Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Auf der Wolfsjagd.

Das mittlere Europa ist trotz aller Ausrodungen der Industrie noch immer reich an jenen gewaltigen Waldmassen, die man am Mississippi und Orinocco als Urwälder bezeichnet. Die Wälder Slavoniens, die Sümpfe von Bialowice, selbst einige Gegenden Deutschlands bieten eine so ergreifende Waldeinsamkeit, eine solche Urwüchsigkeit der Vegetation und des Naturlebens, daß man in der Tat nicht nach Amerika oder Indien zu gehen braucht, um das Schaffen und Vergehen der Natur in der ungestörten Form der Schöpfung bewundern zu können.

In eine solche urwüchsige Landschaft greift der Faden unserer Darstellung hinein.

Der Wartha-Strom, welcher das westliche Polen durchzieht, wendet sich von Kolo aus fast im rechten Winkel scharf hinüber nach der preußischen Grenze, an der er die Prosna aufnimmt. In diesem Winkel bis hinauf zum Sleszyner See befindet sich ein morastiger Waldbruch, der an Einsamkeit und Urwüchsigkeit kaum etwas den Urwäldern Amerikas nachgibt, die der Indianer und der Puma durchstreifen.

Freilich zieht durch diese Sümpfe nicht der rote Mann auf seinem Mocassin, nicht durchfurcht das Kanoe des Delawaren die Flut des vielarmigen Sees, nicht unterbricht das Geheul des Jaguars die tiefe Stille, – aber das Geschlecht, das spärlich diese Gegend bewohnt, ist fast unwissender als der rote Mann der Felsgebirge, seine Sinne sind stumpfer, seine Instinkte ebenso rauh und grausam, und sein Glaube ist fanatischer, vorurteilsvoller, als der des Kriegers, welcher von den ewigen Jagdgründen des großen Geistes träumt und auf einen Fetisch sein Vertrauen setzt.

Jene sumpfige Waldniederung hat etwa drei deutsche Meilen in der Länge und Breite, der im Norden anstoßende See hat die gleiche Länge, an seiner breitesten Stelle aber nur die Ausdehnung einer halben Meile. Um den Südrand des Sumpfes zieht sich die Chaussee von Konin und Kolo, die Straße von Posen nach Warschau. Wenige Dörfer liegen um den Wald, die ganze see- und morastreiche Gegend ist bis zur Grenze bei Thorn hinauf wenig bevölkert und von keiner Hauptstraße durchzogen.

Wohl wegen dieser Eigenschaften und wegen der Nähe der Posener Grenze hatte das Agitationskomitee dieselbe zu einem der Sammelplätze im Norden bestimmt.

Dem scharfen Frost, der die erste Januarwoche auszeichnete und der bis auf 16 Grad gestiegen war, waren einige mildere Tage gefolgt. Die seit Mitte Dezember herrschende strenge Kälte im nördlichen Europa hatte aus den litthauischen und masurischen Wäldern ganze Rudel von Wölfen tiefer herunter ins Land geführt und in den kleinen polnischen Dörfern waren durch die Bestien bereits verschiedene Unglücksfälle vorgekommen.

Die Nacht war bereits eingebrochen, der Mond noch nicht aufgegangen und nur die weiße Schneedecke gab einige Helle zwischen dem dunklen Tannenforst und ließ eine einsame, wilde Waldlichtung erkennen.

Vom Ende derselben leuchtete ein einsames Licht. Es kam aus dem einzigen kleinen Fenster einer niedern Hütte von rohen Baumstämmen, dessen erblindete Scheiben nur spärlich von einem halbzerbrochenen Holzladen bedeckt waren. Die Zwischenräume der Balken waren mit verwittertem Moos verstopft, die Wände von außen bis zur Hälfte der Höhe mit festgestampftem Schnee umgeben, das Dach aus Bohlen gebildet, deren Spalten und Risse dem Rauch den Ausgang gewährten.

Einige mächtige Stöße von gefälltem Holz befanden sich in der Nähe der Hütte, zwischen denen ein kläglich aussehender Stall oder Schuppen sein zerrissenes Dach erhob. Das Ganze hätte bei Tageslicht als vollständiges Bild des traurigen verkommenen Zustandes gelten können, in dem sich die meisten Wohnungen der polnischen Landleute selbst in den Dörfern befinden, – und nun erst gar hier in der wildesten Einöde.

Auch das Innere der Hütte bot kaum einen tröstlicheren Anblick. Eine Holzwand aus rohen Planken schien eine einzelne kleine Kammer abzuschließen, sonst war der ganze Raum des Innern frei und zeigte kaum irgendeine Bequemlichkeit des Lebens. Auf dem niederen Kaminherd an der Wand brannten ein paar mächtige Kloben und verbreiteten einiges Licht und Wärme in dem traurigen Raum – doch glänzte und blinkte es an den Wänden: das Licht der Flamme spiegelte sich in mehreren dort aufgehängten blanken Holzäxten und in dem Lauf einer Büchse wieder. In der Ecke lehnten zwei oder drei Wolfsspieße und das aus getrocknetem Laub und Moos aufgeschüttete Lager an der andern Hüttenwand war mit zwei schweren Wolfsfellen bedeckt.

Eine rohe, breite Holzbank stand vor dem Feuer, auf dem an eisernem Haken ein schwarzer Kessel hing, dessen Inhalt jedoch ein so angenehmer und kräftiger Duft entstieg, wie er selbst einer herrschaftlichen Küche nicht hätte besser und angenehmer entsteigen können. In einem Topf auf dem Herde brodelte heißes Wasser.

Fünf Personen befanden sich in dem Raum, vier Männer und ein Knabe. Der eine, eine große, schlanke Gestalt, in einen russischen Militärmantel gehüllt, lag auf den Wolfsfellen, ein anderer hatte am Feuer Platz genommen und rauchte, während der Knabe mit einem langen Holzlöffel zuweilen in dem Kessel rührte, dem jene kräftigen Düfte entstiegen. Das schlaue, spitze Gesicht gehörte offenbar dem ebenso listigen als kecken, jungen Spion der revolutionären Propaganda, der bei den Vorgängen, die wir aus den Tagen der Kaiser-Zusammenkunft in Warschau erzählten, eine Rolle spielte.

Zwei der Männer saßen an dem aus rohen Brettern zusammengefügten Tisch, im eifrigen Gespräch über mehrere Papiere und eine ausgebreitete Karte von Polen gebeugt. Einer der Männer von echt polnischer, interessanter Physiognomie trug die grobe Kleidung eines Waldwärters oder Jägers, gerade wie der vierte Mann, der auf dem Holzblock vor dem Feuer saß, in dieses stierte und dabei eifrig auf das Gespräch der beiden am Tisch hörte. Sein rauhes, wettergebräuntes Gesicht, der wilde, ungeschorene Bart, die plumpen, groben Hände, die mit dem Gewehr zwischen seinen Knien spielten, bewiesen, daß die Kleidung seinen wirklichen Stand bezeichnete, während die feine, schmächtige Figur des anderen, die Weiße und aristokratische Form seiner Hände und der ganze Anstand seiner Bewegungen nicht dazu paßten.

Wir haben dies schmale, ernste Gesicht mit der kräftigen Stirn, der gestreckten Nase und den halb melancholischen, sinnenden Augen bereits an anderem Orte und in anderer Gesellschaft gesehen, drüben jenseits der preußischen Grenze in der Begleitung des Grafen Czatanowski und seiner schönen Tochter und in der Vermummung eines Knechts des jüdischen Schmugglers Jokef, zuletzt, als die Kugeln der Straßniks das Herz des armen Kosakenmädchens durchbohrten!

Einen eigentümlichen Charakter hatte die ganze Erscheinung des vierten der Männer. Er war von untersetzter, kräftiger Statur und trug einen dunklen Pelzpaletot. Sein Kopf hatte etwas Mächtiges, fast Drohendes, und dem finstern, strengen Ausdruck des Gesichts, den fast keine Wendung des Gesprächs veränderte, gab die Brille mit den dunklen Gläsern selbst etwas Dämonisches. Und doch war in diesem Ausdruck, in dem ganzen Wesen des Mannes nichts Niederes oder Anwiderndes – in dieser Starrheit lag etwas Antikes, in dem grollenden Ton der Stimme das Rollen fernen Donners, in dem Inhalt seiner Worte der blutige Fanatismus, wie er etwa einen Danton beseelte und die Feinde der Republik unter das Messer der Guillotine schicken ließ.

»Lassen Sie uns den Plan, den Sie uns da überbringen, Herr Kapitän,« sagte er mit tiefer Stimme, »noch einmal genau durchgehen. Ich werde an den einzelnen Stellen meine Einwendungen machen. Wir repräsentieren in unseren Personen die drei großen Kräfte der Revolution – der Herr Graf dort, den die Anstrengung des Weges etwas angegriffen zu haben scheint, den geschädigten Adel der Emigration, Sie den beleidigten Soldaten, ich das unterdrückte Volk. Lassen Sie uns prüfen, welche Wege uns am sichersten zu dem gemeinsamen Ziele führen: der Vernichtung unserer Feinde.«

»Der Befreiung des Vaterlandes!«

»Der Wiederherstellung Polens!«

»Da haben wir gleich drei verschiedene Ausdrücke für eine gleiche Sache,« sagte der Finstere. »Halten wir uns an das nächste und erste, die Vernichtung unserer Feinde, also der Russen und aller Lauen. Wer in diesem Kampfe nicht mit uns ist, ist unser Feind. Nur der Schrecken und die Furcht kann die große Zahl der Lauen im Lande zwingen, zu uns zu stehen. Darum wiederhole ich Ihnen: der Zwang allein muß regieren!«

»Ich bin zu kurze Zeit in Warschau gewesen,« sagte derjenige, der als Graf bezeichnet worden, »um mir eine selbständige Meinung über die Stimmung aller Stände bilden zu können. Die Verhaftung Asniks und die strenge Verfolgung, die nach dem unvorsichtigen Streich des Herrn Chmelenski im Belvedere eintrat, zwangen mich, die Stadt zu verlassen, nachdem mein Fuß, den ich mir bei dem Sprung aus dem Fenster verstaucht, wieder hergestellt war.«

»Schade, daß der Herr Graf es so eilig hatte, selbst das beste zu vergessen!« meinte der andere höhnisch.

Eine helle Röte überflog das Gesicht des jungen Aristokraten.

»Glauben Sie vielleicht, Pan Lempke,« sagte er heftig, »es wäre besser gewesen, die Polizei hätte uns alle verhaftet und die wichtigen Papiere saisiert, die ich bei mir trug, und deren Verlust wahrscheinlich die ganze Erhebung von vornherein unmöglich gemacht hätte, oder zweifeln Sie an meinem Mut, wo es ihn zu zeigen gilt?«

Der ältere Mann mit der Brille blickte mit überwiegender Ruhe auf den Erzürnten nieder. »An dem Mut des Grafen Oginski,« sagte er fest, »wird kein Pole zweifeln. Sie haben ihn schon als Knabe bewiesen. Aber die notwendige Eigenschaft eines Verschwörers ist nicht der Mut, sondern die Ruhe, die Besonnenheit im Augenblick der Gefahr, der rasche, das Richtige treffende Entschluß, und in dieser Beziehung hat ein Mädchen Ihnen, den Männern, damals ein Beispiel gegeben.«

»Das arme Kind,« rief erschüttert der Graf, – »können Sie mir etwas näheres von dem Schicksal des Fräulein von Marowska mitteilen?«

»Ihr Arm ist amputiert worden. Sie hat die Schmerzen mit der Ruhe einer Spartanerin ertragen und nichts gestanden, als was sie von vornherein gesagt – sie sei die Geliebte unseres Freundes Adam Port Asnik und habe ihn warnen wollen.«

Ein bitterer Ausdruck zuckte über das Antlitz des jungen Mannes. »Und war dem wirklich so, Herr?«

Der Brillen-Ludwig, Ludwig Oculiarnik – diesen Namen führte der später so gefürchtete revolutionäre Organisator Warschaus, Wladimir Lempke Entschieden eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Revolution. Er war aus Kiew gebürtig, der Sohn eines General-Majors. – zuckte die Achseln. »Was kümmert's mich – was kümmern mich die Frauen? Ich sehe nur darauf, daß sie ihre Schuldigkeit tun und zuverlässige Werkzeuge sind; ihre Moral geht mich nichts an. Soviel ich gehört, ist Fräulein von Marowska noch in Haft, wird aber nächstens entlassen werden, wenn man nicht vorzieht, ihr die Haare zu scheren und sie in ein Zuchthaus zu stecken. Im erstern Fall kann sie ihren Geliebten aufsuchen – denn es ist Asnik vor acht Tagen gelungen, durch Bestechung eines Wärters aus dem Gefängnis zu entkommen. Nur dürfte sie ihm bald zur Last werden, denn eine einarmige Begleiterin ist so gut wie ein Steckbrief.«

Der herzlose Zynismus des Mannes empörte den Aristokraten, doch verbiß er seine Entrüstung und warf sich schweigend zurück auf das harte Lager. »Kommen wir zur Sache, Herr!« sagte er.

»Es ist an Ihnen und dem Herrn Kapitän, die Ideen des Pariser Zentralkomitees zu entwickeln.«

»Das Zentralkomitee wünscht zunächst, daß der Sitz der Nationalregierung und das Hauptquartier des Aufstandes nach Krakau verlegt werde,« sagte der Graf.

»Die Wahl,« fügte der Kapitän bei, der bisher der Unterredung ohne Einmischung zugehört, »hat vom strategischen Standpunkt bedeutende Vorteile. Die nationale Armee kann sich auf Galizien und die Gebirge stützen, für den Fall des Mißlingens ist die Aufnahme in Galizien, der Wiedereintritt an einem andern Punkt der Grenze leicht.«

»Wer an Flucht denkt, ehe er den Säbel zieht, tut besser, ihn in der Scheide zu lassen,« sagte der andere finster.

»Sie sind,« fuhr der Kapitän fort, »wenn auch nicht selbst Soldat, doch der Sohn eines alten Soldaten, und werden von ihm oft genug die ersten Regeln einer verständigen Operation gehört haben. Wie die Berichte an das Zentralkomitee besagen, ist außerdem die Warschau-Wiener Eisenbahn ganz in den Händen unserer Freunde, die Verbindung auf dieser Route also leicht und sicher.«

»Und dennoch haben Sie den Weg über Posen gewählt!«

»Weil ich mit Freunden im Großherzogtum zu konferieren hatte!«

»Auch wir rechnen auf die Unsern dort und ihre Erhebung.«

»Sie täuschen sich – ich war selbst lange genug preußischer Soldat Marian Langiewicz, der spätere Diktator, ist geboren zu Krotoschyn, der Sohn eines Arztes, studierte 1846 in Breslau, dann in Prag und Berlin Mathematik, und diente als Freiwilliger ein Jahr bei der Garde-Artillerie in Berlin. und habe zuviel jenseits der Grenze beobachtet, um nicht zu wissen, daß wir diesmal wohl auf den Zuzug einzelner aus dem Großherzogtum rechnen dürfen, aber nicht auf eine allgemeine Erhebung zu unserm Beistand. Die Richtung in Preußen und Deutschland hat diesmal andere Ziele. Selbst Guttry und Dzialynski, denen Sie gewiß nicht mißtrauen werden, erkennen dies an und fürchten große Schwierigkeiten. Sie raten, uns diesmal auf Österreich zu stützen und überdies zu warten, bis die Großmächte mit anderen politischen Verwickelungen beschäftigt sind, die nicht ausbleiben können.«

»Wir haben lange genug gewartet!«

»Die größte Kunst eines Feldherrn ist, den richtigen und günstigen Augenblick zum Losschlagen zu wählen und bis dahin seine Vorbereitungen zu beenden. Sie werden mir selbst zugeben, daß letzteres bei uns noch nicht der Fall ist. Um dies zu erreichen, dazu sind wir eben hier versammelt.«

Der Oculiarnik schwieg.

»Eine polnische Erhebung,« sagte der Graf, »wird, wie ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen kann, von Preußen mit großem Mißtrauen betrachtet werden und es in diesem Augenblick sicher in die Arme Rußlands führen. Sie haben in Warschau Gelegenheit gehabt, sich von der entente cordiale zwischen dem jetzigen Träger der preußischen Krone und dem Kaiser Alexander zu überzeugen. Etwas anderes ist es mit Österreich. Dort steht eine zur Unterstützung unserer Sache geneigte Bevölkerung hinter uns, Mißtrauen herrscht gegen Rußland noch von dem ungarischen Feldzug und dem Krimkrieg her, ja der Fürst weiß mit Bestimmtheit, daß die österreichische Regierung uns keine Hindernisse in den Weg legen wird und den russischen Koloß zu schwächen wünscht.«

»Warschau selbst,« suchte der Kapitän den Widerspenstigen zu überzeugen, »ist von der Elite der Truppen besetzt und von einer so großen Polizeimacht, daß die Vorbereitungen ihr kaum zu verbergen sein würden. Bedenken Sie wohl, daß ein Mißerfolg in Warschau seinen Rückschlag sofort auf das ganze Land üben und eine allgemeine Entmutigung herbeiführen würde, wogegen, wenn der Aufstand in andern Teilen des Landes beginnt, die Leitung an einem andern Ort ihren Sitz hat, unsere Sache weniger gefährdet ist.«

Der Republikaner hatte sich erhoben und stemmte beide Hände auf den Tisch. »Sparen Sie Ihre Beweisführungen, Pans,« sagte er finster, – »ich habe Ihnen eine Erklärung zu machen!«

»Und die ist?«

»Im Namen sämtlicher Fraktionen und Klubs in Warschau erkläre ich Ihnen, daß Warschau das Recht hat, als das Paris Polens zu gelten, und daß, wenn die Nationalregierung nicht von Anfang an nach Warschau verlegt und von dort die Erhebung geleitet werden soll, die Klubs sich auflösen werden und ihren Beistand verweigern!«

Der Graf drehte erzürnt dem Redner den Rücken. Es war unzweifelhaft, daß, wenn Warschau zum Sitz der Revolutionsregierung und der Agitation gemacht wurde, die demokratische Partei die Oberhand und die ganze Leitung der Bewegung erhalten würde, eine Wendung, die keineswegs in der Absicht des Pariser Zentralkomitees der Emigration lag.

Der starre Republikaner heftete durch die Brille sein finsteres Auge auf den Soldaten. »Was ist Ihre Meinung, Herr?«

»Wenn das die Bedingung der Erhebung ist, so muß ich mich fügen, obschon ich als Soldat anderer Meinung bin. Ich denke, ist die Erhebung erst erfolgt, so wird von selbst der Schwerpunkt in dem Hauptquartier des Oberbefehlshabers der Truppen sein.«

Der Brillen-Ludwig warf ihm einen trotzigen Blick zu. »Die Revolution von 1789 lehrt, daß die kommandierenden Generale nur Werkzeuge der Zentralregierung sind. Der Konvent zu Paris duldete Eigenmächtigkeiten nicht und hat, wie Sie sich erinnern, auch den Kopf von Generälen unter die Guillotine gelegt«

»Jedenfalls,« sagte der Offizier stolz, »würde ich niemals, wenn ich die Ehre eines Kommandos erhalten sollte, in meinem Lager Spione der Nationalregierung dulden, die sich in militärische Dinge mischen.«

»Es wird Zeit sein, wenn wir uns später an diese Meinung erinnern,« bemerkte der Bevollmächtigte der schwarzen Brüderschaft kalt. »Halten wir uns an die Gegenwart. Sie erklären sich demnach damit einverstanden, daß Warschau von vornherein der Sitz der Regierung ist?«

»Ja!«

»So ist der Vertreter des Herrn Fürsten Fürst Czartoriski. überstimmt. Damit Sie sehen, daß wir Gründe zu würdigen wissen, erklären sich die Komitees damit einverstanden, den Ausbruch der Bewegung um …«

»Auf zwei Jahre!« unterbrach ihn der Offizier mit Bestimmtheit.

»Gut – also um zwei Jahre zu verschieben. Es versteht sich, daß hierdurch die Demonstrationen, welche nötig sind, den Geist der Freiheit und des Widerstandes gegen die Tyrannei wach zu halten, nicht berührt werden. Dieser Verzug muß dazu benutzt werden, die Regierung und die bewaffnete Erhebung zu organisieren. Um diese Organisation festzustellen, sind wir hier zusammen. Gehen wir zur Sache.«

Er nahm ein Papier vom Tisch und schickte sich an, es vorzulesen, als ein lautes klagendes Geheul draußen ihn unterbrach.

»Was ist das?«

Ein entferntes Geheul, gleichsam ein Echo, antwortete.

Der Waldwärter am Feuer hatte sich erhoben.

»Die Wölfe!« sagte er kurz.

»Wie – die Bestien wagen sich so nahe hierher? Ich meinte, nur selten zeigten sich so tief hier unten die Tiere.«

»Litauen!«

»Du willst sagen, sie seien aus den litauischen Wäldern heruntergekommen? Geh hinaus und verscheuche sie. Geh und nimm den Jungen dort mit dir!«

Der Knabe, der so keck und furchtlos in den Straßen Warschaus jeder Gefahr für seinen Hals getrotzt, kauerte sich jetzt scheu in die Kaminecke.

»O Pan,« meinte er zitternd – »ich habe noch keinen lebendigen Wolf gesehen. Man sagt, sie fressen die Kinder und wohl auch große Menschen!«

Der Republikaner verzerrte das Gesicht zu einem lautlosen Lachen, das die weißen, spitzen Zähne sehen ließ. »Sukinsyn, der du bist! Geh nur mit Stenko! Wirst, ehe du viel älter bist, noch andere Wölfe sehen, die gefährlicher beißen, als die Bestien da draußen! – Geht – wir können euch hier nicht brauchen!«

Stenko, der Waldwärter, faßte den widerstrebenden Knaben beim Kragen seiner Jacke, und ohne sich um sein Bitten zu kümmern, trug er ihn zur Tür der Hütte, öffnete sie und warf ihn hinaus in den Schnee. Dann folgte er selbst, das Gewehr in der Linken, und schloß die Tür.

»So, meine Herren, wir sind allein. Der alte Stenko, den ich seit Jahren kenne, ist zwar von Natur kein Schwätzer und würde sich eher in Stücke hauen lassen, ehe er ein Wort verriete, und der Knabe, der Sie, Herr Graf, hierher geleitete, weil für ihn das Pflaster in Warschau zu heiß geworden, ist treu wie Stahl – aber was wir zu besprechen haben, geht über ihren Horizont. Also das Zentralkomitee in Paris wünscht die Organisation einer vollständigen Regierung?«

»Wir hoffen, daß der Nutzen sich alsbald zeigen wird,« erklärte der Offizier. »Man schlägt vor, das Zentralorgan aus fünf Wyzialys bestehen zu lassen, von denen jedes aus einem Direktor, einem Sekretär und einer Anzahl Beamten gebildet ist, und zwar aus dem Departement der inneren Angelegenheiten, der Finanzen, des Krieges, des Äußeren, der Presse und der Polizei. Die Organisation ist in den Grundzügen dieselbe, die vor und bei Ausbruch der Erhebung zur Ausführung kam. – Das Land wird in 8 Woiwodschaften geteilt« – er wies auf die Karte: »Plotzk, Augustowo, Masowien, Kalisch, Sandomir, Krakau, Lublin, Podlachien, und diese zerfallen wieder in 39 Bezirke, die Bezirke in Kreise und diese in Prichoden. Kirchspiele. Auf diese Weise ist eine straffe Aufrechterhaltung des Geschäftsganges und eine rasche Verbreitung der angeordneten Maßregeln ermöglicht. Die bürgerliche Verwaltung ist von der militärischen streng gesondert. An der Spitze der ersteren steht in jeder Woiwodschaft ein von der Nationalregierung aus den Einwohnern gewählter Chef, der zugleich die Kasse verwaltet und für die Hälfte der Summen einsteht, während der besonders ernannte Kassierer die andere garantiert.«

»Welche Funktionen sollen diesem Zivilchef übertragen sein?«

»Die Ausführung der Dekrete der Nationalregierung, die Eintreibung der auferlegten Steuern, die Kontrolle über alle Kassen und Administrationen, die Fürsorge für notleidende Familien, die Einrichtung einer geheimen Post, die Beschaffung und Aufbewahrung aller zur Ausrüstung der im Felde stehenden Truppen nötigen Gegenstände, die Gestellung von Pferden und die Einrichtung von Kommissionen für die Rekrutenaushebung. Endlich die Ernennung und Absetzung der Beamten und die Berichterstattung an die Nationalregierung.«

»Ein weites Feld! Fügen Sie die Überwachung der öffentlichen Meinung hinzu.«

»Jeder Distrikt,« fuhr der Kapitän aus einem Memoir lesend fort, »erhält in gleicher Art einen Chef; die Geschäfte der Kreisbehörden bestehen in der Erhebung der Steuern und Ablieferung derselben an die Distriktskasse. Die Finanzkasse des Distrikts darf nur bis zu 300 000 Gulden enthalten, Überschüsse werden an die Kasse der Woiwodschaft abgeliefert, deren Bestand 2 Millionen nicht übersteigen darf. Was darüber, kommt an die Nationalregierung. Der Kreisvorsteher ernennt die Kirchspielvorsteher, für jedes Dorf einen Ältesten, der eine Sicherheitswache bildet. Jede größere Stadt erhält ihre eigene Organisation nach diesen Grundsätzen.«

»Vortrefflich – bis auf eine kleine Vervollständigung der Funktionen. Und wie denkt sich das Pariser Komitee die Organisation der Militärverwaltung?«

Der Kapitän nahm ein anderes Blatt: »Die Hauptaufgabe derselben wird die Vermittelung zwischen der bürgerlichen Administration und den Truppenführern bleiben. Die Organisation unterliegt derselben Einteilung nach Woiwodschaften, Distrikten und Kreisen.

Der Organisator der Woiwodschaft hat die Aufsicht über das von der bürgerlichen Behörde angelegte Magazin. Jedes muß die vollständige Ausrüstung von 2 Infanteriebataillonen zu 676 Mann und von 2 Eskadrons zu 152 Mann nebst Mundvorrat für 30 Tage enthalten.«

»Das ist gut für die Bildung und Unterhaltung regelmäßiger Truppen, nicht für eine Revolution, die mit solchen zu kämpfen hat.«

»Hören Sie erst weiter! – Für den kleinen Krieg werden Partisanenkompagnien errichtet, für je 10 Quadratmeilen eine solche. Die Kompagnie unter einem Chef besteht aus 96 Mann und zerfällt in zwei wswods Züge. und 8 Sektionen zu 12 Mann, jede unter dem Kommando eines Unteroffiziers. Ihre Aufgabe ist, den Feind überall zu beunruhigen, Patrouillen und Transporte, Kuriere, Posten und Spione aufzufangen, die feindlichen Magazine zu plündern und zu vernichten, die Hospitäler aufzuheben, Wege und Telegraphen zu zerstören, den Detachements der unseren im Distrikt als Wegweiser und Spione zu dienen. Deshalb dürfen sie sich in ihrem Äußern durch nichts von den andern Bewohnern der Gegend unterscheiden. Die Offiziere, denen das Recht über Leben und Tod jedes Verräters und Feiglings zusteht, müssen ihr Korps aus kühnen, kräftigen, nüchternen Leuten, am besten aus Forstleuten bilden, und beständig umherstreifen. Nur den fünften Tag dürfen sie ruhen.«

»Bravo, Kapitän – das ist ein Dienst für unsern Stenko. Aber die Partisanen allein genügen nicht. Wir werden in Warschau ein Korps von Gendarmen errichten, die im geheimen alles und jeden überwachen und den Dienst der alten Liktoren verrichten. Ein Eid muß ihren unbedingten Gehorsam sichern. Eine solche Institution muß über das ganze Land verbreitet werden. Ihre Aufgabe läßt sich in wenig Worte fassen: ›Alle Mittel zur Vernichtung der Macht des Feindes sind gut und müssen angewandt werden!‹« »Instruktion der Nationalregierung vom 25. Januar 1863.«

»Ich habe nur mit Soldaten zu tun, nicht mit Polizeischergen und Banditen,« sagte der Offizier kalt.

»Bah – ehe zwei Jahre um sind, werden Sie anders denken. Nur merken Sie das eine, Herr, wer die Stimme Wladimir Lempkes haben will bei der Wahl eines Führers, muß gelernt haben, Blut zu sehen. Überdies sollte ich meinen, wäre Ihr General Garibaldi keineswegs so wählerisch gewesen in seinen Mitteln zur Eroberung Neapels und wer von dort kommt, müßte mit dem Dolch und Strick ebenso vertraut sein, wie ich meine Gendarmen zu machen hoffe. Doch da fällt mir ein – Sie wollen sich erinnern, daß ich Ihre Person erst in dieser Hütte habe kennen lernen – nach dem Bericht einer unserer Anhängerinnen aus dem Lager General Cialdinis befand sich zu Anfang dieses Monats Kapitän Langiewicz vor Gaëta?«

Seine Augen ruhten unter der Brille durchbohrend auf dem Kommissar des Pariser Zentralausschusses.

»Mißtrauen Sie mir?«

»Täte ich das, wären Sie bereits eine Leiche. – Das Sie hier sind und Wolawski für Sie bürgt, genügt mir. Aber ich sehe gern klar – jener Bericht datiert vom 2. Januar, läßt Sie in einem Überfall der Bourbonisten schwer verwundet sein, und heute – am 12. Januar – sehen wir Sie frisch und munter hier in den polnischen Wäldern?«

»Ich hatte die Ehre, Herrn Kapitän Langiewicz im vorigen Winter im Hotel Czartoryski in Paris zu sehen,« erklärte der Graf, »und erinnere mich deutlich seiner Person.«

»Ich danke Ihnen, Herr Graf, und wenn Sie nach Paris zurückkehren, werden Sie dort hören, daß auf den Wunsch des Zentralkomitees mein Vetter Michael Langiewicz einstweilen meinen Platz in Italien eingenommen hat, damit den russischen Spionen, welche überall die polnische Emigration überwachen, meine Reise desto leichter verborgen bleibe. Ihnen, mein Herr, danke ich die traurige Nachricht, daß mein Vetter verwundet ist. Mir hat Ihre Legitimation der Warschauer Komitees genügt, und Sie werden wohl mit der meinen zufrieden sein müssen.«

»Sie sind ein Tor, Pan, den Empfindlichen zu spielen. In unserer Lage darf keine Vorsicht versäumt werden. Lassen Sie …«

Ein Schuß vor der Hütte, dem ein klägliches Geheul folgte, unterbrach seine Rede. Der Graf und der Offizier, von der angeborenen Jagdlust ergriffen, eilten nach der Tür und rissen sie auf.

Der Mond war jetzt aufgegangen und erleuchtete mit seinem falben Schein die öde Landschaft. In einiger Entfernung am Röhricht des Sumpfes huschten einige kleine dunkle Körper wie Schatten nach dem dichtern Teil des Föhrenwaldes und ein klaffendes Bellen scholl von dort herüber. Auf der Schneefläche zwischen der Hütte und dem Seeufer wand sich ein dunkler Körper im Todeskampf und sein Geheul weckte das Echo. Zwischen dem aufgeschichteten Holz stand der Waldhüter, das noch dampfende Gewehr in der Hand und lachte auf seine Weise grimmig über den Todeskampf des Wolfes, der Knabe Janko aber, von seiner Furcht befreit, hüpfte vergnügt von einem Bein auf das andere und klatschte in die Hände über den glücklichen Schuß.

Der Alte schien Vergnügen an dem Jungen zu haben, denn er zog ein kurzes Handbeil aus dem Gürtel und reichte es dem Knaben. »Nimm! – Schlag tot! – Pelz gut für dich!«

Der Bursche nahm Zögernd das Beil, aber dann, gleich als schäme er sich der früher gezeigten Furcht, rannte er über den Schnee auf den sich windenden, heulenden Wolf zu.

»Lassen Sie uns schnell dem Knaben zu Hilfe eilen,« sagte der Graf, »ich möchte nicht, daß meinem kleinen Begleiter und Führer von Warschau von der Bestie ein Unheil zugefügt würde, denn ich sah in Sibirien mehr als einmal, daß verwundete Wölfe, selbst wenn sie schwer getroffen waren, noch wütend um sich bissen.«

Dem Wolf war in der Tat nur das Rückgrat zerschmettert, so daß er nicht mehr von der Stelle konnte, und der Knabe in seiner Hast, sich hervorzutun und seine frühere Furcht vergessen zu machen, wäre bei dem Eifer, mit dem er auf den Wolf mit dem kurzen Beil loshieb, wahrscheinlich schlecht weggekommen und hätte einen tüchtigen Biß erhalten, denn die Zähne der Bestie hatten den Stiel des Beils gefaßt und der Knabe war bei dem Versuch, es loszureißen, ausgeglitten und dicht vor dem Tier in den Schnee gefallen, als der Graf seinen Revolver von hinten an den Kopf des Wolfes setzte und ihn mit einem Schuß zerschmetterte. Der Kapitän richtete den Knaben, der zum Glück nur durch die Krallenhiebe des Tiers leicht verletzt war, empor und hielt ihm eine Strafpredigt.

Der Brillen-Ludwig unterbrach den Sermon. »Es hatte keine Gefahr – was hängen soll, ersäuft nicht! Bring das Aas ins Haus, Stenko, und ledre es ab – es ist ein starkes Tier und wird eine gute Wolfsschur geben. Kommt beide herein – wir können französisch sprechen, was ihr nicht zu wissen braucht und es ist Zeit, daß wir an unsere Mahlzeit kommen. Ich denke, dein wohlgezielter Schuß, der besser auf einen der russischen Wolfe gefeuert worden wäre, – wird die Bestien uns für diese Nacht vom Halse halten.«

Janko, der Knabe, schien doch von der nahen Berührung mit dem grimmigen Gebiß des Wolfes erschreckt, denn er half kleinlaut trotz einiger kurzen Lobsprüche des Alten über den bewiesenen Mut diesem nicht einmal das tote Tier in die Hütte schleppen und benutzte nur die Gelegenheit, ehe der Graf durch die niedere Tür wieder eintrat, ihm mit demütigem Pademdonek den Rockzipfel zu küssen. »Die heilige Jungfrau möge Euch's lohnen, gnädiger Herr, daß Ihr einem armen Jungen das Leben gerettet. Er würde es gern hingeben, Euch zu dienen.«

Einige Augenblicke nachher saßen sie alle wieder um das Feuer. Der wortkarge Stenko holte aus einer Ecke einige Blechnäpfe und zwei silberne Becher nebst zwei Flaschen Ungarwein und stellte sie auf den Tisch, den er mit seinem Ärmel abwischte.

»Zum Henker, alter Bursche – Silber in deiner Menage?« – »Weibsstück!« brummte der Alte.

»Fräulein Pustowojtów ist es, die uns versorgt,« erläuterte der Kapitän. »Ich sagte Ihnen bereits, daß ich es für gut hielt, nicht lange in Bielawice zu verweilen, um unsern Freund Wolawski nicht zu kompromittieren, dem ohnehin die russischen Behörden nicht zu trauen scheinen. Aber die einsame Wald- und Morastgegend hier ist trefflich geeignet, um einen Stamm tüchtiger Unteroffiziere auszubilden, und ich erwarte in der Tat einen kleinen Zuzug aus dem Posenschen zu diesem Zweck. Diese Waldhütte hat, wie sie selbst wissen, schon oft den Kompromittierten und Flüchtigen zum Versteck gedient, bis sie über die Grenze nach Thorn oder Inowrazlaw, oder tiefer hinunter bei Kalisch gebracht werden können. So bin ich denn hier und Sie erhielten nach Warschau Nachricht, wo ich zu finden war. Wolawski selbst oder ein Mitglied der Familie kann nur selten kommen, darum unterhält die Gouvernante seiner Kinder, ein Fräulein Pustowojtów, die wenig beachtet wird, die Verbindung und hat mir schon zweimal Botschaft gebracht und einige Vorräte zu unserm Unterhalt. Das andere leistet Stenko.«

»Pustowojtów? Es gibt einen russischen General dieses Namens!«

»Es ist ihr Vater. Sie ist aus Klein-Rußland und hat schon früh das elterliche Haus verlassen müssen, weil sie die Gesinnungen ihrer polnischen Mutter teilt. Sie ist zuverlässig und treu!«

Der Waldwärter hatte den Kessel vom Feuer gehoben und füllte mit einem großen, hölzernen Schöpflöffel jetzt jedem das ihm vorgesetzte Gefäß. Es war eine echte Zigeunermahlzeit: Geflügel, Wildpret, Schinkenschnitten mit Kartoffeln und Zwiebeln durcheinander gekocht, tüchtig gepfeffert und gesalzen und trefflich mundend. Während der Bevollmächtigte der Schwarzen Brüderschaft sich eifrig mit dem Essen beschäftigte, aber wenig trank, oder in seinen Notizen blätterte, unterhielten sich die jüngeren Männer von ihren Reisen, und der Kapitän erzählte dem Grafen, wie er eine Verwandte seines Namens drüben auf dem Gute des Grafen Czatanowski kennen gelernt.

»Es ist meine Tante,« sagte Oginski – »eine mehr als fanatische Anhängerin unserer Sache – oft zu weit gehend in ihrem Haß, der sich fast noch mehr auf die Deutschen richtet, als auf die Russen. Ihre Briefe verlangen dringend meinen Besuch – ich fürchte, sie hat die Absicht, eine Verbindung zwischen mir und der Komteß Czatanowski anzubahnen, und das wird um so mehr ein Grund sein, sie zu vermeiden und meinen Rückweg über Wien zu nehmen.«

»Komteß Kasimira,« bemerkte der Kapitän, »ist eine sehr liebenswürdige junge Dame und scheint mir kaum den Haß ihrer Erzieherin zu teilen, so wenig wie der Graf, ihr Vater, der eher zu den Lauen gehört.«

»Das ist bekannt genug, und daß er am Berliner Hofe eine persona grata. Die Komteß ist eine Erbin, denn die Verhältnisse des Grafen sind besser geregelt, als die irgendeines andern polnischen Magnaten, was leider eben einer der Krebsschäden unserer Nation ist. Aber wäre sie noch so reich, – ich …«

»So ist Ihr Herz wahrscheinlich anderweitig gebunden?«

»Ich wüßte nicht … und doch … Haben Sie die Geschichte gehört, wie ich bei der Verhaftung Asniks in Warschau entkommen bin?«

Der Offizier verneinte, und Graf Oginski erzählte seine Ankunft und Flucht in Warschau. Er schien mit Enthusiasmus bei der heldenmütigen Aufopferung der falschen Konditormamsell zu verweilen.

»Der Zweck meiner Mission,« sagte er offenherzig, »ist teils verfehlt, teils erreicht. Verfehlt, weil durch die unglückliche Überraschung der Polizei uns bedeutende Geldsummen verloren gegangen sind und ich gezwungen war, zwei Monate im Bernhardinerkloster still zu liegen und dann Warschau möglichst bald zu verlassen, ohne Gelegenheit zu finden, mit den verschiedenen Fraktionen mich genauer bekannt zu machen und Wielopolski zu unterstützen, auf den der Fürst und die Mehrzahl des emigrierten Adels ihre Hoffnung setzen. Ein persönliches Auftreten war mir aber durch jenes unglückliche Ereignis vollständig abgeschnitten und hätte den Markgrafen nur kompromittiert. So habe ich bei der Fraktion der Roten, denen ich nun einmal durch meinen Unfall in die Hände gekommen war, nur dazu wirken können, dem geschickten Plan sich nicht zu widersetzen: durch passive Demonstrationen die Brutalitäten der russischen Regierung herauszufordern, die allgemeine Unruhe und Unzufriedenheit zu steigern und dadurch, daß die moderierte Partei die Wiederherstellung der Ruhe selbst in die Hand nimmt, die Einmischung der Polizei und des Militärs ganz in den Hintergrund zu drängen und so nach und nach einen Einfluß zu erlangen, der dem einer nationalen Regierung gleichkommt und die wirkliche Macht dem russischen Zwingherrn aus den Händen nimmt. Wir wissen ganz genau aus der Umgebung des Kaisers, daß dieser sehr geneigt ist, den Versuch zu machen, die Verwaltung des Königreichs polnischen Händen zu übergeben. Man hat ihm Wielopolski empfohlen. – Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Überstürzung der Partei, die jener Herr vertritt.«

Er sah nach dem Abgesandten der Klubs, der neben den Waldwärter getreten war und ihm zusah, wie er dem Wolf den Pelz abstreifte.

»Hüten Sie sich vor ihm und seinen Freunden – es sind Männer des Bluts, die nur in Mord und Brand die Freiheit sehen und den Robespierre spielen wollen. Sie würden uns jede Sympathie rauben,« sagte er leiser.

»Fürchten Sie nichts, Graf. Ich gehöre zwar der demokratischen Partei an, doch nicht zu jenen und wünsche nur einen ehrlichen Kampf. Doch fahren Sie gefälligst fort in Ihrer Mitteilung.«

»Ich sagte Ihnen, daß ein Teil meiner Mission vereitelt worden sei, ein anderer erreicht. Zu letzterem Resultat rechne ich diese Zusammenkunft und die Einigung über die Verschiebung der Erhebung. Wären die Fraktionen in Paris einig, hätte es meiner Reise kaum bedurft. Sie beabsichtigen, noch längere Zeit hier zu bleiben?«

»Ich will nach Litauen und später nach Volhynien, da ich es noch immer nicht aufgebe, von Süden und Westen her die Erhebung zu gestalten. Meine nächste Aufgabe ist es, in den verschiedenen Landesteilen die Kadres für die künftige Revolutionsarmee zu bilden. Lassen Sie uns zunächst die Organisation und die Aufgaben der geheimen Nationalregierung weiter feststellen. Wann denken Sie nach Paris zurückzukehren?«

Der junge Aristokrat zeigte einige Verlegenheit. »Ich kann es in der Tat nicht sagen; ich glaube einige Verpflichtungen zu haben gegen die junge Dame, der wir unsere Rettung verdanken. Ich möchte nicht gern Polen verlassen, ohne über ihr Schicksal beruhigt zu sein.«

Der Offizier sah nachdenkend ins Feuer. »Ich glaube, Sie zu verstehen und ehre das Gefühl der Dankbarkeit. Vielleicht läßt sich Ihr Wünsch mit meinen Absichten verbinden. Wir sprechen weiter darüber, denn da kommt Pan Lempke zurück.«

Der Oculiarnik setzte sich auf seinen früheren Platz, nachdem er den Waldwärter geheißen, das Aas des Wolfes in einiger Entfernung von der Hütte in den Schnee zu werfen. »So, nun lassen Sie uns fortfahren. Wir haben noch nicht von der Nationalregierung selbst und von den Aufgaben ihrer einzelnen Departements gesprochen.«

»Das Kriegsdepartement,« fuhr der Offizier aus seinen Notizen fort, »würde sich nur mit der höheren Leitung des Kriegswesens zu befassen haben, namentlich mit der Verwendung der Gelder zum Ankauf von Waffen. Dieser kann zum Teil durch das Komitee in Paris erfolgen, wo sich Zwerczakewicz mit der Sache beschäftigen wird. Man wird in Lüttich und London Gewehre kaufen, ebenso Geschütze. Ich hoffe, dies auch in Preußen zu vermitteln, namentlich in Berlin und Königsberg, wo die Vorräte in alten Gewehren mit Perkussionsschlössern verkauft werden sollen. In Berlin stehe ich deshalb bereits mit Forster in Verbindung, und werde noch einen anderen Gewehrhändler engagieren. Es muß eine besondere Kommission zum Ankauf der Waffen gebildet werden – der Transport erfolgt über Gotha und Wien, oder auf der Weichsel. Die Leute müssen zeitig genug in Besitz der Waffen kommen, um darin eingeübt zu werden. Zur Aufbewahrung sind Magazine in den Provinzen zu bilden, von denen nur die Bezirkschefs Kenntnis haben dürfen.«

»Wir haben deren bereits drei in Warschau, im Bernhardiner Kloster, im Grabowskischen und Eckertschen Hause, die treffliche Verstecke bieten.«

»Das Departement der inneren Angelegenheiten,« fuhr der Offizier fort, »würde die Vermittlung zwischen der Regierung und den Woiwodschaften zu leiten haben. Zum Posten des Direktors bringt das Komitee Herrn Rafael Krajewski in Vorschlag, den Bruder des Amnestierten, und für das Kriegsdepartement Herrn Eugen Kaczkowski.«

»Ah« – sagte der Warschauer höhnisch – »man hat also bereits über die Personen verfügt!«

»Es sind Vorschläge des Zentralkomitees. Das Departement der Finanzen wird nur geringere Bedeutung haben, da der größte Teil der Geldmittel in den Woiwodschaften zur Verwendung kommen muß. Wichtiger ist das Departement der Presse, bei dem wir an das bereits Bestehende anknüpfen müssen. Was halten Sie von dem Redakteur der Warschauer Zeitung, Joseph Wagner?«

»Er hat das Zeug dazu, ist aber flüchtig und unzuverlässig – man darf sich nicht an eine bestimmte Person binden.«

»Es müssen verschiedene Zeitungen vorbereitet werden. Vor allem muß während der Zeit der Vertagung auf die Presse des Auslandes eingewirkt werden, am besten von Paris aus. Klagen über unerträgliche Tyrannei müssen in allen Blättern Europas einen stehenden Artikel bilden. Auch die Kunst muß für uns tätig sein. Das Bild ist eine permanente Sprache zum Herzen des Volkes.«

»Ich werde die Sache mit den geeigneten Personen besprechen. Doch Sie vergessen die Polizei der Revolution.«

Der Offizier machte eine abwehrende Bewegung. »Das Thema ist nicht meine Sache – ich denke, diese Organisation ergibt sich aus den Verhältnissen, und da Sie die Hauptstadt zum Zentralpunkt der Erhebung machen wollen, werden Sie dort die geeignetsten Wege und Personen finden.«

»Es fehlt nicht an, tüchtigen Leuten, überlassen Sie das mir und ich stehe dafür, eine Polizei zu organisieren, die nichts zu wünschen übrig lassen soll.« Die Augen des fanatischen Revolutionärs funkelten in wilder Energie. – »Aber lassen Sie uns zur Hauptsache kommen – wer soll die Regierung selbst bilden?«

»Derjenige, dem die Nation das Vertrauen schenkt es wird zunächst, bis der Sieg errungen ist, eine militärische Diktatur nötig sein.«

Der Oculiarnik lachte bitter aus. »O über die klugen Herren in Paris! – Das hieße nur den Namen der Tyrannei gewechselt! Nein, Herr – wir wollen uns weder von Aristokraten noch Soldaten knechten lassen, mögen sie auch polnische Namen führen statt eines russischen oder deutschen. Die souveräne Gewalt gehört der Volksjunta. Ihr zur Seite muß ein Revolutions-Tribunal stehen, das Recht hat über Leben und Tod, und dessen Befehle die geheime Polizei zu vollstrecken hat. Ich werde es organisieren! In jede Woiwodschaft muß ein besonderer Kommissar von der Junta gesandt werden, ebenso in jedes Hauptquartier, mit unbeschränkter Vollmacht, den Verrat zu verhindern, in welcher Person, an welcher Stelle er ihn auch finden möge. Der Schrecken muß regieren, nur so werden wir siegen. Jeder Mann muß wissen, daß der Dolch des Rächers in jedem Augenblick über seinem Haupte schwebt – das allein sichert Treue und Gehorsam.«

Der Offizier war aufgestanden und faltete seine Papiere zusammen. »Wenn das die Absicht Ihrer Fraktion ist, Herr,« sagte er gemessen, – »dann mögen Sie die Erhebung allein versuchen – ich und meine Freunde werden ihr unter solchen Bedingungen fern bleiben.«

»Unter keiner Bedingung wird der Fürst dem zustimmen,« fügte der Graf bei.

»Tun Sie, wie Ihnen gefällt! Wir brauchen weder den Adel, noch die Emigration – das Volk wird sich selbst genug sein, und heißt der General der Republik nicht Marian Langiewicz, so mag er Ludwik Mieroslawski heißen! – Doch erinnern Sie sich dann …«

Die Türe wurde heftig aufgerissen, der Waldhüter stürzte in die Hütte.

»Heraus Pans, nehmt die Waffen! Es geht etwas vor im Wald, – die Wölfe sind auf der Jagd!«

Der Offizier griff nach der Büchse im Winkel, Graf Oginski zog den Revolver, der Oculiarnik nahm einen Wolfsspieß, so eilten sie hinaus.

Auf der Schneefläche war nichts zu sehen, als in geringer Entfernung der abgelederte Körper des Wolfes.

»Still – hören Sie nichts?«

Alle lauschten, in weiter Ferne klang es wie heiseres Gekläff – das eilig näher kam.

»Die Wölfe kehren zurück! Sie witterten das Aas!«

»Sie sind nicht allein,« erklärte der Alte, weniger wortkarg als gewöhnlich. »In die Hütte, Bursche, und bringe den größten Brand heraus!«

Jetzt hörte man deutlicher das Kläffen und Bellen – dazwischen klang es wie Schnauben, dann der Hilferuf einer menschlichen Stimme – –

Ohne weitere Worte hatte der Alte mit Händen und Füßen einen Fleck vom Schnee zu säubern gesucht, dorthin warf er den flammenden Brand, den Janko brachte, und rasch einen Arm voll Reisig darauf, das an der Hüttenwand geschichtet lag.

»Hörten Sie nicht – es ist ein Mensch in Gefahr – lassen Sie uns zu Hilfe eilen …«

»Kämen zu spät! – Schaut dort, Pani!« Er wies nach dem Seeufer.

Ein langer, dunkler Gegenstand schien mit Windeseile über die Fläche zu fliegen – hinterdrein kleinere, dunklere Bälle, die über den Schnee huschten, rechts und links, bald voran, bald wieder überholt.

»Ein Schlitten –! Ausgegriffen, wackeres Pferd! Hierher, hierher!«

Das brave Roß schien die Nähe von Fremden zu wittern und alle Muskeln anzuspannen, es rannte gerade auf die Flamme zu, die hoch aufschlug, hinterdrein, zu beiden Seiten des Schlittens, heulten die Wölfe, die zu merken schienen, daß ihre Beute im Begriff sei, ihnen zu entschlüpfen.

»Heiliger Gott – es ist der Schimmel Wolawskis!«

»Warte Kanaille!«

Wieder fuhr die Büchse des Waldwärters an seine rauhe Wange – einem der Wölfe war es gelungen, dem Pferde zuvorzukommen und er versuchte, ihm an die Kehle zu springen. Der Schuß krachte und der Wolf wälzte sich auf dem Schnee – aber über ihn her stürzte auch der Schimmel.

» Daly! Daly!« Der Alte hatte das brennende Scheit aufgerissen, schwang es um den Kopf und stürzte vorwärts – der Kapitän und Graf Orginski folgten; es war die höchste Zeit, obschon das wackere Pferd kaum sechzig Schritt noch von der Hütte entfernt gefallen war. Das Rudel der Bestien heulte um den leichten Schlitten und das in Schmerz um sich schlagende Pferd; in dem Schlitten hatte sich bei dem Sturz des Pferdes eine Gestalt erhoben und suchte durch das Schwingen der Peitsche die Bestien zurückzutreiben.

»Henriette! Um Gott' – sind Sie es?«

Der Alte schleuderte den Brand unter die Bestien, der Graf schoß seinen Revolver in das dichteste Rudel – unbekümmert um die Gefahr war der Offizier an den Schlitten gesprungen und hob die Frau in seinen Armen empor, die allein darin gesessen.

Er bemerkte es nicht einmal, daß der Knabe Janko ihm auf der Ferse gefolgt war und dicht hinter ihm die Büchse aufhob, die er hatte fallen lassen.

Die Wölfe schienen trotz ihrer großen Zahl von dem Schuß und dem Feuer stutzig und scheu geworden, – wahrscheinlich mehr noch von dem Erscheinen der vielen Menschen – sie wichen zurück und hielten erst in einiger Entfernung wieder an.

»Fort zum Hause – schnell!«

Jeder fühlte, daß hier der alte Jäger das einzige Recht des Befehlens hatte und man ihm folgen mußte; der Offizier trug seine schöne Last auf den Armen nach der Hütte, an deren Tür der Oculiarnik, das Feuer durch Aufwerfen neuer Reisigbündel zu unterhalten suchte. Alle eilten durch die Tür, die der alte Stenko hinter sich in die Klammer warf.

Der Kapitän wollte seine Bürde auf die Bank niederlassen, doch der Kopf des Mädchens sank auf seine Schulter, die Hände fielen kraftlos herab.

»Heilige Jungfrau, sie ist tot!«

»Nein – nur ohnmächtig! – Hierher, Kamerad! Ist dies vielleicht – –?«

»Fräulein Pustowojtów – die Gouvernante im Hause unseres Freundes Wolawski!«

»Und in der Nacht – allein – allein – hierher! Das hat etwas besonderes zu bedeuten!«

»Ich fürchte es selbst – aber lassen Sie uns suchen, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen!«

Der Graf versuchte, der jungen Dame, etwas Wein einzuflößen, während der Offizier ihr Schläfe und Hände rieb; aber mehr als dies schien der eigentümlich gellende, jammernde Schrei sie zu erwecken, der plötzlich von draußen her herübertönte zwischen dem Geheul und Bellen der Wölfe.

Das Mädchen fuhr aus seiner Betäubung empor und schaute wild um sich: » Matka Boza! Heilige Mutter Gottes! Was ist das? – Wo bin ich – was ist mir geschehen? Die Wölfe …«

»Es ist der Todesschrei Ihres wackern Pferdes, das Sie gerettet, Pana Henrietta! Sie sind hier in Sicherheit und bei Freunden. Aber wie um Himmelswillen kommen Sie bei Nacht in den Wald?«

Sie fiel ihm um den Hals, ohne Scheu vor den Männern umher, Tränen strömten aus ihren Augen. »Oh all ihr Heiligen, Dank sei ihnen, daß ich da bin. Ich mußte Sie warnen, Marian, der gnädige Herr schickt mich – es gab keinen anderen Boten, der um das Geheimnis wußte und ohne Verdacht sich entfernen konnte!«

»Aber sagen Sie uns, was ist geschehen? Sie dürfen dreist sprechen vor diesen Herren.«

Das Mädchen hatte sich aufgerichtet. Sie war keineswegs schön, ihr rundes, von einigen Pockennarben gezeichnetes Gesicht mit der niederen Stirn, der russischen Stumpfnase und den starken Lippen drückte nur Energie und Hingebung aus, aber in den braunen Augen funkelte es von Enthusiasmus und Aufopferung. Sie hatte den warmen Schafpelz von sich geschüttelt, der mit dem Baschlik wahrscheinlich sie vor den Bissen und Klauenhieben der verfolgenden Bestien so lange geschützt. Ihre Gestalt war klein, schlank, nicht ohne Anmut.

Der Offizier reichte ihr einen Becher mit Wein. »Trinken Sie, Henriette – es wird Sie stärken nach der schrecklichen Gefahr, der Sie so glücklich entgangen sind. Erholen Sie sich erst vollständig, dann reden Sie.«

Die Gouvernante nahm den Becher und trank einen Schluck, die andere Hand preßte sie beruhigend auf das noch immer stürmisch klopfende Herz. »Diesen Abend um 6 Uhr ist der Kreishauptmann mit zahlreicher Begleitung und mit mehreren russischen Offizieren aus Konin nach unserm Gut gekommen. Der Kreishauptmann hat dem Herrn von Wolawski mitgeteilt, daß morgen bei Tage eine große Wolfsjagd an dem See und in den Wäldern abgehalten werden sollte, weil so viele der wilden Tiere bei der strengen Kälte aus Litthauen heruntergekommen schienen und bereits Unheil angerichtet hätten. Die Wójts Schulzen, Distriktsvorsteher. wären bereits in der ganzen Gegend unterrichtet und die Bauern aufgeboten, auch Kosaken von Slupce und Wilczyn wären aufgeboten, einen Kordon zu ziehen. Aber es ist leerer Vorwand – es handelt sich sicher um eine andere Jagd! – Wozu hätten sie sonst an alle Ausgänge Posten gestellt? Sie wissen, daß Herr von Wolawski der russischen Regierung als Patriot verdächtig ist!«

»Er ist ein Ehrenmann, ein Freund des Vaterlandes – ein Feind der Tyrannei!«

»Der Adelsmarschall hat ihn neulich erst warnen lassen aber jetzt muß Verrat im Spiele sein. Wie ich von Nepomuk gehört, ist ein Beamter der Warschauer Polizei bei dem Kreishauptmann. – Herr von Wolawski nahm eine Gelegenheit wahr, mir das alles zu sagen und mir den Auftrag zu geben, Sie zu warnen. Aber ich konnte anfangs mich nicht unbemerkt entfernen und zu dem Stall gelangen, wo des Herrn Ukrainer steht. Erst vor einer Stunde gelang es mir, ich schirrte selbst das Pferd und führte es aus der Hintertür des Schuppens – einmal draußen in der finstern Nacht, warf ich mich in den Schlitten und jagte davon, dem Wald zu über das Eis des Sees. – Da – es war entsetzlich, mitten auf dem Weg saß ein großer Wolf – der Ukrainer scheute und ich verlor die Zügel. Dann heulte und schnob es in der Ferne und immer näher und näher – Gott im Himmel, – dann glühten rechts und links Feueraugen – die grimmen Tiere huschten wie Gespenster über den Schnee – ich konnte ihre brodenden Rachen, ihre lechzenden Zungen dicht neben dem Schlitten sehen – einer sprang empor und faßte mit den Zähnen nach mir – ich schrie um Hilfe – weit aus griff der Ukrainer – dann – alle um mich her – entsetzlich …«

Sie verhüllte das Haupt, wie als walte die Todesgefahr noch einmal um sie her – und in der Tat erklang rings um die Hütte ein Heulen, Winseln und Bellen, das wohl die Nerven selbst eines tapferen Mannes hätte erbeben machen können.

»Fertig mit dem Pferd und dem Wolf! Wollen uns an den Leib! Wollens den Kanaillen eintränken!« Der alte Stenko hatte das geladene Gewehr ergriffen, öffnete das kleine Fenster der Hütte und hob die Waffe.

»Was willst du tun?« Der Oculiarnik hatte seinen Arm gefaßt und drückte die Flinte nieder.

»Schießen!«

»Nein – es ist genug, der Teufel gebe, daß das andere Pulververknallen sie uns nicht schon auf den Hals hetzt.«

»Schade, Väterchen – das Rudel ist groß! Gute Pelze!«

»Die eigene Haut steht uns näher. Jetzt, Pans – gilt es, Rat zu halten.«

»Wir müssen so rasch als möglich diesen Ort verlassen!«

»Aber die Wölfe …«

»Die Polizei und die Kosaken sind schlimmer! Wollen Sie ihnen in den Weg laufen? Haben Sie nicht gehört, daß die ganze Gegend aufgeboten ist?«

» Do djabla! Was tun?«

»Bleiben! Hören Sie mich an! Ich glaube in der Tat kaum, daß die Verfolgung dem Herrn Grafen gilt, denn er ist erst heute mit dem Jungen hier eingetroffen – auch mir nicht, denn ich habe mit Vorsicht Warschau verlassen und stehe noch nicht auf der Proskriptionsliste der Polizei. Das Kesseltreiben, denn ein solches will man offenbar anstellen, gilt also zunächst Ihnen, Kapitän, oder eingebildeten anderen Verschwörern. Es gilt also jetzt, Sie fortzuschaffen oder zu verstecken! Können Sie, Fräulein, unbeachtet nach dem Schlosse zurückkehren?«

»Wenn ich das Dorf erreichen könnte, ohne daß die Wölfe …«

»Ich werde das niemals zugeben,« erklärte der Offizier mit Bestimmtheit. »Fräulein Pustowojtów wird dies Haus nur mit mir verlassen.«

Sie sah ihn mit einem leidenschaftlichen Blick an. »Ist das Ihr Ernst, Pan Langiewicz?«

»So wahr ich ein Mann von Ehre bin!«

»Dann, Marian, kehre ich nicht nach Bielowice zurück und teile Ihr Schicksal, welches es auch sei!«

Ein Händedruck vereinigte die beiden für eine blutige Zeit. Wer hat in jener Zeit des schreckensreichen Aufruhrs nicht gehört von dem Diktator Marian Langiewicz und seinem treuen Adjutanten, Henriette Pustowojtów!

Der Abgeordnete der Schwarzen Brüderschaft unterbrach diese Expektorationen des Gefühls. »Ich dächte, Herr, es wäre keine Zeit jetzt zu Liebesergüssen und andern Torheiten. Wäre das Pferd nicht von den Wölfen gefressen, hätten Sie vielleicht versuchen können, zu entkommen. Jetzt haben wir den Schlitten und dieses – diese Dame auf dem Halse. Ich frage, was beschließen Sie? Sollen die Schergen, wenn sie morgen hierher kommen, das ganze Nest beisammen treffen?«

Der Kapitän wandte sich an den Waldwärter. »Vielleicht weiß Vater Stenko einen Ausweg, ein Versteck, in dem wir der Aufmerksamkeit entgehen könnten?«

»Wir müssen den Schlitten verbrennen!«

»Wenn es nicht unbedingt nötig ist, – nein! Wir können uns seiner vielleicht noch bedienen. Kannst du ihn verbergen, Stenko?«

Der Alte lachte. »Zwanzig, im Holz!«

» Dobre! Selbst sein Auffinden würde noch nichts verraten. – Hören Sie, wie die Bestien heulen? – Nur die Anwesenheit des Fräuleins hier im Walde wäre verdächtig. Wie beugen wir dem vor?«

»Viel Treiber – Männer – Weibsvolk – Kinder!« sagte der Alte in seiner lakonischen Weise.

»Das ist der Plan, den auch ich habe – gerade mitten unter ihnen wird unsere Sicherheit sein. Was mich und Sie, Kapitän, betrifft, werden wir nicht viel Veränderung unseres Anzuges bedürfen – nur der Graf und das Fräulein …«

Der Waldwärter war in die Kammer der Hütte gegangen und kam eben wieder mit einem Haufen alter, grober Kleider auf dem Arm, männliche und weibliche. »Von meinem Weib – Gott erlöse ihre Seele!« Er warf sie auf den Boden.

»Gut – da haben wir, was wir brauchen. Aber wie sollen wir uns unter die Aufgebotenen mischen, ohne Verdacht zu erregen? – Die Leute selbst werden uns als Fremde behandeln.«

»Viele Dörfer, viele Leute! An verschiedenen Stellen. Jeder Wójt nawsi Dorfschulze. in der Gegend ist gut! Da – …« Er machte ein Zeichen mit dem Daumen. »Das genügt!«

»Wir wollen das alles weiter besprechen – trennen müssen wir uns natürlich und in drei Gruppen teilen. Aber wie schaffen wir uns zunächst die Höllenbrut vom Leibe, die noch immer um die Hütte heult und uns blockieren zu wollen scheint?«

Der alte Jäger lachte. »Nichts leichter! – Warten Sie!« Er ging zu dem Bordbrett an der Wand, aus dem seine geringen Utensilien und Vorräte standen und nahm verschiedene Dinge herunter, die er auf den Tisch legte – Werg, Lumpen, einen Klumpen Pech, einen starken Angelhaken und eine feste Hanfschnur. Dann machte er aus dem Pech, den Lumpen und dem Werg, in das er etwas Schießpulver rieb, einen wie einen Kinderkopf großen Ballen, in den er fest das eine Ende der Schnur knetete und befestigte. An das andere Ende band er den Haken und trat damit zum Fenster.

»Aufgepaßt, Junge!«

Janko, der mit großer Aufmerksamkeit allen Vorbereitungen gefolgt war – war sogleich zur Stelle.

»Merk'! Wenn ich sage: Jetzt! zündest du das Werg an. – Hol dir Feuer!«

Indes der Knabe einen Brand vom Herde holte und die andern neugierig zusahen, hatte der Jäger ein übriggebliebenes Stück Fleisch von der Mahlzeit genommen und das Fensterchen geöffnet.

Um so lauter in größter Nähe erklang das Geheul der Wölfe, die noch immer um die Hütte lungerten und bei dem Geräusch sich wieder sammelten. Der Waldhüter warf das Fleisch hinaus dicht unter das Fenster, und man hörte deutlich das Balgen der Bestien; zugleich bog er sich, so weit es ging, vor, und warf das Ende der Schnur mit dem Angelhaken mitten in den Haufen – zweimal probierte er vergeblich, dann schien der Widerhaken im rauhen Pelz einer der Bestien gefaßt zu haben und selbst in das Fleisch gedrungen zu sein, denn die Schnur spannte sich unter dem Heulen des Tieres.

»Jetzt!«

Der Brand fiel auf das Werg, das im Nu in Flammen aufloderte und der Feuerball flog aus dem Fenster.

Der Alte kicherte vor Vergnügen über den gelungenen Jägerkniff. »Da geht er – und die ganze Bande mit ihm!«

In der Tat konnten die bisher Belagerten sehen, wie einer der Wölfe über die Schneefläche rannte, der feurige Ball dicht hinter seinem buschigen Schwanz. Einen Augenblick noch, dann war das ganze Rudel zerstreut und flüchtete nach allen Seiten.

»Alle fort!« sagte der Alte – »gute Jagd morgen! – Jetzt hinaus!«

Die Männer öffneten die Tür und traten wohlbewaffnet ins Freie.

Von dem Pferd und den Körpern der beiden Wölfe war nichts mehr vorhanden, als die Knochen und blutige umhergestreute Fetzen.

Während die Gouvernante im Innern der Hütte Nadel und Schere handhabte, waren die Männer beschäftigt, inmitten der Holzhaufen den Schlitten und das halbzerrissene Lederzeug zu verbergen und zu versetzen. Der Alte blickte dabei wiederholt nach dem Himmel, an dem weiße Wölkchen über den Mond zogen, und kicherte.

»Was hast du?« fragte der Brillen-Ludwig.

»Wird Schnee geben, wenn Tageslicht kommt!«

»Das käme wie gerufen und verwischt jede Spur! – Wir dürfen es jedoch nicht wagen, die Papiere und Gegenstände von Wichtigkeit mit uns zu nehmen – es könnte einem ein Unglück passieren. Hast du ein sicheres Versteck, Stenko, wo wir etwas verbergen können?«

»Zehn! – Hohler Baum – im Dickicht!«

» Dobre! – So! – Das Gerippe des Pferdes mußt du irgendwo im Röhricht verbergen, es könnte am Ende Aufmerksamkeit erregen. Und nun lassen Sie uns zu dem Hause gehen und unsere weiteren Schritte auf das Genaueste besprechen.

In der Hütte des Jägers fanden sie das Fräulein rüstig an der Arbeit – für sich selbst hatte sie bereits Rock und Kleid aus den gröbsten Stoffen, wie sie die Landweiber der Gegend tragen, zusammengestutzt, und war eben beschäftigt, einen halbzerrissenen Schafpelz zu flicken. Nach eingehender Beratung, zu welcher Stenko zugezogen wurde, beschloß man, sich in drei Gruppen zu teilen, die erste aus dem Kapitän und der Gouvernante bestehend, die andere aus dem Grafen und dem Knaben; der Oculiarnik sollte bei dem Waldwärter oder wenigstens in einem Versteck in der Nähe bleiben. Wenn das Militär und die Beamten abgezogen, wollte man sich wieder in der Waldhütte treffen, oder dorthin wenigstens Nachricht senden.

Der Waidmann riet jetzt seinen Gästen, ein paar Stunden zu ruhen. Wie die Gouvernante gehört, sollte die Jagd nach Tagesanbruch beginnen, man hatte also volle Zeit, und Stenko versprach, sie zu wecken. Dem jungen Mädchen wurde die Kammer eingeräumt, wo sie unter zwar nicht sehr saubern, aber warmen Pelzen und Decken ihr Lager fand.

Der Tag bricht in dieser Jahreszeit und dieser Breite nicht vor 6 Uhr an – um 4 Uhr weckte der Waldwärter seine gefährlichen Gäste, die sich nun rasch in ihre Vermummungen warfen, den zottigen Schafpelz, die tief über die Ohren gezogene Pelzmütze, vielleicht noch ein entstellendes Tuch umgeschlungen, den Strick um den Leib gebunden und darin ein Holzbeil, während das Messer im Stiefel steckte. Fett und Ruß hatte die Gesichter der Männer zur Genüge unkenntlich gemacht, das Fräulein sich durch Pelzhaube, dicke Fausthandschuh und einen um den Oberleib gewundenen Kragen zu einer so unförmlichen Bauerndirne umgeschaffen, daß sie das Gelächter aller erregte. Dann brachte der Alte tüchtige Knittel und Klappern und alte Eisen zum Aneinanderschlagen, wie sie die Treiber zu führen pflegen.

Die Männer hatten ihre Waffen unter den Pelzen und Decken verborgen, was sie etwa hätte verdächtig machen können, wurde der Sorge des Alten überlassen, um es mit den Papieren zu verstecken. Schließlich brachte er ein Paar zierliche Schlittschuhe und zwei alte grobe Eisen zum Vorschein, die an unförmlich geschnitzten Hölzern nur mit Stricken befestigt werden mußten.

»Vergessen Pana!«

»Ah – es sind meine Schlittschuhe, die ich bei Stenko lasse, wenn ich auf dem See laufe. Was soll ich damit?«

»Dich und den Kapitän nach Wonsosz bringen!«

»Ah – der Gedanke ist gut! Das erspart viel Zeit. Aber ist der Herr Graf hier bekannt?«

»Ich will ihn nach Goslawice bringen.«

Die letzten Verabredungen waren rasch getroffen. Während der Vorsicht halber dem Oculiarnik, der seine Brille abgelegt, ein sicheres Versteck im Walde in der Nähe der Hütte angewiesen wurde, führte der Waldwärter die vier anderen mit sich und wandte sich nach Norden, bis sie das Ufer des Sees erreicht hatten. Dort legten der Kapitän und die Gouvernante die Schlittschuhe an, und nachdem ihnen Stenko in seiner kurzen, derben Manier noch einige Ratschläge und Instruktionen erteilt hatte, flogen sie Hand in Hand über die glatte Fläche nach Norden zu, während der Alte mit dem Grafen und dem Knaben rüstig am östlichen Ufer entlang nach einem der am Rande des Sumpfes gelegenen Dörfer ausschritt. – – – – –


Es war um die Zeit des Tagesanbruchs, als auf dem Edelhof zu Bielawice ein reges Leben herrschte. – Er gehörte nicht zu den wenigen Edelhöfen, die noch aus der Glanzzeit des alten Polens ein wirkliches, wenn auch halbverfallenes Herrenhaus im Renaissance- oder Rokoko-Geschmack mit verkommenen Terrassen und altfranzösischen Gartenanlagen besitzen; die meisten sind eben nichts weiter, als ein langgedehntes, noch durch verschiedene Anbauten entstelltes Parterrehaus mit Schoben gedeckt, das sich nur durch die weiteren Dimensionen, die größeren Fenster und die kostbaren, meist zerrissenen Gardinen dahinter vor den elenden Behausungen der damals noch leibeigenen Dorfbewohner auszeichnet.

Die polnische Leibeigenschaft, so drückend sie auch sonst war, hatte jedoch nie den brutalen Charakter der russischen. Der polnische Gutsherr fand und sah in seinen Gutsinsassen nur die Zugehörigen, Untergebenen, die er unterdrücken und schinden konnte, aber nicht das Vieh, über dessen Leben und Existenz er nach Willkür schalten durfte. Die russische Herrschaft, die in Polen schon lange die Emanzipation der Bauern anstrebte, hatte in dieser Beziehung schon viel getan, während im eigenen Lande die Leibeigenschaft noch in voller Kraft stand.

Auf Bielawice war es nicht besser als anderswo. Im trüben Licht des Wintermorgens, das seit dem Anbruch des Tages durch einen stetigen Schneefall noch trüber und gedämpfter wurde, sah man auf dem weiten, von vielen Wirtschaftsgebäuden umgebenen Hofe eine Menge Menschen beschäftigt, teils Reiter, die durch ihre langen Lanzen als Kosaken kenntlich waren, teils berittene Förster und Aufseher, teils Bauern, Knechte und Soldaten, die um einige niedere Schlitten beschäftigt oder in Haufen aufgestellt waren, teils Mägde, die geschäftig von einem Hause zum andern eilten. Sowohl am Eingang des Hofes, als an der Tür des Hauses standen Schildwachen.

Das Haus selbst war, wie schon angedeutet, ein lang gestrecktes Parterre-Gebäude, aus Fachwerk gebaut, halb mit Schoben, und halb – ein wirklicher Luxus in dieser Gegend – mit Ziegeln gedeckt. Fast alle Fenster waren glänzend erleuchtet, und das Hin- und Herlaufen der zahlreichen Gutsdienerschaft, die vielen an den Fenstern vorübergleitenden Schatten bewiesen, daß eine zahlreiche Gesellschaft im Innern versammelt war.

Wie in allen älteren polnischen Häusern stieß gleich an den zugleich als Küche dienenden Hausflur eine gastlich lange, niedere Halle. Die oft zerrissenen oder spärlich mit Kalk gestrichenen Wände waren zum Teil mit wollenen, ja Seidentapeten behängt. Hirsch-, Eber- und Wolfsköpfe, darunter zwei mächtige Geweihe des Auerstiers, zierten mit alten Jagd- und Kampfwaffen die Wände. An einem Pfeiler hing eine jener alten, sarmatischen Rüstungen mit Kettenpanzer, krummem Säbel und spitzem Topfhelm, die noch aus der Zeit des Einfalls der Tataren stammen und selbst in großen Sammlungen immer seltener werden, ein Beweis, daß die Familie sich eines hohen Alters rühmte. An einer andern Stelle waren zwei türkische Halbmonde – Siegeszeichen aus dem Siege Sobieskis am Wiener Kalenberg – und eine große Streitaxt aufgehängt. Ganz merkwürdig paßte zu diesem alten Schmuck ein neuer, marmorner Kamin von italienischer Arbeit, an dem freilich eine Simsecke bereits abgeschlagen war, dafür zierten ihn als Ersatz ein Paar kostbare Vasen von Sevres-Porzellan.

Drei Türen führten – außer der Eingangstür von der Küche her – von der Halle in das Innere des Hauses.

Eine lange Tafel war in der Mitte der Halle aufgeschlagen und mit allen Ingredienzien eines sehr substanziellen Frühstücks bedeckt, wie sie die meist bis zur Verschwendung gehende polnische Gastfreundschaft bietet: Ungarwein, Rum und Liköre, starker Tee im brodelnden Samovar, Schinken und Eier, Wildpret- und Gansbraten. Ein Teil schien noch von dem Schmaus des vorigen Abends herzustammen, nach den zusammengeschobenen Tellern und leeren Flaschen und den niedergebrannten, jetzt wieder angezündeten Lichtern auf dem Tische zu schließen. Im Kamin loderte ein mächtiges Feuer.

Um die Tafel herum stand und saß eine zahlreiche Gesellschaft, die noch jeden Augenblick durch Hinzukommende vermehrt wurde. Oben an der Tafel saß der Major des Infanterie-Bataillons, das in Kolo stand, eine breite, derbe Gestalt mit fuselrotem Gesicht und gemeinem Ausdruck. Er trank seinen Tee mit Rum oder vielmehr Rum mit sehr wenig Tee nach polnischer Art aus einem großen Glase, rauchte die guten Zigarren des Wirts statt des gewohnten schlechten Knasters und schnauzte eben einen jungen Offizier an, der eine Meldung gebracht hatte.

Ihm zur Seite saß der Kreishauptmann, eine Person von sehr verschiedenem Äußern. Er war groß und hager, hatte spärliches Haupthaar und eine Physiognomie, die mit dem mongolischen Typus der Schlauheit eine gewisse Reserviertheit verband. Er sprach nur wenig und dann sehr abgewogen, mit der vollen Wichtigkeit eines Beamten. Neben ihm saß ein Herr in Zivil mit klugem, energischem Ausdruck. Seine scharfen Augen verließen nur selten den Hausherrn, der am Kamin im Gespräch mit einigen Offizieren und benachbarten Gutsbesitzern lehnte. Seine Haltung war gedrückt, seine Stimmung offenbar zerstreut und er warf häufig einen besorgten Blick auf den Kreishauptmann und seine Gesellschaft. Am unteren Ende der Tafel saß um den Kommandeur des Slupcer Kosakenpulks eine lärmende Gesellschaft von Unteroffizieren, Jägern und niederen Beamten und ließ sich von ihm allerlei Abenteuer von seinen Schmugglerzügen erzählen, aus denen der würdige Wächter des Gesetzes gar kein Hehl machte. Die Quantität von Spirituosen, die hier schon zum Frühstück vertilgt wurde, war grandios.

»Also die Dirne wurde erschossen?«

»Mausetot! Yaschka, mein Weib, hätte bald noch den Kantschuh geschmeckt, weil sie eine solche Närrin war, um die Dirne zu heulen und zu flennen, obschon ich sagen muß, daß ich sie selber gern hatte.«

»Glaub's wohl!«

»Nein – Kameraden – der Teufel soll meine Mutter verzehren, aber die Flasche ist mir lieber als das beste Mädel. Aber dennoch – wenn ich dem Halunken, dem Stephanowitsch, der mich an dem Abend trunken machte und mir die Würmer aus der Nase holen wollte, eins auswischen könnte, ehe das Pulk fort muß, tät ich's nicht mehr als gerne. Der Iwan, ihr Bruder, mein bester Kosak, sitzt im Gefängnis und die Alten heulen mir alle Tage die Ohren voll. Der Kerl allein ist an allem Unheil schuld und auch an der heutigen Hetze. Weiß der Satan, wie der Hundesohn dazu gekommen ist, auszuspionieren, daß an dem unglücklichen Abend verdammte Revolutionäre ohne Paß und Karteczka über die Grenze gekommen sein sollen. Nun sollen wir sie suchen.«

»Also ist das Wolfstreiben nur Vorwand?« flüsterte einer der Beamten. »Ich dachte mir's gleich!«

»Still, Brüderchen, halte dein Maul!« murrte der schon halb Trunkene. »Sie sollen's ja nicht wissen, strenger Befehl! Damit noch recht viele in die Falle gehen. Aber der Hund der Stephanowitsch –«

»Und wo ist der Kerl?« frug ein anderer.

»Er ist Oberaufseher geworden – – draußen ist er bei den Schurken von Strasnicks, die er mitgebracht! Yaschka und das Pulk hätten diese Nacht den schönsten Warentransport über die Grenze bringen können, wenn ich's nur gewußt hätte. Zerhack mich der Teufel in Kochstücke, wenn man vom Wolfe spricht, ist er nicht weit!«

In der Tat war der Grenzaufseher Stephanowitsch, derselbe, welcher der armen Minka vor kaum zwei Wochen den Tod bereitet hatte, in die Halle getreten und ging, mit seiner widerwärtigen, tückischen Fratze dem Kosakenkapitän höhnisch zunickend nach dem oberen Ende der Tafel. – –

Zu dem Hausherrn am Kamin sagte einer der aufgebotenen, neuangekommenen Gäste: »Wie, zum Henker, Wolawski, kommst du dazu, erst gestern abend uns von dem Wolfstreiben Kenntnis zu geben? Haben die Bestien wirklich so arg bei dir gehaust? Drüben überm See haben wir noch wenig davon gespürt.«

»Da mußt du den Herrn Kreishauptmann fragen, der das ganze Aufgebot veranstaltet hat, auch die Einladungen hierher,« erwiderte finster der Hausherr. »Herr von Tymowsky hatte die Güte, mich gestern in der Dämmerung selbst zu überraschen und einen Teil der Jäger gleich mitzubringen.« Sein Blick flog bezeichnend über den Kreis der Offiziere.

Der andere schüttelte leicht den Kopf. »Wie ich auf dem Wege hörte, sind alle Dorfschaften um den See bis Ostrowonz hinauf aufgeboten.«

»Mag wohl sein – ich weiß nichts davon!«

»Der Oberförster in Bielawice,« erzählte einer der Offiziere, »sagte, daß man schon zu Neujahr in den Wäldern große Rudel gesehen hat. In Konin haben sie vor vier Nächten die Schildwache am Pulvermagazin attackiert und hätten sie sicher zerfleischt, wenn nicht gerade die Ablösung zu Hilfe gekommen wäre.«

»Ja,« bestätigte ein anderer – »die Kosaken erzählen, die Wölfe streifen bis ins Preußische.«

»Und die Wölfe aus dem Preußischen oft zu uns!« sagte eine scharfe Stimme hinter dem kleinen Kreise. Es war der Kreishauptmann, der aufgestanden und hinzu getreten war. »Nun, Herr von Wolawski, wir können Ihnen nicht genug danken für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die Sie uns erwiesen haben und daß Sie mir gestatteten, Ihr Haus gleichsam zum Hauptquartier unserer Jagd zu machen. Aber ich denke, es wird Zeit, daß wir aufbrechen!«

»Ich will sogleich –«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht, Herr von Wolawski! Ich habe bereits alle unsere Sachen und Waffen, auch die Ihren, hierher bringen lassen. Ich hoffe, Sie werden einen Platz in meinem Schlitten annehmen und mit mir fahren.«

»Mit oder ohne Gendarmen, Herr Kollegienrat?« frug der Pole mit scharfer Betonung.

»Ei, wo denken Sie hin, lieber Freund! Nur eine gewöhnliche Ordonnanz auf dem Bock – Sie wissen ja, daß wir armen Zivilbeamten keine anderen Adjutanten haben.«

»Ich dachte nur,« sagte der Pole trocken, »weil ich diese Nacht einen jener Herrn vor der Tür meines Zimmers fand, als ich es verlassen wollte.«

Der Kreishauptmann lachte etwas gezwungen. »Vorsicht, nichts als Vorsicht, Freundchen – die Polizei muß immer auf ihrem Posten sein, damit kein Unglück geschieht. Darf ich Ihnen in Ihren Pelzrock helfen?«

»Es wird mir doch erlaubt sein, von meiner Familie Abschied zu nehmen?«

»Bitte, bitte – so eilig haben wir's nicht – die Wölfe können warten – unsere Anstalten sind so vortrefflich, daß sie uns nicht entgehen können. Ich habe mir erlaubt, Frau von Wolawski bereits benachrichtigen zu lassen, daß wir aufbrechen müssen, und anzufragen, ob wir die Ehre haben können uns bei ihr zu empfehlen, da uns gestern abend ihre Gesellschaft nicht zuteil wurde.«

»Meine Frau lebt sehr zurückgezogen, nur ihren Kindern!«

»Ah ja – mit einer Gouvernante, der Tochter des entlassenen Generals Pustawojtów – ich sah sie gestern – oh! wie liebenswürdig, da kommt die gnädige Frau selbst. Wir müssen uns in der Tat schämen in unsern rauhen Jagdkostümen!«

Er ging galant auf die in der Tat eintretende Dame zu, welche ihr ältestes Kind, ein Mädchen von etwa neun Jahren an der Hand, in der Tür zu den anstoßenden Zimmern erschien.

Frau von Wolawski war als Mädchen eine anerkannte Schönheit gewesen und hatte, als die Tochter eines Emigranten von 1830, in Paris eine feine Erziehung genossen. Sie war jetzt, etwa zwölf Jahre jünger als ihr Gemahl, zweiunddreißig Jahre und galt noch für eine schöne Frau, die mit ihrem Gatten – gegen die Regel der polnischen Aristokratie – in einer sehr glücklichen Ehe lebte und sich ganz ihrer Familie widmete. Daß sie eine begeisterte Polin, war bekannt, ohne daß man ihr jedoch eine jener unweiblichen fanatischen Handlungen oder Demonstrationen nachzusagen wußte. Das Paar hatte drei Kinder, zwei Mädchen von neun und sechs und einen Knaben von vier Jahren. Die böse Welt wollte wissen, daß der russische Kreishauptmann Kollegienrat Tymowsky bald nach seinem Amtsantritt Frau von Wolawski stark den Hof gemacht habe, aber vollständig abgefallen sei. Er hatte jedenfalls diese Niederlage sehr geschickt zu verbergen gewußt und war zu der Familie dem Anschein nach im freundlichsten Verhältnis geblieben.

Der Kollegienrat hatte die Hand der Dame mit den Fingerspitzen genommen und äußerst respektvoll an die Lippen geführt. »Welches Glück, Euer Gnaden noch vor unserer Jagd sehen zu dürfen,« sagte er galant. »Begünstigt uns auch draußen nicht die Sonne, so ist sie uns hier desto schöner aufgegangen.«

»Sie schmeicheln wie gewöhnlich, Herr Kollegienrat, erwiderte die schöne Frau, deren dunkle Augen bereits lebhaft den Gatten suchten. »Mir scheint im Gegenteil das Wetter draußen so trübe wie im Innern.«

Der Kreishauptmann wollte eine ausweichende Artigkeit sagen, aber der Hausherr schnitt ihm das Wort ab, indem er rasch hinzutrat.

In den wenigen Augenblicken, seit der Kollegienrat den Gutsherrn verlassen, um der Hausfrau entgegen zu gehen, hatte eine kleine Szene am Kamin gespielt.

Herr von Wolawski war der echte Typus eines vornehmen Polen aus guter Familie, hoch und schlank gewachsen, mit schmalem, etwas blassem Gesicht, hohen Brauen und dunklen Augen, über dem schmallippigen aber schön geschweiften Mund den langen, nach unten hängenden, gut gewichsten Schnurrbart. Er war, wie wir bereits erwähnt haben, vier- bis fünfundvierzig Jahre und hatte einen steifen Fuß infolge einer Schußwunde, die er – wie es hieß in einem Duell – in Paris davon getragen, während nach anderer Version sie aus einem Gefecht in einem Treffen während der polnischen Erhebung von 1846 im Großherzogtum Posen herrühren sollte. Mit Bestimmtheit wußte man nur, daß Herr von Wolawski um jene Zeit mehrere Jahre aus seiner Heimat abwesend gewesen, wo damals noch sein Vater die Güter besaß, und daß er nach dem Tode desselben von Paris zurückgekehrt war, wo er seine Frau kennen gelernt hatte.

In dem Moment, als Herr von Wolawski seinem Gast folgen wollte, um seiner Frau entgegen zu gehen, hörte er eine Stimme in seinem Rücken flüstern:

» Sauvez tous les lettres dangereuses!«

Der Hausherr wandte sich rasch um nach dem unbekannten Warner, aber er sah nur in die gleichgültigen Gesichter der russischen Offiziere, die ihre Aufmerksamkeit der Dame des Hauses zugewendet hatten. Die beiden Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft standen zu entfernt, als daß von ihnen die Warnung hätte ausgegangen sein können.

Herrn von Wolawski mochte zu gut das Bestehen jener geheimen sogenannten »russischen Stiftungen« bekannt sein, über welche trotz aller Mühe die russische Regierung selbst nach der vollständigen Unterdrückung der Revolution nichts hat ermitteln können – um nicht auf die geheimnisvolle Warnung unter den obwaltenden, höchst beunruhigenden Umständen zu achten. Indem er sich langsam wieder umwandte und einem der Diener den Befehl gab, seinen Pelz in den Schlitten des Kreishauptmanns zu legen, hatte er die Hand unter das Gilet gebracht und einen an einer Schnur unter dem Hemd um den Hals hängenden kleinen Schlüssel abgerissen. Dann steckte er mit großer Kaltblütigkeit die Hand in die Hosentasche und reihte den kleinen Schlüssel an den Schlüsselring, den er dort mit den gewöhnlichen Schlüsseln trug. –

Er konnte nicht verkennen, daß man wahrscheinlich Verdacht gegen ihn hegte, Emigrierten oder Agenten der Emigranten Vorschub und Unterstützung gewährt zu haben, aber er sah, daß man nichts Gewisses wußte, und bis dahin jeden zu offenen Eklat vermeiden wollte.

Auf diese nicht unbegründete Voraussetzung hin beschloß er zu handeln.

»Liebe Lodoiska,« sagte der Hausherr zu seiner Gattin, »es ist sehr freundlich von dir, daß du kommst, mir Lebewohl zu sagen, da mich der Herr Kollegienrat fast mit Gewalt zu seiner Jagd fortführen will. So lebe denn wohl – hoffentlich auf baldiges glückliches Wiedersehen. Küsse die beiden Kleinen, die wohl noch schlafen!«

»Hippolyt, was soll das alles bedeuten, ich habe dich seit gestern abend nicht gesehen, ich ängstige mich um dich –«

»Die gnädige Frau werden doch nicht glauben, daß unserm werten Wirt bei ein bißchen Wolfsjagd gleich ein Unglück passieren wird,« sagte der Major; »sind ja selber Jägerin und Reiterin – und das bißchen Schneegestöber soll uns auch nichts tun, wenn nur gehörig für Fourage gesorgt ist!«

»Ich hoffe, mein Herr, der Kellermeister wird gewußt haben, was er dem Ruf der Gastfreundschaft meines Gemahls schuldig ist!« erwiderte die Dame kalt und wandte sich dann an den Kreishauptmann. »Herr von Tymowsky,« sagte sie ernst – »Sie übernehmen die Verpflichtung, meinen Mann sicher wieder zu mir zurück zu führen?«

»Wie können Sie daran zweifeln, gnädige Frau,« entgegnete der Russe galant, – »Ihr Herr Gemahl wird sich in unserer Gesellschaft hoffentlich keiner unnützen Gefahr aussetzen. Ich denke, gegen Abend sind wir schon wieder da und haben dann das Glück, die Gesellschaft unserer schönen Herrin zu genießen.«

Der Hausherr machte ungeduldig den glatten Worten ein Ende. »Lassen Sie uns aufbrechen, meine Herren, und du, Lodoiska, halte gut Haus, wache über die Kinder und – sorge für alles! – Da – bald hätte ich es vergessen – hier sind meine Schlüssel, wenn du etwas brauchst!«

Er reichte ihr das Bund, den kleinsten derselben ihr bedeutsam in die Hand drückend.

Dann umarmte und küßte er sie, und während die Herren sich von der Dame verabschiedeten, beugte er sich zu dem Kinde und küßte es.

»Melanie!«

»Papa, lieber Papa!«

»Sage Mama – die Schatulle!« flüsterte er leise in das Ohr des Kindes. Das Mädchen blickte ihn klug und verständig an und nickte dem Vater zu.

»So – nun noch einmal, lebt wohl! – Lodoiska – Gott ist über uns!«

Er drückte der Gattin die Hand und ging zuerst hinaus – in dem allgemeinen Aufbruch wurde es wenig beachtet, wie die Edelfrau mit ihrem Kinde nach dem nächsten Fenster eilte, es trotz der Kälte und der wirbelnden Schneeflocken aufriß und hinausstarrte in den Hof, wo alles sich drängte, um die Schlitten und die Pferde zu besteigen, oder die Fußwanderung mit Spießen und Stangen antrat. Trotz des wirbelnden Schnees bot das Ganze ein romantisches, bewegtes Bild, wie all die vermummten, in Pelze gehüllten Gestalten sich durcheinander bewegten, lärmten und schrien, die Kosaken auf ihren Pferden mit den hohen, schlanken Lanzen, die Bauern und Knechte in schmutzige Schafpelze oder Decken gehüllt, eine Anzahl kläffender Hunde am Strick, die Mägde – die roten Arme frierend in die Schürzen geschlagen, an der Tür sich drängend, dem und jenem zunickend – die Schlitten davon klingelnd – –

» Paszol

Der Kutscher, neben dem der Gendarm saß, hieb auf die Pferde und der breite Schlitten mit dem Kreishauptmann, dem Gutsherrn und dem Kosakenhauptmann flog davon durch das Hoftor – ein Schwarm von Kosaken umgab ihn.

Die Edelfrau ließ aus dem Fenster das Tuch wehen, die Schneeflocken fielen nässend auf ihre heiße Stirn.

»Aber chère Maman,« sagte die Kleine, »warum fährt denn heute Papa nicht mit der Tomcerka, seinem Ukrainer, mit dem er doch immer fährt?«

Eben flog der letzte Schlitten aus dem Hoftor – der Hof war leer, bis auf die Mägde und den alten lahmen Voigt. Die Knechte waren alle zum Wolfstreiben mit kommandiert.

»Die Tomcerka, mein kleines Fräulein,« sagte eine Stimme hinter ihnen, »hat seit gestern abend andere Beschäftigung.«

Die Gutsherrin drehte sich unangenehm überrascht um, es war, als ob eine eiskalte Hand ihr ans Herz gegriffen.

Hinter ihr stand der Herr in Zivil mit dem klugen, energischen Gesicht, der an der Frühstückstafel neben dem Kreishauptmann gesessen hatte. In der Nähe der Tür stand der Oberaufseher Stephanowitsch.

»Wer sind Sie, Herr, was wollen Sie?« fragte sich stolz aufrichtend, die Dame.

»Ihr Gast, gnädige Frau, wenn auch vielleicht ein nicht ganz willkommener. Herr von Tymowsky hatte die Güte, mich mitzubringen.«

»Dann, mein Herr, wird es die höchste Zeit sein, sich der Jagdgesellschaft anzuschließen. Sie sehen, daß bereits alle Herren fort sind.«

»Ich bin kein so leidenschaftlicher Jäger, gnädige Frau – ich beabsichtige mit Ihrer Erlaubnis hier zu bleiben.«

»Dann, mein Herr,« sagte die Dame mit kalter Höflichkeit, »werde ich Befehl geben, ein Zimmer für Sie in Bereitschaft zu setzen, wenn Sie es nicht vorziehen sollten, diesen Saal zu benutzen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

»O Madame – nur noch eine kleine Bitte!«

Sie sah, schon im Weggehen begriffen, mit einer Miene der Nichtachtung auf ihn zurück. »Und die wäre?«

»Ich bitte ganz gehorsamst, mir das Schlüsselbund aushändigen zu wollen, das Ihr Herr Gemahl vor einer Viertelstunde Ihnen zurückließ.«

»Mein Herr –«

»Bitte, gnädige Frau, echauffieren Sie sich nicht – es ist kein Grund dazu vorhanden. Es wird unsere Verhandlung abkürzen, wenn ich die Ehre habe, Ihnen zu sagen, daß ich der Polizeikommissar Drosdowicz bin und hier ist die Vollmacht der Regierung, von sämtlichen Papieren des Herrn von Wolawski Einsicht zu nehmen und danach Haussuchung zu halten. Ich hoffe, daß diese vollkommen Ihren Herrn Gemahl rechtfertigen wird, indes – ich muß meinen Auftrag erfüllen.«

»Und wenn ich mich weigere?«

Der Beamte zuckte bezeichnend die Achseln. »Die gnädige Frau werden mich nicht in die unangenehme Notwendigkeit versetzen –«

»Wie? Gewalt in meinem eigenen Hause?«

»Gnädige Frau,« sagte der Beamte sehr ernst – ich bitte um die Schlüssel.«

Plötzlich eilte die Dame nach der Klingelschnur an einer der hinteren Türen und riß heftig daran.

»Nepomuk! – Mateusz! – Jean! Herbei – zu Hilfe!«

Der Beamte blieb ruhig stehen, während der Oberaufseher tückisch auflachte.

»Sie bemühen sich vergeblich, gnädige Frau,« sagte der Kommissar, »Ihre Dienerschaft ist in guten Händen und Sie sollten vermeiden, die Situation zu verschlimmern. Damit Sie sich übrigens überzeugen, wie nutzlos alle Weigerungen sind – sehen Sie selbst!« – Er ging nach der Tür, an welcher die Hausfrau noch stand, und öffnete sie. Draußen auf dem Gange stand ein Kosak Schildwache.

Frau von Wolawski war auf einen Stuhl gesunken und hatte das Gesicht in die Hände begraben, Tränen ohnmächtiger Erbitterung drangen zwischen ihren schlanken Fingern hervor.

»Rufen Sie den Schreiber, Herr Stephanowitsch,« befahl der Beamte. »Wir dürfen keine Zeit verlieren!«

Der Aufseher entfernte sich.

»Was sagte das junge Fräulein eben zu Ihnen?«

Die Polin erhob sich – ihr Gesicht glühte vor innerer Empörung. »Wie, mein Herr – geht die russische Tyrannei bereits so weit, daß ein Kind noch nicht ohne Zensur zu seiner Mutter sprechen darf? Freilich – man legt ja selbst das Gebet unter Zensur, das wir zu unserm Gott sprechen!«

»Ich hörte deutlich das Wort ›Schatulle‹.«

»Ah,« sagte die Dame mit niederschmetterndem Hohn, »wenn Sie so feine Ohren haben, Herr Drosdowicz, oder wie Sie heißen mögen, so werden Sie auch gehört haben, daß meine Tochter sagte: ›Gib ihm doch meine Sparschatulle.‹ Sie sehen, daß schon die Kinder wissen, wie bestechlich die russischen Beamten sind. Nur den Preis taxieren sie noch nicht richtig!«

Der Kommissar biß sich auf die Lippen, begnügte sich aber, ihr einen finsteren, drohenden Blick zuzuwerfen.

Der kleine Triumph, den sie nach echter Frauenart sich verschafft, ohne sich um die Folgen zu kümmern, schien die Dame erleichtert zu haben, ihre Tränen hörten auf zu fließen und sie maß den Beamten mit hochmütigem Blick.

Der Aufseher war eingetreten mit einem Männchen, dessen gebückter Haltung und Fingergeläufigkeit man den Schreiber ex officio auf der Stelle ansah. Er legte ein Aktenheft, Papier und Feder auf den Tisch und setzte sich zum Schreiben nieder.

»Zugleich mit dem Aufseher waren zwei Männer eingetreten, die der geöffnete Paletot als Polizeidiener erkennen ließ, und hatten an der Tür Posto gefaßt.

»Madame,« sagte der Kommissar jetzt streng, – »ich bitte um die Schlüssel. Zwingen Sie mich nicht zu unangenehmen Maßregeln.«

Frau von Wolawski schleuderte statt der Antwort den Schlüsselring weit hin auf den Estrich. Der Aufseher sprang dienstfertig hinzu, hob ihn auf und überreichte die Schlüssel dem Kommissar, der sie zu sich steckte.

»Ist das Dienstpersonal draußen?«

Die Dame erhob sich. »Ich denke, meine Gegenwart könnte Ihre Ausforschung von Bedienten und Mägden stören, mein Herr,« sagte sie spöttisch. »Die Leute würden sich vielleicht genieren, von Angesicht zu Angesicht ihre Herrschaft zu verlästern. Ich werde mich deshalb entfernen. Komm meine Tochter!«

Der Kommissar vertrat ihr den Weg. »Ich bedaure, dies nicht zugeben zu können. Ihre Gegenwart dürfte bei dem Verhör der Leute notwendig sein!«

Frau von Wolawski drehte sich kurz um und ging mit ihrer Tochter zu dem früheren Sitz zurück.

»Lassen Sie die Leute eintreten!«

Aus dem Küchenflur traten die Personen des Dienstpersonals ein, alle sehr bestürzt – durch die offene Tür konnte man Soldaten und Polizeidiener im Flur bemerken.

Der Kommissar hatte an dem Tisch dem Schreiber gegenüber Platz genommen und zog einige Blätter mit Notizen aus der Brusttasche.

»Du bist der Kellermeister Nepomuk Ostrowski?« fragte er den Ältesten.

Dieser, ein kurzer, blatternarbiger Kerl mit wenig Vertrauen erregendem Gesicht, zwischen fünfzig und sechzig Jahren, verbeugte sich aufs tiefste. »Kellermeister und Haushofmeister wie Euer Excellenz belieben, stehe der andern Dienerschaft vor und bin schon seit dreißig Jahren im Hause, schon bei dem seligen Herrn; habe den jetzigen gnädigen Herrn von Kindesbeinen gekannt und groß werden sehen.«

»Still – bis du gefragt wirst. Du kennst den Mann, Pan Stephanowitsch?«

»Es ist, wie er sagt, Herr Kommissar.«

»Er kann also für die andern einstehen. Da steht auf meiner Liste der Kutscher Jakob Kryszinki?«

»Mit zur Jagd – er fährt die Herren Offiziere.«

»Mateusz Lachmann – der zweite Kutscher, oder was er sonst vorstellt.«

Ein noch junger Mensch meldete sich. »Hier, Herr!«

Der Kommissar warf ihm einen scharfen Blick zu. »Warum bist du nicht Soldat?«

»Weiß nicht, haben mich nicht ausgehoben.«

»Nun, wir wollen dafür sorgen, daß du das nächste Mal nicht übersehen wirst. Sollst ein gefährlicher Bursche sein, ein Schläger!«

»Weiß nicht, Herr – wird viel gesprochen.«

»Wieviel Reitpferde hält dein Herr?«

»Zwei!«

»Sie sind richtig da – nur das Schlittenpferd des Herrn von Wolawski, ein Ukrainer Schimmel, fehlt, wie ich schon vorhin berichtete,« bemerkte Stephanowitsch.

Der Kommissar wandte sich zu dem Knecht. »Wo ist der Schimmel? Seit wann fehlt er?«

»Weiß nicht, Herr – füttere nicht die Tomcerka. Vielleicht hat der Herr ihn verkauft, war noch die Tage ein Jüd hier.«

»Und das solltest du nicht wissen, Bursche? Ich werde Mittel finden, dein Gedächtnis zu schärfen. – Einstweilen – Jean Mathurin – Franzose, gewiß dort die alte Vogelscheuche. Tritt heran, Mann; sprichst du polnisch?«

»Spreken ik polnisch ser kut, Monsieur,« stammelte der alte, weißköpfige Diener, der eine gewiß einst sehr elegante, nur jetzt stark defekte Livree trug. »Bin ik gewesen Kammerdiener von hochseligen Herrn General in Paris, hab ik gelernt polnisch wie meine Muttersprak!«

»Aber Sie reden doch lieber französisch, Monsieur Mathurin,« fragte ihn schlau der Kommissar, das Idiom wechselnd.

» Oh, Monsieur, naturellement! Es geht doch nichts über die herrliche Sprache des schönen Frankreichs. Madame la Baronesse, meine gnädige Herrschaft, haben immer die Güte, nur französisch mit dem alten Jean zu sprechen.«

»Nun, es findet sich ja wohl auch sonst oft Gelegenheit hier im Hause,« fuhr der Kommissar arglistig fort. »Sie sind Pariser, Monsieur Mathurin?«

» Oui Monsieur, j'ai l'honneur!«

»Das dachte ich mir – nun, um so lieber plauderts sich von dem unvergleichlichen Paris. Das ersetzen selbst die Zeitungen nicht. Doch kommen ja häufig Herrschaften von dort, die Ihrem Alter und Ihrer treuen Anhänglichkeit an die Familie der gnädigen Frau zu Ehren gewiß gern Ihnen von der Heimat erzählen. So neulich der Kapitän.«

» Ah oui! Monsieur le capitain! c'etait un homme très aimable!«

Ein triumphierender Blick des Inquirenten traf die Edeldame und gab ihr den vorigen Hohn zurück. Zugleich hatte der alte Kammerdiener, ein Erbstück der Familie der Frau von Wolawski, seine Augen auf das totenblaß gewordene Gesicht seiner Herrin gerichtet und im Augenblick wurde ihm die begangene Unvorsichtigkeit klar. Indem er sie eifrig gut machen wollte, verhedderte er sich nur immer weiter, bis der Kommissar ihn mit einem strengen Wink unterbrach. »Es ist gut, mein Freund – ich weiß, was ich wissen wollte! – Es fehlt eine Person aus Ihrem Haushalt, Frau von Wolawski – wo ist die Gouvernante der Kinder, Fräulein Pustowojtów?«

»Wahrscheinlich auf ihrem Zimmer – ich pflege sie erst bei unserm Frühstück zu sehen.«

»Und wann sahen Sie dieselbe zuletzt?«

»Gestern abend, ehe ich mich in mein Schlafzimmer vor dem Überfall, mit dem uns Ihre Gesellschaft beehrte, zurückzog.«

»Gehe eine von euch nach dem Zimmer der Gouvernante und rufe sie.«

»Ich bin schon dort gewesen,« sagte eines der Stubenmädchen dienstfertig, – »die Mamsell ist nirgends zu finden und gar nicht zu Bett gewesen.«

Der Beamte stieß eine polnische Verwünschung aus. »Hol's der Teufel, wenn man die Augen nicht selbst überall hat! – Frau von Wolawski, ich muß Sie bitten, mit sämtlichen hier anwesendem Gesinde in diesem Zimmer zu verweilen, bis ich zurückkehre, oder Sie holen lasse.«

»Aber meine Kinder –«

»Die Wärterin mag Ihre Kinder hierher bringen, wenn sie erwacht sind und Sie es wünschen. Franciszek – Sie bleiben hier und stehen mir dafür, daß niemand die Halle verläßt, oder irgendeine Verbindung mit außen unterhält. Nepomuk Ostrowski, du wirst mir das Arbeitszimmer des Herrn von Wolawski zeigen. Vorwärts, Stephanowitsch!«

Einer der Polizeidiener öffnete die Tür, der Kommissar, der Aufseher und der Kellermeister gingen hinaus.

Frau von Wolawski ging schweigend in großer Aufregung mit fest ineinander gekrampften Händen auf und nieder. Blässe und fliegende Röte wechselten auf ihrem Gesicht. Ihre Tochter saß weinend im Winkel – die andern standen schweigend und ängstlich an den Wänden umher.

Man hörte bei der herrschenden Stille im Hause wiederholt Türen öffnen und schließen. Draußen wirbelte der Wind noch immer die kreisenden Schneeflocken an die Fenster – es war jetzt heller Tag.

Im Zimmer des Hausherrn war alles bunt über einander geworfen, der Kommissar Drosdowicz hatte eine genaue Durchsuchung aller Möbel gehalten, die gefundenen Papiere flüchtig durchgesehen, ohne mehr gefunden zu haben, als ein paar der verbotenen Broschüren des Zentral-Komitees und einige alte Exemplare der berühmten Schrift von Mlodeck: »Von den Lebenswahrheiten des polnischen Volkes«, Brüssel 1844. die der Erhebung von 1846 vorausging und in Form eines Katechismus die genauesten Vorschriften enthält, wie ein Aufstand durchzuführen ist.

»Aber ich kann beschwören, bei der heiligen Mutter Gottes,« sagte der schurkische Kellermeister, »daß ich noch gestern morgen den Herrn habe Briefe lesen sehen, die von Paris waren, und die ein Bote gebracht hat, der von jenseits der Grenze kam. Ich hörte deutlich den Herrn zur Frau sagen, er wolle, wie heute, hinüberreiten und mit dem Kapitän sprechen. Die Schriften von Paris seien ihm zur eiligsten Beförderung empfohlen.«

»Und er ist gestern nicht fort gewesen?«

»Nein! – Einer der Holzhauer aus dem Forst brachte ihm am Nachmittag ein Paket Wolfspillen, die, wie er sagte, der alte Stenko gedreht, aber es fühlte sich an wie Papiere.«

»Dann müssen sie noch hier versteckt sein. Was denkst du von dem Verschwinden der Gouvernante?«

»Es ist ein launisches Weibsstück – sie schweift oft umher und fürchtet den Teufel nichts. Die Herrschaft läßt ihr zu viel Willen.«

»Doch ist die Sache zu verdächtig in Verbindung mit der Abwesenheit des Pferdes« sagte der Kommissar zu dem Aufseher. »Wir müssen unbedingt Aufklärung haben, die Befehle des Polizeimeisters sind die bestimmtesten. Die Regierung hat sichere Nachricht, daß das Zentral-Komitee der Emigranten von Paris vor ganz kurzer Zeit einen ihrer unternehmendsten Köpfen abgesandt hat, um mit den Warschauer Agitatoren zu verhandeln. Aber unsere Spione in Paris, die sonst sehr gut unterrichtet sind, haben nicht erfahren können, wen, und alle unsere Überwachungsagenten behaupten, daß keine der hervorragenden Persönlichkeiten von ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte abwesend sei. Bis Posen haben wir über Berlin die Spur des Mannes verfolgen können; von dort ist sie gänzlich verschwunden. Um so willkommener war Ihre Anzeige, daß der Bursche hier anscheinend wieder aufgetaucht ist. Es gilt zunächst, zu wissen, wer er ist? Selbst wenn wir ihn heute nicht fangen sollten, wird uns das die Nachforschungen sehr erleichtern.«

»Und meine Belohnung?«

»Die Anstellung bei der Warschauer Polizei? Sie soll Ihnen bestimmt werden, ich habe bereits mit dem General-Polizeimeister gesprochen. Von dem Bericht über Ihre heutige Tätigkeit wird Ihre Anstellung abhängen. Wir können gerade jetzt Leute von Zuverlässigkeit und Schlauheit in Warschau gebrauchen. Jetzt beweise also dein Spürtalent, Stephan Stephanowitsch, und zeige, was du an der Grenze gelernt hast.«

Der Aufseher sann nach.

»Erinnerst du dich genau,« fuhr der Kommissar zu dem verräterischen Diener fort, »an welchem Tage du den Fremden hier im Hause gesehen?«

»Wie ich dem Herrn Oberaufseher berichtet, am dritten Tage nach dem deutschen Neujahrsfest.«

»Und seitdem nicht wieder?«

»Nein, aber der Herr war öfter abwesend. – Und jetzt erinnere ich mich, daß ich die Gouvernante in voriger Woche einmal mit einem Korbe aus dem Hause gehen sah, ein Tuch darüber geschlagen. Flaschenhälse guckten daraus hervor, und als ich frug, wohin? für wen? und das Tuch fortziehen wollte, schlug sie mich derb auf die Hand und sagte, für die Armen im Dorf, die gnädige Frau schickt's! – Ihre Schlittschuhe hatte sie auch bei sich; er muß also ganz in der Nähe versteckt sein, am See.«

»Du würdest den Mann wieder erkennen?«

»So wahr mich die Heiligen segnen mögen, ich habe ein vortreffliches Gedächtnis, wenn's etwas zu verdienen gibt.« Er krümmte bezeichnend die Hand.

»Du bist dreißig Jahre hier im Hause?«

»Achtundzwanzig und ein halbes – war ein leibeigen Kind!«

»Und dennoch bist du bereit, deinen Herrn zu verraten?«

Ein böser, giftiger Blick schoß aus den Augen des Kellermeisters. »Es ist eine alte Schuld, Herr,« murmelte er. »Dem Vater hätt' ich's nicht getan, bei meiner Seelen Seligkeit nicht! – Die Wanda war ein braves Mädel – des Stenko Tochter – und diente im Herrenhause; ich hätte sie geheiratet, aber sie lachte mir ins Gesicht und scharmuzierte mit dem Junker, bis sie's weg hatte, den dicken Bauch – der Satan weiß, wo der Bankert geblieben ist. – Die Dirne selbst ging später nach Warschau, da sie dem Alten nicht mehr ins Haus durfte. Seitdem ist er mürrisch und wortkarg.«

»Was gehen uns deine Liebesgeschichten an – ein Kerl mit deiner Fratze kann von den Weibern nicht viel erwarten – halte dich an das Geld.«

Der Verräter grinste. » Schorte vos mi! Als ob ich's nicht täte, auch ihn kostet's manchen schönen Gulden! Aber ich erwarte, Herr, daß Sie mich gut bezahlen. Pan Stephanowitsch ist geizig genug!«

»Wenn der Fang gelingt, sind zehn Imperials dein!«

Der Kellermeister schlug sich vergnügt auf die Schenkel; während des Gesprächs hatte man nicht aufgehört, dies und die anstoßenden Zimmer auf das Genaueste zu untersuchen – aber außer einem wohlgefüllten Gewehrschrank fand sich nicht das geringste Verdächtige. – Der Grenzaufseher, der bei der Anspielung des Kommissars auf die häßliche Visage des Kellermeisters und sein Mißgeschick bei den Weibern, seine eben nicht hübschere Physiognomie arg verzogen – hatte die Zeit in tiefem Nachsinnen zugebracht. Jetzt wendete er sich zu dem Warschauer Beamten.

»Sie haben alle Schlüssel an dem Bunde probiert und die betreffenden Laden gefunden.«

»Alle, bis auf diesen kleinen, der englische Arbeit und offenbar zu einer Kassette oder einem Geldschrank gehörig ist.«

»Das ist's! Es ist also ein geheimer Behälter vorhanden, und wir müssen ihn suchen. Er ist offenbar wohl versteckt. Wie Sie vorhin zu der Frau sagten, war von einer Schatulle die Rede; aber wo ist sie?«

»Das eben frage ich Sie!«

»Glauben Sie, Herr Kommissar, von der Frau das Geständnis erlangen zu können, wo man sie versteckt hält?«

»Ich fürchte, nein!«

»Auch durch Zwangsmittel nicht?«

»Ich habe zwar unbeschränkte Vollmacht, indes – – die Stimmung in den höchsten Kreisen ist nicht günstig dafür. Man hat dem Kaiser von ungerechten Verfolgungen und Grausamkeiten vorgeredet, und es ist eine Partei in Warschau, an deren Spitze der Markgraf Wielopolski steht, und die jede Gelegenheit wahrnimmt, die Polizei anzuklagen. Eben deshalb wünscht die Regierung Beweise, um darauf hin ein strengeres Einschreiten rechtfertigen zu können. Wir wissen recht gut, daß wir mit Mißgesinnten zu tun haben, und daß hier ein schlimmes Nest ist, aber eben deshalb müssen wir vorsichtig sein. Die polnische und französische Presse würden großen Lärm erheben, wenn wir unnütz gewisse kleine Überredungsmittel angewendet hätten.«

Der Aufseher zuckte die Achseln – in seiner untergeordneten Sphäre und den Kreisen, auf die seine Tätigkeit sich erstreckt, waren ihm solche Rücksichten unbekannt und ganz unnütz. Er kehrte sich zu seinem Spion. »Hast du niemals eine besondere Kassette, eine Schatulle oder Kasten bei deinem Herrn oder der Frau gesehen, die sonst nicht in den Zimmern zu sehen sind?«

»Ja, Pan – einmal, kürzlich, einen mit grünem Tuch beschlagenen Kasten – es waren Papiere darin – im Schlafzimmer der gnädigen Frau!«

»Das wäre ein Fingerzeig – hat sonst jemand den Kasten gesehen?«

»Weiß nicht. Es war niemand im Zimmer, als der Herr und die Frau und Junker Antoni, der kleine Sohn der Herrschaft, und der Herr schalt mich, »daß ich ohne zu klopfen hereingekommen war.«

Der Aufseher rieb sich die Hände – » Dobrze. dobrze! Wir haben sie! Die Kinder – das ist der Punkt! Wie viel hab' ich schon durch die kleinen Rangen erfahren!«

Der Kommissar sah ihn mit einer gewissen Bewunderung an, er sagte sich, daß dieser Spürhund etwas für ihn sein könnte. Er nickte zustimmend und fragte: »Wie wollen wir es anfangen?«

»Wollen Sie die Gnade haben, die Sache mir als Probestück zu überlassen?«

»Gewiß!«

»Und Sie sagen mir dann die Erfüllung meines Gesuches zu?«

»Ich werde dich in mein eigenes Bureau nehmen, Stephan Stephanowitsch!«

Das Gesicht des Aufsehers glänzte, er rieb sich die Hände. »Dann ist es gemacht. – Wo sind die Kinder?«

»Drüben in der Kinderstube, neben dem Schlafzimmer der gnädigen Frau.«

»Nun höre mich – aufgepaßt! Oder du bekommst eine Tracht Prügel, aber nicht eine Kopeke. Ich werde an der Tür horchen, ob du deine Sache gut machst. Ich bitte, Pan, bleiben Sie hier, zu viel fremde Gesichter würden die Kinder nur ängstlich machen.«

Er zog den Kellermeister ins Fenster und instruierte ihn genau; der Kommissar beobachtete von seinem Stuhle aus beide und freute sich der Energie und Schlauheit, mit welcher sein neuer Agent die Sache behandelte.

Dann verließen die beiden, der ungetreue Diener und der Spion, das Zimmer und gingen nach dem der Kinder, über den Gang hinweg.

Marischa, die Amme des Jüngsten, saß mit den beiden Kindern in großer Angst, die Gerüchte, die sich im Hause verbreitet hatten, waren auch zu ihr gekommen, die Soldaten und Polizeidiener im Hause, die rauhe Art, mit der sie zurückgewiesen worden war, als sie das Zimmer verlassen wollte, hatten die simple Dienerin ganz betäubt, und sie war herzlich froh, als der Kellermeister zu ihr ins Zimmer trat, obschon er sich sonst gerade nicht sehr ihrer Gunst erfreute.

»Um der heiligen Jungfrau willen, Nepomuk, was ist denn geschehen, was geht vor? Warum kommt die gnädige Frau nicht? Ich habe fast den Tod davon gehabt.«

»Du sollst geschwind zu ihr kommen und die kleine Jadwiga mit dir bringen. Sie ist in der Halle und verlangt nach dir.«

»Kommt, Kinder, geschwind! Seht ihr, Schätzchen, wie gut es ist, daß ich euch schon angezogen habe!« Sie wollte fort mit den Kindern.

»Nein – die gnädige Frau hat ausdrücklich bestimmt, nur die Jadwiga. Der Antoni wäre noch zu klein, sagte sie. Ich will bei ihm bleiben, bis du zurückkommst.«

Das Weib besann sich nicht lange, sie nahm das Mädchen an der Hand und rannte davon.

Der Kellermeister nahm den Knaben auf seinen Schoß – er wußte, daß man die Frau, wenn sie erst die Halle betreten, nicht wieder fortlassen würde.

»Nun, Antoni, mein Jüngchen – weißt du noch die schöne Geschichte, die ich dir neulich in der Küche erzählt habe?«

»Vom Wehrwolf und den frommen Kindern?« sagte der Knabe. »Bitte, Muk, erzähle noch einmal! Toni auch artig sein.«

»O – ich weiß noch weit schönere – und Bilder zeig ich dir dazu, rot und blau und golden, die Wölfe und die lieben Englein, und die weißen Schäfchen!«

»Bitte, lieber Muk – bitte schön!«

»Sie sind in dem schönen Buch, was der Papa und die Mama in der grünen Kiste haben, die auf dem Tisch stand, als du neulich in Mamas Zimmer spieltest.«.

»Aber kein Buch darin,« sagte zweifelnd der Knabe. »Toni hat keins gesehen.«

»Gewiß, mein Junge – ich will dir's gleich weisen. Mama hat gesagt, ich sollte dir die Bilder zeigen, damit du hübsch artig bleibst und nicht weinst, bis sie kommt. – Komm mit mir.«

Er trug ihn nach dem Schlafzimmer der Dame.

»Aber ich seh ja die grüne Kiste nicht. Wo steht sie denn?«

»Papa wegtun. Immer einschließen.«

»Da ist der Schlüssel – weißt du nicht, wo sie ist, die Kiste, Toni?«

»Toni gut wissen!« lachte der Knabe. »Rat einmal, Muk!«

»Ja, ich kann's nicht raten, – ich hab's vergessen, aber Toni weiß es auch nicht mehr.«

»Red' nicht so dumm, Muk! Da – sieh, aber Toni kann nicht heben! Wenn Toni groß, so groß, schenkt Papa ihm einen Säbel.«

Das Kind wies auf den Toilettentisch seiner Mutter, den der Aufseher genau durchsuchte und dann zur Seite schob – aber es war keine Spur von dem gesuchten Kasten, noch von einem Behälter zu entdecken, zu dem der kleine Schlüssel passen konnte.

»Alberner Junge – Du hast mich genarrt!«

Das Kind klatschte in die Hände und hüpfte umher. »Bist du dumm, Muk; Toni – klein, aber weiß viel, viel mehr. Du mußt doch den Schlüssel reinstecken.«

Der Aufseher, dem bereits der Schweiß auf die Stirn trat im Arger über die vergebene Mühe, warf sich auf den Fußboden und untersuchte Spanne für Spanne ganz genau – schon verzweifelte er, eine Spur zu finden, als die eigentümliche Form des Schlüssels ihn auf eine Entdeckung führte.

Dieser hatte, nach Art der Schlüssel für die eisernen Geldschränke, keinen Bart, sondern nur eine hohle, mit verschiedenen Vertiefungen eingeschnittene Rundung. Bei der genauen Durchforschung der gewöhnlichen eichenen Dielen des Zimmers fiel ihm endlich ein anscheinend ganz natürlich in der Diele befindlicher abgehobelter Knorren auf, und in dessen Mitte ein rundes Loch.

Nur das schärfste Auge und der bereits erregte Verdacht konnte diese Unebenheit entdecken; das Gefühl überzeugte jetzt den gewitzten Spion, daß der ganz ausgezeichnet gearbeitete Knorren von Eisen und das kleine Loch in der Mitte kein Zufall war.

Er setzte den Schlüssel ein und probierte – beim zweiten Umdrehen fühlte er das Öffnen des Schlosses – ein Ziehen – die Diele hob sich, ein Raum darunter ward sichtbar – darunter eine Kassette von grünem Saffian.

Stephanowitsch stieß einen Ruf des Triumphes aus – er faßte die Kassette am Griff, hob sie heraus und nahm sie unter den Arm.

»Nun, Muk, zeig Toni Bilderbuch!«

Der brutale Mensch stieß das arme Kind, das so unschuldig seine Eltern verraten, zurück, daß es an die Wand flog und weinend am Boden liegen blieb. Im nächsten Augenblick riß er die Tür auf. »Urrah, Pan Kommissar, – die Stelle ist mein! Wir haben sie!«

Die Augen des Polizeikommissars funkelten, als er die vielgesuchte Kassette erblickte. Was kümmerten ihn die Mittel, die sie in seine Hände gebracht. Der Kommissar Drosdowicz war kein schlechter Mensch, er hatte ein Herz, wie er schon bei der aufopfernden Tat des Fräulein von Marowska bewiesen, er hätte sicher das Kind nicht mißhandelt, oder eine Mißhandlung geduldet, aber er war vor allem Polizeimann und zwar mit einer gewissen Leidenschaft, und die Entdeckung und Verfolgung der revolutionären Agitation ging ihm über alles.

Der Kommissar überzeugte sich, daß der Schlüssel gleichfalls zu der Kassette paßte. Dann nahm er sie unter seinen Mantel, befahl Stephanowitsch, ihm zu folgen, und trat in die Halle.

Die Hausfrau stand an dem Tisch, blaß, aufgeregt, das Erscheinen der Amme mit dem Kinde hatte offenbar ihre Besorgnisse gesteigert und sie sah mit ängstlichem Blick dem Eintritt der Männer entgegen.

Ein tiefer Atemzug schwellte ihre Brust, als sie den Kommissar eintreten sah. Er ging zu dem Schreiber am Tisch.

»Nimm das Protokoll wieder auf, Jean Zielewicz,« sagte er. – »Die Haussuchung bei Herrn von Wolawski hat mit Ausnahme einiger verbotener älterer Broschüren nichts ergeben –«

»Nichts ergeben –«

»Bis auf diese versteckte Kassette, deren Inhalt wir jetzt vor Zeugen untersuchen wollen.«

Ein halblautes, schmerzliches Stöhnen – ein Fall hinter ihm – die Frau des Hauses lag ohnmächtig am Boden. – – – – – – – – – –

Der Schnee fiel noch in wirbelnden Flocken, als die Jagdgesellschaft vom Gut auf dem für sie bestimmten Sammelplatz, etwa in der Mitte des westlichen Seeufers ankam. Der Kreishauptmann fand seine sehr sorgfältig getroffenen Befehle ausgeführt und die beiden Enden der aus Soldaten und den aufgebotenen Bauern und Forstleuten gebildeten Treiberkette geschlossen. Nachdem man sich über die Verteilung der mitgekommenen Schützen verständigt hatte, wurde das Zeichen zum Beginn des Treibens gegeben und pflanzte sich rasch auf der wohl drei Meilen messenden Kreislinie fort.

Dem Major war die Beaufsichtigung der östlichen Seite des Sees zugefallen, einige Beamten fungierten in gleicher Weise auf der nördlichen und südlichen Seite – der Kreishauptmann hatte sich die westliche Chaine vorbehalten. Der von den Gendarmen den Ortsvorstehern erteilte Auftrag ging dahin: mit zuverlässigen, ihnen bekannten Leuten die Chaine zur Einkreisung der Wölfe zu bilden und ein großes Kesseltreiben zu machen, als dessen Ziel und Mittelpunkt die südliche Spitze des Sees und die Umgebung der Hütte des Waldwärters Stenko bezeichnet wurde. Zugleich sollte, und dazu war strenger Befehl gegeben, jede ihnen unbekannte Person, die sich nicht vollständig legitimieren könne, ja die überhaupt nur in dem Wald betroffen würde, nachsichtslos aufgegriffen und nach dem Sammelpunkt gebracht werden. Zwischen den Bauern waren auf der ganzen Linie Jäger, Soldaten, Kosaken und Grenzbeamte verteilt.

»Ich weiß, Herr von Wolawski, welch ausgezeichneter Schütze Sie sind,« sagte der Kreishauptmann, als nach gegebenem Zeichen die Kolonne sich in Bewegung setzte, »und da ich eben kein besonderer Nimrod bin, und Sie überdies diese Gegend genau kennen, so werden Sie mir erlauben, in Ihrer unmittelbaren Nähe zu bleiben.«

Der polnische Edelmann begnügte sich mit einer kurzen Verbeugung – er wußte sehr wohl, was diese Höflichkeit zu bedeuten hatte; er stand unter polizeilicher Aufsicht.

Es war gegen 10 Uhr, als der Kreis sich in Bewegung setzte; das Schneegestöber begann sich zu legen, gerade wie der alte Forstwärter es vorausgesagt, ja, ehe noch eine halbe Stunde vergangen war, hatte der Wind die Wolken vertrieben, die Sonne kämpfte sich durch die Nebelschleier, und ein prächtiger Wintertag begrüßte die Jagd.

Freilich hatte der Schneefall am Morgen die Spuren der Wölfe und des anderen Wildes, das man jagte, zum großen Verdruß des Kollegienrates verdeckt.

Übrigens schien der vorgeschobene Zweck des Treibens vollständig erreicht werden zu sollen. Schon eine Viertelstunde, nachdem die Kette aufgebrochen und in die jetzt gefrorenen Sümpfe eingedrungen war, hörte man drüben vom See her die ersten Schüsse. Das Feuern mehrte sich nach und nach auf der ganzen Linie – und endlich, als die Gesellschaft des Kreishauptmanns eben in eine dicht mit Schilf und Buschwerk bewachsene Niederung hinabstieg, versuchten zwei große Wölfe, auf ihrer Seite durchzubrechen.

Die Jagdlust war so anregend, daß Herr von Wolawski selbst die gefährliche Lage, in der er sich befand, vergaß und nur noch der passionierte Jäger war.

»Nehmen Sie den Burschen links dort aufs Korn, Herr von Tymowsky,« sagte er hitzig, »ich halte den ersten.«

Die beiden Schüsse knallten zu gleicher Zeit – der Wolf, auf den der Pole geschossen, brach im Feuer zusammen, der andere durchbrach die Reihe der Treiber und Schützen und rannte davon, obschon noch mehrere Kugeln ihm nachgesandt wurden.

»Wahrhaftig, Sie haben Ihr Wild gefehlt!« höhnte der Pole. »Ich hielt Sie doch für einen bessern Schützen.«

»Sorgen Sie nicht, Herr von Wolawsky,« sagte der Kollegienrat, dessen Eitelkeit verletzt war, da selbst der Gendarm und die anderen Personen, die er um sich hatte, über den Fehlschuß lachten. – »Es ist noch nicht Abend und ich finde schon mein Wild!«

Die Treiber und Jäger drängten sich um den erschossenen Wolf; unter den Weibern, die rüstig mit Knarre und Knüppel im Treiben führten, war es dem Edelherrn ein paarmal, als schauten ihn aus dem großen Kopftuch der einen bekannte Augen an.

Drei Stunden waren vergangen, enger und enger schloß sich der Kreis, der jetzt höchstens noch eine halbe Meile Durchmesser haben konnte und sich um ein großes Dickicht in der Nähe der Seespitze zusammenzog.

Es waren bereits neun Wölfe erlegt worden und das Geheul der Bestien, die von dem Lärmen verscheucht, sich auf diesen Punkt zusammengedrängt hatten, bewies, daß eine noch größere Anzahl sich hier verborgen hatte.

In diesem Augenblick war es, wo Herr von Wolawski zum erstenmal unter den Treibern der kräftigen, wenn auch leicht gebeugten Gestalt Stenkos, des Forstwärters, ansichtig wurde. Der Alte schien sich jedoch absichtlich so entfernt zu halten, daß er kein Wort mit ihm wechseln konnte, um seine Unruhe zu beschwichtigen.

Der Kollegienrat schien sehr übler Laune zu sein; die Rapporte, die er von Zeit zu Zeit empfing, besagten nichts von einem Fang des höheren Wildes, auf das man eigentlich die Netze gestellt.

Der Oberförster, welcher eigentlich die Jagd leitete, kam jetzt auf seinem Klepper heran und hielt vor dem Kreishauptmann.

»Euer Hochwohlgeboren wollen uns Ihre weiteren Befehle erteilen,« redete er ihn an. »Ich schätze, daß wohl noch ein Dutzend der Bestien in dem Bruch dort verborgen sein müssen, und Sie wollen bestimmen, nach welcher Seite wir sie treiben sollen.«

Der Kollegienrat fühlte, ohne aufzusehen, daß der Blick des Herrn von Wolawski spöttisch auf ihm ruhte, und er antwortete ohne Bedenken: »Hierher, Herr, versteht sich von selbst!«

Dann winkte er dem Oberförster und führte ihn ein wenig zur Seite.

»Nichts Verdächtiges weiter, Herr?«

»Ein paar Holzdiebe, die der Schnee in den Wald gelockt, der Wojt kennt sie.«

»Haben Sie von der anderen Seite her Rapport?«

»Zweimal, Euer Hochwohlgeboren, sie haben vier Wölfe erlegt.«

»Wo ist das Haus des Waldwärters Stenko Siwack?« – Oder sind wir hier nicht mehr auf dem Gutsgebiet des Herrn von Wolawski?«

»Wo Euer Hochwohlgeboren die hohen Kiefern da drüben sehen, darunter ist die Hütte des alten Burschen. Der Kerl ist so grob und mürrisch, wie ein ungehobelter Block und spricht kaum fünf Worte.«

»Hat er sich zu den Treibern eingefunden?«

»Dort drüben steht er – die Kosaken werden ihn wahrscheinlich aus seiner trägen Ruhe geweckt haben. Er ist auf zehn Meilen in der Runde berüchtigt wegen seiner Grobheit und Menschenfeindlichkeit.«

»Ich weiß nichts weiter von ihm, außer daß seine Wohnung zum Schlußpunkt unseres Treibens bestimmt ist. Sie können zufrieden sein mit dem Resultat Ihrer Jagd – ich weniger mit der meinen! Bitte geben Sie das Zeichen, es ist bereits Mittag.«

Der Oberförster sprengte fort, der Kollegienrat wandte sich zu seinem Gastfreund.

»Ich glaube, Sie haben vorhin recht gehabt – das Revier ist kein glückliches für mich! – Doch – wer kommt dort? – Zwei Reiter – sie kommen etwas zu spät, um Wölfe schießen zu helfen.«

»Ich glaube kaum – sehen Sie dort hin, Pan! – Geschwind, die Büchse auf!«

Das Schauspiel, das sich entwickelte, war in der Tat ebenso aufregend als selten und dabei keineswegs ungefährlich. Auf das Signal des Oberförsters waren von der andern, etwa eine Viertelstunde entfernten Seite des Kreises die Treiber vorgebrochen und hatten zugleich mehrere große Wolfshunde, die bisher zurückgehalten waren, auf das Dickicht losgelassen.

Man hörte das Anschlägen und bald das wütende Gebell der Rüden, darauf das wohlbekannte Geheul der Wölfe.

Aber in dies Geheul mischte sich ein anderer Laut, der die Jäger stutzen machte – ein dumpfes, mächtiges Brüllen.

» Do djabla – was ist das?«

In dem Dickicht krachte und brach es – vier bis fünf Wölfe und ein paar wilde Eber, Hasen in Menge, brachen rechts und links aus dem Sumpf und stoben über die Schneefläche – Schüsse krachten hinterher.

Aber die Hunde kamen nicht hinterdrein – noch tönte ihr wütendes Kläffen im Dickicht, immer wilder, dazu Schnauben und Stampfen – einer der Wölfe sprang so dicht an dem Kollegienrat vorbei, daß er ihn hätte mit dem Kolben der Büchse erreichen können!

Von rechts und links eilten jetzt Jäger und Treiber heran.

Da brach es aus dem Dickicht – das Sonnenlicht fiel auf einen schwarzen, ungeschlachten Körper, wie er auf kurzen, haarigen Beinen aus dem Geröhr sprang, die Hunde um ihn her! Ein mächtiger zu Boden gesenkter Kopf mit kurzen, kräftigen Hörnern, ein unter zottigen Mähnen begrabenen Nacken, ein kurzer, gedrungener Rumpf, der Schwanz hoch in die Luft gewirbelt, die roten Augen funkelnd aus dem Haargewirr, die Lefzen Geifer umher schleudernd, so stand das Ungetüm einige Augenblicke im Freien und schien umher zu stieren, gleich als suche es sich einen würdigen Gegenstand für seinen Angriff. Ein Schlag des mächtigen Kopfes genügte, um zwei der Hunde, die ihm an die Kehle springen wollten, weit zur Seite zu schleudern.

» Dyabel! Dyabel!« Der Teufel. schrien die Bauern, warfen die Spieße und Knüttel weg und rannten davon. – » Zubr! Zubr!« Auerochse. erscholl der Ruf der Jäger, aber die Furcht und der Schrecken war kaum minder groß unter ihnen, da die meisten von ihnen das Tier nur aus der Beschreibung kannten und nur wenige es in den Urwäldern von Bielawice gesehen hatten, wo der kaiserliche Grundherr allein noch diese seltene Tiergattung, den Büffel vergangener Jahrhunderte hält.

Es war bekannt, daß bei der Jagd, die der Kaiser Alexander im Oktober des vergangenen Jahres seinen fürstlichen Gästen in diesen mächtigen Wildnissen gegeben hatte, ein paar der Stiere ausgebrochen waren, ohne daß es gelungen, sie wieder einzufangen. Man wollte eines oder das andere der Tiere seither an der litauischen Grenze gesehen haben und der strenge Winter hatte es wahrscheinlich bis in die Warthe-Niederung versprengt.

»Bei Gott, das ist ein besonderes Glück,« rief Herr von Wolawski, die eben auf einen der Eber entladene Büchse rasch wieder ladend – »Herr von Tymowsky, Ihnen gebührt die Ehre des Schusses!«

Der Kreishauptmann hob das Gewehr, aber die ungewohnte, in der Tat groteske Erscheinung schien seine Nerven zu erschüttern. In diesem Augenblick erblickte der Ur die rote wollene Decke, mit welcher der Kollegienrat beim Stehenbleiben im Schnee sich vor der Kälte geschützt hatte, und die ihm widrige Farbe schien die Wut des Tieres noch mehr zu reizen. Er galoppierte gerade auf den Standpunkt des Kreishauptmanns zu.

Das war mehr, als der unglückliche Jäger vertragen konnte. Er machte kehrt und versuchte zu flüchten, verwickelte sich aber schon nach den ersten Schritten in die unglückliche Decke und stürzte zu Boden.

»Zu Hilfe! Zu Hilfe!« schrie Herr von Wolawski, der mit dem Laden seiner Büchse noch nicht fertig war und durch das Schwingen derselben den heranstürmenden Ur zu scheuchen suchte. In der Tat sprengten auch zwei oder drei Kosaken herbei und versuchten, den Büffel mit ihren Lanzen anzugreifen, die Hilfe wäre aber jedenfalls zu spät gekommen, wenn solche nicht ganz unerwartet von anderer Seite gekommen wäre.

Einer der Treiber, ein Bauer, von mehr hoher als kräftiger Gestalt, die rote Pelzmütze tief in das Gesicht gezogen, in der Hand einen Wolfsspieß, stand mit einem der zahlreichen Dorfjungen, welche das Schauspiel der Jagd in die Treiberlinien gezogen hatte, in der Nähe des Beamten, als dieser sich, ohne das Gewehr abgeschossen zu haben, zur Flucht wandte und zu Boden stürzte.

Mit einem Sprunge war er an der Seite des Gefallenen und raffte die auf den Schnee gerollte Büchse auf.

» Lache!«

In demselben Augenblick hatte er sich vor dem Bedrohten auf das rechte Knie geworfen und die Büchse lag an seiner Wange.

Der Ur war kaum noch fünf Schritt entfernt, er senkte den Kopf bis zum Boden, um den Feind desto besser auf seine Hörner zu nehmen, die blutunterlaufenen Augen funkelten mordgierig.

»Schieß in drei Teufels Namen!« schrie der heransprengende Oberförster.

In dem Augenblick, als der Ur eben auf seinen kecken Feind losspringen wollte, krachte der Schuß. Die Stellung des Büffels hatte den Schützen verhindert, das Tier tödlich zu treffen, die Büchsenkugel traf es mitten auf den breiten Schädel und plattete sich an dem stahlharten Knochen ab, aber der Schlag in dieser Nähe war doch so gewaltig, daß das mächtige Tier betäubt in die Knie stürzte.

Diese Wirkung genügte, um den Kollegienrat und seinen kühnen Verteidiger zu retten.

Herr von Wolawski war mit dem Laden seiner Büchse fertig geworden und setzte sie unerschrocken dem Auerochsen fest an das Ohr, das einer der Hunde gefaßt hatte. Zugleich eilten von allen Seiten Reiter und Fußgänger herbei und mehrere Schüsse fielen, die aber sicher den Ur nur noch wilder gemacht haben würden, wenn nicht die Kugel des polnischen Edelmannes ihm durch das Gehirn gedrungen wäre.

Das gewaltige Tier stürzte, wie von einem Blitzstrahl getroffen, zusammen und hätte in seinem Fall fast den Knaben geschädigt, der mit einem Mut sondergleichen sich an seinen Schweif gehängt hatte, als er die Gefahr des mutigen Schützen gesehen.

Dieser hatte sich erhoben und stand, auf das abgeschossene Gewehr gestützt, in sehr unbehaglicher Empfindung da und hätte sich gern in dem Gedränge um den erlegten Ur verloren, als der unterdes herbeigekommene Oberförster ihn auf die Schulter klopfte. »Bist ein braver Bursche, Mann, verdienst unter die Jäger zu kommen, statt als Bauerlümmel zu verfaulen. Aus welchem Dorf bist du?«

Der Gefragte murmelte einen unverständlichen Namen und der Oberförster hätte wahrscheinlich näher fragen müssen, wenn jetzt nicht der Kreishauptmann seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte, den man aufgehoben und der jetzt auf die Gruppe zukam.

Herr von Tymowsky war etwas blaß von dem gehabten Schreck, sein Blick sehr unruhig und umhersuchend; man hatte sich beeilt, ihm das, was er durch seinen Fall von der Szene nicht selbst gesehen, zu erzählen.

»Von den Flössern aus Chelmno,« raunte eine Stimme dem wackeren Schützen zu. »Machen Sie, daß Sie fortkommen.«

Es war zu spät. Der Kreishauptmann trat näher. »Wo ist der Mann, der mit meiner Büchse geschossen hat?«

»Hier, Euer Gnaden Hochwohlgeboren!«

Ein scharfer Blick des Beamten musterte den Verkleideten von oben bis unten.

»Wie heißt du? Woher kommst du?«

»Aus Masowice, Herr – ich gehöre zu den Flössern auf dem Strom!«

»Du hast vielleicht mein Leben gerettet. Gib mir die Hand, Mann, die den tüchtigen Schuß getan.«

Der Angeredete versuchte das Padamdonek zu machen, aber der Kollegienrat verhinderte es.

»Nicht doch – nicht doch! Reich mir die Hand!«

Der angebliche Flösser hatte noch nicht Zeit gehabt, sie wieder in den groben Fäustling zu stecken, er mutzte zögernd den Beamten die Hand reichen, die dieser, ihn stark fixierend, einen Moment festhielt.

»Es ist gut,« sagte der Rat – »wir werden nachher sehen, was ich für dich tun kann. Bleib hier und entferne dich nicht – es scheint, man verlangt nach mir.«

In der Tat war außerhalb des Kreises, der sich um den Ur gebildet, die laute Frage nach dem Kreishauptmann erschollen. Es waren die beiden Reiter, deren Annäherung man vorhin bemerkt hatte: der Oberaufseher Stephan Stephanowitsch und der ungetreue Kellermeister, der übrigens sehr ungern seinem Begleiter zu folgen schien und die Augen nicht zu seinem Herrn aufzuschlagen wagte.

Dieser hatte ihn sogleich erkannt und war voll Besorgnis. »Was tust du hier, Nepomuk – warum hast du die gnädige Frau verlassen? Es ist meiner Frau und den Kindern doch nichts passiert?«

»Nichts, Herr, soviel ich weiß – ich mußte bloß diesem Mann den Weg zeigen!«

»Einen Augenblick, Herr von Wolawski – wir werden es sogleich hören, wenn etwas passiert ist!« Der Kollegienrat hatte dem Aufseher den Brief abgenommen, den dieser ihm brachte, und ihn erbrochen. Zweimal las er ihn aufmerksam durch und seine Stirn rötete sich. Dann dachte er einige Augenblicke nach und maß seine Umgebung.

Es waren jetzt an der Stelle ein paar hundert Menschen versammelt, darunter jedoch nur etwa fünfzig Kosaken und Gendarmen. Der Rat wußte jedoch recht gut, daß der Bevölkerung selbst wenig zu trauen und Herr von Wolawski in der Gegend sehr beliebt war. Der Vorfall mit dem Ur hatte überdies die bisher inne gehaltene Ordnung gelöst und wenn verdächtige Personen sich in der Umgebung befunden, hatten sie hinlänglich Zeit gehabt, zu entwischen.

Von den Offizieren der aufgebotenen Infanterie war keiner zur Stelle, der Befehl lautete, die Ostgrenze des Sees und der Sümpfe bis zur Straße nach Kolo hinunter und bis zum Abend besetzt zu halten und dann dahin wieder abzumarschieren, und der Rat erwog sorgsam, was er bei der Wichtigkeit der Nachricht, die er soeben erhalten, und der er weiteren Verfolg geben mußte, tun solle.

Nachdem er seinen Entschluß gefaßt, ging er rüstig an dessen Ausführung, denn er war wohl ein Mann, dessen Nerven ungewohnte und außer seinem Beruf liegende Gefahren erschüttern konnten, der aber in diesem seinem Beruf mutig und energisch zu handeln verstand.

Überdies kamen außer seinem Beamteneifer hier noch andere Interessen ins Spiel. Der Brief, den er erhalten, lautete kurz:

 

»Euer Hochwohlgeboren

zeige ich an, daß ich die geheime Korrespondenz des Herrn von Wolawski entdeckt habe, die vollständigen Aufschluß über seine hochverräterischen Verbindungen gibt und uns ein zahlreiches, wichtiges Material zur Entdeckung einer weit verzweigten Verbindung liefert, deren Sitz diese Gegend ist. Der Pariser Emissär, den Sie suchen, ist der Kapitän Marian Langiewicz; derselbe hält sich unzweifelhaft hier verborgen, und vielleicht ist es Ihnen bereits gelungen, ihn zu ergreifen. Mein unmaßgeblicher Rat wäre der, Herr von Wolawski zur Stelle zu verhaften und mit den übrigen Verdächtigen unter starker Eskorte nach Konin zu senden. Ich erwarte hier Ihre weiteren Befehle.

Gehorsamst
der K. Polizei-Kommissar
Droszdewicz

 

Der Kreishauptmann wandte sich zu dem Kosakenoffizier.

»Pan Kapitän, suchen Sie zwei Ihrer bestberittenen Leute aus, um Depeschen zu überbringen.«

Der Kosak bezeichnete zwei derselben.

Der Kollegienrat winkte seinem Gendarmen. »Bücke dich, Andrei, ich habe etwas zu schreiben.«

Der Gendarm bot gehorsamst seinen Rücken – der Kreishauptmann riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und schrieb auf jedes einige Worte.

Während er sie zusammenfaltete und adressierte, trat Herr von Wolawski, der seinen Entschluß gefaßt hatte, zu ihm.

»Herr Rat,« sagte er mit bestimmtem, festem Ton, »es scheint, Sie lassen mich absichtlich im Zweifel. Dieser Mann, mein Diener ist ohne Auftrag oder Befehl von mir hierher gekommen, und macht allerlei Ausflüchte; ich bin in Besorgnis um die Meinigen, und Sie haben nicht einmal die Güte, mich darüber zu beruhigen. Erlauben Sie dann, da ich in der Tat beunruhigt bin, selbst danach zu sehen?«

Der Kreishauptmann hatte eben die Depesche beendigt und geschlossen. »Ich bedauere, Herr von Wolawski,« sagte er kalt, »daß dies nicht so rasch möglich sein wird!«

»Und warum nicht?«

»Weil ich leider gezwungen bin, Sie im Namen Seiner Majestät des Kaisers zu verhaften.«

»Mich verhaften – und warum?«

»Wegen Hochverrat und Vorbereitung einer Rebellion!«

Der Edelmann lachte heiser. »Mein Herr Rat,« sagte er, »wir Polen sind leider dergleichen Gewaltschritte gegen uns gewohnt. Ich hoffe daher kaum, daß Sie mir die Beweise nennen werden, aus welche hin Sie einen ruhigen Bürger des Königreichs beschuldigen.«

Herr von Tymowsky erwiderte den leidenschaftlichen Blick des gefährdeten Mannes mit einem ruhigen, kalten Ausdruck.

»Ich habe nicht nötig, über meine Maßregeln Auskunft zu geben, will es aber aus persönlichen Rücksichten tun. Sie kennen den Kapitän Langiewicz?«

»Sein Name ist aus den Zeitungen bekannt genug!«

»Als der eines Emigranten und Rebellen! Keine unnützen Ausflüchte, Herr! Sie haben diesen Agenten der Pariser revolutionären Propaganda bei sich aufgenommen und verbergen ihn noch?«

»Darf ich fragen, wo?«

Der Kreishauptmann tat einen Schritt vorwärts und deutete auf den Mann, der ihn vorhin von dem anstürmenden Ur gerettet hatte.

»Wollen Sie es leugnen? Hier steht derselbe. Herr Kapitän, es tut mir leid, daß ich gezwungen bin, Sie unter diesen Umständen gleichfalls zu verhaften, aber meine Pflicht gegen Seine Majestät den Kaiser geht über alle persönlichen Rücksichten. – Kapitän Iwan Iwanowitsch, bemächtigen Sie sich dieser beiden Männer!«

Der Pole lachte in einer letzten Hoffnung des Irrtums spöttisch auf. »Ich habe diesen Mann nie in meinem Leben gesehen, als da er sich zwischen Sie und den Stier warf. Ich kenne ihn nicht, und wenn Sie behaupten, daß dieser Mann der Kapitän Langiewicz ist, und daß ich mit ihm in Verbindung stehe und ihm Aufnahme gewährt habe, so wissen Sie in der Tat mehr als ich.«

»Das wollen wir gleich sehen. Stephan Stephanowitsch, bringe den Zeugen hierher!«

Der Oberaufseher zog den sehr widerstrebenden Kellermeister herbei.

»Ist dies der Mann, der dir von der Ankunft des Fremden Nachricht gegeben hat?«

»Ja, Euer Hochwohlgeboren – er ist der Haushofmeister des Herrn von Wolawski und hat schon lange mit Leidwesen – wie er sagt – das Treiben in diesem Hause beobachtet, bis er sich endlich entschloß, mir die Sache anzuvertrauen.«

»Schuft!« sagte eine tiefe Stimme im Kreise. Der Beamte drehte sich rasch um: »Wer hat gesprochen?« –

Niemand antwortete, aber der Kreishauptmann sah auf den Gesichtern einen so drohenden Ausdruck von Groll und Mißvergnügen, daß er es trotz der Anwesenheit der Soldaten nicht für geraten hielt, weitere Nachforschungen anzustellen, sondern sich begnügte, das Verhör fortzusetzen.

»Komm hierher, Mann und fürchte dich nicht, die Wahrheit zu sagen. Du stehst seit längerer Zeit im Dienste des Herrn von Wolawski?«

»Seit dreißig Jahren!« stotterte der Kellermeister. »Ich diente treu dem seligen Herrn!«

»Und dennoch willst du zum Verräter werden an dem Sohn?« sagte der Pole heftig.

Der Alte warf ihm einen bösen Blick zu. »Gedenken Sie an die Hanka!«

»Still, Herr, mischen Sie sich nicht ein, oder ich muß Sie entfernen. Du hast also seit längerer Zeit Verdacht gehegt, daß dein Herr zu den Rebellen gegen deinen gnädigen Kaiser gehört und mit den Revolutionsmännern in Verbindung steht?«

Nepomuk senkte den Kopf, dann sagte er mit verbissener Miene: »Da es nun einmal sein muß, ja – der Pan ist ein Rebell, er und die Frau auch! Ich kann es beweisen!«

Ein allgemeines Murren im Kreise folgte der Anklage.

»Ist dies der Mann, der vor zehn Tagen zu deinem Herrn gekommen ist und die Nacht über im Schloß blieb?«

Er wies nach dem Grafen. Der Verräter musterte diesen mißtrauisch, dann meinte er zweifelhaft: »Ich weiß nicht – er scheint größer und war anders gekleidet – lassen Sie ihn die Mütze vom Kopf tun.«

Der junge Pole trat vor. »Es ist unnötig, das Verhör hier fortzusetzen, Herr,« sagte er entschlossen. »Ich bin der Kapitän Marian Langiewicz, und wenn Sie das Recht zu haben glauben, mich zu verhaften, so tun Sie es!«

Ein tumultuarisches Geschrei, wilde Verwünschungen in der Menge folgten dieser kühnen Selbstanklage; man sah einige Männer unter den Gruppen der Bauern und Holzhauer diese zum Widerstand, zur Befreiung der Gefangenen aufreizen, aber noch war der Gedanke einer neuen Revolution im Volke zu wenig verbreitet, der offene Widerstand gegen das Militär zu gewagt, und da die Kosaken und Gendarmen sich rasch um den Kreishauptmann und die Gefangenen gesammelt hatten und ihre Karabiner schußfertig machten, war die Aufregung der Menge ebenso schnell unterdrückt, wie sie entstanden war, und viele machten sich sogar eilig davon.

Der Kreishauptmann lachte höhnisch, als ec das Resultat sah und befahl, daß die Schlitten herbeigebracht würden. In einen derselben wurde Herr von Wolawski gesetzt, einer der Gendarmen nahm neben ihm Platz und zehn Kosaken erhielten die Ordre, den Schlitten bis Konin zu eskortieren und dort den Gefangenen im Kreisgefängnis abzuliefern. Die Wojts empfingen den Befehl, ihre Leute sofort nach Hause zu führen, soweit diese sich noch nicht selber davon gemacht, und bei eigener Verantwortlichkeit für ihr ruhiges Verhalten zu sorgen.

Der Oberförster, welcher die Jagd geleitet, übernahm es, mit seinen Leuten den Ur und die getöteten Wölfe fortzuschaffen, und während die beiden dazu bestimmten Kosaken mit den Depeschen des Kreishauptmanns nach Norden und Osten abritten, um die beiden Infanteriekommandos zu erreichen und zurückzurufen, waren die Schlitten bereit, um den Kreishauptmann mit seinem Gefangenen nach Bielawice zurückzuführen.

Dies alles war mit der größten Eile betrieben und seit der Verhaftung des Edelmanns war noch keine Viertelstunde vergangen, als der Zug unter Begleitung der übrigen Kosaken bereits aufbrach. Herr von Tymowsky hatte es nicht unbeachtet gelassen, daß die anderen, zur Teilnahme an der Jagd erschienenen Gutsbesitzer sofort nach der Verhaftung den Ort verlassen hatten.

Beim Eintritt der frühen Dunkelheit war der Platz, der noch vor kurzem so aufregende Szenen gesehen, bereits gänzlich einsam. Nur um die Hütte des Waldwärters Stenko sammelten sich mehrere dunkle Gestalten.

»Sind Sie es, Pan Lempke?«

»Ja, Herr! Warum verhinderten Sie mich, im rechten Augenblick die Bauern losschlagen zu lassen und unsere Freunde zu befreien? Wir hatten die Zahl auf unserer Seite!«

»Aber nicht den Erfolg. Unsere Landsleute, wenn auch von Russenhaß erfüllt, waren unvorbereitet und unbewaffnet. Die Überzahl konnte uns nichts nützen. Ein guter Offizier erwägt alle Chancen. Sie zu benutzen, sehen Sie mich hier. Glauben Sie etwa, daß – weil ich Sie fast mit Gewalt hinderte, nutzlos das Leben wackerer Männer gegen die Karabiner und die Lanzen der Kosaken und Gendarmen aufs Spiel zu setzen, ich deshalb einen Versuch zur Befreiung unserer aufopfernden Freunde aufgegeben habe?«

»Aber was wollen Sie tun?«

»Das werden Sie sofort sehen. Graf Oginski muß auf jede Gefahr gerettet werden. Die Unvorsichtigkeit unserer Feinde hat uns dazu das Mittel gegeben, indem sie ihre Macht durch den Transport der Gefangenen geteilt haben.«

»Wo ist Stenko?«

»Ich weiß es nicht – aber sicher nicht weit. Vielleicht gelingt es ihm, die Ordonnanz abzuschneiden, die der Kreishauptmann an den Kommandeur des Bataillons gesandt hat.«

»Woher wissen Sie dies?«

»Der Knabe hat es deutlich gehört, als die Ordre erteilt wurde. Für die zweite Ordonnanz ist gesorgt.«

»Und wer?«

»Eine der Frauen, denen Sie in dem großen Kampfe nur eine so untergeordnete Rolle anweisen wollen. Fräulein von Pustowojtów ist über den See geeilt und wird den Boten, der den Umweg am Ufer entlang machen muß, sicher abfangen, ehe er die Posten der Infanterie erreicht.«

»Ein Weib! Was kann sie tun?«

»Den Kosaken vom Pferde schießen. Sie hat meinen Revolver und versteht ihn zu brauchen!«

Der Brillen-Ludwig zuckte die Achseln. »Ich baue nicht viel darauf und weiß auch nicht, was Sie damit bezwecken. Der Tod der Kosaken befreit unsere Freunde nicht. Was ist eigentlich Ihr Plan?«

»Bielawice anzugreifen, sobald wir Nachricht von Stenko erhalten haben.«

»Wie – wir zwei oder drei Mann?«

»Sie irren Pan, und ich hoffe, daß Sie jetzt die Notwendigkeit und die Vorzüge der militärischen Taktik schätzen lernen werden. Hierher, Woyczek!«

Ein Mann im Bauernpelz trat aus dem Dickicht, ihm folgten fünf andere.

»Es sind Soldaten,« sagte der Kapitän, »zwar preußische Soldaten, aber zugleich wackere Polen, die ich jenseits der Grenze als Instruktoren für unsere zu bildenden Kompagnien gewonnen habe. Sie sind sämtlich von den Gütern des Grafen Czatanowski und das Glück hat sie gerade zur rechten Zeit herbeigeführt. Ich erkannte diesen Mann, einen Unteroffizier, unter den Treibern, denen sie sich, gleich uns, angeschlossen, um der Aufmerksamkeit der Kosaken zu entgehen.«

»Verlassen Sie sich auf mich, Herr, es soll mir Spaß machen, dem Gesindel eins zu versetzen.«

»Ich hoffe es, wackerer Woyczek! Der Probst hat Euch gerade zur rechten Zeit gesandt. Sind die beiden Leute zu den Flössern?«

»Euer Gnaden Befehl ist pünktlich befolgt worden.«

»Dann können sie in zwei Stunden zurück sein. Gebe der Himmel, daß die Soldaten verhindert werden, früher einzutreffen. Aber lassen Sie uns nach der Hütte gehen und die Waffen aus den Verstecken holen.«

Sie traten in das kleine Haus des Waldwärters, ohne jedoch vorerst zu wagen, Licht anzumachen, um nicht die Aufmerksamkeit eines etwa zurückgebliebenen Spähers zu erwecken. Der Kapitän sandte seine Leute nach verschiedenen Seiten, um sich dessen zu vergewissern und führte dann die Vertreter der Warschauer Komitees zu dem nahen Holzhaufen. Hier begann er rüstig die Scheite auseinander zu werfen; als die letzten Kloben entfernt waren, erblickte man im hellen Lichte des Mondes eine Grube, in der nach Entfernung von Moos und Holzspänen Gewehre, Säbel, Picken und andere Waffen zum Vorschein kamen. Eine gute Anzahl derselben und reichliche Munition wurde herausgenommen und nach der Hütte gebracht, dann der Versteck mit dem Holz wieder zugeschichtet.

Mit diesen Beschäftigungen war mehr als eine Stunde vergangen, und es mochte jetzt etwa sieben Uhr abends sein. Eine gewisse Besorgnis begann sich jetzt selbst der beiden Anführer zu bemächtigen, da noch immer von Stenko, dem Waldwärter und dem Knaben nichts zu hören war, während sie doch auf den Rat und die Hilfe des Alten bei ihren weiteren Unternehmungen gerechnet hatten.

Der Kapitän hatte jetzt in genügender Entfernung um die Hütte wohlbewaffnete Posten ausgestellt, und fortwährend trafen einzelne Leute, rüstige, entschlossene Männer aus verschiedenen Richtungen ein, die der Jagd am Mittag beigewohnt hatten, und denen man einen Wink hatte geben können, im Dunkel hierher zurückzukehren. Einige behaupteten sogar, daß dies noch von dem Waldwärter selbst geschehen sei, dem sie in der Richtung nach Konin, welche die Kosaken mit ihrem Gefangenen eingeschlagen hatten, mit einigen Leuten begegnet sein wollten.

»Wir werden die Soldaten hier haben,« meinte unwillig der Oculiarnik – »wenn wir nicht bald zu einem Entschluß kommen. Ihre Mamsell wird schwerlich den Boten gehindert haben, sie uns über den Hals zu rufen.«

»Wenn Sie Fräulein von Pustowojtów meinen, hier ist sie!«

In der Tat stand in der geöffneten Tür der Hütte das junge Mädchen, atemlos, mit keuchender Brust und geröteten Wangen, in ihrer Hand ein Papier schwingend und hinter ihr sah man das finstere Gesicht des alten Stenko.

»Triumph – alle beide! – Das ist ein gutes Zeichen! Herein mit euch, und rasch Ihre Botschaft, Henrietta!«

Das Mädchen sprang auf den Kapitän zu und sank ihm an die Brust. »Hier, Marion – lesen Sie, oh – es war schrecklich! Die starren Augen werde ich niemals vergessen!«

Sie hatte dem Geliebten das Papier gereicht, der es rasch am Feuer entfaltete und las.

»Es ist, wie ich dachte! – Die Ordre, sofort ein Detachement nach Bielawice zur Sicherung wichtiger Gefangener abzusenden. Wo trafen Sie den Kosaken, Pana?«

»Es war in der Tat keine Zeit zu verlieren, fünf Minuten später, und er wäre an dem Waldweg vorüber gewesen.«

»Und der Bote – wo ist er?«

Sie wandte sich ab. »Es galt Ihre Rettung, Marion. Zwei Kugeln fehlen in dem Revolver!« Sie legte die Waffe schaudernd auf den Tisch.

»Ist der Schurke tot?« fragte gefühllos der Oculiarnik. Sie nickte schweigend.

»Um so besser. Wir müssen Leute hinsenden, um den Kerl in den See zu werfen, dort mag er faulen bis zum Frühjahr. Die Leute mögen sich mit dem Geld bezahlt machen, das er sicher bei sich führt. Besorge das, Stenko – ha, was ist das – das erbärmliche Hundegesicht habe ich schon gesehen!«

»Der Spion!«

»Ah, richtig, der sogenannte Haushofmeister des Herrn von Wolawski – der Schurke, der ihn verraten hat und Zeugnis gegen ihn ablegte! Du bist ein kostbarer Bursche, Stenko, wie hast du den Schuft in dein Garn bekommen?«

Es war in der Tat Nepomuk, der Haushofmeister oder Kellermeister des verratenen Edelmanns, der mit auf den Rücken geschnürten Händen und jammervoll kläglicher Miene von zehn eben nicht säuberlichen Fäusten hineingestoßen, jetzt im Innern der Hütte stand, während hinter ihm die Waffen von etwa zwölf Männern ihn bedrohten.

Der Waldwärter lachte in seiner grimmigen kurzen Manier vor sich hin. »Nicht ich, der da!« Er tätschelte mit einer gewissen rohen Zärtlichkeit den Knaben Janko auf den Kopf, der, sich nicht wenig aufblasend, das Ende des Strickes hielt, an dem der ungetreue Diener gefesselt war.

Kapitän Langiewicz wußte bereits aus seinem mehrtägigen Aufenthalt bei ihm, wie der alte, mürrische Waidmann zu behandeln war, und da es jetzt vor allem galt, rasche und zuverlässige Nachrichten zu erhalten, übernahm er das Verhör in seiner Weise.

»Du hast alles gesehen, was hier vorgegangen, Alter?«

»Gewiß!«

»Dennoch sah ich dich nicht, als wir uns trennten. Wann und warum hast du dich entfernt?«

»Eins auf einmal!«

»Also wann?«

»Wie die Kosaken fort, auf Botschaft!«

»So ist es dir gelungen, den Schurken abzuschneiden?«

»Nein!«

»Teufel, das ist schlimm. Du mußt wissen, daß Fräulein von Pustowojtów –«

»Weiß!«

»Wir werden aber die Soldaten des Majors, der bei den Leuten blieb, die nach Kolo zurückmarschierten, in einer Stunde hier haben, wenn die Ordre sie erreicht hat!«

»Nein!«

»Warum nicht?«

»Brücke im Wald zerstört – brauchen mindestens zwei Stunden zum Umweg!«

»Ah, du hast die Brücke durch die Sümpfe zerstört? Dank, Kamerad, das zeigt von Umsicht und Entschlossenheit. Und weißt du, was aus Herrn von Wolawski geworden?«

»Morgen früh Konin, Gefängnis! Konnte es nicht hindern. Der da dafür!«

»Ah – du versuchtest, ihren Marsch zu unterbrechen?«

» Tak, Pan!«

»Und es glückte dir nicht?«

»Zu wenig Leute! Aber auf falschem Weg; werden bis morgen zu krebsen haben! Kleine Kröte fing den da!«

»Und wie?«

»Unter die Kosaken geschlichen. Pferd die Flechsen durchhauen. Stürzte! Wir von zwei Seiten – Hussah! Waren froh, davon zu kommen. Kümmerten sich nicht um den Lausekerl! Wackerer Junge, der Kleine!«

»Pan,« sagte der Knabe, »sagen Sie mir bei der Mutter Gottes, wo ist mein Herr, der Graf? Er hat mir das Leben gerettet, und hätte mir der Mann hier nicht gesagt, es sei zu seinem Besten, ich wäre niemals mit ihm gegangen.«

»Du hast wohl daran getan und sollst belohnt werden. Bringt den Gefangenen herbei!«

Der Kapitän hatte an dem Tisch Platz genommen; in seiner Nähe, am Kaminfeuer, saß die mutige Gouvernante, ihm gegenüber der Oculiarnik, der mit ungeduldiger, finsterer Miene dem Verhör folgte.

»Was machen Sie für Umstände mit dem Schuft! Einen Strick und an den nächsten Baum mit ihm!«

»Ich glaube vorher besseres zu erzielen!«

»Wie Sie wollen, nur machen Sie rasch. Ich will für den Burschen indes die Schlinge drehen lassen!«

Der Gefangene warf ihm einen bösen Blick zu, verharrte aber in seinem trotzigen Schweigen.

»Tritt hierher, Mann! Du bist der Kellermeister des Herrn von Wolawski und heißt Nepomuk Ostrowski, wie man mir gesagt hat?«

»Wenn Sie's wissen, warum fragen Sie!«

»Kennst du mich?«

» Do djabla! Gewiß kenne ich Sie – und weiß jetzt, daß die Tölpel einen Falschen ergriffen haben! Aber ich hoffe, daß in dem Hause genug gefunden ist, um Ihren Freund an den Galgen zu bringen, auch ohne daß Sie ihm Gesellschaft leisten!«

»Das hoffe ich nicht. Wie du siehst, bin ich hier und frei, und bis morgen jenseits der Grenze. Wenn man nichts weiter gegen deinen Herrn vorbringen kann, als daß er mir Obdach und Schutz gewährt, und meine Person nicht einmal nachweisen kann, wird man ihn bald wieder freigeben müssen.«

Der Gefangene lachte tückisch. »Täusche dich nicht, Pan, und sei froh, wenn du deinen Hals rettest. Der Wolawski baumelt, so wahr ich Nepomuk Ostrowski heiße, und ich habe ihn an den Galgen gebracht!«

»Du?« sagte der Kapitän spöttisch – »was konnte ein Bursche wie du tun, als höchstens einen Besuch verraten. Herr von Wolawski war zu vorsichtig, um dich in ein gefährliches Geheimnis blicken zu lassen, und daß du nicht wieder schaden sollst, dafür werden wir sorgen!«

»Und wenn ich zehnmal hängen soll, ich tu's gern, da er mit dran muß – er und sie!«

Der Kapitän zuckte statt der Antwort die Achseln.

»Damit Ihr's wißt in Eurem stolzen Hochmut und Dünkel, mit dem Ihr den Niedern, den Leibeigenen unter die Füße tretet! Sterben wird er als Hochverräter; die Papiere, die ich in die Hände der Polizei geliefert, sind genug, um hundert solche Verräter am Kaiser an den Galgen zu liefern, und in diesem Augenblick ist sein Schicksal bereits entschieden – nicht umsonst haben der Stephanowitsch und ich den Kreishauptmann nach Bielawice geholt!«

Der Emigrant bemeistert rasch das Erbeben, das ihn unwillkürlich durchrieselte bei der schlimmen Nachricht, die er auf so kluge Weise aus dem Gefangenen herausgeholt; und er beschloß, in der eingeschlagenen Weise das Verhör fortzusetzen, indem er begriff, daß dies das einzige Mittel war, mehr zu erfahren.

»Das sind Lügen,« sagte er. »Ich weiß, daß außer Herrn von Wolawski und seiner Gattin niemand den Ort kennt, wo er seine Papiere aufbewahrt, und selbst die Warschauer Polizei ist nicht schlau genug, ihn zu finden.«

»Aber der Haß des Unterdrückten, Mißhandelten tut es!« sagte der Gefragte triumphierend. »Was der Schlauheit der Polizei nicht gelang, sein eigen Kind hat es verraten, und ich war es, der es dazu bewogen und den grünen Kasten mit den Briefen der Rebellen der Polizei übergeben hat! Nun, Pan, glaubst du's jetzt?«

»Teufel in Menschengestalt! Verräter an deinem Herrn und deinem Vaterlande, was bewog dich zu der Schandtat?«

Der Kellermeister winkte mit dem Kopf nach dem Waldwärter hin. »Frage den da, wenn du's wissen willst!«

»Du, Stenko?«

Aller Blicke hatten sich nach dem Alten gekehrt, der finster auf den Verräter sah.

»Bist dennoch ein Schurke, Nepomuk Ostrowski. Ein leibeigener Mann gehört dem Herrn mit allem, was sein ist, auch Fleisch und Blut!«

»Fleisch und Blut!« lachte der andere grimmig auf – »verflucht sei deine hündische Kriecherei; wenn du ein Mann gewesen wärest, so würdest du dem Schurken eine Kugel durch den Kopf gejagt haben, als du deine Schande erfuhrst, statt das arme Kind aus dem Hause zu werfen und dem Elend preiszugeben, in dem sie längst verdorben und gestorben ist!«

»Schweig,« rief der Jäger hastig, »sprich nicht von ihr! Er war des Herrn Sohn, jetzt unser Herr! Hast du nicht selbst geschwiegen?«

»Vierzehn lange Jahre! Daß ich meinen Haß aber nimmer vergesse, Stenko Siwak, das zeigt dir der heutige Tag, und ich freue mich, daß er endlich gekommen sie in ihrem Grabe zu rächen, muß ich auch dafür den Tod erleiden!«

»Stenko Siwak?« fragte eine frische jugendliche Stimme – heißt du Siwak?«

Es war der Knabe Janko, der gesprochen. Der Alte wandte sich, in seinen düstern Gedanken gestört, unwillig zu ihm. »Was fragst du, Bursche?«

»Weil ich auch Siwak heiße, wie meine Mutter.«

»Deine Mutter?«

»Ja, Pan! Sie hat viel Not mit mir gehabt, denn der Vater ist früh gestorben, wie sie mir sagte, und sie hat mich kümmerlich aufziehen müssen.«

»Und sie war es, die dir empfohlen, den Grafen Oginski hierher zu führen?«

»Gewiß – zum alten Stenko, dem Forstwärter, wenn er noch lebte, am See von Sleszyn.«

»Deine Mutter – wie heißt sie mit dem Taufnamen? Lebt sie? Wo?«

»Wanda Siwak! Sie wohnt in Warschau, woher wir kommen.«

Der alte Jäger schlug die Hände vor das Gesicht. »Heilige Mutter Gottes – wäre es möglich – der Fluch wäre von mir genommen …« Er faßte mit beiden Händen den Kopf des Knaben und kehrte sein Antlitz nach dem Feuer. »So wahr ich lebe – es ist ihr Gesicht, es sind ihre Augen, die mich unbewußt an sie mahnten, als ich ihn zuerst sah!«

Der Gefangene lachte höhnisch auf. »Hussah, Vater Stenko, gratuliere zum Bastard! Der Vater am Galgen als Hochverräter, die Mutter eine Metze in Warschau – ein erbauliches Paar!«

»Schurke!« – Er streckte die Faust gegen ihn – Kapitän Langiewicz stieß sie zur Seite. »Alter, überlaß ihn dem Strick, den er längst verdient hat. Fort mit dem Schuft und haltet euch bereit, das Urteil an ihm zu vollziehen!« Er wandte sich in französischer Sprache an den Oculiarnik. »Wir haben jetzt gehört, was wir wissen wollten. Unsere Gegner sind im Besitz der Papiere des Herrn Wolawski, die ihn und seine Familie verderben müssen, aber außerdem viele andere unserer treuesten Freunde, wenn sie in den Händen der Regierung bleiben. Wir müssen uns unter allen Umständen wieder in deren Besitz setzen, mit List oder Gewalt!«

»Ich stimme für Gewalt!« sagte der Warschauer Agent.

»Eins nach dem andern – ich fürchte selbst, daß uns nichts anderes übrig bleibt. Aber freilich ist dann Wolawski noch mehr kompromittiert, während – wenn wir durch andere Mittel uns in den Besitz der Papiere setzen, die Untersuchung keine Beweise gegen ihn hat.«

»Was fragt der Russe nach Beweisen! Wir müssen Ihren Stellvertreter befreien, Herr!«

»Es ist leider die nächste Pflicht – so sei es denn! Wir haben kaum zwei Stunden Zeit, ehe das Militär eintreffen kann. Ehe wir jedoch zum Angriff schreiten, müssen wir unsere Streitkräfte sammeln und die der Gegner erkunden. Seien Sie versichert, daß Herr von Tymowsky gute Wache halten wird. Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Kosaken, die den Kreishauptmann nach Bielawice begleitet haben?«

»Ich habe sie gezählt – vierunddreißig Mann und den Kapitän.«

»Wenn wir dem Schuft, der seinen Herrn verraten, das Leben sichern wollten, könnten wir vielleicht erfahren, wie viele in Bielawice zurückgeblieben sind?«

»Nimmermehr, der Kerl muß hängen!«

»So müssen wir dem Glück und der Überraschung vertrauen. Indes müssen wir doch versuchen, eine Verbindung mit unseren Freunden dort anzuknüpfen. Die einzige Person, die das vermag, wären Sie, Henriette! Haben Sie den Mut, sich in die Höhle des Wolfes zu wagen?«

»Habe ich mit den wirklichen zu tun gehabt, werde ich mich nicht vor den zahmen scheuen. Ich bin bereit – was habe ich zu tun?«

»Vorerst gehen Sie in jene Kammer und legen Sie eilig Ihre Verkleidung ab. Fräulein Pustowojtów, die Gouvernante, nicht die Bauerndirne muß nach Bielawice zurückkehren. Hier der Knabe soll Sie begleiten.«

Während die Gouvernante sich zu dem Unternehmen rüstete, musterten der Kapitän und der Oculiarnik ihre geringe Mannschaft und verteilten die Waffen. Es waren – den Jäger und die beiden Führer einbegriffen – nur siebzehn Männer vorhanden, die demnach mit einem mehr als doppelt starken, wohlbewaffneten und geschulten Feinde es aufnehmen sollten. Man hoffte zwar, durch die ausgesendeten Boten einen Zuzug zu erhalten, aber man konnte nicht warten, die Zeit war kostbar.

Als Fräulein Pustowojtów wieder aus der Kammer trat, war man mit der Beratung des allgemeinen Plans zum Angriff, wozu auch Woyczek, der preußische Unteroffizier, zugezogen worden, fertig. Der Kapitän unternahm es jetzt, das junge Mädchen zu instruieren über ihr Benehmen und das, was man von ihr erwartete. Es konnten aber nur allgemeine Instruktionen sein, das weitere mußte ihrer eigenen Umsicht und Entschlossenheit überlassen bleiben. Der Knabe Janko sollte ihr dazu dienen, mit den zum Angriff Bereiten sich in Verbindung zu setzen. Wenn es möglich wäre, sollte ihnen der Eingang ins Haus geöffnet werden.

»Und was machen wir indes mit dem Gefangenen? Es wäre am besten, wir knüpften ihn an dem nächsten Baum auf!«

»Überlaßt ihn mir!«

»Wie, Stenko – du willst uns nicht begleiten? Wir rechnen auf deine Büchse und Ortskenntnis.«

»Stenko meint, er könnte bessern Dienst leisten. Er wird euch die Soldaten vom Leibe halten, wenn sie kommen.«

»Und wie willst du das tun?«

»Das ist meine Sache, Herr. Nur laß mich Abschied nehmen von diesem Knaben! Komm her!«

Er nahm den Kopf des Jungen wieder zwischen seine Hände und küßte ihn auf das wirre Haar.

»Polnisch Blut ist in deinen Adern,« sagte er, »wenn es auch das eines Edelmannes ist! Ich bin dein Großvater, Bursche, und die heilige Jungfrau allein weiß, ob wir uns wiedersehen in dieser Welt. Aber sie hat mir Gnade durch dich gegeben, darum sage deiner Mutter, wenn du sie siehst: der Stenko Siwack habe ihr vergeben und sie möge dich zu einem treuen Polen erziehen und zu einem Feinde der Russen dein Lebelang!«

Er machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihn und führte ihn zu dem Mädchen. »Geht jetzt – eure Zeit ist kurz. Und hier nehmt meine alte Büchse mit, ihr werdet sie brauchen, denn zu dem, was ich vorhabe, bedarf ich nicht der Waffen, nur den Beistand der Heiligen!«

»Jetzt zum letzten!« sagte der Oculiarnik. »Landsleute, Polen! Was hat jener Mann verdient, der einen Polen an unsere Tyrannen verraten hat?«

»Den Tod!«

Der Ruf lief ringsum in der Männerschar, die bereits die Hütte verlassen hatte.

»Stenko Siwack – du verlangtest ihn vorhin! Bist du bereit, das Henkeramt an ihm zu übernehmen?«

»Ich bin's!«

»Du schwörst uns?«

»Ich schwöre!«

»So übergebt ihm den Gefangenen. Was du auch zu tun gedenkst, wenn es dir gelingt, die Soldaten zwei Stunden aufzuhalten, wirst du der Sache des Vaterlandes einen hohen Dienst geleistet haben. Der Gott der Freiheit sei mit dir und schütze dich! Vorwärts, Kameraden!«

Der Kapitän war mit der Gouvernante und dem Knaben bereits in der Richtung nach dem Edelhof vorangegangen, – der Oculiarnik mit dem bewaffneten Trupp folgte ihm jetzt und der Forstwärter, der den letzten des Trupps eine geheime Weisung zuflüsterte, blieb mit dem Gefangenen allein und winkte ihn nach der Hütte zurück. Die alte, finstere Stimmung und Redeweise, die das Wiederfinden des Enkels für eine kurze Zeit unterbrochen hatte, schien jetzt wiedergekehrt, während er ihm gegenüber am Tisch saß, nachdem er das Feuer im Kamin mit einigen Klötzen neu angefrischt und die Verhüllung der kleinen Fenster entfernt und sie geöffnet hatte.

Das Geräusch der Abziehenden war bald verstummt.

»Gott sei Dank, daß sie fort sind!« unterbrach endlich der Kellermeister die Stille. »Nun geschwind, Bruderherz, löse die Stricke!«

»Die Stricke? – Welche Stricke?«

»Dumme Frage! – Natürlich die, mit denen die Hundssöhne, – der Teufel hole sie und ihre Mütter! – mir die Arme zusammengeschnürt haben. Sie fangen an, lästig zu werden!«

»Mußt's noch kurze Zeit ertragen!«

»Aber warum? – Sie sind fort und es ist am besten, wenn ich mich aus dem Staube mache, ehe sie etwa umkehren. Es war ein kluger Streich, daß du dich erboten, mich zu bewachen. Ich werd dir's gedenken, Stenko, sicher – ich schwör' dir's!«

»Schwöre nicht! Du hast keine Zeit dazu!«

»Keine Zeit – was willst du damit sagen?«

»Daß auch ich geschworen habe!«

»Du – was?«

»Das Urteil an dir zu vollstrecken!«

»Urteil – welches Urteil? Sind sie nicht meine Richter – nur das Gericht in Konin.«

»Wohin du deinen Herrn geschickt hast! Du mußt sterben, Nepomuk Ostrowski!«

Der Verräter, der seinen Anklägern gegenüber so keck getrotzt, erbebte jetzt dem einzelnen Manne gegenüber.

»Sterben? – Du bist ein Narr, Stenko! Du wirst doch einen alten Freund nicht ermorden, weil er dich und sich an einem Schurken von Edelmann gerächt hat!«

»Er ist unser Herr! Du hast nicht allein ihn, du hast Polen verraten!«

»Unsinn, Stenko! – Bind mich los – mach ein Ende! Wir waren stets gute Kameraden und ich hätte deine Tochter geheiratet, wenn sie nicht …«

»Sie mochte dich nicht! – Es hilft alles nichts, Mann – du bist verurteilt von deinen Landsleuten und mußt sterben – mache dir die Sache nicht schwerer, als sie ist.«

»So willst du wirklich Hand an mich legen?«

»Nicht ich – deine Freunde, die Russen, sollen es tun!«

»Wie – du willst mich ihnen ausliefern?«

»Ja!«

»Ich wußte es wohl, Stenko, du hast doch ein gutes Herz und hältst auf einen alten Freund!«

»Glaub's selbst! – Jetzt schweig und mach mich nicht wild! – Bleib hier sitzen, wo du bist und rühre dich nicht – oder bei der Mutter Gottes von Czenstochau, ich schlage dir den Schädel ein!«

Der treulose Diener schwieg – er kannte seinen Gefährten und wußte, daß er imstande sei, Wort zu halten. Der alte Forstwärter setzte sich an das Fenster und schien in die Ferne zu lauschen. Endlich öffnete er die Türe und ging hinaus, um besser zu hören. Durch die geöffnete Tür fuhr rau der eisige Nachtwind, daß der Gefangene zusammenschauerte. Dennoch wagte er anfangs nicht, das Gespräch zu erneuern.

So war wohl eine Stunde vergangen. Vor der Hütte stand der Alte, die Arme gekreuzt und horchte aufmerksam bald nach der Richtung von Bielawice bald nach der entgegengesetzten hinein in den Wald, wo der jetzt verschneite Weg durch die Sümpfe von der großen Straße nach Kolo im Osten des Sees herüber führte. Plötzlich fuhr er auf – es war, als hätte er in der Entfernung ein Geräusch gehört – freilich noch weit – aber sein scharfes an den Wald gewöhntes Jägerohr hatte es doch vernommen.

»Jetzt wäre es Zeit! – Und bei Gott, ich glaube wirklich, sie sind drauf und dran!«

In der Tat klang es von der anderen Seite wie eine entfernte Salve von Flintenschüssen.

Durch den Wald her wirbelte eine Trommel.

Der Alte war im Nu in seiner Hütte, stürzte sich auf den Kellermeister, der überrascht fragen wollte, was geschehen, und warf ihn zu Boden. Dann stopfte er ihm ein Tuch in den Mund und schnürte ihn an den schweren Eichentisch fest.

Es war das Werk weniger Augenblicke, in der nächsten Minute war der Forstwärter aus der Hütte verschwunden und rannte nach dem Walde zu.

Der Trommelwirbel kam näher – dann schwieg er – die Nahenden hatten das Licht aus den Fenstern der Hütte gesehen.

Zugleich hatte Stenko sie erreicht.

»Der Mutter Gottes von Kasan sei Dank – das sind Soldaten des Kaisers! Wo ist der Herr Offizier? Bringt mich zum Herrn Offizier!«

Der Alte, der auf einmal seine Schweigsamkeit abgelegt, sprach Russisch so geläufig wie ein Vollrusse.

Es waren in der Tat Soldaten – eine ganze Kompagnie von der Garnison von Kolo, dieselbe, die am Morgen und Mittag die Chaine im Osten der Sümpfe gebildet hatte.

Der dicke Major mit der Kupfernase befand sich dabei.

»Halt!« – Die Kolonne, der man die ungewöhnlichen Beschwerden dieses Nachtmarsches ansah – stand. »Bringt den Kerl hierher! Verflucht sei der Hundeweg!«

Der Offizier an der Tête der Kolonne führte selbst den Forstwärter zu dem Major. Flüche und Verwünschungen über den Weg, die zerbrochene Brücke, die sie zu einem langen Umweg gezwungen, wurden ringsum laut.

»Was ist das für ein Licht dort?«

»Das Forsthaus am See, Euer Gnaden, wo der Weg über das Eis nach Bielawice geht. Der Wind läßt das Schießen von dort hören!«

»Höll und Teufel – was für ein Schießen?«

»Die Bauern haben Rebellion gemacht, weil der gnädige Herr Kreishauptmann den Herrn von Wolawski verhaften mußte. Sie wollen ihn und die Frau mit Gewalt befreien!«

» Jebi waschu mat! – Der Teufel hole den Unweg, den wir machen mußten – wir kommen am Ende zu spät! Wer bist du, Kerl – wo kommst du her? Wo geht der nächste Weg nach Bielawice?«

Der Waldwärter antwortete mit einer Gegenfrage. »Sind Euer Gnaden der Herr Offizier aus Kolo, nach dem der Herr Kreishauptmann vor vier Stunden den Kosaken geschickt hat?«

»Zum Teufel, ja!«

»Dann eilen Euer Gnaden sich – die Herren Soldaten aus Konin sind auch ausgeblieben – ich soll ihnen entgegen!«

»Marsch – umgedreht, du zeigst uns den Weg!«

»Es ist nicht nötig, Euer Gnaden, der Weg ist nicht zu verfehlen, quer über den See – rechts und links die Stangen mit den Schoben! – Sie können einen besseren Führer haben als mich; drüben im Hause liegt der Schurke Nepomuk Ostrowski, der Vertraute des Herrn von Wolawski und ein Verräter am Kaiser wie er! Er sollte Succurs von den Bauern holen, aber ich habe ihn bewältigt und festgebunden. Wenn Euer Gnaden ihn zwischen die Bajonette nehmen und nur nicht auf seine Lügen hören, kann er Sie blindlings nach dem Edelhof führen, den Rebellen in den Rücken.«

Der Offizier, der den Forstwärter hergeführt, trat wieder heran. »Leutnant Dubinski vom Vortrab meldet, daß es ihm vorkomme, als höre er entferntes Schießen!«

»Wie weit noch bis Bielawice?« fragte der Major zum Forstwärter gewendet.

»Über den See vier Werst – auf dem Weg durchs Land acht!«

»Setzen Sie die Kompanie in Geschwindemarsch, Hauptmann Dulgurow, gerade aus nach dem Ufer! Bring uns dahin, Freund! Ein Unteroffizier und vier Mann nach dem Jägerhaus – sie sollen den Kerl losbinden und herbeischleppen. Nehmen Sie selbst den ersten Zug und den Halunken zwischen die Bajonette. Wenn er sich weigert oder die geringste Verräterei zeigt, kaltes Eisen durch den Leib! – Vorwärts!«

»Euer Gnaden werden mir doch eine kleine Belohnung geben?«

Der alte Forstmann war wohl schlauer, als irgend jemand unter seinem finsteren, mürrischen Wesen gesucht hatte. Gerade die Dreistigkeit seiner Lügen und die Berufung auf den Kreishauptmann hatte ihm den vollen Glauben des Majors gewonnen – die Bettelei hätte vollends jeden Zweifel beseitigt.

» Idi ktschertu, swototsch! – Geh zum Teufel, Schurke – und laß dich von dem Offizier aus Konin bezahlen! – Vorwärts, vorwärts!«

Als das Gros das Seeufer erreichte, wo – obschon der Mond jetzt von Wolken bedeckt war – die auf dem Eise zur Bezeichnung des Weges aufgerichteten Stangen deutlich erkennbar waren, schleppten die Soldaten bereits den unglücklichen Kellermeister herbei, der sich vergeblich in Beteuerungen erschöpfte und ohnehin nur wenig Russisch verstand. Doch genügte es, ihm klar zu machen, daß man von ihm zunächst nur die Weisung des richtigen Weges über das Eis verlangte, und da er wußte, daß er nur den Stangen zu folgen brauchte und glaubte, daß die Ankunft der Soldaten seine Rettung gewesen sei, – marschierte er unbesorgt voran.

An dem Ufer des Sees, vom Schilf verborgen, stand der Waldwärter, hämisch vor sich hinlachend. »Guten Weg, Nepomuk Ostrowski – und möge euch alle der Teufel holen!« – Dann schlich er, mit einem herbeigeholten Holzbeil versehen, vorsichtig der Kolonne nach.

Je weiter der Zug kam, desto deutlicher hörte man jetzt Schüsse; man befand sich etwa auf der Mitte des Übergangs, doch war von dem vorliegenden Ufer noch nichts zu sehen, da hier dichter Bruch dazwischen lag. Dagegen schimmerte rückwärts, wie ein entfernter Stern, das Licht in der Hütte des Waldwärters.

Plötzlich hielt die Spitze der Kolonne.

»Was ist's? – Was gibt's?« Der Major wickelte das rote Gesicht aus den Falten des Baschliks, als der Soldat, der sein Pferd führte, stehen blieb.

»Die Stangen fehlen, wir müssen den Weg verloren haben!«

»Was – will der polnische Halunke uns irre führen? Gebt ihm die Ladestöcke zu kosten, wenn er sich weigert!«

Der Major trieb sein Pferd an und ritt vorwärts – es war keine Stange auf der mit dünnem Schnee bedeckten Eisfläche mehr zu sehen, der Kellermeister krümmte sich unter einigen kräftigen Hieben der Soldaten.

»Was weiter – es wird von hier nicht mehr nötig sein, da der Weg nicht mehr zu verfehlen ist. Von dort her trägt der Wind den Knall herüber – vorwärts geradeaus!«

Die Kolonne setzte sich wieder in Marsch – plötzlich ein mehrstimmiger Schrei – man hörte es krachen und brechen – ein Plätschern und Ringen, den Ruf um Hilfe!

Die vordersten Soldaten waren durch das Eis gebrochen an einer allzu dünnen Stelle, die sie betreten. Sie kämpften im Wasser, von der schweren Belastung mit Mantel und Bewaffnung in die Tiefe gezogen; – mehrere sprangen auf den Befehl der Offiziere zu, um zu helfen – aber unter noch dreien brach das Eis; – man war offenbar vom richtigen Wege abgekommen und auf eine der warmen Wasseradern geraten, deren es namentlich an den südlichen Ufern des Sees so viele gibt.

Es gelang nur, vier der Eingeborenen zu retten, drei versanken in die Tiefe.

Der Major wütete. » Durak! Skotina! Dummkopf! Aas! Willst du uns ersäufen, du Hund?« – Er hieb den unglücklichen Kellermeister mit der flachen Klinge über den Kopf, daß er schreiend zusammenbrach. Auf seinen Befehl stachelten ihn die Bajonette der Soldaten wieder empor.

»Jetzt, Hund, zeig den richtigen Weg, oder es ist dein letztes!«

Der Mißhandelte taumelte empor – er wies hierhin – dorthin – selbst wenn er seine volle Besinnung gehabt hätte, würde er sich in der nur vom Glanz des Schnees erhellten Nacht nicht haben orientieren können. Der Gedanke an die Drohung des Waldwärters: die Russen selbst sollten das Henkeramt an ihm für den begangenen Verrat üben, – schoß ihm durch den Kopf und er versuchte, die an ihm begangene Täuschung zu erklären und seine Unschuld zu beteuern. Aber die Soldaten, ohnehin von den Anstrengungen des Marsches erbost, waren durch den Tod ihrer Kameraden zu erbittert, um auf die mangelhaften Erklärungen auch nur zu hören, und Kolbenstöße trieben ihn unbarmherzig vorwärts.

Die Kolonne, jetzt zusammengedrängt und deshalb um so leichter der Gefahr des Einbrechens ausgesetzt, drängte nach einer anderen Richtung – die Offiziere voll Eifer und Ärger, denn das Schießen drüben im Westen wurde jetzt immer deutlicher hörbar.

Wieder krachte das Eis – diesmal unter der gewaltigen Last in langen Sprüngen, Menschenhaufen stürzten übereinander, mehrere entflohen nach verschiedenen Richtungen, aber bald zeigte ihr Hilferuf, daß sie um so rascher in Gefahr geraten waren – nur die wunderbare, willenlose Disziplin der russischen Soldaten hielt die Kolonne zusammen.

»Halt! – Zurück! Nach den nächsten Stangen zurück – von dort werden wir uns zurechtfinden! – Her den Spion, den Schurken zu mir!«

Nepomuk wurde zu dem Pferde geschleppt; einer der Offiziere hatte die letztpassierte Stange mit dem Schobenbusch erspäht – doch vergeblich suchte man dort die nächste rückliegende, die doch kaum zweihundert Schritt von ihr entfernt gewesen war, als man sie vorhin passierte – nirgends das Geringste zu sehen, die Wegweiser im Rücken schienen gleichfalls verschwunden und selbst als der Mond einen Augenblick aus dem dunklen, treibenden Gewölk hervortrat und seinen falben Schein über die weite Eisfläche warf, war keine Spur von den früheren Wegzeichen weit und breit zu sehen.

Stenko hatte in der Tat seine Zeit nicht verloren. Was die Begleiter des Kapitäns Langiewicz und des Oculiarnik von der bezeichneten Entfernung auf dem Wege vorwärts getan – die Entfernung der Warnzeichen – das hatte der finstere Mann unbeachtet hinter den marschierenden Soldaten her getan.

Es konnte kein Zweifel sein – die Kompagnie hatte die Richtung des Weges vollständig verloren.

Doch nein – Gott und den Heiligen Dank! Dort war das Licht aus der verlassenen Hütte des Waldwärters, dahin galt es zurückzukehren und von dort aus den Marsch auf dem Landwege anzutreten.

Aber sie hatten ohne die Tücke des grimmen Stenko gerechnet und vergessen, welchen Bogen sie auf dem Eise gemacht, um hierher zu gelangen. Das war es, was der Pole gewollt – in der geraden Richtung nach seiner Hütte lagen die schlimmsten und gefährlichsten Stellen und nur der Instinkt des edlen Ukrainers, der diesen Weg schon öfter gemacht, – hatte Fräulein Pustowojtów vor dem Tode des Ertrinkens bewahrt.

»Fest geschlossen! Geradeaus auf das Licht! Kapitän Dolgurow, zwanzig Schritt vor der Kolonne zehn Mann als Vortrab! Sie sollen den Schurken vorangehen lassen, das Bajonett ihm am Rücken und zugestoßen ohne Gnade, wenn er nicht richtig führt!«

Der Major war vom Pferde gestiegen, er hielt sich nicht mehr für sicher auf den fremden vier Beinen. Der Kellermeister wurde halbtot vorwärtsgestoßen, – neben ihm ging der Kapitän der Kompagnie, ihn am Arm festhaltend, auf der anderen Seite ein Unteroffizier – zwei Soldaten hinter ihm kitzelten ihm mit den Bajonetten die Seiten.

In der Entfernung von zwanzig Schritten folgte die Kompagnie. Da – ein Krachen und Bersten bis unter die Füße der Kolonne, die eilig zurück und zur Seite flüchtete, – Risse und Spalten, durch welche das Wasser herauf quillt – und vorn ein entsetzlicher Schrei – ein Todesschrei! – Zwei Bajonette durchstoßen einen Menschenleib – ein Blutstrom färbt Schnee und Eis – – ein Plätschern und Ringen im See, der hier seine tiefsten Stellen hat, und von dem Offizier, von dem Gefangenen und von seinen Wächtern – nichts, nichts!

Aber von dem Ufer herüber, das kaum noch dreihundert Schritt entfernt ist, klingt es wie grimmiges Hohnlachen, der ferne Ruf: Zgie Pólska! – – – – –


Eine Hand legt sich auf die Schulter des alten Waldwärters, der in wilder tückischer Freude die Hände zusammenschlägt.

»Was ist geschehen, Stenko? – Was geht dort vor?« flüstert es.

Der Alte fährt erschrocken zusammen – ist es schon einer der Geister der ersäuften Russen? …

Aber nein …

Neben ihm steht eine dunkle Gestalt im Kaftan, mit der hohen Judenmütze von Rauchwerk – im ersten Augenblick erkennt er das bleiche Gesicht unter der tief in die Stirn gedrückten Mütze nicht, obschon der Mond jetzt aus einer Wolke tritt und es geisterhaft klar bescheint.

»Pan Wolawski?«

»Gewiß, ich bins!«

» Matka Boza! Die Heiligen seien gepriesen! Wo kommen Sie her, gnädiger Herr?«

»Vom Waldkrug, wo die Kosaken trinken. Der Jokef, der Schmuggler, der mit seinem Gefährt dort bei dem Glaubensgenossen nächtigt, half mir zur Flucht. Aber nochmals, was ist geschehen? – Sind das nicht Menschen da drüben, ich hörte Hilferufe …«

»Die Russen sind's, was von ihnen noch nicht ersoffen ist. Vielleicht helfen die Heiligen dazu, daß keiner entkommt! – Es sind die Soldaten von Kolo, die der Kreishauptmann zu Hilfe gerufen – ich lockte sie aufs Eis und entfernte die Wegstangen!«

»Dann Gnade ihnen Gott! – Aber unsere gefangenen Freunde – mein Weib, meine Kinder?«

Der Waldwärter deutete ihm, zu schweigen und neigte lauschend den Kopf zur Seite.

»Sie feuern noch immer drüben …«

»Gott im Himmel – wo? Martre mich nicht!«

»Da ich mein Kind wieder habe, sollen Sie auch die Ihren haben, Pan. – Unsere Freunde haben Bielawice angegriffen, die Ihren zu befreien, und es ist Zeit, daß wir ihnen helfen. Vorwärts, Pan, unter uns bricht das Eis nicht – ich weiß den Weg auch ohne die Zeichen! –


Der dicke Major war wieder aufs Pferd gestiegen, um besser die Fläche zu überschauen. Er war bereits entschlossen, die Leute auf dem Eise biwakieren zu lassen, das hier wenigstens fest schien, bis der Tag graute.

»He, Hollah – sind das nicht Menschen? – Hollah, Kerls, ihr Hundesöhne – hierher!«

Das helle Mondlicht zeigte deutlich zwei Gestalten, die in Büchsenschußweite wie gespenstige Schatten vorübersausten.

»Steht, Halunken – hierher, sag ich – helft uns! – Feuer auf sie, wenn die Schurken nicht stehen!«

Aber die erstarrten Hände der von dem Tode der Kameraden erschütterten Krieger waren viel zu langsam für die Ausführung des Befehls, und als endlich eine Salve über den Eisspiegel krachte, waren die schattenhaften Läufer längst aus dem Bereich der bleiernen Boten.



 << zurück weiter >>