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Der Überfall.

Die Wogen der zischenden und schäumenden Brandung schlugen weit über das an den meisten Stellen elende Mauerwerk, daß den Kai des Borgo bildete, und an die Terrassen der Gärten, die bis zum Strande liefen. Der Sturm heulte in immer steigender Wut.

Um so auffallender war es, daß in diesem Wetter das Fenster eines Gemachs der Villa Albano, das hinaus nach dem Meer sah, weit geöffnet stand. Die Kerzen auf dem Tisch flackerten im Windzug und das Wachs triefte an ihnen nieder auf die silbernen Leuchter und das kostbare Damasttuch, das den Tisch bedeckte. Eine Karaffe mit Wein und eine Platte mit kalten Speisen stand auf dem Tisch, beides offenbar noch nicht angerührt, obschon die Person, für die sie bestimmt waren, sich in dem Zimmer befand.

Es war das der Mönch, der am Abend die seltsame und inhaltschwere Audienz bei dem Könige gehabt hatte und auf Befehl desselben von dem Kammerdiener Bertano in ein besonderes Zimmer gebracht und mit Speise und Trank versehen worden war, die er so wenig beachtet hatte.

Der Pater, noch immer den Kopf tief in die Kapuze gehüllt, saß an dem offenen Fenster, durch das Sturm und Regen hereindrang, und schaute, in schwere Gedanken versunken, in den Gewitterhimmel und auf die tobende See, während seine Hand ein kleines Brevier fest umschlossen hielt.

Doch war er nicht das einzige lebende Wesen in diesem Zimmer. Zu den Füßen des Mönchs kauerte vor Frost und Nässe noch zitternd eine Taube, die Federn vom Sturmwind und Regen zerzaust und offenbar vorerst außerstande, sich wieder aufzuschwingen und durch das geöffnete Fenster das Weite zu suchen. Das Unwetter mußte das arme Tierchen gefaßt, von seiner Flugbahn abgetrieben und wahrscheinlich gezwungen haben, hier Schutz zu suchen.

Von Zeit zu Zeit wandte sich das Auge des Mönchs auf den Vogel und dann erhob er sich, schritt zu dem Tisch und öffnete das Brevier. An der Stelle, wo er es aufschlug, lag statt des sonst gewöhnlichen Heiligenbildchens oder Beichtzettels ein dünner Papierstreifen, dessen Falten bewiesen, daß er zu dem geringsten Maß zusammengepreßt gewesen war, und an dem noch ein Seidenfaden hing. Auf dem Papier standen nur wenige Worte, aber sie schienen von schwerer Bedeutung, denn der Mönch las sie wiederholt und jedesmal schienen sie einen heftigen Seelenkampf in seinem Innern zu erwecken.

Zweimal warf er sich nieder auf die Knie, hob die gefalteten Hände gegen den blitzesprühenden Nachthimmel und betete aufs inbrünstigste. Worte, denen ein anderer schwerlich hätte eine genügende Bedeutung abgewinnen können, so abgerissen und zusammenhanglos waren sie, klangen aus der verhüllenden Kapuze hervor, bis sich endlich das geängstete Gemüt in einzelnen Sätzen Luft machte.

»Heilige Jungfrau mit den sieben Nothelfern – habet Erbarmen mit mir Sünder!« stöhnte er. »Habe ich noch nicht genug gebüßt, daß mir diese schwere Wahl auferlegt wird? – Warum habe ich gezaudert in menschlicher Schwäche, statt sofort den Staub von meinen Füßen zu schütteln und das Sodom zu verlassen, wo nichts ist als Trotz und Verspottung des Heiligsten! Die Donner des Herrn, der durch die Blitze spricht und auf den Fittichen des Sturmes daherrauscht, hätten nur diesen armen, längst dem Grabe verfallenen Leib verderben können, während die unsterbliche Seele jetzt von dem schlimmsten Versucher bedrängt wird. Soll es eine Prüfung sein, die der Herr mir gesandt hat? – In diesem unschuldigen Geschöpf, daß einst Noah den Palmenzweig des versöhnten erbarmenden Gottes brachte – ist mir der verhängnisvolle Bote gesandt, der vielleicht das Schicksal Italiens – der heiligen Kirche, der Welt in meine schwache Hand legt! – O Absalon, Absalon mein Sohn! Soll ich selbst dein Joab sein, der dich den Feinden überantwortet und tötet – oder ist es ein Gnadenzeichen der Heiligen, dich zu warnen, damit du Zeit gewinnst, in dich zu gehen, deine Sünden zu büßen und freiwillig Vergebung zu suchen zu den Füßen dessen, den Gott zu seinem Stellvertreter gesetzt hat auf Erden!«

Wiederum warf sich der greise Mönch nieder auf die Knie und rang die Hände zum Himmel. »O gebt mir ein Zeichen, ihr Heiligen, was soll ich tun, was ist der rechte Weg? Muß ich die Bande des Blutes verleugnen, – muß ich selbst mein Haus zertrümmern und alle irdische Größe und Macht, die es seit Jahrhunderten erträumt, ist denn wirklich die Einheit und Größe Italiens ein Frevel gegen deine heiligen Gebote – läßt sich nicht ein Weg finden, sie mit den Pflichten gegen deine heilige Kirche zu vereinen? Ist jener schwache einfältige Knabe dort hinter jenen Felsenwänden dein Erwählter, soll er der Sieger sein, der Sprosse eines längst entarteten unfähigen Geschlechts, oder der starke Sohn eines starken Geschlechts, das für dies herrliche Land eine Mauer war gegen die Intriguen und Gewalttaten der falschen Franzosen und der raubsüchtigen Deutschen, dessen Sprosse die Erbfeinde des Kreuzes vor den Toren Wiens schlug und Belgrad erstürmte? – Hast du mich aus dem Grabe gerufen, um dem gebrochenen Greise durch den Verrat das Schicksal Italiens in die Hand zu geben, die zu schwach war, sein siegreiches Schwert zu halten, damals, als der Statthalter Christi selbst es geweiht? – O ihr Heiligen gebt mir ein Zeichen, was der Wille des Herrn ist, was ich tun soll!«

Und indem der Greis wie verzückt das Auge emporhob, traf es auf eine Karte Italiens, die an der Wand gegenüber hing. Er sprang auf, ergriff eine der Kerzen und trat vor die Karte.

Einer der Bewohner der Villa mußte die Karte bei seiner politischen Lektüre benutzt haben, denn verschiedene wichtige Punkte auf derselben waren in die Augen fallend unterstrichen.

»Ha« – murmelte der Mönch – »Novara! Muß ich auch hier erinnert werden an jenen Tag des Unglücks und der Schmach?! – Aber ist er nicht glänzend getilgt – weht nicht das Kreuz von Savoien von dem Marmordome Mailands? Florenz, Parma, Bologna – bis hinunter zur fernsten Küste Siziliens – von Reggio bis Bologna huldigt das geeinte Italien seinem König – und Verona – Venedig sind nur noch eine Frage der Zeit – wenn …«

Der auflodernde Stolz wich ebenso plötzlich, wie er gekommen, dem reuigen Gedanken. Der Mönch schlug mit beiden Händen seine Brust: » Mea culpa! Mea culpa! – O sündiger Mensch – ist das deine Reue und Buße, daß du dich von der Eitelkeit der Welt verlocken läßt? – Heiliger Franziskus vergib mir und laß mich die Nichtigkeit aller menschlichen Kronen über jener der Märtyrer vergessen. Vernichtet sei das Blatt und die Versuchung mit ihm – des Herrn Wille geschehe!« und er näherte den kleinen leichten Zettel, den er noch in der Hand hielt, der Flamme der Kerze.

»Na, würdiger Pater Melchior, Balthasar oder wie Ihr sonst heißen mögt,« krächzte eine Stimme hinter ihm – »was treibt Ihr denn da für Narrenspossen und vergeßt darüber Essen und Trinken. Ich glaube gar, Ihr habt das schöne Essen noch nicht einmal angerührt, das solchen Müßiggängern wie Ihr doch selten genug vor den Schnabel kommen wird! – Beim Kreuz von Asti – und die Flasche steht auch noch, wie ich sie herein gebracht, obschon der Wein echtes Gewächs von Asti selber ist, so süßliches schlumpriges Zeug, wie sie da an ihrem Vesuv bauen, von dem die braunen Halunken so viel her machen! Als ob's bei uns nicht auch feuerspeiende Berge in den Alpen gäbe, so viel wir haben wollen, ich brauche nicht lange danach zu suchen, sondern mir nur meinen Herrn, anzusehen, der sich den Ré gentilhuomo schimpfen läßt und besser fluchen kann, als der ärgste Trainknecht.«

Damit hatte sich der ehemalige Fechtmeister ins Zimmer geschoben, nachdem er erst seine zerfetzte Physiognomie durch die Tür gesteckt. Ohne zu fragen, ob sein Besuch willkommen sei oder nicht, stellte er zwei weitere Flaschen, die er unter dem Arm getragen, auf den Tisch, schlurrte nach dem Fenster und schloß dasselbe.

»Hat je ein Christenmensch gehört, daß man die Fenster bei solch einem Wetter offen hält?« murrte er. »He, Pater, Ihr scheint mir ein merkwürdiger Bursche zu sein, sonst hätte sicher auch der nicht so viel Umstände mit Euch gemacht, denn für gewöhnlich, kann ich Euch sagen, pflegt er eben die Kuttenträger nicht sehr zu lieben. Seht, da bin ich ein anderer Kerl, ich liebe die Religion und trinke gern eins mit einer geschorenen Glatze. Es sind lustige Burschen, die von der Kutte, und sie spedieren einen ins Himmelreich, man weiß nicht wie. Drum dacht ich, es würd' Euch nicht unlieb sein, wenn ich zu Euch käme, und wir so miteinander eins plauschten, so etwa vom heiligen Vater und seiner Bedrängnis, denn in der schlechten Gesellschaft hier kommt man nicht dazu.«

Indem sah er die Taube am Boden. »Aha,« sagte er – »das Viehzeug hat gewiß der Sturm herein geweht. Na – es ist kein Wind so arg, daß er nicht einem was Gutes zuwehte, und die da wird morgen zum Frühstück eine gute Suppe geben.« Damit griff er die Taube auf, drehte ihr kaltblütig den Hals um und steckte sie in die weiten Taschen seines Fracks, die ein Magazin für alles zu sein schienen. Dann schob er einen Stuhl zum Tisch, setzte sich nieder und entkorkte eine Flasche.

»Na Bruder,« sagte er, »die Kuttenträger pflegen sonst einen guten Schluck nicht zu verschmähen, und gut ist er, dafür kann ich Euch stehen, also setzt Euch und macht keine Umstände. Erst wollte Euch der Buckelinski, der Pfiffikus, besuchen, aber ich schob ihn beiseite und sagte, daß ich selber mit einem heiligen Manne reden wolle, weil ich kein so ungläubiger Gottesschänder wäre, wie er, und da bin ich!«

Bis jetzt hatte der Mönch kein Wort erwidert und war stumm und regungslos an dem Tisch stehen geblieben. Ebenso hatte er dem Tode der armen Taube zugesehen. Jetzt wandte er den Kopf nach dem aufdringlichen Gesellschafter.

»Wo ist dein Herr, der König?« fragte er mit dumpfer Stimme.

»Wo soll er sein, als bei dem Weibsvolk. Den ganzen Tag ißt und trinkt er nicht, wie ein anderes ehrliches Christenkind, das seinen gesunden Appetit hat, erst des Abends geht's los, und da kann er was leisten, das kann ich Euch sagen. Die Weibsen drüben machen einen Skandal, daß man sein eigen Wort nicht mehr hört. Sie sind alle betrunken wie ein Sack und mich haben sie hinausgeworfen, weil ich's ihnen ins Gesicht sagte, daß sie wie eine Herde Ferkel quiekten. Aber immer trinkt, Pater, und erzählt mir, wie's in Rom steht und was der liebe heilige Vater macht, der alte Herr, dem sie jetzt so arg ans Leder gehen.«

Der Mönch schob das gefüllte Glas des perlenden schäumenden Weins, des vielbeliebten Rivalen des Champagners, zurück. »Ich trinke nur Wasser,« sagte er finster, »aber auch dies würde ich in diesen Mauern nicht genießen, die Gotteslästerern und Kirchenschändern Obdach gewähren.«

»Cospetto,« sagte der Fechtmeister – »hört Gevatter, ich habe wohl das Recht, auf den Vetter Emanuele zu schimpfen, aber der Teufel soll jeden andern holen, der sich's zu tun erdreistet, und er soll seine Jacke ausgeklopft kriegen, und wenn sie zehnmal eine Mönchskutte wäre.«

»So liebst du den König?«

Der Alte lächelte grimmig, indem er sein Glas in die Höhe hob und den Wein gegen das Licht beäugelte. »Bah – was soll ich machen – er ärgert mich alle Tage bis aufs Blut und behandelt mich wie einen Hund – aber was kann ich machen. Sergeant Bertano hat weder Kind noch Kegel und da betrachtet er ihn wie seinen Sohn und selbst ein wildes Tier liebt seine Jungen und verteidigt sie.«

Der Mönch fuhr zusammen. »Aber er ist ein Feind der Kirche, er hat den Stuhl Petri beraubt um sein Eigentum – er lebt im Bann des Papstes! Jeder wahre Christ muß ihn verlassen!«

»Papperlapapp – es ist freilich war, aber sie werden sich schon wieder vertragen. Das kommt von der schoflen Gesellschaft, mit der er sich einläßt – der Cavour ist auch so einer, ich hab's ihm immer gesagt. Was das anbetrifft, so hab ich mich in meiner Jugend mehr als einmal mit einem Pfaffen gerauft. Es war da ein Kerl – Fra-Pan hießen sie ihn, sie hatten ihn ins Gebirge geschickt, weil er ihnen in Rom zu gescheit war, und der schlug Euch gleich los, wenn man mit ihm stritt beim Glase und das kam oft, denn der Bursche war ein arger Krakehler. Aber nachher waren wir immer die besten Freunde und die Absolution hatte ich umsonst. Der Emanuele ist noch jung und kann sich noch bessern – es kommt alles von der schlechten Gesellschaft her, und da ist es meine Pflicht als Erzieher, ihn nicht allein zu lassen.«

»Der Herr verkündet seine Weisheit oft durch den Mund der Toren und Einfältigen,« murmelte der Mönch. »Es ist Wahrheit in dem, was dieser Mann da spricht – selbst das wilde Tier verläßt in der Gefahr seine Jungen nicht, und über den verlorenen Sohn, der heimkehrt zum Vater, ist mehr Freude, als um zehn Gerechte!« – Er wandte sich zu dem Kammerdiener: »Du wirst zum König gehen.«

»Seid Ihr toll – er würde mir den Schädel einschlagen, wenn ich ihn jetzt stören wollte!«

»Wer hat den Dienst?«

»Schwerenot – Ihr seid ja auf einmal aufgetaut, Pater! – Ihr habt ihn gesehen – der Kolonell und er sitzt mit drinnen und trinkt und scharmuziert, gerade wie der Kerl mit dem Eulenkopf. Der andere, der Graf Sismondi, ist hinauf geschickt in die Berge und hat sein Teil von den Weibsleuten mitgenommen, den Heiligen sei Dank, sonst wäre der Spektakel noch größer.«

»Und welche Wache befindet sich in diesem Hause?«

»Wache? – Da kennt Ihr den Vetter Emanuele schlecht. Aber was soll ein Mönch davon wissen? Nicht eine Patronentasche mehr als die beiden Ordonnanzen, die Ihr im Hofe gesehen und die Posten am Tor.«

»So geh, und befiehl, das Tor zu schließen!«

»Seid Ihr verrückt, Mönch? Er schnitte mir die Ohren vom Kopf, wenn ich mich in solche Dinge mischte. Was geht's Euch an, ob das Tor offen oder zu – einen Bettelpfaffen werden sie nicht stehlen.«

Der Mönch war auf ihn zugetreten. »Mein Sohn, du warst Soldat?«

»Sergeant im Regiment Genua, zehn Jahre Fechtmeister, Pater, und was für einer, das kann ich Euch sagen.«

»Dennoch hattest du deinen Meister gefunden. Denk an Aosta!«

Der Fechtmeister drehte sich, wie vom Wetterschlag getroffen, gegen den Mönch, ließ das bereits wieder erhobene Glas sinken und starrte ihn mit einer grimmigen Miene an. »Hol Euch der … na, ich will nicht sagen wer! weil Ihr ein heiliger Mann seid, – aber wie kommt Ihr auf den verfluchten Namen?

»Weil vor beiläufig sechsundzwanzig Jahren der Sergeant Lorenzo Bertano bei einer Schlägerei in Aosta zwei Bauern getötet hatte und dafür zum Galgen verurteilt war, als ihn der verstorbene König begnadigte und sehr mit Unrecht zur Dienerschaft seines Sohnes, des Kronprinzen, versetzte.«

Der Kammerdiener sah ihn mit einem waren Bullenbeißergesicht an, indem er zugleich nach seinem lahmen Bein faßte. »Schwerenot,« brummte er – »ich sehe, Ihr kennt die verfluchte Affäre, die mir den Messerstich ins Bein zuzog und mich den Dienst im Regiment kostete, sonst wäre ich heute General und ein besserer, wie der Schwachkopf Cialdini, der uns drei Monate vor dem Hundenest liegen läßt. – Aber wenn Ihr ein Alter seid von damals und um die Geschichten wißt, über die längst Gras gewachsen, so müßt Ihr auch wissen, daß des verstorbenen Königs Majestät mich pardonniert hat, weil ich mit dem Säbel mir fünfzehn der schuftigen Bauern vom Halse gegolten habe, ich allein, als sie mit ihren Mistgabeln und Dreschflegeln über mich herfielen, bloß wegen eines lumpigen Mißverständnisses, und daß der König gesagt hat, ein Kerl, der fünfzehn in die Pfanne haut, darf mir nicht am Galgen sterben.«

»Du vergißt, daß dein Mißverständnis die brutale Plünderung eines Bauernhofs war, die allein schon den Galgen verdiente.«

Der ehemalige Fechtmeister faßte sich mit einem sehr unbehaglichen Gefühl an den Hals, wie in einer unangenehmen Erinnerung. »Jedenfalls, Pfaffe,« sagte er – »wenn du es weißt, so halte das Maul davon, daß das junge Volk hier nicht erfährt, daß das Bein Signor Bertanis von dem Messerstich eines elenden Bauern lahm ist, und die verfluchte Mütze ihm bereits unterm Galgen über die Augen gezogen war, als der Pardon eintraf – die Brut würde nur ihre Witze machen und es ist so kein Respekt mehr unter dem Volk vor dem Alter und der Erfahrung. Aber Pater, wer seid Ihr denn, daß Ihr das alles so genau wissen könnt?«

»Ich war Soldat wie du, bevor ich einer der geringsten Diener des Herrn wurde!«

»Na« – meinte der ehemalige Galgenkandidat philosophisch – »so gut wie aus einem Abbé ein königlicher Geheimschreiber geworden ist, kann aus einem Soldaten auch ein Barfüßer werden. Aber ehrwürdiger Bruder, was Ihr wollt, geht partoutement nicht, so gern ich auch einem alten Kameraden einen Gefallen tue.«

Der Mönch ging unruhig im Zimmer umher, öffnete dann wieder das Fenster und horchte hinaus.

Nur das Toben des Windes, das Rauschen der Wogen und das Brüllen des Donners ließen sich hören.

»Jeden Augenblick kann es zu spät sein! – Höre mich an – der König ist in Gefahr – das Borgo wird in dieser Nacht von der Festung her überfallen werden!«

»Ah, bah, ehrwürdiger Bruder, Ihr träumt. Das kommt davon, wenn man keinen Wein trinkt. Unsere Vorposten stehen dem Bombino dicht unter der Nase und außerdem hat der kleine König keine Kourage dazu.«

»Du vergißt, daß General Bosco in der Festung ist und daß der heilige Mut einer Judith, die einst den Holofernes schlug für die gerechte Sache, die Stirn jener armen Königin erhebt.«

»Demonio! – Das kommt davon, wenn die Weibsen sich in die Dinge mischen. Aber warum habt Ihr dem Manuele es nicht selber gesagt, Ihr habt doch lange genug mit ihm geschwätzt.«

»Damals wußte ich nicht, daß die Gefahr ihm so nahe war. Erst jetzt habe ich sie erfahren.«

Der Fechtmeister schielte ihn mißtrauisch von der Seite an, ging zum Fenster und steckte die Nase hinaus. »Pfui Teufel, ein abscheuliches Wetter! Da bleiben die Neapolitaner sicher lieber hinter ihren Bastionen. Hört, Mann, Ihr flunkert mir da aus irgend einer Ursach was vor, es ist seitdem keine Katze ins Haus gekommen, ohne daß ichs wüßte, wie solltet Ihr da eine solche Nachricht erhalten haben!«

»Der Herr hat seine unsichtbaren Boten, die er auf den Flügeln des Sturmes sendet. Diesmal war es ein sichtbarer. Du selbst hast ihn getötet.«

»Was – ich?«

»Die unschuldige Taube! Die deinen müssen Freunde in der Festung haben, die Verrat üben. – Durch Verräterei ist schon der Beste zu Schanden geworden – auch Novara wurde durch Feigheit und Verrat genommen!«

»Aber zum Henker, was hat das mit einem einfältigen Vogel zu tun? Seit wann können die Tauben reden?« Er zog abergläubisch die Taube aus der Tasche und warf sie auf den Tisch.

»Die Botschaft, die sie bringen, ersetzt die Worte. Lies diesen Zettel.«

Der würdige Kammerdiener grinste ihn an. »Spaß!« sagte er, die wichtige Sache ignorierend – »haltet Ihr wirklich den Emanuele für so dumm, daß er einen Kerl, wie mich, in seinen Papieren umherschnüffeln ließe, wenn er nicht wüßte, daß ich meinen eigenen Namen nicht lesen kann, wenn er geschrieben ist?«

Es war dies in der Tat eine der Ursachen, welche den König bewogen hatten, den alten Soldaten um seine Person zu behalten und seine zahllosen Unverschämtheiten zu übersehen. Der Inhalt lautete:

 

»Großer Ausfall diese Nacht über das Borgo.
Von zwei Seiten. Um eine hohe Person.
Eilig und wichtig. Unmöglich, mehr zu melden.«

 

Die Bleistiftschrift war fehlerhaft und schlecht, die Worte waren von der Nässe etwas verwischt, aber noch deutlich erkennbar.

» Corpo di bacco,« brummte der Sergeant, »eine verfluchte Geschichte – der König muß es wissen, aber ich möchte hundert gegen eins wetten, daß er nicht so gescheit sein wird, aufs Pferd zu steigen und nach Mola zu reiten, so lange es noch Zeit ist, sondern lieber nach dem Borgo und wo die Kugeln am ärgsten pfeifen.«

»Eben deshalb müssen wir für ihn handeln. Hoffentlich erfolgt der Ausfall erst gegen Morgen. Wo stehen die nächsten Truppen auf dem Weg nach Mola?«

»Hinter dem Monte Conca der Artilleriepark, die Ablösungen in Castellone.«

»Feder und Papier!«

Der alte Mönch war wie verwandelt – sein Ton nicht mehr der des demütigen Barfüßers oder des exaltierten Schwärmers, sondern der des Befehls.

»Hier!«

Der Fechtmeister zog einen Schreibtisch auf und legte Papier und Feder zur Hand.

Der Mönch saß rasch vor dem Pult, seine ganze Natur schien sich verändert zu haben – die Feder flog über das Blatt, wenige Zeilen – dann ein zweites – dann faltete er sie.

»Licht!«

»Hier! Hier! – Aber es wird nichts helfen – es müßte eine Order des Adjutanten vom Dienst sein!«

»Kümmere dich nicht darum!« – Er wandte ihm den Rücken – die Hand des Barfüßers faßte unter seine Kutte und zog einen Gegenstand hervor, der an einer härenen Schnur auf der bloßen Brust hing. Es mußte ein Petschaft oder ein Siegelring sein, denn er drückte ihn auf den Lack der beiden Briefe und verbarg ihn dann rasch wieder am alten Ort.

»Hier die Depesche an den kommandierenden Offizier in Castellone, – diese an General Cialdini – der Mann soll reiten, als wenn der Tod hinter ihm säße!«

Der Sergeant, ganz verdutzt von dem befehlenden Ton, humpelte eilig hinaus. Als er nach wenigen Minuten zurückkehrte, sah er den seltsamen Gast seines Herrn wieder am Fenster stehen und hinauslauschen in die Nacht.

Der Sergeant trat zu ihm. »Na – der Reiter ist fort – aber was da daraus werden soll, das ist nicht meine Sache und Ihr mögt's allein ausbaden, Pater, wenn das Ding schief geht. He – was starrt Ihr da hinaus – von dort wird der Bombino nicht kommen bei dem Sturm.«

»Was ist das für eine Barke, die da an der Terrasse schaukelt?«

»Das Weibervolk ist mit herübergekommen von Mola, die beiden Kerle, die sie gerudert, sitzen unten in der Küche und spülen sich die Gurgel aus mit meinem Weine!«

»Wie spät ist's?«

»Es muß bald Mitternacht sein – am Ende ist's gar nichts mit der ganzen Geschichte und ich habe einen dummen Streich gemacht, daß ich so leichtgläubig gewesen bin. Vielleicht ist's gar wieder eine Finte, die sie von Rom machen und Ihr seid am Ende gar kein richtiger Mönch, sondern ein verkleideter Brigante oder Dragoner!«

Die Beschuldigung schien den Barfüßer tief zu treffen. Er schlug sich auf die Brust und rang die Hände.

» Mea culpa! Mea culpa! – Du hast Recht, mein Sohn – und ich habe des heiligen Amtes vergessen, das mir geworden. – All ihr Heiligen, was hab ich getan! die Schänder und Feinde der Kirche will ich verteidigen, die rütteln am Felsen Petri! – Diesen König will ich retten vor dem Schicksal, das er verdient – mit den Ketzern und Mördern will ich mich verbinden gegen die Hand des Herrn! Mögen sie untergehen mit Feuer und Schwert, und liegen im Bannfluch, auch wenn tausend Messer mein Herz zerreißen. O Ihr Heiligen, bittet für mich um Vergebung für meine Schwäche und gebt mir Kraft in diesem Kampf!« –

Und er warf sich in die Knie und rang die Hände.

Plötzlich beugte er horchend das Ohr – auch der Sergeant Bertano mußte etwas gehört haben, denn er sprang trotz seines lahmen Fußes mit einem Satz zum Fenster und beugte sich weit hinaus.

» Corpo di Papa, Bruder – ich glaube, Ihr hattet Recht!«

Der Mönch war aufgesprungen – die Reue schien so rasch verschwunden, wie sie gekommen.

»Still – hörtest du nichts?«

»Feuern dort drüben von dem Borgo her! Der Teufel soll meine Kaldaunen haben, wenn das nicht Flintensalven sind! – Sie sind mit den Vorposten aneinander – nein, wahrhaftig, das Schießen ist schon im Borgo!«

In einer Pause des Donners des rasch an den Bergen hinziehenden Wetters dröhnte es allerdings herüber von der Seite der Festung her wie Musketenfeuer.

»Alle Hagel – ich muß zum König!«

»Halt!« Der Sergeant fühlte, daß die Hand des greisen Mönchs ihn mit unerwarteter Kraft festhielt. »Hörtest du nichts? – Dort, dort!«

Eine Flintensalve dröhnte ganz unerwartet von einer andern Seite her, aus nicht allzugroßer Entfernung. Sie kam zweifellos von der Richtung der Spiaggia her – den Häusern unterhalb des Monte Agatha!

»Heilige Jungfrau – rette ihn! – Der Weg nach Mola wird abgeschnitten – die Neapolitaner sind hinter uns! – Zu dem Tor, Schurke, schließe das Tor!«

Der Sergeant rannte davon. – – Zwischen den Schüssen, die sich mehrten, hörte man den rasenden Galopp eines Pferdes, das auf dem Pflaster des Hofes pariert wurde. Gleich darauf fielen die schweren Torflügel ins Schloß.

»Der König! – Wo ist der König?«

Der Mönch kniete im Gemach und schlug mit der Stirn den Boden. »Heilige Jungfrau steh mir bei!« – – –


In dem Borgo tobte der Kampf.

Wir haben bereits erwähnt, daß die Vorstadt von Gaëta, fast unter den Wällen der Festung beginnend, sich in einer Straße dicht am Ufer des Golfs hinzieht, und daß man versäumt, oder daß vielmehr die Menschenfreundlichkeit des jungen Königs verhindert hatte, bei dem Rückzug in die Festung die Häuser und Villen zu rasieren, eine Vernachlässigung aller militärischen Regeln, die sich schwer an den Belagerten rächte, da die Belagerer dadurch Gelegenheit fanden, sich bis dicht an die Werke einzunisten.

Zwar hatte das Feuer der Zitadelle und namentlich der Bastion di San Giacomo, unter deren gerader Schußlinie gegen die Batterie des Augustinerklosters am Monte Atratino wenigstens der vordere Teil des Borgo lag, diesem Nachteil später abgeholfen, aber doch nicht hindern können, daß selbst die Trümmer zu trefflichen Deckungen wurden, und außerdem lag der größere Teil dieser Vorstädte, namentlich Albano und Spiaggia, außerhalb des Bereichs des Feuers der Festung, die nur schlecht mit gezogenen Geschützen versehen war.

Dennoch war der kühne Überfall vollständig gelungen.

Die Vorposten der Piemontesen, deren Wachsamkeit durch das tobende Unwetter eingeschläfert worden, wurden fast sämtlich überrascht, und es gelang Major Simonetti mit seiner tapferen Schar, aus der großen Straße im raschen Anlauf bis fast zum Wege vom Monte Atratino, also bis über die Hälfte der Vorstadt, vorzudringen, bevor sie auf namhafteren Widerstand stieß.

Die Abteilung Jäger bildete den Vortrab und hatte den Auftrag, vorzüglich das Sammeln des Feindes aus den einzelnen Häusern zu verhindern und die erste Kompagnie des zweiten Bataillons, die in geschlossenen Gliedern im Laufschritt den Hauptkeil bildete, zu flankieren. Die Kompagnie wurde von ihrem Kapitän Graf Christen geführt und bei ihr befand sich die Hälfte der Artilleristen mit den Pulversäcken, um jeden Verhau oder jedes andere Hindernis sogleich zu sprengen, während die andern fünf bei der zweiten Kolonne zurückbehalten wurden, um einen besonderen Auftrag auszuführen. Der Befehl lautete, ohne Rücksicht auf den Verlust bis Zur Villa Albano vorzudringen, sämtliche Bewohner zu Gefangenen zu machen, sich mit den Schweizern und Franzosen von San Agatha her zu vereinigen und mit diesen den Rückzug nach der Festung anzutreten. Die zweite Kompagnie, deren Befehl der Kommandeur des Bataillons, Major Bianchetti, gegen den Wunsch der Königin sich nicht hatte nehmen lassen, war bestimmt, den Kampf im Borgo selbst zu unterhalten und den Rückzug zu decken.

Die Befehle waren für den nächtlichen Kampf mit Umsicht und Präzision erteilt – nur Major Simonetti und die Führer der Kompagnien wußten um den eigentlichen Zweck des Ausfalls.

Um 11 Uhr 30 Minuten – man hatte bei der stürmischen Witterung diese halbe Stunde auf den Marsch der Flottillenkolonne mehr gerechnet, obschon man nicht einmal wußte, ob sie überhaupt ihr Ziel hatte erreichen können, – war von der Fremdenbatterie die blaue Rakete in die Luft gestiegen. Im selben Augenblick passierte die Spitze der Landkolonne die Brücke des Glacis der Porta di Terra.

Es war der strengste Befehl gegeben, das tiefste Schweigen zu beobachten. Jedes unvorsichtige und voreilige Entladen eines Gewehres – ein Übelstand, an dem so häufig nächtliche Ausfälle scheitern, sollte mit dem Tode bestraft werden.

Zwischen dem Glacis und den Gartengeländen des Borgo, in denen die ersten Vorposten standen, befand sich freies Steinfeld von etwa 200 Metern das man passieren mußte. Es geschah im kurzabtretenden, langaushaltenden Laufschritt – in höchstens 3 Minuten waren die ersten Häusertrümmer erreicht und man sah bereits aus den Kellerwölbungen und einigen verschonten Parterres Lichtschein blinken, als das erste Wer da? einer Schildwache ertönte.

Die Antwort des Hauptmanns Graf Christen war die berühmte oder berüchtigte, welche der Goethesche Götz dem Trompeter gibt! – Im nächsten Augenblick feuerte der Bersagliere auf die Entfernung von fünf Schritten, aber die Kugel verfehlte ihr Ziel und der Degen des tapfern Grafen durchbohrte die Schildwache. Ein zweiter Schuß folgte – ein Bajonettstoß warf den Piemontesen nieder, über ihre Körper hinweg sprang der Hauptmann vorwärts mit dem Ruf: » En avant les legionairs! à moi les chasseurs! Point de quartier à cette canaille!« Wie ein Sturmwind ging es vorwärts – aus den Trümmern, aus den Häusern stürzten die Bersagliere und Soldaten, die hier gezecht oder geschlafen – viele waffenlos, die meisten verwirrt, ohne Halt, ohne Zusammenhang, jeden Kommandos in den ersten fünf Minuten entbehrend.

» En avant! En avant! – Vorwärts Kameraden!«

Nur wenige von den Piemontesen wußten, daß der König die Nacht in San Agatha zubrachte, um am andern Morgen bei Eröffnung des Feuers zugegen zu sein. Sie konnten also nur den Überfall für eine gewöhnliche, freilich mit überraschender Kühnheit ausgeführte Rekognition halten.

Bereits war die erste Kolonne bis unterhalb des Kapuzinerklosters vorgedrungen und die zweite hielt im Borgo das Gefecht fest, das jetzt immer heftiger wurde, als endlich die Piemontesen sich ermannten und ihre Signale zum Sammeln ertönten.

»Leutnant Méricourt!«

»Kapitän!«

»Dort vor uns, rechts am Rande, muß die Batterie liegen – Sie kennen Ihre Aufgabe!«

» Merci!«

Der Zug schwenkte in die noch öden Seitengassen, die zum Strande führten, und stürmte vorwärts.

In diesem Augenblick war es, wo man die ersten Schüsse von jenseits San Agatha her vernahm. Der Graf blieb einen Augenblick stehen, um zu verschnaufen, Leutnant Max, den Säbel in der Hand, stand neben ihm.

»Gott sei Dank! Nun haben wir ihn!«

»Wen?«

»Wen anders als den König, den Re gentilhuomo, den Kirchenschänder. – Aber – Schwerenot – welches von diesen verfluchten Häusern ist denn eigentlich das rechte? In diesem Höllenwetter ist man ganz konfus geworden. He, Leute, weiß einer hier besser Bescheid? Welches ist die Villa Albano?«

Dieser Augenblick der Zögerung war es, der das Schicksal des Ausfalles, wahrscheinlich des ganzen Krieges, entschied.

Als der deutsche Offizier die Antwort des Kapitäns hörte, begriff er sofort die ganze Wichtigkeit jedes Moments. Er verstand nur wenig Italienisch, das wenige, was er in der kurzen Zeit der Belagerung von den Soldaten gelernt, aber er sah sogleich den einzigen Weg zur Auskunft.

»Einen Augenblick, Herr Graf, – nur einen Augenblick Verzug – ich bin sogleich zurück! Toni – mit mir!«

Er lief die Gasse zurück – der Milchbruder der jungen Königin schloß sich ihm an, – Hradek, der gleichfalls die Worte des Führers gehört, wollte ihm folgen, aber die Hand des Grafen hielt ihn fest.

»Nicht von der Stelle Bursche – es ist genug, wenn einer desertiert. He – das ist ein Reiter, schießt Bursche!«

Mehrere Schüsse knallten hinter dem Reiter drein, der über den Weg vorüberflog – aber ohne Erfolg.

Der Graf stand in der Tat ratlos – durch ein Versehen war der Kompagnie kein Mann beigegeben, der in den Uferorten genau Bescheid wußte, man hatte sich auf die Abteilung des Oberstleutnants Migy verlassen, der eigentlich die Aufgabe der Sperrung der Straße zwischen Albano und Mola und die Aufhebung des Königs in der Villa Albano unterhalb San Agatha zugefallen war und bei der sich die ortskundigen Führer befanden. Aber Kapitän Steiner mit den Schweizern war von dem seinen verleitet worden, den Weg um die Nordseite des Monte Agatha nach dem Strande einzuschlagen, und obschon es seiner Abteilung – bei der sich Oberstleutnant Migy, der Kommandeur der Expedition befand, gelungen war, sich unentdeckt durch die piemontesischen Posten zu schleichen und bis zu dem Signal von der Festung her zu verbergen, war die Sperrung der Straße doch zu weit entfernt, an der Ausmündung des Weges hinter Spiaggia erfolgt.

Graf Christen wollte eben den Befehl geben, auf jede Gefahr hin vorwärts zu dringen, nach der alten Kriegsregel, dahin zu marschieren, wo man das Feuern hört, als ein Ruf der Jäger ihn aufmerksam machte.

Den Säbel in der Faust, atemlos, kam der Offizier, der nur unter dem Namen Max gekannt war, mit dem Korporal zurück. Beide schleppten oder schleiften zwischen sich einen Mann, der kläglich um Pardon schrie.

Der Leutnant blutete aus einem leichten Hieb über die Stirn, das Blut an Faust und Säbel bekundete, daß seine Absicht nicht ohne Kampf und Gefahr ausgeführt worden. Der Korporal war unverletzt.

»Hier, Kapitän – der Bursche ist aus dem zweiten Hause von hier – ich holte ihn aus den Versaglieri, die sich dort sammeln und gleich auf dem Halse sein werden. Geben Sie Ihre Order.«

Der Graf rief nach dem Offizier der Jäger und befahl, die Straße zu halten, bis Leutnant Méricourt mit seinem Zuge zu Hilfe kommen würde, dann wandte er sich zu dem Gefangenen, der zu seinen Füßen lag.

»Wo ist die Villa Albano hier, Kerl?«

»Exzellenza – ich weiß nicht, ich bin nur ein armer Vivandiere!«

»Um so besser mußt du Bescheid wissen! Hier das schärft das Gedächtnis!« Er setzte ihm die Läufe des Revolvers an die Stirn.

»Um der heiligen Jungfrau willen, Exzellenza – töten Sie mich nicht, ich will alles zeigen! Bei meinem Schutzpatron – die Villa Albano ist keine zweihundert Schritt von hier – dort die weiße Mauer – das Tor steht offen – Sie sehen es nur von hier nicht!«

»Voran denn!«

Der deutsche Offizier riß seinen Gefangenen auf und stieß ihn vorwärts, den Weg zu zeigen – aber der günstige Moment war vorüber, die massiven Tore des Vorhofes waren bereits geschlossen, die Mauer, die bis zum Strande lief, so hoch und lang, daß man sie nicht im ersten Anlauf übersteigen konnte.

»Es sind Offiziere drinnen, Generäle und Damen, ich habe sie selbst gesehen, Exzellenza!« beteuerte der Kerl der bereit war, alles zu sagen, was sein elendes Leben retten konnte. »Bei der Madonna, ich rede die Wahrheit.«

»Dann sind wir am rechten Ort! – Vorwärts Leute, versucht das Tor oder die Mauern zu erklimmen!«

Die Kolben der Legionäre donnerten vergeblich gegen Schloß und Balken, – den ersten, den seine Kameraden auf ihren Schultern über die Mauer zu heben suchten, traf von innen ein Schuß durch den Kopf und er stürzte tot zurück.

»Ha – sie verteidigen sich! Wir haben sie! – Die Artilleristen her!«

»Ohm – wo seid Oes!«

Der Böhme, der die beiden Pulverträger anführte, schien ziemlich widerwillig dem Ruf und Befehl zu gehorchen. Er ließ das erste Pulverfaß auf den Boden fallen und erst der wiederholte strenge Befehl, eine Petarde an das Tor zu legen, ließ ihn gehorchen – aber es geschah so ungeschickt, daß die halbe Ladung verschüttet wurde und die Explosion bloß die massiven Flügel erschütterte.

Eine für den Erfolg jetzt so kostbare Zeit war dadurch verloren – von dem Offizier der Jäger traf eben Botschaft ein, daß er sich nicht länger halten könne ohne Verstärkung gegen den Andrang – ohnehin sei er bereits verwundet.

Einen Augenblick kämpfte der Kapitän mit sich – dann zeigte sich der wackere Mann entschlossen, den schwierigern Teil der Aufgabe selbst zu übernehmen, da er seinem jüngeren Offizier noch nicht genug Erfahrung zutrauen konnte, mit der nötigen Kaltblütigkeit und Umsicht das Gefecht zu leiten.

»Leutnant Max!«

Der Offizier sprang herbei.

»In Ihre Hand lege ich das Geschick des Königs und der Königin. Stürmen Sie die Villa – wer sich widersetzt oder zu entkommen sucht, wird niedergeschossen, ohne Rücksicht der Person! Viktor Emanuel ist in dem Hause – wir müssen den König von Sardinien haben, tot oder lebendig! Die Augenblicke sind kostbar! Mit Gott!«

Er nahm die Hälfte der Leute mit sich und eilte zu den Jägern. Zugleich sprang der Leutnant an das Tor.

»Wo ist die andere Pulvertonne?«

»Was weiß ich!« sagte der Böhme trotzig.

»Hier ist das Pulver, Herr Max« – rief Toni – »der Artillerist da trägt's noch.«

»Hierher! Geschwind, Bursche!«

Hradek schaute grimmig auf den jungen Mann.

»Leg die Petarde, rasch, und daß kein Korn verschüttet wird!«

»Dann tut's hübsch selber, Junker, wenn Ihr's besser versteht! Ich habe keinen Zündschwamm mehr.«

Der junge Mann sah ihn einen Moment starr an – dann zog er den Revolver, den er bisher nicht gebraucht. Er beugte sich vor, daß nur der Artillerist ihn hören konnte.

»Höre mich an, Mensch – ich traue dir nicht! – Aber so wahr ich an Gott glaube – wenn binnen drei Minuten dies Tor nicht in Stücke fliegt, zerschmettert dir, ob du schuldig oder nicht, eine Kugel den Schädel!«

Das Auge des jungen Offiziers funkelte so drohend, sein schönes, sonst so trauriges Gesicht drückte einen solchen Grad unbeugsamer Entschlossenheit aus, daß der alte Landsknecht es für geraten hielt, ohne weiteres zu gehorchen. Er legte die Petarde an, zündete den Zunder und sprang dann zur Seite hinter den Vorsprung der Mauer.

Wenn er vielleicht geglaubt hatte, dem Offizier zu entgehen, so hatte er sich getäuscht. Der Leutnant blieb auch hier dicht neben ihm, das Auge fest auf ihn gerichtet, den Revolver gehoben.

»Korporal Lechberger!«

Der Milchbruder der Königin antwortete:

»Bei deinem Kopf – du stehst für diesen Mann und gehst ihm nicht von der Seite, – ich …«

Die Explosion unterbrach ihn – das Tor splitterte aus seinen Angeln.

»Es lebe die Königin!« Mit geschwungenem Säbel sprang der deutsche Offizier über die rauchenden Trümmer in den Hof – mit dem Ruf: » Evviva il Ré Francisco! Vive la Reine!« folgten ihm die Legionäre.

In dem Hof standen eine Kalesche und ein Fourgon; zur Seite war ein Dragonerpferd angebunden, – von dem Reiter oder den Schildwachen keine Spur – der Hof war leer, nur vor dem Eingang zum Souterrain stand in weißer Mütze und Jacke der Koch mit seinem ganzen Küchenpersonal. Die Tür der Villa war geöffnet, – das Vestibül hell erleuchtet, aber keine Seele darin zu sehen.

Der Offizier und seine Legionäre blieben verblüfft stehen – sie hatten einen blutigen Kampf, einen heftigen Widerstand erwartet, – diese anscheinende Ruhe und Stille kam allen überraschend und man vermutete natürlich einen Hinterhalt. Der junge Offizier gab rasch seine Befehle – vier Mann als Wachen am Tor, den Zugang bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, ein Posten vor das Souterrain, – der Sergeant der Kompagnie mit vier Mann um den Seitenflügel, die Terasse und den Garten nach dem Strand zu untersuchen – alle diese Anordnungen geschahen im Fluge; dann befahl der Leutnant dem Rest seiner Mannschaft ihm zu folgen und eilte die Stufen hinauf in das Vestibül.

Alles war leer – aus einem entfernteren Zimmer allein drangen lustige Stimmen und lustiges Gläserklingen herüber.

»Ein Posten an die Tür!«

Der junge Deutsche öffnete das Vorzimmer, – leer! – Die Tür des anstoßenden Salons war halb geöffnet – von dort her das Lachen und Klingen. Er stieß die Tür auf; in einem elegant dekorierten Salon, an einer reich mit Kristall und Silber besetzten Tafel, die noch mit dem Dessert und einer Batterie Flaschen bedeckt war, saßen zwei Damen und ein Herr; ein Kammerdiener in schwarzem Frack, weißer Krawatte, aber in ziemlich unsauberer und alter Militärhose, das Gesicht eine halbe Fratze, bediente die Gesellschaft.

Der Herr saß, ein Kelchglas voll Champagner gegen das Licht erhoben, mit dem Rücken gegen die Eindringenden.

»Sire – im Namen meines Monarchen, – Sie sind mein Gefangener!«

Der Fremde erhob sich und kehrte sich nach dem Offizier um, das Eulengesicht des Grafen Conti blickte ihn an.



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