des Jägers entgegengehen, als allein in der Wildnis zurückbleiben.


Es war am achten Tage nach diesen Ereignissen und am fünften, nachdem der Zug des Haciendero mit den berittenen Mitgliedern der Expedition San Fernando Guaymas verlassen hatte, und an einem Ort über zwanzig Leguas von der Stelle entfernt, wo der junge Comanche gefangen genommen worden.

Die Vereinigung der Indianer-Stämme war erfolgt, und nach einer großen Beratung hatten sie sich aufs neue verteilt, um die ganze Grenze der Sonora mit Raub und Plünderung zu überschwemmen. Die Bewohner des Staates Chihuahua, dessen nördlicher Teil jetzt schutzlos im Besitz der Indianer war, hatten sich über den Hyaqui nach dem Süden geflüchtet, oder in den Städten und Presidios verschanzt, so gut es ging, und jeder Tag brachte die Nachricht von neuen Greueln, welche die Wilden verübt hatten. Frauen und Kinder wurden, wenn sie mit dem Leben davon kamen, in die Gefangenschaft geschleppt, die Männer ohne Unterschied des Standes und Alters auf das Grausamste ermordet.

Bereits waren auf diese Weise die Missionen Pennelas und San Miguel, die Dörfer Hermitas, Baseraco bis Aribechi herunter verheert und das Präsidium Babica der Erde gleich gemacht worden, und nur mit Mühe hielt sich im Rücken der Horden noch das Präsidio Fort. Buenaventura, denn die Indianer hatten bereits auf mehreren Punkten die Sierra überschritten und mordeten und plünderten in der Sonora.

So zerstreut aber auch ihre einzelnen Raubzüge waren, so schien doch ein großer allgemeiner Plan ihrem Vordringen zu Grunde zu liegen und ihre einzelnen Haufen an einer bestimmten Stelle zu konzentrieren, um dann mit ihrer gesamten Streitmacht, die diesmal wohl an zweitausend Krieger betrug, nach den reichen Städten des Westens vorzudringen.

Diese Stelle waren die Ufer des Hyaqui bei San Antonio da las Cuevas an der Straße von Oposura nach Guaymas, und der einzige feste Punkt, welcher am Ausgang des Gebirges sie deckte, die Hacienda del Cerro.

Da der Graf am ersten und zweiten Nachtlager unbegreiflicher Weise den Zug des Senators nicht eingeholt hatte, hielt es dieser für zweckmäßig, mit der kleinen wohlberittenen Schar des Polen Morawski und des Wegweisers nebst der Hälfte seiner Diener in Eilmärschen vorauszueilen, um die Hacienda so zeitig wie möglich zu erreichen und die Anstalten zu ihrer Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen, während Doña Dolores mit der anderen Hälfte der bewaffneten Peons und Diener folgen und das Eintreffen des Grafen abwarten sollte.

Diese Anordnungen waren am dritten Morgen ihrer Abreise von Guaymas getroffen worden, der Senator befand sich seit vierundzwanzig Stunden in der wohlbefestigten Hacienda und harrte mit großer Besorgnis der Ankunft seiner Tochter und der Verstärkungen, da mehrere der Vaqueros und Rastreadores, der Spurfinder der Vieh- und Pferdeherden die Nachricht gebracht hatten, daß sie die Spuren von Indianern bereits im Gebirge gefunden hatten, und daß eine etwa fünf Leguas nördlich entfernte kleinere Hacienda von ihnen überfallen und verwüstet worden sei.

In einem der Thalkessel der Sierra Verde, oder vielmehr des Teiles derselben, welcher zwischen der Sierra Espuelas und der Sierra de las Patos die Grenze der Sonora gegen den Nachbarstaat Chihuahua bildet, brannten am Abend auf dem trockenen Grunde zwischen den rauhen Felsstücken, die den Boden bedeckten, mehrere Feuer, um die sich die Krieger der Mescaleros gesammelt hatten. Mehrere Weiber des Stammes rösteten in einiger Entfernung Wild, und der Schein ihres Feuers fiel auf ein, zwischen zwei einen Winkel bildenden Felsstücken eingeklemmtes kleines Zelt von Büffelhäuten, vor dem zwei wohlbewaffnete Indianer Wache haltend saßen und ihre Rohrpfeifen rauchten.

Eines der Feuer, das sich im Mittelpunkt des indianischen Lagers befand, war offenbar von den Häuptlingen und den vornehmsten Kriegern des Stammes besetzt, denn die geringeren und die jungen Männer hielten sich in ehrerbietiger Entfernung von ihm und wagten am nächsten Feuer selbst nicht einmal durch ein lautes Gespräch die Beratung der Häuptlinge zu stören.

Hier befanden sich etwa zehn Krieger, unter ihnen vier, deren Name und Person der Yankee von seinem Späherposten auf dem Moosbaum gesehen hatte, der »Graue Bär« und die »Schwarze Schlange« der Mescaleros, Ka-taumih, der »Springende Wolf« der Lipanesen, und der »fliegende Pfeil«, der Häuptling der Mimbrenos.

Alle vier, wie die sämtlichen Krieger, zeigten die wilde Kriegsmalerei, die ihre Gesichter noch furchtbarer machte und ihre Brust, wo das offene Jagdhemd sie zeigte, mit ihren Totems oder Sinnbildern bedeckte.

Die vier Häuptlinge rauchten aus langen Schilfpfeifen, während sie hin und wieder ein Wort wechselten. Wer sie aber scharf beobachtet hätte, würde bemerkt haben, daß Utallah, oder der »fliegende Pfeil«, der junge Häuptling der Mimbrenos, von Zeit zu Zeit seiner Würde so viel vergab, daß er den Kopf zur Seite wandte und einen feurigen Blick auf eine Indianerin warf, die, mit dem Sticken eines Mocassins beschäftigt, auf einem gefallenen Baumstamm etwa in der Mitte zwischen dem Feuer der Häuptlinge und dem Zelte zwischen den Felsen saß.

Zwei Pferde, die in der Nähe, mit dem Lasso an langen Lanzen befestigt, weideten, verkündeten, daß die beiden Häuptlinge der Lipanesen und Mimbrenos nur Gäste in dem Lager waren.

»Der Graue Bär ist ein berühmter Krieger,« sagte nach einer der Pausen der Lipanese. »Die weißen Männer haben schon oft die Kraft seines Armes gefühlt. Seine Worte sind Weisheit. Wir sind gekommen, sie in unsere Ohren fallen zu lassen.«

»Mein Bruder spricht gut,« erwiderte der geschmeichelte Häuptling. »Ka-taumih ist ein Häuptling, und viele Schädelhäute trocknen im Rauch seiner Hütte. Auch dem Fliegenden Pfeil folgen die Tapfern seiner Nation auf dem Kriegspfad, wenn sein Haar auch noch schwarz, und sein Auge jung ist. Ihr Rat wird den Mescaleros willkommen sein.«

Wieder folgte eine Pause, bis ein Blick des ersten Häuptlings des Stammes, der Schwarzen Schlange, ihm ein Zeichen gab, weiter zu sprechen.

»Die Häuptlinge der Mescaleros,« fuhr der mächtige Krieger fort, »haben ihre Freunde zu dem Beratungsfeuer geladen, um mit ihnen die Reichtümer der Weißen zu teilen, die morgen in ihren Händen sein werden.«

Die Augen des Springenden Wolfes funkelten. »Wann werden wir unser Kampfgeschrei erheben? Die Krieger der Lipanesen werden nicht fern sein, wenn es ertönt!«

Der Häuptling der Mescaleros, der bisher geschwiegen, übernahm die Antwort. Wohlbekannt aber mit dem Charakter seiner Gefährten und offenbar in der Absicht, ihre Habgier und ihre Leidenschaften noch weiter anzustacheln, antwortete er nicht direkt auf die Frage, sondern begann zunächst die Beute herzuzählen, die sie erwartete.

»Die Zahl ihrer Rosse,« sagte Wis-con-Tah, »ist wie die der Kieselsteine im Bach. Sie bekleiden sie mit bunten Gewändern und Sätteln von Silber. Ihre Büchsen sind lang und treffen den Adler im Fuge. Es ist mehr Feuerwasser in jenem Hause, als alle Stämme der Apachen in zehn Sonnen zu trinken vermögen. Ihre Decken sind mit Purpur gefärbt, und ihre Weiber haben so viel Perlen und Kleider mit bunten Streifen, daß sie eines über das andere anziehen müssen.«

»Mein Bruder hat das alles selbst gesehen?« fragte der Fliegende Pfeil. »Warum hat er es nicht für sein Volk genommen?«

Die Frage schien dem Sprecher Gelegenheit zur Ausübung einer seiner Bosheiten zu geben. »Wis-con-Tah ist ein Mann des Rates,« sagte er höhnisch. »Er begnügt sich, seinen Freunden den Pfad leicht zu machen. Der große Krieger der Apachen war in dem Hause des Vaters der Feuerblume, und die Hand eines Weibes hat ihn daraus verjagt!«

So groß auch die Selbstbeherrschung eines Indianers ist, diese hämische Bemerkung regte doch alle Leidenschaften des tapferen und berühmten Kriegers auf, der in dieser Weise von seinem Genossen verhöhnt wurde. Die Adern auf der Stirn des Grauen Bären schwollen, und seine Hand fuhr an den Griff des Tomahawk, während er dem Spötter einen furchtbaren Blick zuwarf, der jeden anderen, als diesen, der sich seiner Macht über die rohe Kraft bewußt war, hätte erbeben machen.

»Möge Deine Zunge verdorren, wie die gespaltene der Schlange, deren Namen Du trägst,« knirschte der Häuptling. »Nicht die Hand eines Weibes hat Makotöh geschlagen, sondern die Hand eines Kriegers. Makotöh hat den Fuß auf seine Brust gesetzt, und der Hund von Comanche wird die Gräber seiner Väter beschimpfen und um Erbarmen flehen.«

»Die Jünglinge der Mescaleros mögen seine Standhaftigkeit prüfen,« sagte die Schlange boshaft, »der Jaguar der Comanchen wird an dem Pfahl seine Thaten preisen, er hat zu lange gelebt für den Ruhm eines großen Kriegers!«

Die wohl berechneten Worte schienen die Erbitterung des Grauen Bären noch zu steigern. Er erhob sich ungestüm von seinem Sitz am Feuer, warf mit einer raschen Bewegung das Fell des furchtbaren Tieres zurück, dessen Namen er trug und das um seine Schultern hing, und streckte den Arm nach dem Zelt zwischen den Felsen aus.

»Bringt den Gefangenen hierher!« befahl er mit donnernder Stimme.

Ein leiser Aufschrei verlor sich in dem Geräusch, das drei oder vier der jungen Krieger machten, indem sie auf den Befehl ihres Häuptlings emporsprangen und nach dem Zelte eilten.

Der leise Schrei war den Lippen der jungen Indianerin entschlüpft, die auf dem Baumstamm gesessen. Der »Fliegende Pfeil« der Mimbrenos war der einzige, der den Laut gehört hatte und sich nach ihr umsah.

Das Mädchen hatte ein für eine Indianerin ungewöhnlich sanftes und regelmäßiges Gesicht. Ihre Augen waren in diesem Augenblick wie Hilfe suchend auf den jungen Häuptling gerichtet: es war Comeo, die Windenblüte.

Seit vier Tagen schon befand sich das junge Mädchen in dem Lager ihrer Feinde. Sie war in der Prairie den Jägern des Grauen Bären begegnet, hatte ihnen erzählt, daß sie zu einem Stamm der Comanchen gehöre, der mit auf dem gemeinsamen Kriegspfad begriffen, und von dem sie in der Wüste abgekommen wäre, und um Aufnahme gebeten. Der wilde und grausame aber sonst nicht bösartige Krieger hatte ihr diese nach Indianersitte gewährt und selbst Wis-con-Tah hatte sein Mißtrauen und seinen Widerspruch unterdrückt, als er bemerkt hatte, daß seit ihrer Anwesenheit im Lager der junge Häuptling des zahlreichen und mächtigen Stammes der Mimbrenos weit öfter sich einfand und ein offenbares Wohlgefallen an der jungen Indianerin kundgab. So jung und unschuldig diese war, hatte doch das Erbteil ihres ganzen Geschlechtes, das den Frauen jeder Farbe geworden ist, sie bald den Einfluß kennen gelehrt, den sie auf den wilden Sinn des jungen Häuptlings zu üben vermochte, und sie beschloß, soweit es ohne Aufmerksamkeit zu erregen ginge, ihn zum besten des Gefangenen anzuwenden.

Denn obschon sie von den wilden Kriegern als Gast, wenn auch mit jener Nichtachtung behandelt wurde, die unter den Indianern überhaupt das Schicksal der Frauen ist, hatte man sie bisher doch sorgfältig von jedem Verkehr mit dem Gefangenen fern gehalten, ja seiner ihr gegenüber nie erwähnt. Nur durch die sorgfältigen Anstalten zu seinem Transport bei dem weiteren Vordringen der Bande, der mittels einer der gewöhnlichen von zwei Pferden getragenen und sorgfältig mit einer Büffelhaut bedeckten Hängematte ausgeführt wurde und durch das Zelt, in das man ihn bei der Lagerung einschloß, hatte das Mädchen sich überzeugen können, daß ihr Bruder noch am Leben sei und sicher zu einem besonderen Zweck aufgespart und gepflegt wurde.

Dem scharfen Ohr Comeos war der beginnende Streit nicht entgangen, und der wilde Befehl des Häuptlings zur Herbeiführung des Gefangenen machte das Blut in ihren Adern stocken und ließ sie ihre Selbstbeherrschung so weit vergessen, daß sie ihr Auge flehend zu ihrem Anbeter erhob und die Hand auf ihr Herz drückte, als wollte sie sein ängstliches Pochen beschwichtigen. Zum Glück faßte der verliebte Häuptling es als ein Zeichen gewöhnlicher Angst und weiblicher Scheu vor dem rohen Ausbruch des Zorns seines Bundesgenossen auf, und das Verlangen seiner natürlichen Eitelkeit, vor den Augen seiner Schönen seinen Einfluß und sein Ansehen zu zeigen, machten ihn unbewußt zum Werkzeug ihrer Wünsche.

Die jungen Krieger, die nach dem Zelte gesprungen und in dessen Innerem verschwunden waren, kehrten nach einigen Minuten zurück, indem sie einen sorgfältig in eine Büffelhaut gehüllten Körper trugen. Sie stellten ihn in der Mitte des Kreises, der sich aus der ganzen Bande rasch um den Häuptling gebildet hatte, auf die Füße und entfernten auf einen Wink des Grauen Bären die Büffelhaut.

Die Augen Comeos trafen auf die wohlbekannte Gestalt ihres Bruders, der, obschon seine Glieder mit leichten Banden gefesselt waren und die blutlose Farbe seines Gesichts bewies, daß er noch an den Folgen seiner schweren Verwundungen litt, doch in stolzer Haltung aufrecht in der Mitte seiner Feinde dastand.

Die Blicke des jungen Kriegers waren starr in die Luft gerichtet, als verachte er es, sie auf seine Gegner zu wenden. Der »Jaguar« hatte offenbar keine Ahnung von der Nähe seiner Schwester, und das Mädchen dachte jetzt eifrig darüber nach, wie sie ihm diese bemerklich machen könne, ohne ihn zu einem verräterischen Zeichen der Überraschung zu veranlassen.

Selbst auf seine erbitterten Feinde verfehlte die stolze und edle Haltung des jungen Toyah nicht ganz ihren Eindruck. Makotöh hatte die Aufregung, in die ihn die giftige Anspielung seines Mithäuptlings versetzt, unterdrückt oder verbarg sie unter der Maske eines finstern Ernstes. Er trat einen Schritt auf den Gefangenen zu, und deutete mit dem Finger auf die vielfachen Bandagen und Streifen von Lindenbast, die sich um die Brust und den von den Tatzen des Bären zerfleischten Arm wanden und die heilenden Kräuter und Moose festhielten, die man auf seine Wunden gelegt.

»Die weisen Frauen der Apachen,« sagte der Gileno finster, »haben den Feind ihres Volkes mit ihren besten Kräutern verbunden und den Saft der Pflanzen, die sie im Mondschein gesammelt, in seine Wunden geträufelt. Es sind acht Sonnen, seit der junge Comanche erfahren, daß er im Kampfe gegen den Herrn der Wüste nur ein Knabe ist und den Schmuck der Männer mit Unrecht trug. Seine Wunden müssen geschlossen sein!«

Der Gefangene behielt noch immer seine stolze Gleichgültigkeit. Erst nach einer Pause gab er seinem Feinde und Retter eine Antwort.

»Ein Toyah ist nicht gewohnt, auf Schmerzen zu achten. Die Apachen verstehen sich auf die Künste der Weiber. Wenn der Arm eines Comanchen frei ist, wird er auch seine Kraft wieder haben!«

Makotöh betrachtete ihn wenige Augenblicke, dann winkte er einige der jungen Krieger heran mit den Worten: »Nehmt die Binden von seinen Wunden und die Fesseln von seinen Gliedern.«

Der boshafte Häuptling der Mescaleros wollte dem Befehl widersprechen, aber ein finsterer Blick aus dem Auge seines Genossen ließ ihn schweigen. Überdies wußte er, daß keine Gefahr einer Flucht zu besorgen war, da der Gefangene von seinen Wunden geschwächt sein mußte und selbst bei voller Kraft waffenlos unmöglich hätte den gedrängten Kreis seiner Feinde durchbrechen können. Der geringste Versuch dazu mußte seinen augenblicklichen Tod zur Folge haben.

Unter den Händen der jungen Männer fielen im Augenblick die Riemen von Büffelhaut, welche die Glieder des Comanchen gefesselt hatten, und mit Sorgfalt und Geschicklichkeit wurden die Verbände seiner Wunden entfernt.

Sie waren sämtlich geschlossen und zeigten jene Farbe und Gestalt, welche die Heilung verbürgt. Es ist Thatsache, daß die wilden Bewohner der Prairien die Kenntnis von heilkräftigen Pflanzen besitzen, die namentlich Wunden, die nicht die innern Arterien des Lebens zerschnitten, in einer so kurzen Zeit und so gut heilen, wie keine Wissenschaft der civilisierten Ärzte dies vermag.

Der erste Gebrauch, den der junge Comanche von der Wiedererlangung einer scheinbaren Freiheit machte, war die Prüfung seiner Glieder. Er streckte den Fuß vor, er hob den verletzten Arm, anfangs, wie es schien, nicht ohne Mühe, denn er dehnte und streckte ihn langsam; aber bald schien das neu pulsierende Blut seinen Adern und Sehnen, die so lange in Unthätigkeit zugebracht, neue Elastizität wiederzugeben, und eine leichte Röte stieg in sein Gesicht, das selbst in seiner schlimmen Lage nicht zu unterdrückende Vergnügen, sich wieder im Gebrauch seiner Glieder zu sehen.

Erst jetzt senkte er seine Augen und ließ sie mit einem ernsten sinnenden Ausdruck auf dem wilden Gesicht seines Todfeindes ruhen, der auch ihn aufmerksam betrachtete.

»Der Knabe der Toyahs hat erfahren,« sagte endlich der Gileno mit finsterm Spott, »daß es eine gefährliche Sache ist und über seine Kraft geht, den Grauen Bären der Felsgebirge zu bekämpfen.«

»Es war nicht das erste Mal, daß ich es gethan,« erwiderte der junge Mann kalt. »Wonodongah hätte niemals jene Krallen und Zähne getragen, die ihm Deine Krieger gestohlen, wenn seine Hand sie nicht im Kampfe erworben gehabt. Der Fuß des großen Jaguars der Comanchen hat mehr als einmal auf dem Nacken des Grauen Bären gestanden!«

Die Stirn der Gileno wurde finster bei dieser Anspielung auf seinen Namen und seine Niederlage bei dem Überfall der Hacienda. Er preßte die weißen Zähne fest zusammen, aber er war offenbar entschlossen, in dem Gespräch mit seinem Gegner sich nicht zu einem Ausbruch der Wut hinreißen zu lassen, sondern seinem Haß jetzt kalt und ruhig das Opfer zu weihen, das er zu diesem Zweck dem sicheren Tode entrissen hatte.

»Es ist die Hand Makotöhs, die den jungen Häuptling der Toyahs aus den Klauen des Bären gerettet,« sagte er triumphierend, »dieselbe Hand, die den alten Häuptling, seinen Vater, erschlagen hat. Makotöh ist ein großer Krieger! Die Comanchen sind Weiber und sollten die Prairie Männern überlassen!«

Ein freudiges Gemurmel im Kreise zollte dem Redner Beifall. Das Gesicht des Gefangenen hatte sich wieder mit Blässe bedeckt bei dieser rohen Verletzung seiner Gefühle, und ein funkelnder Blick aus seinem schwarzen Auge schoß wie ein Strahl auf den Feind, der sich des Mordes seiner Familie rühmte. Aber, so jung er auch war, er besaß doch die gleiche Kraft der Selbstbeherrschung, wie sein älterer Feind.

»Das Glück des Kampfes ist nicht immer gleich,« sagte er ruhig. »Der große Geist bedeckt die Augen seiner Kinder oft mit Dunkel; der Häuptling der Gilenos hat das Leben Wonodongahs gerettet, er wird nie wieder seine Hand gegen ihn erheben.«

Die stolze Versicherung hatte etwas eigentümlich Heroisches gegenüber der Thatsache, daß er in diesem Augenblick ein Gefangener war. Sie schien nicht ohne Eindruck auf den Häuptling der Gilenos zu bleiben, der in der That mehr wild und unbändig war und hochmütig auf seine Stärke und seinen Kriegsruhm, als von Natur grausam. Aber der listige und boshafte Anführer der Mescaleros war rasch bei der Hand, den Eindruck zu verwischen.

»Der junge Häuptling der Toyahs,« mischte er sich in das Gespräch, »möge uns sagen, wenn er ein Tapferer ist, was er gethan hätte, wenn der große Geist zugegeben, daß ein berühmter Krieger wie Makotöh unter den Tatzen des Herrn der Wüste gelegen und er in diesem Augenblick dazu gekommen wäre mit seinen Freunden.«

»Ich würde den Bären erschlagen haben,« rief der junge Mann lebhaft und ohne Zaudern. »Ein Tapferer ist nicht bestimmt, unter den Zähnen eines Tieres der Wildnis sein Leben zu enden!«

»Mein Sohn spricht gut,« meinte der Mescalero, »er redet wie ein Tapferer. Aber er möge uns sagen, was er ferner gethan haben würde, wenn er in dem Geretteten seinen Feind, den Besieger seines Stammes gefunden hätte, in dessen Wigwam der Skalp seines Vaters und seiner Mutter bleichen?«

Die hämische, mit teuflischer Schlauheit auf den bekannten Charakter des jungen Mannes berechnete Frage verfehlte ihren Zweck nicht. Der Comanche hob sich stolz, sein Auge funkelte drohend, als er es von dem einen auf den andern wandte.

»Ich würde diesen da,« er wies auf Makotöh, »meinen Kriegern übergeben haben, damit sie ihn den Tod ihres alten Häuptlings hätten büßen lassen. Dich aber, Hund von einem Mescalero, hätte ich mit eigener Hand erschlagen!«

Die »Schwarze Schlange« lachte höhnisch auf und wandte sich zu dem grimmigeren, aber ehrlicheren Genossen.

»Makotöh hört, wie ein Hund der Toyahs bellt. Sollen meine jungen Männer den Marterpfahl bereiten, um zu sehen, ob das Herz dieses Comanchen rot bleibt, wenn das Feuer seine Glieder versengt?«

Ein wildes Geschrei der jüngeren Krieger und der Weiber umher bekundete, wie willkommen ihrem Hasse dieser Vorschlag war. Dieser Augenblick war es, den der Anbeter der jungen Comanchin für geeignet hielt, seinen Einfluß vor ihren Augen zu zeigen.

Bevor noch der Häuptling der Gilenos seinen Entschluß über das Schicksal seines Gefangenen kundgegeben, erhob er die Hand nach der indianischen Sitte, zum Zeichen, daß er sprechen wolle. Er war ein zu wichtiger und geehrter Bundesgenosse, als daß die Aufregung sich nicht sofort hätte beruhigen sollen, obschon Wis-con-Tah mit der Unterbrechung sehr unzufrieden war.

Der »Fliegende Pfeil«, dessen eines Auge die Blattern schon in seiner Kindheit vernichtet hatte, trat mit der Miene eines Mannes, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, vor. Er blickte über den Kreis hin und sein Auge haftete einige Momente lang auf dem Gegenstand seiner Bewunderung und seiner Wünsche, der im Rücken des Gefangenen stand.

»Die Welt ist groß,« sagte er, »der große Geist hat sie dem Volk der Apachen gegeben! Unsere Väter haben nach den Überlieferungen auf beiden Seiten das Wasser gesehen. Sie kämpften mit den Comanchen, und sie erschlugen sie. Da kamen die Blaßgesichter über das Wasser; woher, weiß nur der große Geist. Aber sie brachten den Blitz und den Donner des Himmels mit, und die roten Männer sind seitdem gezwungen, den Büffel allein auf den Prairien zu jagen. Wenn sie Büchsen wollen und Decken oder Schmuck für ihre Weiber, müssen sie das Gold und Silber dafür geben, das der große Geist ihrer Bewachung anvertraut hat.«

Ein Murmeln des Unwillens zollte seiner Rede Beifall.

»Die tapferen Krieger der roten Männer,« fuhr der Sprecher fort, »haben untereinander gesagt: es muß anders werden! Die Häupter der Völkerschaften haben einen Rat gehalten, und das Beil ist zwischen den Apachen und den Comanchen vergraben worden, bevor sie ihre Rosse bestiegen zur Vernichtung ihrer gemeinsamen Feinde, der Bleichgesichter. Wenn sie deren Pferde mit den roten Decken, und ihre Büchsen, die den Adler erreichen, und die bunten Kleider ihrer Weiber genommen, von denen mein Vater Wis-con-Tah gesprochen, und die weißen Gesichter mit dein Tomahawk getötet oder sie in das große Wasser zurückgejagt haben, dann werden die Apachen und die Comanchen fechten um den Preis des Sieges, wie es Männern geziemt. Mechocan, der fliegende Pfeil der Mimbrenos wird der erste sein, der die Lanze schwingt. Er ist noch jung, und die Farbe seines Skalps noch schwarz, aber es ist kein Indianer auf der Prairie, der sagen würde, er spreche aus Furcht. Es ist Friede mit den Comanchen; möge die duftende Blume« – so bezeichnete er das junge Mädchen »ihrem Volke sagen können, daß ein Apache den geschlossenen Bund hält, und daß sie lieber bei den Apachen bleiben will, als bei den Comanchen.«

Der ziemlich ungeschickte Ausgang seiner sonst so geschickten Rede, der nur allzudeutlich die ihn bewegende Ursache zu einer Schonung und Handelsweise ergab, die sonst eben nicht in seinem Charakter lagen, schadete offenbar ihrer Wirkung, denn alles umher blieb still, und der Redner mußte ziemlich verstimmt auf seinen Platz zurückkehren. Eine Wirkung aber hatte sie doch gehabt – dem Ohr des Gefangenen war die Anspielung gleichfalls nicht entgangen, und obschon er nicht wissen konnte, daß von seiner eigenen Schwester die Rede war, warf er doch einen raschen, forschenden Blick auf die Menge, die er bisher gar keiner Beachtung gewürdigt hatte. Da aber Comeo, wie erwähnt, in seinem Rücken stand und es sich mit dem Stolz eines Indianers nicht vertrug, auch nur den Schein der Neugier zu zeigen, konnte er sie nicht entdecken.

Der schlaue Häuptling der Mescaleros benutzte sofort die schwache Seite, die sein Bundesgenosse geboten, um den Mann, dem nach den indianischen Gesetzen des Herkommens allein die Entscheidung über das Schicksal seines Gefangenen zustand, auf dem Wege weiter zu treiben, auf den er ihn geleitet.

»Mechocan ist ein tapferer Krieger,« sagte er, »niemand zweifelt an ihm, am wenigsten seine Freunde. Sie wissen, daß das Volk der Mimbrenos groß ist, und wenn das Auge des jungen Häuptlings Vergnügen findet an einer Squaw, wird sie mit Freuden seinen Wigwam teilen und den Stamm vergessen, dem sie sonst angehörte. Aber mein Bruder hat eines übersehen. Auch die Nation der Comanchen hat viele Stämme. Nicht alle sind mit uns auf dem Kriegspfad gegen die Bleichgesichter. Wer einen Krieger der Apachen erschlägt, während das Beil zwischen den Nationen begraben liegt, ist ein Feind.«

Diesmal zeigte das beifällige und drohende Gemurmel im Kreise volle Zustimmung zu den Worten.

»Mein Sohn von den Mimbrenos,« fuhr die Schwarze Schlange fort, »möge selber diesen Mann befragen.«

So aufgefordert, trat der »Fliegende Pfeil« wieder vor und stellte sich vor den Gefangenen.

»Der Jaguar ist ein Comanche,« sagte er, »aber er hat den Ruf eines tapferen Kriegers. Er soll uns sagen, ob er auf dem Kriegspfad gegen die Bleichgesichter ist?«

»Ja!«

Diese unerwartete Antwort machte großen Eindruck, selbst auf den grimmigen Häuptling der Gilenos und den boshaften Teufel, der zu seiner Hinrichtung hetzte. So gern man auch jede Gelegenheit ergriff, ihn zu schmähen und herabzusetzen, so war doch der Ruf der Tapferkeit und Kühnheit des jungen Kriegers selbst bei seinen Feinden zu verbreitet, als daß man ihm zugetraut hätte, er werde mit einer Lüge sein Leben erkaufen.

»Mein Bruder ist willkommen auf diesem Wege,« sagte der Einäugige. »Sein Arm ist stark und die Klauen des Bären werden ihn nicht lange schwach lassen. Aber wenn mein Bruder mit uns auf dem Kriegspfad gegen die Weißen ist, warum hat er seine Freunde, die Apachen, erschlagen? In dem Wigwam Mokawaunihs weint ein einsames Weib, und fünf Krieger der Apachen, die der Arm des Jaguar und seiner drei Freunde getötet, werden nicht wieder in die Dörfer zurückkehren. Mein Bruder wird uns sagen, warum er mit den weißen Männern gegen die Apachen gefochten. Es ist ein gewaltiger Krieger unter ihnen, ein so schlimmer Feind meines Volkes fast, als der Mann mit dem Kreuz.«

Die Frage war überaus verfänglich. Der Vergleich mit dem »Kreuzträger«, diesem berüchtigten und gefürchteten Gegner der Apachen bewies, daß den Indianern bekannt war, daß sich Eisenarm in der Gesellschaft des jungen Comanchen befunden; und in der That mußten sie ihn auch erkannt haben, da sie ihn auf der Flucht nach dem Moosbaum zur Genüge gesehen und bald darauf zu ihrem Schaden die Sicherheit seines Schusses gespürt hatten. Die Worte bewiesen ihm ferner, daß sie, durch den Doppelschuß bei ihrer Verfolgung getäuscht, noch zwei andere Krieger in seiner Begleitung wähnten, während der Yankee doch kaum als ein solcher zu rechnen, und der zweite glückliche Schuß von der Hand eines Mädchens abgefeuert war. Der Vorwurf einer Unwahrheit war aber zu kränkend, als daß der Comanche ihn hätte ertragen können, und er wandte sich daher gegen den Fragenden.

»Ein Spottvogel hat dem Häuptling der Mimbrenos in das Ohr geflüstert, daß ein Toyah mit einem Wolfe zusammen auf die Jagd ziehen werde. Kann ein Mann nicht seinen eigenen Weg gehen? Ich hasse die Bleichgesichter, aber ich verachte die Apachen. Es sind Coyoten, die auf der Prairie heulen, aber die sich davon schleichen werden, wenn die ›Offene Hand‹ der Bleichgesichter mit ihren Kriegern über sie kommt. Wonodongah ist ein Mann. Er hat den gesehen in der großen Stadt der Bleichgesichter, vor dem der ›Fliegende Pfeil‹ sich verkriechen wird, wie ein Hund, wenn er kommt, und es ist Feindschaft zwischen dem ›Jaguar‹ und jenem großen Krieger, der mächtiger ist, als alle Krieger des Onkel Sam Nordamerikaner. und der Schwarzhaarigen Bezeichnung für die Mexikaner. bis auf das Heft des Messers! Nicht ein Hund von Apachen kann ihn besiegen, sondern nur die Hand eines Mannes!«

So beleidigend auch die Worte waren, so erschien doch die Neuigkeit, die sie mitteilten, zu wichtig, um nicht die Kränkung übersehen zu lassen und die volle Aufmerksamkeit der Häuptlinge und der alten Krieger in Anspruch zu nehmen.

Die ersteren zogen sich sofort zu einer Beratung zurück, während welcher der Gefangene wieder seine frühere Stellung, mit den Augen in den Nachthimmel starrend, annahm.

Die Beratung war nur kurz. Es war für die Häuptlinge von größter Wichtigkeit, etwas Näheres über die Andeutungen zu erfahren, die der Gefangene gemacht hatte; denn bisher waren sie der Überzeugung gewesen, daß sie bei ihrem Einfall in die Sonora und die Provinz Chihuahua nur mit den gewöhnlichen Verteidigungskräften der Mexikaner zu thun haben würden, und diese vermochten ihnen gerade keinen besonderen Respekt einzuflößen. Die Nachricht von einer fremden Kriegerschar unter einem berühmten Führer, den selbst der bekannte Mut des jungen Comanchen achtete, bedrohte sie mit einer noch nicht zu übersehenden Gefahr und mußte auf ihren Kriegsplan großen Einfluß üben.

Unter diesen Umständen war selbst der boshafte und blutdürstige Häuptling der Mescaleros dafür, von einer augenblicklichen Befriedigung seines Hasses abzustehen, und dem Gefangenen mit dem Versprechen seines Lebens nähere Kunde abzugewinnen. Hatte man diese erst erreicht, dann fand sich leicht eine Gelegenheit, das Versprechen nicht zu halten. Die »Schwarze Schlange« übernahm es daher selbst, den Comanchen weiter zu befragen.

Gern hätte Comeo diese Pause benutzt, sich den Augen ihres Bruders zu zeigen, aber die Weiber des Stammes zwangen sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und sie fügte sich jetzt ruhiger in diese Notwendigkeit, da es ihrer scharfen Beobachtung nicht entgehen konnte, daß eine günstige Wendung für den Gefangenen eingetreten sei.

Jetzt näherten sich die vier Häuptlinge wieder dem Comanchen; der »Graue Bär« blieb noch immer finster und stumm und ohne seine Entscheidung kundgegeben zu haben, und Wis-con-Tah eröffnete aufs neue die Unterredung mit scharfer Beurteilung des ritterlichen Charakters seines jungen Gegners.

»Mein Gefangener sollte das Herz eines roten Mannes haben, auch wenn er ein Toyah ist, denn seine Haut ist rot wie die unsere. Aber er redet mit gespaltener Zunge.«

Der Comanche lachte spöttisch. »Dein Gefangener? Wonodongah kann nur der Gefangene eines Mannes sein. Die Hand eines Feiglings wird niemals den Herrn der Wüste erschlagen.«

Das Gesicht des Häuptlings verzog sich zu einer Grimasse tödlichen Hasses bei diesem rücksichtslosen Hohn, aber er verspürte die Befriedigung seiner Rache, obschon er nicht umhin konnte, einen Blick giftigen Ärgers auf seinen ungeschlachten Genossen zu schleudern, auf den das Lob, das für ihn in der Erwiderung lag, nicht ohne Wirkung zu bleiben schien.

»Der Jaguar ist ein Gefangener,« sagte der Mescalero, »er hat das Recht, ungestraft Männer zu schmähen, die Zunge allein ist frei an ihm. Ich habe gesagt, daß die seine für die roten Kinder gespalten ist.«

»Du lügst!«

»Dann möge der Jaguar uns sagen, was er in der Stadt der Bleichgesichter, wo sie thöricht das Gold suchen, gesehen hat.«

»Einen Mann, Apache, auch wenn er mein Feind ist!«

»Die Bleichgesichter nennen sich Männer, während sie Weiber sind. Was kann ein Mann unter ihnen gegen das große Volk der Apachen?«

»Er ist nicht allein, tapfere Krieger sind mit ihm.«

»Und der Jaguar der Comanchen hat mit seinem Freunde Eisenarm mit diesen Männern den Weg hierher gemacht?« fragte der Häuptling schlau.

»Nein, Apache, die Bleichgesichter sind in ihren Kanoes auf dem großen Wasser gefahren. Ein roter Krieger vertraut der Kraft seiner Schenkel.«

»Der junge Häuptling möge mir verzeihen, seine roten Freude haben sich geirrt. Aber woher weiß der Jaguar, daß diese Krieger hier sein werden, um statt der Schwarzhaarigen gegen die roten Männer zu kämpfen?«

Die Frage, anscheinend so unverfänglich, sollte in ihrer Beantwortung von den schwersten Folgen werden. Der junge Häuptling, der eigentlich nur die Verdächtigung zurückweisen wollte, ein Genosse der Weißen zu sein bei dem allgemeinen Kampf der indianischen Völkerschaften gegen diese, ging in die Falle.

»Der Mexikaner, der die Hacienda del Cerro besitzt,« sagte er stolz, »in deren Mauern Wonodongah seinen Fuß auf den Nacken des tapfersten Kriegers der Apachen gesetzt, hat sie geholt. Diese Augen haben sie gesehen!«

Die prahlenden Worte waren kaum aus seinem Munde, als der krächzende Ruf einer der kleinen Eulen, die in den Felsspalten der Sierren ihre Nester zu bauen pflegen, sich aus geringer Entfernung hören ließ. Der Vogel war allzugewöhnlich, der Ton, der von der Seite der Felsen herkam, in deren Winkel das Zelt des Gefangenen stand, zu bekannt, als daß irgend ein Mitglied der Bande darauf geachtet hätte. Nur der Comanche machte eine leichte Bewegung der Überraschung, die er durch die Kreuzung seiner Arme jedoch geschickt wieder verbarg. Er neigte leicht den Kopf, wie ein Mensch, der scharf aufhorcht, und das Blut stieg ihm in die Stirn. Er begriff, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen, aber die Warnung war zu spät gekommen.

Hätte er dies auch nicht selbst gefühlt, so würde doch das Benehmen der Schwarzen Schlange ihn sofort davon überzeugt haben. Der Triumph, durch seine Schlauheit eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben, – denn diese war für die Indianer unzweifelhaft die Nachricht, daß die Hacienda Don Estevans von einer Schar fremder Krieger verteidigt sei, oder verteidigt werden würde, – zeigte sich in seinem frohlockenden Grinsen und dem Hohn, mit dem er jetzt die Unterredung zu Ende brachte.

»Die Apachen wissen, daß der Knabe der Toyahs ein Knecht des Mannes mit den hundert Häusern« – so nannten die Indianer den reichen Haciendero – »gewesen ist,« sagte er mit einem Spott, der seinen Gegner reizen mußte. »Wenn er den Weg von der großen Stadt gegen Mitternacht durch die Wüste hierher gemacht hat, kann er allerdings nicht wissen, daß seine eigene Nation ausgezogen ist, um die Rosse ihrer Herren, der Apachen, zu tränken, während diese für sie kämpfen. Er möge um sein Leben bitten, und die Häuptlinge werden Nachsicht mit seiner Jugend haben und ihn ihre Decken tragen lassen.«

»Hund von einem Mescalero,« rief der junge Wilde, all seine Ruhe vergessend – »wahre Deine Zunge, so lange mein Arm frei ist! Ein Toyah wird niemals der Knecht eines Apachen werden, noch an seiner Seite fechten! Er verachtet ihn!«

Ein gebieterischer Wink Makotöhs allein vermochte die erbitterten Krieger, die sich bei dieser neuen Beleidigung auf den Gefangenen stürzen wollten, zurückzuhalten. Der wilde Häuptling hatte eine gewisse rauhe Teilnahme für seinen jungen Feind nicht ganz in sich unterdrücken können, aber der Nationalhaß und die wiederholte Anspielung auf seine frühere Niederlage überwog schließlich jedes bessere Gefühl. Dennoch widerstand es ihm, einen Tapferen, den seine Hand vom Tode gerettet, zu beleidigen und zu verhöhnen.

»Der junge Häuptling der Toyahs hat gesprochen,« sagte er ernst. »Er ist ein Tapferer und wird den Tod nicht scheuen. Er hat sich selbst des Vorteils begeben, daß die Friedenspfeife zwischen der Nation der Comanchen und der Apachen geraucht ist. Wonodongah wird sterben und mit seinem Leben die Skalpe vieler meiner Kinder zahlen.«

Der junge Mann begegnete fest seinem Blick. »Geh,« sagte er stolz, »und lasse Deine jungen Männer den Marterpfahl bereiten. Sie sollen sehen, was ein Indianer ist. Ich bin bereit!«

Der »Graue Bär« schüttelte das Haupt. »Nein,« sprach er, »die Hand, die mich getroffen, muß an derselben Stelle büßen. Makotöh ist ein großer Häuptling, und keiner darf atmen, der sich eines Vorteils über ihn rühmen kann. Wenn die Sonne zum zweiten Male aufgegangen ist, wird das steinerne Haus des Schwarzhaarigen in der Gewalt der Apachen sein, und der Toyah wird auf seinen rauchenden Trümmern sterben! Makotöh wird die Feuerblume in seinen Wigwam führen, und der Skalp eines tapfern Comanchen wird an dem Rauch seines Herdes trocknen. Bis dahin bist Du frei in diesem Lager. Führt das Comanchenmädchen hierher, und macht Euch fertig zum Aufbruch.«

Dem ersteren Befehl wurde sofort Folge geleistet. Eine der alten Frauen führte Comeo herbei, die sich zitternd und die Augen zu Boden geschlagen näherte, denn sie hegte große Besorgnis, daß ein Zufall ihre heldenmütige Aufopferung nutzlos machen und ihr Verhältnis zu dem Gefangenen entdecken könnte, ehe sie imstande wäre, ihm einen Wink zu geben.

Es war jetzt das erste Mal, daß Wonodongah seine Schwester in dieser Umgebung erblickte; aber obschon er nicht wissen konnte, ob sie wie er als Gefangener, oder durch welchen andern Umstand sie hierher gelangt sei, verstand er diesmal doch vollkommen, sich zu beherrschen, und der Blick, den er auf sie fallen ließ, war der eines Fremden.

»Comanchin,« sagte der Häuptling der Gilenos, »es ist Dir erlaubt, mit dem Mann Deines Volkes zu reden, damit Du bei der Rückkehr zu Deinem Stamme sagen kannst, daß ihm kein Unrecht geschehen ist. Seine eigene Hand war es, die das Beil ausgegraben. – Mögen meine jungen Leute ihrem Häuptling sein Roß bringen!«

Er zog, ohne den Gefangenen weiter seiner Beachtung zu würdigen, das Bärenfell, das von seiner Schulter hing, um die kräftige Gestalt und ging der Stelle zu, wo bereits der Springende Wolf und der Fliegende Pfeil zu Roß saßen. Der Häuptling der Mescaleros folgte ihm, nachdem er einigen der jungen Krieger etwas zugeflüstert, und es fand nun eine kurze Beratung zwischen den Führern der vier Stämme statt, die sich offenbar auf die aus der Unterredung mit dem Comanchen ihnen kundgewordenen Nachrichten bezog.

Es galt vor allen Dingen zu erfahren, ob die gefürchteten Weißen, von deren Anführer der Jaguar in den kurzen Worten doch eine so beredte Schilderung gemacht, bereits in der Hacienda angelangt wären, deren Angriff das nächste Unternehmen der Indianer sein sollte. Es waren im Laufe des Tages verschiedene Späher in die Nähe der Hacienda ausgesandt worden, aber sie hatten alle nur die Nachricht gebracht, daß die Thore des Gehöftes vorsichtig geschlossen und verrammelt wären, und daß weder Vieh noch Menschen sich in der Umgebung des kleinen Forts gezeigt hätten. Jetzt wollte Makotöh selbst versuchen, sich Überzeugung zu verschaffen, um danach seine Anstalten zu treffen. Die beiden Häuptlinge der befreundeten Stämme wollten ihn begleiten, während Wis-con-Tah im Lager zurückblieb.

Aber die Frage, ob die Schar des Grafen Boulbon bereits in der Hacienda angelangt war, die dann sicher auf das Kräftigste und wahrscheinlich mit bestem Erfolg verteidigt werden konnte, beschäftigte nicht allein die Apachen, sondern der Toyah nahm fast noch mehr Anteil daran. Comeo benutzte die Abwesenheit der scharfen Augen der »Schwarzen Schlange« und den Auftrag, den ihr der Häuptling gegeben, um dem Gefangenen näher zu treten.

»Mein junger Bruder ist ein Comanche?« fragte sie laut, da einige der Weiber und Kinder neugierig in der Nähe standen, während die jüngeren Krieger sich entfernt hatten, um rings um das Lager neue Wachen auszustellen.

»Du hast es gehört, Weib!«

»Mein Bruder ist ein Gefangener,« fuhr das Mädchen fort. »Die Apachen sind eine große Nation, und Makotöh ist ein großer Krieger.«

»Warum bist Du hier?« fragte der Toyah, ohne auf die für das Ohr der Lauscher bestimmten Lobsprüche zu antworten. »Was thut ein Comanchenmädchen bei den Wölfen der Prairie?«

»Ich bin von meinem Stamme abgekommen und den Jägern begegnet,« erwiderte das Mädchen; »die Hand einer großen Nation ist stets offen, und sie gewähren Gastfreundschaft den Schwachen. Eisenarm schickte mich, nach Dir zu sehen,« setzte sie flüsternd hinzu. »Er muß in der Nähe sein.«

»Ich habe sein Zeichen gehört,« erwiderte der Gefangene ebenso. »Wenn die Zeit eines Kriegers gekommen ist,« fuhr er laut fort, »werde ich mit Dir reden. Du magst in den Dörfern unseres Volkes verkünden, wie ein Tapferer zu sterben weiß.« Der Hufschlag der davongaloppierenden Reiter zog eben die Aufmerksamkeit der ganzen Umgebung ab. »Sind die Männer von San Francisco in die Hacienda gelangt?« fragte er leise und hastig.

»Ich weiß es nicht; wir haben drei Tage in den Gebirgen zugebracht, bis ich in Deine Nähe gelangen konnte. O Bruder, warum bist Du uns nicht gefolgt durch jene Höhle!«

Der Gefangene bemerkte, daß sich die Aufmerksamkeit der Nächststehenden wieder auf sie wandte und Wis-con-Tah herbeikam.

»Geh!« sagte Wonodongah laut und streng zu dem Mädchen. »Es ist das Recht der Weiber, zu klagen. Ein Krieger wird sich seines Stammes würdig zeigen. Wenn die Stunde gekommen, werde ich Dich rufen lassen.«

Er wandte sich von ihr und schritt über den Platz, so ruhig und gleichgültig, als gehöre er zu den gegenwärtigen Besitzern desselben und sei nicht ihr Gefangener. Wonodongah nahm seinen Weg nach dem Zelt, in dem er während der Heilung seiner Wunden gefesselt gelegen und ließ sich auf einem der kleineren Felsstücke nieder, die wahrscheinlich bei einem Erdbeben oder einem anderen Naturereignis von den hohen und schroffen Wänden herabgestürzt sein mochten.

So teilnahmlos und ohne Bewegung hier auch seine Stellung blieb, so entging doch nichts von allem, was um ihn her geschah, der scharfen Beobachtung des jungen Kriegers. Obschon nach den oft sehr feinen indianischen Begriffen von Ehre es eine Beleidigung gegen das Verfahren des Grauen Bären gewesen wäre, wenn man die Freiheit des Gefangenen innerhalb der Grenzen des Lagers noch hätte beschränken wollen, so bemerkte der Toyah doch sehr wohl, daß er von ebenso scharfen als argwöhnischen Augen keinen Moment außer acht gelassen werde, und daß sich mehrere der zurückgebliebenen Krieger in den dunklen Umkreis, wohin der Schein der Feuer nicht mehr reichte, verloren hatten, um die hier aufgestellten Wachen zu vermehren.

Wonodongah sah namentlich die letztere Maßregel nicht ohne große geheime Besorgnis, denn es war leicht möglich, daß es den Apachen einfiel, den Kreis ihrer Schildwachen weiter hinaus zu dehnen, und er wußte, daß gerade über ihm, auf den Felsen, zwischen denen sein Zelt stand, ein treuer Freund sich befinden mußte. Das scharfe Ohr des Gefangenen hatte leicht herausgefunden, daß das Geschrei der kleinen Haubeneule, welches ihn, zur Vorsicht in seinen Mitteilungen mahnen sollte, von der Spitze dieser Felsen hervorgekommen war. In den Spalten des Gesteins pflegen diese kleinen Nachtvögel zu horsten, und das Geschrei eines solchen hatte daher trotz ihres steten Mißtrauens keine Beachtung seitens der Indianer gefunden, während doch eine kleine Modulation des Tones sofort dem Toyah zeigte, daß es sich hier um eine geschickte Nachahmung und um das Zeichen handelte, mit welchem ihm auf ihren Kriegs- und Jagdzügen der Kanadier Bras de fer schon mehr als einmal seine Nähe verkündet hatte.

So vergingen mehrere Stunden. Comeo hatte währenddessen den Versuch gemacht, sich ihrem Bruder wieder zu nähern, aber der Jaguar selbst hatte es jedesmal vereitelt. Auch der Versuch des tückischen Häuptlings der Mescaleros war an dieser stoischen und resignierten Haltung des jungen Indianers gescheitert.

Es war um die zweite Stunde nach Mitternacht, als plötzlich ein noch entfernter, wilder und jauchzender Ruf die Stille der allgemeinen Ruhe unterbrach, in die das indianische Lager verfallen war.

Die Schildwachen richteten sich empor, die Schläfer erhoben ihr Haupt und griffen nach den Waffen. Selbst der Gefangene erhob sein Haupt aus der Stellung, in der er bisher unbeweglich gesessen.

Näher und näher kam der gellende, jubelnde Ruf und ward endlich zu dem, jedem Mexikaner so schrecklichen Triumphgeschrei der Apachen.

Man hörte den Hufschlag der galoppierenden Pferde auf dem harten Boden. Die Schwarze Schlange, die anfangs besorgt um die Bedeutung dieser ungestümen Annahme die notwendigsten Wachen um sich versammelt hatte, war durch die Töne von einem günstigen Erfolge überzeugt worden, achtete weniger auf die bisher beobachtete Wachsamkeit und eilte den Nahenden entgegen.

In diesem Augenblick wäre es vielleicht dem jungen Comanchen leicht geworden, seinen Platz unbemerkt zu verlassen und einen Fluchtversuch zu machen. Aber teils die Schwäche, teils der Mangel jeder Waffe, teils ein unbewußtes Gefühl der Neugier auf den Erfolg des Streifzugs seiner Feinde hielten ihn zurück. Seine Ausdauer sollte auch sofort belohnt werden. Wie, als sei es durch die Erschütterung des Bodens und der Luft von der heranjagenden jetzt gleich einer Rotte von Teufeln gellenden Schar veranlaßt, rollten einige kleine Zweige und Steine von der Höhe des Felsens herab, und in dem nämlichen Moment, als die vordersten Reiter in den Leuchtschein der Feuer sprengten und von dem Jubelruf des ganzen Lagers begrüßt wurden, bemerkte die unverminderte Aufmerksamkeit des jungen Häuptlings einen Gegenstand ohne Geräusch neben sich aus der Höhe niederfallen.

Wonodongah streckte den Fuß aus und schob das dick in Moos gehüllte Päckchen, das äußerlich einem der umherliegenden Gesteinsplitter glich, in seine Nähe. Dann, den Moment der höchsten Aufregung des ganzen Lagers benutzend, hob er es nach einem raschen Umblick auf, befreite den Inhalt zwischen seinen. Händen von dem umhüllenden Moos, das er vorsichtig zerstreute, und verbarg ihn in seinem Gürtel. Der treue Freund seiner Jugend also war noch in seiner Nähe, er hatte stundenlang auf der Lauer gelegen, um den günstigen Augenblick zu erhaschen, denn das Gefühl der Finger hatte dem »Jaguar« gezeigt, daß die Gabe aus seinem Messer und einer darum gewickelten aus so feinem als zähen Bast geflochtenen Schnur bestand.

Jetzt erst, nachdem er seinen Schatz in Sicherheit gebracht, erhob er seine Augen, um die Ursache des teuflischen Jubels der Reiter und der Zurückgebliebenen zu erkunden, aber der Anblick, der sich im bot, drohte ihm aus gewissen Ursachen alle seine Fassung zu rauben. Der junge Comanche erhob sich rasch, sein Auge schleuderte einen drohenden Strahl des Schreckens und Grimms und die Hand zuckte unwillkürlich nach der eben erhaltenen Waffe in ihrem Versteck, als treibe ihn eine unwiderstehliche Macht, sich gleich dem Tier, dessen Namen er trug, auf seine Feinde zu stürzen.



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