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Das Blut von Grochow.

In einem Gäßchen der Altstadt, der sonst bereits mit so zahlreichen Prachtbauten und imposanten Straßen ausgestatteten Hauptstadt des Königreichs Polen befanden sich in der nach einem kleinen Gärtchen ausschauenden Hinterstube eines schmalen, schmutzigen Hauses am 23. Februar mehrere Personen versammelt, von denen einige dem Leser bereits bekannt sind. An die Stube stieß auf der einen Seite eine ziemlich große Küche, in der man trotz der späten Stunde eine Frau, noch ziemlich jung und rüstig von etwa ein- oder zweiunddreißig Jahren, mit dem Waschen feiner Wäsche beschäftigt sah, wenn ab und zu die Tür ausging. Die Tür aus der anderen Seite führte in einen Alkofen ohne Fenster, mit einem reinlichen Bett.

Um den mit einigen Lebensmitteln besetzten Tisch in der äußerst einfach ja spärlich möblierten Stube saßen fünf Männer: der Student Proß Asnik, derselbe, den die Polizei bei der Überraschung der Verschworenen in seiner Wohnung verhaftet hatte, dem es aber später gelungen war, aus der Zitadelle zu entspringen; – Wladimir Lempke, der Okuliarnik, – der Waldwärter Stenko und ein sehr, sehr alter Mann, der hinter dem Tisch im Winkel der Bank und des Zimmers saß und gewöhnlich die Augen geschlossen hielt, sie nur von Zeit zu Zeit öffnend, wenn etwa ein Wort oder ein Thema der Unterhaltung ihn anregte, und dann den unruhigen noch immer scharfen Blick unter den dicken weißen Brauen wie drohend auf die andern richtete.

Der Fünfte war ein Mann von mittleren Jahren, klugem ruhigen Gesicht mit einer gewissen kalten Berechnung und Zurückhaltung in Worten und Gebärden und in eleganter Kleidung. Er hatte die rechte Hand auf den Tisch gelegt und spielte mit einem Papier, das er zusammengebogen zwischen den Fingern hielt.

»Sie haben gesehen,« sagte er, »daß auch die warschauer Bürgerschaft nicht zurückbleiben will. Aber sie hält es ebensowenig, wie der hier versammelte Adel für zweckmäßig, sich gleich an den ersten Demonstrationen zu beteiligen. Es ist unzweifelhaft, daß das Militär das Volk mißhandeln wird, und dann glauben wir allerdings die Zeit gekommen, an die Bewegung heranzutreten und die weitgehendsten Konzessionen von dem Statthalter zu verlangen. Wir werden davon einen weit größeren Erfolg haben, wenn das Volk dann hinter uns steht, als daß wir von vornherein in der ersten Reihe der Demonstration sind.«

»Das heißt mit andern Worten, Sie wollen den Nutzen von der Aufopferung anderer ziehen!« sagte ungestüm der Okuliarnik.

»Nein – wir wollen nur den Erfolg steigern! Sie haben mir selbst zugestanden, daß Sie sich als Bevollmächtigter der schwarzen Brüderschaft, bereits damit einverstanden erklärt haben, die bewaffnete Erhebung, also den Krieg um zwei Jahre zu verschieben, also sich dem Plan des Pariser Zentral-Komitees anzuschließen, der dahin geht, zuvor die zivile Verwaltung in unsere Hände zu bringen und so die künftige Nationalregierung zu organisieren, der es dann an der gehörigen Gewalt nicht fehlen wird. Der zähe passive Widerstand ist es, der unsern Feinden die Waffen aus der Hand winden wird.«

Der Okuliarnik lächelte grimmig. »Eine schöne Feier des glorreichen Tages von Grochow, daß einige Dutzend Leute eine Prozession bilden und sich dafür ins Gefängnis stecken lassen sollen, statt daß ganz Warschau, ja ganz Polen an diesem Tage seinen Haß den Unterdrückern ins Gesicht schleudert! Hätten wir diese klägliche Halbheit geahnt, wir hätten uns die Mühe gespart, das Volk auf diesen Tag vorzubereiten.«

» Grochow!« sagte eine tiefe Stimme – »wer spricht vom Tage von Grochow? – habt Ihr mit gefochten? habt Ihr mit geblutet? – wer war es, der den Verrat geübt? – wo ist die Memme Radziwill? wo ist der Schurke Skrynezki? – Wo hat sich der Wicht Chlapowski verborgen? – wo ist Gielgud, der Verräter?«

Es war der Alte, der in wilder Extase die Worte gesprochen.

Der Okuliarnik schüttelte die Hand gegen den Fremden. »Er redet die Wahrheit von den Aristokraten; von denen, die mit dem Blute des Volkes allein ihre eigenen Zwecke verfolgten, kam allein der Verrat und die Niederlage Polens.«

»Wer ist der Mann?«

»Kennen Sie ihn nicht? Jedes Kind in Warschau kann Ihnen seinen Namen nennen! Er ist der einzige noch lebende Mensch in dieser Stadt, der, fast ein Knabe noch, unter dem großen Kosziusko gefochten hat. Er stritt bei Grochow und Ostrolenka und stand dabei, als der Patriot Krokowski den General Gielgud niederschoß, der sein Korps verräterrisch über die preußische Grenze zur Entwaffnung führte. Am 6. September focht er unter Bem beim Sturm auf Warschau. Erinnern Sie sich, wer es wiederum damals war, dessen Verrat dem begeisterten Volk, das Warschau bis zum letzten Mann verteidigen wollte, die Waffe aus der Hand stahl! Einer der Ihren war es, Krukowiecki, der Polen an Rußland verkauft hatte, der Romarino mit den besten Truppen fortgeschickt, der den tapfern Dembinski vom Kommando der Truppen entfernte, dem Patrioten Ostrowski den Befehl über die Nationalgarde nahm und die mit ihrem Blut die Linie von Wola verteidigenden Bürger und Soldaten ohne Unterstützung ließ. Zu seinem Glück sah dieser Mann, der Soldat Kosziuskos, den Fall des Vaterlandes nicht, den Verkauf Warschaus an jenen Schergen des Zaren, der von da an seinen schändlichen Titel führte! Ein russischer Säbel zog beim ersten Sturm jene tiefe Narbe, die Sie noch sehen, über seine Stirn und umnachtete seinen Geist für immer, und nur, wenn zufällig die alten Erinnerungen geweckt werden, lodert das versinkende Leben wieder mächtig in ihm auf.«

Der Fremde betrachtete mit Interesse den Greis, der in einen alten Soldatenmantel gehüllt, wie die Mahnung an die vergangenen blutigen Opfer unter ihnen saß und bereits wieder in die frühere Apathie versank.

Auf einen Ruf Stenkos war die Wäscherin in das Zimmer gekommen, hatte dem alten geistesschwachen Soldaten das Lederkissen in seinem Rücken zurechtgerückt und ihm ein Glas heißen Tee mit Rum gebracht, das er, als seine Hand es fühlte, zum Munde führte und in langen Zügen austrank.

»Sie haben Ihr Beispiel schlecht gewählt, Herr,« sagte der Edelmann, als die Frau sich wieder entfernt hatte. »Sie wissen so gut wie ich, obschon wir beide damals noch Knaben waren, also an der großen Erhebung des Vaterlandes keinen Teil hatten, daß gerade von der Volkspartei, von der »patriotischen Gesellschaft« der rechtmäßige Präsident der Nationalregierung, Fürst Czartoryski gestürzt, und Krukowiecki als Mitglied der Gesellschaft an seine Stelle gesetzt wurde.«

»Und war er etwas anderes, als ein Aristokrat, der sich in das Vertrauen des Volkes geschlichen hatte? – Was sonst ist schuld gewesen an dem traurigen Ausgang der Revolution von Dreißig, als der Egoismus, der Hader und Neid der Vornehmen und Hohen, die sich nicht fügen wollten unter die Stimme des Volks, und einander lieber verließen, als gemeinsam die Schlachten des Vaterlandes schlugen? Kommt noch jetzt etwas anderes aus dem Palais des Fürsten Czartoryski im sichern Paris, als Zögerung und Halbheit?«

»Schmähen Sie den Greis Fürst Adam Czartoryski, geb. 1770, der Jugendfreund Kaiser Alexanders von Rußland, der ihn bei seiner Thronbesteigung zum Minister des Auswärtigen ernannte. Auch während der napoleonischen Kriege blieb der Fürst ein treuer Freund des Kaisers. Erst nach Alexanders Tode zog er sich gänzlich zurück und schloß sich der polnischen Revolution an. Er wurde von der Amnestie 1881 ausgeschlossen, und stand seitdem an der Spitze der Emigration in Paris. Er starb am 15. Juli desselben Jahres (1861). nicht,« sagte energisch der Fremde – »ihn, der an den Stufen des Thrones, der Vertraute und Freund Kaisers Alexanders, nie aufgehört hat, ein echter Pole zu sein, der lieber Rang und Macht von sich wies, als sein Vaterland verleugnete, der diesem sein Vermögen opferte, und – von Ihrer wüsten Volkspartei gestürzt, – als einfacher Soldat in das Korps Romarino trat, um für die Unabhängigkeit Polens zu fechten, ehe er für sie in die ewige Verbannung ging. Was haben Sie, was haben wir alle getan, um diesem Manne einen Vorwurf machen zu dürfen?«

Der Okuliarnik zuckte die Achseln. »Er wollte die Königskrone Polens auf sein Haupt setzen – wir aber wollen ein freies Polen, nicht eine andere Knechtschaft unter bloßem Wechsel des Namens. Die aristokratische Partei möge sich das gesagt sein lassen. Warum hat man uns nicht Miroslawski geschickt, statt dieses Langiewicz, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich wieder davon zu machen?«

»Kapitän Langiewicz ist ein Soldat – Ihr Miroslawski ein Intrigant, der der Sache Polens schon mehr als zu viel Unheil zugefügt hat. Kapitän Langiewicz weiß sehr wohl, daß Polen in diesem Augenblick nicht zu einer bewaffneten Erhebung bereit ist – deshalb rät auch er, zu warten.«

»Und warum nicht? – Rußland ist in diesem Augenblick noch geschwächt – General Liprandi hat nicht zehntausend Mann in Warschau – kaum dreißigtausend in ganz Polen. Die andern Korps stehen in dem weiten Reich zerstreut, in den Ostseeprovinzen, im Süden und Osten. Wollen wir warten, bis eine größere Macht nach Polen gezogen ist? – Hier unser Freund Asnik kommt direkt von London; das polnische Komitee dort, das tätiger ist, als jenes aristokratische Zentralkomitee in Paris, rät dringend zum Losschlagen. England wartet nur auf die Erhebung, um sich sofort energisch für Polen zu erklären, ebenso der Kaiser Napoleon, und Österreich-Ungarn wird uns zur Seite stehen, es hat seine Freiheit und Selbständigkeit errungen. Weswegen hat man denn diese Versammlung von Aristokraten gerade zu dieser Zeit hierher berufen, wozu füllen alle diese Edelleute mit ihrem Gefolge in diesem Augenblick die Straßen Warschaus, wenn sie nicht einmal den Mut haben wollen, gemeinsam mit dem Volke in mächtigem Aufschrei die Freiheit zu fordern, und den Kampf dafür mit den überraschten Söldnern der Tyrannei zu beginnen?«

»Weil dieser Kampf ein fruchtloser sein würde, weil die russische Regierung keineswegs unvorbereitet für die Feier von Grochow ist.«

»Das weiß ich besser – die Regierung fürchtet sich, die Feier des Tages zu verbieten. Man wird uns nichts in den Weg legen!«

»Nein – aber zugleich wird die Garnison auf dem Schlachtfelde ihrerseits durch Parade und Manöver den Jahrestag begehen.«

»Ha – eine solche Verhöhnung des Volkes wird man nicht wagen! – Sie täuschen sich!«

»Ich täusche mich nicht, – denn hier,« er faltete das Papier auf, das er so lange zwischen den Fingern gedreht – »ist die Abschrift des Befehls, der diesen Nachmittag durch den Telegraphen von Petersburg an den Fürsten gekommen ist.«

Er reichte dem Vertreter der demokratischen Klubs das Papier. Der Inhalt lautete:

 

»Bei einer Feier der gefallenen Polen hat das russische Militair das Andenken an die Schlacht von Grochow ebenfalls feierlich zu begehen. Wenn Gottesdienst der Polen in den Kirchen, zugleich Gottesdienst der Truppen vor den Kirchen und Gebet für die gebliebenen Brüder; sodann auf dem Grochower Schlachtfelde Manöver, feldmäßige Rüstung wie zur Schlacht.

Auf Allerhöchsten Befehl
Der Kriegsminister,
General der Art., General-Adjutant
Souchozanett

 

Der Okuliarnik biß die Zähne zusammen. »Verdammt sei der Wisch!«

»Sie werden nun einsehen, daß von einer Feier, wie Sie dieselbe beabsichtigen, nicht die Rede sein kann. Den gerüsteten Truppen gegenüber kann an die Herbeiführung eines bewaffneten Zusammenstoßes kein Gedanke sein, er würde kläglich ausfallen und die ganze Agitation kompromittieren. Anders steht die Sache, wenn eine nationale friedliche Feier durch die brutale Gewalt der Polizei oder des Militärs gehindert wird. Das ist die Herausforderung, die Beleidigung des polnischen Volkes. Der passive Widerstand ist ein Märtyrertum. Wir müssen zu Gewaltschritten reizen, aber wir müssen das Recht, uns zu beklagen, vor ganz Europa haben. Entscheiden Sie sich also, ob Sie unsern Vorschlag annehmen, oder auf Ihren: Plan beharren?«

Der Okuliarnik wechselte mit dem ehemaligen Studenten einige Worte, dann sagte er: »Unter den Umständen bleibt uns nichts anderes übrig. Wie denken Sie sich die Einleitung?«

»Alle Welt ist bereits avertiert, daß übermorgen eine Feier für die gefallenen Söhne des Vaterlandes stattfinden soll. Bis jetzt aber ist weder Zeit noch Ort bekannt gemacht. Plakate und Ansprachen müssen daher am Montag Morgen die Bevölkerung zur Versammlung an bestimmten Punkten einladen. Ich schlage den Markt der Altstadt und die Abendstunde nach der Vesper vor.«

»Meinetwegen – es mag sein!«

»Wenn die Straßen gefüllt sind, bildet sich aus einer der Kirchen, wir wollen sagen aus der Paulinerkirche, eine Prozession mit nationalen Fahnen und Zeichen. Das Volk mag sich der Prozession anschließen, die durch die Johannesstraße zieht und ihren Weg nach Praga zur Statthalterei nimmt. Es muß seltsam hergehen, wenn bis dahin die Polizei sich nicht eingemischt hätte!«

»Und wenn dies geschieht?«

»Dann möge die Menge unbewaffneten Widerstand leisten. Wir müssen das Eingreifen des Militärs erzwingen; wir müssen Opfer haben. Erinnern Sie sich, welche Wirkung es 1848 in Berlin gemacht hat, als man die Leichen der Erschossenen unter die Fenster des Königs trug. Der König bewilligte alles – ich glaube, daß man mit dem Fürsten Gortschakoff noch bequemer fertig werden wird.«

»Und ist Graf Zamoiski mit diesem Plan einverstanden? Seine Rede zur Eröffnung des landwirtschaftlichen Vereins war jämmerlich zahm!«

Der Vertreter der Adelspartei überging die direkte Antwort auf die Frage. »Zweifeln Sie nicht, daß der Graf sich sofort an die Spitze einer Deputation an den Statthalter stellen wird, sobald nur Ursache da ist. – Auch die Geistlichkeit wird sich an den weiteren Demonstrationen beteiligen, sobald der Plan des Märtyrertums festgehalten wird.«

»Pfaffen und Aristokraten!« murmelte der starre Republikaner. Wollen Sie nicht die Juden dazu?«

»Auch deren Zutritt ist vorgesehen. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß der große Grundbesitz sie schonen muß, weil er ihnen leider zu tief verschuldet ist. Ihr Interesse muß daher mit der Sache der Agitation eng verflochten werden.«

Der Okuliarnik hatte sich erhoben. »Hören Sie mich an, Herr,« sagte er barsch, »und bitte, überbringen Sie jedes meiner Worte Ihren Freunden, die sich so sehr hinterm Berg halten. Wir sind in diesem Augenblick gezwungen, auf Ihre Vorschläge einzugehen und uns Ihren Wegen unterzuordnen. Aber ich behalte uns hiermit auf das Wort eines entschlossenen Mannes vor, in jedem Augenblick unsere Unterordnung aufzuheben und die Kugel, das Messer und den Strick zu dem großen Ziel zu benutzen, das alle Ihre Deputationen und Petitionen nicht erreichen werden. Die Befreiung Polens ist nur durch Ströme von Blut zu erkaufen, und nur der wird ein freier Mann, der den eigenen blutigen Tod nicht scheut!«

Seine Augen fielen auf den greisen Krieger, der ihn mit geisterhaftem Blick anstarrte und langsam die Hand gegen ihn erhob. »Tor,« sagte er mit hohler Stimme, »was rufst du Tod und Blut? Der Tod steht hinter dir, aber es ist kein Blut an seinem Leibe! Du wirst nicht bluten für das Vaterland, du wirst nicht fallen im Kampf – deine eigene Hand gibt dir den Tod!«

Der wilde Revolutionär war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und Blässe überzog sein Gesicht. Dann sagte er gefaßt: »Sei es – so würde ich wenigstens den russischen Henkern nicht das Schauspiel des Triumphes geben. – Aber sterben muß jeder von uns, früher oder später, und es ist gleich, wie es geschieht, – wenn wir nur vorher als Männer gelebt und gehandelt haben. Lassen wir uns nicht anfechten durch die törichten Phantasien eines kindischen Greises. Wir haben Wichtigeres zu besprechen. Ich übernehme die Berufung des Volkes auf den Altmarkt.«

»Und ich die Einleitung des Zuges – der Prozession, wie Sie es nennen,« sagte Asnik, »bei der die Fahne mit dem weißen Adler wehen soll!«

»Und wer soll die Prozession leiten und die Fahne tragen? – Er ist am meisten exponiert!« fragte der Edelmann.

»Ich!« sagte Stenko.

Der Okuliarnik schüttelte den Kopf. »Nein,« sprach er, »das geht nicht. – Deine Verhaftung, Alter, würde uns nutzlos kompromittieren und die Polizei hierher weisen. Überdies bist du hier zu wenig bekannt, und es muß ein Individuum sein, das eine Korporation leicht erregbarer Gemüter hinter sich hat, ein Student oder ein Mitglied des landwirtschaftlichen Instituts. Dich, Mann, habe ich für Besseres und für spätere Zeit bestimmt.«

»Ich sehe das Zeichen des Henkers auf seiner Stirn,« murmelte wiederum der alte Krieger. »Warum laßt Ihr mich nicht in Ruhe sterben? Ich habe genug des Blutes gesehen! Keiner von euch allen stirbt in seinem Bett, wie es doch der Brauch der Menschen ist! Selbst jenes Weib, das mich pflegt, wird des gewaltsamen Todes sterben, und Was wird dann aus dem alten Lagienki, dem Soldaten des großen Kosziusko?« Und der Greis fing an kindisch zu weinen.

»Laß deine Tochter den alten Narren zu Bett bringen, Stenko,« befahl barsch der Okuliarnik, »sein Wahnwitz stört uns!«

Der alte Waldwärter rief die junge Frau, die sogleich herein kam, aber der Greis wollte sich nicht geduldig in die Kammer führen lassen. Er begann sich zu sträuben und selbst zu schreien.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein junges Mädchen trat herein.

Sie war ärmlich, aber reinlich gekleidet, das einfache dunkle Kleid ging bis zum Halse hinauf, ein gleichfarbiges, mit Pelz besetztes Häubchen verhüllte größtenteils ihre Haare und selbst einen Teil ihres Gesichts. Dieses hatte etwas Spitzes, Schlaues, und die kleinen Augen schienen überall umher zu fahren. Das Mädchen trug eine Schwinge mit Apfelsinen und war offenbar eine jener Straßenhändlerinnen, die an den Ecken oder in den Wirtshäusern Käufer suchen.

Das Mädchen setzte sogleich seinen Korb in einen Winkel und sprang auf die Streitenden zu.

»Laß doch den Vater Lagienki, Mutter! Ich will ihn zur Ruhe bringen, du weißt, er folgt mir am besten!«

»Meinetwegen, er muß zu Bett! – Und du, Taugenichts, warum kommst du nicht eher?«

»Schelten Sie Ihre Tochter nicht, Frau Sowak,« sagte begütigend der Student – »sie bringt vielleicht Nachrichten aus der Stadt. Ich wußte gar nicht, daß Sie auch eine Tochter haben!«

Das Mädchen, dem der greise Soldat ohne jeden Widerstand gefolgt war, drehte sich an der Tür der Kammer um und schnitt dem Studenten eine Fratze.

Der Okuliarnik lachte. »Bravo – da ist es kein Wunder, daß die Polizei dich nicht erwischt, Janko, wenn selbst ein so alter, guter Freund dich nicht wieder erkennt!«

Es war in der Tat der Knabe Janko, der, um sich wieder in Warschau zeigen zu können, ohne dem scharfen Auge des Polizeikommissars Droszdowicz in den Weg zu laufen, sich in ein Mädchen verwandelt hatte, wozu seine kleine und behende Gestalt ihn leicht befähigte und unter welcher Maske er sein altes Handwerk, die Spionage, fleißig weiter trieb.

Der Knabe kam jetzt aus der Kammer herein, setzte sich zu den Männern an den Tisch und schenkte sich ohne zu fragen ein Glas Rum ein.

»Nun, Bursche,« fragte der Abgeordnete des republikanischen Komitees, »wie steht's – hast du die Plakate untergebracht?«

»Alle – bis auf fünf. Da sind sie noch, lieber Pan.« Und er wies auf seine Schwinge mit den Früchten.

»Aber das ist gefährlich – sie müßten blind sein, wenn sie sie da in dem offenen Korbe nicht sehen sollten. Du darfst nicht zu viel auf dein Glück und deine Gewandtheit vertrauen.«

»Sie müßten bessere Nasen haben, als sie in Wirklichkeit besitzen!« lachte der Junge. »Sehen Sie her!« Und er holte die Schwinge, hielt sie ihm unter die Nase und rief mit weinerlicher Fistelstimme: »Apelzynye! Apelzynye! kaufen Sie Apfelsinen, ich habe eine Mutter und fünf hungernde Geschwister zu ernähren!«

»Schlingel – wagst du deinen Spott mit mir zu treiben?«

»Die Mutter Gottes bewahre mich davor! Aber so nehmen Sie doch, Pan! – Nein – diese nicht! die ist nicht schön genug für Sie!«

Der Okuliarnik hatte in der Tat eine der Früchte genommen und warf ein Stück Geld dafür in den Korb.

Der Junge lachte wie toll. »Wollen Sie nicht den süßen Inhalt probieren?«

Jetzt erst wurde der Republikaner aufmerksam und untersuchte die Frucht näher. Sie bestand nur aus den geschickt zusammengefügten Schalen und enthielt im Innern jene Flugblätter des Revolutionskomitees, deren Verbreitung die Polizei so sorgfältig nachspürte. Er wandte sich mit finsterm Stolz zu dem Edelmann. »Glauben Sie denn, Herr! wo schon das Kind des Volkes mit einer Klugheit, die selbst den geprüften Mann beschämt, seine Freiheit und sein Leben einsetzt, um der Sache der Freiheit zu dienen, – daß dieses Volk in einem gerechten Kampfe um seine höchsten Güter besiegt werden kann, wenn es nicht durch Verrat geschieht?! Ich sage Ihnen, Herr, dieser Knabe und seine Mutter haben bereits mehr für die Revolution getan und mehr Mut gezeigt, als fünfzig von den Aristokraten, die jetzt in der Statthalterei tagen!«

»Was treibt die Frau?«

»Sie ist Feinwäscherin und bedient viele russische Offiziere, die nicht in den Kasernen wohnen. Mehr als eine wichtige Nachricht verdanken wir ihr bereits, und dieser Knabe hat mehr als einmal gewagt, mit ihr bis in die Wohnungen unserer gefährlichsten Feinde zu dringen!«

Der Edelmann nahm einen Rubel aus der Tasche und warf ihn dem verkleideten Mädchen zu. »Da – das für dich, Junge!«

Der Knabe fing das Geldstück auf, – aber er bedankte sich nicht.

»Weißt du was Neues, Pan? und du, Großvater?«

»Nein.«

»Der Graf ist in Warschau.«

»Der Graf? – welcher Graf?«

»Mein Graf, der mich aus den Zähnen der Wölfe gerettet hat.«

»Graf Oginski? – Du wirst dich irren. Er ist längst jenseits der Grenze, – der Verräter, der uns hinderte, diesem Schurken Droszdowicz das Handwerk für immer zu legen!«

»Du lügst, Pan!« sagte der Knabe mit einer gewissen Energie. »Mein Graf ist kein Verräter, er ist ein so guter Pole wie du und ich!«

»Schlingel – sei nicht unverschämt! – Wo willst du ihn getroffen haben?«

»Vor dem Hospital zum Herzen Jesu.«

»Und hast du ihn angesprochen?«

»Ich wagte es nicht, Pan, in der Verkleidung. Der Herr sah sehr traurig aus!«

»Hm! – die Marowska liegt noch dort! Man könnte durch sie auf ihn wirken!« murmelte der Okuliarnik. »Warum bist du ihm nicht nachgegangen?«

»Versteht sich bin ich's, aber die kaukasischen Reiter kamen die Straße entlang und trennten uns, und als sie vorüber waren, sah ich ihn nicht mehr.«

»Nun – ich denke, du kannst ihn morgen wieder an der nämlichen Stelle erwarten, wo du ihn heute trafst, und dann sieh zu, daß du erfährst, wo er wohnt; denn bei der Menge von Fremden, die jetzt in Warschau sind, ist dies keine leichte Sache.«

»Wenn Sie den Grafen Hypolit von Oginski meinen, den Neffen des Grafen Czatanowski im Posenschen,« sagte der Fremde, »so kann ich Ihnen Auskunft geben, wo er wohnt.«

»Sie würden mich verbinden, Herr.«

»Der Graf wohnt, so viel ich gehört, im Hotel d'angleterre, im dritten Stock, in einer Stube nach dem Hofe, die er durch Vermittlung eines Freundes noch erhalten.«

»Unter seinem Namen?«

»Er hat einen preußischen Paß auf den Namen seines Verwandten. – Und nun glaube ich, hätten wir uns über das nötigste verständigt und ich kann dem Komitee die Versicherung bringen, daß die Klubs mit uns einverstanden sind und einstwellen die Sache in unsere Hände legen?«

Der Okuliarnik verbeugte sich schweigend.

»Sollte noch eine Besprechung notwendig sein – wohin darf ich Ihnen Nachricht geben?«

»Unter der gewöhnlichen Adresse unseres Verkehrs mit dem Zentral-Komitee.«

Der Fremde lächelte. »Es scheint, daß Sie mir nicht gerade Vertrauen schenken.«

»Ich habe ebensowenig die Ehre, Ihren Namen zu kennen.«

»Dobre! bleibe es denn so. Und nun – Gutenacht!«

Stenko rief seine Tochter, die rasch herbeikam, um den Fremden hinaus zu geleiten.

Die Tür war kaum hinter ihm zugefallen, als der Okuliarnik sich zu dem Knaben wandte. »Rasch, Junge, den Weiberrock aus und deine Jacke an. Du mußt sehen, wo er hingeht und bleibt. Durch den Garten und das Eckhaus – dann siehst du ihn gerade herauskommen!«

Wie ein Blitz hatte der Junge die Röcke abgestreift, eine weite Pelzjacke übergeworfen. Der Okuliarnik hatte unterdes das Fenster geöffnet, und während Janko noch die pelzbesetzte Mütze tief über den Kopf zog, hob er ihn bereits hinaus.

Der Waldwärter schüttelte den Kopf, »verstehe das alles nicht,« sagte er. »Kennt Ihr den Mann nicht, wenn Ihr so Wichtiges zu verhandeln habt, wo's um Kopf und Kragen geht?«

»Er hat das Losungswort. Wir trauen den Aristokraten nur so weit wir sie sehen! Es ist gut, wenn wir seinen Namen wissen, den unseren braucht er vorläufig nicht zu kennen.« Er klopfte dem Alten auf die Schulter. »Begnüge dich damit, daß du deine Tochter wieder gefunden, und kümmere dich um das andere nicht. Ich sage dir, Alter – auch deine Zeit wird kommen und dann mach's ebenso kurz mit deinem Handeln, wie du's mit dem Reden machst!«


( Ende des dritten Bandes.)

 

Herrosé & Ziemscn, G.m.b.H., Wittenberg.

 


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