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Santa Agatha.

(Fortsetzung.)

» Pardon, Monsieur le comte, aber meinen besten Anbeter dürfen Sie mir nicht erschießen!«

Die Hand der Sängerin schlug die Büchse des falschen Bersagliere zur Seite, aber die Kugel traf dennoch ein Ziel – der Ungar stürzte mit zerschmetterter Stirn, die Arme weit ausbreitend, quer über die Tafel, über die hinweg er vor wenig Minuten sein Opfer getroffen hatte. Der Ordonnanz-Offizier des Königs hatte sich, ohne sich um den Schuß zu kümmern, auf den Banditenführer geworfen und ihn gefaßt, ehe noch Toneletto sein Messer zur Verteidigung ziehen konnte. Der Graf war jung und kräftig und obschon der Bandit Muskeln von Stahl hatte, so hinderte ihn doch bei dem Ringkampf sein noch von der früheren Verwundung lahmender Fuß, so daß er zu Boden geworfen wurde, während der Graf mit dem Kolben sich gegen mehrere Offiziere wehrte, die auf den Ruf Sismondis ihrem Kameraden zu Hilfe eilten, freilich verwirrt von der Überraschung und noch nicht recht wissend, ob sie einen der Ihren vor sich hatten oder nicht.

Wer in diesem Augenblick die Lichter gerade an dieser Stelle des Refektoriums von der Tafel schlug, oder ob sie in dem allgemeinen Wirrwarr und Ringen heruntergestürzt wurden, läßt sich nicht sagen. Genug, das Halbdunkel, das plötzlich hier entstand, kam den Franzosen trefflich zu Hilfe, ebenso der Umstand, daß die sardinischen Offiziere meist ihre Waffen abgelegt hatten und jetzt erst nach Stühlen und Wänden stürzten, sie zu holen.

»Kapitän Gauthier! Hierher! Zu Hilfe!«

»Gauthier? Reden Sie wahr – wo ist Gauthier?«

Die Sängerin hatte seinen Arm gefaßt, unbekümmert um die Gefahr deckte sie ihn mit ihrem Leibe. »Um des Himmels willen, sagen Sie mir, wo ist Gauthier?« Der Graf stieß sie mit Gewalt von sich, daß sie über den Körper des verwundeten Duchino stolperte, der unter den Tritten der Männer klüglich eben unter die Tafel zu kriechen suchte. Zu Boden fallend, traf ihre Hand auf den Revolver des jungen Spielers, der ihm bei der Verwundung entglitten war.

Dem Banditen war es endlich gelungen, den rechten Arm frei zu bekommen und das Messer in seiner Tasche zu erfassen. » Diavolo! So stirb denn, Kanaille!« – Aber der Stoß fuhr in das Leere, der Graf war aufgesprungen und ohne sich um den Feind zu kümmern, mit einem zweiten Satz aus dem dunklen Vorflur im Freien.

» Evviva il Re! – Hurrah, für König Franz!«

Es war, als ob der Ruf der Feinde ihm das Gefühl seiner dringendsten Pflicht zurückgebe. Den Säbel ziehend und rechts und links um sich hauend, brach er sich Bahn durch die vordersten der Legionäre, die eben von Chesnaye geführt, nach dem Refektorium stürmten und ihm den Weg zu verrennen suchten. Mit einer leichten Wunde an der Schulter durch einen abgleitenden Bajonettstoß entkam er im Dunkel und floh nach der Ruine der Kirche, aus der die dort gelagerten Garibaldianer erschrocken hervorstürzten und nach allen Seiten davonliefen, während nur wenige mit ihren Waffen dem Platz der Batterieanlage zueilten, wo der Kampf heftig tobte. Andere schrieen nach Kapitän Béla, ihrem Anführer.

Der Oberstleutnant kam eben hinter der Klosterkirche an, wo seine Ordonnanz ihre Pferde in einem überdachten Raum eingestellt, als diese sich mit zwei Freischärlern herumstritt. Der Graf hieb ohne viel Federlesens den einen über den Kopf, daß er zu Boden stürzte, während der andere davonlief, sprang auf sein Pferd, indem er der Ordonnanz befahl, Beistand zu holen, und jagte davon, den Berg hinab. Wir haben den kühnen Reiter noch zur rechten Zeit ankommen und im Tor der Villa Albano verschwinden sehen.

Der Überfall der Batterie war nicht von so vollständigem Erfolg gewesen, als man hätte erwarten können, denn die Mannschaften derselben waren durch den ersten Schuß aus dem Innern des Refektoriums aufmerksam geworden, hatten die Werkzeuge niedergelegt und als alte, den Krieg gewöhnte Soldaten nach den Waffen gegriffen. Kapitän Gauthier hatte längere Zeit vergeblich auf die Rückkehr des Grafen und seines Begleiters gewartet und befand sich nur mit wenigen seiner Leute in unmittelbarer Nähe, als auch er den Schuß hörte und vermutend, daß die beiden Männer vielleicht entdeckt worden, sogleich den Befehl zum Angriff gab. Nach der ersten Salve, die in Hast gegeben, den Artilleristen nur wenig Schaden tat, stürzte er sich sofort auf die Batterie, während Leutnant de Chesnaye auf das Schießen eiligst mit dem Rest der Legionäre herbeieilte und sich gegen die erleuchtete Klosterruine warf.

An wie kleinen Zufällen liegt oft das Geschick von Menschen, ja von Reichen! Wäre der Überfall, wie geplant, zu gleicher Zeit von der gesamten Mannschaft ausgeführt worden, so wäre wahrscheinlich kein einziger der Piemontesen, gewiß nicht der Generalstabs-Offizier mit der Meldung an Viktor Emanuel entkommen.

» En avant mes braves! Schlagt sie nieder! Treibt sie von den Kanonen!«

»Bei den Kaldaunen des Papstes, Bursche, haltet Stand! Schlagt sie zurück, die Pfaffensäcke!« Der alte Unteroffizier, der vorhin so wacker an den Geschützen arbeiten ließ, hatte eine der Hebelstangen ergriffen und schlug wie ein Goliath um sich. Der Säbel des Kapitäns, von einem der furchtbaren Schläge getroffen, zersplitterte bis zum Griff. »So habe denn, was du willst!« Ein Revolverschuß stürzte den Wackern nieder – über ihn hinweg sprang der Kapitän zu dem Geschütz. »Die Nägel her! – Eingesetzt! Zugehauen! – Stürzt sie die Bettung hinunter!« Er selbst entriß der krampfenden Hand des Gefallenen den Hebel und setzte ihn unter das Geschütz – zehn andere halfen und der Zwölfpfünder rollte mit gewaltigem Krach über die Böschung den Berghang hinab.

Aber um die bereits festgelegten Geschütze hatten sich die Artilleristen gesammelt und leisteten einen verzweifelten Widerstand. Der Major war durch eines der Fenster des Refektoriums gesprungen, von zweien seiner Offiziere gefolgt, und sie versuchten, sich zu ihrer Truppe durchzuschlagen. Schüsse wechselten jetzt hin und her, an drei, vier Stellen tobte ein wildes Handgemenge. Die andern Offiziere schlugen sich noch im Refektorium, durch dessen Pforte die französischen Legionäre eindrangen. Revolverschüsse knallten zwischen das Zetergeschrei der Frauen, auf einem Stuhle stand der englische Attaché, perorierte von Völkerrecht und verlangte Achtung vor der britischen Neutralität.

Der Abbé war nach dem Hintergrund des weiten Raumes retiriert, dort, wo vorhin am Ende der Tafel Graf Sismondi mit der Chanteuse gesessen. Er hob die Hand mit dem weißen Batisttuch und ließ es wehen. »Zu mir! Zu mir!«

Die Frauen, gleichsam als wüßten sie in ihm ihren natürlichen Beschützer, waren bis auf Theresa sogleich beim Beginn des Kampfes in seine Nähe geflüchtet. Vor dem Tisch standen der kleine Stabsoffizier, der dicke Kapitän und einer der fremden Offiziere und verteidigten sich tapfer gegen die Anstürmenden. Am andern Ende schlugen sich wie rasend der Pole, der Lanzier-Offizier und der zweite Bersagliere gegen die Übermacht.

»Nehmen Sie Pardon, Messieurs,« rief der Graf von St. Brie, der die Chanteuse aus dem Kampf und in einen Winkel gezogen. »Wir haben die Übermacht! Chesnaye – lassen Sie nicht unnötiges Blut vergießen!«

»Geben Sie die Waffen ab, Sie sind unsere Gefangenen!«

»Niemals!«

Der Pole holte zu einem kräftigem Hiebe aus, aber schon hatte ihn der Bandit, der mit den Legionären wieder eingedrungen war, unterlaufen und stieß ihm sein Messer in die Brust. »Dann nimm dies, fremder Schuft! – Bei der Madonna, einen mußte ich doch haben.«

Der Kapitän Langiewicz sank in die Knie und preßte die Hand auf die Wunde, während die andere am Boden Stütze suchte. » Przeklecie! Nicht einmal für das Vaterland zu sterben!«

Unter der Tafel hervor huschte die kleine, zierliche Gestalt seiner Landsmännin. Hände und Gesicht waren mit Blut beschmutzt – die Rechte warf eben eine kleine, bluttriefende Schere von sich, während die Linke festgeschlossen einen kleinen Gegenstand krampfhaft verbarg, den sie jetzt hastig und ohne auf die Blutbefleckung zu achten, in den Busen schob. Dann kniete sie neben dem Schwerverwundeten und suchte ihm Beistand zu leisten. »Kann ich Ihnen dienen, Pan Langiewicz? Haben Sie nichts zu bestellen? Geben Sie mir Ihre Börse und Ihr Taschenbuch – bei einer Frau sind sie besser verwahrt!«

Der kleine Genie-Offizier warf seinen Degen auf den Tisch. »Wenn ihr wirkliche Truppen des Königs Franz und nicht bloß Marodeure seid, so ist es keine Schmach, sich der Überzahl zu ergeben. Hier ist meine Waffe!«

Die beiden andern Offiziere hatten finster die ihren gesenkt, – der Lanzier-Offizier und der Bersagliere waren überwältigt und entwaffnet.

»Ich protestiere – ich darf nicht uerden sein ein Gefangener,« rief von seinem Stuhl herab der Engländer – »ich stehe hier als ein Vertreter der britischen Nation, und nehmen diese Damen unter der Schutz von unserer Flagge!«

»Die beste Flagge ist der Unterrock,« lachte der Graf, dem Stuhl einen Fußstoß gebend, daß er umstürzte und der Diplomat auf den Boden rollte, – »jedenfalls sicherer als die von Albion, wie der Augenschein lehrt.«

»St. Brie,« rief der Leutnant, »ich eile dem Kapitän zu Hilfe – sichern Sie hier die Gefangenen!«

Der Offizier eilte mit dem größten Teile seiner Mannschaft aus der Ruine und es war in der Tat die höchste Zeit, daß seinem Anführer Unterstützung kam, denn nachdem der kommandierende Major mit den beiden Offizieren zu seinen Leuten zurückgekommen war, drängten diese die Legionäre zurück und gewannen bald wieder das Innere der Batterie.

Der Erfolg des Kampfes wendete sich jedoch wieder, als der Leutnant de la Chesnaye mit seiner Mannschaft zur Unterstützung herbeikam und den Piemontesen in den Rücken fiel. Da die zur Deckung der Batterie kommandierten Freischärler meist vorgezogen hatten, das Hasenpanier zu ergreifen, waren die Artilleristen zu schwach, dem doppelten Angriff zu widerstehen und zogen sich fechtend zurück, indem sie sechs der ihren tot oder schwerverwundet auf dem Kampfplatz ließen.

Der letzte, der wich, war der Major selbst, aus drei Wunden blutend, – er hatte verzweifelt gefochten und das möglichste getan, denn er wußte sehr gut, daß der König ihm harte Vorwürfe machen würde, weil er sich hatte überrumpeln lassen und den Abend in lustiger Gesellschaft verbracht, obschon wohl kein Mann in der ganzen sardinischen Armee war, der in einer solchen Nacht und an einer solchen Stelle auch nur im Traum an einen Überfall der Neapolitaner gedacht hätte.

Der wackere Offizier ahnte nicht, daß sein Herr und Gebieter sich ganz in derselben Lage befand. –

Der Brigant faßte den Arm des Kapitäns. »Der heiligen Jungfrau sei Dank, Signor – bis jetzt ist alles besser gegangen, als ich einen Augenblick fürchtete. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren – ich kenne die Burschen, es sind zähe Teufel, und von dem Capuccini und Monte Tortone konnten sie rasch Beistand haben! – Ich kenne Ihre Ordres nicht, Kapitano, – aber mir ist befohlen, Sie nach Albano zu geleiten, und wenn Sie meinem Rat folgen wollen, lassen Sie so schnell als möglich die Puffer da unschädlich machen, und dann fort, ehe sie uns den Weg abschneiden können.«

Kapitän Gauthier sah das Praktische des Rates ein und hörte die kurze Meldung seines Leutnants von dem Kampf und der Gefangennahme der Offiziere in den Ruinen des Refektoriums.

» Cospetto!« fluchte der Brigant – »ich hatte ihn so gut gefaßt und mein Messer hätte ihn festgenagelt am Türpfosten, wenn das verdammte Bein nicht gewesen wäre. Der Kerl ist gewandt wie ein Aal! Es ist schlimm, daß er entkommen!«

»Wer?«

»Einer der Offiziere da drinnen, eine Bekanntschaft von drüben aus den Bergen! Der Conte Sismondi. Schon einmal drehte er mir und Kapitän Chevigné eine Nase, aber ich will meinen Namen verlieren, wenn es ihm zum drittenmal gelingt!«

»Leutnant de la Chesnaye!«

»Kapitän!«

»Halten Sie mit zwanzig Mann den Platz unter Feuer indes wir die Geschütze demolieren und die Gefangenen holen. Dann decken Sie den Rückzug, bis Sie das Signal hören«

»Zu Befehl, Monsieur!«

»Die Kanoniere hierher!«

Es waren dem Trupp der Legionäre vier Artilleristen beigegeben mit dem nötigen Werkzeug zum Vernageln der Kanonen; da die Nägel aber für die früheren Vorderlader eingerichtet waren, erlitt das sonst sehr rasch ausführbare Geschäft eine starke Verzögerung.

»Zum Teufel – sputet Euch, Bursche! Stürzt sie hinunter, wenn es nicht anders geht!«

Zwei der Kanonen gelang es noch über die Brüstung der Schanze zu stürzen – die andern vernagelte man so gut es ging und suchte die Schutzkurbeln zu zerstören, doch fehlte es leider hierzu an schweren Hämmern. – Dazu knallten fortwährend die Schüsse, welche die vorgeschobenen Posten der Legionäre mit den Sardiniern wechselten, die in Schußweite hinter sicheren Deckungen lagen und in großem Vorteil waren, da die Legionäre im Licht der Fackeln arbeiten mußten, während sie aus dem sicheren, nur von Zeit zu Zeit durch die Blitze erhellten Dunkel feuerten.

Die Neapolitaner waren an der Demolierung des letzten Geschützes, als einer der Freischärler von dem Refektorium kam, von dem Grafen abgeschickt, der um weitere Ordre bitten ließ, was mit den Gefangenen zu tun sei.

Kapitän Gauthier, den Säbel am Handgelenk im Riemen, hatte unermüdlich mitgeholfen an den Geschützen, mit einem Blick das Resultat überschauend und von der Warnung Tonellettos durchdrungen, wandte er sich zu dem jungen Offizier, der – von einem Felsblock gedeckt – das Feuer der Seinen leitete.

»Aufgemerkt, Herr Leutnant! In fünf Minuten hören Sie mein Signal!« Damit eilte er, von dem Briganten gefolgt, nach dem Refektorium. –

Die Szene hatte sich hier ganz eigentümlich gestaltet. Die Legionäre hatten die umgestürzten Tische wieder aufgerichtet, die halb zerbrochenen Kerzen wieder angesteckt, und während das vergossene Blut noch den Boden deckte und der Körper des erschossenen Ungar quer über den untern Tisch lag, hatte am obern Ende der lustige Graf von St. Brie Platz genommen und ließ sich von der Chanteuse und der Jüdin mit den Resten des Champagners bedienen. Die sechs Legionäre, die bei ihm zur Bewachung der Gefangenen zurückgeblieben waren, taten ein gleiches und stärkten sich nach der gefährlichen Seefahrt und der stürmischen Nacht an den Resten des schwelgerischen Mahls.

Die Gefangenen standen mit finsterer Miene in gedrückter Haltung zusammen in einem Winkel, die freundliche Einladung des Grafen ablehnend, der sich eben mit dem Abbé unterhielt. Am anderen Ende des Saales hatte man auf Mänteln den schwerverwundeten Polen neben der Leiche des erschossenen Offiziers gebettet und seine Landsmännin nebst einem der Legionäre, einem früheren Studenten der Medizin, war bemüht, das Blut aus der tiefen Stichwunde zu stillen und ihm einen Verband anzulegen.

Auf der anderen Seite lag ängstlich aufstöhnend in einem Sessel, der ein alter Kirchenstuhl schien, der junge Duca; zum Glück war die Wunde, die ihm die Revolverkugel des Freischärlers geschlagen, nicht lebensgefährlich. Der wohlgemeinte und nach dem Kopf gezielte Schuß hatte ihn nur das Schlüsselbein getroffen, doch glaubte der junge Börsen-Nobile sich dem Tode nahe und jammerte nach einem Geistlichen, der ihm die letzte Ölung geben sollte, und vergebens suchte ihn das junge Mädchen zu beruhigen, das die Kurtisanen begleitet hatte, als Novize ihres Handwerks, aber noch nicht wie jene den Gefühlen des Herzens erstorben. Der törichte, junge Verschwender, ihr Verführer, hatte ihr in der lüderlichen Gesellschaft wenig Beachtung geschenkt, aber als er jetzt wehklagend, blutend vor ihr lag, war alle Vernachlässigung vergessen und sie bestürmte den Legionär, der den polnischen Kapitän verband, dem Duchino Beistand zu leisten.

Die ehemalige Chanteuse des Alcazar schien zum großen Ärger der gefangenen Offiziere ganz toll vor Jubel und Lustigkeit. Aber ihre Augen verließen trotz der Aufregung des draußen noch immer im Gange befindlichen Gefechts die Tür nicht, an der ein Posten der Legionäre stand, der ihr den Ausgang mit vorgehaltenem Bajonett verweigerte, als sie vorhin auf die erste Nachricht von der Anwesenheit des Kapitäns Gauthier hinausstürmen wollte, um ihn ohne Rücksicht auf die Gefahr aufzusuchen.

» Eh bien, Monsieur l'Abbé,« lachte der Graf – »ich habe in der Tat schon viel gehört von der liberalen Denkungsart der Herren mit der kurzen Soutane in Neapel, aber was ich hier sehe, übertrifft noch meine Erwartungen. Wenn alle diese schönen Damen, wie Sie sagen, Ihre Beichtkinder oder Schützlinge sind, dann mache ich Ihnen mein Kompliment. Ventre biche – ich gratuliere Ihnen zu dem Töchterinstitut und wünsche der Kirche viele solche Stützen!«

»La la! Saint Brie, sei nicht albern, über die Pension sind wir hinaus. Aber Abbé Calvati ist in der Tat ein gefälliger Mentor. Wo zum Henker nur Gauthier bleibt? Da solltest du erst die andere sehen – unsere kleine Lady – eine unschuldige Visage, wie ein Engel – aber drei Dutzend Teufel hat sie im Leibe! Bist du schon lange fort von Paris? Was macht unser liebes Kabinett im Maison dorée?«

Der Abbé hatte sich wie zufällig zu dem Ohr des lustigen Grafen gebeugt. »Lassen Sie den Toten dort untersuchen und die Gefangenen. Sie haben viel Geld und die Soldaten des Königs brauchen es!«

Der Graf warf ihm einen erstaunten Blick zu, den der Abbé rasch mit dem Zeichen des Kreuzes beantwortete. »Ah bah – wir sind keine Brigants. Das gehört Signor Tonelletto! – Aber es kann nicht schaden, den Toten zu erleichtern. – He, Bursche,« er erhob sich – »schafft den Toten im roten Hemd dort fort und visitiert ihm vorher die Taschen!«

»Bei der heiligen Ginevra, der Schutzpatronin guten Champagners,« lachte die Chanteuse – »das erinnert mich daran, daß ich eine Erbschaft zu machen habe! Der Duchino hat mir den Ring geschenkt, den er am Finger trägt.«

Sie trällerte auf den Erschossenen zu.

»Sir!«

Der Engländer hatte sich dem Legionär in den Weg gestellt. »Was wollen Sie, zum Teufel, ich habe Ihnen schon gesagt, wenn Sie kein Soldat sind, sind Sie frei und können gehen, wohin Sie wollen!«

»Sir, Sie haben mich beleidigt!«

»Ich – Sir?«

»Sie haben mich geworfen auf die Erde mit meinem Stuhl! Sie dürfen keinen Engländer uerfen mit seinem Stuhl auf die Erde, uenn Sie ihm nicht geben uollen Satisfaktion. Ich bitte um Ihre Adresse und uerde Ihnen senden meinen Sekundanten.«

»Sie sind ein Narr, Sir – wollten Sie etwa, daß ich mit einem Säbelhieb Sie beseitigt hätte?«

»Ich bitte um Ihre Adresse, Sir!«

»Meinetwegen! Ich bin der Graf von Saint Brie – und Ihr Kartellträger kann mich auf den Bastionen von Gaëta suchen!«

»Ich danke Ihnen, Sir! Uenn Gaëta wird sein genommen, uerde ich Ihnen schicken meinen Freund! Hier seind meine Karte!«

Er suchte in seiner Kartentasche, aber der Graf hatte ihn schon bei Seite geschoben. »Was ist dort los? Was ist geschehen?«

»Man hat dem Duchino und mir den Ring gestohlen,« schrie halb lachend, halb ärgerlich die Sängerin.

»Ein guter Fund,« riefen zwei der drei Legionäre, die dem Toten eine gefüllte Börse, ein Taschenbuch und Karten und Würfel aus der Tasche gezogen hatten und auf den Tisch legten. » Parbleu! – Kriegsbeute!«

»Man hat ihm den Finger abgeschnitten,« schrie die Pariserin – »der Ring ist fort. Zweitausend Pistolen, war's nicht so, meine Damen?«

Die Polin ließ den Verwundeten fallen und sprang hastig auf. »Man muß alle Taschen visitieren – ich glaube, ich kenne die Hand, die das getan!«

Die Schwester Martina tat, als hörte sie nicht. –

Die Tür wurde aufgerissen. Noch die blanke Waffe in der Hand, von Pulver- und Pechdampf geschwärzt, trat eilig der Kapitän der Legionäre herein. »Herr Graf, wir müssen fort! Schnell Kameraden! Nehmt die Gefangenen in eure Mitte und dann vorwärts!«

»Gauthier! Emile Gauthier! Kennen Sie mich nicht? Ich gehe mit Ihnen!«

Die Pariserin stürzte mit geöffneten Armen auf ihn zu. –

Der Offizier wandte sich zu ihr – einen Augenblick nur des Anstarrens – dann stieg das dunkle Blut über das Gesicht des Tapferen und färbte es bis in die Haarwurzeln.

» Metze! – Fort von mir! – Wo du bist, ist das Unheil!«

Er stieß sie mit Gewalt von sich, daß sie taumelte.

»Gauthier! – Himmel und Erde – Sie tun mir Unrecht! Ich liebte nur Sie –«

»Fort – sei verflucht, zehnmal verflucht, Elende, Mörderin, die du mich zum Mörder gemacht! Werft die Kaiserhure hinaus in die Nacht, daß ihr Atem nicht ehrliche Männer vergifte!«

»Emile Gauthier!«

Es war ein entsetzlicher Aufschrei – wie von einer Seele, die am jüngsten Gericht ohne Hoffnung, ohne Gnade verurteilt, von den Dämonen zum Pfuhle der ewigen Flammen gerissen wird. – Ihre Hand hob sich, ein Blitz schien daraus hervor zu leuchten – ein leichter Knall –

Der Kapitän fuhr mit der Hand zur Seite – »Ich glaube, sein Blut ist gesühnt – Saint Brie – Kamerad – Ihre Hand!« Er taumelte gegen die Wand.

»Heiliger Gott! Kapitän –«

Eine Salve krachte in der nächsten Nähe der Ruine – die Büchse schwingend stürzte der Brigantenführer in die Tür. »Kapitän Gauthier – vorwärts, geschwind! Sie haben Verstärkung erhalten, sie dringen vor! Fort, wer nicht gefangen werden will – ich kenne den Weg!«

Der Graf hatte den verwundeten Anführer umfaßt. »Ermannen Sie sich, Freund, es wird, es darf so schlimm nicht sein!«

Trotz der Anstrengung des jungen Mannes sank der Verwundete langsam zusammen. »Es ist vorbei – Chesnaye soll das Kommando nehmen – er weiß – denken Sie an Castellane?«

»Um Himmels willen, Freund, nur jetzt nicht!«

»Ich forderte ihn und tötete ihn – auf Befehl des Kaisers – weil er in Eifersucht sich an ihm – vergriffen, als er ihn – bei jener Metze fand – – jetzt – von ihrer Hand – Gott ist gerecht – der Brief – – Guadeloupe –«

»Allmächtiger Gott, er stirbt!«

Der Brigant riß ihn zur Tür. »Fort, fort! Wir können ihn nicht retten! Hören Sie nicht die Piemontesen?«

Das » Evviva Italia! – Evviva Vittorio Emanuele!« donnerte von außen zwischen die Salven – die Bretterhüllen an den nach der Batterie gehenden Fenstern des Refektoriums krachten zusammen unter den Kolbenstößen, Schüsse knallten – Pulverdampf – durch die Öffnungen sprangen die Bersaglieri – –

Wild schaute sich der Graf nach der Sängerin um und hob drohend die Hand und Waffe – sie lehnte bleich, mit starrem Blick am Tisch, die Arme schlaff am Leibe niedergesunken, die Hand noch immer krampfhaft um den Revolver des Duchino geklammert.

Zwischen ihn und sie drängte sich der Abbé. »Fort mit Ihnen, oder Sie werden gefangen. Für das unsterbliche Teil dieses Mannes werde ich sorgen – fort, fort!«

Von Tonelletto hinweggerissen, der letzte der kühnen Legionäre, verschwand der Graf von Saint Brie in der Finsternis des Ausgangs.

» Evviva Vittorio Emanuele!« – Die befreiten Gefangenen stimmten jubelnd in den Ruf.


In der Villa Albano hatte sich folgendes zugetragen:

Der König hatte die Tür des Gartensalons geöffnet und trat ein, während der Sekretär des Premierministers in dem Zimmer mit seinen Papieren zurückblieb.

Der König war offenbar sehr heiter gestimmt; die Gewißheit, nun bald durch den Abzug der französischen Flotte Gaëta in seinen Händen zu haben und die kleine Revanche, die man der wachsenden Anmaßung der Engländer bereitet hatte, gewährten ihm große Befriedigung und die Aussicht auf das gute Souper – der König Viktor Emanuel hielt während des Tages gar keine Mahlzeit und speiste nur zu Nacht – in Damengesellschaft ließen ihn bald den tiefen und unheimlichen Eindruck vergessen, den die Unterredung mit dem unbekannten Mönch auf ihn gemacht hatte.

»Pardon, meine Damen, daß ich Sie warten ließ. Ich hoffe um so mehr auf Entschuldigung, als ich in der Person des Herrn Grafen Ihnen einen jener galanten Kavaliere sandte, an denen der Hof von Saint Cloud so reich ist!«

» Baszóm, Sire,« – sagte die ungarische Gräfin – »der Herr Graf ist zu sehr Diplomat, um Sie zu ersetzen. Wir lieben die Armee, nicht das Kabinett! Warum ließen Sie uns nicht wenigstens Colonel Sposati, er ist noch passabel, jung und hübsch!«

Der König lachte. »Ich bedauere, tapfere Gräfin – aber der Dienst, der Dienst!«

»Zum Teufel mit dem Dienst, Sire,« rief die Fürstin, das mit dem hirschledernen Reiterstiefel bekleidete Bein von dem Stuhle ziehend und die Zigarette fortwerfend. »Ihr Schurke von Kammerdiener hat mir den dünnsten Marsala gebracht, den er finden konnte. Als ob mein Keller in Albano so schlecht bestellt wäre! Oder ist er aus Ihrem Fourgon, Sire? Man sagt, daß Conte Nigra, Ihr General-Intendant, ein Filz wäre! Ihr Generalissimus Cialdini ist es jedenfalls und grob dazu!«

»Es ist sicher die Schuld von dem Halunken Bertano, Prinzipessa, wenn Sie schlecht bedient worden sind,« sagte lachend der König. »Er zählt zu seinen vielen schlechten Eigenschaften auch die, daß er die Frauen nicht leiden mag!«

»Das Ungeheuer! Der Mensch ist schlimmer wie ein Kastrat!«

»Ich bitte um Gnade für ihn, denn ich habe ihn zu unserer Bedienung bestimmen müssen, da ich nur wenige Leute bei mir habe. Aber Mylady, Sie sondern sich so von der Gesellschaft ab? Was haben Sie, was interessiert Sie dort?«

Er trat, ohne weiter auf die beiden emanzipierten Damen zu achten, zu der blonden Erscheinung am Fenster.

Die angebliche Lady Howard wandte sich nach ihm um. Die tiefe, respektvolle Verbeugung war ein Muster der Eleganz und der ausdrucksvollen Präsentation ihrer schönen Formen. Die Augenlider mit den langen, dunklen Wimpern hoben sich über einem schmachtenden und dennoch durchdringenden Blick.

»O, Sire – ich sah hinüber durch die kreuzenden Blitze und dachte an eine andere Frau!«

Die Stirn des Königs furchte sich leicht. »Machen Sie auch in Politik, Madame? Ich hoffte, Sie lebten nur dem Kultus der Schönheit!«

Sie lächelte so süß. »Man muß wohl manchmal abschweifen, Sire, den Frauen ist ja so vieles verschlossen!«

»Und das wäre?«

Die schöne Sünderin verstand die Röte der Scham auf ihre Wangen zu zaubern. »O, Sire – es gibt zum Beispiel eine Abteilung in Ihrem Museo nationale, die die Frauen und die Priester nicht betreten dürfen. Ich war neulich in Pompeji und Ihre Aufseher verschlossen uns eine ganze Straße der neuen Ausgrabungen. Für was hießen wir denn emanzipiert?«

»Sie – emanzipiert? Nun dann möchte ich wissen, Mylady, was denn jene Damen dort sind – aber trösten Sie sich, Sie haben an diesen Phasen des Altertums nichts verloren. Lassen Sie uns nur an dem modernen Materialismus halten. Wissen Sie, daß ich ganz rasend verliebt bin in Ihre blauen Augen?!«

»O, Sire – Sie sind durch Ihre politischen Okkupationen verwöhnt – Sie beschämen mich.«

»So darf ich weiter okkupieren?«

»Sie wissen, Sire, England ist vorsichtig. Sie dürfen Traktate nicht ohne Ihr Ministerium schließen und dies regiert so viel ich weiß in Florenz. Ich habe mir schon lange gewünscht, den Palast Pitti zu sehen.«

»O Sie Schelm – Sie wollen mich von hier entführen? Aber erst muß ich Gaëta haben.«

»Sie vergessen die französische Flotte, Sire!«

»Ihr Einwurf ist gerade nicht schmeichelhaft, meine Schöne,« sagte halb verstimmt der König. »Aber der Herr Graf dort könnte Ihnen sagen, daß wir binnen achtundvierzig Stunden nicht mehr das Vergnügen haben werden, die französischen Schiffe auf italienischer Reede zu sehen. Ich wollte, wir wären erst so weit in Civitavecchia! Der Traktat ist soeben geschlossen worden.«

»Und darf man fragen wie teuer?«

»Pfui, Mylady – wer wird so neugierig sein! Ich werde Ihnen Macchiavelli als Liebhaber schicken, der Ihnen sagen wird, daß die Geschichte mich fünf Jahre meines Lebens kostet! Aber Sie bleiben mir die Antwort schuldig? Wie wär's mit Neapel?«

»Ich reise morgen nach Florenz ab, Sire!«

Der König wurde etwas verlegen. »Pest und Doria, meine Schönste – Sie wissen wahrscheinlich nicht –«

»Daß die Frau Gräfin von Montefiore noch in Turin residiert? O ja, Sire. Aber unsere schönen Freundinnen dürften ungeduldig werden, daß ich so lange Euer Majestät ihrer Gesellschaft entziehe. Darf ich die Ehre haben, Euer Majestät zu folgen?«

»Sie sind ein Schelm! Aber ich gebe die Blokade nicht so leicht auf, so wenig wie die von Gaëta. Der Schönheit gebührt immer der Vortritt, selbst vor der Macht! Haben Sie die Güte, Mylady!«

Er führte sie zurück zu dem Tisch. »Nun aber, bei meiner Ungnade, keine Politik mehr, meine Damen. Ich habe deren heute abend schon zur Genüge schlucken müssen und sehne mich jetzt nach anderen Gerichten. He, Bertano, wo bleibt der Schurke?!«

Der König klopfte mit dem Messer an den Teller und sogleich steckte der würdige Kammerdiener sein Fratzengesicht durch die Tür.

»Zu speisen, Halunke, aber rasch! Rufe den Oberst!«

»Ja, was ich sagen wollte, werden Euer Majestät mit den Frauenzimmern da die Schnepfen mit 'm Dreck oder ohne Dreck essen?«

»Schurke!«

Der Kopf des würdigen Sergeanten verschwand eiligst hinter der Tür, es dauerte aber keine fünf Minuten, so steckte er ihn wieder herein und sagte grinsend: »Der Oberst läßt sagen, er hätte noch zu tun! Ja, ja – höflich sind die Herren nicht!«

Die Gesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus, in das der König mit einstimmte und das dem Kammerdiener eine Bürgschaft des Friedens zu sein schien, denn schmunzelnd machte er jetzt die Tür auf und kam mit einer Schüssel Makkaroni, einer Lieblingsspeise des Königs, hereingeschlenkert, die er in der rechten Hand trug, während die Linke in der Hosentasche steckte. So präsentierte er die Schüssel zuerst dem König, neben dem die schöne Howard saß, ziemlich ungeschickt.

»Schlingel, siehst du nicht, daß du Mylady das Öl auf das Kleid schütten wirst?«

»Hm – wenn's weiter nichts ist! Sie bezahlen's ja doch!«

Der König begnügte sich unter dem Gelächter der Damen, die Achseln zu zucken. »Er ist unverbesserlich,« sagte er, »aber ich habe keine Lust, mich heute zu ärgern. Pack' dich, Schlingel, und sage dem Obersten, uns andere Bedienung hereinzuschicken.«

Der würdige Kammerdiener, der eben auf einen Wink des Königs im Begriff gewesen war, aus einer frisch geöffneten Flasche seinem Gebieter und dessen Gästen Champagner einzuschenken, wickelte kaltblütig die Flasche wieder in die Serviette und nahm sie unter den Arm. »Danke, Majestät, es schmeckt mir besser unter meinesgleichen, und 's wäre gut, wenn jeder so dächte. Ich will mal zu dem Bettelpfaffen gehen, den Euer Majestät wie 'nen Prinz behandelt wissen wollen, 's ist wenigstens eine anständige Gesellschaft.«

Damit schlürfte er aus der Tür, dem Adjutanten, der eben eintreten wollte, den Weg versperrend.

Der König fuhr sich mit der Serviette über das braune Gesicht, er schien sich in der Tat einigermaßen seiner Nachsicht und Vorliebe zu schämen. »Es wird uns wirklich nichts übrig bleiben, lieber Oberst, als den Burschen fortzujagen. Er ist unerträglich!«

Der Colonel lächelte – er hatte die Drohung schon sehr oft aus dem Munde des Königs gehört. »Das, Euer Majestät, hieße den Mann ins Grab schicken!«

»Das ist es eben! – Aber wo waren Sie?«

»Ich habe die Wachen am Tor revidiert. Es dürfte besser sein, den Eingang zu schließen!«

»Unsinn! – Wenn Sismondi kommt oder eine andere Meldung, würde das nur Aufenthalt geben. Setzen Sie sich dorthin und schenken Sie sich ein. Wissen Sie, Gräfin, daß ich Cialdini befohlen habe, die ganze Damengesellschaft aus der Mola zu verweisen? Seit einer Woche höre ich täglich von Duellen unter meinen Offizieren, und Cialdini behauptet, er wisse sich keinen Rat mehr – der Satan müsse in Unterröcke gekleidet umhergehen!«

»O, die Theresella – eine gemeine Person –«

»Die Signora Carlotta –«

»Nein, die ist zu faul! Aber es ist eine Spanierin dort, die allen Leuten den Kopf verdreht!«

»Die Signora Theresa müssen Sie aus dem Lager fortjagen lassen!«

»Gnade, Gnade, meine Damen!« unterbrach die Anklagen der beiden Amazonen die liebliche Stimme der schönen Engländerin. »Gnade für meine armen Freundinnen, die ja doch in unserer Gesellschaft herüberkamen. Womit sollten sich denn die armen Herren Soldaten bei dieser langen und langweiligen Belagerung unterhalten, bei der sie nicht einmal die Aussicht haben, getötet zu werden, da die Kanonen Bombinos nicht so weit reichen. Ich bitte um Gnade für die Frauen, Majestät – in Neapel ist es gegenwärtig zu langweilig, und Master Russel Esquire behauptet von Rom dasselbe.«

»Wenn Sie es langweilig finden, Mylady,« sagte der König ärgerlich, »daß sich die Leute in Neapel auf offener Straße die Hälse abschneiden, und noch keine Miglie vor den Toren ein Mensch sicher ist, von diesem Halunken Chiavone aufgegriffen und in die Berge geschleppt zu werden – da müssen Sie einen ganz besonderen Geschmack haben. Dergleichen kommt jetzt nicht einmal mehr in Korsika vor, nicht wahr, Graf? Aber ich werde Ordnung schaffen unter diesem Gesindel von Pfaffen und Müßiggängern!«

»Unter meiner Präfektur, Sire, habe ich mich möglichst bemüht, Ordnung zu halten und die Vendettas vollends zu unterdrücken.«

Lady Elena Howard, die mit ihren rosigen Fingern eben einen prächtigen Pfirsich schälte, reichte die duftende Frucht auf der Spitze der silbernen Gabel mit schmachtendem Blick ihrem hohen Bewunderer. »O, Sire – kein Engländer würde mehr nach Italien kommen, wenn Sie die interessanten Herren Banditen, die Lazzaronis und die süßen Abbés abschaffen wollten!«

»Ich werde die einen hängen lassen, die zweiten auf Schiffe packen und nach Sardinien zum Straßenbau transportieren, wenn sie hier nicht arbeiten wollen, und die letzteren nach Rom schicken oder unter die Soldaten stecken! Man hat mir heute morgen noch von einem schändlichen Doppelmord erzählt, der vorgestern abend in Neapel auf offener Straße vorgekommen ist und bei dem angesehene Namen kompromittiert sind. Meine Polizei –«

»Sire,« unterbrach ihn die Fürstin mit affektiertem Gähnen – »Ihre Polizei ist ebenso ungerecht wie langweilig. Ich habe gehört, daß man den hübschen Bankier Carafa eingesperrt hat, einen sehr liebenswürdigen Kavalier, bloß unter dem Vorwand, daß er den Liebhaber seiner Frau habe erdolchen lassen! Sire – man muß auf Moralität halten!«

Der König warf ihr einen eigentümlichen Blick zu. »Wie war es doch mit der Geschichte Sposati? Ich erinnere mich nicht mehr genau.«

»Der Bankier Carafa,« erzählte der Adjutant, »einer der einflußreichsten Anhänger Eurer Majestät, hatte schon lange Verdacht gegen die Treue seiner Frau, einer geborenen Contessa Ruspoli. Vorgestern abend gegen elf Uhr kommt er mit einem Freunde in einem Curricole die Straße entlang gefahren an seinem Garten vorbei – er sieht im Mondschein die Gestalt eines Mannes aus einem Pförtchen die Mauer entlang schlüpfen, zu dem er allein den Schlüssel hat – und von der Straßenecke einen zweiten Schatten dem Unbekannten nacheilen. Er springt entrüstet aus dem Wagen und läuft den beiden entgegen. Aber ehe er sie noch erreicht – hört man einen Schuß, gleich darauf einen Schrei – und die beiden Schatten liegen vor den Füßen Carafas am Boden. Als man auf das Rufen mit Lichtern herbeikommt, erkennt man in dem Erschossenen den Principe Antonio Riccardi, einen der ersten Lebemänner von Neapel, den anerkannten Liebhaber der schönen Carafa, und in dem zweiten von einem Dolch durchstochenen Mann einen berüchtigten Gurgelabschneider und Kapitano der Lazzaroni – beide mausetot!«

»Und deswegen hat die Polizei den Signor Carafa verhaftet?«

»Die öffentliche Meinung, Sire, behauptet, daß er den Mörder gedungen habe, und daß seine Anwesenheit auf dem Schauplatz der Tat keine zufällige gewesen ist. Doch wird dieser Verdacht hauptsächlich nur von seinen und unseren politischen Gegnern kolportiert, da der Principe Riccardi zu den eifrigsten Freunden des Königs Franz gehört. Aber es ist eben ein unsinniger, unbewiesener Verdacht, und ich hoffe, die Justiz wird Signor Carafa schon morgen freigeben – ich hörte bereits davon.«

»Wenn keine Beweise weiter da sind – – da der Mörder selbst tot ist, kann er niemanden beschuldigen.«

»Auch wenn er den tödlichen Dolchstoß offenbar nicht von dem Erschossenen erhalten haben kann?«

»Wieso, Mylady? Was wissen Sie davon?«

Die schöne Engländerin spielte mit der goldenen Kette ihres Lorgnons. »O, nichts, Sire – man erzählte uns nur in Mola, daß merkwürdigerweise der Mörder den Dolchstoß, der ihn in der Tat stumm gemacht, im Rücken erhalten hat, so daß die Spitze von hinten ins Herz drang. Die Geschichte ist in der Tat schrecklich schön und müßte sich vortrefflich machen in einem Londoner Feuilleton.«

Der Adjutant hatte sich bei der mit der höchsten Naivetät gegebenen Erzählung auf die Lippen gebissen; der König furchte die Stirn und strich nach seiner Gewohnheit den Knebelbart. »Lassen Sie dem Chef der Justiz wissen,« sagte er endlich, »daß die Angelegenheit auf das strengste untersucht werden soll – ohne Ansehen der Person! Verstehen Sie mich, ohne Ansehen der Person. Ich will Gerechtigkeit geübt sehen, in Neapel so gut wie in Turin! Ich danke Ihnen, Mylady, für die Vervollständigung.«

Die Stimmung der kleinen Gesellschaft drohte eine unangenehme zu werden.

» Corpo di Venus! Diese Männer sind Ungeheuer und gleich mit Dolch und Pistolen bereit, eine kleine Untreue zu rächen,« rief die Gräfin. »Wer gibt ihnen das Recht dazu, da sie selbst doch sich alles erlauben und wir armen Frauen geduldig dazu stillschweigen müssen?«

»Waren Euer Gnaden schon einmal verheiratet?« fragte mit unschuldiger Stimme der Diplomat.

Ein schallendes Gelächter der Gesellschaft antwortete der Frage, und im Nu war die Heiterkeit wieder hergestellt. Jedermann wußte, daß die Gräfin mit ihrem Liebhaber früher einmal in einer sehr interessanten Situation von ihrem alten Gemahl überrascht, denselben mit Hilfe ihres Galans zur Strafe während der Fortsetzung der Szene in einen Kleiderschrank gesperrt hatte.

Der Graf erzählte pikante Anekdoten von dem Hofe von Saint Cloud und Madrid, um die Stimmung im Gang zu erhalten, was ihm vortrefflich gelang, und wozu der Champagner das Seine tat.

»Haben Euer Majestät die neueste Indiskretion von Madame la Princesse de Solms in Mailand gehört?«

»Sie begeht deren so viele, daß ich nicht weiß, welche. Aber sagen Sie mir zunächst, wie kommt das Frauenzimmer zu dem Namen und Titel? Die Solms sind ja, soviel ich weiß, eine vornehme und hochangesehene Familie – ist sie wirklich verwandt mit ihnen? – Sie als Pariser müssen das wissen.«

»Madame ist hors de societé! Sie soll vor Jahren einmal ein verkommenes Glied der Familie zum Mann gehabt haben, und da eine Linie der Solms den Fürstentitel trägt, hat sich Madame das zunutze gemacht. Euer Majestät haben doch ihr Buch gelesen?«

»Schandbar! Und dabei nicht einmal so geistreich wie Casanova!«

»Es blieb dem Kaiser nichts übrig, als sie aus Paris weisen zu lassen.«

»Und mir das Geschenk zu machen! Aber das neue Abenteuer – mit wem? Wen hat sie kompromittiert?«

»O, Sire – der Respekt –«

»Zum Teufel – ich hoffe, doch nicht gar mich?«

Die Frauen lachten hell auf.

»Bewahre, Sire, wie können Sie denken – aber einen Ihrer Staatsmänner.«

»Nun?«

»Man sagt, der Baron Ricasoli habe ein Faible für Madame gefaßt! Madame de Solms will ihn insultieren – sie behauptet überall, er habe ihr die Ehe versprochen.«

»Pest und Doria! Und ich sollte ihn zum Minister machen! Cavour hat ihn schon zweimal zum Portefeuille bezeichnet. Der arme Bursche. Er muß sich vorher ihre berühmte Liste zeigen lassen.«

»Darf ich fragen,« sagte die Principessa, »ob Euer Majestät auch darauf figurieren?«

»Bewahre – nicht auf der allgemeinen. Sie führt deren zwei. Wir müssen sorgen – – aber was ist das?«

»Der Donner, Sire – das Gewitter –«

»Nein, da wieder – das ist Gewehrfeuer! Oberst, öffnen Sie die Balkontür!«

Während der Offizier hineinsprang, den Befehl des Königs zu erfüllen, hörte man den Galopp eines Pferdes, und dann einen dröhnenden Schlag.

Es war das Tor der Hofmauer, das der Sergeant Bertano mit Hilfe der beiden Schildwachen ins Schloß geworfen.

Im nächsten Augenblicke wurden Tritte und Stimmen im Nebenzimmer laut – zugleich hörte man jetzt deutlich durch die geöffnete Terrassentür das Gewehrfeuer.

»Was zum Henker ist los? Colonel Sposati, sehen Sie – –«

Die Tür wurde aufgerissen, der Sekretär des Premiers, etwas blaß und zitternd, erschien im Eingang, hinter ihm, schmutz- und schweißbedeckt, die Uniform blutig, den Säbel noch in der Hand, der Oberstleutnant Graf Sismondi.

»Majestät – retten Sie sich – wir sind überfallen!«

»Was soll das heißen? Bist du närrisch geworden, Kleiner?«

Der Offizier stieß den Schreiber zur Seite. »Ein kombinierter Überfall, Sire! Man hat soeben die Batterie auf dem Monte Agatha überfallen – wie sie's möglich gemacht, weiß ich nicht! Ich entkam in der ersten Überraschung, um Meldung zu machen!«

» Entkam – Herr Oberstleutnant?«

Der Offizier wurde dunkelrot unter dem Schmutz und Schweiß. »Ja, Sire,« sagte er heftig, »mit Hilfe meines Säbels, wie dieses Blut zeugt! Ich allein wußte dort, daß Euer Majestät sich hier befinden und übte meine Pflicht selbst auf die Gefahr meines Rufs. Wie recht ich gehabt, beweist, daß in diesem Augenblick bereits der Feind dieses Haus angreift!«

»Schließt das Tor – bewaffnen Sie die Dienerschaft – rasch!« befahl hastig der König, ohne sich mit einer Entschuldigung an den gekränkten Offizier aufzuhalten.

»He – das wäre viel zu spät, wenn wir erst auf Euer Majestät Befehl hätten warten wollen!« sagte grinsend der Sergeant, der sich durch die anderen drängte. »Warum schwätzen Euer Majestät mit dem Weibervolk – ich habe es immer gesagt!«

»Schurke! Meinen Säbel – meine Pistolen – hörst du nicht!«

»Sire – nehmen Sie den meinen – –«

Die Gräfin de la Torre reichte ihm ihr Spielwerk, das der König unwillig zurückstieß. »Es gilt Ernst – Madame! Wir müssen uns auf der Straße nach Mola durchschlagen!«

»Sire – es ist zu spät! Ich selbst hörte eine Salve von Spiaggia her – es ist dem Feind gelungen, uns den Weg abzuschneiden!«

»So müssen wir das Haus verteidigen – ha, unsere Wachen sind bereits daran!«

Es war der Schuß, der den Jäger tot von der Höhe der Außenmauer hinunterstürzte.

»Wir müssen das Haus verteidigen, bis Succurs kommt! An die Türen und an die Fenster – ruft alle Männer zusammen!«

»Sire, unser Blut für Sie!«

In dem wirren Durcheinander, das dem Befehle und den ersten Anstalten der Verteidigung folgte, erhob sich plötzlich eine tiefe, majestätische Stimme, wie ein Ruf aus einer anderen Welt:

»Vittorio Emanuele – fliehe! Der Weg ist offen – dort!«

»Ich entfliehen? – Wer wagt es – davon zu sprechen?«

»Es ist der Wille des Herrn, den ich verkünde. – Nur Minuten sind die Deinen – fliehe und du rettest Italien!«

Es war der Mönch, der auf der Schwelle der Tür stand und mit majestätischer Gebärde nach dem Meere wies.

»Dort hinaus – die Barke erwartet dich – die Donner und die Wogen des Herrn sind gnädig gegen den blinden Zorn der Menschen!«

»Aber fliehen vor einer Handvoll Feinde – ich, der König! Es ist unmöglich!«

»Sire,« bat der Graf Sismondi – »es ist offenbar auf Ihre Person abgesehen – bedenken Sie, an jedem Punkt, an dem Sie das Ufer erreichen, außerhalb der feindlichen Posten, können Sie die Ihren zur Revanche herbeiführen und die Wahnwitzigen vernichten!«

»Das wäre ein Gedanke, der sich hören läßt. Aber dennoch –«

»Schwerenot, Majestät,« unterbrach ihn der Kammerdiener – »machen Sie, daß Sie fortkommen! – Der Bettelpfaffe da ist ein Teufelskerl, er denkt an alles und rief gleich die Schufte von Ruderern herbei. Nach der Reserve und dem fahrlässigen Generalissimus hat er die Ordonnanz geschickt – ich sage Ihnen, Sire, wenn wir glücklich entwischen, müssen Sie den Kapuziner zum General machen und Ihrem Dummkopf von Cialdini 'ne Glatze scheren lassen!«

Ein Krach ließ die Fenster klirren – es war die Petarde, die der böhmische Artillerist mit Absicht hatte verunglücken lassen.

Der König stand noch immer unschlüssig da – sein scharfer Verstand sagte ihm, daß die einzige Rettung vor Gefangennahme in schleunigster Flucht bestände, und dennoch widerstrebte ihm der Gedanke, und daß er die Frauen unbeschützt in dieser Gefahr zurücklassen sollte.

Und gleich, als ob er diesen Gedanken erraten, schritt der Mönch mitten durch die Zaudernden, Unentschlossenen auf die falsche Engländerin zu und berührte mit dem Ärmel seiner Kutte ihre Schultern. »Führe ihn hinweg, Tochter der Sünde,« sagte er dumpf – »über seinen starren Sinn hat nur seine Schwäche Gewalt.«

Die reizende Sirene eilte auf den König zu, faltete die Hände und legte sie auf seinen Arm, dann neigte sie mit einer unnachahmlichen Bewegung der Grazie den Kopf zur Seite und erhob die Lider über einem so innigen, so verheißenden Blick, daß sein Strahl hätte die Gletscher seiner Heimat schmelzen müssen.

»O Sire,« lispelte sie, »wollen Sie uns trennen durch Ihren Tod oder Ihre Gefangenschaft, wo noch so süße Stunden vor uns liegen? – Wenn ich Ihnen wirklich wert bin, so eilen Sie – ich begleite Sie!«

Der Krieger war besiegt. – »Aber was wird mit Ihnen, Graf?«

»Verlassen uns Euer Majestät unbesorgt, und nehmen Sie Ihre Offiziere mit,« sagte der Diplomat kaltblütig – man wird es nicht wagen, mich anzutasten und ich werde diese Damen beschützen. Wir wollen ihnen eine kleine Komödie vorspielen und Ihnen Zeit schaffen, den Spieß umzukehren.«

In diesem Augenblick erschütterte die Explosion der zweiten Petarde die Luft und man hörte das Krachen des zusammenbrechenden Tores.

Die Offiziere drängten den König fast zum Ausgang der Terrasse. Die Lady hing an seinem Arm.

»Marinelli – die Papiere!«

»Hier sind sie schon, Sire – geschwind, geschwind!«

Auf der Schwelle der Tür verweilte der König noch einen Augenblick, wie von einer Erinnerung getroffen, und drehte sich um.

»Und Sie, ehrwürdiger Vater?«

»Der Himmel geleite dich, mein Sohn!« Der Mönch machte das Zeichen des Kreuzes in die Luft, gleich als sende er ihm seinen Segen – dann war er verschwunden.

Der König eilte hinaus, fortgerissen von den Seinen. Nur die beiden Offiziere, Marinelli und die Lady begleiteten ihn. Die beiden Schildwachen aus dem Hofe waren bereits in der Barke zur Unterstützung der Ruderer.

»Und nun, meine Damen, zu unsern Rollen! Öffnen Sie geschwind die Foyertür, Signor Bertano, und kehren Sie schleunig zurück,« befahl der französische Diplomat.

Das »Signor Bertano« bewog den verdutzten Sergeanten zu gehorchen, und er humpelte eilig davon.

Wenige Augenblicke genügten zur Instruktion. Als der Jägeroffizier die Tür des Salons öffnete, saßen der Graf und die beiden Damen in der beschriebenen Stellung und Bertano bediente sie. – – – – – – –

Der Emissär des Kaisers der Franzosen hatte sich erhoben und betrachtete den Offizier mit einem Ausdruck leichten Spottes.

»Monsieur – ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen? Darf ich fragen, was zu Ihren Diensten steht?«

Der Leutnant schaute ihn halb verblüfft, halb unwillig an, ohne ein Wort hervorbringen zu können.

»Ist's Monsieur gefällig, bei uns Platz zu nehmen und ein Glas Wein mit uns zu trinken?« sagte die Fürstin mit süßlichem Ton und ihn durch die Lorgnette fixierend. »Signor Bertano – rasch – ein Glas und eine frische Flasche!«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ihr nicht alle egal sind, wenn sie nur hübsch und kräftig ausschauen,« brummte der Kammerdiener ziemlich verständlich. »Ich will mich hängen lassen, wenn ich's tue!«

»Machen Sie sich's bequem, Monsieur,« sagte spöttisch die Gräfin. »Das Wetter draußen ist schlecht und Monsieur kommen gewiß weit her?«

Das Blut strömte dem jungen Mann in die Schläfe, vor seinen Augen lag es wie rote Wellen – die Adern seiner Stirn schwollen auf. Er fühlte, daß man ihn verhöhnte, daß er alle Kraft aufbieten müsse, um nicht eine lächerliche Rolle zu spielen.

»Mein Herr,« sagte er streng, »ich bin Offizier Seiner Majestät des Königs Franz II. Ich komme als Feind und will wissen, wer Sie sind?«

»Ich wüßte nicht, daß Krieg zwischen Seiner Majestät dem Kaiser Louis Napoleon und Seiner Majestät dem König Franz II. bestände!« sagte der Franzose kalt, »ich bin der Graf von Conti, erster Sekretär des Kaisers und früherer Präfekt von Korsika und befinde mich hier in Privatangelegenheiten.«

»Und ich bin die Fürstin Belgiojoso, wenn es Sie interessiert zu wissen, und habe das Vergnügen, mich hier auf meinem Landsitz zu befinden.«

»Erlauben Sie mir, Monsieur, mich Ihnen als die Gräfin Mathilde de la Torre vorzustellen – Freundin Seiner Exzellenz des General Garibaldi und gegenwärtig als Liebhaberin aufregender Schauspiele und Dilettantin bei der Belagerung der Festung Gaëta!«

Ein tiefer Knix begleitete die französisch gesprochenen Worte.

»Habt Ihr genug, Freundchen, oder wollt Ihr auch meinen Namen wissen, Freundchen?« fragte grinsend der Sergeant.

Der Offizier verstand genug Italienisch, um wenigstens die freche Beleidigung zu würdigen. Ein Schlag ins Gesicht, so kräftig, daß der alte Fechtmeister rücklings zwischen die Stühle stürzte und sich den blutenden Kinnbacken hielt, lohnte die Unverschämtheit. Zwischen den Brauen des jungen Mannes lag jetzt etwas, das selbst die dreiste Leichtfertigkeit der beiden vornehmen Hetären in Schranken hielt und den Franzosen stutzen machte.

»Korporal Lechberger!«

»Herr Leutnant!«

Niemand verläßt das Zimmer – bei seinem Leben! – Wo ist der König Viktor Emanuel? – Antwort oder ich brauche Gewalt!«

Die Stimme, der Ausdruck waren so furchtbar, so drohend, daß die Frauen total eingeschüchtert, keinen Laut zu erwidern wagten. Selbst der Korse, ein Mann von unzweifelhaftem Mut, begriff, daß, wer gegen diese Entschlossenheit das geringste Spiel wagte, dies auf Gefahr seines Lebens tun würde.

»Mein Herr,« sagte er höflich, – »Sie kommen zu spät – der König Viktor Emanuel hat dieses Haus bereits verlassen und ist in Sicherheit.«

»Unmöglich!«

»Mein Wort als französischer Edelmann! Doch durchsuchen Sie selbst das Haus.«

Der deutsche Offizier wandte sich kurz um. »Korporal, du kennst deine Ordre! Ihr andern folgt mir! Wer auf den ersten Anruf nicht steht oder sich zur Wehr setzt, niedergeschossen!«

Die Augen des jungen Mannes blitzten unheimlich, als er, den Revolver in der Hand, an der Spitze der ihm gebliebenen zehn Legionäre aus dem Salon stürzte. – Die Tür blieb offen, man hörte wie er befahl, sich zwei und zwei Mann durch das Gebäude zu verteilen und jeden Raum, jedes Versteck zu durchsuchen.

Signor Bertano hatte sich unterdes wieder aufgerafft und hielt sich noch immer den Kiefer. »Bei den Gebeinen des heiligen Vaters – ich glaube, er hat mir die letzten Zähne ausgeschlagen, der deutsche Lümmel! Und nicht einmal Wundgeld bei der Knickerei! Das kommt davon, wenn man sich in die Politik mengt! – He – was ist denn das? – Ich muß doch nachsehen …«

Damit hinkte er der Tür zu.

»Halt, Kamerad – wart a biss'l!« Der Korporal hielt ihm das Bajonett vor.

Draußen hörte man die Kolben der Legionäre an eine Tür donnern.

»Ich habe doch geraten, alle Türen zu öffnen,« meinte der Graf. »Wer kann das sein?«

»Am Ende hat gar der Bettelpfaffe sich den Spaß gemacht – was fällt ihm ein? Laß mich durch, Kerl – du hörst ja …«

Die Tür brach in Stücke – man hörte den Ruf der Soldaten:

»Dort ist er – im zweiten Zimmer – er entwischt – er springt aus dem Fenster – er entkommt!«

»Feuer!«

Drei – vier Gewehre krachten – gleich darauf Schüsse im Garten!«

»Großer Gott – es ist ein Unglück geschehen – man wird doch nicht – halten Sie ein, Monsieur …« Der Graf wollte nach der Tür, aber das Bajonett des jungen Alpensohnes streckte sich drohend ihm entgegen, wie vorher dem Diener:

»Halt! Niemand passiert!«

Die Frauen lagen bebend in den Sesseln – eine kurze Pause, dann trat von der Terrasse her durch die Salontür der Sergeant der Legionäre, dem beim Eindringen der Auftrag geworden, den Garten zu durchsuchen und dort jedem die Flucht nach dem Ufer abzuschneiden, mit seinen vier Soldaten, die Gewehre in der Hand – zugleich kehrte aus dem Vestibüle der Offizier zurück.

Der Leutnant Max, wie sie ihn nannten, war bleich, die Stirne drohend, die Zähne aufeinander gebissen. In seiner Hand trug er eine tote Taube.

Er warf sie dem Korporal zu. »Sieh nach Toni – kennst du den Vogel? Besinne dich!«

»Jesus Maria Ohm – schaut Oes – ist das nit die Taubl, die Enk heut abend bringen mußt? Dös arme Tierl, ist halt in dem grausigen Wetter umkommen, nachdems so weit flogen is!«

»Aber nicht ohne Botschaft! – Lies, ehrlicher Freund! Die Tauben der Königin waren die Boten eines Verräters – und dort steht der Schurke!«

»Oes – Ohm – a Spion? Pfui Deubel!« – Wie ein Blitzstrahl schossen dem ehrlichen Burschen all die einzelnen Züge und Handlungen des Böhmen durch den Kopf – ein erschreckendes Licht.

Der Sergeant trat zu dem Offizier und legte die Hand an das Kaskett. »Herr Leutnant, habe zu melden, daß nichts im Garten versteckt. Nur eine Barke mit Menschen gefüllt auf See zu bemerken, war außer Schußweite. Werden ersaufen, wenn sie sich nicht ran halten in dem Mordwetter; rief ihnen vergeblich zu.«

Der Offizier fuhr zurück. »Ha – er …«

»Habe weiter zu melden, daß im Garten unter den Fenstern ein erschossener Kapuziner liegt. Der alte Mann ist mausetot!«

»Unglückseliger Irrtum!«

»Habe schließlich zu melden, daß in der Richtung von Mola und dem Borgo her starkes Feuer zu hören, ich fürchte, die Unsern sind hart bedrängt.«

Der Leutnant war mit einem Sprunge in der offenen Salontür – das Gewitter war im Abziehen, einzelne Blitze erleuchteten noch das hochgehende Meer, im Scheine eines desselben glaubte der Offizier auf dem weißen Schaumkamm einer Woge einen dunklen Punkt – einen Kahn schaukeln zu sehen.

»Arme Königin! Arme Maria!« Einen Augenblick, während die Lippe leise das Wort sprach, bedeckte er mit der Hand die Augen – dann, männlich sich aufraffend, trat er zurück in den Salon.

»Herr Graf,« sagte er mit fester Stimme, »ich habe kein Recht, Sie als Gefangenen fortzuführen. – Bübischer Verrat hat verhindert, daß Mut und Treue in diesem Kampfe triumphierten. Wir räumen die Villa des König Viktor Emanuel und haben nur eins noch zu tun: Kameraden! Faßt den bübischen Verräter und bindet ihn – er muß mit!«

»So geh du voran!«

Ein Messer funkelte in der Hand des Böhmen, wie er mit dem Sprunge eines Tigers sich auf den Offizier warf und einen Stoß nach ihm führte. Ein Strahl von Blut spritzte aus der Uniform – der Getroffene taumelte zurück, von dem Jäger Toni aufgefangen. »Heilige Mueder Gotts – der Bösewicht!«

In dem Tumult suchte der Böhme zu entspringen, aber in der Tür prallte er gegen einen hereinstürzenden Legionär von der Wache am Tor und zehn Hände packten ihn und hielten ihn fest.

»Wo ist der Leutnant? Die Schweizer ziehen sich zurück – Oberstleutnant Migy sendet mich mit dem Befehl, uns eilig zurückzuziehen – die Straße ist nicht mehr zu halten!«

Der Offizier konnte nicht sprechen – er deutete nur nach der Tür.

»Nit ohne di, Max! – I hab's der Königin versprochen – tot oder lebendi – i bring di ihr! – Kameraden, i nehm halt den Leutnant – nehmt Oes halt den Schuft dort und haltet 'n fest! Hat der Vater ihn ins Zuchthaus schickt, wird der Sohn ihn an a Galgen bringen!«

Und mit der Riesenkraft der Älpler schwang er den blutenden Offizier auf seine Schultern und eilte, das Gewehr in der Rechten, aus dem Salon.

Mit Kolbenstößen den Gefangenen in ihrer Mitte forttreibend folgten die Legionäre. – – – – – –


In dem Borgo tobte heftig der Kampf. Auf den Befehl des Generals Bosco hatten die Reserven unter dem Grafen Caserta die Vorstadt angegriffen, um der Ausfalls-Kolonne Luft zu machen; die piemontesischen Batterien donnerten im Dunkel aufs Geratewohl gegen die Festung, die, um keinen Zielpunkt zu geben, nur mit vereinzelten Schüssen das nutzlose Feuer erwiderte.

Die Piemontesen hatten jetzt ihre Überraschung überwunden, und da die Armee ganz tüchtig organisiert war, sammelten sich die Kadres bald und konnten zum Angriff geführt werden.

Die Lage war in diesem Augenblick folgende:

Die Schweizer unter Kapitän Steiner und dem den Überfall von der Seeseite her leitenden Oberleutnant Migy hatten die Position zwischen Spiaggia und Arzena (Weg nach dem Mola) nicht länger behaupten können, was nach dem Entkommen des Königs auch unnötig war. Sie wurden in rascher Vermehrung voll den Reserven, die auf dem Monte Conza lagerten, und die sich aus den Etappen nach Molo hin zusammenfanden, hart bedrängt, denn es war der Ordonnanz, die der Mönch aus der Villa Albano gesandt, in der Tat gelungen, die Straße nach Mola im letzten Augenblick zu passieren, ehe sie die Schweizer gesperrt hatten.

Oberstleutnant Migy befahl daher den Rückzug, der in geordneter Weise vor sich ging, obschon die Piemontesen sie hart bedrängten.

Kurz vor der Villa Albano stieß von den Bergen her die jetzt von dem Marquis de la Chesnaye an Stelle des Kapitän Gauthier kommandierte Abteilung der französischen Legionäre von Santa Agatha her zu ihnen. Dennoch war die Schaar der Verteidiger des legitimen Königtums auch jetzt noch zu schwach, um sich an der Villa Albano halten zu können, und nachdem man die dort eingedrungenen Legionäre aufgenommen und sich mit der kleinen Abteilung, welche die See-Batterie angegriffen, vereinigt hatte, zog man sich eilig zurück.

Es war dem Leutnant Méricourt geglückt, die Batterie zu überrumpeln und zwei der Geschütze zu vernageln. Der junge Offizier focht mit der linken Hand, ein Bajonettstoß hatte den rechten Arm durchbohrt und gelähmt, auch der Hauptmann Graf Christen blutete aus zwei leichten Wunden. – –

»Heda – Chesnaye – sind Sie es? Ich glaubte wahrhaftig Sie auf dem Meeresgrund. Wie stehts auf der Agatha? – Wo ist Kapitän Gauthier?«

»Unter den vernagelten und herabgestürzten Kanonen – ein unglücklicher Schuß hat ihn getötet. Ich bringe kaum dreißig Mann zurück.«

Der Oberstleutnant Migy nahm die Zigarre aus dem Mund, die er bei Beginn des Feuers sich angesteckt hatte. »Schlimm genug! Steiner hält sich noch gegen ein ganzes Bataillon Bersaglieri – aber es sind nur Augenblicke – wen bringt man hier?«

Die Frage wurde an einige schweizer Soldaten gerichtet, die einen schwer Verwundeten geleiteten.

»Leutnant Fieger – der Arm ist ihm zerschmettert!«

»Wieder ein Tapferer – Geben Sie das Signal zum Rückzug – wir haben das Schlimmste noch vor uns!«

Graf Christen – der sich einen Augenblick Luft geschafft – sprang herbei. »Ist es gelungen? Bringt Ihr den König?«

Der mit einem piemontesischen Mantel bedeckte Körper seines Offiziers, den der junge Bayer auf der Schulter trug, hatte ihn getäuscht.

»Euer Gnaden – dös is halt mei Leitnant. I weiß nit, was Oes vom Köni plauscht – aber der da, der Ohm hat den ganzen Streich verraten und is a Mörder dazu!«

Der Hauptmann trat zu dem verwundeten Offizier. »Leutnant Max – Kamerad! Was ist geschehen? Vermögen Sie zu sprechen?«

Der Schwerverwundete schlug die Augen auf. »Zu spät – der König entflohen – ich bin entehrt … lassen Sie mich sterben hier!«

»Den Teufel auch! Für Unglück kann der Soldat nicht! – Ist kein Feldscher hier? – Sehen Sie zu, Bursche, was Sie tun können, und dann zwei Legionäre zum Transport. Korporal, ich empfehle dir deinen Offizier!«

Die Anempfehlung war nicht nötig, denn der Leutnant war so beliebt in der Kompanie, daß jeder gern willig zugegriffen hätte, ihn nicht in den Händen des Feindes zu lassen.

»Schade, daß der Streich mißlang,« sagte Leutnant Salvy, der mit den Seeleuten sich bei der Kolonne der Schweizer befand, »es wäre ein kostbarer Spaß gewesen, den Ré gentilhuomo der Königin zu überbringen. Ich wette, er ist über das Wasser entkommen!«

Der Sergeant, der den Garten der Villa durchsucht, erzählte, daß man eine Barke denselben habe verlassen sehen.

Während der kurzen Szene ging das Feuern unablässig fort und die Kugeln schwirrten durch das Dunkel, zum Glück meist ohne Ziel und Erfolg.

»Signor,« sagte der Brigantenführer, dessen scharfes Gehör die Signale aus größerer Entfernung vernahm, »der Feind bekommt Succurs von Castellone her – ich höre die Hörner der Jäger und Kavallerie-Signale!«

»Dann vorwärts durch das Borgo – ich hoffe, Simonetti hat bereits die Minen gelegt.«

Unter dem fortwährenden Flankenfeuer aus den Häusern brach sich die tapfere Kolonne Bahn.

Man war jetzt bis zu den Häusern des Borgo gekommen, deren notwendige Sprengung man beschlossen hatte, notwendig, weil die hier übel angebrachte Menschenfreundlichkeit des jungen Königs bei dem Einschließen in die Festung sich nicht hatte entschließen können, die Vorstadt zu rasieren, und gerade von hier aus wurde durch das Feuer der piemontesischen Bersaglieri den Verteidigern der Wälle und Bastionen ein fortwährender bedeutender Schade zugefügt.

Die von dem Grafen von Caserta kommandierte Reserve stand bereits am Fuß des Monte Secco zur Aufnahme des Rückzugs und die Batterien Della Regina und Philippstadt begannen trotz des Dunkels Granaten gegen den Feind zu werfen.

Der Adjutant des Majors Sismondi brachte dem tapfern Oberstleutnant Migy die Bitte, die große Straße des Borgo noch zehn Minuten zu halten, da man mit der Legung der Mine unter dem letzten Hause und der Befestigung der Stoppinen-Lunte noch nicht fertig wäre.

Sofort befahl der wackere Veteran Halt, und die Jäger und Legionäre machten aufs neue Front gegen die verfolgenden Bersaglieri und einen Trupp Garibaldiner, die sich am Monte Capucini gesammelt hatten und unter Führung eines jungen Offiziers die Neapolitaner angriffen, welche die Arbeiten der Artilleristen deckten.

»Major Bianchetti! Treiben Sie die Schufte zurück – wenn Sie gut operieren, werden Sie Gefangene machen.«

Der alte Offizier – der als Freiwilliger seine Kompanie begleitet hatte, – raffte einen Teil der Jäger zusammen und warf sich zur Linken in die Niederung zwischen dem Monte Atratina und dem Borgo. Sein Manöver war so gut, daß er nicht allein den Legionären und Jägern Migys Luft schaffte, sondern selbst einen Haufen der Garibaldiner abschnitt und den Reserven des Grafen von Caserta entgegentrieb, die sie vollends umzingelten. So eingeengt, schlugen sich die Freischärler mit Verzweiflung, der dekorierte Offizier, ihr Führer, unter ihnen.

Der Prinz wünschte dem unnützen Blutvergießen ein Ende zu machen und trieb sein Pferd unter die Kämpfenden. »Nehmen Sie Pardon – geben Sie sich gefangen! – Entwaffnet den Offizier!« –

Der Befehl des Prinzen wurde vollzogen, drei, vier der Jäger warfen sich gegen den jungen Garibaldiner, der vergebens gegen sie rang.

»Ergeben Sie sich, Signor – ich bin der Graf von Caserta!«

»Ihnen Hoheit, ja – hier mein Säbel!«

Ein heiserer Schrei wurde durch den Lärm des Kampfes laut – der Glanz einer Rakete, die eben von der Regina in die Höhe stieg, den Kanonieren ihr Ziel zu zeigen, übergoß auf Augenblicke den Platz wie mit Tagesschein.

»Verräter!«

Der alte Jägermajor stürzte gegen den Gefangenen und riß ihn mit starker Hand aus den Händen seiner Bewältiger.

»Vater!«

»Ein desertierter Offizier ist ein Schuft, dem der Tod gebührt! Ich habe keinen Sohn mehr!« und der Veteran stößt dem Meineidigen den Degen durch die Brust, daß das springende Blut ihn selbst bespritzt. Der furchtbare Zug des Bürgerkrieges, den wir hier einschalten, hat sich in der Tat schon früher am Volturno ereignet.

»Um aller Heiligen willen – was haben Sie getan, Major!« Der Prinz ist im Begriff, sich vom Pferde zu stürzen.

»Meine Pflicht, Königliche Hoheit – ich bitte um weiteres Kommando!«

Der Prinz wandte sich traurig ab. »Gott im Himmel – welche Schrecken dieses Krieges! Sie werden den Unglücklichen doch nicht hier liegen lassen?«

Die Legionäre waren entwaffnet. »Euer Königliche Hoheit wollen befehlen, was mit den Gefangenen hier geschehen soll? Von dem Borgo her kommt das dringende Signal zum Rückzug!«

»Lassen Sie das Gesindel laufen – wir haben der Mäuler genug zu ernähren in der Festung.«

Eine Ordonnanz stürzte herbei. »Major Sismondi läßt melden, daß Oberstleutnant Migy erschossen ist. Der Feind dränge mit Übermacht. Euer Königliche Hoheit sollten eilen, unter den Schutz der Batterien zu kommen.«

Der Prinz hob den Degen. »Gott verzeihe denen, die diesen Krieg hervorgerufen! Zurück denn, meine Herren! Nach der Festung. – Arme Schwester Maria!« –

Die Batterien nach der Landseite donnerten jetzt in verstärktem Feuer; unter ihrem Schutz kehrte die Truppe, die den kühnen und von halb glücklichen, halb unglücklichen Erfolgen begleiteten Überfall gewagt, – von den Piemontesen fast bis unter die Mauern selbst gedrängt, – in die Festung zurück. – – – – – – – – –


Der König, die Königin, der Graf von Trani, die Generale, ein großer Teil der Garnison und der ganzen Bevölkerung hatten während der ereignisvollen Nacht die Wälle keinen Augenblick verlassen.

Vergebens hatten ihr Gatte und ihr Schwager in die junge, für einen Thron geborene und des schönsten Thrones der Erde durch Verrat, Untreue und Schwäche beraubte Fürstin gedrungen, sich zurückzuziehen und einige Stunden der Ruhe zu genießen. Sie antwortete ihnen, daß ihr Platz an der Seite des Königs an der Stelle sei, an der seine Getreuen, die für ihn in den Tod gingen, ihn zuletzt verlassen hätten.

Man wußte in der Festung durchaus nichts über das Schicksal der Expedition unter der Leitung des Schiffsleutnants von Salvy, da man das Abgeben eines Signals nicht hatte verabreden können, um nicht die Aufmerksamkeit der Piemontesen zu erregen. Das Unwetter, das Rollen des Donners und der Schein der Blitze verhinderten, daß man das Gefecht auf der Höhe des Monte Agatha hätte beobachten können, das, wie wir gesehen haben, durch einen unglücklichen Zufall noch eher begonnen hatte, als das Signal durch die blaue Rakete von dem Orlando-Turm her gegeben worden war.

Dagegen konnte man genügend den Überfall des Borgo und das Vordringen der tapferen Kompanien, wie ihren Rückzug verfolgen.

In dem Augenblick, in dem die ersten wieder das Glacis erreichten, erschütterte eine Explosion die Luft und machte der Verfolgung der Bersaglieri ein Ende.

Eine breite Feuergarbe stieg aus dem Borgo in die Luft, – an den Bergen rollte das Echo der Explosion, die bereits entfernten Donner des Himmels überbietend.

Es war die Mine, welche das erste der gefährlichen Häuser in einen Schutthaufen verwandelte.

»Ah,« – sagte der General Bosco, sich die Hände reibend, »wenigstens ein Erfolg!«

»Aber welche Opfer wird er gekostet haben – die armen Soldaten auf dem Meer – die Jäger Sismondis!« rief die Königin.

»Es ist das Los der Soldaten, zu sterben, Majestät – ihr Leben darf uns nicht kümmern, nur ihr Erfolg!«

In die zwei folgenden Explosionen mischte sich der Ruf: » Evviva il Ré Francisco! – Vive la Reine!«

Unter den auf der Bastion Versammelten wußten nur der König, die Königin, der Graf von Trani und General Bosco von dem Hauptzweck der Expedition: der Überraschung und Gefangennehmung des Königs Viktor Emanuel in der Villa Albano. Der König und die Königin waren äußerlich sehr ruhig und erwähnten die Sache mit keiner Silbe, es war offenbar, daß sie den Ausgang Gott anheimgestellt hatten; desto nervöser aufgeregt und unruhig waren der Prinz und der General. Letzterer ging in fieberhafter Unruhe trotz der Anwesenheit des Königlichen Paares auf und nieder und murmelte alle Augenblicke: »Ob sie ihn haben? – Ich hätte selbst die Führung übernehmen sollen! – O – welcher Triumph, wenn er gefangen worden – welches Glück, wenn er getötet ist!«

In einem dieser Augenblicke, eben als man den ersten Ruf der rückkehrenden Truppen hörte, legte sich eine Hand auf seine Schulter. »Ruhig, Signor Generale,« sagte die Königin, »das Leben der Könige steht in der Hand des Allmächtigen – das seine wie das unsere! Was der Herr beschlossen, ist wohlgetan!«

Der General beugte sich vor diesen Worten – aber er konnte seine Unruhe nicht bemeistern und eilte nach dem Thor. Der König und die Königin folgten ihm langsam.

Schon die ersten Berichte bewiesen ihnen, daß ihr großer Feind nicht gefangen worden, und es war, als ob die Brust des jungen, beraubten Monarchen einen freieren Atemzug täte, als er dies Resultat erfuhr.

Man brachte eben den durch den Leib geschossenen Oberstleutnant Migy herein, dem der König mit Tränen in den Augen die Hand drückte.

Aber das Auge der Königin hing an einer zweiten von Gewehren gebildeten Bahre, neben der ihr scharfes Auge Toni, ihren Milchbruder, im Schein der Fackeln und Laternen erkannt hatte.

»Kapitän Christen – Sie haben die Villa Albano genommen? Was ist geschehen?« fragte hastig der General.

»Nicht ich, Exzellenz, ich hatte mit den Piemontesen genug zu schaffen, die Ehre gebührt Leutnant Max – aber der Verrat war uns zuvor gekommen und wir zu spät. Der König ist zu Schiffe entkommen!«

»Verrat? Wie wäre das möglich – niemand wußte darum!«

»Verrat und Mord! Wenigstens behauptet es sein Opfer hier – und dort bringt man den Verräter!«

Der Graf hob den Mantel von dem Körper auf der Bahre – bleich, von dem Blutverlust erschöpft, mit geschlossenen Augen lag der junge Offizier auf den Gewehren seiner Getreuen.

Man hörte einen leisen Schrei in der Umgebung – es war, als hätte der Laut dieser Stimme den Schwerverwundeten aus seiner Betäubung geweckt, denn seine Augen öffneten sich und sein Blick suchte wirr umher.

Der König war herangekommen – man sah die Königin bleich, tief atmend schwer auf den Arm ihrer Milchschwester sich lehnen, die leise zu ihr sprach und zugleich den Bruder heranwinkte.

»Was is 'schehn, Toni, sprich! Red, Bua!«

Die Tränen rollten dem ehrlichen Jäger über die gebräunten Wangen. »Der Oehm, der Talk, hat den Herrn Max derstochen – er ist halt a schuftiger Verräter geweß', a Spion!«

»Wer – Herr Max?«

»Gott bewahr – der Oehm – i hab mi selber überzeugt, er hat Botschaft 'sandt an den Feind – mit den Taubln!«

»Und – Herr von … Dein Offizier? Ist er getötet?« Es war die Königin selbst, die diese Frage tat.

»Gott und den Heiligen Dank, Majestät, der Feldscheer hat 'sagt, der Stoß müßt an der Rippe abglitten sein, sonst wär' er auf der Stell schon maustot 'wesen, – s'is a jung Blut un vielleicht übersteht er's! Aber schlimm ist's halt schon!«

Die Königin hatte sich aufgerichtet und ging auf die Bahre zu, an der der König selbst den Rapport des Hauptmanns hörte. Sie beugte sich leicht über den Verwundeten und machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Zwei große Tränen fielen auf die Stirn des Offiziers und machten ihn leise zusammenzucken, doch war er zu schwach, um ein Wort zu sagen, oder eine Bewegung zu machen.

»Bringt den Offizier in das Lazarett der barmherzigen Schwestern von Saint Vincent in San Katharina, meine Herren,« sagte die Königin mit fester Stimme – »ich lasse ihn der besonderen Obhut der Schwester Sabina empfehlen.«

Sie wandte sich zu dem König. –

Die Reserven des Grafen von Caserta kehrten jetzt gleichfalls in die Festung zurück – und es fanden die Rapporte und Musterungen statt, da die Explosionen im Borgo der Verfolgung und dem Feuern der Belagerer ein Ende gemacht hatten; der Verlust der Neapolitaner bei dem kühnen Unternehmen war verhältnismäßig an Mannschaften gering, nur bedauerte man allgemein den Fall des tapfern Führers und den Verlust des Kapitän Gauthier, wie sehr auch dieser von seinen Kameraden zurückgezogen gelebt hatte. Mehrere der Offiziere hatten außerdem schwere oder leichte Wunden – von den Mannschaften wurden nur neunzehn vermißt.

Der Bericht des Korporals und des Sergeanten über das Verbrechen des Artilleristen war so unvollständig, daß man – bis der schwerverwundete Offizier selbst vernommen werden konnte, – die Verurteilung verschob. Man begnügte sich, ihn geschlossen in die Felsen-Kasematten der Bastion Transilvania zu bringen.

Oberstleutnant Migy war noch in derselben Nacht an seiner schweren Verwundung verschieden. Es war am nächsten Abend, als die Beerdigung des wackern Schweizers, der seinem Kriegsherrn so tapfer den Eid gehalten, stattfand; – unter den langgezogenen, schweren Klängen eines Trauermarsches bewegte sich der dunkle Zug von Offizieren und Soldaten, die dem Tapferen das letzte Geleit gaben, zu der Grabstätte, die schon so viele treue Verteidiger des Königtums und der Legitimität aufgenommen, und binnen kurzem noch zehnfach mehr verschlingen sollte.

Drei Salven über das Grab – die Trommeln wirbelten den letzten Gruß und schlugen zum klingenden, munteren Spiel des Rückmarsches.

Soldatenlos!

Der Graf von Saint Brie hatte den Arm des Leutnants Chesnaye genommen und ging mit ihm nach der Taverne der französischen Kolonie, wo am Abend vorher die vornehmen Legitimisten den Namenstag des Adjutanten Pozzo di Borgo mit den letzten Flaschen Champagner gefeiert hatten, ehe sie zu dem kühnen Unternehmen gingen.

Haben Sie gehört, daß Unterhandlungen über einen Waffenstillstand im Gange sind?« frug der Offizier.

» Ventre saint gris – das wäre! Da könnte man vielleicht die Leiche unseres wackeren Gauthier reklamieren, um sie wenigstens unter Freunden zu begraben. Wie kommen Sie darauf?«

»Es ist am Mittag ein Abgesandter des Kaisers Louis Napoleon von der Flotte gelandet – wie es heißt, der Graf Conti, wenigstens bezeichnete mir ihn einer der französischen Marineoffiziere als diesen. Man hat einen Waffenstillstand bis zum 19. Januar vorgeschlagen – wenn er nicht angenommen wird, soll die französische Flotte sofort die Anker lichten.«

»Das wäre schlimm. Und wenn man ihn annimmt?«

»Das ist eben die Infamie! Dann sollen zwei Schiffe vor Gaëta bleiben, um die Bedingungen des Waffenstillstandes zu sichern, und erst am 19. sich davon machen.«

»Also Frankreich verläßt die Sache des Königs?«

Der Offizier zuckte die Achseln. »Haben Sie je von diesem Manne etwas anderes erwartet? Seine Politik ist stets die der Heuchelei und Treulosigkeit gewesen. Wer weiß, welchen guten Handel er für die Abberufung der Flotte gemacht hat. Die Sache ist schlimm genug, denn wenn der Verräter Persano die Rhede sperrt, werden die schmalen Bissen, die es bereits gibt, noch schmäler werden.«

»Hol der Teufel die Aussicht. Lautrec erzählte, daß das Rotolo-Brot bereits sechzehn Grani kostet und kaum noch zu haben ist. Ein Beefsteak ist bereits eine Phantasmagorie, es müßte denn den armen Pferden und Maultieren aus den Rippen geschnitten werden, die auf den Straßen verhungern. Aber wie steht es mit den Bedingungen des Waffenstillstandes und nimmt der König sie an?«

»Sie sind eben perfid. Es soll keiner der Parteien erlaubt sein, neue Werke anzulegen, oder die alten zu verstärken, dagegen darf man die schadhaften ausbessern. Die gegenseitige Kontrollierung der Arbeiten durch höhere Offiziere wird verweigert.«

»Und der König – der Kriegsrat?«

»Monsieur Pierrel, der Chef der Feuerwerker, hat Befehl erhalten, Munition für sechstägiges Feuer zu verabfolgen, die Artilleristen sollen um 7 Uhr morgen früh auf ihren Posten sein.«

»Bravo! Die Stille war mir ordentlich unheimlich.«

»Freuen Sie sich nicht zu früh, der Franzose ist zweimal am Lande gewesen. Aber sehen Sie, wer geht dort?«

» Ventre saint gris – die Königin, ich erkenne sie an der Tracht ihrer gewöhnlichen Begleiterin, der hübschen Tyrolerin. Lassen Sie uns in den Schatten treten, sie hat es nicht gern, wenn man sie auf ihren Samaritergängen stört!«

Die beiden Franzosen bogen in eine Seitenstraße ein. »Wissen Sie, Marquis, daß bei dem Gedanken an das magere Souper, das uns erwartet, ich wahrhaftig Lust hätte, die höllische Meerfahrt von gestern und die Schlächterei im Borgo noch einmal durchzumachen, wenn ich uns nur die Hälfte von den Genüssen verschaffen könnte, welche diese infamen Burschen gestern auf der Tafel in dem alten Klosternest versammelt hatten. Pardienne – ich muß gestehen, daß die Herren Piemontesen zu leben wissen! Sagt nicht ein deutsches Wort: »Wein, Weiber und Gesang« – nun, Wein gab's die Fülle, an Weibern fehlte es nicht, ich wünschte, ich hätte die hübsche Therese als Gefangene mitgebracht, statt daß sie den armen Gauthier erschießen mußte! – und einen Gesang hörte ich – eine Kadenz – die Pasta oder Malibran kann das casta diva nicht reiner gesungen haben!«

»Sie hätten die Dirne für ihre verruchte Tat nicht ungestraft lassen sollen,« zürnte der Offizier. »Wäre ich an Ihrer Stelle gewesen …«

Der Libertin blieb stehen und faßte seinen Arm. »Still,« sagte er, »machen Sie mir keine Vorwürfe – sehen Sie denn nicht, daß meine ganze lustige Laune von heute etwas Forciertes hat? Ich sage Ihnen, ich habe alles aufbieten müssen, um nicht wie ein Gespensterseher umher zu gehen oder an ein gewisses Fatum zu glauben, das uns wie Schulbuben ohne eigenen Willen behandelt!«

»Ich verstehe Sie nicht, Graf!«

»Bah! Es hängt mit dem Tode Gauthiers zusammen und einer Unterredung, die wir hatten!« Er strich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er unangenehme Gedanken verjagen. »Wissen Sie, Marquis – wenn aus diesem Waffenstillstande etwa ein fauler Frieden werden sollte, ehe wir in diesem Bergnest verhungert sind, will ich nach Amerika gehen, um ein solider Mensch zu werden.«

»Bei den Yankees? – Wollen Sie vielleicht dort einen Generalshut holen, oder eine reiche Erbin, Graf?«

Der Lion schien in Gedanken verloren. »Es könnte wohl sein,« sagte er, »wenn auch nicht gerade bei den Yankees, die mir zuwider sind, wie schmutziges Waschwasser. Aber sagen Sie mir, Chesnaye, haben Sie nichts weiter von unserem Führer gesehen? Ein schnurriger Bursche, aber ein Satan an Schlauheit und Courage.«

»Ich sah ihn heute mittag an der Landungstreppe der Dampfer, er sprach mit General Bosco und ich hörte diesen sagen: »Wenden Sie sich an die Königin – sie ist die einzige, die ihn dazu bewegen könnte!« Seitdem habe ich ihn nicht wieder zu Gesicht bekommen. Doch hier ist unser Maison dorée, lassen Sie uns eintreten.« – – – –


Es war in der Tat die Königin gewesen, welcher die beiden Franzosen auf dem Weg nach dem Lazarett von Sankt Katharina in der Begleitung der Tiroler Geschwister begegnet waren.

Die hohe Frau war aus dem Schlaf, zu dem sie sich, auf den Tod erschöpft, am Abend niedergelegt, durch eine Botschaft geweckt worden, die der Jäger Toni von der Oberin der Schwestern des heiligen Vincent überbracht und als dringend bezeichnet hatte. Der Zettel enthielt nur die Worte: »Ein sterbender und ein lebender tapferer Soldat wünschen dringend ihre erhabene Königin, das Bild der Barmherzigkeit zu sprechen.«

Als ihr der Zettel übergeben wurde, hatte sich die Königin hastig erhoben. Eine traurige, erschütternde Idee schien sich ihrer Seele bemächtigt zu haben, denn die Heldin, die aus den Wällen und den Straßen der Festung die platzenden Granaten und Bomben der Feinde nicht zum Erbeben gebracht, war jetzt bleich und ihre schönen Hände zitterten, als die Kammerfrau sie ankleiden half. Sie blieb jedoch stumm, nachdem sie befohlen hatte, daß nur ihre Milchschwester und der Bote sie zu dem Kloster der barmherzigen Schwestern begleiten sollten und daß man die wenigen Erfrischungen, die der königlichen Küche zu Gebote standen, teilen und die Hälfte in einen Korb für die Kranken mitnehmen sollte, und da das treue Geschwisterpaar seine Gebieterin so ernst und schweigend sah, wagte es nicht zuerst das Wort an sie zu richten und ging gleichfalls stumm vor und neben ihr drein.

An der Pforte des Klostergebäudes, das man zum Lazarett eingerichtet, verweilte die hohe Frau, wie um Mut oder Fassung zu gewinnen. Dann erst gab sie das Zeichen, die Glocke zu ziehen und trat ein.

Schwester Sabina, die Vorsteherin der kleinen Gemeinde, empfing die Königin und bat sie, in das Sprechzimmer einzutreten.

»Euer Majestät Gnade ist unerschöpflich. Ich hätte nicht gewagt, Euer Majestät zu stören, wenn der Fall nicht ein so dringender wäre. Der mir von Rom ganz besonders, empfohlene Mann, der Euer Majestät im Geheimen und in wichtigen Interessen zu sprechen bittet, muß noch diese Nacht Gaëta verlassen. – Darf ich ihn rufen lassen?«

»Schwester Sabina,« sagte die Königin, »schrieb mir von einem Sterbenden, der nach mir verlangt!«

»Ein armer Leidender – der seinen Hintritt erwartet – aber es ist ein Fremder – ein Soldat – –«

»O dann führen Sie mich rasch zu ihm,« befahl die Königin. »Die Lebenden können warten, aber nicht die, welche für uns zum Himmel gehen!«

»Wie Euer Majestät befehlen, nur glaubte ich …«

Ein energisches Zeichen des Befehls hieß die fromme Krankenpflegerin voran gehen, ein Wink gebot der Dienerin zu folgen. Die Nonne führte die hohe Frau durch einen Kreuzgang, in dem sie an zwei Stellen über Mauertrümmer steigen mußten, denn trotz der Fahne mit dem Kreuz, welches das Gebäude den piemontesischen Batterien als ein Lazarett bezeichnete, war es, auch noch am Tage vorher, mit zahlreichen Kugeln beworfen und mehrere Kranke waren verwundet und getötet worden.

Die Königin blieb schmerzlich berührt stehen. »Mein Gott, wie kann man so grausam sein! Ich werde meinen Gemahl bitten, einen Parlamentär zu Herrn Cialdini zu schicken, um Schonung für dies Haus der Leiden zu verlangen.«

Die Nonne zuckte die Achseln. »Es wäre vergebene Mühe, Majestät,« sagte sie. »General Cialdini hat auf unsere direkt an ihn gerichtete Bitte, unser Asyl zu schonen, die Antwort gegeben: »Was da, meine Kugeln haben keine Augen!«

Die Königin faltete schmerzlich die Hände. »Dann müssen wir das Lazarett zu verlegen suchen. Lassen Sie uns gehen!«

»Wir sind sogleich zur Stelle,« sagte die Krankenpflegerin und öffnete eine der nächsten Türen.

Es war ein ziemlich weites, gewölbtes Gemach, in dem mehrere Betten zur Seite standen. An einem Altar im Hintergrund, auf dem zwei Kerzen brannten, kniete einer der Priester, welche in Sizilien gefangen, bei ihrer Auswechslung gegen 25 piemontesische Soldaten nach Gaëta gebracht zu werden verlangt hatten, und las die Sterbegebete. Eine dienende Schwester und ein Militärarzt standen an einem der Betten und leisteten einem Sterbenden die letzten Dienste.

Der Priester unterbrach, als die Königin eintrat, seine Gebete, schritt auf sie zu und machte das Zeichen des Kreuzes, unter dem sie fromm die Stirn beugte, »Meine erhabene Tochter,« sagte der alte Mann, »Sie haben die schönste Tugend, die der Heiland den Höchsten wie den Geringsten hinterlassen hat: die Barmherzigkeit. Einer unserer leidenden Brüder meinte, daß er nicht sterben könne, wenn er seine Königin nicht noch einmal gesehen, und ich hielt es für Pflicht, Sie dies wissen zu lassen!«

»Sie haben wohl daran getan, ehrwürdiger Vater, ich bin hier, um den Wunsch dessen zu erfüllen, der für die Sache Gottes und die unsere in den Tod gegangen, – führen Sie mich zu ihm.«

Der Priester zeigte nach dem Lager, an dem der Arzt und die Laienschwester standen. Die Königin trat näher, indem sie sagte: »Ich bitte Sie, bleiben Sie zurück, vielleicht hat der Arme etwas zu vertrauen, das nur das Ohr seiner Königin hören soll!«

Das weite Gemach war nur spärlich erleuchtet – als die Königin zu dem Bett des Sterbenden trat, blieb ihr Blick zu Boden gesenkt, bis sie sich auf den Stuhl niederließ, auf dem vorhin die Wärterin gesessen.

»Hier bin ich, Freund, Ihren Wunsch zu erfüllen, aber ich hoffe, Gott der Allmächtige wird mir nicht noch dieses Opfer auferlegen, – Sie werden genesen, – Sie werden lange noch …«

»Mein Königin! Gott und die Heiligen mögens segnen für die Gnad, die Oes a arme Buem antun!«

Ein leiser Ausruf der Überraschung entschlüpfte den Lippen der hohen Frau, indem sie die Augen erhob; die Nonne hatte zugleich den Schirm von der etwas entfernt stehenden Lampe gehoben und ihr Licht fiel auf ein blasses, mit schwarzem Bart umrahmtes Gesicht, das sie mit ängstlichen Blicken anstarrte.

»Wer bist du, was willst du von mir?« sagte endlich die Königin.

»I bin der Sittel Seppel vom Kochl-See und han Euer Gnaden die Frau Königin ga vielmal schaut als jung's Diendl mit dem Herrn Bader Maximilian Gnaden, und deshalb hab' i mi a anwerben lassen zu Feldkirch, as es g'heißen, as wäre für Oes Gnaden Majestät. Nu muß i halt mei Leben lassen, wie's der Doktor sa't, un i tu's gern, awer i han halt zuvor noch mal schauen wollen in dös liebe G'sicht und han nit sterben können, bis i Enk hab' g'sagt mei Bitt.«

Der Leidende hatte nur in Absätzen die Worte stammeln können und war offenbar, obschon bei vollem Bewußtsein, dem Ende nahe; aber sein fast schon brechendes Auge war so flehend, so treuherzig auf die Königin gerichtet, daß diese tief ergriffen die Hände faltete. »O, mein treuer Bayer!« sagte sie mit einer Träne im Auge – »kann ich irgend etwas tun für dich, du armer Mensch, das dir dein Scheiden erleichtert, so sag es ungescheut.«

»I wußt's doch,« stammelte der Mann, »döß unsers Maxerl Tochter a den Ärmsten nöt verläßt. Ach, gnädigste Frau Königin, Oes werd' mir's nöt zur Sünd anrechnen, döß i a Braut zu Haus lassen hab, a braves Diendl'. Nu wollt i halt die Frau Königin bitten, döß Oes davor sorgen sollt', döß mei Diendl und das Kind mei Einstandsgeld und mei Ersparnisse richtig kriegt, damit's nöt in Not kommen und das Würm'l versorgt wird!«

Die Königin reichte dem Armen, von einem Bombenstück schwer Zerrissenen, die Hand. »Geh getrost ein zu deinem Herrn und Heiland, du getreuer Mann,« sagte sie – »mein Bayernwort darauf, daß für die deinen gesorgt werden soll.«

Seine ehrlichen Augen sahen sie mit Verklärung an, – aber ihr Ausdruck wurde starrer und starrer, – ein leichter Druck der erkaltenden Hand – der Arzt und der Priester traten hastig hinzu. »Euer Majestät sollten sich solcher Aufregung nicht aussetzen,« sagte der erstere, »der Arzt hat seine Rechte selbst einer Königin gegenüber!« und er führte sie hinweg, während der Priester das Zeichen des Kreuzes über den Toten machte und die leichte Decke über ihn zog. Die Szene ist historisch.

Die Königin war tief erschüttert von der Szene; die beiden Nonnen und ihre Leibdienerin wollten sie hinausführen, aber die hohe Frau schien sich eines früheren Gedankens zu erinnern und mit Gewalt sich wieder zu fassen.

»Ein trauriger Fall,« sagte sie endlich mit ruhiger Stimme – »doch ich darf über dem einzelnen nicht der anderen vergessen. Sie werden die Güte haben, ehrwürdiger Herr, für die Seele meines armen Landsmanns drei Messen zu lesen, und Sie, fromme Schwester – ich ließ Ihnen in vergangener Nacht durch den Bruder meiner teuern Kati hier einen jungen Offizier vom zweiten Fremdenbataillon empfehlen, der bei dem Ausfall schwer verwundet worden ist. Ich hoffe, daß er nicht …«

»Euer Majestät gnädige Vorsorge war uns natürlich Befehl,« sagte die Oberin. »Der Zustand des Leutnant Max, denn von diesem sprechen Euer Majestät doch wohl, ist zwar sehr gefährlich, doch – wie der Doktor hier versichert – nicht hoffnungslos. Er ist heute morgen wieder zum Bewußtsein gekommen, nur hat ihn das Verhör, das einer der Stabsoffiziere heute mittag mit ihm angestellt über den Mann, der ihn verwundete, sehr angegriffen.«

»Der Abscheuliche!!« – Die Königin schien einen Augenblick mit sich zu kämpfen, dann frug sie entschlossen: »Kann ich den Kranken einen Augenblick sehen?«

»Euer Majestät haben sich nicht weit zu bemühen – das Bett des Offiziers befindet sich an jener Seite des Saales – es war der beste Platz, den wir noch hatten.«

Die hohe Frau schien ziemlich unangenehm berührt von dieser Mitteilung; als sie sich hastig umwandte nach der bezeichneten Stelle, war es ihr, als sähe sie zwei geisterhaft leuchtende Augen unbeweglich auf sich gerichtet. Sie fühlte, daß diese Augen sie keinen Augenblick verlassen hatten, seit sie eingetreten war, daß der Kranke dort alles gesehen, gehört haben mußte.

Neben dem Bett stand der Korporal Toni, auch die Kati war dahingetreten und redete leise zu dem Kranken.

Die Königin ging langsam zu dem Lager – wie vorhin blieben die Fremden zurück.

Als sie vor ihm stand, senkte sich vor dem fast starren, unbeweglichen Auge das ihre.

»Warum mußten Sie auch herkommen in das unglückselige Land, Herr von Waldenfels,« sagte sie halblaut, – »hatten Sie mir nicht versprochen, mich nicht wieder zu sehen?«

»Sie – Hoheit – Sie waren im Unglück,« sagte leise der Kranke. Seine Hand, die auf der Bettdecke lag, zitterte wie im Fieberfrost.

»Kann Ihr Arm allein ein sinkendes Königtum stützen? Maria von Bayern hat nur eine glückliche Zeit gehabt – ihre Jugend! Damals, ja damals an den Ufern unseres blauen Bergsees! – Warum muß sie verurteilt sein, doppelt zu leiden, indem sie ihre treuesten Freunde in ihr Unglück hinabzieht.«

»Und will Maria von Bayern ihren treuesten Freunden nicht einmal den Trost gönnen, für sie zu sterben?«

»Nein – nein! Sie dürfen nicht sterben – Sie müssen leben, Max – Herr von Waldenfels! Ich will es – ich beschwöre Sie, ach – es wäre zu schrecklich! Es ist ja Hoffnung für Sie – nur wollen müssen Sie es! – Ich, die Kön… – nein, Maria von Bayern, die nur so wenige Freunde hat in dieser Welt, bittet Sie darum, und sie verspricht, Ihnen dafür jede andere Bitte zu erfüllen, die Ihrer würdig ist!«

»Sie haben über mein Leben zu gebieten, Hoheit, so oder so.«

»Und kann ich nichts für Sie tun? Kann ich Ihnen keinen Wunsch erfüllen?«

Der Kranke sah das Geschwisterpaar mit einem liebevollen Blick an. »Wissen Sie, daß es ein Verwandter dieser treuen, lieben Menschen ist, der den Verrat begangen?«

»Der den Mordstahl auf Sie gerichtet? Leider, leider! Meine arme Milchschwester ist außer sich darüber.«

»Der Kranke machte eine bittende Bewegung, sich zu nähern, und die Königin beugte sich über ihn.

»Wenden Sie den Schimpf ab von ihrem Namen, Hoheit – bei der Erinnerung an die Ufer unseres Bergsees – die Begnadigung!«

Er sank in die Kissen zurück – die körperliche Schwäche übermannte ihn.

»Ich verspreche es Ihnen; leben Sie wohl, Max von Waldenfels – die heilige Jungfrau möge uns beiden gnädig sein.«

Sie reichte ihm die Hand, die er langsam an seine Lippen führte. Als die Königin sie zurückzog, blieb ihr Handschuh in der seinen.

Die hohe Frau wandte sich rasch von dem Lager und winkte der Vorsteherin und dem Arzt, sie zu begleiten. Als sie den Saal verließ, tönte der Ruf: »Es lebe die Königin!« – in drei Sprachen – nicht laut wie im Sturm der Schlacht, – nur mit leisen, schwachen, kranken Tönen, aber gewiß nicht mit geringerer Begeisterung hinter ihr drein, und unterbrach noch einmal die Totengebete des Priesters.

Als sie in den Kreuzgang getreten waren, wandte sich die Königin sogleich zu dem Arzt.

»Die ehrwürdige Schwester hat mir gesagt, daß Sie für den Kranken, den ich soeben gesprochen, noch nicht alle Hoffnung aufgeben?«

»Der Stich, den der Leutnant erhalten, ist zwar ein sehr gefährlicher, da er von unten herauf geführt wurde, aber seine Kraft hat sich an einem Medaillon oder Amulett gebrochen, das der Offizier auf der Brust trug. Die Hauptgefahr liegt in dem großen Blutverlust und der dadurch herbeigeführten Schwäche.«

»Kann der Kranke nicht nach einem sichereren Aufenthalt transportiert werden? General Cialdini verschont leider dieses Gebäude nicht.«

»Der Transport würde unbedingt tötlich sein! Nur die unbedingte Ruhe kann ihn retten, ja, ich fürchte, daß er schon den Donner der Geschütze nicht lange ertragen wird.«

Die Königin sah finster zu Boden – in ihrer Seele schienen Gedanken hin und her zu wogen.

»Und wie lange bedürfen Ihre Patienten der unbedingten Ruhe?« fragte sie.

»Um nach dem Fall des Unterleutnants zu urteilen, und er ist allerdings in diesem Augenblick der gefährlichste, vierzehn Tage, Majestät.«

Die Königin neigte leicht das Haupt. »Ich danke Ihnen, Herr, für Ihre Sorge um den Kranken, und empfehle sie Ihnen nochmals an – alle! Leben Sie wohl, mein Herr!« – Sie winkte dem Geschwisterpaar, das nach ihr den Saal verlassen, und wandte sich nach dem Ausgang, als die Vorsteherin der Schwestern sich ehrerbietig vor ihr neigte.

»Euer Majestät vergessen die Person, der Sie Gehör schenken wollten.«

Die Königin machte eine unwillige Bewegung. »Ich fühle mich in der Tat sehr angegriffen, ehrwürdige Frau,« sagte sie. »Ist die Sache denn wirklich so dringend und wichtig? – Sonst würde ich bitten, sie auf morgen verschoben zu sehen.«

»Die Person, welche um die Gnade bittet, von Euer Majestät gehört zu werden, brachte eine Empfehlung von der Hand des Herrn Kardinal-Staatssekretärs selbst. Der Mann sagte mir, er habe mit General Bosco gesprochen, aber dieser habe ihm geraten, an Euer Majestät selbst sich zu wenden.«

Die hohe Frau seufzte leise. »In Gottes Namen, so lassen Sie ihn denn kommen. Ich habe nicht das Recht, in unserer Lage an mich selbst zu denken!«

Die Nonne öffnete die Tür des Sprechzimmers und bat die Königin, Platz zu nehmen. Dann öffnete sie eine Seitentür und sagte: »Kommen Sie, Signor, Ihre Majestät will die Gnade haben, Sie zu empfangen!« worauf sie sich entfernte.

Der Eintretende trug die geringen Kleider eines Hirten der Campagna und hatte den Hut in der Hand. Als er die Königin vor sich sah, ging er mit einem gewissen Anstand auf sie zu, wobei ihm nur eine leichte Lahmheit des Fußes hinderlich war, beugte das Knie und sagte: »Gott und die Heiligen mögen Euer Majestät, unsere Königin, segnen und schützen.«

Die Königin erkannte sofort, daß der Mann, der zu ihr sprach, mehr zu bedeuten habe, als seine Kleidung verkündete.

»Wer sind Sie, Signor? Was wünschen Sie?«

»Euer Majestät wollen das aus diesem Schreiben ersehen.« Er überreichte ihr einen Brief ohne Aufschrift, aber mit einem großen Siegel verschlossen, das die Königin mit Erstaunen betrachtete.

»Stehen Sie auf, Signor, und sagen Sie mir – – das ist das Handsiegel des Heiligen Vaters selbst – aber der Brief hat keine Aufschrift?«

»Se. Eminenz, der Kardinal-Staatssekretär Antonelli, mein Vetter, hat mir dies Papier gegeben mit der Erlaubnis, je nach den Umständen bei Euer Majestät oder Ihrem erhabenen Gemahl Gebrauch davon zu machen.«

Die Königin erbrach hastig den Brief – das Blatt enthielt nur die Worte: » Probus! probatus!«

»Es ist die Handschrift Seiner Heiligkeit – ich kenne sie! Aber wer sind Sie, Signor, den man mir so dringend empfiehlt?«

»Mein Name ist Luigi Antonelli, doch kennen mich die Feinde Eurer Majestät und des Heiligen Vaters mehr unter dem Namen Tonelletto!«

»Wer – Tonelletto – Kapitän Tonelletto? Der tapfere Führer der Briganten – –?«

»So nennen die Piemontesen freie Männer der Gebirge, die für die heilige Kirche und ihren rechtmäßigen König kämpfen und sterben, getreuer als eidbrüchige Soldaten! – Ich habe das Patent Seiner Majestät als Kapitän einer Freikompagnie in ihren Diensten. – Es ist nicht das erstemal, daß ich in den Mauern Gaëtas bin, – und es ist das zweitemal, daß Euer Majestät die Gnade haben, mit mir zu sprechen und sich deshalb jetzt meines Namens zu erinnern.«

»Wir haben in der Tat nicht so viel getreue Anhänger, daß man ihre Namen vergessen könnte, wenn ihnen solche Kühnheit und solche Erfolge zur Seite stehen, wie den Kapitänen Tonelletto und Chiavone.«

Die Gleichstellung mit Chiavone, dem Chef der Briganten in den Abruzzen, schmeichelte der Eitelkeit des Sabiners nicht wenig, und er legte die Hand auf das Herz. »Ich werde glücklich sein, für Euer Majestät mein Leben zu lassen. Chiavone ist ein Tapferer, und er weiß um den Zweck, der mich nach Gaëta führte.«

»Und der ist?«

»Euer Majestät das Mittel zu zeigen, die Krone von Neapel wieder zu gewinnen!«

»Sie machen sich Illusionen, Kapitän, der König verteidigt seine Ehre und seine ihm von Gott gegebenen Rechte, nicht seine Hoffnungen. Wir haben keine Hoffnung mehr!«

»Euer Majestät glauben also, daß Gaëta fallen muß?«

»Es ist nur eine Frage der Zeit, wenn uns nicht Hilfe von außen kommt. Wenige Tage noch, und selbst das Meer wird die Batterien unserer Feinde tragen!«

»Um so dringender ist es, daß Euer Majestät Gaëta verlassen!«

»Gaëta verlassen? – Warum – wohin?!«

»Es ist der Gedanke und Vorschlag treuer und mutiger Männer, den ich schon einmal überbrachte. Der König, Euer Majestät, und General Bosco müssen sich auf das Festland, in die Gebirge zurückziehen und die Verteidigung dieser Festung einem Ihrer Generale überlassen. Wäre der gestrige Schlag gelungen, wäre der König Viktor Emanuel gefangen worden …«

»Sie wissen?«

»Ich war einer der Führer, und hätte man mir nicht halbes, sondern volles Vertrauen geschenkt, hätte ich den wahren Zweck gekannt, bei der Mutter Gottes von Loretto, er hätte uns nicht entwischen sollen! – Jetzt ist es zu spät – die Gelegenheit wird sich nicht wieder finden. In diesen Mauern droht, wie Euer Majestät selbst sagen, dem Könige Niederlage und Gefangenschaft. Die freien Berge sind der Kampfplatz, auf dem König Franz seine Fahne erheben muß, und ich bürge mit meinem Leben dafür, daß sich Tausende um sie sammeln werden, die das Nutzlose des Kampfes in diesen Mauern abschreckt. Das Landvolk in allen Provinzen ist treu und gut gesinnt und haßt die Piemontesen. In den Bergen bis tief hinunter nach Kalabrien hausen zahlreiche Banden, die, vereinzelt besiegt, zerstreut werden, die aber unter einem Oberhaupt, nach einem großen Plan befehligt, diese Räuber und Kirchenschänder in das Meer zurückjagen werden. In Rom harren viele Hunderte der Zerstreuten und Flüchtigen nur auf den Ruf, um für Euer Majestät sich aufs neue zu schlagen. Chiavone erklärt, daß in Neapel selbst zahlreiche Getreue bereit sind, die Lazzaroni sind zum Aufstand bereit, denn schon jetzt fühlen sie die harte Hand, die ihre Rechte und Freiheit schmälert. Jeder Berg, jede Schlucht, jeder Fels der Apenninen wird zu einer Festung werden, und vielleicht an der einen Stelle besiegt, wird der Kampf an hundert anderen desto heißer entbrennen. Man schießt unsere Berge nicht mit Kanonen ein; die Generäle des Königs Viktor Emanuel können eine Schlacht gewinnen, aber nicht ein Volk besiegen, das seine Berge zu seiner Festung macht. Vor allem aber, Majestät, ist die Kirche mit uns und das Gebet des heiligen Vaters!«

Die Königin hatte mit hochklopfendem Herzen, mit funkelnden Augen den begeisterten Worten zugehört. Dann plötzlich schien ein bitterer Gedanke sie zu überkommen – der Gedanke an die Schwäche und Unentschlossenheit ihres Gemahls.

»Haben Sie General Bosco Ihren Vorschlag mitgeteilt – was ist seine Meinung?«

»Der General hat mir befohlen, mich an Eure Majestät zu wenden. Seine Worte waren: die Königin allein könnte es tun!«

Die hohe Frau mit dem tapferen Geist hatte sich erhoben und ging unruhig in dem Gemach auf und nieder, sie schien nach einem Entschluß zu ringen.

»Wie Johannes der Täufer unserem Herrn und Heiland voranging,« fuhr der Brigant dringend fort, »so hat eine andere Maria schon die Fahne der heiligen Kirche auf unsere Berge getragen und uns zu Taten begeistert; der Ruf la capitana Maria! war der Schrecken der Feinde. Wie anders erst, wenn die Königin uns selbst zum Kampfe führt, wenn der Ruf erklingt von den Höhen des Monte Velino bis zum Kap Spartivento: Evviva la Reina Maria!«

Die Königin blieb vor ihm stehen, ihre Wange war gerötet – sie hob die Hand gegen ihn –

In dieser Bewegung fiel ihr Auge auf diese entblößte Hand – ein tiefer Schatten flog über das noch eben so begeisterte Gesicht, und langsam faltete sie die Hände.

»Ihr Vorschlag, Kapitän, ist gut,« sagte sie traurig, »ich werde mit dem König sprechen – vielleicht später –«

»Nein, Majestät,« unterbrach sie rauh der Brigant, »jetzt oder nie! Euer Majestät selbst sagten, daß vielleicht bald der Weg zur See versperrt sein wird. Der günstige Augenblick kehrt nicht wieder – ich muß unseren Freunden bestimmte Botschaft bringen! Wir haben unsere Capitana Maria verloren – geben Sie uns, wenn der König zaudert, la Reina Maria wieder, und der Sieg ist unser!«

»Unmöglich – ich darf meinen Gemahl nicht verlassen, – wir können Gaëta nicht verlassen – nein – jetzt nicht! Auch hier schlagen treue Herzen – sie dürfen nicht vergeblich uns vertraut haben!«

»Ist dies Euer Majestät letzte Entscheidung?«

»Es ist mein Entschluß, es ist des Königs Entschluß, bei den Getreuen zu bleiben, die ihm hierher gefolgt sind, um ihr Los zu teilen. Vielleicht erbarmt sich Gott noch unser und gewährt dem Recht den Sieg! – Gehen Sie, Kapitän, Sie sind ein treuer Mann, – aber ich kann, ich darf Ihren Ruf nicht hören! – Ich kann Ihnen nicht sagen, fahren Sie fort, die Fahne des Königtums hoch zu halten in Ihren Bergen, – ich fürchte, alles ist vergebens, und ich möchte nicht unnütz das Blut treuer Männer länger fließen sehen, – aber was der allmächtige Gott auch bestimmt, erinnern Sie sich, daß Maria die Königin Ihnen dankt, und ihr Herz bei allen Treuen ist, – wie sie selbst Treue übt auf diesen Felsen!«

Ein Abschiedswink voll Huld an den rauhen, nochmals das Knie beugenden Mann, und sie ging an ihm vorüber und verließ mit einem schweren Seufzer das Gemach.


Wir kehren zu der Villa Albano zurück.

Es war am Morgen nach dem Ausfall der Neapolitaner etwa um 9 Uhr, als der König Viktor Emanuel mit einer zahlreichen Suite und begleitet von dem Obergeneral den Weg von dem Monte Tortone herabkam, wo er bereits die Zerstörungen in der Batterie von Santa Agatha besichtigt und neue Befehle erteilt hatte.

Das Gesicht des Königs war ziemlich finster und sein Humor gerade nicht sehr besonders, wovon selbst der Generalissimus einige bittere Proben erfahren hatte. Major Sismondi hatte einen strengen Verweis erhalten und drei Tage Arrest trotz der nachträglichen tapferen Verteidigung der Batterie, und es war einem anderen Offizier die schleunige Wiederherstellung derselben übertragen worden, um so bald als möglich das Feuer beginnen zu können. Man hatte zwar klüglich die Frauen fortgeschafft und die Spuren der nächtlichen Orgie beseitigt, ehe der König kam, es mußte ihm jedoch einiges davon verraten worden sein, und die Erinnerung, daß er bei einer ähnlichen Szene und in kaum besserer Gesellschaft überrascht worden war, hatte gerade nicht dazu gedient, seine Laune zu verbessern.

Der König ritt, ohne die Villa Albano zu berühren, das Borgo entlang bis zu der Stelle, an welcher in der Nacht die Neapolitaner die drei Häuser gesprengt hatten, und hielt hier unter dem Feuer der Festungsbatterien an einer sehr exponierten Stelle; es war, als setze er sich absichtlich den Kugeln aus, um selbst vor den wenigen, die darum wußten, zu zeigen, daß sein Rückzug in der Nacht nicht aus Mangel an persönlichem Mut erfolgt sei.

Von Zeit zu Zeit wandte sich das Glas des Königs ungeduldig nach der französischen Flotte, die ruhig in der alten Stellung vor Anker lag und auf deren Verdecken keinerlei Zeichen einer außergewöhnlichen Bewegung sich blicken ließen.

Endlich wandte er sich ungeduldig um und winkte seinen Adjutanten, den Obersten Sposati, heran. »Haben Sie heute noch nichts von dem Grafen Conti gesehen, Colonel?« fragte er.

»Der Herr Graf bittet um die Gnade, Euer Majestät sprechen zu dürfen.«

»Wo ist er?«

Der Herr Graf befindet sich dort unten an jenem Hause und bittet um geheimes Gehör.«

Der König wandte das Pferd. »Bleiben Sie, Signori, ich kehre sogleich zurück. Colonel, nehmen Sie mein Glas und beobachten Sie, wie viel Schüsse die Batterie dort gibt!«

Er reichte dem Adjutanten das Glas, winkte, daß ihm niemand folgen möge, und ritt allein zurück zu einem der noch stehenden Häuser, an welchem er den Grafen stehen sah.

»Guten Morgen, Monsieur le Comte,« sagte der König, »Sie sind gerade der Mann, den ich zu sprechen wünschte. Wie stehen unsere Affären mit dem Herrn Admiral?«

»Sire, ich war im Begriff, zu ihm zu gehen, und erlaubte mir, Euer Majestät um eine Abschieds-Audienz zu bitten, da ich gestern nicht mehr die Gelegenheit hatte …«

»Gut, gut!« sagte ungeduldig mit der Hand winkend der König, der offenbar nicht gern an die Nacht erinnert sein wollte. »Aber wie mir Sposati sagt, wünschten Sie mich allein zu sprechen. Was haben Sie?«

»Sire,« entgegnete der diplomatische Agent mit großem Ernst, »ich bedauere, wenn ich auf die Ereignisse dieser Nacht zurückkommen muß – aber Euer Majestät werden sich meines zufälligen Reisegefährten erinnern, des alten Kapuziners, der so energisch Euer Majestät – Abreise verlangte und sie so umsichtig vorbereitet hatte.«

»Ja, ja, was ist mit ihm?« fragte hastig der König.

»Der alte Mann ist bei dem Überfall der Villa erschossen worden.«

»Pest und Doria! Erschossen, sagen Sie?«

»So ist es, Sire, – ich glaube, man hat ihn für Euer Majestät gehalten – und er selbst hat vielleicht durch sein Versperren der Türen und den Versuch einer Flucht diese Meinung erregen wollen, um Euer Majestät Zeit zu gewähren.«

»Gott im Himmel, das wäre ja schrecklich! Der arme Greis! Was wird man in Rom dazu sagen – man wird die ganze Tatsache verdrehen und uns die Schuld geben!«

»Sire,« fuhr der Graf fort, »als ich diesen Morgen die Leiche, die ich in das Zimmer hatte bringen lassen, in dem er sich am Abend aufgehalten, besichtigte, machte ich einen seltsamen Fund. Der Mönch trug auf seiner Brust an einer Schnur einen Siegelring.«

»Einen Siegelring?«

»Ja – der offenbar Euer Majestät gehört und Ihnen entwendet sein muß. Hier ist er!«

Er reichte dem König den Ring, der ihn vor die Augen hielt, um den Stein und das eingeschnittene Wappenzeichen besser zu erkennen.

Plötzlich – wie von einem elektrischen Schlage getroffen – erbleichte der König, und die Hand, in welcher er den Ring hielt, zitterte.

Der Graf hatte den Monarchen scharf beobachtet, ohne es sich merken zu lassen, sein Blick schweifte deshalb an ihm hin nach der Stelle, wo die Suite des Königs hielt.

In diesem Augenblick hörte man in geringer Entfernung eine Explosion – das Krepieren eines Hohlgeschosses.

»Hilf, Himmel – was geht dort vor? Sehen Sie, Majestät! …«

Der König wandte sich wie im Traume um – man sah die ganze Suite, die dort gehalten, auseinanderstieben wie eine Schar von Tauben, zwischen die der Schrot des Jägers eingeschlagen ist. Am Boden wälzte sich ein Pferd mit seinem Reiter.

»Ein Unglück! …«

Der General en chef kam im Galopp herbeigesprengt. »Gottlob, daß Euer Majestät so glücklich abgerufen wurden. Genau auf derselben Stelle – der arme Sposati!«

»Ist der Oberst verwundet?« fragte der Graf.

»Zerrissen von der krepierenden Granate – sie haben diesmal verteufelt genau ihr Ziel genommen von der Fremden-Batterie! Der glückliche Schuß auf die Suite des Königs erfolgte wirklich.

Der König, der noch den ihm von dem Korsen überbrachten Ring in der Hand hielt, sah mit einem unbeschreiblichen, ihm sonst gar nicht eigenen ernsten Ausdruck hinauf in den blauen Winterhimmel, an dem sich die Dampfwolken des Geschützfeuers ballten. Dann steckte er den Ring an den Zeigefinger seiner linken Hand.

»Armer Sposati! – Senden Sie gleich Hilfe dahin – vielleicht ist noch Rettung. – Signor Generäle, seien Sie so gut, unseren Batterien den Befehl zu geben, bis auf weiteres das Feuer einzustellen. – Signor,« er wandte sich zu dem Franzosen, »ich wünsche dringend, Sie vor Ihrer Abfahrt noch zu sprechen. Sie finden mich in der Villa Albano. – Kommen Sie, Signori!«

Die Suite hatte sich größtenteils wieder um ihn gesammelt; der König ritt langsam und in tiefen Gedanken das Borgo entlang, gefolgt von der glänzenden militärischen Umgebung.


Die Villa Albano hatte bis zum Morgen ein anderes Ansehen erhalten. Die Trümmer des durch die Petarde des Böhmen zerschmetterten Tores waren fortgeräumt worden, die Fourgons der königlichen Küche waren entfernt, aber dafür hatte die Besitzerin, bereit, jedem ihre Heldentaten während der verflossenen Nacht zu erzählen, eine freie Marketenderei in dem Hofraum etabliert, in dem zwei mächtige Fässer Wein aus den Kellern der Villa aufgeschrotet lagen und die Fürstin mit einigen anderen Damen ihres Schlages die freigebige Vivandiera gegen die Offiziere und Soldaten spielte.

Die anderen Damen außer der Gräfin de la Torre, die nicht genug von den Taten ihres Säbels zu sprechen wußte, bestanden natürlich aus den Damen, welche die Nacht in den Ruinen des Klosters von San Agatha zugebracht hatten, mit Ausnahme der Sängerin Theresa und der Polin Mathilde – welche durch die strenge Weisung des Abbé Calvati zurückgehalten worden waren, – und der jungen Kalabresin, die eben beschäftigt war, ihren verwundeten Duchino auf einer Tartane nach Neapel einzuschiffen.

Die Sängerin Carlotta hatte einen Sessel zwischen den beiden Fässern eingenommen und ließ sich von einigen sehr jungen Offizieren die Cour schneiden, während Giuliana sich abgesondert und umgeben von einem Kreis höherer Offiziere hielt, und Martina sich schlangengleich unter den Soldaten bewegte und sich bereits verschiedene Beutestücke derselben zu den niedrigsten Preisen und Bedingungen angeeignet hatte. Der Abbé plauderte mit Offizieren und Soldaten, und wußte von ihnen eine Menge Nachrichten einzuziehen, ohne daß er dabei seine angeblichen Beichtkinder aus den Augen verlor.

Zwischen all dem Lärmen hinkte der Sergeant Bertano umher, fluchend und scheltend, trank dazwischen mit den Soldaten und schmähte auf die Vergeudung des Weins und schimpfte auf Gott, den König, die Neapolitanerin und alle Welt. Dazu war das schmutzige, schwarze Tuch, das er um die Kinnladen gebunden trug, eben keine sonderliche Verschönerung seiner Fratze.

Natürlich gab in allen Gruppen der Überfall in der vergangenen Nacht den Stoff des Gesprächs ab, und die seltsamsten Geschichten und Ausschmückungen wurden davon erzählt. Jeder Soldat, wie das gewöhnlich ist, war ein Held gewesen, und seiner Umsicht und Tapferkeit allein war es zu danken, daß der Ausfall so glücklich zurückgeschlagen worden war.

Übrigens hatte der König bereits infolge der schmählichen Flucht der Freikompagnien den Befehl erteilt, daß der Rest der Rothemden-Kompagnien aufgelöst und unter die regulären Regimenter gesteckt oder nach Hause geschickt werden sollte, eine Maßregel, die schon vorher beschlossen und vorbereitet und durch die Ereignisse der Nacht nur beschleunigt worden war.

Obschon nur wenige Personen in der Tat wußten, in welcher Gefahr der König gewesen war, hatten sich doch allerlei Gerüchte darüber durch die Dienerschaft verbreitet, und namentlich erzählte man sich, daß der König in der Kutte eines Kapuziners entwischt und dieser von dem alten Murrkopf Bertano gezwungen worden sei, die Uniform des Königs anzuziehen, worauf die Neapolitaner ihn für diesen gehalten und erschossen hätten.

Vergebens hatte der Abbé bereits zweimal versucht, mit dem ehemaligen Fechtmeister anzuknüpfen und ihn über die Ereignisse der Nacht auszuholen, – als er es das drittemal tat, bedachte der Brummbär ihn mit seiner klassischen, alles zu Boden schlagenden Grobheit.

Der Abbé zuckte die Achseln und gesellte sich einem anderen Kreise zu.

In diesem Augenblick erscholl vom Eingang her der Ruf: »Der König!«, und man sah einen einzelnen Reiter in den Hofraum einreiten, den man in der Tat alsbald als den König erkannte, und der in einiger Entfernung erst von seiner Suite gefolgt war.

Der König ritt offenbar in tiefen Gedanken und ohne auf den Hochruf und das Salutieren der Soldaten zu achten bis zu der Freitreppe, zu der jetzt eilig die Principessa und die Gräfin de la Torre drängten.

Der hohe Herr sah sich zerstreut um, bis seine Augen auf seinen getreuen Leibdiener fielen.

»Komm hierher! – Wie siehst du aus?«

Der Alte war, die Fürstin Belgiojoso zurückdrängend, herbeigehumpelt. »Hat sich was auszusehen,« murrte er, »wenn man sich für seinen Herrn die Zähne ausschlagen lassen muß und noch nicht einmal ein Dankeschön davor kriegt. Schöne Geschichten das!«

»Schweig!« Der König beugte sich zu ihm nieder und fragte leise: »Ist der Mönch, den du gestern Abend zu mir führtest, noch im Hause?«

»Freilich – drinnen liegt er, – in der Stube; mausetot! Es ist ein Jammer und eine Schande, wenn's auch nur der Bettelpfaffe war! Der heilige Vater wird mich am Ende auch noch exkommunizieren, weil …«

»Still! – Gib einem der Leute mein Pferd!«

Der König war abgestiegen und warf einem der Stallmeister den Zügel zu; der Hof hatte sich jetzt mit der Suite gefüllt, die alle auf den Wink des Königs warteten.

»Altezza,« sagte der König, kurz und kalt den Wortschwall abschneidend, mit dem die Fürstin ihn eben begrüßen wollte, »ich muß Ihr Haus noch einmal in Anspruch nehmen, doch nur für eine Stunde – dann will ich Sie nicht weiter inkommodieren! – Ich bitte, lassen Sie sich nicht stören – Sie haben da zahlreiche Gäste, und diese Herren« – er wies auf seine Suite – »werden gewiß gern nach dem Morgenritt von Ihrer Gastfreundschaft Gebrauch machen. Generalleutnant d'Angrogna!«

»Euer Majestät!«

»Welche Nachrichten von Sposati?«

»Tot, Euer Majestät! Es ist ein Glück bei der furchtbaren Verwundung.«

»Übertragen Sie den Dienst an den Obersten, Grafen Sismondi. – Beordern Sie Wachen an die Tür! – Ich werde rufen lassen!« – Er winkte dem Kammerdiener, voran zu gehen – der Graf Luserna d'Angrogna, der erste Flügeladjutant des Königs, erteilte die nötigen Befehle und gratulierte dann Sismondi, um den sich bald alles beglückwünschend drängte. Man hätte gar zu gern erfahren, welchem Zufall oder Ereignis der Graf seine rasche Beförderung und die besondere Gunst verdankte. Der neue Oberst war aber sehr zurückhaltend und sehr ärgerlich, daß man ihn abhielt, sich zu entfernen und bei dem Abbé oder den Frauen sich nach dem Schicksal der Pariser Sängerin zu erkundigen.

Der König winkte, als er das Foyer betreten hatte, dem Leibdiener, voran zu gehen. »Nach dem Zimmer, wo der Tote liegt!« sagte er.

Bertano ging über den Flur, durch ein kleines Vorzimmer, dessen Tür die Legionäre in der Nacht eingeschlagen hatten, und wies auf das nächste: »Hier, Majestät! – Das ungläubige liederliche Volk hier hat noch nicht einmal Zeit gehabt, eine geweihte Kerze anzuzünden, und Euer Majestät halten mich zu schäbig …«

»Schweig! – Geh und sorge, daß ich nicht gestört werde!«

Er trat in das Zimmer, dasselbe, in welches Bertano den Mönch am Abend vorher geführt und wo dieser den schweren Kampf beim Empfang der Nachricht durch die Brieftaube gekämpft hatte.

Das Zimmer befand sich noch in großer Unordnung; auch hier war die Tür erbrochen und das Fenster nach der Terrasse von den Schüssen zerschmettert. Auf dem Tisch in der Mitte lag, nur von einem Tischlaken bedeckt und verhüllt, die Gestalt eines Mannes – es war der tote Kapuziner.

Der König trat zu dem Toten – er hatte als Soldat Tausende auf dem Schlachtfelde gesehen, und dennoch zauderte er, dies Antlitz anzusehen. – Endlich, mit einem festen Entschluß, faßte er das Tuch, deckte es auf und schlug die verhüllende Kapuze von dem Kopf des Toten zurück.

Das Antlitz, das sich ihm zeigte, war von einem langen, grauen Bart umrahmt, von den Furchen schweren Grames und Kummers viel früher gealtert, als vielleicht die Zahl der Jahre mit sich gebracht hätte. Eine mitleidige Hand hatte die Augen zugedrückt, die Hände des Toten gefaltet. Noch schienen jene Sorge, jener Kummer, welche die Seele des so jäh Hingeschiedenen belasteten, auf dieser kräftigen Stirn zu ruhen, in der Falte zwischen den Brauen zu drohen.

Der König betrachtete lange in tiefer Bewegung den Toten. »Also wirklich! – für mich! – Dein Ring sollte mich zum zweitenmal erretten – und dennoch deine Warnung! – Was waren doch seine letzten Worte: Wehe dem, der Rom angreift! – Und doch – nein, indem er mich rettete, starb er nicht für Rom – nein, für Italien!«

Der König beugte das Knie an der Seite des Toten und verharrte eine lange Zeit in stillem, innigem Gebet. Endlich erhob er sich – seine Beschlüsse schienen gefaßt. Er küßte die kalte Stirn des Toten und zog die Kapuze wieder über den Kopf und das Gesicht, es gänzlich verhüllend. Dann ging er nach der Tür, indem er vor sich hinmurmelte: »Cavour braucht es nicht zu wissen, – er würde eine neue Intrigue Roms darunter wittern! Ich muß meine Maßregeln danach nehmen!« An der Tür rief er nach Bertano.

Der Kammerdiener kam herbeigeschlürft.

»Licht! – Siegellack!« befahl der König.

»Da steht's ja noch – sehen's Euer Majestät nicht?«

Er hob die zerbrochene Kerze und das Siegellack vom Boden, das am Abend vorher der Mönch zu den beiden Depeschen nach dem Monte-Conca und Castellone benutzt hatte.

»Halte das Licht!«

Es lag etwas in den Augen und in der Stimme des Monarchen, was selbst die Unverschämtheit und Neugier des verwöhnten Dieners im Zaume hielt und ihn schweigend zusehen ließ, wie der König die beiden Seiten der Mönchskapuze über dem Antlitz des Toten zusammenzog und an zwei Stellen mit seinem Siegelring verschloß, so daß sie ohne Lädierung der Siegel nicht hätten geöffnet werden können.

»Schweige über das, was du siehst und hörst, bei meinem Zorn! – Sage dem Offizier vom Dienst, zwei Posten vor die Tür dieses Zimmers und das Fenster zu stellen. Niemand soll es betreten. – Noch diesen Abend wird mit dem Dampfer ein Sarg von Neapel eintreffen, ich werde die nötigen Befehle geben. Der Sarg wird in dieses Zimmer gebracht, und du und der Offizier, der ihn begleitet, legt diese Leiche mit aller Ehrfurcht, die man dem Toten schuldig ist, in den Sarg, der in deiner Gegenwart verlötet wird. Niemand betrachtet den Toten, hörst du – niemand! – Du wirst noch diese Nacht mit dem Sarg nach Genua auf dem Dampfer abgehen und denselben mit der Bahn, ohne Turin zu berühren, nach La Superga bringen und ihn dem Prior überliefern. Der Offizier, der den Sarg von Neapel bringt, wird dir ein Schreiben aushändigen, den Inhalt desselben übergibst du dem Prior.«

»Na, so viel Ehre für 'nen Bettelmönch!«

»Schweig' und gehorche! – Schweige gegen jedermann!«

»Na – na – ich werde mirs Maul nicht verbrennen! Aber wer soll denn Euer Majestät abwarten, wenn ich nicht da bin, und wo bleib ich denn?«

»Du kommst, wenn meine Befehle vollzogen sind, nach Florenz, wo du mich finden wirst. – Jetzt geh! – Noch eins – du kennst den Franzosen, der gestern mit uns speiste?«

»Den mit dem Eulengesicht? – Ob ich ihn kenne, er tat gerade, als wäre er der Herr, als Euer Majestät ausgerissen waren, ohne mich mitzunehmen, und ist schuld, daß mir der Halunke aus der Festung den Kinnbacken ausgeschlagen hat, ohne daß Euer Majestät bis jetzt noch daran gedacht haben, mir eine Entschädigung zu geben. Ein sauberer Dienst das! –«

»Schurke! – Fort! –«

Der Kammerdiener, der seine gewöhnliche mürrische Laune wieder gewonnen, entfernte sich brummend. – Erst als der König den Tritt der Wache sich nähern hörte, entfernte er sich aus dem Zimmer, indem er noch einen langen, schweren Blick auf den Toten zurückwarf und winkte dem Offizier vom Dienst, ihm nach dem Empfangszimmer zu folgen, in dem er am Abend vorher mit dem Sekretär des Premiers gearbeitet und die Audienzen erteilt hatte.

Der neue Colonel blieb an der Tür stehen, die Befehle des Königs erwartend.

Der König wandte sich zu ihm. »Ich war Ihnen eine Genugtuung für Ihre Entschlossenheit und Ihren Eifer schuldig, Graf Sismondi,« sagte er – »und wünsche Sie deshalb näher um meine Person zu haben, statt des armen Sposati; doch sage ich Ihnen im voraus, der Dienst bei mir ist weder leicht noch angenehm!«

»Sire, mein größtes Glück …«

»Schon gut,« sagte der König – »nur erinnern Sie mich nie an diese Nacht. – Führen Sie den Grafen Conti ein, sobald Bertano ihn bringt, und sagen Sie General Cialdini, daß ich ihn erwarte. – Halt – noch nicht! Ist das Dampfboot von Mola da, das mich nach Neapel bringen soll?«

»Der Dampfer liegt an der Brücke. Ich sprach eben Signor Macchiavelli, der mit herüber gekommen nebst der Lady!«

Der König tat, als hörte er die letzten Worte nicht und schritt ungeduldig auf und nieder.

»Die Damen,« wagte der Oberst zu sagen – »lassen Euer Majestät um die Erlaubnis bitten, die Überfahrt nach Neapel auf dem Dampfschiff machen zu dürfen.«

» Nein!« sagte der König hart – »nichts von den Unterröcken heute! – Sagen Sie Macchiavelli, daß er mich an Bord erwarten möge – aber allein! Die Frauenzimmer mögen sehen, wie sie fortkommen, sie werden Ritter genug finden! – Sehen Sie nach, ob Bertano zurück ist!«

Der Kammerdiener steckte eben den Kopf durch die Tür: »Er ist da, Majestät!«

»Lassen Sie den Grafen eintreten!«

Der neue Adjutant öffnete die Tür, und der Vertraute des Kaisers Louis Napoleon trat ein.

Der König hatte sich auf einen Sessel niedergelassen. Es dauerte einige Momente, ehe er den Unterhändler anredete und dieser blieb in ehrerbietiger Haltung vor ihm stehen.

»Ich habe Sie noch zurückgehalten, Herr Graf,« sagte der König – »doch bitte, setzen Sie sich! Wir haben einiges zu sprechen! Zunächst danke ich Ihnen für das Andenken an einen frommen Mann, das Sie mir brachten. Ich will es zu seinem Gedächtnis bewahren, ohne weiter danach zu forschen, wie er dazu kam. – Jetzt, Herr Graf, wollen Sie mir eine Frage offen beantworten?«

»Euer Majestät haben zu befehlen und werden sicher mir keine Frage vorlegen, deren Beantwortung meinen Souverän kompromittieren könnte!«

»Das wäre schwer!« sagte der König sarkastisch. – »Sie gehen an Bord der Bretagne?«

»Euer Majestät wissen es bereits.«

»Und von dort nach Gaëta?«

Der Diplomat konnte eine leichte aufsteigende Röte nicht unterdrücken. »Ich habe ein Handschreiben Ihrer Majestät der Kaiserin an die Königin Maria zu übergeben.«

»Hm! – Nun zu meiner Frage. Welche Friedensvorschläge haben Sie in der Tasche, Herr Graf?«

»Sire –«

»Bah – bah – macht mir nichts weis, ich kenne meinen Herrn Vetter an der Seine! Also nur heraus damit – und damit es Ihnen desto leichter wird, so lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich ganz in der Stimmung bin, Sie anzuhören.«

»Sire,« stammelte der sich gefangen sehende Diplomat – »vorläufig nur ein Waffenstillstand …«

»Pest und Doria – ich dachte mir's doch! – Und auf wie lange?«

»Sire – die Königin Maria hat sich darüber beklagt, daß General Cialdini absichtlich selbst die Lazarette und Kirchen nicht schone, und Euer Majestät wissen, daß die Kaiserin Eugenie sehr religiös ist!«

»Sagen Sie: bigott, wenn es ihr in den Kram paßt! – Aber ein Waffenstillstand wäre vielleicht ein guter Ausweg, um allen Wünschen zu entsprechen. – Ich fürchte nur, man ist da drinnen etwas starrköpfig!«

»Sire – wir haben mit der Flotte das Mittel in der Hand, die Zustimmung zu erzwingen.«

»Und auf wie lange?«

»Ich würde zwei oder drei Wochen vorschlagen, etwa bis zum 29. Januar.«

»Und die Bedingungen?«

»Aufrechterhaltung des status quo – Ausbesserung der vorhandenen Werke, aber keine Anlage von neuen.«

»Das wäre Sache des Herrn Cialdini! – Und während der Zeit?«

»Anknüpfung der Friedensverhandlungen.«

»Also unbedingte Räumung der Festung, die sich nicht länger halten kann, sobald auch der Angriff von der Seeseite beginnt.«

»Seine Majestät der Kaiser besteht auf der unbehinderten Überfahrt der Königlichen Familie nach dem Festland und dem freien Abzug der Besatzung.«

»Das erstere mit Vergnügen,« sagte der König – »meine ganze Flotte steht dem König Franz dazu zur Disposition. Das letztere – nein! Das hieße nur, die Räuberbanden in den Apenninen vermehren, und das kann Seine Majestät mein Herr Bruder und Vetter in Paris unmöglich selbst wollen, es müßte denn sein – –«

»O Sire, gewiß ist das nicht die Absicht des Kaisers,« beeilte sich der Graf zu unterbrechen. »Es galt nur, tapfere Soldaten mit Ehren zu entlassen.«

» Per Baccho! Da sie geborene Italiener sind, gehören sie über kurz oder lang doch in die italienische Armee. Die Fremden mögen zum Teufel gehen – ihre Einmischung hat Italien nie großen Segen gebracht. – Ich meine nicht Leute, wie Sie, Herr Graf, der Sie als Korse von Geburt ein halber Italiener sind!«

Der Adjutant klopfte an die Tür und meldete den General en chef Cialdini.

»Kommen Sie her,« sagte der König, als er eingetreten war, und geben Sie dem Herrn Grafen noch einige Fingerzeige. Er geht nach der französischen Flotte, um deren Abzug zu bewirken, und nach Gaëta, um einen Waffenstillstand zu unterhandeln. Ich glaube, er ist beiden Parteien willkommen!«


Der König war nach Neapel abgefahren; man sah in weiter Ferne von Mola her sich bereits einen anderen Dampfer nähern, und auf der Terrasse der Villa Albano standen die Gruppen der Frauen, die am Abend vorher mit dem König und den Offizieren von San Agatha getafelt hatten.

Die Prinzessin Belgiojoso und die Gräfin de la Torre unterhielten sich mit einigen Offizieren. »Wir werden noch volle zwei Stunden warten müssen,« sagte die Fürstin – »es ist gerade nicht sehr artig von dem König gentilhuomo, wie er sich nennen läßt, daß er uns zum Dank für unseren Beistand nicht einmal die Mitfahrt vergönnte. So sind die hohen Herren; aber ich werde mir's merken!«

»Ich möchte wissen,« meinte die Gräfin, »was es zu bedeuten hat, daß zwischen der Festung und der französischen Flotte heute ein so außergewöhnlicher Verkehr ist. Sehen Sie, Altezza, da gehen schon wieder Boote mit der Parlamentärflagge nach der Stadt.«

» Cospetto – der Herr von Barbier täte besser, seine jungen Marineoffiziere zu uns zu schicken, es sollen ganz hübsche Bursche darunter sein, und sie würden sich besser amüsieren als bei der kleinen Bombicella!«

Weiterhin am Strande stand eine andere Gruppe; es war der Abbé mit seinen Beichtkindern – einige Schritte von den übrigen entfernt die angebliche Lady Howard, mit dem Opernglas das Schiff des Königs verfolgend.

»Geben Sie mir Bericht, meine Damen. Was haben Sie erfahren? Schwester Martina – Sie hatten den Auftrag, zu ermitteln, wie weit die Unterhandlungen mit den neapolitanischen Bankiers über die neue geheime Anleihe sind?«

»Der Duchino, Signor Abbé war heute morgen so zerknirscht, daß er alles willig aus sich heraus zapfen ließ.«

»Sprechen Sie!«

»Das Konsortium der Bankiers von Neapel will gegen die Konzession der Bahn von Foggia bis Caserta zehn Millionen Lires vorstrecken.«

»Eine Bagatelle – wir wissen, daß die Forderung dreißig Millionen betrug.«

»Der Rest ist gesichert – zwei Häuser in Rom …«

Der Abbé fuhr sehr unchristlich auf. »Höll und Teufel, das wäre?«

»Sie haben sich erboten, gegen die Zusicherung der vollen Emanzipation der Juden das Geld auf Verpfändung gewisser Bergwerke vorzustrecken.«

»Aber die Namen, die Namen?«

Die Schwester Martina flüsterte ihm zwei Namen ins Ohr, die ihn zurückfahren machten.

»Mögen sie verdammt sein in Ewigkeit – mögen sie verfaulen im Ghetto!« – Er hatte sich gefaßt. »Schwester Martina, ich bin mit dir zufrieden! Es war doch gut, daß die Kugel des Ungarn den leichtsinnigen Verschwender nicht getötet. Du magst den blutigen Ring behalten. – Carlotta, haben Sie Ihre Aufgabe erfüllt?«

Die schöne Jüdin zog langsam ein Papier aus dem vollen, üppigen Busen und reichte es dem Abbé. »Von Major Druando – dem verliebten alten Geck! – Der Plan der neuen Batterien mit den Angaben der Geschütze.«

»Es ist gut! – Senora Giuliana – Ihre Aufgabe war schwierig! Sie waren nahe daran, zu viel zu sagen, und es war gut, daß ich in der Nähe war. Ein anderesmal hüten Sie Ihre Zunge!«

Die Augen der schönen Spanierin blitzten ihn an, sie biß sich die Unterlippe, daß der Abdruck der kleinen Zähne sichtbar blieb – doch war es unter dem strengen Blick des jungen Geistlichen nur ein kurzer Kampf, dann beugte sich das stolze Haupt. »Der Sturz des Ministeriums O'Donnell,« sagte sie halblaut – »ist beschlossen und wird binnen vierzehn Tagen erfolgt sein. Der Infant Don Juan hat London verlassen und muß diesen Augenblick schon auf spanischem Boden sein. Lord Palmerston wird die Erhebung der Karlisten mit Geld und Waffen unterstützen.«

»Sind die Nachrichten sicher?«

»Zuverlässig! Ich habe die Instruktion des Geschäftsträgers gesehen.«

Der Abbé neigte den Kopf. »Dann ist es Zeit, nach Triest zu schreiben,« murmelte er. »Wir bedürfen der Königin Isabella. – Ich danke Ihnen, Senora! – Mischen Sie sich jetzt unter die Offiziere und suchen Sie zu erfahren, warum das Geschützfeuer seit einer Stunde schweigt und was der König vorhin getan, als er allein im Hause war.«

Er trat zu der Miß Howard.

»Sie haben noch nicht Gelegenheit gehabt, Schwester Elena, mir über die Ereignisse dieser Nacht Bericht zu erstatten. Wie weit sind Sie mit dem König?«

Das schöne Weib hob spöttisch die Hand und deutete nach dem Dampfschiff. »Da sehen Sie selbst!«

»Aber Sie waren mit ihm in Mola – ich kann aus den Prahlereien dieser Weiber nicht klug werden – haben Sie sich schon eher mit ihm entfernt, als unsere Freunde in Gaëta den Ausfall machten? Schade um die günstige Gelegenheit, sie kehrt nicht wieder!«

»Der König Viktor Emanuel,« sagte die Lady – »war noch in der Villa, als die Neapolitaner bereits an das Tor schlugen. Er wollte die Villa verteidigen.«

»Aber was hat ihn bewogen, zu flüchten? Wer hat ihn gerettet?«

»Ich!«

»Wie – Sie?«

»Mein Herr,« sagte die Schöne mit einem impertinenten, aber reizenden Lächeln – »Sie mögen zwar eine große Macht über uns arme Sünderinnen besitzen, aber es scheint, daß es noch mächtigere Personen als Sie gibt. Man hat der Lady Howard befohlen, den König Viktor Emanuel durch ihre Reize zu fesseln und sich zur Spionin und Herrin seines Geheimnisses zu machen, aber nicht ihn in die Fesseln der Neapolitaner zu locken oder gar erschießen zu lassen. Überdies ist ein toter Mann, selbst ein König, ein schlechter Liebhaber. Es ist deshalb besser, Seine Majestät der König Viktor Emanuel, obschon er mich etwas barsch behandelt hat, ist lebendig und ich gehe nach Turin, um ihn dort zu erwarten!«

»Satan!«

Die Lady machte ihm eine graziöse Verbeugung. »Damit Sie jedoch Ihre Mühe und Ihr Geld nicht umsonst fortgeworfen haben, Signor Abbé, habe ich das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß in der vergangenen Nacht die Abfahrt der französischen Flotte von Gaëta mit einem französischen Ambassadeur verhandelt und beschlossen worden ist.«

Der Abbé hatte ihr Handgelenk ergriffen und preßte es konvulsivisch. »Sprichst du die Wahrheit, Dämon? Unglückliche – wenn du es wagst, mich zu täuschen! – Kennst du auch die Bedingungen des schändlichen Vertrages?«

»Daß Seine Heiligkeit der Papst Pius der Neunte, wenn ihm Gott so lange das Leben erhält, in den nächsten fünf Jahren die Freude haben wird, den Karneval unbehindert in Rom zu feiern. Später möchte ich nicht ganz mehr dafür stehen! – Aber bitte, Signor Abbate – Sie tun mir weh und dort kommen Leute. – Sie werden besser tun, dort hinüber zu sehen!«

Sie wies nach der Reede, auf welcher ungefähr in der Distanz von Santa Maria bis zur Annunciata das französische Geschwader ankerte.

Man konnte deutlich auch mit unbewaffnetem Auge sehen, daß auf den Schiffen eine große Bewegung herrschte. Die dunkleren Rauchwolken verkündeten, daß die Dampfer geheizt hatten, und die vom Admiralschiff wechselnden Signalflaggen das Erteilen der Befehle. Auf den Raaen und Wanten standen oder hingen die Matrosen, und die Topsegel bauschten sich im leichten Winde von der Küste her.

Dann wandten zwei der gewaltigen schwimmenden Gebäude, der »Saint-Louis« und der »Impérial«, ihr Steuer, und kehrten ihr Bugspriet hinaus in die offene See.

Als sie an der Batterie di Santa Maria, der äußersten des Felsenvorsprungs, vorüber kamen, salutierten sie die königliche Flagge von Neapel, und die Batterie sandte den donnernden Gruß zurück.

Es war der stolze Todesruf der getreuen Festung!



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