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Aber in Spanien!

(Fortsetzung.)

Als der Graf von Lerida mit seinem bescheidenen Fiaker vor dem Hotel der französischen Gesandtschaft anfuhr, war die Straße bereits mit einer Reihe von glänzenden Equipagen bedeckt, die in langer Queue der Vorfahrt harrten. Don Juan ließ in einiger Entfernung halten, stieg aus und winkte seinem seltsamen Groom, um zu Fuß rascher das Hotel zu erreichen.

Obschon die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften in Madrid gewöhnlich erst nach dem Schluß der italienischen Oper fällt, also nach zehn Uhr, war der Empfang bei Monsieur Adolphe Barrot, dem französischen Botschafter, für diesen Abend doch früher angesagt, da an diesem Tage die Oper ausfiel und die Königin zugesagt hatte, mit dem Hofe zu erscheinen.

Die Salons des französischen Botschafters waren zu jener Zeit ein Sammelpunkt der Koriphäen aller politischen Parteien und aller Zelebritäten von Madrid, und Monsieur Barrot war politisch genug, ihnen diesen Charakter zu erhalten, da er für die Zwecke des Kabinetts der Tuilerien eben hierdurch die besten Erfolge erzielte. Gerade durch den internationalen halb demokratischen, halb konservativen Charakter und das Begegnen aller Fraktionen und Persönlichkeiten bot sich hier ein reiches Feld der Intrige, und in der Tat wurden zu jener Zeit die zahllosen Palastintrigen und parlamentarischen Kämpfe von hier aus stark beeinflußt.

Der Graf trat in das Foyer des Hotels, warf seinem Groom den Paletot zu, indem er ihn mit seinem Wink an eine bestimmte Stelle etwas entfernt von dem übrigen Dienstpersonal wies, und wandte sich an einen der Lakaien.

»Monsieur le Vicomte Digeon?«

»In seinem Zimmer, Euer Gnaden!«

Der Graf schien im Hotel genau Bescheid zu wissen, denn statt die große Treppe hinaufzugehen, an deren Fuß die Kammerdiener die Gesellschaft empfingen, wandte er sich rechts, ging durch einen Korridor und stieg in einem Seitenflügel eine kleine Wendeltreppe hinauf, die zu der Wohnung des zweiten Sekretärs der Gesandtschaft führte.

Der Vicomte war vor einem großen Trümeau noch mit seiner Toilette beschäftigt.

»Ah, daß ist schön, daß Sie kommen, amigo,« sagte er herzlich, seinem Besuch die Hand reichend. »Sie haben also mein Billet erhalten?«

»Wie Sie sehen. Ich benutze die Gelegenheit und Ihr Boudoir, um meine Toilette etwas zu reparieren, die im Gedränge auf der Puerta del Sol einige Verwirrung erlitten.«

»Waren Sie dort, Conde? Man sagte, es hätte Tumult gegeben. – Vielleicht ein kleines Pronunciamento? Ihre Landsleute lieben dergleichen.«

»Die Ihren nicht minder, Vicomte, nur machen sie gleich eine Revolution daraus, wenn sie nicht glücklicherweise einen Saint Arnaud finden.«

»Ah – bah! Denken Sie an die Füsilladen des Herrn Narvaez – auch O'Donnel und Serrano sind darin nicht zu ängstlich. Aber wir wollen uns deshalb nicht streiten – warum machen die Dummköpfe Rebellion, wenn sie nicht zu siegen verstehen. Was war es?«

»Ein kleiner Krawall mit der Polizei, die nicht dulden wollte, daß ein Vater nicht damit einverstanden ist, daß seine sehr junge und sehr hübsche Tochter aus dem Beichtstuhl nicht wieder nach Hause zurückkehrt.«

»Eine Dirne aus dem Volke? Wer fragt danach! – Sie wird mit einem Liebhaber davon gelaufen sein.«

» Quin sabe! Es ist die Tochter eines früheren Offiziers – da – lesen Sie!« Er reichte dem jungen Legationssekretär den Aufruf, den Seespinne auf der Puerta erwischt.

Der Diplomat las mit Aufmerksamkeit – er faltete mit eigentümlicher Miene das Blatt zusammen und gab es zurück. »Wissen Sie, daß General Fleury sich freut, Sie zu sprechen? Er hat mir Wunderdinge von Ihren Erfolgen in Biarritz erzählt.«

»Ich hatte die Ehre, ihn bei dem Tee der Kaiserin kennen zu lernen. Was will er hier?«

» Diantre – man sieht, daß Sie Soldat gewesen sind und nicht Diplomat, so teufelmäßig gehen Sie darauf los! – Natürlich nichts anderes, als andalusische Pferde kaufen für die Kaiserin. Sie wissen ja, daß er Oberstallmeister ist, und Madame Eugenie wünscht wahrscheinlich ein Gespann Isabellen.«

»Nach Frankreich?« sagte lachend der Graf, – »es kann später kommen, aber vorläufig dürften Ihre Majestäten die Isabellen noch in Madrid wünschen. Nun, Vicomte, mit solchen Calembourgs speisen Sie Männer meines Schlages nicht ab und dazu haben Sie mich auch nicht her zitiert.«

Der Diplomat lächelte: »Ich sehe, Sie sind ungenügsam. Nun also – Sie sind ja ein Protegé von Prim?«

»Der Graf verzieht mich allerdings etwas. Ich war mit ihm in der Türkei.«

»Und würden Sie nicht unter ihm ein Kommando annehmen?«

»Ein Kommando? Ich war in meinem Leben nicht Ingenieur, und Sie wissen, daß der Graf jetzt Generalinspektor vom Genie ist. Überdies vergiebt der Kriegsminister die Chargen in der Armee, und ich gehöre gerade nicht zu den Lieblingen Se. Durchlaucht des Herrn Herzogs von Tetuan, seit ich ihm ein Paar arme Verwandten, ehrliche Irländer, auf den Hals gehetzt habe, die der Geizhals geschwind nach Rom expedierte. Schade um das hübsche Mädchen – man erzählt, daß sie ganz niederträchtigerweise dort erschossen worden sei.«

»Ich rede deshalb auch von keinem Kommando in Spanien, sondern …«

»In der Habannah? ich kann Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit sagen, daß ein anderer dahin bestimmt ist.«

»Und wer wäre das, amigo?« fragte neugierig der Diplomat.

» Carai! ich kann so verschwiegen sein, wie Sie. Vielleicht erfahren wir es auf der heutigen Soirée. Aber wohin wollen Sie denn den Grafen von Reuß und Marguis de Castillejos nebst meiner Person schicken?«

»Nach Mexiko, in das Land der Kaziken, der Silberminen und der feurigen Frauen, wenn Sie es denn durchaus wissen wollen.«

»Nach Mexiko?«

»Ja! – der Präsident Juarez ruft mutwillig Konflikte hervor, denen nur durch eine Koalition der Seemächte begegnet werden kann. General Fleury ist hier, um Spanien eine gemeinsame Expedition vorzuschlagen. Der Kaiser hat sein Augenmerk auf Prim gerichtet – sobald der Graf einwilligt, wird man seine Person der Königin und dem Marschall vorschlagen. Ihr Vater war ja Gouverneur in Mexiko?«

»So ist es – ich hatte heute Gelegenheit, mich daran zu erinnern.«

»Sie sehen, daß der Kaiser Ihre Person im Auge behalten hat. Ihr Name ist bekannt in Mexiko, Prim protegiert Sie, – es steht nur bei Ihnen zu einer glänzenden Stellung bei der Expedition empfohlen zu werden; wenn Sie den Marschall bewegen wollen, die Führung der spanischen Expedition zu übernehmen, wird die Königin ihm diese gern anbieten.«

»Hm – er hat mich für morgen Abend zu sich in die Loge der italienischen Oper geladen.«

»Sehen Sie – das wäre eine vortreffliche Gelegenheit – der Kaiser würde Ihnen für die Vermittlung sehr dankbar sein,« drängte der Diplomat.

Der Graf sah ihn schlau an. »Und der Marschall?«

»Der Ministerpräsident wird mit Vergnügen seine Zustimmung geben, die Konvention ist so gut wie abgeschlossen.«

Don Juan brach in ein helles Lachen aus. » Mort de ma vie – ich glaube es gern – Herr O'Donnell wird da zwei Rivalen mit einem Schlage los und Se. Majestät, der kluge Kaiser Louis Napoleon, Herrn von Montpensier.«

Der Legationssekretär machte eine etwas verblüffte Miene. »Wie so? wie meinen Sie das?«

»Bah – ich meine bloß – daß das Königreich des seligen Herrn Montezuma, nachdem es glücklich zur Mausefalle für den dritten Grafen Boulbon geworden war, sich recht hübsch eignen würde, einem noch unliebsameren Orleans ein besseres buon retiro jenseits des Ozeans zu verschaffen, als das am Manzanares. Liebster Vicomte, geben Sie sich keine Mühe. Es würde sich zwar äußerst großmütig im ›Moniteur‹ ausnehmen, daß ein Bonaparte dem Herrn Herzog von Montpensier zu einer Krone verholfen hat, aber ich glaube, daß der gute Duque so wenig Lust hat, darauf reinzufallen, als Ihr ergebenster Diener, Juan Graf von Lerida, der in diesem Augenblick zu stark anderweitig beschäftigt ist, um sich mit den Sennores Lepores und den hübschen, aber etwas gefährlichen Chinas Grisetten. von Puebla und Mexiko zu amüsieren.«

»Also Sie lehnen den Vorschlag ganz ab?« fragte der Diplomat sehr unzufrieden.

»Gott bewahre, – ich werde die Gelegenheit morgen bestens wahrnehmen, den General möglichst für das Projekt zu stimmen, und da unser lieber Graf von Reuß etwas sehr ehrgeiziger Natur und stark chagriniert ist, daß man ihn zu Ehren seiner Siege gegen die unglücklichen Marokkaner bloß zum Marquis de Castillejos, Herrn O'Donnell aber zum Herzog von Tetuan gemacht hat, so zweifle ich keinen Augenblick daran, daß er mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen wird, sich zum Herzog von Itzecahuatl oder Popocatepetl ernennen zu lassen.«

»Sie sind ewig der Alte, und es ist kein ernstes Wort mit Ihnen zu reden. Wollen Sie wirklich den Grafen sondieren und ihm zureden?«

»Mein Wort darauf, – nur …«

»Nun?«

»Ein Dienst ist des andern wert, und wenn ich auch keine Lust habe, nach Mexiko zu gehen, gibt es doch verschiedene andere Wege, auf denen Se. Majestät der Kaiser Louis Napoleon oder Allerhöchstdessen respektable Vertretung in Madrid mir bei Gelegenheit wird ihre Protektion beweisen können.«

»Mit größtem Vergnügen. Bestimmen Sie nur, wie?«

»O – es eilt nicht. – Die Gelegenheit findet sich schon. – Aber ich halte Sie doch nicht ab? Um wieviel Uhr ist die Königin angesagt?«

Der Vicomte sah nach seiner Uhr. »Um neun wir haben noch eine Viertelstunde Zeit zu plaudern, wenn es Ihnen gefällt. Graf Bondy ist heute an der Reihe, die Gäste zu empfangen. Wie steht es mit unserer Corrida?« Stiergefecht.

»Ich hoffe heute die Einladung an Ihre Majestät richten zu dürfen. Ich bin nur zweifelhaft, welcher Vaterschaft zu Ehren wir das Fest geben sollen.«

»Sie sind und bleiben ein Spötter. Haben Sie nicht den König Franz d'Assis?«

»Brr – als ob schon jemand ihm zugetraut hätte, seine Infanten und Infantinnen selbst zu machen! Sprechen Sie offen, Vicomte, wer ist der glückliche?«

»Ja, amigo, das ist schwer, Sie haben die Wahl. Der ›schöne Oberst‹ ist nicht mehr in Frage, Master Dilthon, der englische Ingenieur, hat seine Schuldigkeit mit dem Thronerben getan, – Pucheta der Espada wird alt, – man spricht von einem schönen Artillerieoffizier, aber ich glaube, der ›Affe‹ ist im Begriff, sie alle auszustechen.«

»Diesmal, Vicomte, sind Sie mir in der Chronique scandaleuse voraus; ich erinnere mich des Namens nicht!«

»Wer anders, als Herr Marfori! Sie wissen doch in welcher Weise er Intendant des Palastes wurde?«

»Nicht ganz! Bitte, erzählen Sie!«

»Nun – Marschall Narvaez, als er das letztemal Ministerpräsident war, ich glaube vor 6 Jahren, stellt dieser seinen Neffen, oder vielmehr den Neffen seiner Maitresse, der einige Jahre Chorist an der italienischen Oper gewesen war, der Königin vor und verlangte für ihn die vakante Stelle eines Intendanten des königlichen Palastes. Sie kennen ja Sennor Carlos Marfori, er ist weder hübsch, noch elegant, noch kräftig, noch geistreich. Aber er ist ein Finanzgenie, und der Intendant des Palais hat mit der Verwaltung des Privatvermögens Ihrer Majestät viel zu tun. Dennoch gefiel er der Königin nicht und sie schickte ihn fort. Aber der Marschall ist eine zähe Natur und bekanntlich dabei ziemlich grob und kurz angebunden. Nach einem heftigen Streit zog er ab und schickte Frau Isabella folgendes Ultimatum: ›Entweder mein Neffe Carlos Marfori wird Intendant Ihrer Majestät der Königin, oder ich höre auf, Ihrer Majestät Minister zu sein.‹ – Die Königin brauchte die Neos und antwortete: ›Bringe Deinen Affen wieder!‹ und Narvaez brachte seinen Affen, und der Affe blieb und ist zurzeit beinahe schon so einflußreich wie Pater Clarette oder die ehrwürdige Mutter Patrocinio, die wir übrigens beide heute sehen werden.«

»Was, zum Henker, den Beichtvater und die alte Schwindlerin mit den Nägelmalen an Händen und Füßen?«

»Ihre Majestät hält seit ihren neuen interessanten Umständen keinen Ausgang mehr ohne ihre beiden geistlichen Adjutanten, also richten Sie sich danach. Seit Marschall O'Donnell mit der Kerze in der Hand sich den Prozessionen der Mater Patrocinio angeschlossen, ist sie selbst unter den Liberal-Unionisten in Mode.«

»Pfui Teufel! – Und hält das Kabinett der Tuilerien wirklich so viel auf das Verbleiben des Herrn Marschalls auf seinem Posten?«

Diesmal war es der Pariser Diplomat, welcher einen raschen fragenden Blick aufwarf. »Beabsichtigen Sie etwa ein Pronunciamento, lieber Freund? Welche Nuance? Prim, Olozaga, Narvaez, die Karlisten? – Oder – halt da! – Sie sind ja von Geburt ein halber Engländer agitieren Sie für die Föderation oder Dorn Pedro?«

»Keines von allen – ich wiederhole Ihnen, ich mache nicht in Politik, am wenigsten für Lord Palmerston.«

»Man hat mir gesagt, daß Ihre Mutter eine Engländerin war und Ihr Vater ein eifriger Karlist?«

» Quien sabe! er hat wenigstens im Karlistenkrieg sein Ende gefunden, ohne daß sich Prim damals revanchieren konnte.«

»Wie so?«

»Mein Vater hatte Gelegenheit, ihm das Leben zu retten, als er eines Tages in Gefangenschaft der Karlisten geriet. Als meinen Vater das gleiche Los getroffen, gab er sich alle Mühe, ihn zu retten und eilte in das Hauptquartier, aber er kam leider zu spät – der Herzog von Vittoria hatte ihn drei Stunden vor seiner Ankunft erschießen lassen – man sagt, aus alter Rivalität!«

»Sie erwähnten vorhin Reuß als den Geburtsort des Generals. Wissen Sie, daß früher – ich erinnere mich dessen, als ich zur Zeit des Krimkrieges junger Attaché in Berlin war – allgemein behauptet wurde, der General sei ein desertierter preußischer Unteroffizier?«

»Ich erinnere mich des Unsinns. Obschon er, wie ganz Spanien weiß, nicht umsonst Don Juan heißt, gerade wie ich, was vielleicht unsere Sympathien gefördert, glaube ich doch, daß der Ehrgeiz seine Hauptleidenschaft ist, und darauf baue ich auch die Hoffnung, ihn für Ihr Unternehmen zu gewinnen. Herr O'Donnell mag sich vor ihm in acht nehmen – und deshalb glaube ich gern, daß der Herzog ihm goldene Brücken nach Mexiko bauen wird. – A propos! wird der Hof von Sevilla Ihre Soiré beehren?«

»Wenn es der Befehl der Königin ist – ich weiß es in der Tat nicht. Sie wissen, daß der Herr Herzog von Montpensier das kaiserliche Regime nicht liebt, gerade wie das Regime Napoleon nicht sehr Herrn Anton Maria Philipp Ludwig von Orleans, den geliebten in seiner Spekulation auf die Thronfolge so arg von ihrer Fruchtbarkeit getäuschten Schwager Madame Isabellas.«

»Der Schleicher! Lieber noch ziehe ich die Frucht des englischen Ingenieurs vor, aber man sagt, daß das Kabinett von St. James ihn stark unterstützt.«

»Lord Palmerston liebt, eine Scheuche in petto zu haben. Aber da kommt Louis – sind Sie bereit, Graf?«

Der Kammerdiener öffnete die Tür. »Der Zug Ihrer Majestät naht sich bereits.«

Die Herren nahmen rasch ihre Hüte und eilten nach dem Vestibule.

Die Etikette des Hofes von Madrid verlangt bei den geringsten Spazierfahrten der Königin großen Pomp und militärische Eskorte. Der Auffahrt des von acht rotgeschirrten Maultieren gezogenen Galawagens ritten zwei Offiziere und ein Zug der prächtigen Gardekürassiere vor, der schönsten Truppe unter den durch prächtige und überladene Uniform ausgezeichneten spanischen Garden. Eine gleiche Abteilung folgte den königlichen Wagen. Der Botschafter erwartete mit einem Teil seines Personals die hohen Gäste bereits an der Ausfahrt, am Entree der Escaliers empfing sie seine Gemahlin und geleitete die Königin in den Salon, in dem für die königlichen Herrschaften eine besondere Estrade mit prunkenden Sesseln hergerichtet war. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe bei der herrschenden Etikette der Hof empfangen war und sich in den glänzenden Sälen arrangiert hatte.

Der Graf von Lerida hatte sich alsbald in das Gewühl gestürzt, das an manchen Stellen, namentlich in der Nähe des Salons der Königin, so gedrängt war wie in irgendeinem der überfülltesten Salons von Paris.

»Nun, Sennor Conde,« meinte ein dicker fleischiger Herr, »haben Sie sich entschlossen, an der Gesellschaft teil zu nehmen?«

»Von welcher Gesellschaft reden Sie, Sennor Salamanca

Der berühmte Bankier zuckte die Achseln. »Von welcher kann jetzt noch die Rede sein, als von der British Peninsularkompagnie der Kupferminen in der Sierra Morena! – Um Himmelswillen, von welchem Nordpol kommen Sie, daß Sie nicht wissen, wovon alle Welt an der Börse spricht.«

»Und wer steht an der Spitze?«

»Don Marfori, der Herzog von Montpensier und meine Wenigkeit außer drei Mitgliedern der Kammer.«

»Bewahren Sie mir ein Dutzend Aktien, – wo Signor Marfori ist, leide ich kein Risiko. Der Sennor ist Mitglied von ein halb Dutzend Eisenbahnkomitees und zehn anderen Finanzinstituten. Er muß die Sache verstehen.«

Ein Perlmutterfächer schlug ihn leicht auf die Hand. »Ihren Arm, Conde! Sie sollen zur Strafe dafür, mich nicht bemerkt zu haben, mir meinen Mann suchen helfen.«

Es war eine zierliche kleine Frau mit wunderbaren Augen und reizendem Fuß. Die spanischen Damen der vornehmen Welt tragen das Kleid vorn nur bis zu den Enkeln reichend, um den hübschen Fuß zu zeigen, während hinterdrein eine lange Schleppe nachrauscht. Der Graf hatte ihr den Arm gereicht und führte sie nach einem der hinteren Salons, auf den sich das von mattem Lampenlicht erleuchtete prächtige Treibhaus öffnete, mit den einzelnen leicht gefärbten Lampen zwischen dem saftigen Grün einen zauberhaften Anblick gewährend.

Am Eingang dieses Salongartens blieb sie stehen und streifte mit dem Blick durch die grünen Räume, sie waren fast leer, – alles drängte nach dem Spiel der Königin.

»So, mein Herr – nun habe ich Sie. Sie sind ein abscheulicher Bösewicht, verantworten Sie sich!«

»Aber Marquise – ich weiß in der Tat nicht …«

»Wie, Sie wagen es noch zu leugnen? Haben Sie nicht der Baronin Oviedo, der unerträglichen Kokette versprochen, ihre Farben zu tragen bei dem Stiergefecht, das man zu Ehren der Königin nächste Woche veranstalten will?«

»Madame von Oviedo ist von einer Gefälligkeit für ihre Freunde, die man anerkennen muß. Man bittet sie nie vergeblich um einen Dienst.«

»O, man kennt die Art dieser Gefälligkeiten? Ich weiß, worauf Sie anspielen – also weil ich mich geweigert habe, von meinem Gemahl die Anstellung eines Ihrer Schützlinge in dem Saladero zu verlangen, da Sie doch wissen, daß ich mich nie in Dienstsachen mische, halten Sie sich für berechtigt, alles zu vergessen, was ich für Sie getan habe! O Juan …«

Die kleine Frau drückte das Spitzentuch an ihre Augen.

»Madame Oviedo ist nicht so gewissenhaft, mein Schützling hat sofort eine Anstellung bei der Finanzverwaltung erhalten. Man ersieht den Grad aufrichtiger Freundschaft aus den kleinen Diensten im gewöhnlichen Leben.«

»Sie sind ein Undankbarer – es war vielleicht ein kleiner Eigensinn, eine Laune von mir, daß ich Ihnen die kleine Gefälligkeit abschlug, aber das ist kein Grund, mich zu kränken und Ihr Versprechen nicht zu halten. Fordern Sie andere Beweise und ich werde sie Ihnen geben.«

»Das sind Redensarten, schöne Freundin – Sie wissen, daß ich eigensinnig und leicht verletzt bin. Die Baronin Oviedo …«

»O, schweigen Sie von dem abscheulichen Weibe, das mir jedes Vergnügen verbittert. Wie sie heute wieder aufgeputzt ist! Ich verbiete Ihnen, heute mit ihr zu sprechen!«

»Und doch muß ich es tun, ich habe sie wieder um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.«

»Als ob ich Ihnen dieselbe nicht auch erweisen könnte, wenn es in meiner Macht steht,« rief ungeduldig die eifersüchtige Dame.

»Es ist eine Bagatelle, mit der ich Sie nicht belästigen darf!«

»Aber ich liebe die Bagatellen – sprechen Sie, ich will es wissen!«

»Nun, wie gesagt – eine Kleinigkeit! Man hat mir gesagt, daß der nächste Transport der zu den Galeeren Verurteilten schon am Montag abgeht!«

»Santa Madonna del Pilar – was haben wir mit den Verbrechern zu tun! Was kümmern Sie diese Leute?«

»Mich im Grunde nichts – aber es ist ein Sohn einer alten Dienerin unter den verurteilten Schmugglern und die Alte kommt expreß nach Madrid, um ihn noch einmal zu umarmen.«

»Wahrhaftig – eine Bagatelle! warum lassen Sie ihn nicht begnadigen? Das ist doch so leicht!«

»Ich habe auch bereits die Einleitung dazu getroffen und das Versprechen erhalten. Aber wenn die Alte nach Madrid kommt und ihren José hier nicht mehr findet, bricht ihr das Herz.«

»So lassen Sie ihn hier zurückhalten!«

»Das würde Aufmerksamkeit erregen, – Sennor Balasteros, der Generaldirektor der Steuern, ist sehr mißtrauisch gegen die Contrabandista, und man darf sich durch Ausnahmen nicht kompromittieren. Nein – das einzige ist, daß der Transport der gesamten Verurteilten unter irgendeinem Vorwand auf acht Tage verschoben wird, was ja ganz gleichgültig wäre.«

Die kleine Frau sann einen Augenblick nach. »Sie brauchen nicht erst Madame Oviedo zu bemühen, ich denke, die Sache wird sich leicht machen lassen, wenn ich dem Sekretär meines Mannes einen Wink gebe. Er kennt Don Garcio Jove, den Generaldirektor der Gefängnisse sehr genau. Sie können darauf rechnen, Sennor Don Juan – aber – wohlverstanden, nichts mehr von Madame Oviedo!«

»Teure Ines – ich schwöre Ihnen …«

»Schwören Sie lieber nicht, aber erinnern Sie sich, daß die Farben, die ich an dem Tage des Stierkampfes tragen werde, Grün und Rot sind. Und nun a diòs – dort kommt mein Mann mit seinen Kollegen, dem Minister der Finanzen, Sennor Salaverria!«

Der Graf verbeugte sich und nahm den Arm des Vicomte Digeon, der ihn mit einem anderen Herrn zu suchen kam.

»Wo stecken Sie, Conde, – die Montenero wird sogleich singen und eine junge Schwedin, die ausgezeichnet sein soll. – Aber erlauben Sie mir, die Herren mit einander bekannt zu machen. Herr von Netschajeff, der neue Attaché der russischen Gesandtschaft, Sennor Don Juan Conde von Lerida, einer der Löwen der spanischen Gesellschaft, ein Cid unter den Männern und ein echter Träger seines Namens unter unseren schönen Sennoras und Sennorittas. Das ist ganz der Mann, den ich Ihnen versprach, um Ihnen den nötigen Katalog der Persönlichkeiten von Madrid zu geben, die Sie heute versammelt finden. Ah, Sennor Don Emilio,« wandte er sich zu zwei vorüber gehenden Herren, – »Ihr gestriger Artikel in der ›Democracia‹ über die französische Politik in Rom ist prächtig! Sie nehmen uns zwar stark mit, aber ich verspreche Ihnen, wenn Ihnen einmal bei einem kleinen Systemwechsel der spanische Boden unter den Füßen zu warm werden sollte, – Herr von Persigny wird Sie in Paris bestens willkommen heißen.«

Der von den Moderados bitter gehaßte Redakteur des Organs der Republikaner, der Professor der Madrider Universität Don Emilio Castellar, ein noch ziemlich junger Mann mit vollem runden Gesicht, dichtem Schnurrbart und beginnender Glatze verbeugte sich steif. »Erlauben Sie mir, mein Herr, damit zu warten, bis ein Ministerium Ledru Rollin bei Ihnen wieder am Ruder ist,« sagte er ernst, mit seinem Begleiter weiter gehend.

»Er hat Sie ausgezahlt, Vicomte,« lachte der Conde.

»Bah – die Herren Sozialisten haben Gott sei Dank bei uns keine Aussicht. Aber wer war der alte Sennor, mit dem er ging, vom Militär offenbar, eine martialische Gestalt mit dem langen grauen Bart und den großen tiefernsten Zügen.«

»Wie, Sie kennen General Pierrad nicht? Er und Orenso sind die Veteranen der Republikaner.«

»Ich hatte ihn zufällig noch nicht gesehen – ein interessanter Kopf, aber sehr exaltiert. Sie sehen, wie liberal Frankreich denkt, Herr von Netschajeff, auf seinem Grund und Boden in Spanien, also in unserem Gesandtschaftshotel finden Sie alle Parteien vertreten. Und nun meine Herren, muß ich Sie einander überlassen, denn Madame Barrot hat mir bereits einen Wink gegeben, mich etwas mehr um die Gesellschaft zu kümmern.« Damit ging der muntere Diplomat davon.

Der Graf von Lerida betrachtete seinen neuen Gesellschafter jetzt etwas aufmerksamer. Der Russe war ein Mann von hoher schlanker Gestalt, vielleicht zwei oder drei Jahre jünger als er selbst, mit etwas finsterem doch nicht unschönem Gesicht, aus dem große Energie sprach. Er hatte graue stechende Augen, mit denen er gleichfalls eine scharfe Musterung seines Gesellschafters hielt.

»Ist es Ihnen gefällig, nach dem Musiksaal zu gehen wir werden dort mehr Gelegenheit haben, uns die Schönheiten Madrids in der Nähe zu betrachten,« leitete der Graf das Gespräch ein.

Der Russe legte die Hand leicht auf seinen Arm. »Einen Augenblick Herr Graf, ich ziehe es vor, wenn Ihnen dies genehm, noch einige Minuten hier mit Ihnen zu plaudern.«

»Sehr obligiert – ich denke, dann setzen wir uns in eine der hübschen Lauben des Gewächshauses, wir sind dort ungestörter.«

»Wie Sie wollen.«

Don Juan ging voran und wählte den von großen Orangenbäumen gebildeten Gang an der Rückwand des Glashauses, der in einem ziemlich dunklen Boskett von dichten Schlingpflanzen und amerikanischen Koniferen endete, während auf der anderen Seite ein prächtiges offenes Halbrondell von großen Kamelien und Azalien daran stieß, in dessen Rundung eine elegante eiserne Gartenbank um eine Miniaturfontäne zum Sitzen einlud.

Eine einzige matte Kugellampe von rotem Glas erhellte mit gedämpftem Licht das Boskett und den Sitz in demselben.

»Lassen Sie uns hier Platz nehmen,« sagte der Russe. »Wissen Sie, Herr Graf, daß Monsieur Digeon auf meinen ausdrücklichen Wunsch mich gerade Ihrem Patronat übergeben hat?«

»Es ist mir eine besondere Ehre, – aber ich verstehe nicht ganz, es müßte denn sein, daß mein Rat als mauvais sujet größere Verbreitung gefunden, als ich selbst zu hoffen wagte, denn so viel ich verstand, sind Sie erst hier angekommen.«

»Vorgestern, direkt von Petersburg über Turin und Genua. Ich muß Ihnen sagen, daß ich bereits in Petersburg die Ehre hatte, von Ihnen zu hören – aber offen, daß ich Sie mir eigentlich anders gedacht habe.«

Der Graf lachte. »Ich weiß nicht, ob ich das für ein Kompliment anzusehen habe oder das Gegenteil. Aber darf ich fragen von wem oder bei welcher Gelegenheit?«

»Bereits im vorigen Winter im Salon der Fürstin Wolchonski, sie sprach mit Ihrem Vetter von Ihnen.«

»Mit meinem Vetter? O, Sie meinen Lord Frederik Walpole, den Viscount von Heresford?«

»Ich erinnere mich, daß dies sein Name war.«

»Ja, – er reiste damals in Rußland oder hatte gar die tolle Idee, am Eispol zu botanisieren. Er ist ein Exzentrik, wie unser Oheim es war. Ich habe lange nichts von ihm gehört, obschon wir im Grunde einander ganz gern haben, – wohl verstanden in einer gewissen Entfernung, denn Frederik hat eine eigentümliche Liebhaberei, Moral zu predigen. Übrigens war es sehr liebenswürdig von Prinzeß Wolchonski, die ich die Ehre hatte, in Nizza kennen zu lernen, sich meiner zu erinnern.«

»Ich hörte auch bei einer anderen Gelegenheit von Ihnen sprechen.«

»Und die war?«

Der Russe faßte die Hand des Grafen und drückte sie in eigentümlicher Weise.

» Caramba – Sie sind Carbonaro?«

»Ich bin Nihilist!«

»Aber das war das Zeichen der europäischen Liga zweiten Grades.«

»Sie würden unser spezielles Zeichen nicht verstanden haben, deshalb bediente ich mich des allgemeinen, das alle Ligas der Freiheit verbündet. Bitte, überzeugen Sie sich.«

Der Attaché nahm aus einem kleinen eleganten Portefeuille, das er aus einer Tasche im Innern des Gilets zog, eine blaue, mit verschiedenen Charakteren beschriebene Karte und reichte sie dem Spanier. Der Graf prüfte die Schrift an dem roten Licht der Lampen und gab die Karte zurück. »Es ist das Zeichen des Genfer und Londoner Ausschusses darauf,« sagte er – Sie sind also genügend legitimiert, Herr von Netschajeff, und haben über meine Dienste zu befehlen. Ich bin zwar Mitglied der ersten europäischen Logen – aber ich muß gestehen, ich kenne nur im allgemeinen das Programm der Nihilisten. Rußland liegt uns etwas fern.«

»Haben Sie Bakunin gekannt?«

»Nein – ich traf nie mit ihm zusammen. Wenn es Sie interessiert, so will ich Ihnen von vornherein das Geständnis machen, daß ich Propagandist aus Erbschaft bin.«

»Wie verstehen Sie das?«

»Nun – ich habe die Mitgliedschaft der Logen von meinem Onkel, dem Marquis von Heresford geerbt. Er war bekanntlich Propagandist mit Eifer, obschon er Handschuhe trug und die Kanaille nicht besonders liebte. Jedes Komplottieren ist pikant, aufregend, und ich liebe die Aufregung, sie ist mir Bedürfnis. Fürchten Sie darum nicht, daß ich je eine Indiskretion begehen werde, aber wie gefügt, ich mache kein Hehl daraus, daß ich das Komplottieren aus Liebhaberei treibe.«

»Man hat mir gesagt, Sennor Conde, daß ich in Ihnen einen eigentümlichen Charakter finden würde, aber daß Sie der Sache der Freiheit bereits große Dienste erwiesen. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihre Beweggründe zu prüfen. Können Sie mich mit den Häuptern der sozialen Bewegung in Spanien in Verbindung setzen?«

»Nichts leichter als das – ich werde Sie mit Garrido in Verbindung bringen.«

»Garrido – der Name ist mir bezeichnet – Schriftsteller?«

»Pamphletenschreiber! – ich sage Ihnen, er führt eine höchst ungenierte Feder. Er hat soeben seinen siebenunddreißigsten Preßprozeß wegen seiner letzten Broschüre bestanden und ist zum Ärger aller Moderados und Neos zum siebenunddreißigstenmal von einer Jury freigesprochen worden, wird jedoch am besten tun, Spanien für einige Zeit zu verlassen. Aber warum fragten Sie, ob ich Bakunin kenne?«

»Weil ich Ihnen dann die Nachricht hätte geben können, daß es ihm gelungen ist, aus Sibirien zu entkommen. Wir wissen noch nicht, wo er sich hingewendet hat und sich augenblicklich befindet, aber daß er entflohen, ist Regierungsnachricht.«

»Viel Glück – nur möchte ich ihm raten, nicht nach Spanien sich zu wenden, die spanische Nation ist noch nicht reif für seine Doktrinen, und ich möchte Ihnen, Herr von Netschajeff empfehlen, auch mit den ihren hier vorsichtig zu sein. Unsere Republikaner sind zwar bereit, sich am Königtum zu vergreifen, aber noch nicht so weit, es auch an Gott zu tun.«

Der Nihilist lächelte verächtlich. »Was nennen Sie Gott? den Popanz der Pfaffen, um Kinder zu schrecken, nicht denkende Menschen! Erst wenn ein Volk sich zu der Bildung emporgeschwungen, zu begreifen, daß es keinen anderen Gott gibt, als die eigene Kraftentwicklung, wird es frei sein und alle jene widernatürlichen Schranken zertrümmern, die da heißen Gesetz, Religion, Ehe, Eigentum und so weiter. In diesem Lande herrscht noch das Königtum und das Pfaffentum, wenn Sie auch ihre Mönche verjagt haben. Thron und Kirche müssen fallen, und das erstreben zu helfen bin ich hier.«

Der Conde hatte den unter der aristokratischen Maske verborgenen Fanatiker angehört, schüttelte aber lächelnd den Kopf. »Ich wiederhole Ihnen, Herr von Netschajeff, Spanien ist nicht der Boden für solche Lehren. Es mag kommen, daß einmal die Republik siegt, obschon wir vorerst wohl noch anderen Phasen entgegen gehen; der spanische Charakter ist aber monarchisch und religiös. Sagen Sie mir, warum Sie das konstitutionelle Königtum niederwerfen wollen, während Sie doch in Ihrer Heimat einen ziemlichen Grad von Despotismus und Orthodoxie geduldig ertragen?«

»Nicht geduldig, Herr,« erwiderte zornig der Russe – »ihre Zeit wird auch dort kommen! Das Schwert blutiger Vergeltung für die lange Unterdrückung und Verdummung schwebt über ihrem Haupt, vielleicht ist diese Hand selbst berufen zur blutigen Sühne. – Aber,« fuhr er fort und sein ganzes Wesen änderte sich auffällig und augenblicklich von dem Träger des brutalen Fanatismus in den feinen gewandten Ton, der den russischen Diplomaten eigen ist, »glauben Sie nicht, daß ich töricht genug bin, diese innersten Gedanken, die ich Ihnen als Erwiderung auf Ihr Vertrauen entwickelte, als Aushängeschild zu tragen, oder ohne Studien über die hiesigen Verhältnisse in Ihr Land gekommen zu sein. Ich kann Ihnen Ihre dreißig oder vierzig Revolutionen seit der Verfassung von 1812 an den Fingern herzählen, und weiß, das bereits vieles anders geworden ist, daß z. B. die Zahl Ihrer Mönchsklöster seit dem Jahre 1820 – im vorigen Jahrhundert waren es gar an 9000, – von 2280 mit 33 500 nichtsnutzigen Blutegeln am Mark des Volkes auf 41 mit 719 Mönchen herabgebracht worden ist, und daß diese auch nur unter der Firma von Missionshäusern geduldet werden. Ich weiß sehr wohl, daß durch das Gesetz von 1854 über die Befreiung der Güter toter Hand, die fast drei Vierteil alles Grundbesitzes in Spanien für die Kirche betrugen, bereits für 2½ Milliarden Franks an Wert wieder in den Besitz des Volkes gekommen sind, aber noch hält man ihm den ungeheuren Wert von 4 Milliarden vor, und das neue Konkordat, das Herr O'Donnell mit dem Papst geschlossen, gibt der Geistlichkeit wieder gefährliche Waffen in die Hand, über kurz oder lang stehen Spanien neue Revolutionen bevor. Ihr Schluß wird unfehlbar, wie überall, die soziale Republik sein. Es ist das Bemühen der monarchischen Kabinette, dieses Resultat so lange als möglich hinauszuschieben – so auch in Spanien.«

Lerida horchte auf – er begriff sofort, daß die bisherigen Expektorationen, wenn auch aufrichtig, doch nur das Vorspiel oder die Einleitung des schlauen Russen zu dem was kommen sollte, gewesen waren.

»Es läßt sich erwarten,« fuhr Herr von Retschaseff fort, »daß in kurzem wieder ein Versuch der Karlisten erfolgen wird, den sogenannten legitimen König auf den Thron zu heben, wenigstens deuten daraus die englischen Unterstützungen. Ohne die Zustimmung Palmerstons würde nicht einmal der verunglückte Putsch im vorigen Jahre stattgehabt haben, dessen Opfer General Ortega wurde.«

Der Graf verhielt sich schweigend.

»Es wäre nichts dabei,« fuhr der Attaché fort, – »ja bei den Sympathien, die der Kaiser Alexander für die Sache der Legitimität und der italienischen und spanischen Bourbonen hat, würde Fürst Gortschakoff keinen Anstand nehmen, die Erhebung gleichfalls im stillen und in genügender Weise zu unterstützen, – wenn England nicht eben wie gewöhnlich einen Hintergedanken dabei verfolgte, der dem bisherigen Gleichgewicht Europas gefährlich werden kann.«

»Bitte, fahren Sie fort!«

»Sie werden gewiß mit mir der Meinung sein, daß eine karlistische Erhebung in diesem Augenblick eben nur das Mittel zur Schwächung der gegenwärtigen spanischen Regierung sein kann, um endlich die lange von dem Kabinett von St. James projektierte iberische Union herbeizuführen, mit dem König Dom Pedro als Ersatz für die Königin Isabella.«

»Die Union hat allerdings eine Partei für sich.«

»Die Konsolidierung Italiens unter dem Hause Savoyen ist von Lord Palmerston nicht im Interesse der Freiheit hervorgerufen und begünstigt worden, sondern um den englischen Einfluß auf der apenninischen Halbinsel gegenüber Frankreich zu befestigen. Portugal ist nichts mehr als eine Domäne Englands, und seine Vereinigung mit Spanien wird auch hier die englische Supermatie feststellen, während über kurz oder lang sonst das Nationalbewußtsein, sei es unter einer Republik, sei es unter Don Carlos, ja selbst unter Montpensier Gibraltar zurückfordern und so den wichtigsten Stein aus dem englischen Machtbau reißen würde. Allein mit Gibraltar beherrscht England das Mittelmeer, den Orient und Indien, das begreift man in London sehr wohl. Der Verlust von Gibraltar würde der Verlust von Indien, also des Reichtums Englands sein, ebenso des Einflusses in Konstantinopel, also einer entscheidenden Stimme in den orientalischen Fragen.«

Der Spanier lächelte. »Ich begreife! Das Kabinett von Sankt Petersburg hofft Indien am Manzanares zu erobern!«

Der Russe errötete leicht. »Bah – lassen Sie das! wir haben es hier nur mit europäischen Fragen zu tun. So lange die Königin Isabella regiert, ist an eine nationale Energie nicht zu denken. Frankreich aber hält ihre Regierung schon in Haß und Besorgnis vor Montpensier aufrecht. Die Republik oder Don Carlos sind also die alleinigen Chancen.«

»Und warum sagen Sie mir das alles?«

Der Russe sah ihn schlau an. »Man sagt, daß Sie persönlich sehr gut befreundet sind, sowohl mit dem Prinzen Juan Bourbon in London, als mit General Prim in Madrid.«

»Das heißt also mit anderen Worten: ich soll Ihnen helfen, Don Carlos auf den Thron zu setzen oder Spanien zur Republik zu machen, damit die Engländer Gibraltar verlieren.«

»Sie würden Ihrem Vaterlande den größten Dienst damit leisten,« sagte kaltblütig der Russe, – »und sich selbst auch!«

Der Graf konnte sich eines lustigen Gelächters nicht enthalten – zwei solche Anträge an einem Abend zu erhalten, kitzelte seine Laune. »Wir wollen die Sache überlegen, Herr von Netschajeff,« sagte er munter. »Don Juan Prim seh ich morgen, was aber den dritten Don Juan in unserem Kleeblatt betrifft, Se. Königliche Hoheit den legitimen Prinzen von Asturien, so müßten Sie sich deshalb schon nach Biscaya bemühen, wo er gegenwärtig bereits verweilt.«

»Wie – der Prinz bereits in Biscaya?«

»Wenigstens nach den Nachrichten von heute abend im Hafen von Pontevedra, der Dinge wartend, die da kommen sollen. Sie sehen, Fortuna arbeitet für die Pläne des Herrn von Gortschakoff, ohne daß er davon weiß! Aber nun lassen Sie uns zur Gesellschaft gehen, statt hier im Boskett von Madame Barrot Verschwörungen anzuzetteln, was sich viel besser zu einem pikanten Liebesrendezvous eignen würde. A propos – sind Sie ein gewandter Reiter und haben Sie Lust, sich einer politischen Quadrille anzuschließen?«

»Einem Karoussel?«

»Meinetwegen einem Karoussel, nur daß es dabei Hornstöße statt der Figuren, und einen Luftsprung über den Nacken eines wilden Stiers, statt einer Lancade à la Baucher geben kann!«

»Sie meinen ein Stiergefecht – ich hörte bereits davon! Ich reite ziemlich gut, – indes glaube ich, daß die Diplomatie wichtigeres zu tun hat, als zur Belustigung des Pöbels Stiere zu hetzen!«

»Pfui, Herr von Netschajeff,« lachte der Conde, – »was sind das für Ausdrücke für einen geheimen Anhänger der Souveränität eben dieses geliebten und hochachtbaren Pöbels. Jede Nation begeht den Fasching nach ihrer Manier, Paris hat seine Opernkankans, Petersburg seine Schlittenkorso auf der Newa, Berlin – wenn es nicht eben Trauer hätte, – Subskriptionsbälle, Italien gegenwärtig ein Bombardement. Warum sollte Madrid nicht ein Stiergefecht haben? – Aber beruhigen Sie Ihr diplomatisches Gewissen – hinter einem Stiergefecht kann so gut ein Regierungswechsel lauern, wie hinter dem Pistolenschuß auf Aubers Maskenball oder dem Ball der Herzogin von Richmond in Brüssel, von dem Lord Wellington direkt nach Waterloo marschierte, und wenn es Ihnen in der Tat Ernst ist mit einem Karlistenaufstand, können Sie nichts besseres tun, als einem isabellistischen Bullen – honny seit qui mal y pense! ich meine durchaus nicht Herrn Marfori! – den Gnadenstoß zu geben!«

»Sie sind ein Proteus, Graf,« sagte halbverdutzt der Russe, der sich gleichfalls erhoben hatte, – »ein Rätsel, dem man durch längere Bekanntschaft erst auf den Grund kommen muß. Sie scheinen mit den wichtigsten Interessen Ihr Spiel zu treiben. Ich bitte, zeigen Sie mir offen Farbe!«

Der Graf lachte. »Als ob mir Herr von Netschajeff nicht auch zwei Gesichter gezeigt hätte! – Aber lassen Sie uns noch einen Augenblick verziehen – dort kommt der König!«

»Der König Franz d'Assis?«

»Wir haben zur Zeit noch keinen anderen. – Wenn Sie ihm nicht gerade begegnen wollen …«

»Ich bin bei Hofe noch nicht vorgestellt!«

»Dann tun wir besser, wir bleiben hier und verhalten uns ruhig. – Überdies scheint er sich absichtlich der Etikette entzogen zu haben, denn er ist allein mit seinem Adjutanten und einem Kammerherrn.«

Es war in der Tat der Gemahl der Königin, der König Franz d'Assis Maria Ferdinand, der Sohn des Infanten Franz de Paula, den die Politik Louis Philipps der Thronerbin zum Gatten gegeben hatte in der Überzeugung seiner Impotenz, um auf diesem Wege die künftige Erbfolge seinem eigenen Sohne zu sichern. Alle Welt weiß, daß die bourbonische Fruchtbarkeit Isabellens die Erwartungen Louis Philipps getäuscht hatte. – Der König, – eine sehr kleine magere Figur – zeigte in dem spitzen, schmalen Gesicht, das durch Schnurr- und Kinnbart noch unvorteilhafter verlängert wurde, unverkennbar die altspanische Abkunft. Obschon er erst 39 Jahre zählte, bewies die blasse Farbe des Gesichts und die schlottrige gebrochene Haltung des Körpers einen förmlichen Verfall aller Kräfte. Der Ausdruck seiner Mienen hatte einen frömmelnden Charakter, zeigte aber in diesem Augenblick eine gewisse, gewaltsam unterdrückte Besorgnis.

Der zweite Adjutant des Königs, Generalmajor Don Joaquim Fitor y Alvarez und ein Kammerherr begleiteten ihn. Die anderen Personen, die ihm gefolgt waren, blieben auf einen Wink des Kammerherrn am Eingang des Treibhauses zurück.

Der König, leicht auf den Arm seines Adjutanten gestützt, kam den großen Gang des Gewächshauses entlang und näherte sich dem Halbrondell der kleinen Fontäne an dessen Ende.

»O sehen Sie wie reizend, General – ich werde der Frau Botschafterin dafür mein Kompliment machen,« näselte der König. »Die Gewächsdekoration kann nicht schöner sein an der Nische der heiligen Jungfrau unserer Kirche von Santa Maria am Festtag der unbefleckten Empfängnis. – Sie sagten also, daß der Auflauf heute abend auf der Puerto del Sol nichts zu bedeuten hatte?«

»So hörte ich eben von Sennor de la Vega de Armigo, dem Chef der Polizei als Zivilgouverneur von Madrid.«

»Aber heiliger Domingo, was war denn wieder die Ursach' von all dem Lärmen?«

»Es ist ein junges Mädchen verschwunden, mi Sennor, Spanische Anrede für: Euer Majestät. und der Vater hetzte darüber das Volk auf gegen die Polizei, weil bereits mehrere ähnliche Fälle vorgekommen sind.«

Der König fuhr sich mit dem Spitzentuch, das er in der Hand trug, über das Gesicht. »Heilige Madonna, was kann die arme Polizei dafür, wenn irgendeine liederliche Dirne ihren Eltern davonläuft! Diese Madrilenen sind doch ein unruhiges Volk.«

» Mi Sennor – das verschwundene Mädchen ist die Tochter eines verdienten alten Offiziers.«

»Mein Himmel, – unsere Sennoritta's vom Militär haben eben so heißes und unruhiges Blut wie ihre Herren Väter. Wissen Sie zufällig, wie der arme Vater heißt?«

»Sennor Castillo hat mir eines der Flugblätter gegeben, die der Vater und einer seiner Verwandten auf der Puerto del Sol verbreitet haben und wegen deren sie verhaftet werden sollten.«

»Sollten. Sie sind also nicht verhaftet worden?«

» No mi Sennor, das Volk hat sie wieder befreit.«

»Heilige Jungfrau, das ist sehr ungerecht; diese Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit, die allein für die Person zu sorgen hat, ist ja nicht besser als Aufruhr. Wir müssen mit dem Marschall sprechen, daß die Autorität des Gesetzes aufrecht erhalten wird. Man kann ja die Übeltäter, die doch allein den Tumult hervorgerufen, im Stillen verhaften.«

» Mi Sennor – der Mann ist ein alter wohlverdienter Offizier. Ich kenne ihn persönlich. Der Kapitän Landero hat sich im ersten Carlistenkriege tapfer für Ihre Majestät geschlagen.«

»Das ist alles recht schön, lieber General, aber das entschuldigt nicht, daß der Mann ein Rebell ist. Schon in meiner Eigenschaft als Generalkapitän der Armee kann ich dergleichen nicht dulden. – Aber geben Sie mir das Blatt, lieber General, ich werde es lesen, indes Sie die Güte haben, nachzusehen, ob Ihre Majestät nach mir verlangen.«

Der Generaladjutant salutierte und entfernte sich; der König hatte sich auf die Bank des Bosketts niedergelassen und las das Flugblatt, – der Kammerherr stand in respektvoller Haltung ihm gegenüber.

»Nein – diese Sprache! ich bitte Sie, lieber Marquis – es ist unerhört, es darf nicht geduldet werden! – Können Sie es machen« – fuhr er leiser fort, – »daß Sie heute abend noch auf einen Augenblick das Kloster besuchen? – Die ehrwürdige Mutter muß einen Wink erhalten, daß sie die höchste Vorsicht beobachtet.«

»Seien mi Sennor unbesorgt. Es kann nicht der geringste Verdacht auf das Kloster fallen – die jungen hübschen Sünderinnen, die zu ihrem eigenen Besten dort interniert werden, sind stets aus entfernten Kirchsprengeln. Wenn mi Sennor die Gnade haben wollen, mich bei dem Aufbruch Ihrer Majestät zu beurlauben, werde ich Zeit genug haben, hinzufahren.«

»Um der Heiligen Märtyrer willen, nur keine Unvorsichtigkeit, Marquis, – lassen Sie ja den Wagen, wie wir gewöhnlich tun, in einer anderen Straße halten. Sagen Sie der ehrwürdigen Mutter, daß ich in einigen Tagen selbst kommen werde. Wahrhaftig, meine Nerven bedürfen der kleinen Erholung. Man hat mich wissen lassen, daß man sehr interessante neue Gruppierungen aus der höchst verdammenswerten heidnischen Mythologie zum abschreckenden Beispiel vor der Sünde arrangiert hat. Ich hoffe, daß die kleine Progressistin in sich gegangen ist und sich gefügt hat. Sie ist in der Tat sehr hübsch, und kann später zu den Studien aus der biblischen Geschichte verwendet werden. – Ich werde mit Armigo sprechen, daß er die Unruhstifter streng verfolgt.«

»Verlassen sich mi Sennor auf mich.«

»Warten Sie – welchen Tag? O diese lästige Etikette. – Es wird sich leider Sonntag nicht machen lassen, der heilige Hilarius gehört zu meinen besonderen Schutzpatronen; – aber man hat mir von einer Corrida gesprochen, die man in der nächsten Woche zu Ehren der Empfängnis der Königin geben will! – Hol sie der Teufel! wo sie nur den Bastard wieder aufgelesen hat! – Wenn die Königin das Stiergefecht besucht, pflegt sie gewöhnlich zeitig sich niederzulegen. Sagen wir also am Tage des Stiergefechts! – Doch, da kommt der General.«

Generalmajor Alvarez kam in der Tat vom Eingang des Gewächshauses her, um zu melden, daß Ihre Majestät die Königin soeben den Spieltisch verlassen habe und im Begriff stehe, Cercle zu machen.

Der König erhob sich eilig. »Dann ist es Zeit – lassen Sie uns gehen, Sennores!«

Er hatte das Gewächshaus verlassen. Der Graf Lerida, der bisher sich nicht gerührt und den Arm seines Gefährten wie in einem Schraubstock gepackt gehalten hatte, atmete tief auf – seine Augen funkelten, auf seiner Stirn zeigte sich ein roter Fleck.

»Auch für uns ist es Zeit zu gehen! – Sprechen Sie Spanisch, Herr von Netschajeff?« Die Unterhaltung zwischen ihnen war selbstverständlich Französisch geführt worden.

»Sehr schlecht – aber ich werde mir sofort alle Mühe geben, die edle Sprache des Cid zu lernen. Soviel verstand ich wohl, daß von einem Tumult die Rede war.«

»Ein bloßer Polizeilärm. Kommen Sie, und bitte lassen Sie sich bei Vicomte Digeon für das Stiergefecht einschreiben. Schreiben Sie immerhin nach Petersburg, daß vielleicht, ehe acht Tage um sind, die Fahnen des Königs Don Carlos vor den Toren von Madrid wehen, oder die Republik Spanien ihre diplomatische Anerkennung verlangen wird.«

Der Graf hatte den russischen Attaché unter den Arm genommen und schlenderte mit ihm durch die Salons, rechts und links sehr häufig Damen und Herren begrüßend und hin und wieder seinen Begleiter vorstellend.

»Unsere Opposition scheint sich gerade nicht zu beeilen, ihren Respekt vor dem Thron kund zu geben. Sehen Sie den Herrn dort, der eben mit Rivera spricht, mit dem vollen männlichen Organ, es ist Olozaga, der Senior aller progressistischen Revolutionen, ohne ein einziges Mal den Mut zu haben, radikal zu sein. – Da haben Sie die Philanthropen Ihrer armen schwarzen Brüder von Kuba und Domingo, denen ich gern allen Anspruch auf Menschenrechte zugestehen würde, wenn sie nur nicht so ein schmähliches Rassenodeur hätten. Was meinen Sie, ob die Südstaaten siegen werden oder die Yankees von Newyork?«

Der Russe zuckte ungeduldig die Achseln und drängte vorwärts.

»Einen Augenblick – sehen Sie die schöne Dame mit den Samtaugen in der lichtblauen Robe? Erlauben Sie, daß ich Sie der Frau Marquise Nevada vorstelle!« und er sagte der schönen Frau die übertriebensten Artigkeiten, bis sie ihn mit dem Fächer auf den Mund schlug und seelenvergnügt davonrauschte. »Es ist die eitelste Närrin von ganz Madrid! – Aber da haben Sie eine historische Person, die da vor uns zum Saal mit dem Herrn Erzbischof geht, den hageren, grauen General – es ist bei Gott der Marschall Narvaez selbst. Was zum Henker ist denn in der Lust, daß er sich aus seinem Retiro blicken läßt? Wackelt das Ministerium? Denn seinem Neffen Marfori zuliebe kommt der edle Herzog von Valencia sicher nicht an den Hof, oder hat die Kontrabandista etwas ausgefressen, daß sie Don Ramon, den König und Beschützer aller Schmuggler von Spanien, in Bewegung setzt? Vamos! – seine Anwesenheit wird meine kleine Lüge an die Sennora Marquisa nur bestätigen.«

So plaudernd, kamen sie weiter, bis sie den Eingang des großen Saals erreicht hatten, in dem in diesem Augenblick die Königin mit ihren Damen sich befand.

Der Russe kannte die Personen des Hofes noch nicht und der Graf nannte ihm die interessantesten Persönlichkeiten.

Die Königin Isabella war keine besondere Freundin der Bewegung oder des langen Stehens, obschon bei letzterem ihre große stattliche und starke Figur keinen unvorteilhaften Eindruck machte. Das Gesicht war rund und fest und hatte mit den blauen Augen, dem ziemlich kleinen Mund und dem Doppelkinn einen gutmütigen phlegmatischen Charakter. Wenn sie sprach, geschah dies jedoch mit großer Lebendigkeit.

Gegenwärtig saß die Königin auf einem großen Fauteuil, den sie mit ihrer Robe ganz ausfüllte; ihr zur Seite auf einem ähnlichen etwas kleineren Sessel befand sich ihre Schwester, die Herzogin von Montpensier; der König Gemahl stand zu ihrer Rechten. Es fand die Ordnung statt, daß der Herr des Hauses die Personen aus dem an der entgegengesetzten Wand gebildeten Halbkreis der Gesellschaft, die ein Wink oder ein Wort der Königin bezeichnete, bis in die Entfernung von drei Schritten zu ihr heranführte, worauf sie den dazu Berechtigten aus der Grandezza die Hand zum Handkuß reichte. Hinter den Sesseln der beiden hohen Damen hatte sich der Hof gruppiert.

Merkwürdig stach gegen die glänzenden Toiletten der Damen und die reichbesternten Uniformen und Fracks der Kavaliere die Erscheinung von zwei Personen ab, die dicht hinter dem Sessel der Königin zur Rechten und Linken standen und zu denen sie sich in den Zwischenpausen der Vorstellung häufig wandte, um leise einige Worte mit ihnen zu wechseln. Es war dies ein Mann in der schwarzen Uniform des Jesuiten. Es war ein Mann von kleiner starkgliedriger Figur, mit glattem, aber durch eine starke Narbe entstelltem Gesicht von brutalem Ausdruck, aus dem zwei unruhige, spitzbübische Augen umherfuhren. Ein leises Wort von ihm schien oft die Königin zu bewegen, die eine oder die andere Person durch ihre Herbeirufung zu begünstigen.

Die zweite in dieser Umgebung ausfallende Persönlichkeit war eine Frau, bereits alt und mit tiefgefurchtem Gesicht, im Gewand der barfüßigen Karmeliterinnen, um den Hals an einem Bande eine Art kleinen Schreines oder flachen Kästchens von Gold, reich mit Edelsteinen, tragend, in dem sich irgendeine jener neuen Reliquien befand, mit denen sie die Königin und den König überhäufte. Das faltige Gesicht dieser Frau hatte im Gegensatz zu dem ihres Genossen einen überaus scheinheiligen Ausdruck von demutvoller Ergebung und Frömmigkeit.

Don Juan mit seinem Begleiter hatten eine sehr günstige Stellung zur Seite hinter der zweiten oder dritten Reihe des Kreises erhascht, von der aus sie die ganze eigentümlich interessante Szene übersehen und ungestört, freilich in flüsterndem Tone, ihre Bemerkungen machen konnten, was denn auch in vollem Maße geschah.

»Ist der Ministerpräsident zugegen?« fragte der Russe.

»Gewiß! Sehen Sie dort links vom König den großen, schönen Mann mit dem schmalen Gesicht, den kleinen, klugen Augen und dem stark nach aufwärts gedrehten Schnurrbärtchen, das ist der Marschall O'Donnell, Herzog von Tetuan. Er redet eben den Infanten Don Sebastian an.«

»Ein vornehmes, intelligentes Gesicht! Ist nicht der Infant – er scheint eben nach uns herüberzusehen, – Karlist?«

»Er war es bis vor kurzem, und lebte deshalb in Neapel. Seit der Vertreibung des König Franz ist er zurückgekehrt und hat die Regierung der Königin Isabella anerkannt.«

»Neben ihm steht der Schwager der Königin, der Infant Heinrich, Herzog von Sevilla und Vizeadmiral der spanischen Flotte, wenn es überhaupt noch der Mühe wert wäre, von einer spanischen Flotte zu reden, seit die brutale Narrheit seines Oheims, König Ferdinands, sie aus Furcht vor Revolutionen der Seeleute vernichtete.«

»Der Infant hat einen merkwürdigen Zug, der an das Gesicht Karls IV. von England erinnert.«

»Man hat ihm auch gewahrsagt, daß er keines natürlichen Todes sterben werde. Bekanntlich wurde am 12. März 1870 der Infant Heinrich von dem Herzog von Montpensier im Duell erschossen. Übrigens ähnelt er seinem Vater, den seine siebenundsechzig Jahre von der Hofetikette entbinden. Es könnte dem alten, verkommenen Roué überdies unangenehm sein, wie die böse Welt sagt, die kleine Blutschande, den eigenen Sohn mit der eigenen Tochter verheiratet, immer vor Augen zu haben. Übrigens ist der Infant Heinrich der einzige, der den Intrigen seines geliebten Schwagers, des Herzogs von Montpensier, auf die Finger sieht. Es herrscht bittere Feindschaft zwischen ihnen, – da im Falle eines früheren Todes der Königin – beide auf das Amt des Lieutenant di royaume, also der Vormundschaft über den jetzigen Thronerben Anspruch haben. Sehen Sie da – die Hofparteien scheiden sich stark, Pater Clarette, Spitzname des Pater Claret, Beichtvater der Königin. Hochwürdiger Erzbischof von St. Jago de Cuba, mit dem Andenken der Schmarre an die Havanna, winkt Herrn Gonzalez Bravo, dem braven Mann.«

Der spätere Minister, der hauptsächlich durch seine reaktionären Maßregeln den Sturz der Königin veranlaßte, war an der Reihe eines sehr gnädigen Empfangs. Man konnte einige Unruhe an der Haltung des Ministerpräsidenten bemerken.

» Voilà – jetzt kommen die Progressisten an die Reihe, Madame de Montpensier hat ihrer königlichen Schwester einen kleinen Wink gegeben. – Sehen Sie, das ist General Serrano – Sie werden gleich eine kleine Neuigkeit erleben.«

Ein Kavalier, zwar in Zivil, aber von militärischer Haltung, eine hohe, volle, aristokratische Erscheinung mit stolz emporgeworfenem Kopf war auf den Wink des Marquis Heredia vorgetreten und näherte sich der Königin.

Es war in der Tat der Marschall Francisco Serranoy Dominguez, der schöne Oberst, wie vor siebzehn Jahren die junge Königin ihn zu nennen pflegte, als sie mit dem stattlichsten Offiziere ihrer Garden noch in den Gärten des Buen Retiro Haschen spielte und sich in die dunklen Grotten zu verlieren liebte, – der wiederholte Rebell, für den die Frau immer noch eine zärtliche Schwäche im Herzen trug.

Da der Marschall nicht zur alten Grandezza von Spanien gehörte, begnügte er sich statt der halben Knieneigung mit einer tiefen Verbeugung, aber die Königin reichte ihm etwas hastig die Hand, die er küßte.

»Sie machen sich selten, Marschall,« sagte sie über den ganzen Saal hin verständlich. »Ich habe Sie lange nicht bei Hofe gesehen, die Luft von Madrid scheint Ihnen nicht recht zu gefallen.«

»Mi Sennora wissen,« sagte der General, ohne auf den Doppelsinn einzugehen, »daß die Luft von Madrid sehr scharf weht.«

»Haben Sie die erfreulichen Nachrichten von Domingo gehört? Man hat beschlossen, sich wieder Spanien einzuverleiben.«

»Die Nachricht zirkulierte heute in den Cortes, mi Sennora!«

»Dann werden Sie begreifen, Marschall, daß wir in der Havanna eines zuverlässigen und energischen Gouverneurs bedürfen, um endlich die Ruhe herzustellen. Sie kennen die Intentionen meiner Regierung, ich habe deshalb beschlossen, Sie zum Generalkapitän von Kuba zu machen. Herzog, sorgen Sie dafür, daß Marschall Serrano so rasch wie möglich das Patent erhält.«

Der Ministerpräsident verbeugte sich – Serrano war ziemlich überrascht einen halben Schritt zurückgetreten; – die Ernennung glich trotz aller Vorteile, die sie bot, so ziemlich einer Verbannung. Sein Blick suchte hastig das Auge des Herzogs von Montpensier; – eine fast unmerkliche Bewegung der Schultern und ein leichtes Augenzwinkern sagten ihm, daß nichts zu machen sei und er annehmen solle.

Obschon die Pause nur die Dauer von Sekunden hatte, war sie doch von der Königin nicht unbemerkt geblieben.

»Ich hoffe, Marschall,« sagte sie, – »Ihnen mit der Ernennung für Kuba einen besonderen Beweis der Fortdauer meiner Gunst gegeben zu haben. Meine Generalkapitäne der Havanna haben das sehr wohl verstanden« – ihr Blick streifte nicht ohne Ironie über den Marschall O'Donnell hin – »und es soll viele sehr schöne und reiche Damen dort geben. Ich hoffe, Marschall, daß Sie dem Hofe bei Ihrer Rückkehr oder Ihrem nächsten Besuch des Mutterlandes eine schöne Havanneserin als Gattin vorstellen werden.«

Das war der letzte Schlag – der Marschall murmelte einige unverständliche Worte des Dankes und beugte sich nieder auf die fleischige Hand der Königin, die sie ihm nochmals reichte, während ihr Blick zugleich einen in einiger Entfernung stehenden Mann traf von ziemlich schlechter und plumper Gestalt, etwa vierzig Jahre alt, weder hübsch noch elegant, aber von anmaßender Miene.

Der Caballero stand in vertrauter Haltung neben dem sechzigjährigen Marschall Narvaez, und das Kommandeurkreuz des Ordens Isabellas, der Katholischen, schmückte seine Brust, er mußte also ein Mann nicht ohne Bedeutung sein.

Der Graf von Lerida stieß seinen Nebenmann an. »Sehen Sie dahin, auf Marfori, der schofle Chorist der italienischen Oper grinst wie ein Affe voll Genugtuung über die Verbannung seines Rivalen, der zehnmal liebenswürdiger und nobler ist, als der schmutzige Geldmacher.«

»Es sollte mich sehr wundern, wenn ein Mann wie Serrano ihm das nicht bei Gelegenheit eintränkt, früher oder später, und es sollte mich das nur freuen, denn ich mag den Kerl auch nicht leiden. Madame Christine, ihre Mutter, hatte wenigstens den Geschmack, in Herrn Munnoz sich einen strammen Gardisten gewählt zu haben.«

Der General war zurückgetreten und einige Mitglieder der fremden Diplomatie hatten seinen Platz eingenommen. Der französische Legationssekretär nickte bedeutsam herüber nach Don Juan, – jetzt war es ihm klar, was dieser vorhin gemeint hatte.

»War der Pater dort früher Soldat?« fragte der Attaché, auf den Beichtvater deutend. »In den katholischen Konvikten pflegt man sich sonst gerade nicht solche Wunden zu holen.«

»O – er hat Gelegenheit genug dazu gehabt! wie die böse Welt behauptet, und die Register der Kontrabandista könnten vielleicht einige Beiträge dazu liefern, war er in seiner Jugend Dieb, Wegelagerer und Schmuggler, vor allem Karlist. Als es anfing schlimmer zu gehen, ging er über die Grenze und bettelte sich nach Rom. Die Herren Patres von der Gesellschaft Jesu können Männer von Charakter brauchen; zwanzig Jahre später war Pater Claret Erzbischof von San Jago de Cuba, und als er da von der Kanzel herab die schwarzen Damen gegen die schwarzen Gentlemen hetzte, fielen die Herren Nigger über ihn her und versetzten ihm den Denkzettel. Als Märtyrer kam er nach Madrid und fand Gnade vor Königin Isabella, die zum Ablaß für ihre kleinen Sünden auch mit Ketzern und Juden einen Mann vom Schlage des Paters brauchte, der nicht engherzig ist im Absolvieren, wenn nur die heilige Kirche einige irdische Vorteile davon hat. Man hat mir erzählt, daß in Wien die würdigen Väter Ligorianer besondere Predigten für die Frauen hielten, die kein Mann besuchen durfte. Nun, unsere tugendhaften Sennoras hatten sich des gleichen Kitzels in der Kirche San José an der Alkala zu erfreuen, bis es den heißblütigen Männern etwas zu arg wurde und sie vor zehn Jahren bei einer der heiligen Predigten im Begriff waren, die Kirche, den Pater Claret und seine ganzen frommen oder lüsternen Schafe zu verbrennen! Im Jahre 1851. – Pater Claret sorgt für die irdische Absolution, Sor Patrocinio für die Anwartschaft auf den Himmel ohne den lästigen Übergang des Fegefeuers.«

»Haben Sie auch eine so interessante Lebensgeschichte für die ehrwürdige Schwester in Bereitschaft, wie für den hochwürdigen Herrn?« fragte spottend der Russe.

»Keinen Frevel, Herr von Netschajeff, das bitte ich mir aus! Sor Patrocinio hat schon vor fünfundzwanzig Jahren Wunder getan und die heiligen Male in permanenter Blutung an Händen, Füßen und Seite getragen. Schändlich nur, daß das Urteil des Landauditor von Madrid, Don Juan Garcia Bucerra vom 25. November 1836 sie auf Grund ihres eigenen Eingeständnisses bezüchtigt, damit das leichtgläubige Publikum betrogen zu haben, und dafür die sonst sehr heilige Nonne Maria Raphaela del Patrocinio zur zwangsweisen Einsperrung in einem Kloster 40 Leguas von Madrid kondemniert hat. Aber Sie sehen, der heilige Geist bricht sich doch Bahn und die fromme Sor Patrocinio ist wieder in Madrid und das Orakel Ihrer Majestät der Königin Isabella und Sr. Majestät des Königs Franz d'Assis. Nur beginne ich zu besorgen, daß Sor Patrocinio auch für die irdischen Seligkeiten des letzteren voll liebevoller Nachsicht ist! – Aber, wenn ich nicht irre, scheint der russische Gesandte Sie zu suchen, und will wahrscheinlich die Gelegenheit benutzen, Sie den Majestäten vorzustellen. Glück zu, mein Lieber! Chacun a son tour!«

Es war in der Tat so und der russische Attaché trat in die vorderen Reihen, wo er von seinem Chef abgerufen wurde. Der Graf von Lerida aber benutzte die Gelegenheit, seinen Platz einzunehmen und sah sich dort bald bemerkt und vielfach ausgezeichnet.

Der Intendant des Palastes hatte sich ihm genähert, während der alte Marschall den jungen Mann mit einem finsteren Blick betrachtete, den dieser trotzig erwiderte. Die Ermordung seines Vaters war eine Tat, die er dem alten Feldherrn der Christinos nicht vergeben konnte.

»Man hat mir gesagt, Sennor Conde,« sagte der Intendant mit einer an ihm ziemlich ungewohnten Höflichkeit, »daß die jungen Caballeros Ihrer Majestät zu Ehren eine Stierhetze in nächster Woche veranstalten wollen?«

»Wir beabsichtigten Ihre Majestät um die Erlaubnis zu bitten und sie dazu einzuladen.«

»Ein willkommenes Vergnügen – ich bin selbst Liebhaber der edlen Tauromachie!«

»Aber soviel ich weiß, wird sie doch nicht auf Aktien betrieben.«

Der Intendant des Palastes zog es vor, die Impertinenz zu überhören. »Haben Sie vielleicht das Programm und die Liste der Afficionados bei sich, Sennor Conde?«

»Zu dienen!«

»Dann müssen Sie mir die Gunst erweisen, mir dieselbe zu zeigen. Ich versichere Sie, daß ich mit Vergnügen meinen eigenen Namen darunter setzen und teilnehmen würde, wenn mein Amt dergleichen gestatten könnte.«

Der Graf richtete sich hochmütig empor. »Euer Exzellenz hatten die Güte, selbst zu bemerken, daß die Corrida von jungen Kavalieren der ersten Gesellschaft ausgeführt werden soll.«

Der Intendant biß sich auf die Lippen, sein plumpes Gesicht überzog sich mit Röte, er hatte aber soviel Verstand zu antworten, daß er eben doch zu alt dazu sei, sich diesem Vergnügen zu widmen. Dann nahm er die erste Gelegenheit wahr, zu seinem Verwandten zurückzukehren.

»Unvorsichtiger,« flüsterte warnend eine Stimme neben ihm, – »Sie haben sich einen Todfeind gemacht und ich gebe keinen Quarto dafür, daß Ihre Quadrille überhaupt zustande kommt.«

» Nous verrons!« – Der junge Abenteurer sah erst jetzt, daß er neben dem schönen Artillerieoffizier stand, den wir vorhin schon erwähnt haben. Er lachte.

»Sennor Espinosa,« sagte er, »ich dächte, wir hätten genug mit einem Kuchenbäcker in der spanischen Aristokratie und brauchen nicht noch einen Bänkelsänger. Ich denke, Sie würden den edlen Sennor ebenso abgeführt haben, wenn er sich hätte beikommen lassen, sich Ihnen aufzudrängen oder z. B. Donna Ines de Cordoba, der schönen Hofdame Ihrer Majestät, zu nahe zu kommen, wozu der würdige Intendant die größte Lust zu haben scheint.«

»Ich drehe dem Schurken den Hals um, wenn er es wagt,« flüsterte erbittert der Kapitän. »Aber wie kommen Sie auf den Namen gerade dieser Dame?«

» Demonios! Man müßte blind sein, wenn man nicht sehen sollte, daß Sie diesen Abend nur Augen für sie hatten. Nehmen Sie sich in acht, Kapitän, Ihre Majestät liebt nicht, daß ihre schönen Gardeoffiziere die Reize ihrer Hofdamen über ihre eigenen setzen.«

»Sie sind und bleiben ein Spötter, man darf Ihnen nichts übel nehmen,« meinte der Kapitän, ohne eine Ahnung zu haben, wie bald Kapitän Espinosa, bald darauf bei einem Pronunciamento der Artillerie beteiligt, zum Tode verurteilt und der Königin als der »schönste Mann der Armee« zur Begnadigung empfohlen, sollte diese erhalten, als unglücklicherweise die Königin erfuhr, daß eine ihrer Hofdamen sein Herz besaß, und ihn erschießen ließ. sich die Warnung blutig bewähren würde!

Der Graf fand nicht Zeit, seinem Mutwillen weiter zu fröhnen, denn eben trat der Kammerherr der Königin zu ihm.

»Herr Vicomte Digeon, Herr Graf von Lerida!«

Die beiden Herren folgten dem Marquis, der sie zu der Königin führte. Der Vicomte verbeugte sich nach französischem Brauch, der Graf beugte nach der spanischen Etikette leicht das Knie und küßte die Hand der Königin.

»Sieh' da, Lerida,« Die spanischen Könige duzen nach der Landessitte die Mitglieder der Grandezza. sagte diese, »warum hast du dich nicht im Palast sehen lassen, seit wir vom Eskurial zurück sind? Ich höre schöne Sachen von dir, du sollst ein arger Taugenichts und Frauenjäger sein?«

Der Conde hatte sich auf ein Zeichen der Königin erhoben. »Mi Sennora müssen mir erlauben, mich an der Zahl zu entschädigen, da die einzige, der ich meine Huldigung widmen möchte, zu hoch über mir steht.«

Die Königin lächelte geschmeichelt. »Du bist ein Schelm und weißt dich gut auszureden. Unsere Schwester, die Kaiserin Eugenie hat mir von dir geschrieben und welchen Dank sie dir schuldet. Ich empfinde mit ihr, denn der Infant Alphons ist fast in demselben Alter, wie der Prinz Louis. Ich erteile dir zur Belohnung meinen Orden – du brauchst auch nichts zu bezahlen dafür, ich werde es verbieten.«

»Mi Sennoras Gnade ist unbezahlbar!« sagte der Graf mit gut geheuchelter Demut.

»Man hat mir aber auch gesagt, daß du ein halber Ketzer bist, und dich niemals in der Kirche sehen läßt oder zur heiligen Beichte gehst.«

Der Graf sah höchst zerknirscht aus. »Man hat mich bei Mi Sennora verleumdet, aber das erstere hat gewiß keine Dame gesagt. Würde Se. Gnaden der Herr Erzbischof von San Jago de Cuba mir die Ehre erzeigen, meine Beichte zu hören, würde er mir gewiß so vollständig Absolution erteilen, wie Mi Sennora, meiner gnädigsten Königin.«

Diese lachte. »Man hat nicht unrecht gehabt, Graf, als man mir sagte, daß du ein allzeit fertiges Mundwerk hast. Aber nimm dich in acht und laufe nicht so viel mit den Progressisten und den Feinden des Staates und der Kirche. Ich bin dir wohl geneigt, Graf. Wie ist es mit der Stierhetze, die Ihr trotz des Winters veranstalten wollt?«

»Zu Ehren des frohen Ereignisses, das die Nation beglückt, erlauben wir uns …«

Die Königin unterbrach ihn in ihrer derben Weise. »Na, na – es wird so arg mit der Beglückung nicht sein, Salaverria und unsere lieben Cortez schreien ohnedem über die Apanagen. Das Budget der Königin Isabella betrug jährlich 5 Mill. Taler; die Apanage der Königin Christine 300 000 Taler, des kleinen Prinzen von Asturien 245 000 Taler, der Infantin Isabella 200 000 Taler, der Herzogin von Montpensier 250 000 Taler, des Königs 200 000 Taler. – Man halte die Sprache nicht für übertrieben, sondern erinnere sich, daß die Königin einst auf einem Maskenball, auf dem sie ein kostbares Kostüm als Kleopatra trug, einem von ihr sehr begünstigten Kavalier öffentlich eine Ohrfeige gab, weil er mit einer Hofdame sich zu viel beschäftigte. Lächerlich! als ob meine Kinder von der ungesunden Madrider Luft leben könnten. Aber ich erlaube Euch gern die Stierhetze und will auch hinkommen, wenn es meine Zeit und meine religiösen Pflichten erlauben,« sie sah sich nach der Sor Patrocinio um. »Welchen Tag habt Ihr denn dazu bestimmt?«

»Mit Mi Sennoras Erlaubnis den Tag vor dem Feste San Antonio, also Mittwoch. Die nötigen Vorbereitungen gestatteten es nicht anders.«

»Na – mir ist's recht. Sie wollen also auch einen Stier hetzen, Sennor Digeon?«

»Euer Majestät erlauben mir allergnädigst, das Programm und das Namensverzeichnis der Corrida zu überreichen.«

»Schau schau, Sie sprechen ja von dem Dinge wie ein Spanier. Ich empfehle euch, Kinder, holt euch hübsch bei Pucheta guten Rat, das ist ein tüchtiger Kerl und führt eine famose Klinge. Ich hab' ihm deshalb auch einen Orden gegeben. Wie ich sehe« – sie hatte einen Blick auf das Programm geworfen, – »wollt ihr das Ding ja gar wie die alten Ritter anfangen zur Zeit König Philipps IV.! Nun ich freue mich darauf und werde kommen, ob meine schwarzen Räte hier hinter mir wollen oder nicht! Mein Wort darauf, und nun geht hübsch und macht anderen Platz. Ich bin ohnehin müde und werde bald nach Hause fahren. Und höre du, Lerida, daß ich nichts wieder von deinen Streichen mit meinen Hofdamen oder den Kammermädchen höre!«

Sie drohte ihm gutmütig lachend mit dem Finger, während sich die beiden Kavaliere innerlich ergötzt von der seltsamen Audienz zurückzogen.

Als sie sich außer Sicht befanden, das heißt in einen der Nebensäle getreten waren, sahen sich beide an, verzogen das Gesicht und brachen dann in ein halblautes Lachen aus.

» Ma foi,« sagte der Vicomte, »das heiß' ich den Stier bei den Hörnern fassen! Zum Ritter geschlagen, noch bevor Sie einen Stoß riskiert. Diable, Sennor Conde – es ist schade, daß der Posten bereits durch Herrn Marfori besetzt ist, anderenfalls wollte ich eine Pferdelänge auf Sie parieren!«

»Es ist mir nur lieb, daß die Königin ihr Wort gegeben hat,« replizierte der Graf, »anderenfalls hätte der Kerl uns gewiß einen Streich gespielt. Wissen Sie, daß er nicht übel Lust hatte, seinen Namen in unsere Corrida einzutragen?«

»Hol' ihn der Teufel – ich hätte mich an keinem Hofe Europas mehr mit Anstand sehen lassen können! Und wie parierten Sie das unverschämte Gelüst? – ich glaube, der Bursche kann kaum auf einem Pferde sitzen, so plump benimmt er sich.«

»Ich habe ihn mit der nötigen Grobheit behandelt, obschon ich einen Augenblick schwankte, ob man ihn nicht im Interesse Spaniens die Hörner eines Bullen probieren lassen sollte. Aber es gilt nun schleunigst die nötigen Anordnungen zu treffen und, wie die Königin geraten, Meister Pucheta dafür zu gewinnen.«

»Ich habe Montes Werk über die Tauromachie eifrig studiert, aber nicht viel neues daraus gelernt.«

»Die mündliche Belehrung wird praktischer sein. Wollen Sie mich diesen Abend auf eine halbe Stunde in das Kaffeehaus der Stierkämpfer begleiten, dann können wir unseren Russen gleich mit uns nehmen und auch den anderen Afficionados, die sich auf der Tertulia befinden, einen Wink geben.«

»Vortrefflich, ich habe davon gehört. Aber jedenfalls müssen wir den Aufbruch der Königin abwarten.«

»Dann werden wir nicht lange zu harren haben. Ich erwarte Sie dann im Foyer.«

Der Vicomte kehrte nach dem Saale zurück, wo die Königin eben dem Cercle ein Ende machte und in einem Nebensaale den Tee, Champagner und Konfitüren einnahm, während der Graf nach dem Parterre zurückkehrte und sich nach Seespinne, seinem Groom, umsah. Der seltsame Bursche war bald gefunden, denn die Dienerschaft der Gäste, die hier ihrer Herrschaft harrte, hatte sich eiligst von ihm zurückgezogen, nachdem sie ihn anfangs zu hänseln versucht und der Kobold einem wohlgepuderten dicken Lakaien mit seinen spitzen Zähnen die Hand bis auf den Knochen durchgebissen hatte. Seitdem betrachtete ihn die schimpfende Gesellschaft wie ein kleines Ungeheuer, dem niemand zu nahen wagte.

Der Graf winkte dem Kobold nach einem der geöffneten Bureauzimmer, und zwischen Herrn und Diener entspann sich nun eine seltsame Szene.

Der taubstumme Knabe mit dem Gesicht des Fuchses und Wolfes zog aus seiner Tasche ein Täfelchen mit anhängendem Stift, das er seinem Herrn reichte und blickte mit der Aufmerksamkeit eines Hundes auf die seltsamen Zeichen und Gebärden, mit denen dieser ihm einen anscheinend wichtigen Auftrag erteilte. Wo die Zeichensprache nicht ausreichte, bediente sich der Graf des Stifts und der kleinen Tafel, und der Bursche nickte jedesmal, daß er die Befehle seines Gebieters wohl begriffen habe.

Zum Schluß hob der Graf fragend den Zeigefinger der rechten Hand, Seespinne machte einen Bockssprung und legte mit vergnügtem Grinsen zum Beweis, daß er alles wohl verstanden, beteuernd die Hand auf seinen Brusthöcker. Der Aberglaube der Mannschaft des San Martino und der Victory, die ihn für einen mißratenen Sohn des Teufels erklärte, war ihr kaum zu verdenken.

Der Graf stellte den Groom wieder an seinen Platz in einen Winkel des Foyers hinter einen der Kübel mit den großen Orangenbäumen, welche den Aufgang zierten, und kehrte nach den Salons zurück, sicher, daß sein Auftrag befolgt werden würde. –

Etwa eine halbe Stunde später brach die Königin auf. Die Offiziere vom Dienst eilten die Treppe herab, die Stallmeister sprangen in die Sättel, die Eskorte ritt vor und der Wagen der Königin fuhr vor das Portal.

Auf den Arm des französischen Botschafters gestützt, gefolgt von General Fleury, dem Oberstallmeister des Kaisers Louis Napoleon, mit dem sie häufig in halber Wendung zurücksprach, kam die Königin die breite Marmortreppe herab, begleitet von dem ganzen Cortège.

»Es tut mir leid, daß Sie so bald wieder abreisen, General,« sagte die Königin. »Ich hätte mir gern von Ihnen vieles erzählen lassen von Paris und unserer lieben Schwester der Kaiserin. Nun, ich hoffe, sie im nächsten Jahre in Biarritz zu besuchen. Haben Sie Ihre Einkäufe zur Zufriedenheit gemacht?«

»Graf de Lalaing Der Oberst-Stallmeister. ist so liebenswürdig gewesen, mich dabei zu unterstützen,« dankte der General. »Das Gespann Isabellen, das ich durch seine Güte erhielt, wird Ihrer Majestät großes Vergnügen machen.«

»Na,« sagte die Königin lachend, »ich liebe es sonst nicht, daß die Isabellen nach Frankreich gehen, sie bleiben besser in Spanien. Aber wohl bekomm's, sagen Sie nur der Kaiserin, es wäre alles in Ordnung. Gute Reise, General! – Komm, Herzogin!«

Das Kommando » Presentad las armas!« erscholl, die Klingen der Kürassiere funkelten in den hundert Gasflammen des Portals, die Jäger rissen den Schlag auf und der Botschafter selbst hob die Königin in den Wagen, in den ihr die Herzogin Witwe Alba, die Camareramajor des Palastes, die Sor Patrocinio und der Beichtvater folgten.

Das Evviva des Publikums, als der Hofwagen mit den betreßten und bepuderten Leiblakaien auf dem Trittbrett abfuhr, klang etwas schwach.

Der Wagen des Königs fuhr vor. Ehe der König mit seinem Bruder und dem Adjutanten einstieg, sagte er zu seinem Kammerherrn: »Ich brauche dich nicht mehr, Marques, du kannst über deinen Abend disponieren! Gute Nacht.«

Der Graf von Lerida stand bereits vor dem Portal hinter einem der großen Gaskandelaber der Auffahrt. Ein Druck seiner Hand auf die Achsel des Zwerges zeigte ihm die Person, die er ihm bezeichnet; es dauerte aber lange, ehe die Reihe der Hofequipagen das Hotel verlassen hatte und der Kammerherr sich entfernen konnte. Er tat dies in seinen Mantel gehüllt und durch die Menge sich drängend, um an der Fuente de Eibeles den nächsten Fiakerstand zu erreichen und einen der Wagen zu besteigen.

»Santa Barbara!«

Der verwachsene Bursche, der ihm gefolgt, konnte freilich das Wort nicht hören, aber als der Fiaker sich in Bewegung setzte, hing der Bursche hinten am Achsbrett und klammerte sich wie eine Schlange an.

Der Wagen rollte in der breiten Allee des Paseo de Recoletos davon – – – – – – – – – – – –

Als eine Stunde später Don Juan mit dem Vicomte Digeon, dem zweiten Legationssekretär der französischen Botschaft, und einigen anderen jungen Kavalieren, darunter Herr von Netschajeff, der neue Attaché von Petersburg, das Botschaftshotel verließ, fand der Graf Seespinne am Portal seiner harren. Der Knabe war etwas erhitzt und beschmutzt, aber ein schlaues Grinsen und Kopfnicken des Burschen belehrte den Herrn, daß sein Befehl erfüllt war, und als er mit ihm einen Schritt zur Seite trat, übergab ihm der Knabe ein kleines Paket.

Es war eines der gewöhnlichen Firmenschilder eines Barbiers und Haarkräuslers, das der Bursche offenbar losgebrochen hatte, um so seinem Herrn den Namen der Straße kund zu tun.

»Calle de Santa Theresa! – ah – Muy bien! Du bist ein Schlaukopf, Bursche – wer anders als du wäre auf den Gedanken gekommen! – Da nimm deine Visitenkarte und geh' voraus nach …« er machte ein Zeichen.

» Diantre – was für einen Kobold haben Sie hier, Lerida?« fragte der Vicomte – »der Knirps sieht aus wie eine verkleidete Meerkatze, wie sie in den Felsen von Gibraltar umherspringen.«

Don Juan hatte seine Zigarette an der des Vicomte in Brand gesteckt. »Es ist mein neuer Groom,« berichtete er lachend, »ein Bursche von vortrefflichen Eigenschaften und ausgezeichneter Brauchbarkeit!«

»Nun, ich schenke sie Ihnen! Um Ihren jungen Griechen oder Smyrnioten, den hübschen Burschen, habe ich Sie in der Tat schon oft beneidet, aber diese Fratze von einem Menschenleibe möchte ich um keinen Preis haben – alle Damen meiner Bekanntschaft könnten fürchten, sich an ihm zu versehen. Sie sind in allem ein Original!«

»Eine Erbschaft meines Onkels, des Excentric. Aber wo haben Sie St. Maur?«

Der Vicomte lachte. »Mylord hatte es sehr eilig, nach der englischen Gesandtschaft zurückzukehren und dort Master Edwards zu rapportieren. Sie hätten das Gesicht sehen sollen, als die Königin sich mit General Fleury beim Tee in ein Kabinett zurückzog und wohl eine Stunde allein im Gespräch mit ihm blieb. – Haben Sie nicht begriffen, daß das der eigentliche Zweck der Soiree war, und John Bull damit eine Nase gedreht worden ist?«

»Da sieht man, wie es mit der gerühmten entente cordial steht,« meinte philosophisch der Graf. »Aber freilich, ich bin kein Politiker.«

»Mephisto! man kennt Sie besser. Fleury erwartet Sie morgen bei mir zum Diner zu sehen.«

Sie schlossen sich der bereits nach der Carrera San Geronimo einbiegenden Gesellschaft an.


Als die Gesellschaft auf der Puerta angelangt war, bog der Graf von Lerida rechts nach der Calle de la Montera ein, an deren Ecke sich gewöhnlich die angesehensten Einwohner und die Beamten, die sich zur Oppositionspartei zählen, zu versammeln pflegen, führte sie an dem Hospital von San Louis vorüber und blieb in der Verlängerung der Straße vor einem einfachen Café stehen.

»Aufgepaßt, meine Herren – hier sind die Caballeros der Tauromachie …«

Er öffnete die Tür und trat ein.

Die ziemlich zahlreiche Gesellschaft bestand nur aus Männern, mehrere von ihnen in der kleidsamen andalusischen Tracht. Eine größere Anzahl stand um ein Billard versammelt, auf dem zwei Mitglieder der Gesellschaft eben ihre Geschicklichkeit maßen; andere bildeten eine Gruppe, die sich lebhaft unterhielt, und obschon die Bewegungen und Gesten der Sprecher oft äußerst lebendig wurden, machte sich doch eine gewisse natürliche Würde und Eleganz in jeder derselben bemerklich und selbst im größten Eifer des Streites hörte man nie eine unhöfliche oder auch nur unfeine Redewendung.

Den Mittelpunkt dieser Gruppe bildete ein älterer Mann von mittelgroßer, bereits etwas zur Korpulenz neigender Gestalt und von intelligentem, Muth und Entschlossenheit verratendem Gesicht. Ein gewisser Stolz, das Bewußtsein einer unbestrittenen Autorität lag in seiner Haltung und seinen Bewegungen, und in der Tat galten seine Worte dem Kreise auch als Entscheidung, denn seit länger als zwanzig Jahren erfüllte sein Ruf ganz Spanien und hatte sich selbst weit über seine Grenzen verbreitet.

»Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, Caballeros,« sprach er mit etwas verächtlichem Ausdruck, »daß nach meinen langjährigen Erfahrungen in der edlen Tauromachie die bloßen Liebhaber noch nie etwas Schönes geleistet haben. Nur Männer von Fach mit gründlicher Erziehung verstehen eine gute Quadrilla herzustellen. Nur wem das Herz beim Kampfe nicht schneller schlägt, als beim Billardspiel, wessen Auge rasch und ruhig die kleinsten Bewegungen des Tieres verfolgen und voraus erraten gelernt hat, der wird noch im hohen Alter mit dem wütendsten und gefährlichsten Stier, wie die Katze mit der Maus spielen. Nun frage ich Sie Caballeros, ob solche Eigenschaften auch bei einem Afficionado zu erwarten sind, sei er auch so mutig, wie der berühmte Cid oder so stark wie Roland?«

Eine allgemeine Zustimmung im Kreise erfolgte.

»Man sagt,« bemerkte einer der Toreadores – denn das Kaffeehaus war in der Tat der berühmte Versammlungsort der Stierkämpfer Spaniens, – »daß die sociedad de afficionados sich an Sennor Pucheta gewendet und ihn um seinen Unterricht ersucht hat!«

Der vorige Redner zuckte die Achseln. »Es würde einem Manne wie ich bin, schlecht anstehn, wenn ich den Eigenschaften eines so berühmten Kollegen nicht vollkommen Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, der noch dazu den Orden Ihrer Majestät der Königin trägt, – eine Ehre, die mir niemals zuteil geworden, obschon diese Hand siebenundfünfzig Stiere mehr gefällt hat, als sich Sennor Pucheta dessen zu rühmen vermag; indessen jeder von Ihnen weiß, daß mein Kollege nicht mehr ganz fest auf seinem linken Fuß ist infolge des unglücklichen Hornstoßes, den er bei der großen Corrida zu Barcelona vor vier Jahren in die linke Wade erhalten hat …«

»Ein Unfall,« unterbrach eine Stimme außerhalb des Kreises den Redner, »der Sennor Don Franzisco Redondo in seiner langen und ruhmreichen Laufbahn niemals passiert ist.« Es war der Graf von Lerida, der unbemerkt herangetreten war und den letzten Teil der Rede des berühmten Matador mit angehört hatte. »Erlauben Sie mir, Sennor Don Franzisco, Ihnen die Deputation der Caballeros vorzustellen, welche mit Erlaubnis Ihrer Majestät der Königin beabsichtigen, am nächsten Mittwoch eine Corrida im Zirkus von Madrid zu Ehren der Schwangerschaft Ihrer Majestät zu geben, und welche zu dem ersten Espada Spaniens und der Welt kommt, um ihn zu bitten, dieselbe unter seine Leitung zu nehmen!«

Das Kompliment und der in so überaus höflicher Weise angebrachte Antrag des vornehmen Edelmannes verbreitete wahren Sonnenschein auf der Stirn des eitlen Stierkämpfers, und der Kreis seiner Anhänger, der sich rasch durch alle anwesenden Toreadores vermehrte, fühlte sich eben so geschmeichelt wie der große Matador selbst.

»Sennor,« erwiderte der Stierkämpfer mit einer Verbeugung voll Höflichkeit und Grandezza, »wenn ich auch das Glück habe, von Ihnen gekannt zu sein, so habe ich doch leider nicht die Ehre, Ihren Namen und Titel zu wissen, um Ihnen in gebührender Weise danken zu können.

»So erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Juan Graf von Lerida, Grand zweiter Klasse, früherer Offizier und gegenwärtig mit diesem Sennor, dem Herrn Vicomte von Digeon, Legationssekretär Sr. Majestät des Kaisers von Frankreich, Empressario des Stiergefechts, das wir die Ehre zu haben wünschen, unter Ihre Leitung zu stellen.«

Der Matador verneigte sich auf das Höflichste. »Euer Exzellenz erweisen mir eine hohe Gnade. Ich bin ganz zu Euer Exzellenz Diensten und diese Herren, meine Freunde und Gefährten werden es ebenfalls sein.«

Der ganze Kreis der Stierkämpfer verbeugte sich.

»So werden Sie, Sennor Don Franzisco mir erlauben, um uns über die Form und die Bedingungen der Quadrilla mit meinen Freunden zu verständigen, Sie und diese Herren um die Ehre zu bitten, unsere Gäste zu sein. Heda, Muchacha Kellnerin., sagen Sie dem Wirt, uns zwei Körbe Champagner zu schicken.«

Die Bestellung erregte den Enthusiasmus der Toreadores. Während der Graf dem Sennor Redondo seine Begleiter vorstellte, die auf die Komödie eingehend, den Espada und seine Gefährten mit der ausgesuchtesten Höflichkeit behandelten, hatte sich in einigen Augenblicken die ganze Gesellschaft um die Tische gruppiert, auf denen von den Muchacha's der Champagner serviert wurde; Don Juan, der Vicomte Digeon und der Russe Netschajeff saßen mit Sennor Redondo und zwei der älteren Toreadores zusammen.

»Euer Gnaden,« sagte der Matador, »haben mir noch nicht gesagt, in welcher Weise ich Ihnen dienen kann?«

»Sie sollen es sogleich erfahren, Sennor Don Franzisco. Meine Freunde hier haben die Güte gehabt, mir als geborenem Spanier das Arrangement der Quadrillas zu überlassen, deren zwei ausgeführt werden sollen.«

» Muy bien! Nur begreife ich noch nicht …«

»Ich werde mir sogleich erlauben, Ihnen unser Programm zu entwickeln. Zunächst soll die Corrida nicht den Charakter der gegenwärtigen Art des Gefechts tragen, sondern den einer bewaffneten Stierhetze, wie sie seitens des spanischen Adels noch zur Zeit König Philipps IV. und früher bis zur Epoche des Königs Boabdil auf der Plaza Mayor und der Bivarrambla von Granada ausgeführt wurden.«

» Caramba, gnädiger Herr – Sie entzücken mich. Aber bedenken Sie auch, daß Sie nur noch vier Tage Zeit haben?«

»Tut nichts, Sennor Don Franzisco, es ist alles bis auf Ihre Zusage vorbereitet. Sie werden begreifen, daß – da unsere Corrida zu Ehren Ihrer Majestät der Königin arrangiert wird, – wir den Verhältnissen einige Rechnung tragen müssen.«

Das Gesicht des Matadors begann sich zu verfinstern, er ahnte was kommen würde. Sennor Redondo gehörte zu den Progressisten, während sein Rival ein tätiger Anhänger der Regierungspartei war.«

»Wie meinen Euer Gnaden das?«

»Es ist natürlich, daß wir auf den Wunsch Ihrer Majestät eine der Quadrillas dem Sennor Pucheta offerieren müssen. Sie werden das Vertrauen zu würdigen wissen, daß wir zuerst zu Ihnen kommen, um Ihnen die Wahl anheim zu stellen.«

Der Espada machte eine Bewegung, als wolle er sich erheben. »Euer Gnaden erzeigen mir in der Tat eine große Ehre, indes werde ich sie leider nicht annehmen können, da meine Grundsätze mir nicht erlauben, mit Sennor Pucheta zugleich in die Schranken zu treten.«

Der Graf drückte den in seiner Eitelkeit Verletzten sanft auf seinen Sessel zurück. »Sollten Sie Sennor Don Redondo mir die Ehre schenken die Patronage der Quadrilla zu übernehmen, welcher ich angehöre, so würde ich Sie bitten, auf meine besonderen Kosten uns zur Auswahl sechs der besten Stiere kommen zu lassen, überhaupt keine Ausgaben zu scheuen, um unserer Quadrilla den höchsten Glanz zu verleihen, und ich erlaube mir zu diesem Zweck vorläufig diesen Scheck auf fünfhundert Pfund Sterling in Ihre Hände zu legen, über die Sie nach Belieben disponieren wollen.«

Die Miene des berühmten Matador, der in dem Ruf stand, etwas habsüchtiger Natur zu sein, wurde sofort wieder äußerst freundlich. »Euer Gnaden sind ein Caballero, wie ihn die besten Zeiten Spaniens nur gesehen haben können. Wollen Sie mich wissen lassen, welche Quadrilla die Ihre ist?«

»Sie ersehen aus diesem vorläufigen Programm, daß die eine die Kostüme und den Charakter der Zeit der Moriskenherrschaft, die andere die der Regierung König Philipp IV. tragen soll. Da mein Freund, der Herr Vicomte Digeon die Morisken führen wird, – habe ich die letzte Epoche der ritterlichen Blüte Spaniens gewählt.«

»Euer Gnaden haben recht getan und ich bin der Ihre.«

Man schüttelte sich sehr erfreut die Hände.

Es wurden hierauf die Einzelheiten des Karoussels und des schließlichen ernsteren Kampfes besprochen. Der Chiclanero, ein Beiname, den Redondo mit seinem großen Vorgänger Franzisco Montes teilte, da beide aus der kleinen Stadt Chiclana in Andalusien stammten, stand, wie die meisten der Unternehmer von Stiergefechten, mit einem großen Herdenbesitzer von Stieren in Verbindung und er versprach, noch diese Nacht einen Boten abzusenden, damit die besonders ausgewählten Tiere in der Nacht vor dem Kampf in Madrid anlangen und in die Arena des Zirkus gebracht werden könnten.

Nachdem nämlich die Tiere von den mit ihren Eigenschaften wohl vertrauten Hirten ausgesucht worden sind, werden sie von den Reitern, die mit langen Piken versehen sind, zur Stadt getrieben, und es ist die schwere Aufgabe der Wächter und Beamten des Zirkus, sie mittels der zahmen Leitochsen, die an der Spitze des Transportes gehen, aus dem Hofe des Zirkus in die kleinen und engen Zwinger zu treiben, die aus den Gang zum Tor des Innern auslaufen. Diese Zellen vorn und hinten mit Fallgittern geschlossen, sind so eng und niedrig, daß das Tier sich kaum rühren kann und seine natürliche Wildheit sich noch steigert.

»Ich ersehe mit Vergnügen,« bemerkte der Matador, nach längeren Unterhandlungen, »daß Euer Gnaden mit den Feinheiten der edlen Kunst der Tauromachie nicht unbekannt sind. Sie werden sich daher erinnern, daß die Eigenschaften der Toros sehr verschieden sind, was wir allerdings erst in den meisten Fällen in den Schranken selbst beurteilen können. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Tier celoso Mißtrauisch und grausam., claro Offen., sentido Lustig., gara terreno Schnellfüßig. oder abanto Feige. ist. Doch es versteht sich, daß wir durchgängig Novillos nehmen, das ist so Sitte bei den Spielen der Sennores afficionados!«

»Was verstehen Sie unter Novillos, Sennor Don Redondo?« frug der Vicomte.

»Novillos,« belehrte der Chiclanero – »sind die Stiere, die erst im nächsten Jahre zu den Stierkämpfen der Toreadores von Profession tüchtig sein würden. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Caballero, daß auch schon ein tüchtiger Novillo kein zu verachtender Gegner ist.«

Don Juan blies den Rauch seiner Zigarette in die Luft und legte sich in dem Sessel zurück. »Ich hoffe, Sennor Don Redondo, Sie werden mir zu meiner Quadrilla mindestens einen Stier von vollem Alter und gutem Wuchs, mit kleinen Augen und niederem Hinterteil geben, da ich nur mit einem solchen als Espada in die Schranken treten will.«

» Demonios – Euer Gnaden wollten es wirklich wagen?«

»Ich halte darauf, mein Bester!«

»Ich danke dafür!« meinte lachend der Vicomte, seine Zigarre wegwerfend. »Es ist vollkommen genug, wenn die hohe Diplomatie im Jahre 1861 sich zu Ehren der spanischen Thronfolge zu einem Lanzenstechen hergibt; aber ein Handgemenge mit einem andalusischen Stier wäre allzuviel. Ich werde daher Cuccero oder einen anderen Herrn, der es besser versteht, für mich sotaner Bestie den Nackenstoß geben lassen!«

Er setzte sich zu einer Gruppe, in welcher die Toreros allerlei Abenteuer aus ihrem Leben erzählten.

Der Chiclanero hatte bei dem Namen des Espadas, den der Vicomte genannt, ein sehr ernstes Gesicht gemacht. »Euer Gnaden erlaube ich mir zu fragen, ob es wirklich der Ernst des Caballero ist, daß Sennor Cuccero in der Corrida auftreten wird?«

»Soviel ich weiß – ist er bereits durch den Telegraphen von Sevilla berufen.«

»Dann fordert es meine Ehre, Euer Gnaden zu sagen, daß die Quadrilla der Sennores Franceses große Aussichten hat, der unseren den Rang abzulaufen, trotz der Freigebigkeit von Euer Exzellenz. Nach dem Tode meines Namensvetters, des großen Montes, wüßte ich keinen Espada in Spanien, der es mit mir aufnehmen kann, mit Ausnahme des Sennor Cuccero, und ich habe Euer Gnaden bereits gesagt, daß dieser verdammte Rheumatismus in meinem rechten Arm mich verhindert, diesmal einen Schwertstoß zu Ehren eines so generösen Caballero und seiner Dame zu tun.«

»Zu welcher politischen Fraktion gehört dieser Cuccero?«

»Zu den Unionisten, Sennor – er ist ein Werkzeug der gegenwärtigen Regierung, gerade wie dieser Schelm Pucheta, und es ärgert mich daher um so mehr, daß diese Quadrilla, über uns den Sieg davon tragen soll, – denn aufrichtig gestanden …« Er maß den jungen Edelmann mit einem sehr wenig vertrauensvollen Blick.

Der Graf lächelte. »Seien Sie meinethalben außer Sorgen, Sennor Don Redondo – ich versichere Sie, wir werden die Liberalen schlagen, wenn Sie nur die Güte haben, sich in einigen Nebendingen meinen Wünschen zu fügen.«

»Ich stehe ganz zu Euer Gnaden Befehlen!«

»Zunächst sagen Sie mir, kennen Sie wirklich keinen jungen Toreador, der Anspruch machen könnte, diesen Cuccero zu ersetzen? Noch eins – er müßte so ungefähr von meiner Figur sein.«

Der Matador sah ihn erstaunt an, – dann sann er kopfschüttelnd nach. »Hm,« meinte er endlich, »ich wüßte wohl einen Mann – jung, gewandt, von sicherem Auge und festem Fuß, der einmal eine Zierde der edlen Tauromachie werden könnte, wenn nicht …«

»Nun? – warum zögern Sie?«

»Ja – wenn er nicht ein bloßer Gitano wäre!«

»Aber was zum Teufel schadet das?«

»Ich meinte nur – Euer Gnaden, als aus altem blauen Blute stammend, wissen, daß diese Kinder des Teufels nur halbe Christen sind!«

»Und wenn er gar keiner wäre, meinetwegen Heide oder Jude, was kümmerte das mich! Seinen Namen, Sennor Don Redondo!«

Er ist früher mein Cachetero Der Knecht, welcher den sterbenden Stier tötet. gewesen und heißt Gomez.«

Der Graf nickte befriedigt. »Ganz wie ich erwartete. Ich will Ihnen gestehen, Sennor, daß ich den Mann kenne, und daß ich ihn bei meiner Frage im Auge hatte. Aber ich wünschte Ihnen nicht vorzugreifen und zog es vor, abzuwarten, daß Sie mir ihn selbst vorschlagen möchten. Es bleibt also dabei, wir nehmen Gomez. Wo ist der Bursche?«

»Er war heute abend in unserer Gesellschaft, bis er von seiner Schwester, einer jungen hübschen Blumenverkäuferin abgerufen worden ist, kurz bevor Euer Gnaden uns die Ehre Ihres Besuchs erwiesen.«

» Muy bien – dann ist alles in Ordnung. Ich bin überzeugt, Sennor Don Redondo, daß Sie über das, was wir privatim verhandeln, das strengste Stillschweigen beobachten?«

Der Chiclanero begnügte sich, die Hand auf das Herz zu legen und sich zu verbeugen.

»Gut! – So hätten wir alles Nötige geordnet. Wann darf ich die Ehre Ihres Besuchs erwarten, um die Details zu besprechen? Ich sehe, daß der Herr Vicomte sich bereits erhoben hat.«

»Euer Gnaden überhäufen mich mit Güte. Ich bin Herr meiner Zeit und bitte, mir ihre Stunde zu bestimmen.«

»Ich werde Sie demnach morgen mittag um vier Uhr erwarten.« Er war aufgestanden und der Russe seinem Beispiel gefolgt. »Noch eins,« sagte er vertraulich und wie nebenbei. »Ich glaube, es kann nicht schaden, wenn Sie Ihre Freunde und die Sennores Toreadores, die Sie zur Teilnahme an unserer Quadrilla erwählen, etwas in Eifer setzen gegen ihre Rivalen.«

»Verlassen sich Euer Gnaden auf mich – diese Schelme von Libertados sollen an uns denken. Ich will dem Schuft Puchera zeigen, daß nur ich der Freund und Erbe des großen Montes bin und mindestens ebenso viele Freunde unter der Bevölkerung von Madrid habe, wie er.«

Der Graf hatte die Muchacha gerufen und die Zeche in Gold bezahlt. Unter den Komplimenten der ganzen, bereits für ihn auf das Höchste enthusiasmierten Versammlung verließ er, von dem berühmten Espada begleitet, mit seiner Gesellschaft das Kaffeehaus der Stierkämpfer.

Als sie auf der Straße waren, brach der Vicomte in Gelächter aus. » Ma foi – ich sage Ihnen Sennor Conde, wir sind nicht vorhin bei Monsieur Barrot sondern jetzt unter der spanischen Aristokratie gewesen. Welche Grandezza bei einem Stierschlächter – man sollte meinen, diese Kerle wären lauter Marquis und Herzöge, so gebärden sie sich.«

Lerida sah den muntern Franzosen scharf an. »Und hat Ihnen das mißfallen, Vicomte?«

»Gott bewahre – im Gegenteil! Ich sage Ihnen, in einer Gesellschaft gleichen Schlages von Paris oder London hätten Sie es nicht fünf Minuten aushalten können. Ich muß Ihnen überhaupt gestehen, daß man in Spanien vor der Höflichkeit des Pöbels einen gewissen Respekt bekommt, ich glaube, man begleitet selbst einen Dolchstich mit der Entschuldigung, daß man nicht vorher um Erlaubnis dazu gebeten hat, oder daß er nicht schmerzloser zu machen war.«

Don Juan lächelte. »Sie haben den Charakter ziemlich genau bezeichnet. Und nun meine Herren leben Sie wohl – ich will nicht fragen, wohin Sie gehen, da ich selbst gleiche Diskretion wünsche.«

»Ah – wieder ein Liebes-Rendezvous! Erinnern Sie sich hübsch der Warnung der Königin, mein Werter!«

»Ich fürchte, – Ihre Majestät werden heute ebenso wenig allein zu schlafen wünschen, wie ich, und darum Gutenacht ihr Herren und auf Wiedersehen morgen in der Oper!«

Die Gesellschaft trennte sich unter heiteren Scherzen.

Der Graf von Lerida nahm an der Ecke der Plazuela de Bilbao einen Fiacre und ließ sich bis zu Calle de San Gregorio fahren, dort verließ er den Wagen und wandte sich nach der Lucas-Straße. Dieselbe läuft nach dem Platze der Salesianerinnen und ist von mehreren Quergäßchen durchbrochen.

In einem derselben blieb Don Juan vor einem Eckhause stehen, das auf der anderen Seite eine Ausfahrt zeigte, zog einen Schlüssel aus der Tasche und war im Begriff, die Tür des Ausfahrtstors zu öffnen, als sich aus dem Winkel desselben eine kleine dunkle Gestalt erhob und um seine Füße sprang.

»Teufel – Seespinne! Es ist wahrhaftig der Junge schon! Komm' herein Kobold!«

Er öffnete hastig die Tür, schob den Krüppel in den dunklen Gang des Torbogens und verschloß die Tür wieder. Dann folgte er dem Taubstummen, der hier sehr gut Bescheid zu wissen schien, einige finstere Stufen hinauf, wandte sich links, öffnete eine zweite Tür und trat in ein matt von einer Lampe erleuchtetes Zimmer, dessen Fenster, obschon sie nach dem Hofe gingen, doch mit Läden sorgfältig geschlossen waren.

In dem altertümlichen Kamin stand ein kupfernes Becken mit glühenden Kohlen, die eine behagliche Wärme verbreiteten. Der Graf schraubte die Lampe in die Höhe und warf einen Blick umher, ob alles in Ordnung sei. Dann winkte er dem Knaben, näher zu treten und warf sich in einen Sessel.

Das ganze Gemach war ziemlich seltsam ausgestattet. Das Hauptmöbel bestand in einem verschließbaren Sekretäre, an den Wänden umher hingen allerlei Kleidungsstücke, Mäntel, Hüte mit breitem Rand, selbst die Soutane eines Geistlichen, dazwischen verschiedene Waffen. Darunter befanden sich allerlei offene und verschlossene Kisten und Kasten, anscheinend wertvolle mit hohem Zoll besteuerte Waren enthaltend. Auf dem Tisch stand ein schöner mit Silber ausgelegter Pistolenkasten, der zwei schöne Reiterpistolen und zwei trefflich gearbeitete Revolver enthielt. Daneben lag ein schwarzes Tuch und ein großer falscher Bart von gleicher Farbe.

Gewissermaßen glich die Einrichtung des Zimmers der Ausstattung des Gemachs auf der Höhe der Felsenwände von Biarritz, in welchem im Sommer des vergangenen Jahres die arme Marquitta ihren ungetreuen Liebhaber erwartet hatte, nur das letzteres dem weiblichen Geschmack angepaßt eine kostbarere Ausstattung zeigte.

Don Juan zog eine Schiefertafel herbei und winkte Seespinne. Dann begann eine Reihe von pantomimischen Fragen und Antworten, wobei nur zuweilen die Schreibtafel zur Aushilfe genommen wurde und diese Verständigung schien beiden so sehr geläufig, daß sie fast so rasch sich unterhielten, als es mit den gewöhnlichen Mitteln von Ohr und Sprache geschehen kann. Der Inhalt lautete etwa folgendermaßen:

»Du bist also dem Wagen gefolgt?«

»Ja!«

»Wo hat er gehalten? Weißt du die Straße?«

Der Knabe verneinte, aber er zog unter seiner sehr beschmutzten und an zwei Stellen zerrissenen Livree jenes Blechschild hervor, das er offenbar von einem Laden in der gefragten Straße abgerissen und reichte es seinem Herrn.

»Der Bursche ist schlau wie der Satan! Wer hätte an ein solches Auskunftsmittel gedacht! – Also dort hat der Wagen gehalten?«

»Ja!«

»Wohin ist der Mann gegangen?«

Der Knabe schob mit seinen verkrüppelten Beinen eine Strecke gerade vorwärts, dann wandte er sich links, dann rechts indem er jedesmal einen Finger in die Höhe hob.

»Laß sehen! Also die erste Querstraße zur Linken und dann zur Rechten. Gib den Plan von Madrid dort her.«

Er wies auf den ausgespannten Plan, Seespinne verstand sogleich und holte denselben von der Wand. Der Graf suchte auf dem Plan die Straße, welche das Schild benannte, verfolgte dann den von dem Krüppel angegebenen Weg und blickte erstaunt auf den Knaben.

»Teufel – das wäre in der Tat stark! Bei den Salesianerinnen, dem Hauptquartier dieser alten Hexe Patrocinio? – Das ist ja ganz in der Nähe. Also darum warst du so rasch zurück! Aber was tat der Herr, dem du nachgespürt?«

Der Knabe machte das Zeichen des Anklopfens.

»Ah! Aber ist der Höllenbraten auch gewiß, daß er in das Kloster ging?« Der Graf schrieb einige Zeichen auf die Tafel und der Knabe malte als Antwort daneben mit großer Geschicklichkeit eine Pforte in einer Mauer, über welche Bäume herüberragten und dann den unverkennbaren Kopf einer Nonne mit der weiten Flügelhaube.

»Also wirklich? Und wie lange blieb der Herr dort?«

Seespinne machte das Zeichen zweier Glockenschläge.

»Also eine halbe Stunde? – und dann ist er wieder herausgekommen und fortgegangen?«

»Ja!«

»Zu dem Wagen?«

»Ja!«

»Und in welcher Richtung ist er davongefahren?«

Seespinne wies nach der Kompaßrichtung von Südwest.

»Zum Palast! es stimmt. Wirst du die Pforte genau wiederfinden und hast du dir gemerkt, auf welche Weise der Einlaß gefordert wurde?«

Seespinne grinste vergnügt und klopfte dreimal in Pausen auf den Tisch, so daß zwischen dem ersten und zweiten Schlag ein längerer Zwischenraum war, die beiden letzten aber sich rasch einander folgten.

Don Juan klopfte ihn auf den Kopf. »Du bist ein Teufelsschelm! Aber jetzt mache fort, zieh' deine Livree aus und deine gewöhnlichen Kleider an. Rasch!«

Während der Krüppel sich seine gewohnte Seemannsjacke und Beinkleider aus einem Winkel holte, begann auch der Graf eine Variation mit seiner Toilette. – – – –


Wir führen den Leser an einen Ort schlimmer Art, – in eine jener Spelunken, in denen der gefährlichste Pöbel und die Verbrecherwelt der spanischen Hauptstadt ihre Niederlagen haben, hier die Kontrabandista.

Um die Organisation dieser Gesellschaft zu besprechen, müssen wir auf die Geschichte zurückgreifen.

Es ist bekannt, daß unter dem Teil der Bevölkerung großer Städte, der in einem permanenten Krieg gegen die Gesetze liegt, oft ausgedehnte organisierte Verbindungen herrschen, deren Vorschriften und Bedingungen weit energischer gehandhabt werden, als die Gesetze der bürgerlichen Justiz.

Diese traurigen Institutionen und ihre Duldung datieren oft auf die Zeit von Jahrhunderten zurück; andere gehören neuerer Zeit, wie die Comorra von Neapel, die Contrabandista in Spanien. Gewiß ist, daß diese Organisationen bis in die neueste Zeit in keiner der großen Städte fehlen und gewöhnlich um die großen Gefängnisse sich scharen oder in bestimmten Stadtteilen ihr Hauptquartier haben.

Der Ort, an den wir den Leser führen, war eine Schänke in der Nähe des Paseo de Santa Barbara, an dem das große Gefängnis von Madrid, der Saladero liegt.

Es war ein großes ziemlich hohes Zimmer, oder eigentlich ein gewölbter Flur, denn im Hintergrund befand sich ein mächtiger Kamin mit niederem Herd, auf dem ein starkes Feuer brannte, an dem das Puchero, ein Gericht aus verschiedenen Fleisch- und Gemüsearten und Kichererbsen, chorizo Bratwurst und morilla Blutwurst schmorte und von dem der Geruch von Öl und Fett den ganzen Raum durchzog. Über dem Rauchfang und an den Deckbalken hingen an großen mehrarmigen Eisenhaken, Zwiebeln, Schinken, Würste und allerlei andere Gegenstände herab, rechts und links standen an den Wänden vom Alter und Gebrauch gebräunte und geglättete Bänke und Tische und an diesen saß durcheinander eine sehr bunte Gesellschaft von Männern, Weibern und Kindern, vom Greise mit den tiefen Furchen eines wilden und verbrecherischen Lebens bis zum kleinen Mädchen, das an der Ecke der Puerta für den blinden Bettler die Ochavos sammelt oder in den Kaffeehäusern Orangen und Zündhölzer umherträgt und – obschon noch ein Kind – schon alle Kennzeichen frühzeitigen Lasters zeigt.

Der geringe Wein, Pfirsichbranntwein, Manzarella und Pajarete oder süße Getränke von Limonensaft, schlechte Chokolade und andere Genüsse standen auf den Tischen, doch ist bekanntlich der Spanier auch der untern Stände sehr mäßig, und selbst in dieser Gesellschaft von Schmugglern, Dieben entlassenen oder entflohenen Galeerensträflingen aus den Bagnos von Sevilla, Malaga und Melilla, von offenkundigen Straßenräubern, Banditen und liederlichen Frauenzimmer hörte man wohl Streit und Zank, aber nur selten ein gemeines Schimpfwort, es müßte denn von einem der Seeleute ausgestoßen worden sein, deren sich mehrere unter den Anwesenden befanden.

Ein Teil der Gesellschaft bestand aus Gitanos, wie die tiefe Färbung und die hochgeschwungenen schmalen Brauen zeigten, doch waren offenbar, wie überhaupt unter der Bevölkerung von Madrid, alle Provinzen vertreten, vom großen kräftigen Bergbewohner Biskayas bis zum schlanken echten Nachkommen der Morisken in Andalusien.

Zwei Männer saßen in der Nähe des Feuers auf Holzblöcken und spielten die Mandoline zu einem Fandango, den ein junger, schlanker Mann mit dem Aufputz eines Mayo und hübschem kühn geschnittenen: Gesicht mit einem Mädchen auf dein Estrich in dem Raum zwischen den beiden Tischreihen tanzte. Die Manola konnte höchstens 17 Jahre zählen und war von jugendlich schlanker, elastischer Gestalt. Das Gesicht von edelgeschnittener Form zeigte zwar die Spuren ihres Lebenswandels, aber die großen, dunklen Mandelaugen blitzten so feurig, daß ihr leidenschaftlicher Ausdruck den Reiz der verlornen Jungfräulichkeit vergessen machte.

An verschiedenen Stellen wurde Monte gespielt oder gewürfelt, der Rauch der Zigaretten und Zigarren, die sicher nicht zu den von der Regie gelieferten gehörten, lag auf dem ganzen Raum. Eine dieser Spielergesellschaften bestand aus vier Personen: dem Wirt der Schänke, zwei Matrosen und einem dicken Glatzkopf, der zwar nicht die Kutte – dieses in Madrid bereits schwer verpönte und verfolgte Kleidungsstück der Mönche, – aber einen soutanenartigen langen und weiten Rock trug, der ihn genügend als Geistlichen kennzeichnete. Die beiden Seeleute hatten wahre Galgenphysiognomien, der eine von ihnen stieß, wenn er verlor, was dem Pfaffen gegenüber häufig genug geschah, lästerliche portugiesische Flüche aus, der andere italienische. Eine ganz andere Erscheinung, ein wahrer Caballero unter dieser Gesellschaft war der Wirt, der mit ihnen Karten spielte. Er war ein großer alter, aber noch sehr kräftiger Mann, mit finsterem, entschlossenen Gesicht, das von zwei tiefen Narben durchfurcht war, und trug, obschon in der eigenen Behausung, den breitrandigen Hut und über die Schulter geworfen die Manta der Catalonier. Die Bedienung der Gäste besorgte die Frau des Wirtes und eine ziemlich schmutzig aussehende Magd, während eine zweite jüngere am Kessel auf dem Herde beschäftigt war.

Ein junges, hübsches Mädchen mit sprechenden Augen und etwas schnippischer Miene stand unfern der erwähnten Spielergesellschaft und schlug die Kastagnetten zu dem Tanze des bereits erwähnten Paares. Der neben ihr auf der Bank stehende Blumenkorb bewies, daß sie eine Florista war, eine Blumenverkäuferin, und in der Tat war es die Paxarilla, dieselbe, die der Graf von Lerida am Nachmittag an dem Eingang der Gärten des Buen-Retiro angesprochen hatte, und der junge Mann, der den Fandango mit seiner Geliebten tanzte, der Toreador Gomez, ihr Bruder.

Obschon der Pfaffe – es war der dicke Cura aus den navaresischen Bergen, der Verräter seines alten Gastfreundes, – seine lüsternen Blicke sehr häufig auf die Paxarilla wandte und ihr irgendeine Schmeichelei zuflüsterte, auf die sie wenig zu achten schien, hatte er doch stets das andere Auge bei dem Spiel und womöglich in den schmutzigen Karten seiner Gegner, doch schien er wenigstens in den beiden Seeleuten seine Meister gefunden zu haben, denn sie beobachteten scharf sein Fingerspiel und wiederholt schon hatten sie ihn bei dem Versuch ertappt, eine unglückliche Karte zu unterschlagen, was dann jedesmal zu Zank und Schimpfen führte, während der Posadero darüber lachte.

In der Nähe dieser Spieler sah eine andere Gruppe, zunächst ein Mann, der den Rock eines Gefängniswärters trug, dann ein wilder, verwegener Gesell, halb in Lumpen gekleidet, die von dem Mantel drastisch verhüllt wurden, ein von der Gewohnheit schwere Lasten zu tragen und der Gicht fast zum rechten Winkel zusammengezogener alter Kerl mit sehr faltigem aber klugem Gesicht und ein fünfter seiner Kleidung und den, Kasten nach, den er an die Wand gelehnt hatte, einer jener wandernden Tabuletkrämer, die so häufig die spanischen Dörfer durchziehen und den Frauen und Mädchen allerlei Kleinigkeiten verkaufen.

In der Nähe dieses Tisches lehnte ein großer Mann von mittlerem Alter und kräftiger Figur mit kühnem, bärtigen Gesicht, der die malerische Tracht eines Maultiertreibers trug, seine Zigarre aus Reisstroh dampfte, und bald dem Tanze, bald den Spielern und seinen Nachbarn zusah und zuhörte.

»Schau Nicolo, wie der Pfaff' wieder betrügt,« sagte der Matrose, welcher in der Erregung die portugiesischen Verwünschungen auszustoßen pflegte, obschon er vollkommen gut auch das Spanische sprach. »Müßte man nicht mit dem Messer ihm eigentlich die dicken Hände auf die Tischplatte nageln?«

»Du bist ein Ketzer und Kirchenschänder, verdammter Portugiese,« schrie erbost der Cura. »Wie kannst du wagen, einen Mann Gottes des Betrugs anzuklagen? Hier sind meine richtigen Karten, das Cuni und zwei Spadi!« und er warf triumphierend die drei Karten auf den Tisch, die ihm den ganzen Einsatz verschaffen mußten.

Der Arriero bückte sich lächelnd nieder, zog aus den Rockfalten des Priesters eine vierte Karte und legte sie zu den drei anderen auf den Tisch. »Euer Hochwürden verzeihen,« sagte er spöttisch, – »Sie haben gewiß nicht bemerkt, daß Ihnen im Eifer des Abhebens dieses Blatt in den Ärmel gefallen war!«

Ein schallendes Gelächter der Umstehenden begleitete die ruhige Bemerkung und der ehemalige Cura schoß dem unglücklichen Entdecker einen höchst grimmigen Blick zu, während er etwas von Zufall und naseweiser Einmischung murmelte und den vergeblichen Versuch machte, den Pôt dennoch einzustreichen, den aber der Malteser Nicolo festhielt.

Der Posadero warf die Karten auf den Tisch. »Sie haben kein Glück heute, Padre,« sagte er, »lassen Sie uns enden oder die Würfel nehmen, nur bitte ich den hoch würdigen Herrn dann, zuvor seine langen Rockärmel etwas weiter in die Höhe zu schlagen.«

»Sie werden doch nicht glauben Sennor …«

»Bemühen Sie sich nicht, würdiger Cura – Sie wissen wahrscheinlich noch nicht, daß wir in der Posada der heiligen Anna bestimmte Regeln beim Spiel beobachten, die aufrecht zu erhalten die Pflicht Ihres unwürdigen Dieners ist. Außer diesen steht mein ganzes Haus Ihnen zu Diensten.«

»Eine schöne, heilige Herberge,« murrte der Excura, »ein Sammelplatz aller Galgenvögel von Madrid, wo Schmuggeln und Plündern an der Tagesordnung sind.«

»Auch zuweilen ein guter Messerstich, Cura,« sagte ernst der Posadero, indem er die Hand warnend auf die Schulter des Geistlichen legte. »Aber die Caballeros trinken nicht. He, Mercedes, warum bedienst du die Sennors nicht flinker – ich werde dir Beine machen. Tu' dein Amt, statt dem Tanz dieses Herrn zuzusehen!«

Der Contracte hatte sich zu dem einen Matrosen gewandt: »Euer Schiff, Sennor, ist also der San Martino?«

»Ja, Sennor!«

»Ich weiß – ein gutes Schiff! Ich kann zwar nicht sagen, daß ich selbst Verdienst darauf gehabt habe oder in seinem Dienst geworden, was ich jetzt bin; denn als ich noch im Norden arbeitete, war sein Kiel noch nicht gelegt, aber ich habe viel von ihm gehört und wie es den verdammten Zollwächtern so manche Nase gedreht hat. Wo ankert Ihr jetzt?«

»In der Nähe von Karthagena.«

»Und Eure Ladung?«

Der Portugiese sah den alten Schmuggler mißtrauisch an und warf rasch die Antwort dazwischen: »Altes Eisen!«

Der ehemalige Kontrebandierer und jetzige Hehler lachte herzlich. »Verstehe! Waffen! – Haben zu meiner Zeit genug ins Land geschmuggelt für den seligen König Don Carlos und gegen unsern eigenen Patron, Se. Exzellenz den Don Ramon Narvaez, dem die Heiligen bald wieder zur Herrschaft helfen mögen, denn diese Schufte von Libertados sehen uns gar zu scharf auf die Finger. Aber sagt mir, Sennor, ich habe so viel von Eurem Kapitän, den Ihr El Tuerto nennt, gehört, ihn aber zufällig nie zu Gesicht bekommen, obschon er mehrmal in Madrid gewesen sein muß. – Es soll ein wahrer Teufelsbraten sein!« und er verbreitete sich mit der Geschwätzigkeit des Alters in einer Menge von Schmuggler- und Piraten-Anekdoten, die über den berüchtigten Einäugigen, namentlich auf Kosten der Franzosen im Umlauf waren, die im Grunde jeder gute Spanier von Herzen haßt und verhöhnt, ohne daß die beiden Seeleute viel auf sein Reden gehört hätten.

Desto eifriger, aber unbemerkt, hatte es der Tabuletkrämer getan, und es war ihm vom Anfang der Unterhaltung kein Wort entgangen, während er sich zu seinem Kasten niederbeugte und sich damit zu schaffen machte. Namentlich hatte er die Ohren gespitzt, als voll der Waffenladung die Rede war.

Die Aufmerksamkeit wurde aber jetzt durch einen Streit unterbrochen. Die heisere Stimme des jungen Vagabonden, der mit am Tisch des Tabulettkrämers saß, überschrie das Gespräch und den Klang der Guitarren.

»Hierher Mariquilla! Carai – hab' ich dir nicht verboten, mit dem hochnäsigen Geck zu tanzen, der sich mitsamt der Donna seiner Schwester besseres dünkt als wir!«

Die Florista drehte sich nach ihm um. »Wir sind Gitanos, das wissen wir. Aber ich mag dich nicht, weil du ein schlechter Bursche bist!«

» Caramba – bist du nicht eine Florista, und man weiß gut genug, was die Tugend der Blumenmädchen zu bedeuten hat. Was sträubst du dich also, meine Amada zu sein, während meine Schwester doch die Partida deines Bruders ist, der gewiß nicht hierher kommen würde, wenn man ihn nicht in der Posada der Toreadores über die Achsel ansähe.«

Die Florista hatte sich stolz aufgerichtet. »Gomez liebt die Mariquilla, weil sie eine ehrliche Manola ist und keine hija di alegro, Öffentliches Frauenzimmer zu der du sie gern machen möchtest, und er kommt mit mir hierher, weil du sie vor ihm eingeschlossen hältst. Ich aber will nicht die Geliebte eines Diebes sein!«

»Bravo Kind!« rief der dicke Cura, der die Gelegenheit zu benutzen hoffte, – »bei der heiligen Jungfrau del pilar, was brauchst du dich mit dem zerrissenen Lump abzugeben, wo selbst die heilige Kirche dir die Arme entgegenstreckt!« und er versuchte, sie zu umfassen und auf seinen Schoß zu ziehen.

Die Florista hatte sich ihm aber hastig entzogen und eine schallende Ohrfeige auf seine feisten Wangen rief das Gelächter der ganzen Umgebung hervor. Der ehemalige Cura rieb sich scheltend das Gesicht und der Streit wäre mit dem halb komischen Intermezzo wahrscheinlich beendet gewesen, wenn der Anfänger desselben nicht von Eifersucht und Erbitterung über die öffentliche Abweisung getrieben, einige andere Galgenvögel seines Schlages herbeigewinkt und sie aufgehetzt hätte.

Bald ertönte von mehreren Seiten der Ruf: »Was will der Gitano hier? Wir sind viejos chitinos! Werft den hochnäsigen Narren zur Tür hinaus, der nur hierher kommt, unsere Manola's zu verführen!«

Der Torero war, seine Tänzerin am Arm, die sich zitternd an ihn schmiegte, mitten in dein Raum stehen geblieben, ohne sich indes in den Streit zwischen seiner Schwester und ihrem abgewiesenen Liebhaber zu mischen, da er den Groll des jungen Vagabonden als des Bruders und einzigen Angehörigen seiner Geliebten nicht noch mehr reizen wollte. Jetzt aber, als sich mehrere Stimmen gegen ihn erhoben, obschon er niemanden beleidigt hatte, stemmte er keck den rechten Arm in die Seite und warf herausfordernde stolze Blicke ringsumher.

Dies erbitterte den jungen Vagabonden. Er sprang auf das arme Mädchen, seine Schwester, zu, ergriff sie am Arme und zerrte sie unter Drohungen und Hohnreden von ihrem Geliebten hinweg, wobei ihm ein großer starker Kerl, nicht viel besser gekleidet als er und wahrscheinlich sein Diebesgenosse half.

Noch war bis jetzt kein Schlag gefallen, mit Ausnahme der derben Ohrfeige, die der Cura erhalten hatte, und selbst der Wortstreit hatte sich mehr in bittern Hohnreden, als in Schimpfworten bewegt, als aber jetzt der lange Kerl, indem er seinem jüngeren Genossen half, das Mädchen wegzuzerren, den Torero absichtlich oder zufällig stieß, erhielt er blitzschnell von der Hand desselben, dessen schmächtiger Figur man eine solche Muskelkraft gar nicht hätte zutrauen sollen, einen so gewaltigen Faustschlag gegen die Stirn, daß er mehrere Schritte zurücktaumelte und vor einem Fall, nur durch seine Genossen geschützt wurde, die sich um die Streitenden gesammelt.

Ein wildes Geschrei des Hasses und der Rache erscholl, in fünf, sechs Händen funkelten die spitzen katalonischen Messer und der Geschlagene, eine große Navaja aus seinem Gürtel reißend, stürzte mit erhobener Klinge auf den kühnen Stierfechter zu, dem schreiend seine Schwester zu Hilfe eilte.

Diese hätte ihm freilich wenig genutzt, da er sich wider mehrere Gegner zu verteidigen hatte, wenn nicht von anderer Seite ihm Beistand gekommen wäre. Denn bevor noch der Gezüchtigte ihn erreicht, stürzte derselbe, wie von einem Schlage getroffen zu Boden und das gefährliche Messer flog ihm weit aus der Hand: zwischen den Beinen des Gefallenen und sich auf dem Boden Wälzenden aber wickelte sich Seespinne heraus, der sich im rechten Augenblick zwischen seine Füße geworfen und ihn zu Falle gebracht hatte. Zugleich auch erklang hinter dem Kreise, der sich um den Bedrohten gebildet, eine laute befehlende Stimme:

» Retenete! – Quitta allá – schämt euch! – Viele über einen! – Zurück sage ich! – der Mann steht unter meinem Schutz!«

Aus der Menge, die sich erstaunt umsah nach dem fremden Friedensrichter, erscholl sogleich der Ruf: »Der Kapitän! – El Tuerto!« und die beiden fremden Matrosen drängten sich durch den Kreis zu ihrem Anführer.

Der Name war übrigens selbst hier so allgenrein bekannt und gefürchtet, daß es keinem Mitglied der ganzen Gesellschaft einfiel, gegen die Einmischung zu protestieren. Der Gefallene oder vielmehr Gefällte begnügte sich, dem Zwerg einen Fußtritt zu geben, wofür ihn dieser in die Wade biß, und mit seinen Genossen sich murrend und hinkend zurückzuziehen, alle aber schauten neugierig und erwartungsvoll auf den so plötzlich Erschienenen.

Es war in der Tat El Tuerto, wie wir ihm in den Felsenhöhlen von Biarritz begegnet sind. Ein großes schwarzes Pflaster bedeckte die Höhlung des fehlenden Auges, ein dunkler krauser Bart umrahmte die untere Hälfte seines Gesichts, das der breitrandige Hut tief beschattete, und ein schwarzer Mantel über die linke Schulter geworfen, umhüllte die obere Hälfte seiner mittelgroßen kräftigen Gestalt.

» Pesthe Dieu!« sagte der Schmuggler, »schämen Sie sich nicht, Sennores, sich hier um einer Albernheit wegen die Hälse abzuschneiden, wobei kein Maravedi, höchstens die Garotte zu verdienen ist, während unserer ganz andere Aufgaben in kürzester Zeit warten! Sie wissen, daß ich auf Ehre halte, Caballeros – und darum Ihr Ehrenwort, daß von hier bis heute über acht Tage jede Privatstreitigkeit schläft und Sie nur dem Ruf der Contrabandista gehorchen werden; denn ich sage Ihnen, es ist etwas Tüchtiges in der Luft, bei den: Sie alle die Taschen füllen sollen. – Also – schwören Sie!«

Er zog einen schön gearbeiteten fünfläufigen Revolver aus der Tasche und wog ihn spielend in der Hand, während seine Blicke über den ganzen Raum flogen und jeden Säumigen mit einem verständlichen Wink mahnten.

»Wir schwören!« erklang es von allen Seiten. Nur der Torero schwieg.

»Sennor,« sagte der Pirat auf ihn zutretend, »Sie haben vergessen, uns Ihr Wort zu verpfänden!«

»Ich habe nicht die Ehre, zu Ihrer Gesellschaft zu gehören!«

»Sie sind hier am Versammlungsort und das ist so gut, als gehörten Sie dazu. Leisten Sie den Eid, nichts was Sie hier hören und sehen, zu verraten, oder wir sind genötigt, Sie vorläufig in einem der Keller unseres Hauses unterzubringen, was Sie jedenfalls der Teilnahme an der Corrida verlustig machen würde, bei der man, wie ich zufällig weiß, auf Ihren Beistand rechnet.«

Diese Drohung schien die richtige Stelle getroffen zu haben, denn der Torero erklärte sich bereit, das Gelöbnis zu leisten. Damit fragte er, ob er sich entfernen solle.

»Es ist nicht nötig! – Heda, Nicolo und Rafaël, kommt hierher und rapportiert, ob die Befehle vollzogen sind?«

Die beiden Seeleute kamen näher und tauschten mit El Tuerto im Geheimen einige Worte aus, worauf sie dieser wieder an ihren Tisch zurückschickte.

»Nun Sennors und Sennorittas,« sagte spöttisch der Pirat, »ich hoffe, Sie werden sich durch meinen unerwarteten Besuch in Ihren Vergnügungen nicht stören lassen. Ich kann Sie versichern, daß er Ihnen ein gutes Verdienst für nächste Woche in Aussicht stellt. Wo ist unser Freund, der Sennor Posadero?«

Der Wirt der Schänke, der seinem Weibe und der Bedienung unterdes einige Aufträge erteilt hatte, beeilte sich, vor dem gefürchteten Schmuggler zu erscheinen, der ihm die Hand schüttelte.

»Ich habe lange nicht die Ehre gehabt, Sie zu sehen, Sennor Kapitän,« sagte der Wirt. »Ist Ihnen nicht eine Erfrischung gefällig?«

»Ich danke Ihnen. Ist die Luft rein?«

»Es sind lauter bekannte Leute hier, nur Mitglieder der Gesellschaft, mit Ausnahme des Mannes, den Sie die Güte hatten, zu beschützen.«

»Es ist keine Gefahr – die Sennores Toreadores sind anständige Leute. Wann ist der letzte Transport französischer Spitzen und Handschuhe aus dem Norden eingetroffen?«

»Vor zehn Tagen. Die Waren sind bereits sämtlich verteilt. Aber ich muß Ihnen mitteilen, Sennor Kapitän, daß auf unerklärliche Weise die Konsignements der Zollbehörde verraten sein müssen, und daß man bei fünf unserer Freunde strenge Haussuchung gehalten hat. Zum Glück,« fügte er lächelnd hinzu – »hat die Kontrabandista auch unter der gegenwärtigen Regierung noch ihre Freunde und wir waren unterrichtet.«

»Es wird nichtsdestoweniger am besten sein, sie zu ändern. – Hat man keine Spur des Verräters?«

»Nicht die geringste.«

»Schlimm genug! – Ist der Mann da, den ich zu sprechen wünschte?«

»Zu Befehl, Kapitän!« Der Posadero winkte dem Arriero, näher zu treten, und dieser kam herbei, indem er sich mit dem Anstand eines Grande gegen den Piraten verbeugte.

»Ihr Name, Sennor?«

» Estevan Provedo

»Sie sind Capataz der Arrieros auf der nördlichen Linie?«

»Seit sechs Jahren Sennor.«

»Ihren Paß seitens der Kontrabandista?«

Der Arriero zog ein dreieckiges Stück Messing, das einige Zeichen eingeprägt enthielt, und das er an einer Schnur um den Hals trug, unter der Weste hervor und zeigte es dem Piraten, der es sorgfältig prüfte.

»Es ist richtig. – Aber,« – fuhr er mit gesenkter Stimme fort – »Sie sind auch von anderer Seite als zuverlässig empfohlen. Haben Sie die Beglaubigung des Bischofs? Sie werden entschuldigen, aber wir müssen vorsichtig sein!«

Der Capataz nickte zustimmend. Dann in die Tasche fassend holte er einen Gegenstand hervor, den er in der hohlen Hand dem Kapitän zeigte und dann sogleich wieder verbarg.

»Sie sind vollkommen legitimiert – nochmals, meine Vorsicht darf Sie nicht beleidigen.«

»Um so weniger, Sennor, als Sie vollkommen Ursache dazu haben!«

»Wie meinen Sie das?«

»Warten Sie, Sennor Kapitän, und ich denke, Sie werden den Beweis erhalten. Sie haben noch nicht die Güte gehabt, mir zu sagen, womit ich Ihnen dienen kann, und weswegen Sie mich hierher bescheiden ließen?«

»Das ist wahr. Zunächst, ich habe von Se. Gnaden dem Bischof Ihre Adresse als die eines zuverlässigen Freundes des Königs empfangen.«

»Mein Leben gehört ihm. Ich habe schon als Knabe für seinen Vater gefochten.«

»Es bereitet sich etwas vor zugunsten des Königs. Vorläufig gilt es, einen seiner treuesten Anhänger zu befreien. Wie viel zuverlässige Leute Ihres Zuges können Sie bis zu einem bestimmten Tage in der Mitte der nächsten Woche hier versammeln?«

»Vielleicht zwanzig.«

»Gut! – ich werde …«

Die Hand des Arriero legte sich auf den Arm des Tuerto und wandte ihn nach der Tür.

Sie waren zu ihrem Gespräch in die Nähe des Kamins, also in den Hintergrund der Halle oder der Schankstube getreten. Alle anderen Anwesenden hatten sich in folge der Aufforderung des Tuerto wieder an ihre Plätze gesetzt und wenigstens scheinbar ihre frühere Beschäftigung wieder aufgenommen. Der öffentliche Ausgang aus der Halle war frei – niemand saß in seiner Nähe.

Während der Unterredung der beiden hatte sich der Tabuletkrämer erhoben, gleichgültig eine neue Zigarre angezündet und – unter Zurücklassung seines Kastens – unbeachtet sich der Tür genähert, als wolle er die Stube irgend eines Bedürfnisses halber für einige Augenblicke verlassen. Er war bereits ziemlich nah an der Tür.

Der Arriero deutete mit dem Blick nach dem Mann, den er selbst während des Gesprächs nie aus den Augen verloren hatte.

»Das ist der Spion!« sagte er leise, aber scharf und bestimmt.

» Alto! – Niemand verläßt die Halle!«

Der Bufonero schrak zusammen und wandte sich unwillkürlich um.

»Rafaël – Nicolo – besetzt die Tür,« donnerte weiter der Befehl des Tuerto. »Laßt niemand hinaus!«

Der Portugiese Rafaël war zufällig der nächste an der Tür, aber doch einige Schritte entfernt und allein, da sein Kamerad, der Malteser mit Seespinne beschäftigt war, den er mit an seinen Tisch genommen und der sich alsbald das Vergnügen gemacht hatte, dem ehemaligen Cura die abscheulichsten Fratzen zu schneiden und ihm Stecknadeln durch die wollenen Strümpfe in die Waden zu stechen, zur großen Belustigung seiner Nachbarn.

Ehe der Portugiese hinter dem Tisch hervorkommen konnte, war der Krämer mit einem Satz an der Tür; – aber er begriff, daß er trotzdem in so gefährlicher Nähe einem gewandten und leichtfüßigeren Verfolger nicht entkommen könnte, wenn er ihn nicht in anderer Weise hinderte. Mit der Schnelligkeit des Blitzes hatte er sein Messer aus der Tasche gerissen und schleuderte es gegen den Matrosen.

Obschon der würdige Rafaël ein Mann war, dem dergleichen Abenteuer nicht so selten vorkamen und der daher auf jede Art des Angriffs und der Verteidigung gefaßt sein mußte, – so war der erstere doch so rasch und mit so sicherer Hand ausgeführt, daß es ihm trotz aller Gewandtheit kaum gelang, einer tätlichen Verwundung zu entgehen. Indem er sich geschickt zur Seite warf, traf ihn daher das Messer nur in der linken Schulter und blieb dort im Fleisch stecken.

Der Verfolgte riß mit einem Griff die Tür auf, aber ehe er noch die Schwelle überschreiten konnte, krachte ein Schuß hinter ihm drein und er stürzte zusammen.

El Tuerto ließ die Hand mit dem Revolver, aus dem er den sicheren Schuß getan, sinken, steckte die Waffe ruhig wieder ein und wandte sich gleichgültig mit der Frage zu dem Arriero: »Welche Beweise haben Sie für Ihre Behauptung, Sennor Capataz?«

» Caramba! – ich sollte meinen, daß Sie deren weiter nicht bedürfen! – Aber lassen Sie den Kasten untersuchen, den der Schuft da zurückgelassen hat, als er wahrscheinlich die Wache holen wollte. Ich bin ihm schon lange auf der Spur, ohne daß er mich kannte.«

Bei der unerwarteten Szene waren natürlich alle Anwesenden aufgesprungen und herbeigekommen. Der Posadero, ein umsichtiger, an blutige Streitigkeiten wahrscheinlich gewöhnter Mann eilte, vor allem die Türe zu schließen und die Leiche des Erschossenen in einen Winkel zu ziehen. Denn der Tabuletkrämer war mausetot, die Kugel des sicheren Schützen war ihm gerade ins Genick gedrungen und hatte ihn auf der Stelle getötet. Da übrigens der Erschossene durch seine Flucht und durch seinen eigenen meuchlerischen Angriff sich genügend als Verräter an den allgemeinen Interessen dokumentiert hatte, erregte sein Tod fast gar keine Teilnahme und der Respekt vor dem Tuerto wuchs dagegen noch bedeutend.

Der Malteser Nicolo hatte übrigens sogleich den Posten an der Tür eingenommen und wehrte jedem den Ausgang, der etwa vor gefaßtem Beschluß die Posada hätte verlassen wollen.

Die Untersuchung, die man mit dem Kasten vorgenommen, ergab übrigens bald die vollen Beweise, daß hier nur der Verrat bestraft worden war. In einem doppelten Boden fand man Notizen und Papiere, die bewiesen, daß der Krämer, welcher seit Jahren eines der tätigsten Mitglieder der Schmugglergesellschaft gewesen war, seit einiger Zeit sehr wohl verstanden hatte, seinen Vorteil nach zwei Seiten zu suchen. Man fand ein vollständiges Verzeichnis sämtlicher Madrider Kaufleute bei ihm vor, die von der Contrabandista Waren bezogen, und der Anstrich der Namen, bei denen kürzlich, wie schon erwähnt, die Zollbehörde Haussuchung gehalten, ergab, daß er diese verraten hatte. Auch fand man eine förmliche Instruktion aus der Sektion der Zölle und Mauthen, von Herrn Ballasteros selbst gezeichnet, die ihm das möglichste Eindringen in die Geheimnisse der Kontrabandista vorschrieb und eine reiche Belohnung versprach.

Das wichtigste aber war, daß Seespinne, der sich sogleich an den Toten gemacht und seine Taschen visitiert hatte, aus dem Futter seiner Weste ein Papier und ein kleines Notizbuch zum Vorschein brachte und El Tuerto übergab, wovon das erstere den Krämer auch als Spion der Polizei des Marschall O'Donnell in den geheimen Versammlungen der Exaltados erwies und mehrfache Verhaftungen erklärte, die in letzter Zeit vorgekommen waren und die Beteiligten nach Ceuta gebracht hatten.

Es galt daher jetzt nur, die Leiche auf eine geschickte Weise beiseite zu schaffen und man beschloß, sie mit allem Eigentum des Erschossenen noch in dieser Nacht auf die Straße einer entfernten Vorstadt zu bringen und dort mit dem letzterwähnten auf der Brust angehefteten Papier zur Auffindung durch die Serenos liegen zu lassen was jedenfalls den Verdacht der Tötung auf die politischen Parteien lenken mußte.

Der Cura, der mit dem größten Entsetzen dem ganzen Auftritt beigewohnt und hundertmal gewünscht hatte, die Kneipe gar nicht gesehen zu haben, wurde befehligt, für die Seele des ohne Absolution Gestorbenen einige Gebete an der Leiche zu sprechen, und dann wurde die Wegschaffung derselben, unter Leitung eines zuverlässigen Alten gerade den Mitgliedern übertragen, denen man vielleicht noch am wenigsten trauen mochte. Zuvor wurde allen aufs Strengste eingeprägt, nichts zu verraten, da ihre eigene Sicherheit davon abhing.

An all diesen Beschlüssen und Maßregeln hatte sich El Tuerto nicht beteiligt, sie wurden allein von dem Posadero und dem Arriero ausgeführt, während der gefürchtete Schmuggler sich in einem Winkel des Kamins abgesondert von den anderen leise mit dem Mann unterhielt, der neben dem Erschossenen gesessen hatte und die Uniform eines Gefängnisbeamten trug.

»Sie werden dem Gefangenen Castillos sagen,« befahl der Einäugige, »daß die Abführung der Verurteilten nach dem Bagno verschoben ist, und daß er sich bereit halten soll auf eine plötzliche Veränderung seiner Lage.«

»Ich werde Ihre Befehle befolgen, Sennor!«

»Wie viel Mann ziehen täglich in dem Saladero auf Wache?«

»Zwanzig Mann und ein Unteroffizier.«

»Ihre Verteilung?«

»Acht Soldaten befinden sich stets auf Posten – die anderen zwölf auf der Torwache.«

»Um wie viel Uhr erfolgt die Ablösung der Wache?«

»Mit der Retraite, um 9 Uhr abends.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ganz gewiß!«

»Und können Sie erfahren, welche Truppen und in welcher Reihenfolge dieselben die Wachmannschaften stellen?«

»Es wird am 1. und am 15. jeden Monats ein Befehl des Gouverneurs im Wachtlokal ausgehängt, der die Truppen bezeichnet.«

»Sie werden am 15. so wie derselbe erscheint, sich eine Abschrift verschaffen, und dieselbe auf das Schleunigste hierher bringen und dem Posadero übergeben.«

»Ich werde mein Möglichstes tun!«

»Das ist nichts gesagt, Sie werden die Abschrift in jedem Fall sich verschaffen und abliefern. Hier ist ein Plan des Saladero. In welchem Teile und in welchem Gefängnis befindet sich Sennor Castillos?«

»Sennor Castillos und die sechzehn Verurteilten, die mit ihm am Montag nach den Galeeren gebracht werden sollen, sind zu dem Behuf bereits in den Saal zur linken Hand im Parterre nach der Calle del Santa Engracia gebracht worden, an deren Tor die Wagen die Verurteilten aufnehmen, um sie zur Eisenbahn zu bringen.«

»Wer bewacht sie dort?«

»Der Saal ist verschlossen und zwei Gefangenwärter und die Schildwache bewachen ihn.«

»Können Sie mir den Schlüssel verschaffen?«

Der Mann zuckte die Achseln.

»Hier ist Gold – in diesem Beutel befinden sich hundert Dublonen – weitere hundert, wenn du meine Befehle erfüllst – im entgegengesetzten Fall eine Kugel.«

»Sie haben zu befehlen Sennor Kapitän!«

»Noch eins – der Cura darf von alledem nichts erfahren. Dagegen sagen Sie ihm alle Nachrichten, die etwa für mich wichtig sind. Und nun A Dios!«

Der Tuerto verließ den Mann und rief den Portugiesen zu sich, dem die Wirtin so gut es ging die Wunde verbunden hatte.

»Du wirst mit Nicolo hier bleiben und magst morgen früh zu einem Arzt gehen: ich hoffe die Wunde ist nicht bedeutend, denn wir haben keine Zeit, die Kranken zu spielen. Ihr werdet von mir hören!«

Er winkte dem Krüppel – dann wandte er sich zu dem Torero und seiner Schwester. »Kommen Sie, Sennor, es dürfte nicht gut sein, Sie hier allein zu lassen. Sie werden überhaupt besser tun, diesen Ort zu meiden, wenn Sie sich nicht entschließen wollen, ganz einer der unseren zu werden.«

»Sie haben mir das Leben gerettet, Sennor,« sagte der Torero, »dennoch – mein Stand –«

Der Seebandit lachte. »Lassen Sie sich das nicht kümmern – die Kontrabandista hat mehr als einen Granden von Spanien unter ihren Mitgliedern. Vorläufig verlangen wir nichts, als Ihr unbedingtes Schweigen.«

»Auf meine Ehre! Ich wünschte nur, ich könnte Ihnen besser meine Dankbarkeit beweisen.«

» Quien tiene tiempo tiene vida! »Kommt Zeit – kommt Rat! – Vielleicht werden Sie bald daran erinnert. Kommen Sie!«

Die Florista hatte ihm bei der Unterredung scharf in die Augen gesehen, aber sie sagte nichts und folgte schweigend mit ihrem Bruder dem Geheimnisvollen.

An der Tür wandte sich der verrufene Schmugglerkapitän nochmals um.

» A Dios! – Am Dienstag Abend sehen wir uns wieder! – Bis dahin Schweigen und Vorsicht!«

Der Tuerto verließ den Raum, gefolgt von Seespinne und den Geschwistern durch den gewöhnlichen öffentlichen Ausgang der Posada. Eben hatte er mit ihnen die Ecke der nächsten Straße erreicht, als die Turmuhr der Gongora Eins schlug.

Der Bandit blieb stehen. »Gute Nacht! und ich hoffe auf Wiedersehen!« Damit kehrte er in die Gasse zurück.


Ein Nachtfiaker rollte eine halbe Stunde später nach dem südlichen Stadtteil und hielt in der Calle de Valencia, unfern der Ronda gleichen Namens.

Ein Herr in den kurzen spanischen Mantel gehüllt stieg aus und bezahlte den Kutscher, dann ging er mit elastischen Schritten die Straße entlang und blieb vor einem kleinen Hause in den Gärten des Barrio del Salitre stehen.

Das Haus war einstöckig, die Rouleaux der oberen Fenster zeigten, daß die Zimmer trotz der späten Stunde noch erleuchtet waren.

Der Graf von Lerida, denn dieser war der nächtliche Fahrgast, stieß einen leisen Seufzer aus und zuckte die Achseln, als er hinauf sah zu den erleuchteten Fenstern.

» Caramba! – ich wünschte, es wäre die kleine Gitana oder mindestens Madame Oviedo! – Aber es hilft nichts und immerhin ist die Sennora Duquesa noch hübsch und feurig genug für das Opfer einer Nacht. Also vorwärts!«

Don Juan klopfte dreimal an die Türe – bald darauf hörte man einen Tritt und die Tür öffnete sich.

»Sie kommen spät, Sennor Conde! Die Frau Herzogin ist sehr aufgebracht – und hat sich bereits vor einer halben Stunde niedergelegt!«

Der Wildfang lachte. »Aber sie hat hoffentlich die Tür ihres Boudoirs offen gelassen! Also vorwärts, Annita, leuchte mir!«

Die Camarera – dieselbe, die am Nachmittag ihre Gebieterin in die Gärten von Buen Retiro begleitet hatte, schloß die Tür. »Nun nun – es wird so arg nicht sein, wenn Sie hübsch artig sind. Die Duquesa war unwillig, allein soupieren zu müssen – der süße Wein von Alicante erhitzt das Blut!«

Er war ihr bereits die Treppe voran hinaufgesprungen und warf im Vorzimmer Hut und Mantel ab – dann schlich er über die weiche Strohmatte des nächsten dunklen Zimmers.

Die Tür des anstoßenden war weit geöffnet, das Licht einer Ampel, warf einen Strahl aus einem Boudoir herüber, das mit ausgesuchter Pracht halb spanisch, halb in modernem Pariser Stil, dekoriert war.

Mit dem Kopfende an der Wand stand ein großes Bette von Eisen mit vergoldeten Zierraten. Die breite schwellende Matratze war mit seidenen Decken belegt, unter denen sich die Gestalt einer Frau abzeichnete, die, den Kopf in die Hand gestützt, mit unruhigen Blicken die Tür bewachte.

Unweit des Bettes stand ein Tisch von zierlicher Arbeit, auf dem zwei silberne Platten mit Delikatessen, Früchten und feurigen Weinen standen; dazwischen lag ein Gebetbuch.

Sessel und Stühle waren mit abgeworfenen Kleidern bedeckt.

»Geschwind Annita – ist er da?«

Don Juan schlug die Portiere zurück und kniete zur Seite des Bettes nieder. »Meine angebetete Maria endlich darf ich Sie umarmen!«

»Heuchler! – die Tertulia ist längst zu Ende – wo waren Sie, wo bleiben Sie, – indes ich Sie hier erwartete?« – Zwei weiße Arme streckten sich ihm entgegen und zogen ihn an den stürmisch klopfenden Busen. Indem er sich über sie beugte und sich ihren Liebkosungen überließ, fiel ein kleines Notizbuch aus der Brusttasche seines Rockes aus den Teppich.

»Ha – was ist das? – geben Sie her, ich will es sehen!«

»Ein unbedeutender Fund – ich habe es selbst noch nicht geöffnet!«

Mit eifersüchtiger Hast riß sie die Brieftafel an sich und öffnete sie. »Sie sind ein Verräter, dem man nie trauen darf! – O Juan, wenn Sie mich täuschten, wie Sie schon so viele betrogen haben!«

»Keine, die Ihnen glich, schönste und liebenswürdigste aller Herzoginnen. Geben Sie mir das Portefeuille, auf Ehre, es ist nicht das meine, und ich bin nur der zufällige Erbe. – Ich werde seinen Inhalt nachsehen, während …«

»O Juan!«

»Während ich an Ihrer Seite ruhe, denn ich bin in der Tat müde von den Anstrengungen dieses Tages,« sagte er phlegmatisch, sich ein Glas des dunkelgelben Weines eingießend.

»O Sie Ungeheuer!« – – – – – –

Der Graf von Lerida besaß aus der Erbschaft seines Vaters ein Hotel an der Cabaja, in der Nähe der Tole-Straße. Das Hotel war klein, aber durch seine isolierte Lage, den kleinen Garten und seine Ausgänge nach drei Straßen für einen Mann von dem Schlage des Abenteurers sehr bequem. Dementsprechend war auch die innere Einrichtung und die wenige, aber zuverlässige Bedienung.

Es war um zehn Uhr am Vormittag nach der Tertulia bei dem französischen Botschafter, als der Graf seinem griechischen Diener schellte, und Mauro eintrat.

»Was macht der Herr aus London, ist er bereits aufgestanden?«

»Schon vor zwei Stunden. Er schreibt und hat schon dreimal nach Euer Exzellenz gefragt.«

»Du hast heute morgen Seespinne in der Lucasstraße abgeholt, wie ich dir diese Nacht befahl und ihn zu dem Schlosser gebracht?«

»Es ist geschehen, Herr!«

»Sollten der Portugiese und der Malteser nach ihm fragen, so weißt du nicht, wo er geblieben. Wer war heute Morgen hier?«

»Der dicke Cura – er sah sehr übernächtigt und verschlafen aus. Auch ein Stierkämpfer, Gomez mit Namen. Er will diesen Abend wieder kommen.«

»Briefe?«

Der Grieche überreichte ihm auf einem silbernen Teller eine Anzahl Briefe und Billetts.

Don Juan, der sich von dem breiten, aber sehr einfachen und nur aus Roßhaarmatratzen bestehenden Bette, von einer gegerbten großen Hirschhaut bedeckt, erhoben und sich in einen weiten Schlafrock von dunklem Sammet gehüllt hatte, erbrach und durchflog sie hastig.

»Vom Vicomte Digeon – sein Dejeuner nicht zu vergessen! – Um 12 Uhr mein Tilbury, Mauro! – Die Herzogin schreibt aus Paris und mahnt mich an den versprochenen Besuch. Ich wünschte, es wäre die kleine Krevagne! – Ah – Dr. Ruiz ladet mich für heute abend zu einer Gesellschaft des Cennadores! – Er ist bezahlt dafür, daß er selbst die Sache abmacht! ich habe Besseres zu tun! – Madame Oviedo – sie wird heute die Oper besuchen! – damned, ich werde mich in der Loge des neuen Diktators von Mexiko halten, um mit der Marquise nicht in Konflikt zu kommen. – Ah – von Sennora Camarra, der neuen Tänzerin! Besorge einen Blumenstrauß für heute abend, so groß, wie ein halbes Wagenrad, Mauro – aber von dem Souper en quatre kann ich keinen Gebrauch machen. – Menotti Garibaldi! – ja mein Schatz, warum hat der Alte den wichtigen Moment versäumt, mit den Rothemden auf Rom zu rücken! – Die soziale Liga – pfui, der Brief riecht nach Kohlen und Pech – aber sie sollen das Geld haben. Ich werde es Marx bei meinem Bankier in London anweisen! – Aus Paris – ha – dieselbe Hand – dieselbe Form! – schon zum drittenmal!«

Er öffnete hastig das Couvert und entfaltete das Blatt, das darin eingeschlossen war – ein finsterer Zug lagerte sich auf seiner Stirn.

»Sonderbar – immer dasselbe lächerliche Motto aus jener deutschen Oper, die meinen Namen trägt: »Die Rache ereilt meinen Mörder!« Parbleu – wüßte ich, wo dieses Komturgespenst weilt, ich würde es mit Vergnügen zu einem Champagnersouper einladen, und seine eigene Einladung in die Unterwelt mit etwas mehr Humor annehmen, als mein Namensvetter auf der Bühne!« und er begann die berühmte Champagnerarie aus Mozarts Meisterwerk zu trillern.

Dennoch schien er den Eindruck des seltsamen Briefes nicht ganz verscheuchen zu können, und er schob die anderen Billetts zurück, ohne sie zu öffnen.

»Man sagt,« sprach er vor sich hin – »ein spanischer Dichter habe schon vor dem deutschen Komponisten einen Don Juan geschrieben – der den Komtur zu Gaste ladet! – Aber der steinerne Gast ist etwas höflicher als Herr Mozart ihn macht, und zerquetscht meinem lieben Namensvetter nicht gleich die Finger, sondern begnügt sich damit, ihn in sein unterirdisches Reich zum Gegensouper einzuladen! Und Sennor Don Juan hält sein Wort und kommt! Der Schluß gefällt mir – ich muß meinen Bücherwurm, Don Urbano fragen, ob er mir das Buch nicht verschaffen kann! – Heda – Mauro, Leporello, hat man nichts weiter für mich abgegeben?«

»Ein Packet alte Bücher, Sennor Conde – sie liegen im Vorzimmer. Die Vogelscheuche, die sie brachte, nannte sich Don Urbano Tormina.«

»Ganz recht! – Ist das Bad bereit?«

»Wie immer, Exzellenza!«

Der Graf erhob sich, um in ein Kabinett neben seinem Schlafzimmer zu treten. Dabei fiel sein Blick auf die kleine Brieftasche, die in der Nacht vorher die Eifersucht der Herzogin erregt hatte.

»Ha, das Geschenk des Sennor Tuerto – über was die Weiber doch eifersüchtig sind! – Nun, wir wollen während des Badens sehen, was der Schuft für wert gehalten, sich etwa zu notieren!« und er nahm das kleine Portefeuille mit in das gewölbte Nebenkabinett, wohin er auf drei Stufen hinabstieg und wo ein kaltes Bad für ihn täglich bereit stand.

Der Graf warf die Kleider ab und sich in das steinerne Bassin. Als er den Gliedern durch die Flut die gehörige Erfrischung gegeben, nahm er das auf dem Rande niedergelegte Portefeuille des erschossenen alten Spions und begann darin zu blättern.

»Notizen aus alter Zeit – Namen und Daten! – Der Bursche muß älter gewesen sein, als er aussah – denn hier eine Notiz von 1812. – Was heißt das – »Heirat mit Este a Prim am 12. Juni 1812 – Zeugen der Domherr Escoiquix« und – der Name ist nicht zu lesen! – »Prinzessin Estella, geboren den 5. April 1813; – den 24. März 1814 der König in Gerona, Auftrag; Rückreise nach Valencay!« – verschiedene Namen und Orte! – Das Kind Hauptmann Prim übergeben – am 24. Februar 1814.« Es muß der Vater oder ein Verwandter des Generals gewesen sein. – Weiter: »Zurück nach Frankreich gebracht am 10. Mai 1816. – Kloster der Frauen vom sacré coeur in Bayonne!« – Hier eine Reihe von Notizen über Personen und Denunziationen – ich glaube der Bursche ist damals ein Spion der Inquisition gewesen und ein Verräter auf beiden Seiten! Richtig – auch bei der Armee des Don Carlos – per Dios! der Name meines Vaters – er war es, der ihn in die Hände Cabreras lieferte – das Datum stimmt! – Die Hand Tuertos hat nur das Werk gerechter Rache geübt. – Auch der Name meines Oheims, – was soll das heißen? »Edmund Lauderdale, Viscount von Heresford! getraut in der Kirche zum Herzen Jesu zu Azpoitia mit Henriette Bourbon am 10. August 1837 – Trauzeugen der Principe Felix Lichnowski und Capitain Diaz Cavalho!« – Unsinn – mein Oheim war niemals verheiratet! – Lesen wir weiter! – »Giuliana Bourbon Heresford, geboren den 5. Oktober 1838 – getauft« … die Ecke ist abgerissen! Was sind das für neue Rätsel, wir haben niemals von dieser Cousine gehört! – Ob ich den General frage?«

Der Graf legte nachdenkend die Brieftafel auf den Rand der Wanne. »Wenn der Schurke nicht tot wäre, sollte ihn Rafael, der Portugiese, mit seinem Mittelchen leicht zum Geständnis bringen! – ich muß doch …« er griff hastig nochmals nach der Brieftafel, aber sie entglitt seiner Hand und fiel ins Wasser. Bevor er sie herausholen konnte, war der Einband von der Feuchtigkeit erweicht.

» Damned! – das ist dumm – das kann die Namen leicht verwischen. – Ha – was ist das? – Eine geheime Tasche, die das Wasser aufgeweicht! – Ein Papier darin – eine Instruktion – eine Frauenhand – wenn mich nicht alles täuscht die Hand der Königin Christine! – Laßt sehen …« Er war aus dem Wasser gesprungen und hatte, ohne den Diener zu dem gewohnten Dienste zu rufen, rasch den Schlafrock wieder übergeworfen und war nach dem Schlafkabinett geeilt. »Warte draußen bis ich rufe!« befahl er dem Griechen, und eilte, als Mauro das Zimmer verlassen, zu einem Schreibtisch, den er rasch öffnete und aus dem er einige Papiere nahm, die er mit den aufgefundenen verglich.

»Es ist richtig – Es ist die Hand der Königin! – Lesen wir den Inhalt!

 

Vollmacht für den OffiziaI des geistlichen Gerichts José Romero.

Besagter Romero hat sich mit zwei sicheren Begleitern nach Sevilla zu begeben und gegen Vorzeigung dieser Ordre an den Inquisitor Don Manuel Teralba aus dem Gefängnis des geistlichen Gerichts die Gefangene, welche den Namen Fernanda und die Nummer 9 führt, in Empfang zu nehmen. Besagte Gefangene ist in verschlossener Kutsche von Sevilla nach Madrid zu führen und der hochwürdigen Aebtissin in dem Kloster der Salesianerinnen zu übergeben. – Besagter José Romero hat dafür zu sorgen, daß die Gefangene unterwegs mit keinem Menschen außer ihm selbst Worte wechselt; und ist befugt, jeden Zwang außer unmittelbarer Tödtung gegen die Gefangene zur Verhütung solchen Verkehrs anzuwenden. Er steht mit seinem Kopf für genaue Befolgung dieser Vorschriften und die Person der Gefangenen.

Gegeben zu Madrid, den 20. April 1846.
C.«

 

»Ah – bei den Salesianerinnen! – Nun der kleine Beitrag zu den Geschäften der unbeschuhten frommen Frauen vom Berge Carmel ist nicht so übel – schade nur, daß seitdem vierzehn Jahre verflossen sind; – Bah – was kümmern uns die vergangenen Geschichten – wir haben genug mit der Gegenwart zu tun!«

Der Graf notierte sich einige Namen und Daten, legte das Portefeuille sorgfältig zum Trocknen aus, nachdem er das zuletzt darin gefundene Papier eingeschlossen, und schellte seinem Leibdiener. In kürzester Zeit war seine Toilette beendet und er schickte sich an, seinen Gast aus London aufzusuchen.

Die Konferenz der beiden dauerte beinahe eine Stunde. Es wurden die Möglichkeiten des Aufstandes erwogen, der allerdings vorläufig in Madrid sich nur auf eine Emeute beschränken mußte, deren glücklicher Erfolg die allgemeine Erhebung in den baskischen Provinzen und Navarra einleiten sollte.

Man verhehlte sich nicht, daß ein Sturz des Ministeriums in diesem Augenblick den Marschall Narvaez wieder an die Spitze bringen würde, den alten Bekämpfer der Karlisten, – doch lagen andererseits die Zeitverhältnisse so günstig, und der Eindruck, den der verunglückte Versuch des Generals Ortiz und die Gefangennahme und Rechtsentsagung der beiden Infanten auf die Anhänger der karlistischen Sache gemacht hatte, war so schädlich, daß eine kräftigere Demonstration gemacht werden mußte, wenn die Anhänglichkeit und der Eifer der Partei wieder geweckt und gekräftigt werden sollte.

»Wenn Sie es wirklich möglich machen,« sagte Oberst Leizell, »jenes Dokument, von dem Sie sprechen, zu beschaffen, – würde die Erhebung auch in der diplomatischen Welt eine besondere Bedeutung erhalten. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß man in England dem Prinzen Geld und Waffen zugesagt hat; die Einmischung Herrn O'Donnells in die italienische Frage zugunsten der Bourbonen und die französischen Intrigen, die dem König Viktor Emanuel einen Stein nach dem andern in den Weg warfen, sind offenbar die Ursache dieser augenblicklichen englischen Sympathien für die karlistische Sache; – aber das kümmert uns nicht, wir müssen die augenblicklichen Chancen und Alliierten benutzen – solange sie günstig sind. Später können wir mit der Kurie und Frankreich, unseren natürlichen Bundesgenossen, uns vertragen. Das sind die allgemeinen Gesichtspunkte. Im Speziellen läßt der Prinz Sie dringend bitten, keinen Ihrer gewöhnlichen unbedachten Streiche zu machen und namentlich nicht Prim zu vertrauen.«

Don Juan lächelte. »Der Graf von Reus,« sagte er, »wird Sr. Königl. Hoheit wahrscheinlich keinen Kopfschmerz machen; – der Prinz kann ohne Besorgnis sein!«

»Warum?«

»Ja Oberst, das ist wieder mein Geheimnis. Die Königin hat gestern abend Herrn Serrano nach Kuba geschickt, und der General Prim wird nächstens gleichfalls Spanien für einige Zeit verlassen.«

»Desto besser – wenn ich auch den Zusammenhang noch nicht weiß. Wenn es Ihnen also gelingt, sich jenes Dokumentes zu bemächtigen, mit welchem der Infant auch den Schutz der Kurie wieder gewinnen muß, – wie und wo soll es der Prinz erhalten?«

»Ich glaube Oberst, ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich beabsichtige, es selbst nach Genua oder Triest zu bringen.«

Der Vertraute des Infanten stampfte unwillig mit dem Fuß. »Aber ich machte Sie bereits darauf aufmerksam, daß der Graf Montemolin unmöglich mehr mitzählen kann – daß der Prinz jetzt der einzige legitime Vertreter ist!«

»Der König ist der König! – Se. Majestät wird ja leicht, da er keine Kinder hat, zu einer Thronentsagung zugunsten seines dritten Bruders, unsers sehr geliebten Prinzen Don Juan, zu bewegen sein. Die Thronentsagungen sind ja in der Familie Mode!«

»Sie wird unzweifelhaft erfolgen, aber wir – die Freunde und Anhänger des Prinzen brauchen sie doch wohl nicht erst abzuwarten, sollte ich meinen! – doch – wie Sie wollen. Sie wissen, daß der Prinz sich für das Schicksal eines alten Anhängers seines Bruders und Vaters, Castillos mit Namen, interessiert, dem man hier den Prozeß gemacht hat.«

»Und zu den Galeeren verurteilt hat! Sorgen Sie nicht! der Sennor Castillos gehört auch zu meinen besonderen Freunden und wird am nächsten Mittwoch Abend nicht auf die Galeeren, sondern nach Biscaya gehen. Ich bürge Ihnen mit meinem Wort dafür und habe alle Anstalten getroffen. Wenn Sie Se. Gnaden den Bischof sehen, sagen Sie ihm das, damit er Anstalten zur Sicherung des Flüchtigen trifft.«

»So wäre auch dies geordnet und ich kann Madrid verlassen.«

»Ohne Sorge. Sie werden in Barcelona unter der bekannten Adresse von mir hören. Brauchen Sie noch irgendeine Sicherung Ihrer Reise, Oberst? denn ich werde Sie schwerlich heute noch sehen können, so ist meine Zeit bis zum Abend in Anspruch genommen.«

»Ich danke Ihnen – ich bin in keiner Weise gefährdet und mit genügenden Papieren versehen.«

»Dann leben Sie wohl und legen Sie dem Infanten meine Ergebenheit zu Füßen. Sobald er seine Fahne in Biscaya erhoben, bin ich bei ihm.«

Die Männer schüttelten sich die Hände und der Graf verließ seinen Gast.

In seinem Gemach angekommen, ließ er sich von Mauro das Paket reichen, daß der alte Antiquar gebracht, prüfte die alten Drucke, die es enthielt und machte sich dann auf den Weg nach dem Königlichen Palast.

Das Schloß von Madrid liegt auf der Westseite der Stadt, auf der Terrasse, die nach dem Manzanares und den Alleen hinabfällt, welche den jardin del Campo del Moro umziehen. Es steht an der Stelle des alten Alcazars der Mauren und bildet ein gewaltiges Viereck von strenger Architektur. Es ist nach dem Brande von 1734 neu aufgeführt, im Innern auf das Kostbarste, namentlich mit herrlichen Gemälden von Tizian, Murillo, Mengs und anderen großen Künstlern fast bis zur Überladung geschmückt. Breite aus Granitquadern erbaute Terrassen und weite Durchfahrten, die auf den großen Vorhof führen, erstrecken sich zu beiden Seiten desselben nach der Armeria, der berühmten Waffensammlung am andern Ende des Platzes. Die Nordseite mit ihren gewaltigen Massen ist den tiefer liegenden sehr weitläuftigen Baulichkeiten des Königlichen Marstalles zugewendet. Der große innere Hof mit der prächtigen gigantischen Haupttreppe gewährt einen großartigen Anblick. Vor dem Palast, liegt der Plaza del Oriente mit seinen Gartenanlagen. Auf der Nordseite ist der Palast von der Artilleriekaserne gedeckt, deren Kanonen die vor der Front entlang laufende Calle de Baylon nötigenfalls vollständig bestreichen.

Die Artillerie hat in allen Pronunziamentos der letzten fünfzig Jahre eine entscheidende Rolle gespielt.

Der Graf, der zu dem Gang eine einfache etwas ernstere Toilette gemacht und eine dementsprechende Miene aufgesetzt hatte, ging über den Palasthof und nach einer Tür, die im Winkel desselben zu einer Seitentreppe in die oberen Stockwerke führte, ohne den großen Aufgang zu berühren. Er wandte sich an den ersten Lakaien, der ihm begegnete.

»Würden Sie die Güte haben, Sennor Kastellan, mir gegen Vergütung Ihrer Bemühung die Wohnung des Sennor Archivario und Bibliothekar Don Rafael Cervantes zu zeigen?«

Die Standeserhöhung und das in Aussicht gestellte Douceur machten das Mitglied der sonst durch Anmaßung und Unhöflichkeit sehr berüchtigten Lakaienzunft sofort geschmeidig und der Mann geleitete den Grafen zwei Treppen hoch nach dem Flügel, in welchem sich das Königliche Hausarchiv befindet, und belehrte ihn dabei – was der Graf längst wußte –, daß der berühmte Archivar Ihrer Majestät ein absonderlich seltsamer Hagestolz und Gelehrter sei, der neben dem Archiv zwei Kammern bewohnte, die nur selten einer der Archivdiener reinigen dürfe, und daß er den Palast im Winter fast niemals, im Sommer nur an den Tagen der großen Stiergefechte verlasse, von denen er ein leidenschaftlicher Liebhaber sei.

An der Tür des Archivs klopfte der Lakai nach Empfang eines reichlichen Trinkgeldes solange und so heftig, bis sich schlürfende Tritte hören ließen und eine mürrische Stimme fragte, wer soviel ungebührlichen Lärm mache?

»Das ist der Sennor Archivario selber,« sagte der Lakai, »und damit Gott befohlen Euer Gnaden und gute Verrichtung mit dem alten Bücherwurm.«

Die Tür wurde geöffnet und der junge Lebemann befand sich einer Erscheinung gegenüber, die mit Ausnahme der Größe – denn der Archivar war eine kleine vertrocknete Figur – viel Ähnlichkeit mit dem Antiquar Tormina hatte. Ein alter Schlafrock umschlotterte den kurzen dürren Körper, ein Paar große Brillengläser verbargen die Augen und der Ausdruck des Gesichts war ein höchst verdrießlicher, als er mit knurrender Stimme fragte, was man wolle.

Der Graf verbeugte sich überaus höflich. »Nach der großen Ähnlichkeit mit dem Standbild des größten Dichters unseres schönen Vaterlandes, das den Platz der Cortes ziert,« sagte er verbindlich – »habe ich die Ehre, dem Nachkommen desselben, dem berühmten Bibliomanen und Gelehrten Sennor Don Rafael Cervantes selbst gegenüber zu stehen?«

Der Bibliothekar verbeugte sich sehr geschmeichelt – die eingebildete Abstammung von dem Verfasser des Don Quixote war eine seiner Hauptschwächen, und die schlaue Begrüßung gewann daher sogleich sein Herz. »Euer Gnaden zu dienen, mein Name ist Rafael Cervantes, und wenn ich auch nicht den geringsten Anspruch mache, mit meinem berühmten Ahnherrn in Vergleich zu treten, so darf ich doch hoffen, ein nicht ganz unwürdiger Erbe seines Namens in der spanischen Literatur zu sein. – Darf ich Euer Gnaden bitten, näher zu treten und mir den Grund der Ehre Ihres Besuchs mitzuteilen?«

»Ich bin der Graf Juan da Lerida, Sennor,« sagte der Schlaue, der alsbald der Einladung gefolgt war, – »ein Verehrer der hohen und wichtigen Studien, denen Sie mit so großem Ruhm Ihre kostbare Zeit gewidmet haben, und ich möchte die Gelegenheit benützen, daß ich mit einem Erlaubnisschein unserer allergnädigsten Königin hierher komme, zu der Instruktion eines Erbschaftsprozesses die Urkunden des Königlichen Archivs einzusehen, um bei Ihrer Autorität und Gelehrsamkeit mich über einige merkwürdige alte Drucke zu unterrichten, die ich aus dem Familienerbe besitze.«

Der würdige Archivar spitzte die Ohren wie ein Schlachtroß beim Klang der Trompete, als er von alten Drucken hörte.

»Euer Gnaden meinen doch nicht – wollen Euer Gnaden mir nicht die Ehre erweisen, Platz zu nehmen? – Sie meinen doch nicht gar spanische Inkunables?«

»Es befinden sich deren – soviel ich mich erinnere – auch eine hübsche Anzahl unter der Sammlung, namentlich aus Lima, Mexiko und den Niederlanden. Ich habe da ein Paar der Schriften zu mir gesteckt, wie sie obenauf in dem damit angefüllten Kasten mir zur Hand lagen.« – Er reichte ihm ein Paar Hefte, deren Aussehen schon von ihrem Alter zeugte, und die der Gelehrte mit großer Sorgfalt ergriff.

»Heiliger Laurentio – was sehen meine Augen! – das ist ein veritabler Druck des Wapene Martijn, des berühmten niederländischen Dichters Jakob Maerlant, gestorben im Jahre 1300 zu Damm bei Brügge, gedruckt zu Antwerpen im Jahre 1496. – O welcher Schatz, welcher Schatz!«

»Wenn er Ihnen Vergnügen macht, Sennor Don Rafael, so bitte ich um die Ehre, das Buch Ihrer Privatbibliothek einzuverleiben.«

Der alte Bibliomane sah ihn fast bestürzt an – eine solche Verschleuderung eines Schatzes war ihm wahrscheinlich noch nicht vorgekommen. » Eheu – ist das Euer Gnaden Ernst?«

»Das versteht sich! ich habe der Sachen genug und hoffe, daß Ihnen einiges davon Vergnügen machen wird, da ich Sie leider der Dokumente meines Prozesses wegen öfter belästigen muß!«

Der Archivar hatte sich erhoben und ging mit ausgebreiteten Armen auf den Conde zu. »Erlauben mir Euer Gnaden, daß ich Sie umarme für dies großmütige Geschenk und seien Sie versichert, daß es mir stets eine Ehre sein wird, Sie zu empfangen und alles zu Ihrer Verfügung zu stellen, was meine Pflicht erlaubt. O wie will ich den Ignoranten, diesen Antiquar Urbano Tormina in Grund und Boden schlagen mit diesem von mir entdeckten Schatz!«

»Vielleicht,« sagte lächelnd der Graf – »mag dieser Elzevir, wie man mir sagt, Drusii Ebraicorum, gedruckt zu Leiden 1553 mit dazu beitragen!« Er hielt ihm das Buch hin.

Der Archivar starrte ihn an. – »Sennor Conde – wäre es möglich? Sie sind im Besitz eines solchen Schatzes? Ahnen Sie auch, junger Mann, daß dieses Buch, von dessen Existenz ich bis jetzt nur durch Pieters 1851 zu Gent erschienene ›Annale‹ wußte – allen Streit der Gelehrten über die Frage des ersten Elzevirs beseitigt? – Ihro Majestät die Königin muß wissen, in Besitz welcher Schätze ein Privatmann ihres Reichs ist!«

»Ich bitte, Sennor Don Rafael, lassen Sie die Königin aus dem Spiel,« sagte eiligst der Graf, – »es würde mich das nur genieren und unseren Verkehr beschränken. Ich bin ohnehin so beschäftigt mit den Vorbereitungen des großen Stiergefechtes, welches die Kavaliere der diplomatischen Gesellschaft zu Ehren der Schwangerschaft Ihrer Majestät in nächster Woche veranstalten.«

»Ein Stiergefecht – im Winter? Euer Gnaden sind auch ein Liebhaber der edlen Tauromachie?«

»Gewiß, Sennor Don Rafael, und ich hoffe selbst dabei einen Stier zu töten. – Das Wetter ist schön, und die Corrida soll bei Gasbeleuchtung stattfinden, wozu bereits alle Anstalten im Zirkus getroffen werden. Die Herren Pucheta und Redondo, die ersten lebenden Espadas der Welt, haben versprochen, die Leitung der Quadrillas zu übernehmen. Das Schauspiel ist natürlich nur für den Königlichen Hof und die geladene Gesellschaft.«

Der Archivario schlug sich vor den Kopf. »O ich Unglücklicher, ich werde das schönste Schauspiel nicht sehen!«

»Warum das? Es wird mir ein Vergnügen machen, Ihnen Billets zur Disposition zu stellen!«

Wiederum umarmte begeistert der Archivar seinen Besuch. »Sennor Conde, Sie sind in Wahrheit ein Gott! Wie werde ich solche Großmut vergelten können?!«

»Mit Ihrer Freundschaft, Sennor Don Rafael! – Aber würden Sie nun wohl die Güte haben, mich mit der Einrichtung des Archivs bekannt zu machen? Es handelt sich um die Urkunden der Fueros und den Grundbesitz der freien baskischen Geschlechter, die nach dem Vertrag von Bergara nach Madrid gebracht worden sind. – Freilich wird heute meine Zeit nur erlauben, einen flüchtigen Überblick zu gewinnen.«

»Euer Gnaden werden alles in bester Ordnung finden, es ist mein Stolz!« erklärte der Archivario. »Belieben Sie, hier einzutreten!« und er führte seinen Gast durch mehrere große Gemächer und bezeichnete ihm mit der Geläufigkeit eines Cicerone die einzelnen Epochen und Materien der hier niedergelegten Urkunden und sonstigen Schriftstücke.

Sie gingen an einer Tür vorüber, von der jedoch der Archivar keine Notiz zu nehmen schien.

Der Graf deutete darauf hin. »Gehören diese Räume auch zu dem Hausarchiv?«

Der Archivar zog die Achseln hoch. »Einem Mann wie Euer Gnaden,« sagte er vertraulich, »einem Wohltäter der Wissenschaft darf man die Wahrheit nicht verschweigen. Dieses Zimmer und das daran stoßende Kabinett enthalten das geheime Familienarchiv und dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung Ihro Majestät nicht betreten werden. Es ist das Sterbezimmer weiland König Ferdinand VII., das Ihro Majestät die Königin Christine nicht gern mehr betreten mochte. Man hat diese Zimmerflucht daher später zum Archiv umgewandelt.«

Es folgte eine Pause – den Abenteurer überkam die eigentümliche Wendung des Zufalls – er dachte an die Mitteilung des Curas und die Beichte der verstorbenen Camarera. »Also ein historisches Zimmer! – und darf man es nicht betreten?«

»Nicht ohne den ausdrücklichen Befehl der Königin!«

»Und wenn ich diese Erlaubnis hätte?«

Der Archivar sah ihn erstaunt an. »Euer Gnaden scheinen zwar in hohem Vertrauen zu stehen, da man Ihnen gestattet, die Akten des Archivs zu benutzen, indes …«

Don Juan hatte das zweite Papier, das ihm die Herzogin gegeben, aus dem Portefeuille gezogen und dem Archivario überreicht. »Sie werden sich überzeugen, Sennor Don Rafael!«

Der Archivar nahm und prüfte es sorgfältig.

»Euer Gnaden wollen meine Weigerung von vorhin verzeihen. Nach dieser Erlaubnis bin ich verpflichtet, jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen.« Er wählte von dem Schlüsselbund, das er am Gürtel trug, den passenden aus und öffnete die Tür.

Es kam dem Grafen zunächst darauf an, sich mit der Lokalität bekannt zu machen, und er beschloß daher, bei diesem ersten Besuch des Archivs möglichst zurückhaltend zu sein, um kein Mißtrauen zu erregen. Er wußte jetzt, daß er die Mittel besaß, die Schwächen des Archivars für seinen Zweck auszubeuten und würde sich mit einem allgemeinen Überblick begnügt haben. Aber der alte Herr schien jetzt jede Vorsicht für überflüssig zu halten und, bestochen von dem Benehmen des jungen Caballero und in der Aussicht, durch dessen Gefälligkeit seiner Leidenschaft ganz unverhoffte Quellen und Schätze erschlossen zu sehen, beeiferte er sich, seinen Besucher, vor dessen Rang und Einfluß er einen ungeheuren Respekt gewonnen, mit allen, gewöhnlichen Augen verschlossenen Schätzen des Archivs bekannt zu machen.

Der Raum, in dem sich Lerida jetzt befand, war ein ziemlich großes mit Ebenholz getäfeltes Zimmer, das ihm einen düsteren Charakter gab. Große massive Schränke und Truhen von Eichenholz umgaben die Wände, die nur von zwei Türen unterbrochen wurden, die, durch welche der Graf eingetreten war und eine gegenüber gelegene, die wohl verschlossen war. Dagegen vermißte der Graf sogleich die Tür zu dem kleinen Toilettenkabinett, das nach der Erzählung der verstorbenen Wärterin und der Mitteilung des Cura vorhanden sein mußte, wenn dies wirklich das Sterbezimmer des Königs Ferdinand VII. gewesen war. Die Fenster des Gemachs, von großen schweren Vorhängen verhüllt, gingen nach den Terrassen des Manzanares hinaus.

»Euer Gnaden sind ein Mann,« sagte der Archivar, – »der die Dinge, auf die ich mir Ihre Aufmerksamkeit zu richten erlaube, zu schätzen weiß. Es sind zwar viele der wichtigsten Dokumente und Papiere unter jener fluchwürdigen Herrschaft der ruchlosen Gavacchos verloren gegangen, indes noch immer genug vorhanden, um, wenn sie bekannt würden, jene lächerlichen Geschichtsschreiber, die ihre Kenntnis und Weisheit aus dem elenden Wust von allerlei Bibliotheken zusammenklauben, auf das Höchste blamieren und der Weltgeschichte ein ganz anderes Kleid anziehen würden. Dieser Schrank zum Beispiel,« und er öffnete ihn, »enthält die geheimen Papiere aus der Zeit König Karl I. oder Karl V., als deutscher Kaiser, und Euer Gnaden würden sich wundern, wenn sie seine Verhandlung mit dem heiligen Vater gegen die Inquisition oder die Papiere des Infanten Don Carlos lesen wollten, die König Philipp II. ihm in der Nacht des 18. Januar 1568 abnehmen ließ, oder den geheimen Bericht des Sekretärs des Rates von Kastilien Don Pedro del Hazo, der ganz anders lautet, als die Prozeßakten im Archive von Simancas, die der alte Tor, mein Kollege Don Antonio Bermuda, daselbst für die alleinigen Dokumente in dieser formidablen Geschichte ausgeben will. Euer Gnaden haben sicher das Grab des unglücklichen Infanten im Dominikaner-Nonnenkloster von El Real besucht, von dem ein deutscher Skribifax eine höchst unrichtige Geschichte zu einer Komödie gemacht haben soll?«

Der Graf lächelte zustimmend.

»In diesem Schrank – und das ist der Teil, der Euer Gnaden Wünschen und Nachforschungen entsprechen wird, – sind die Verhandlungen des berühmten Partagetraktats unter Ludwig XIV. von Frankreich, der durch Testament Karl II. die jetzt in Segen regierende hohe Familie der Bourbonen und somit unsere allergnädigste Königin auf den Thron von Spanien setzte. Hier befinden sich auch die Papiere König Philipp V., durch die der Krone die alten Freiheiten und Rechte, das heißt die Fueros von Biscaya und Navarra anerkannt wurden. Sie wissen, daß Marschall Espartero wegen des Karlistenaufstandes die Fueros meist aufgehoben hat, daß sie aber durch die Gnade der jetzt regierenden Königin im Juli 1844 wieder hergestellt wurden?«

»Eben aus der Zeit des Ministeriums Espartero wünsche ich einige private Dokumente nachzusuchen.«

»Ich werde Euer Gnaden heraussuchen, was sich finden läßt. Ich erinnere mich übrigens, daß in den geheimen Berichten an die Königin-Mutter von damals der Name Ihrer Familie mehrmals genannt ist.«

»Es wird von der Person meines Vaters, des ehemaligen Korregidors die Rede sein, der als Gouverneur in Mexiko eben Gelegenheit hatte, verschiedene altspanische Drucke zu sammeln, die ich Ihnen nächstens zur Disposition stelle.«

Das faltenreiche Antlitz des Archivario strahlte vor Vergnügen.

»Euer Gnaden überschütten mich mit Wohlwollen. Mein Haus steht zu Ihrer Verfügung.«

»Wohin führt jene Tür, Sennor?«

»Nach der Zimmerreihe, die Ihre Majestät die Königin Christine während der Krankheit des hochseligen Königs bewohnte und die seitdem leer steht.«

»Im ganzen,« warf der Graf leicht hin, »hat König Ferdinand eigentlich ziemlich einfach und unbequem gewohnt, nicht einmal das gewöhnliche Toilettenkabinett neben seinem Schlafzimmer, das doch jeder wohlhabende Privatmann zu besitzen pflegt!«

»Verzeihen Euer Gnaden, ein solches Kabinett ist allerdings vorhanden.«

»Aber ich sehe nirgends einen Zugang.«

Der Archivario lächelte schlau. »Es ist nach meiner Angabe geschlossen, weil dies Kabinett zur Aufbewahrung der wichtigsten Familienpapiere, namentlich der Testamente unserer Erlauchten Herrscher und anderer wichtigen Dokumente dient. – Sehen Sie her.« Er trat in der Nähe des zweiten Fensters zu einem der Schränke, drückte an eine hervorragende Verzierung desselben und der massive Schrank drehte sich wie eine Tür in ihren Angeln und öffnete den Eingang in ein kleines Kabinett, dessen Fenster mit massivem vergoldeten Gitterwerk verschlossen war.«

»Hier,« sagte Don Rafael mit wichtiger Miene, indem er einen Wandschrank öffnete, »sind die Testamente der seligen Majestäten bis zu dem König Karl I. hinauf verwahrt.«

»Das heißt, doch nur die Abschriften oder Entwürfe, da die gültigen Originale in dem Staatsarchiv niedergelegt werden müssen.«

» Quien sabe, Sennor Conde,« meinte der Archivar, den Kopf bedeutsam wiegend. »Ich habe von meinem Vorgänger auf Eid und Pflicht so manches übernommen, was schwerlich in den Registraturen des Staatsarchivs enthalten ist. Auch die Herrscher dieser Welt haben oft ihre Privatgeheimnisse über die Gruft im Eskurial hinaus, deren Siegel nur die heilige Hand des Statthalters Gottes auf Erden brechen darf.«

Der Graf war etwas bleich – die Pupille seiner Augen schien sich auszudehnen, wie bei einem Raubtier, das den Sprung auf seine Beute tun will.

»Sie treiben Ihren Scherz mit mir, Sennor Don Rafael,« sagte er mit tiefer Stimme. »Einem bloßen Beamten, sei er auch noch so gelehrt, dürften schwerlich solche Geheimnisse anvertraut werden.«

Der Archivar, in seiner Eitelkeit gekränkt, schob in dem mittleren Fach des Wandschranks die Rückwand durch einen Druck zur Seite. »Sehen Sie da hinein, Sennor!« sagte er stolz, »was erblicken Sie?«

»Nichts als einige Bündel Papiere!«

»Was sie enthalten, Sennor Conde, weiß ich selbst nicht! aber wichtige Dinge müssen es sein, denn ich habe für ihre sorgfältige Verwahrung meinem Vorgänger im Amt einen Eid auf die Hostie leisten müssen. Und daß die Großen der Erde oft dem bescheidensten ihrer Diener Vertrauen schenken, möge Ihnen der Umstand beweisen, daß selbst zu meiner Zeit in meinem Verwahr schon Dokumente im Archiv niedergelegt worden sind, für deren unverletzten Verschluß ich mit meinem Kopf bürgen muß, und die ich hier verwahre.«

Der Archivar schob das geheime Fach des Schrankes in seine Fugen und war im Begriff, auch den Wandschrank zu schließen, als Don Juan die Hand auf die seine legte.

Einen Augenblick war der Conde in Zweifel gewesen, ob er – jung und kräftig, und allein mit dem alten Pedanten – sich nicht auf ihn stürzen und durch eine Gewalttat sich in Besitz des unzweifelhaft dort aufbewahrten wichtigen Dokuments setzen sollte, das er dem Agenten des Infanten Don Juan Carlos zugesagt hatte. Aber schon im nächsten widerstrebte ihm dies Mittel und es kitzelte ohnedem seine Eitelkeit, lieber seiner Schlauheit den Besitz zu verdanken, als einem rohen Banditenstreich. Überdies – wie leicht konnte er mißlingen und ein Hilferuf zufällig gehört werden und alles verderben!

Diese Überlegung ging mit der Schnelligkeit des Blitzes durch seine Seele.

»Bei dem Kapitel historischer Merkwürdigkeiten,« sagte er mit ruhigem Ton, »fällt mir ein, daß mein Oheim Lord Heresford ein Mitglied des Roxburghklub war, der zu Ehren der Erwerbung der bei Valdarfer im Jahre 1471 erschienenen ersten Ausgabe des Boccaccio gegründet wurde, und daß ich in seinem Nachlaß unter anderm dies Pergament mit altitalienischer Schrift fand, das er von dem Bibliothekar des Vatikans, dem Kardinal Angelo Mai zum Andenken erhielt, und das besonderen Wert haben soll.«

Don Rafael riß ihm fast das Pergament aus der Hand. »Heilige Jungfrau, von dem gelehrten Entdecker der wichtigsten Schriften des römischen und griechischen Altertums! Lassen Sie sehen!« und er rannte damit zu dem Fenster. »All ihr Heiligen – ich kann deutlich die Querschrift sehen – es ist ein Palimpsest der vollkommensten Art! – Mann Gottes – Barbar! – in Besitz welcher Schätze sind Sie und behandeln das alles mit solcher Gleichgültigkeit! – Euer Gnaden bitte ich dringend um die Erlaubnis, dies wichtige Blatt näher untersuchen zu dürfen!«

Der Graf war vor dem Wandschrank stehen geblieben, seine Hand hatte sich wie zufällig auf das Schloß der Tür gelegt, während der Gelehrte das Pergament eilig am Licht des Fensters untersuchte und für nichts anderes Aug' und Ohr hatte. Der Graf konnte mit Gemütlichkeit mit dem weichen ölgetränkten Wachs, das er in der Hand hielt, von dem Schloß und Schlüssel des Schrankes einen Abdruck nehmen.

»Sie können das bequemer haben, Sennor Don Rafael,« unterbrach er endlich die Forschung des Gelehrten. »Behalten Sie das Ding, bis ich wiederkomme und sagen Sie mir dann Ihre Meinung. Ich habe Ihre Zeit ohnehin schon zu lange mißbraucht und auch die meine ist mir heute sehr zugemessen, da ich zu einem Rendezvous erwartet werde. So nehme ich denn Abschied von Ihnen mit tausend Dank für die bewiesene Gefälligkeit und den großen Genuß, den mir Ihre gelehrte Unterhaltung gewährt hat, und bitte nur um die Erlaubnis, nächstens wiederkommen zu dürfen, um meine Nachforschungen mit Ernst zu betreiben.«

Der Archivar beugte sich fast bis zur Erde vor seinem neuem Mäcen. »Euer Gnaden erweisen mir die größte Ehre! – ich bin zu jeder Stunde zu Ihrer Verfügung!«

Er hatte den Schrank und das Zimmer des geheimen Archivs sorgfältig wieder verschlossen und geleitete seinen Besuch bis zum Ausgang.

An der Tür drehte sich der Graf noch einmal zurück. »Nicht weiter, Sennor Don Rafael, das ist für einen Laien, wie ich, zuviel Ehre von einer solchen Leuchte der Wissenschaft. – Aber – à propos – noch eins, was mir einfällt! ich muß Sie dringend bitten, von meinem Besuch und dessen Zweck mit niemand – auch hier im Palast nicht – zu sprechen. Wenn meine einflußreichen Gegner in dem Prozeß von der mir erwiesenen Gunst der Königin und Ihrer gütigen Unterstützung dabei die geringste Ahnung erhielten, würden ihre Machinationen nur sofort die Erlaubnis des Zutritts zu entziehen wissen und ich den größten Nachteil davon haben. Auf Ihr Wort also, Sennor?«

Der Archivar hob seine Augen gen Himmel oder vielmehr zur Decke des Gemachs und legte die welke Hand beteuernd auf seine Brust. Er fühlte, welchen ungeheuren Verlust er selbst erleiden würde von der Einstellung der Besuche eines an literarischen Schätzen so reichen und damit so verschwenderisch umgehenden Mannes, des Patrons einer so merkwürdigen und verlockenden Korrida. »Auf das Ehrenwort eines Caballero, Sennor!«

Die Tür schloß sich hinter dem Grafen von Lerida.


Die italienische Oper in Madrid, von der Vorliebe der Königin Isabella mit bedeutenden Zuschüssen unterhalten, liegt in der Nähe des königlichen Palastes, am Plaza del Oriente und führt davon den Namen. Dem gewaltigen aber unharmonischen Äußern gegenüber macht die einfache aber geschmackvolle Einrichtung des Innern den angenehmsten Eindruck. Die Logen sind wie in den berühmtesten italienischen Theatern für den gesellschaftlichen Verkehr, der ja in den Theatern des Südens eigentlich die Hauptsache ist, in zwei Abteilungen geteilt, in die wirkliche mit größter Eleganz ausgestattete Loge an der Brüstung, und in das zum Ablegen der Garderobe und Arrangement der Toilette oder zu Plaudereien bestimmte Entree, das sich nach dem Korridor öffnet.

Die Ouvertüre des »Robert« hatte bereits begonnen, als der Graf von Lerida in das Parterre trat und seinen Fauteuil einnahm. Die schöne und vornehme Welt von Madrid war versammelt, und das Rauschen der Fächer, das Blitzen der Brillanten, der feurige Glanz der dunklen Augen der spanischen Damen in ihrer graziösen Lebendigkeit bildeten ein Ensemble, wie kaum ein anderes Theater der Welt bieten mag, wo einst die steife Etikette die Logenreihe füllte. Der Graf sah sich nach seinen Freunden um und musterte dann mit dem Glas die Logen, von wo ihm die Symbolik des Fächerschlags mehr als einen Wink und Gruß brachte. Der sonst so galante und leicht entzündliche Roué schien jedoch heute dafür wenig empfänglich zu sein und sein Kopf mit andern Gedanken gefüllt.

Die Hofloge hatte sich gefüllt, die Königin und der König mit sämtlichen Infanten und Infantinnen, die am Abend vorher die Tertulia des französischen Botschafters besucht hatten, waren anwesend.

Das Finale des ersten Akts der romantischen Musik des deutschen Meisters war beendet, und das Publikum strömte in die Foyers und die Korridors. Vicomte Digeon strich an Don Juan vorbei.

»Der General hat schon wiederholt sein Glas auf Sie gerichtet. Zum Henker, was zögern Sie denn, ihm Ihren Besuch zu machen? Sie wissen ja. was auf dem Spiel steht!«

»Geduld, wackerer Franzmann.« sagte spöttisch der Graf. »Sie scheinen es überaus eilig zu haben, mich zu kompromittieren!«

»Sie zu kompromittieren, mein Bester? das würde schwer sein, ich denke, dies Geschäft besorgen Sie selbst durch die Zahl Ihrer Liaisons. Der arme Oviedo soll halb rasend sein und die Marchese Padilla y Hormosa Ihnen den Tod geschworen haben mit dem kleinen smaragden-besetzten Dolch, den sie so kokett an ihrem Berlocque trägt.«

»Bah – ich bin stichfest! Aber davon ist jetzt nicht die Rede, sondern wie ich im Begriff bin, mich politisch zu kompromittieren. Ich breche mit dem Hofe!«

»Sie meinen die Warnung, die Mi Sennora Ihnen gestern gegeben, nicht mit der Opposition zu kokettieren?«

»Genau dasselbe!«

»Was Sie sich daraus machen, wie ich Sie kenne. Außerdem werden Ihre Majestät sehr erfreut sein, und Sie höchstens statt wie jetzt zum Ritter, zum Komtur ihres Ordens ernennen, wenn Sie helfen, den Oppositionär Prim auf gute Weise beiseite zu schaffen. Also vorwärts, mein Lieber, und bedenken Sie, was Sie Fleury versprochen haben. Man erwartet Sie in Paris!«

» Quien sabe! wer weiß!«

Sie reichten einander die Hand und trennten sich. Der Conde Don Lerida ging nach der Loge des Marschalls.

»Ist es erlaubt einzutreten?«

»O – wir haben Sie schon längst erwartet!«

Der Graf überreichte der Gräfin und ihrer Tochter nach der spanischen Sitte ein elegantes Bukett, das er im Foyer zu diesem Zweck gekauft. »Excellenza erweisen mir ein großes Wohlwollen, das ich nicht mißbrauchen durfte.«

Die Generalin, eine geborne Mexikanerin, die der Graf auf seinen Reisen kennen gelernt und geheiratet hatte, eine Dame von etwa 40 Jahren mit schönen Augen, aus denen Leidenschaft und ein starker Wille leuchteten, lud den Eingetretenen ein, neben ihr Platz zu nehmen. »Sie wissen, lieber Conde, daß wir Sie zur Familie gehörig betrachten. Wir zürnen Ihnen nur, daß Sie sich so selten machen.«

»Ihro Gnaden werden bald noch mehr Ursache haben, mir zu grollen!«

»Wie – wollen Sie Madrid verlassen, oder sich zum Deputierten der Moderados wählen lassen?«

»Bewahre – ich liebe den Fortschritt! Aber ich möchte Ihnen den Herrn Grafen, Ihren Gemahl, entführen.«

»Doch hoffentlich nicht in Ihre kleinen Abendgesellschaften, von denen man sich abscheuliche Dinge erzählt!«

»Was denken Ihro Gnaden von seiner und meiner Tugend! Nein – in Ihr schönes Vaterland!«

Der General wurde aufmerksam. »Was reden Sie da wieder für Torheiten nach Ihrer gewöhnlichen Manier?«

»Ich spreche im Ernst!«

»Ich weiß zwar, daß Serrano gestern abend seine Ernennung für Kuba erhalten hat, aber mit Mexiko haben wir bekanntlich nichts mehr zu tun.«

» Quien sabe! – Vielleicht gefällt es Ihnen, mir für einige Minuten ungestörtes Gehör zu geben.«

Die Dame parierte rasch den Wink. »Sie sind zwar ein Tollkopf, Sennor Don Juan – aber es liegt oft doch ein gewisser Kern in all Ihren Torheiten. Nach dem, was Sie vorhin zu sagen beliebten, habe ich ein unbestreitbares Interesse an der Mitteilung. Nehmt ein wenig in dem Entree Platz, meine Lieben.«

Die Worte galten der Sennorita und ihrem Bruder, einem Knaben mit aufgewecktem, dem General sehr gleichenden Gesicht.

Nachdem sich die beiden Kinder entfernt, wandte sich der Graf mit ziemlich ernstem Gesicht an den Abenteurer. »Was sagten Sie soeben von Mexiko?«

»Ich fragte, ob Euer Excellenza die Führung der spanischen Eskadre bei der Expedition, die der Kaiser Louis Napoleon gegen Mexiko vorbereitet, zu übernehmen geneigt sein würden, oder überhaupt die Leitung der Expedition.«

»Sie faseln, mein Lieber!«

»Ich bin bei voller Überlegung. General Fleury ist hier, um die Mitwirkung Spaniens bei der bereits beschlossenen französisch-englischen Invasion zu vermitteln. Der Kaiser Napoleon setzt großes Vertrauen in Euer Exzellenz, er bedauert den Undank der Regierung für Ihre Verdienste in Marokko, und wünscht Sie der Königin vorzuschlagen, wenn Sie Lust haben, als Herzog von Puebla zurückzukehren, am liebsten als Vizekönig Sie dort zu sehen.«

Das eigentümlich verschleierte Auge des Generals heftete den gewöhnlich sinnend verschlossenen Blick mit einem festen Ausdruck auf den jungen Intrigant.

»Ernst – oder eine Ihrer Kombinationen?«

»Auf Wort! ich bin beauftragt, Sie auszuforschen, ehe man einen offiziellen Schritt tut.«

Die Blicke der Gatten kreuzten sich. Die Generalin machte ein leicht zustimmende Bewegung des Kopfes.

»Unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Madrid, liebster Juan,« sagte der General, »ließe sich darüber reden. Ich weiß, daß das Ministerium hier sehr gern meinen Rücken sehen würde, und da Serrano nach Kuba geht, habe ich einen großen Halt verloren. Nur will ich Ihnen von vornherein sagen, daß ich nicht Lust habe, der Appendix eines französischen Generals oder englischen Commodore zu sein.«

»Volle Selbständigkeit. Euer Exzellenz würden das im rechten Augenblick zu benutzen wissen. Es scheint mir in dieser Phase des amerikanischen Streites sich mehr um einen Schlag gegen das Kabinett von Washington zugunsten der Südstaaten zu handeln, als um eine durchgreifende Aktion gegen Herrn Juarez.«

Der General blieb in tiefem Nachsinnen. »Da Sie jetzt persona grata in Paris sind, wie ich gehört habe und wie diese Vermittelung beweist, – würden Sie mich begleiten?«

»Ich habe es abgelehnt.«

»Und warum? – es fehlt Ihnen doch sonst nicht an Lust zu Abenteuerlichkeiten?«

»Nun – ich beabsichtige ein kleines Pronunziamento!«

»Der Teufel – Sie wollen in Politik machen?«

»Weniger – vielleicht! – hauptsächlich gilt es, einen alten Freund zu befreien.«

»Ah ich verstehe! – Jenen Sennor Castillos, den Carlisten! Wegen seiner eben wollte ich Sie sprechen. Der Mann scheint politische Feinde zu haben, sonst hätte man ihn auf diese Anklage und die geringen Beweise hin nicht verurteilen können. Ich habe an mehreren Stellen angeklopft wegen seiner Begnadigung, aber überall abschlägliche Antwort erhalten. Die Besorgnis vor einem carlistischen Aufstand scheint gerade jetzt sehr groß zu sein. Nehmen Sie sich aber in acht, junger Freund, daß Sie sich mit der Geschichte nicht in die Klemme bringen. Es scheint mir, daß Sie eine Ihrer gewöhnlichen Tollheiten vorhaben.«

»Ohne Besorgnis, Exzellenza. Haben Sie von der gestrigen Affäre auf der Puerta del Sol gehört?«

»Mit dem Kapitän Landero? – Es ist schändlich. Man hat den Mann heute sogar verhaften wollen, wie es heißt auf besonderen Befehl des Königs. Aber O'Donnell hat sich noch geweigert, die Erlaubnis zu geben. Übrigens ist der arme Mann gewarnt und wird sich in Sicherheit gebracht haben.«

»Doch wohl nur für seine Feinde, nicht für seine Freunde.«

»Wie so?«

»Weil ich jemanden kenne, der ihm vielleicht eine Nachricht von seiner verschwundenen Tochter geben könnte.«

Der General sah den jungen Mann scharf an. Dann neigte er den Kopf auf den Theaterzettel und sagte leise: »Ich erinnere mich gehört zu haben, daß der Kapitän Landero bei einem Freunde in der Calle de Pizarro ein Unterkommen gefunden hat. In dem Hause wohnt ein Seidenhändler, der ihm aus früherer Zeit Dank schuldig ist. Er heißt Corteja.«

»Dank, Exzellenza. Darf ich im Vertrauen auf Ihr Wohlwollen eine andere Frage an Sie richten?«

»Wenn ich sie beantworten kann, – gewiß!«

Don Juan sah nach der Gräfin – sie hatte diskret ihre Aufmerksamkeit der Bühne zugewendet.

»Erinnern sich Eure Exzellenza vielleicht eines Namens José Romero?«

»Lassen Sie sehen.« – Der General dachte einige Augenblicke nach, – dann erhoben sich seine Augen zu dem Gesicht des jungen Mannes und ihr Blick wurde scharf und forschend. »Richtig – ich erinnere mich des Namens! Ich glaubte, der Schurke wäre längst von der Bühne verschwunden! – Wie kommen Sie zu dem Namen und dem Mann?«

»Das, Exzellenza, ist vorläufig gleichgültig – ich wollte nur wissen, ob Ihnen der Name bekannt und kann Ihnen sagen, daß er sich nicht mehr unter den Lebenden befindet.«

»Das ist mir lieb zu hören. – Der Mensch war vor langen Jahren ein Diener in unserer Familie, später ein Agent der Polizei, so schlau und gewissenlos, wie etwa gegenwärtig dieser Sennor Curta, und zu mancher schlimmen Sache gebraucht.«

»Unter anderem, eine gewisse Fernando Bourbon verschwinden zu lassen!« sagte Lerida so leise, daß nur der General es hören konnte.

Dieser fuhr zusammen, als hätte ihn eine Natter gestochen. »Welcher Satan hat Ihnen diesen Namen gesagt? Kommen Sie hierher,« und er zog ihn in die fernste Ecke der Loge. – »Sie Teufelsbraten, worein mischen Sie sich? – Wissen Sie, daß dieser Name Ihnen den Kopf kosten kann? – Warum nannten Sie ihn?«

»Bah – der steht ziemlich fest! – Warum ich Ihnen den Namen nannte? – weil ich gern wissen möchte, ob Ihre Königliche Hoheit die Infantin Giuliana Bourbon, meine Cousine, noch am Leben ist, um ihr dann die spanische Krone anzubieten.«

»Unglückseliger – lassen Sie niemand auch nur die Ahnung haben, daß Sie von diesem Staatsgeheimnis wissen. – Ich selbst weiß nichts, will nichts wissen, vor allem, ob jene Person, die Sie nannten, noch am Leben ist! Ich zweifle daran, es wäre ein Unglück!«

»Ich sollte meinen, es ließe sich doch ein hübsches Pronunciamento darauf gründen,« sagte Don Juan mit schlauer Miene. »Es ist vielleicht schon früher geschehen.«

»Schweigen Sie – das – alles deckt längst das Grab. Aber ich wiederhole Ihnen, ein unvorsichtiges Wort kann Ihnen das Leben oder wenigstens für die Dauer desselben die Freiheit kosten. Wie kommen Sie dazu, von einer Cousine zu sprechen?«

» Caramba! sollten Sie wirklich nicht wissen, daß die Infantin Fernanda mit meinem Onkel, dem verstorbenen Viscount von Heresford verheiratet war?«

»Sie sind ein Tollhäusler! aber nochmals um Himmelswillen schweigen Sie von diesem unglücklichen Geheimnis. Ich will weder fragen, wie viel Sie wissen, noch woher Sie es wissen! Genug – die Sache deckt das Grab. – Kommen Sie zur Gräfin!«

Don Juan hielt den General noch einen Augenblick zurück. »Und wie ist es mit Mexiko? Welche Antwort darf ich geben?«

»Ich will mir die Sache überlegen – und sei es auch nur – um aus Ihrer gefährlichen Nähe zu kommen.«

Don Juan lachte. »Dann mag der Herr Marquis de Sierra Bullones, unser werter Marineminister, immerhin den Befehl erteilen, ein Geschwader zu rüsten! Darf ich die Komteß zurückholen?«

»Bitte darum. Ich rede kein Wort weiter mit Ihnen. – Sie sind ein gefährlicher Mensch!«

Der Graf von Lerida lehnte sich hinter den Sessel der Generalin und begann eine Unterhaltung mit ihr über die Oper, während der General in Gedanken versunken blieb. Erst als die Dämonen die armen Nonnen der heiligen Rosalia in den Höllenschlund befördert hatten, verließ er die Loge und traf bald darauf im Foyer den Vicomte, der schon auf ihn lauerte.

»Nun Freund, wie steht's?«

»Schreiben Sie an Fleury, daß der neue Herzog von Itzecahuatl fertig ist! – Gute Nacht, – ich kann unmöglich noch die Gnadenarie verdauen, denn ich habe gar keine Lust, den Cavaliere servente heute abend noch zu spielen. Auf Wiedersehen morgen!«

Er rief nach seinem Coupé. – – – – – –

Mauro öffnete an der Auffahrt des Hauses in der Cabaja den Schlag.

»Ist der Oberst abgereist?«

»Mit dem Abendzug.«

»Hat man nach mir gefragt?«

»Ja, Exzellenz«, ein Torero, der sich Gomez nennt, und die kleine Blumenhändlerin, sie sagt, sie wäre seine Schwester und Sie hätten beide zu sich bestellt!«

»Aber wahrhaftig nicht zusammen. Nun, man muß den Regen nehmen, wie er kommt. Wo sind sie?«

»Im untern Salon.« – »Bringe Likör und Konfekt.«

Der Graf trat in den Salon, der ihm zum Empfang der gewöhnlichen Besuche diente. Auf einem Stuhl an der Tür saß die Gitana, der Torero lehnte am Kamin und beide erhoben sich sofort, als der Herr des Hauses eintrat.

Der Gitano verbeugte sich mit einer Gebärde voll Ehrerbietung und Eleganz, das Mädchen machte den gewöhnlichen Gruß und hielt dem Herrn des Hauses einen kleinen Blumenkorb entgegen, aus dem dieser ein Veilchenbukett wählte. Ein listiges bedeutsames Lächeln flog über das hübsche Gesicht der Gitana.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Sennor Gomez,« sagte der Graf, »daß Sie meinem Wunsche, Sie zu sprechen, so rasch nachgekommen sind, und es gereicht mir zum doppelten Vergnügen, daß Sie das hübsche Kind, Ihre Schwester, mitgebracht haben. – Ich wünsche in Geschäften mit Ihnen zu reden.«

»Euer Gnaden haben über einen armen Gitano zu befehlen. Sennor Redondo hat mir von Euer Gnaden freundlicher Meinung gesprochen und die Paxarilla wollte mich durchaus begleiten. Wenn sie stört, soll sie sich sogleich entfernen.«

Die Gitana hielt ihre durchdringenden schwarzen Augen fortwährend auf den jungen Edelmann geheftet und schien gleichsam jede seiner Bewegungen, jedes seiner Worte zu studieren.

Der Graf sah sie fest an. »Wenn sie wirklich zu schweigen versteht, ist es nicht nötig. Ich habe ohnehin später einen Auftrag für sie.«

»Der Sennor Conde,« sagte das Mädchen, – »möge mich auf die Probe stellen. Die Paxarilla kann verschwiegener sein, als selbst ihre Blumen. Diese haben zwar keine Zunge, aber ihr Duft verrät sie oft.«

Wieder haftete ihr Blick auf dem Edelmann, der jedoch die Bedeutung ihrer Worte nicht zu verstehen schien, sondern nur eine einladende höfliche Gebärde gegen den Torero machte.

»Setzen Sie sich, Sennor Gomez, und lassen Sie uns plaudern und bedienen Sie sich!« Er schob dem Gitano die Silberplatte mit den Likörs, die Mauro auf den Tisch gestellt, und ein Kästchen mit duftenden Havannas zu. »Machen Sie keine Umstände und auch Sie nicht, Kleine.«

»Eure Exzellenza,« meinte bescheiden der Torero, »überhäufen mich mit Gnade. Es wäre eine zu große Ehre für mich!«

»Torheit! – Man hat immer die Pflicht der Höflichkeit gegen jemanden, der für uns sein Leben einsetzen soll. Also nochmals, ohne Gêne!«

Auf einen Wink seiner Schwester, die hier besser bekannt schien, wählte der Torero mit den Fingerspitzen eine Zigarre und steckte sie an.

Der Graf hatte sich in seinem amerikanischen Schaukelstuhl zurück gelegt und blickte durch die blauen Wolken von Dampf, die er von sich blies, zur Decke. »Redondo,« sagte er endlich, »hat Sie mir als einen Espada ersten Ranges bezeichnet, obschon Sie noch keine Gelegenheit gehabt haben, als solcher in Madrid aufzutreten.«

»Sennor Redondo ist die Güte selbst. Ihm allein verdanke ich die Ausbildung einiger natürlichen Anlagen.«

»Sie haben sicher bereits von der Corrida gehört, die eine Gesellschaft von Afficionados in nächster Woche zu Ehren Ihrer Majestät zu geben gedenkt?«

»Ich habe davon sprechen hören.«

Die Corrida wird nicht um die gewöhnliche Mittagszeit, sondern soll des Abends bei Gasbeleuchtung stattfinden.«

Der Torero schwieg.

»Es ist dies allerdings etwas ungewöhnlich – indes zweifeln Sie, daß es ausführbar ist? In dem Zirkus von Paris und London erfolgen alle Vorstellungen des Abends bei künstlicher Gasbeleuchtung.«

»Ich fürchte nur, daß die Gefahr größer ist. Der Stier pflegt durch Feuer und Licht wilder zu werden.«

»Man wird natürlich, da es sich hier zunächst um eine Stierhetze handelt, die Toros durch Kugeln an den Hörnern unschädlich machen.«

Der Espada lächelte etwas spöttisch. »Euer Gnaden haben selbst gesagt, daß die Corrida von den Sennores Afficionados gegeben wird.«

»Die Stiere – also – bis auf einen – der in meiner Quadrilla auf regelrechte Weise getötet werden soll.«

»Ah – Sennor Conde, das ist etwas anderes!«

»Glauben Sie, Sennor Gomez, einen Stier bei Gaslicht ebensogut mit einem Stoß töten zu können, als bei Tage?«

»Ich hoffe es!«

»Aber es sind zwei weitere Bedingungen dabei. Sie wissen, daß wir uns im Karneval befinden. Es ist bei der Corrida jedem Caballero gestattet, um das Interesse des Publikums zu erhöhen, in Halbmaske zu erscheinen.«

»Nach Euer Gnaden Belieben!«

»Würde eine solche Maske Sie genieren?«

Der Espada dachte einige Augenblicke nach. »Euer Gnaden wissen, daß die höchste Aufgabe und die Sicherheit des Torero darin besteht, daß er seinen Gegner stets im Auge behält und jede Beengung ihm hinderlich ist. Dennoch glaube ich, daß die Sache sich machen läßt, wenn man sich darauf üben kann.«

»Ist das Kostüm ein Hindernis? Ich meine, ist dazu unbedingt das Kostüm des Majo, wie es die Herren Toreros zu tragen pflegen, erforderlich?«

»Ein Mann von Gewandtheit kann in der Kleidung unmöglich ein Hindernis finden, sofern sie nur ihm den vollen Spielraum seiner Muskeln und Gelenke läßt und dem Horn des Toro keine Verwicklung bietet.«

»Noch eins! – Reiten Sie?«

»Euer Gnaden wollen sich erinnern, daß – wenn ich auch nur ein Gitano bin, – doch Andalusien meine Heimat ist!«

»So sind wir mit den Vorbereitungen einig. Nun zur Hauptsache.« Der Graf holte sein Portefeuille hervor und nahm daraus einige Banknoten.

»Hier, Sennor Gomez, sind zweihundert Pfund Sterling, das sind nach spanischem Geld etwa 17 000 Realen. Ich bin bereit, bei gutem Erfolg dieselben auf 20 000 Realen zu erhöhen. Ich bin genötigt, nur einem Teil der Corrida beizuwohnen. Wollen Sie für diesen Preis meine Stelle vertreten?«

Der Espada sah den Edelmann mit offenbarem Erstaunen an, seine Augen funkelten, als sie dann auf die Banknoten fielen.

»Aber Sennor – das ist ein Vermögen!«

»Für Sie – gewiß! Wenn Sie eine Geliebte haben, können Sie sich mit derselben in Ihrer Heimat niederlassen. Für Ihre Schwester werde ich Sorge tragen. Sie haben mir Ihren Entschluß noch nicht zu erkennen gegeben.«

»Euer Gnaden – ich weiß nur nicht, wie das ausgeführt werden kann!«

»Das ist meine Sache. Sie sind von meiner Gestalt, wir haben auch in anderen Äußerlichkeiten eine gewisse Ähnlichkeit. Überdies – und das gehört zu meinen Bedingungen, – werden Sie von dem Augenblick Ihrer Einwilligung an dieses Haus nicht mehr verlassen bis zur Stunde der Corrida, Sie werden also Gelegenheit genug haben, sich mit meiner Haltung und meinen Manieren vertraut zu machen. – Die Paxarilla allein mag Sie zu jeder Stunde besuchen und Ihnen alles Nötige besorgen. – Jeder Espada ist ein geborener Caballero – bei der Ehre eines solchen rechne ich auf Ihre Verschwiegenheit, Sie mögen meine Bedingungen annehmen oder nicht!«

»Sennor,« sagte der Torero mit einer gewissen Würde, »ich habe gestern abend in einer weit schwierigeren Lage mein Wort des Schweigens gegeben und man hat sich darauf verlassen – ich werde es sicher auch heute nicht brechen! – Ich würde mir die Seele aus dem Leibe reißen lassen, ehe meine Zunge einem so großmütigen Patron eine Indiskretion bereitete; und ich würde dieses Mädchen, meine Schwester, töten, wenn sie es wagen würde, ein Wort zu verraten.«

Die Gitana lächelte verächtlich, indem sie zugleich dem Caballero einen brennenden Blick zuwarf. »Ich glaube, der Sennor Conde hat eine bessere Bürgschaft für mein Schweigen, als diese Drohung.«

»So sind wir also einig – Sie nehmen meinen Vorschlag an?«

»Wenn Euer Gnaden mir die Ehre erzeigen wollen, meine Person gehört Ihnen.«

Der Graf von Lerida nickte zum Zeichen des Einverständnisses. »Ich hoffe,« sagte er, »Sie werden mir nicht die Schmach antun, zu glauben, daß etwas anderes, als ein wichtiger Zweck und nicht Mißtrauen in meinen eigenen Mut und die Sicherheit meiner Hand mich bewegen, Sie zu meinem Stellvertreter zu machen. – Und nun erlauben Sie mir, meine Anordnungen zu treffen, denn von diesem Augenblick an sind Sie mein Gast.«

Er schlug auf die Glocke und Mauro trat ein.

»Dieser Herr,« befahl der Graf, »erweist mir die Ehre, dies Haus als das seine anzusehen. Du wirst ihn in das grüne Zimmer im oberen Stock führen und für alle seine Bedürfnisse Sorge tragen. Die Sennorita, mit der ich noch einige Worte zu sprechen habe, hat stets Zutritt zu ihm. Bitte, vergessen Sie Ihr Eigentum nicht!«

Er schob die Banknoten dem Torero zu, der sich erhoben hatte, mit schweigender Grandezza sich verbeugte und, nachdem er der Gitana die Hand gereicht, mit dem griechischen Diener den Salon verließ.

Der Graf wandte sich lächelnd zu dem Mädchen. »Nun zu dir, Vögelchen, ich habe mich lange gesehnt, mit dir zu plaudern. – Dein Bruder ist ein wahrer Zigeuner-Caballero, ich bin überzeugt, er wird sein Wort halten!«

»Das gestrige und heutige, blanker Graf!« Die Zigeunerin war aufgesprungen und hatte sich sehr ungeniert auf den Schoß des Edelmanns gesetzt. »Warum hast du mich nicht lieber im Hause behalten, statt ihn?«

»Was hindert dich denn, zu bleiben?«

»Darf ich?«

»Gewiß, bleibst du denn gern?«

» Caraî! Du kannst noch fragen, blanker Graf! Ich möchte immer bei dir sein, um dich vor all den schlimmen Gefahren zu bewahren, wie – zum Beispiel gestern nacht!«

Don Juan sah das Mädchen forschend an, das mit seinen Locken spielte.

»Was meinst du damit?«

»Daß Kleider und Bärte die Leute sehr entstellen können, aber daß die klugen Caballeros, wenn sie zum Küchendampf der Olla potrida niedersteigen, auch den Veilchenduft zu Hause lassen sollten. Wir Floristas haben scharfe Nasen und Augen!«

»Hexe!«

Die glühenden leidenschaftlichen Küsse der Gitana verschlossen ihm den Mund.



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