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Zu den Quellen des Nil.

Ein reges Leben und Treiben in allen jenen bunten Farben und Gestalten, die der Orient so reich dem Auge bietet, herrschte auf dem flachen, ziemlich engen Kai jenes arabischen Hafens, der den Ein- und Ausgang des roten Meeres bewacht.

Aden – Eden – das Paradies, wie es der Araber nennt, wegen seines milden Klimas und stets unbewölkten Himmels – fiel bekanntlich ebenso wie Helgoland, Gibraltar, Malta, Korfu, das Kap, die indischen Nationen und Hongkong durch eine politische Perfidie und Anmaßung, an denen die englische Politik so reich ist, in die Hände der Briten. Sie brauchten eine Station am Ausgang des roten Meeres auf ihrem Weg nach Indien, da die projektierte Straße am Euphrat zu vielen Hindernissen unterlag – und sie nahmen Aden, das Bab-el-Mandab, die Mandabspforte.

Schon der ältere Plinius schreibt von Athana – Aden. Schon im Altertum und bis zur Entdeckung der Umfahrt um das Kap der guten Hoffnung durch den Portugiesen Vasco de Gama 1498, war Aden ein Stapelplatz aller Erzeugnisse und Fabrikate des südlichen und östlichen Asiens und selbst die Chinesen kamen mit ihren unbehilflichen Dschonken bis hierher. Der berühmte Reisende des Mittelalters, Marco Polo, erzählt von seinem Glanz und Reichtum. Erst nach der Entdeckung des Seeweges um das Kap sank es zu einem Dorf von kaum 600 Seelen herab, von denen die Hälfte Juden waren.

Die englische Regierung war schon in den zwanziger Jahren darauf bedacht, eine raschere Verbindung mit Indien herzustellen und nahm dazu den Weg, den ihr Napoleon I. durch den Zug nach Ägypten gewiesen, die Straße durch das rote Meer wieder auf. Dazu gehörte ein indisches Gibraltar!

Man begriff in England mit dem politischen Krämer-Scharfsinn sehr wohl, welche Bedeutung Aden für die Straße durch das rote Meer haben mußte und lauerte schon lange auf eine Gelegenheit sich seiner zu bemächtigen. Der Zufall fügte es, daß ein britischer Kauffahrer in der Nachbarschaft von Aden Schiffbruch litt und die Bemannung von den Arabern der Küste beraubt und mißhandelt wurde. Geschwind – es war im Jahr 1838 – wurde vom Bombay aus ein Kriegsschiff ausgesandt, das den Sultan zu einer Entschädigung zwingen, zugleich sich aber erkundigen sollte, unter welchen Bedingungen die Araber geneigt wären, Aden auf immer an die Engländer abzutreten, und Kapitän Haynes, mit dieser Mission beauftragt, verstand es in der Tat, den alten, halb kindischen, überaus geizigen und habsüchtigen Sultan des Landes zu vermögen, unter allerlei lockenden Bedingungen in eine solche Abtretung zu willigen. Als aber die Verhandlungen ruchbar wurden, erhoben sich sämtliche benachbarten Stämme, die Scheichs und Ulemas gegen den Handel und der Sultan beeilte sich, aus Furcht sein Versprechen zurückzunehmen. Aber England, das so oft seine Versprechungen den schwächeren Gegnern gebrochen, wollte von dem Rückgang des Handels nichts wissen, sandte Kriegsschiffe und bombardierte Aden. In Verlauf weniger Stunden, am 11. Januar 1839, war Aden in den Händen der Briten, die sich beeilten, an dem schmalen, sandigen Isthmus, welcher die Halbinsel des Kaps mit dem Festland verbindet, auf den Trümmern des sogenannten türkischen Walls, Festungswerke zu errichten, mittels deren die starke Besatzung leicht imstande war, alle Angriffe der erbitterten Araber zurückzuweisen.

Seitdem nahm die Bevölkerung rasch zu, so daß Aden 1845 schon eine solche von 2500 Seelen gewonnen, und gegenwärtig von 40 000 hat.

Aber der Hochmut Albions sollte auch hier den politischen Scharfblick trüben; man versäumte, sich der großen Idee zu bemächtigen, welche Lesseps im Jahre 1855 anregte: die Wiederherstellung des alten Weges der Pharaonen, die Durchstechung der Landenge von Suez.

Entweder glaubte man in England nicht an die Ausführung des großen Plans, oder man wollte ihn nicht fördern, damit er nicht eine Heerstraße auch für andere Nationen nach Indien werde.

Aber über den Kopf dieser selbstsüchtigen Politik hinweg schritt das Projekt vorwärts. Herr von Lesseps erhielt im Jahr 1855 von Said-Pascha die Vollmacht zum Kanalbau, und ein Kapital von 200 Millionen Franken wurde mit Hilfe der französischen Regierung beschafft. Die Arbeiten am Kanal begannen im Jahre 1859, die ägyptische Regierung stellte 20 000 Fellahs der Kompagnie zur Verfügung.

Der Hafen war mit Schiffen der verschiedensten Größe und Gattung gefüllt, arabische Prauas und europäische Handelsschiffe, die breitgebauten Fahrzeuge, welche den kostbaren Kaffee hinauf nach Suez schaffen und die Felucken der Gewürzinseln im bunten Gedränge mit den oft nur von leichtem Bambus gebauten Küstenfahrern. Dazwischen ankerten zwei Dampfer der Oriental Steam Navigation Company, von denen der eine erst am Tage vorher die Überlandpost von Suez gebracht hatte, der andere sich zur Fahrt nach Bombay rüstete.

Weiter hinaus auf der Reede wiegte sich auf der von der Sonne zu einem Spiegel von flüssigem Gold gewandelten Flut der schlanke Leib eines dritten Dampfers, dessen Stückpforten bewiesen, daß er auch kriegerischen Zwecken diente, als etwa bloß der Abweisung eines malayischen Seeräubers. Von der Gaffel wehten die französischen Farben und die zwölf Matrosen, die auf den Bänken der Schaluppe am Kai lehnten und munter plauderten, während der Kadett im Spiegel des Boots unter einem großen Schirm von Palmblättern saß, zeigten ganz das gewandte Wesen der französischen Seeleute, wodurch sie sich so vorteilhaft von dem schwerfälligen oder brutalen Äußern der britischen Marinen unterschieden.

Der Humor der Seeleute galt hauptsächlich den beiden steifen englischen Schildwachen, die am Kai in kurzer Distanz auf und ab wanderten, bei den tropischen Sonnenstrahlen in ihren hohen Halsbinden und harten Uniformkragen fast erstickend und eben deshalb um so mürrischer gegen die zahlreichen orientalischen Lungerer, die sich in der Nähe der Landungstreppe umhertrieben und den fremden Matrosen Früchte und andere Gegenstände zum Verkauf anboten.

»Beim Neptun,« sagte der junge Seekadett zu dem Bootsmann, »das Frühstück bei Sr. Exzellenz dem Herrn Gouverneur von Aden dauert etwas lange, und unser Kapitän mit der Reisegesellschaft scheint ganz vergessen zu haben, daß wir hier nicht im Schatten von Palmen und Bananen, sondern auf offenen Wellen bei einer Hitze von mindestens 20 Grad liegen. Wäre dieser Goddam ein Franzose, so würde er sicher so höflich sein, an uns zu denken und uns ein Dejeuner von seiner Tafel schicken – aber diese Engländer haben einen unersättlichen Magen, der alles für sich verbraucht.«

»Der Teufel hole die Puddingfresser,« stimmte der Bootsmann ein, »wir haben noch nie etwas Gutes von ihnen gehabt und ich begreife Ihre gesegnete Majestät nicht, daß wir jetzt bei jeder Gelegenheit für sie die Pfoten ins Feuer stecken und sie so mit durchschleppen müssen. Blitz und Marssegel – hat nicht der ›Veloce‹ vor Sebastopol ihren besten Dreidecker aus dem Feuer der Bastion Constantin schleppen müssen, das er mit keiner Lage mehr erwidern konnte – und wie hat er's uns gelohnt? Nicht Danke schön hat John Bull gesagt und sich selbst alles Verdienst zugeschrieben. Keinen Sous Bergegeld haben wir gesehen. – Aber da kommen unsere Leute, Monsieur le Cadet.«

»Fertig, ihr Leute zum Einsetzen,« kommandierte der Midshipman. »Bei meiner Ehre, Raoul – unsere kleine Prinzessin ist doch ein allerliebstes Dämchen und ich gönne sie dem steifen Lord nicht, obgleich er sonst kein übler Bursche ist!«

»Blitz und Marssegel,« meinte der Alte, »Monsieur de Thérouvigne wird sie ihm schwerlich so gutwillig lassen. Obschon ich zur Schaluppe, also nicht zum Hinterdeck gehöre, habe ich doch zur Genüge gesehen, daß sie sich manchmal gerade so grimmig anschauen, wie die Bestien, die dieser komische Prussien, der sich Professeur nennt, mit aus Peking bringt. Man hat mir erzählt, Monsieur Pierre, daß Monsieur le Comte diesem schwarzen Beest sein Leben verdankt!«

»Ich habe davon gehört – ein merkwürdiges Abenteuer! Er soll einen Kampf mit diesem Panther gehabt haben, oder von ihm fast gefressen und von einem Amerikaner gerettet worden sein; Monsieur Bonifaz, der Kammerdiener des jungen Kapitäns, erzählt allerlei wunderbare Geschichten davon, wenn er sich mit den beiden Begleitern des Kaufmanns unterhält, der seit unserer Einschiffung in Peiho das Land noch nicht betreten hat und fast nie seine Kajüte verläßt. Aber es muß ein reicher Mann sein, denn ich hörte, wie der Kapitän dem ersten Leutnant befahl, ihm jede Rücksicht zu erweisen und seine Wünsche zu erfüllen.«

»Blitz und Marssegel, seine beiden Begleiter sind so stumm wie ein Meerschwein. Man sagt, er wolle eines der warmen Bäder in den Pyrenäen brauchen. Aber Attention, Monsieur Pierre, da kommen unsere Leute.« Die Wachen präsentierten – in bunter Gruppe kam die erwartete Gesellschaft herbei. Es war in der Tat die schöne Sibirianka, die wir auf ihrer Reise nach Europa bei dem Brande von Jung-mie-Jun verlassen haben. Die junge Fürstin trug elegante französische Toilette, die sie sich in Singapore oder Bombay, wo der Dampfer angelegt, leicht hatte verschaffen können, und war von der Begleitung umgeben, in der sie ihr rauhes Vaterland verlassen hatte. Außer den beiden französischen Offizieren und dem Lord befanden sich zwei oder drei englische Offiziere in der Gesellschaft, von denen der älteste in eifrigem Gespräch mit dem Viscount sich erging, dem auch Graf Boulbon zuhörte, während die jüngeren sehr zum offenbaren Ärger des französischen Husaren sich bemühten, der Dame den Hof zu machen, die sich leicht auf den Arm des kleinen Professors stützte.

»Ich habe leider nicht Gelegenheit gefunden, einer Tigerjagd beizuwohnen,« sagte Lord Walpole, »da der Dampfer wegen der Depeschen, die er überbringt, nur zwei Tage in Singapore anlegte, um frisches Wasser und Proviant einzunehmen. Major Staveley, den ich die Ehre hatte, an Ihrer Tafel zu begrüßen, Colonel, hat in diesem Sport so viele Lorbeeren errungen, daß er zu beneiden ist.«

Colonel Phayre, der damalige Gouverneur von Aden, nickte zustimmend. »Staveley hat in der Tat Glück gehabt – er hat deren bereits sechzehn Stück getötet. Aber warum sind Sie, wenn Sie Lust hatten, Tiger oder Elefanten zu jagen, nachdem Sie sich am Nordpol mit den Eisbären herumgeschlagen, nicht Ihrer Neigung gefolgt, Mylord, und haben in Singapore oder Madras Station gemacht, um mit einem unserer eigenen Dampfer später die Reise fortzusetzen?«

Eine leichte Röte überflog das Gesicht des Viscount, während er einen flüchtigen Blick nach der Dame warf. »Es wäre undankbar gewesen, meine werten Reisegefährten zu verlassen, bis ich sie sicher in Alexandrien an Bord eines europäischen Dampfers gebracht,« sagte er flüchtig. »Übrigens ist es nicht unmöglich, daß ich von Kairo aus noch eine Fahrt den Nil hinauf bis zur nubischen Wüste mache, dann werde ich Gelegenheit haben, das edlere Wild, den Löwen und den Elefanten zu jagen.«

Die Gesellschaft der jungen Fürstin war nahe genug, seine Worte zu hören. Die Dame konnte eine Bewegung der Überraschung nicht unterdrücken, obschon sie kein Wort sagte, doch übernahmen dies ihre Begleiter.

» Eheu – mein edler Freund und Gönner – eine Nilfahrt? Vielleicht zur Erforschung der Quellen des Hape – koptisch Jaro – von den Hebräern Jaur genannt, während die Nubier ihn Tossi oder Nil-Tossi nennen, das heißt: der überfließende Strom, – daher die spätere Benamung Nil!« rief der Professor. »Schon der Portugiese Covilham bei seiner Reise durch Abessynien suchte sie, verwechselte sie aber irrtümlich mit dem Baher el Asrak oder blauen Fluß, und selbst der Jesuit Lobo 1624 und Thevenot 1652, Paul Lucas und Pocake, Bruce 1768 und Irwin, in unserem Jahrhundert Salt und der deutsche Missionar Gobert teilten den Irrtum, dem selbst Minutoli und meine Freunde Ehrenberg und Parthey unterlegen haben. Erst Canbes und Birch zweifelten daran und Livingstone hat es klar nachgewiesen, daß der große westliche Strom Baher-el-Abiad, der Weiße Fluß als der wirkliche Quellenstrom des Nil zu betrachten ist, obschon es ihm noch nicht gelungen ist, seine Quellen nachzuweisen, und wenn ich denken könnte, daß es mir vergönnt sein sollte …«

»Wenn Sie Lust haben sollten, Professeur,« unterbrach der Husarenoffizier die gelehrte Expektoration, »mit Mylord Walpole die Quellen des Nil aufzusuchen, so täten die Herren gut, nicht erst bis Kairo sich zu bemühen. Ich stehe Ihnen dafür, daß Madame la Prinzesse, meine schöne Cousine, Ihres Schutzes wird entbehren können.«

Der Engländer drehte sich bei dieser Impertinenz gegen den Offizier. »Wie meinen Sie dies, Sir?«

»Ganz einfach, Mylord – wie ich gehört, können Sie noch vor Suez Gelegenheit haben, die Quellen des Nil in der Nähe zu studieren. Wenn wir in der Bai von Adulis …«

Ein strenger Blick des jungen Kapitäns traf ihn und machte ihn verstummen, um so mehr, als die englischen Offiziere offenbar an dem Wortwechsel ein Interesse gewannen.

»Sie werden mir gestatten, Monsieur de Thérouvigne, an Bord der ›Veloce‹ mir nähere Auskunft über Ihre Worte zu erbitten,« sagte der Engländer mit einer kalten Verbeugung. »Colonel, erlauben Sie mir Ihnen und den Herren Ihrer Messe meinen Dank abzustatten für die freundliche Aufnahme. Ich glaube, ich sehe das Signal des Dampfers, daß wir uns zu beeilen haben.«

Der Oberst reichte dem jungen Pair die Hand – er zog ihn einige Schritte zurück, außer der Hörweite der andern.

»Mylord, diese Franzosen gefallen mir nicht. Ich möchte Ihnen als Landsmann raten, lieber die Begleitung dieser schönen Dame im Stich zu lassen und den nächsten Postdampfer von Bombay abzuwarten.«

»Das kann Ihr Ernst nicht sein, Colonel Phayre. Übrigens ist Graf Boulbon ein Ehrenmann und auch dieser junge Hitzkopf, den nur die Eifersucht reizt, wird sich keiner Niedrigkeit schuldig machen. – Leben Sie wohl, und wenn ich Ihnen in London gefällig sein kann, so gebieten Sie über mich!«

Zwischen dem jungen Kapitän und seinem Freunde waren unterdes gleichfalls Worte gewechselt.

»Der Henker hole deine Unvorsichtigkeit!« zürnte Graf Louis. »Willst du nicht lieber gleich diesen Engländern den Inhalt der Depesche vorlesen?«

»Bah – es fuhr mir so heraus – sie haben schwerlich darauf geachtet und wenn auch, – der Schaden wäre nicht groß! – Erlauben Sie, meine schöne Cousine …«

Er eilte zu der Schaluppe, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein, mußte aber zu seinem großen Ärger sehen, wie die Fürstin ihm mit ernster und strenger Miene den Rücken wandte und die Hand Lord Walpoles annahm, der ihr beim Einsteigen in die Schaluppe behilflich sein durfte.

Leutnant Henri preßte die Zähne auf die Lippen. »Der Teufel soll mich holen, wenn dieser langweilige Kerl mir nicht Rede stehen soll, ehe wir vierundzwanzig Stunden älter sind – Louis mag sagen, was er will!« Er war der letzte beim Einsteigen und verabschiedete sich bei den Engländern ziemlich unliebenswürdig.

Die Matrosen senkten mit taktmäßigem Schlag die Ruder ins Wasser und die Schaluppe schoß unter den wiederholten Grüßen und Winken in die Bai und richtete ihren Lauf nach dem französischen Dampfer.

Sie waren kaum 50 Yards vom Kai, als Colonel Phayre seinem Adjutanten winkte.

»Leutnant Gordon – haben Sie gehört, was der französische Laffe von der Adulis-Bai sprach?«

»Ja, Sir – daß der Dampfer dort anlegen werde.«

»Wir müssen Gewißheit darüber haben. Die Bai liegt außerhalb ihres Wegs nach Suez – vielleicht weiß der jüdische Halunke, der den französischen Konsular-Agenten spielt, darum. Hat der Bursche mit der letzten Überlandpost Briefe empfangen?«

»Der Kaufmann Salomon Hassan?«

»Zum Henker, ja.«

»So viel ich gesehen, nur zwei Handelsbriefe aus Suez!«

»Aber es fehlt nie an willigen Händen, die für Geld Briefe nebenbei auf unsere Dampfer besorgen. Lassen Sie den Kerl noch diesen Mittag zu mir bringen – vielleicht ist etwas Näheres von ihm zu erfahren. Die französischen Offiziere haben sein Magazin besucht.«

»Ich sah selbst, daß der eine beim Heraustreten einen Brief einsteckte. Aber es ist so gewöhnlich, Sir …«

»Erinnern Sie sich nicht, daß dieser schwarze Bursche von Abessynien, der König Theodor, wie er sich nennt, wieder in den Küstenorten von Tigre liegt, und daß wir die strengste Order der Regierung haben, ihn sorgfältig zu beobachten. Man hat Ursache, ihm zu mißtrauen und diese Franzosen spinnen jetzt nach allen Seiten Ränke in Ägypten. Geben Sie Konsul West in Suez sofort Auftrag, sich mit Munzinger in Verbindung zu setzen. Wir müssen eines der arabischen Schiffe sofort nach Zula oder der Bai selbst senden mit einem gewandten Menschen, der die Franzosen beobachtet. Ich werde ihm einen Brief an Lord Walpole mitgeben.«

Während diese vorsorglichen Anstalten getroffen wurden, hatte der »Veloce« bereits Anker gelichtet und seine Dampfspur verschwand am Rande des Horizonts.

Auch an Bord herrschte eine gewisse Unruhe, die sich selbst auf die Reisenden ausdehnte.

Graf Boulbon hatte sofort nach der Ankunft auf dem Schiff den Kapitän in seine Kajüte begleitet und ihm die in Aden von dem französischen Konsular-Agenten erhaltene Depesche übergeben. Man war auf eine solche vorbereitet, denn der französische Konsul in Singapore hatte von dem Minister des Auswärtigen die Anweisung gehabt, dem ersten Kriegsschiff, das von der Flotte im Peiho zurückkehrte, zu insinuieren, in Aden nach Depeschen zu fragen.

Wera hatte alsbald nach der Ankunft sich in ihre Kajüte zurückgezogen, während ihre drei Anbeter, der deutsche Professor, der Husarenleutnant und der Pair, sich getrennt voneinander hielten. Der erstere schien sehr zerstreut oder von ganz besonderen Gedanken geplagt, denn er wanderte rastlos zum großen Mißvergnügen der Seeleute auf dem Verdeck auf und nieder, belästigte die Offiziere mit allerlei Fragen über die afrikanische Küste, fragte, ob sie schon den Nil befahren hätten und hielt dem Mann am Steuer einen langen Vortrag über die Pyramiden und die neuesten Entdeckungsreisen zur Erforschung von Zentral-Afrika. Leutnant Thérouvigne blies von der Galerie in sehr mißmutiger Stimmung den Rauch seiner Zigarre in die Luft, und Lord Walpole hatte sich in das Vorderschiff begeben, wo unter dem Bollwerk die Käfige mit den wilden Tieren befestigt waren, welche der General en chef für den jardin des plantes sandte, darunter auch der schwarze Panther, das Geschenk Eisenarms.

Die Matrosen mit ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegen Gefahren hatten die meisten dieser Bestien bereits so gezähmt, daß sie auf die Stimme ihrer Wärter hörten und nur bei seltenen Gelegenheiten ihre wilde und tückische Natur zeigten.

Hier war auch der Ort, wo sich sehr häufig die beiden Diener des fremden Kaufmanns aufhielten, und so schweigsam sie auch sonst gegen andere Leute, namentlich über die Person und die Verhältnisse ihres Gebieters blieben, war es doch dem jungen Lord wiederholt gelungen, in eine Unterhaltung mit ihnen zu kommen, da er zufällig Zeuge gewesen, daß beide miteinander englisch sprachen, und der Fang und die Natur der Bestien Anknüpfungspunkte zum Gespräch gegeben hatten, das beide ihm bald als erfahrene Jäger bekundete.

Auch heute saßen sie wieder in der Nähe des Tigerkäfigs und sprachen von allerlei Jagden, die sie erlebt.

Lord Walpole hatte namentlich für den riesigen Bärenjäger eine große Vorliebe gefaßt und ihm häufig von seinen eigenen Kämpfen und Jagden in den arktischen Regionen erzählt. Auch jetzt gesellte er sich zu ihnen, um sich von mancherlei unangenehmen Eindrücken zu befreien.

»Wissen Sie, Master Taylor« – so nannte sich der Bärenjäger auf dem Schiff, während sein Gefährte, der als aus dem französischen Kanada stammend sehr gut französisch sprach, in der Schiffsliste unter dem Allerweltsnamen Smith eingetragen war – »daß ich heute das Vergnügen gehabt habe, den berühmtesten Tigerjäger Indiens kennen zu lernen?«

Die beiden machten eine unwillkürliche Bewegung des Erstaunens. »Wen meinen Sie, Mylord – doch nicht …«

»Major Staveley. Er ist gegenwärtig auf Kommando in Aden, war an der Tafel des Gouverneurs, und man sagte mir, daß er mit eigener Hand bereits sechzehn Tiger erlegt hat.«

»Sechzehn Tiger – je nun, Mylord, eine ganz hübsche Zahl, aber ich kannte einen, der …«

Ein Blick seines vorsichtigeren Gefährten warnte ihn noch zu rechter Zeit.

»Verwechseln Sie nicht die Jaguars Ihrer Heimat, die man dort, wie ich weiß, Tiger nennt,« sagte der Engländer, »mit dem Königstiger Indiens, von dem wir hier eine Probe sehen. Ich glaube, daß die Jagd auf den Jaguar gewiß gefährlich genug ist, aber sie kann sich doch nicht messen mit der auf das gewaltige Raubtier, das die Wüsteneien Indiens beherrscht, und es gibt nur eins, das noch mächtiger und gefährlicher ist, als der Tiger Asiens.«

»Sie meinen den Elefanten?«

»Auch der Elefant Indiens ist nicht das, was sein wilder Bruder auf den Jagdgründen Afrikas sein soll. Nein, ich meine den Löwen.

»Den Puma?«

»Nicht den Löwen Amerikas, wie, ohne Sie beleidigen zu wollen, die Eitelkeit der amerikanischen Jäger dies Tier nennt, sondern den afrikanischen Löwen, der noch weiter von dem Puma verschieden ist, als der Jaguar von dem Tiger Indiens. Haben Sie nie in Menagerien einen wirklichen Löwen gesehen?«

»Nein, Sir!«

»Nun, ich gehe wahrscheinlich, Löwen und wilde Elefanten zu jagen, ohne das Rhinozeros und das Nilpferd zu erwähnen, die gewiß auch nicht zu verachten sind. Ich wünschte, Master Taylor, Sie könnten mich begleiten.«

» Damned – ich wünschte es selbst! Aber Sie sehen ein, Mylord, daß es nicht geht?«

»Und sind Sie denn so unauflöslich an Monsieur Labrosse, Ihren Herrn gebunden, den man so selten sieht? Wenn Sie einwilligen wollten, würde ich mit ihm sprechen und ich biete Ihnen ein bedeutendes Gehalt, wenn Sie in meine Dienste treten wollten.«

Der Riese schüttelte den Kopf. »Sie sind sehr gütig, Mylord, aber es geht nicht. Es wäre ein schuftiger Streich von uns – denn Sie müssen wissen, wir sind seit zwanzig Jahren Kameraden und würden uns nicht voneinander trennen, – wenn wir einen Mann verlassen wollten in seinem Unglück, nachdem wir seine guten Tage geteilt und sein volles Vertrauen so lange besessen haben.«

»So ist Monsieur Labrosse unglücklich? Er hat vielleicht sein Vermögen verloren?«

»Es mag sein, Mylord, es kümmert uns nicht,« meinte ausweichend der Riese. »Wir sind durch Pflicht und Dankbarkeit an ihn gebunden und erst, wenn er selbst unsern Kontrakt löst, freie Männer, die dann in ihre Heimat zurückkehren werden. Freilich – ich muß gestehen – eine Jagd auf den Löwen hätte ich gern zuvor mitgemacht, um in den Prärien davon erzählen zu können.«

Eine Hand legte sich leicht auf den Arm des Briten, es war die der jungen Fürstin.

»Wissen Sie, Mylord, wo die Bai von Adulis sich befindet?«

»Wenn ich nicht irre, nennt man mit diesem Namen auch die Ansley-Bai an der abessynischen Küste am Eingang des Roten Meeres. Aber unser würdiger Professor wird Ihnen die Frage sicher besser beantworten.«

»Bah – ich fragte ihn und seine Antwort lautete: Südost von Massua, zwischen 15 und 15½ Grad nördlicher Breite. Sie wissen, daß meine Erziehung noch etwas vernachlässigt ist.«

»Sie holen sie mit wunderbarer Gelehrigkeit und Eile nach, Mylady. Aber wie kommen Sie auf diese Frage?«

Die Sibirianka lachte. »Ich habe den Namen nur erhorcht; aber es wird Sie vielleicht interessieren, daß wir nach der Bai von Adulis gehen.«

Der Lord sah sie erstaunt an. »So viel ich weiß, ist das keine Station der Dampfer nach Suez.«

»Das scheint; – aber es ist nichtsdestoweniger wahr!« Sie war aus der Gehörweite der beiden Amerikaner getreten und der Lord ihr gefolgt. – »Offen, ich glaube Ihnen eine gewisse Dankbarkeit schuldig zu sein, Mylord, trotz der Prinzipien meines Lehrers Bakunin, der die Dankbarkeit für eine Torheit erklärt. Ich bin unfreiwillige Hörerin des Gesprächs von Kapitän Ducasse mit unsern beiden Offizieren gewesen. Es scheint, daß eine Order, die Graf Boulbon wahrscheinlich in Aden empfing, den Befehl von Paris für das erste in Aden anlangende französische Kriegsschiff enthalten hat, seinen Weg nach der Bai von Adulis zu nehmen.«

»Also darauf bezog sich die Impertinenz von Monsieur de Thérouvigne.«

»Mag sein. Ich hielt es für Pflicht, Sie darauf vorzubereiten, denn …«

»Was, Mylady?«

»Es scheint, daß nach Eingang dieser Order Ihre Anwesenheit an Bord des ›Veloce‹ unsern französischen Freunden etwas unbequem ist.«

»Ich hätte die Gastfreundschaft des Kapitän Ducasse nicht weiter als Singapore oder Bombay mißbrauchen sollen; Sie haben recht, Mylady! – Indes wissen Sie am besten, daß Sie selbst die Ursache sind und daß ich nur der freundlichen Einladung des Herrn Grafen von Boulbon dabei gefolgt bin. Sobald ich das Wort, das ich Ihrem Großvater verpfändet, gelöst habe, Sie in Begleitung meines älteren Freundes – Ihres sogenannten Verlobten – in das Gebiet der zivilisierten Welt zu bringen, wo für Ihre Sicherheit nicht mehr zu fürchten ist, – werde ich niemand weiter beschwerlich fallen.«

»Bah – Sie wissen, daß ich mich selbst zu beschützen verstehe. Ich entbinde Sie jeder Sorge um mich!«

»So stoßen Sie mich von sich? Ich bedauere in der Tat, Mylady, daß diese See um uns her mich zwingt, Sie noch länger mit meiner Nähe zu belästigen!«

»Sie sind ein Tor. Ich verlange nichts von Ihnen, als Ihr Wort, in dem ersten Hafen, den wir berühren, dieses Schiff zu verlassen und Ihren Weg mit einer anderen Gelegenheit fortzusetzen. Da Sie, wie ich selbst hörte, ohnehin in Alessandrien oder Kairo uns verlassen wollten, kann Ihnen dies nicht schwer werden. Ich glaubte, daß die Bai vielleicht eine englische Station wäre, und deshalb fragte ich.«

»Meines Wissens nicht – die ganze Küste ist Besitz des Negus von Abessynien. Aber Ihr Wunsch soll dennoch erfüllt werden, verlassen Sie sich darauf!«

Er machte ihr eine kurze Verbeugung und wandte sich zu gehen.

»Frederik!«

Der Ton, das Wort waren so süß, so ungewohnt, daß der junge Engländer wie von einem elektrischen Schlage berührt stehen blieb und das Blut ihm in das Gesicht schoß.

»Fürstin …«

»O über diese Männer!« sagte sie mit stolzem Spott. »Wo ihre Eitelkeit verletzt ist, sind sie blind, wie das Hermelin am Feuer. Wer sagt Ihnen denn, daß ich Sie von diesem Schiffe vertreiben will, weil Ihre Gesellschaft mir lästig, wie Sie sich auszudrücken beliebten?«

»Wera!«

»Mylord Walpole?!«

»O spielen Sie nicht mit einem Herzen, Wera, das Sie innig verehrt – zeigen Sie mir nicht einzelne Lichtblicke von Gefühl und Teilnahme, um mich im nächsten Augenblick wieder desto schroffer und kälter zurückzustoßen. – Wir nähern uns den Küsten Europas – o geben Sie mir endlich das Recht, als Ihr Beschützer aufzutreten, dann verlassen wir zusammen diesen Bord, und ich werde Mittel finden, auf einem anderen Schiff Sie nach Suez zu führen.«

»Sie vergessen, Mylord,« sagte die schöne Russin lächelnd, »daß Sie mir nach jenem verunglückten Heiratsantrag auf dem Rückweg aus dem Palast des Kaisers von China versprochen haben, nicht wieder darauf zurückzukommen, und doch wiederholen Sie ihn hier auf den Wogen des Roten Meeres, durch das einst Moses seine diebischen Hebräer führte. Sie sehen, daß ich trotz Michael Bakunin meine biblische Geschichte inne habe! – Aber ohne Scherz – ich will vor allem meine Freiheit bewahren, und ich bin noch zu jung, die Sklavin eines Mannes zu sein. Lassen Sie uns Freunde sein, und als ein solcher werden Sie mir, wenn Sie von Ihrer Entdeckungsreise nach den Quellen des Nil, die meinem Verlobten einen großen Zwiespalt zwischen seiner Bewunderung für mich und seinem Gelehrtenruhm droht, – wenn wir in Paris uns wiedertreffen, herzlich willkommen sein. Bis dahin …«

»Bis dahin?«

»Fordert Wéra Tungilbi von Lord Frederik Walpole, daß er jede Gelegenheit zum Streit mit dem jungen Toren, meinem Vetter, vermeidet, und wenn dieser ihn sucht, der Klügere ist.«

»Also seinetwegen verbannen Sie mich von diesem Schiff?«

»Auch das – ich will nicht immer die Rolle der Vermittlerin spielen!«

»Sie wissen, daß ich bereits den Entschluß gefaßt hatte, zu gehen – nicht um seinetwillen, und deshalb gebe ich Ihnen das Versprechen, das Sie fordern, denn ich weiß, daß Sie nicht mehr verlangen werden, als sich mit der Ehre eines Mannes verträgt.«

»Darüber ist Lord Walpole gewiß selbst der beste Richter.«

»Verzeihen Sie, wenn ich noch einen Zweifel ausspreche. Mein alter Freund war wohl ein passender Beschützer vor der Welt durch seinen Charakter und seine Jahre – aber ich zweifle, daß er imstande ist, diese Aufgabe in seiner gelehrten Zerstreutheit zu erfüllen, wenn ich ihm nicht mehr zur Seite stehe.«

»Deshalb mögen Sie ihn auch mit sich nehmen, wenn er sich von seinem Mammutknochen trennen kann!«

»Wie, und Sie wollten allein weiterreisen mit diesen jungen Franzosen? Bedenken Sie Ihren Ruf, die Welt!«

»Eine Fürstin Wolchonski,« sagte sie hochmütig, »hat für ihren Ruf nicht zu fürchten. Überdies sollten Sie meinen Charakter kennen und wissen, wie ich über diesen sogenannten Ruf denke. Aber seien Sie unbesorgt – wenn Monsieur le Professeur auch geht, ich habe bereits einen anderen Beschützer gefunden.«

»Und würde es unbescheiden sein, zu fragen, welchen?«

»Warum sollte ich ihn nicht nennen? Monsieur Labrosse!«

»Wie – der französische oder amerikanische Kaufmann, der in Thiansin mit uns an Bord kam, der so selten seine Kajüte verläßt, daß man ihn kaum von Ansehen und nur durch seine beiden Diener oder Begleiter kennt?«

»Ganz derselbe!«

»Aber wie kommen Sie, Fürstin, dazu, dem seltsamen – ich muß es geradezu sagen, etwas unheimlichen – Fremden ein solches Vertrauen zu schenken? Ich habe Sie zwar einigemal des Abends, wenn er seine Kajüte verließ, mit ihm sprechen sehen, und Sie waren die einzige Person, der er ein Wort gönnt. Indes, um ihm ein solches Vertrauen zu schenken – erlauben Sie wenigstens, daß ich mit ihm spreche!«

»Ich erlaube nichts, mein Herr! Es muß Ihnen genügen, daß ich weiß, wer dieser Herr ist und daß ich in seiner Begleitung nach Paris gehen werde. Damit Sie aber sehen, daß er meinen Wünschen gehorchen wird – sprachen Sie vorhin nicht Ihr Bedauern aus, jenen alten Riesen, seinen Diener, nicht mit auf Ihre Wüstenfahrt nehmen zu können?«

»Der Mann war früher, wie er mir erzählt, einer jener amerikanischen Trapper oder Jäger, die mit allen Gefahren der Wildnis wohl vertraut sind, und müßte ich nicht die Treue für seinen Herrn achten, die ihn an diesem festhalten läßt, würde ich ihn allerdings gern gewonnen haben, ihn oder seinen Gefährten.

»Sie sollen ihn haben, nur müssen Sie mir versprechen, ihn wieder mit nach Paris zu bringen. Ich beabsichtige ihn sogar in meine Dienste zu nehmen als Leibkosak, weil der arme Mutin mir fehlt. – Doch lassen Sie uns jetzt nach dem Hinterdeck zurückkehren – ich sehe, die Konferenz der Herren hat geendet, und sie werden sich Wunder was auf ihr Geheimnis zugute tun, das wir längst wissen!«

In der Tat waren Kapitän Ducasse und die beiden französischen Offiziere auf das Deck gekommen. Graf Boulbon kam auf den Lord zu und nahm ihn unter den Arm. »Einen Augenblick, Mylord, ich möchte mit Ihnen sprechen.«

Der Engländer, der den jungen Mann lieb gewonnen, folgte ihm lächelnd.

»Es setzt mich einigermaßen in Verlegenheit, was ich Ihnen mitzuteilen habe, Mylord,« sagte Graf Louis zögernd – »es sieht fast aus wie eine Aufkündigung der Gastfreundschaft, wenn ich Ihnen sage …«

»Daß wir zunächst nicht nach Suez gehen, sondern an die abessynische oder nubische Küste,« unterbrach ihn der Viscount lächelnd.

»Wie – Sie wissen …«

»Daß die Depesche, die Sie in Aden erhielten, den ›Veloce‹ anweist, seine Fahrt zu unterbrechen.«

»Aber – wie um Himmels willen kommen Sie zu dieser Kenntnis?«

»Man verhandelt einfach Staatsbefehle nicht in der Nähe von Damenohren, mein Lieber.«

»Die Fürstin …«

»Die Fürstin hat zufällig in ihrer Kajüte gehört, daß der ›Veloce‹ zunächst nach der afrikanischen Küste gehen soll – nichts weiter. Das kommt mir sehr gelegen, dann brauche ich nicht von Kairo die Fahrt den Nil hinauf zu machen und kann schon vom nächsten Hafen aus meine Reise durch die Wüste antreten. Aber, Sie selbst, Graf, und Ihre Depeschen …«

»O, wir finden in Zula einen Handelsdampfer, der uns nach Suez bringt. Der ›Veloce‹ ist für unsere afrikanische Station bestimmt. Ich wollte Ihnen eben den Vorschlag machen, mit uns an Bord des Schiffes, das wir finden werden, die Reise bis Suez fortzusetzen.«

»Sie sind ebenso ehrenhaft, als freundlich, Graf,« sagte herzlich der Brite. »Erlauben Sie mir, dies Ihnen offen auszusprechen und Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen stets dankbar sein werde für Ihre Güte und Freundschaft. Aber, wie ich Ihnen bereits gesagt, die Gelegenheit ist mir willkommen, meine Reise durch die Wüste fortzusetzen.«

»Und Madame la Princesse?«

»Ich lasse Sie in Ihrem Schutz, sie selbst hat es so bestimmt! – Doch möchte ich Sie um zwei Dinge bitten.«

»Sie haben über mich zu befehlen.«

»Die Fürstin besitzt ein bedeutendes Vermögen in Edelsteinen, ein Erbe ihres Großvaters in Sibirien. Einen kleinen Teil derselben hat sie in Bombay unter meinem Beistand bei einem der persischen Juweliere bereits umgesetzt und führt in Schecks und Gold viertausend Pfund bei sich, die Juwelen, die sie noch besitzt, haben wohl den zehn- oder zwanzigfachen Wert. Sie wissen, daß die Fürstin bei all ihrem scharfen, durchdringenden Verstand in vieler Beziehung doch ein reines Naturkind ist und, wie ich glaube, auch wenig den Wert des Geldes kennt und schätzt. Mein Freund, der deutsche Professor, ist hierin wenig besser. Es muß verhütet werden, daß die Fürstin betrügerischen – ja auch leichtsinnigen Spekulationen zum Opfer fällt.«

»Ich verstehe Sie, Mylord, und werde dafür sorgen, obschon ich glaube, daß Prinzeß Wolchonski die Bedeutung dieser Hauptmacht unserer Zeit bereits sehr wohl kennt und würdigt. Aber ich werde – wenn es ihr genehm – meinen alten Baptist mit der Sorge für ihr Vermögen betrauen; ich versichere Sie, er ist ein wahrer Harpagus, und treu und ehrlich wie lauteres Gold.«

»Ich habe den Alten nur schätzen gelernt und bin also in dieser Beziehung beruhigt. Ich werde mit der Fürstin darüber sprechen. Der zweite Punkt macht mir fast noch mehr Sorge.«

»Und der ist?«

»Sie hat mir vor wenigen Minuten erklärt, daß sie sich unter den Schutz des fremden Kaufmanns zu stellen beabsichtigt und in seiner Begleitung nach Paris gehen will.«

»Also ist ihr Verhältnis zu dem Professor, wie ich von vornherein vermutet, nur ein Scherz?«

»Eine ihrer Launen und Extravaganzen, mit der sie, wie ich fürchten muß, mehr Unheil angerichtet hat, als sie denkt. – Ich hoffe, Professor Peterlein, mein alter Lehrer und Freund, glaubt selbst im Ernst nicht daran, und das ist eine der Ursachen, die mich fast wünschen lassen, er möge mich, nicht sie weiter begleiten. Aber kommen wir wieder auf den geheimnisvollen Herrn zurück, der es vorgezogen hat, unsere Gesellschaft zu vermeiden, so daß wir ihn kaum nur in den Abendstunden oder bei Nacht zu Gesicht bekommen haben und so viel wie gar nichts von ihm wissen. Der Teufel weiß, wie sie seine Bekanntschaft gemacht hat. Ist Ihnen etwas näheres über den Mann bekannt?«

»So wenig als Ihnen. Ich weiß nur, daß er der Besitzer einer unserer südlichen Faktoreien sein soll und Krankheitshalber für einige Zeit nach Europa geht. Ich sah ihn nur zweimal, er sieht so gelb aus wie ein Indier und muß an der Leber leiden. Ich hörte nur, daß General Montauban ihm die Erlaubnis zur Mitfahrt erteilt und ihn auf das angelegentlichste an Kapitän Ducasse empfohlen hat. Jedenfalls gefallen mir seine beiden amerikanischen Diener oder Begleiter besser als er! Es sind ein paar famose, alte Burschen, besonders der Riese!«

»Wann denken Sie, Graf, daß der ›Veloce‹ ankern wird?«

»Kapitän Ducasse sagte mir, daß wir die Straße morgen Mittag passieren werden und die Bai am dritten Tage erreichen können. Wir werden die abessynische Küste nicht mehr aus den Augen verlieren.«

»Lord Walpole hat da Zeit, Terrainstudien zu machen. Sie haben in der Tat Glück, Mylord, wie ich Ihnen schon früher wünschte, Sie werden herrliche Jagden haben.«

Es war der junge Husarenleutnant, der herangekommen war und sich in das Gespräch der beiden mischte.

»Ich danke Ihnen, Herr von Thérouvigne,« sagte der Engländer kalt, »und bedaure nur, daß die Wichtigkeit Ihrer Mission nach Paris Sie verhindert, an dem Vergnügen und Gefahren einer Wüstenjagd teil zu nehmen.«

Der junge Offizier errötete bei der Anspielung auf seine Mission. »Die Gefahren, Mylord, werden hoffentlich nicht so groß sein. Man geht ihnen aus dem Wege!«

»Jeder nach seinem Geschmack, Monsieur. Ich hoffe, nicht ohne einige Renkontres mit Elefanten oder Löwen zurückzukehren.«

»Bah – ich wußte nicht, daß Sie die Renkontres mit Löwen lieben!«

»Nicht mit denen des Boulevard Italien, Monsieur!«

Die Erwiderung war so rasch und treffend, daß der französische Offizier sich stumm einige Augenblicke auf die Lippen biß. Ehe er eine heftige Erwiderung geben konnte, waren die junge Dame und der Professor, die seither eine Unterredung gehalten hatten, herzugekommen.

» Me Herkule!« stöhnte der Gelehrte, »was muß ich hören, mein vortrefflicher Zögling und Beschützer. Sie wollen also wirklich an der Küste des Landes Habesch, was man fälschlich Abessynien zu nennen pflegt, uns verlassen, und verlangen, daß ich Sie begleiten soll? Haben Sie auch bedacht, daß, wenn auch die Wissenschaft schwere Opfer von ihren Jüngern zu fordern pflegt, wir doch eigentlich, sozusagen, unfreie Männer geworden sind durch unser Versprechen an jene würdigen Greise, die das Glück haben, die Großväter dieser jungen Dame zu sein, die mich Unwürdigsten sogar ihren Verlobten zu nennen pflegt? Und selbst wenn sie es mir gestatten wollte, aus Eifer für die heiligen Interessen der Wissenschaft, um den hohen Ruhm zu werben, die wahren Quellen des Nilstroms zu erforschen und unser Beilager vulgo Hochzeit bis zu meiner Rückkehr nach Europa zu verschieben – haben Sie junger Mann und geliebter Zögling überlegt, daß wir keineswegs vorbereitet und ausgerüstet sind für die Durchforschung dieser Lande, des alten axumitischen Reiches, das zwar seit dem 4. Jahrhundert nach Christum das Glück hat, die Segnungen des Christentums zu genießen, das aber seitdem wieder, namentlich was die Samhara und das Land Adel betrifft, wieder in die Finsternis der muhamedanischen Religion zum großen Teil zurückgefallen sein soll? Haben Sie auch bedacht, daß – selbst wenn ich mich entschließen sollte, der Wissenschaft diese hochschmerzliche Verzögerung der Gründung eines häuslichen Herdes zum Opfer zu bringen – ich meine Hefte und Notizen über die Forschungen nach dem sagenhaften Priester Johannes, den die Oberflächlichkeit häufig mit dem Johannes Chrysorrhoas aus Damaskus, gestorben im Jahre 760 im Kloster Saba bei Jerusalem, zu verwechseln pflegt, – so wie über die jüdischen Falischas in der Provinz Simen, die nach der Zerstörung Jerusalems über das Rote Meer zurückwanderten, gar nicht bei mir führe?«

Der Professor sah sich kampfbereit nach einem Widerspruch um – aber der Leegang des Dampfers, auf dem die Unterredung stattgefunden, war leer – seine Gelehrsamkeit hatte die ganze Gesellschaft in die Flucht geschlagen, und als er, erstaunt über diese Gleichgültigkeit gegen seine Entdeckung, die Augen erhob, trafen sie auf ein so grimmig-dämonisches Antlitz, daß er erschrocken zurückprallte und nur das Bollwerk ihn vor einem Fall rettete.

Die Erscheinung dauerte übrigens nur einen Augenblick, denn im nächsten schon war sie wieder von dem Fenster verschwunden, und die Deckkajüte des Kapitäns, die derselbe dem geheimnisvollen französischen Kaufmann zur Wohnung überlassen, zeigte nichts anderes, als den ruhig hängenden Seidenvorhang, der es immer verschloß.

Professor Peterlein trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirn, den der Schrecken ihm ausgepreßt, nahm eine starke Prise, und zog sich eilig aus dem Bereich der Kajüte zurück, indem er bei sich erwog, ob ihm seine Phantasie das dämonische Antlitz eines der gefürchteten Thugs vorgespiegelt, wie er es sich in seinen gelehrten Träumen etwa gedacht, oder ob er ein wirkliches Menschenhaupt gesehen.

Auch bei der Mittagstafel, zu der bald nachher die Glocke die Passagiere in der großen Kajüte vereinigte, war er anfangs sehr schweigsam und nachdenkend, bis er endlich zur großen Verwunderung seines früheren Zöglings begann, Kapitän Ducasse allerlei Fragen über den Bewohner der Deckkajüte vorzulegen, um den er sich bisher sehr wenig bekümmert hatte.

Die Auskunft, die ihm Kapitän Ducasse gab, schien den Professor wenig zu befriedigen, denn er verlangte eine förmliche Personalbeschreibung des Reisenden, die denn sehr wenig dem Bilde entsprach, das in seiner Phantasie oder Erinnerung lebte, und als seine Quälgeister, die Fürstin und ihr Vetter, der junge Husarenoffizier, der sehr bitterer und sarkastischer Laune blieb, ihm endlich den Grund seiner Fragen abgelockt und ihn deshalb verspotteten, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er erklärte, das Gesicht, das er zu sehen geglaubt, habe eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem Bilde gehabt, das der junge Lord mit einer Reihe anderer Ansichten und Darstellungen aus Ostindien in Bombay gekauft hatte, und das einen der blutigen Rebellenführer in der letzten indischen Empörung darstellen sollte.

Das Gespräch verweilte einige Zeit auf der Person und richtete sich alsdann auf das nächste Ziel ihrer Reise und die äthiopische Küste, wobei der gelehrte Herr reichlich Zeit fand, seine Wissenschaft auszukramen, ohne daß seine Zuhörer Gelegenheit und wohl auch Lust hatten, ihm zu entwischen, und jedermann schien anzunehmen, daß er sich dem Lord auf dieser Reise anschließen, sie also schon im nächsten Hafen verlassen würde.

Lord Walpole, der im ganzen ein ziemlich scharfer Beobachter war, hatte beobachtet, daß die Fürstin bei der Erzählung des Professors von der Erscheinung, die er gehabt haben wollte, plötzlich sehr still geworden und ihren alten Verehrer mit mißtrauischem Blick gemessen hatte. Nach der Erklärung, die ihm die Dame gegeben, gewannen auch die kleinsten Umstände, welche auf ihren geheimnisvollen Reisegefährten Bezug hatten, Bedeutung, und er nahm sich vor, den Professor, sobald er mit ihm allein wäre, näher zu befragen. – –

Es war am Abend des zweiten Tages – die Sonne war hinter den hohen Bergketten des mittleren Abessyniens, die bis zur Höhe von 14 000 Fuß aufsteigen, versunken, und die Nacht mit jener des Überganges der Dämmerung ermangelnden Schnelligkeit gekommen, die der tropischen Zone eigen ist.

Der Dampfer hatte während des Tages das Land nicht aus dem Gesicht verloren, mußte sich aber möglichst fern von der Küste und scharfen Ausguck halten, da hier eine Menge kleiner Inseln, Felsen und Korallenriffe die Fahrt sehr erschweren und gefährlich machen. Kapitän Ducasse verließ daher das Deck nicht, und der eintönige Singsang der Matrosen, mit dem sie das Senklot auswarfen, bewies, wie aufmerksam man war.

Es war eine herrliche Tropennacht, so schön und mild, wie sie gerade diese Jahreszeit – es war im Januar – in dieser Zone bietet. Myriaden von Sternen funkelten mit einem im Norden ungekannten Glanz, das Meer leuchtete von jenen Mollusken, die einen so eigentümlichen phosphorischen Glanz verbreiten, und der frische Landwind, der von der Küste herüberstrich, trug auf seinen Schwingen würzige Düfte bis in diese Entfernung. Am anderen Morgen sollte man nach des Kapitäns Berechnung die Bai erreichen.

Alles verkündete tiefen Frieden, und doch herrschte er in Wirklichkeit keineswegs. Der bläulich-glänzende Streifen, der hinter dem Schiff häufig durch das langgefurchte Kielwasser des Dampfers sich bewegte, verkündete die Nähe des furchtbarsten Räubers des Meeres, des Hai – während der lustige Begleiter der Schiffe in der Nähe der Küsten, der muntere Delphin, seine Sprünge um den Bugspriet schoß.

Unter dem Zeltdach des Verdecks, das noch von der glühenden Sonne des Mittags ausgespannt war und jetzt gegen den Tau der Tropennächte schützte, saß die kleine Reisegesellschaft versammelt im lebhaften Gespräch über die Landung am nächsten Tage.

Nur die Fürstin, die sonst stets den Mittelpunkt des kleinen Kreises bildete, fehlte jetzt. Man glaubte sie in ihrer Kajüte, obschon man sie noch kurz vorher gesehen, und war gewöhnt, sich in ihre Launen zu fügen.

Wie zwei gegeneinander zum Kampf gerüstete Gladiatoren waren in ihren Bemerkungen der Lord und der junge Offizier.

Plötzlich wurde das Gespräch unterbrochen.

Die kurze Treppe zum Hinterdeck herauf kam die Fürstin, an ihrer Seite die Gestalt eines Mannes, dem zwei andere folgten.

Die schöne Wera nahm die Hand des Fremden und führte ihn zu der Gesellschaft, während seine beiden Begleiter an den Seiten der Treppe stehen blieben.

Jeder erkannte sofort an der riesigen Gestalt des einen dieser Begleiter den amerikanischen Jäger, in seinem Herrn also den bisher in ein so mystisches Dunkel sich hüllenden Fremden.

»Mylord, und Sie, meine Herren,« sagte die Fürstin nachlässig, – erlauben Sie mir, Sie mit diesem Herrn noch kurz vor unserem Scheiden näher bekannt zu machen. Monsieur de Labrosse ist leider durch sein schweres Augenleiden verhindert gewesen, an unseren langweiligen Tagen teil zu nehmen, aber er hat durch mich von Ihnen allen sehr viel gehört, und er hat mich gebeten, ihn wenigstens noch kurz vor Toresschluß, das heißt vor unserem Schiffswechsel, vorzustellen, damit er sich auch in den Personen stets dankbar der Rücksichten erinnere, die Sie seinem leidenden Zustand während der Überfahrt zu teil werden ließen.«

Die Franzosen hatten sich bei der Vorstellung des Fremden ziemlich langsam erhoben, der Engländer war sitzen geblieben.

Monsieur de Labrosse schien etwa 38 Jahre alt, konnte aber leicht auch für älter gehalten werden, da sein kurzgeschorenes Haar bereits ziemlich grau und sein Gesicht, soweit man es sehen konnte, von Leiden, Anstrengungen oder Leidenschaften tief gefurcht war. Ein grüner Schirm, wie er von Augenleidenden häufig getragen wird, verdeckte Stirn und Augen bis zur Hälfte des Gesichts, und überdies konnte man bemerken, daß er darunter noch eine Brille mit dunklen Gläsern trug. Seine Gestalt war klein und schmächtig, schien aber einer gewissen Zähigkeit und Muskelkraft nicht zu entbehren. Fuß und Hand waren auffallend klein. Er trug eine einfache, aber moderne französische Reisetoilette, und seine ganze Haltung machte den Eindruck eines Gentlemans.

»Meine Herren,« sagte der Fremde mit einer verbindlichen Verbeugung in elegantem Französisch, »Madame la Princesse ist so gütig gewesen, bereits die Entschuldigung für meine Zurückgezogenheit zu übernehmen. Ich gehe nach Frankreich, um in Paris Doktor Boliveau, den berühmtesten Augenarzt, zu konsultieren, da ich Erblindung fürchten muß. Glücklicherweise scheint der Einfluß der Seeluft und das Fernhalten jeder Anstrengung günstig auf meinen Zustand gewirkt zu haben, so daß ich dies benutzen durfte, um mich Ihnen vorzustellen, um wenigstens für den Rest unserer gemeinschaftlichen Reise das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu genießen.«

Die Höflichkeit des Fremden war so ausgesucht, so fern von jeder Aufdringlichkeit, und doch frei und ungezwungen, die Erklärung seiner bisherigen Zurückgezogenheit so natürlich, daß niemand sich dadurch verletzt fühlen konnte, und die bei seinem Erscheinen erst gezeigte Kälte sich bald in den freundlichsten Ton der Unterhaltung verwandelte. Man lud ihn ein, Platz zu nehmen, und fand es ganz natürlich, daß er einen solchen möglichst im Schatten wählte. Die Fürstin ließ den Tee bringen, bereitete ihn selbst und verstand es, ihren Schützling bald mit allen Anwesenden in ein lebhaftes Gespräch zu verwickeln; Monsieur de Labrosse wußte in der Tat, allen angeschlagenen Saiten ein besonderes Interesse durch seine geistreiche, den Mann von großer Erfahrung und reicher Weltkenntnis zeigende Unterhaltung zu verleihen. Er erzählte, daß er zwar kein geborener Europäer, daß sein Vater aber ein französischer Kaufmann auf einer der französischen Stationen im östlichen Asien gewesen sei, daß er große Reisen durch die indischen Staaten gemacht, auch Amerika besucht habe und durch die Cholera seiner ganzen Familie beraubt worden sei. Er sprach mit den jungen Männern von Sport und Jagd, mit Kapitän Ducasse von den französischen Handelsinteressen, erzählte Abenteuer und seltsame Szenen, zeigte sich selbst mit der europäischen Literatur wohl vertraut, kurz als einen angenehmen Gesellschafter und vielseitig gebildeten Mann. Selbst der Professor war durch die zahlreichen Köder, die seinen Steckenpferden hingeworfen wurden und die ihn häufig zu langen gelehrten Auseinandersetzungen veranlaßten, ganz von seinem Vorurteil zurückgekommen.

Nur Lord Walpole konnte ein gewisses Mißtrauen nicht überwinden und seine Teilnahme an dem Gespräch bewahrte eine kühle Zurückhaltung. Seltsamerweise bemerkte er, daß der Eindruck, den die Persönlichkeit des Fremden machte, auch bei einer andern Person ein ähnlicher sein mußte. Es war dies Tank-ki, die chinesische Dienerin und Begleiterin der jungen Dame, die ihr bei der Bereitung des Tees geholfen. Das Mädchen schien eine gewisse Scheu vor dem Fremden zu haben, zog sich in einen Winkel der Kajüte zurück und beobachtete von dort mit furchtsamen Blicken den Redner, bis ein Wort oder ein Wink ihrer Gebieterin sie zu einem Dienst an den Tisch rief. Auch dann machte sie stets einen Umweg, um den Fremden nicht zu berühren.

»Madame la Princesse,« bemerkte derselbe bei einer Gelegenheit, »hat mir gesagt, daß unsere kleine Reisegesellschaft sich an der afrikanischen Küste teilen wird, indem Sie, Mylord, mit diesem Herrn sich den Mühseligkeiten des Landwegs nach Kairo durch die Wüste unterziehen wollen zu wissenschaftlichen Entdeckungen?«

»Diese überlasse ich wohl eher meinem alten Freunde hier. Ich selbst will mich mit der Jagd begnügen.«

»Dann, Mylord, bitte ich um die Erlaubnis, Ihnen einen Dienst dabei zu erweisen.«

»Und der wäre?« lautete die kühle Gegenfrage.

»Ihnen einen meiner beiden Gefährten, denn Diener kann ich sie kaum nennen, für Ihren Jagdzug als Begleiter anzubieten.«

Der Engländer warf einen erstaunten Blick auf die Fürstin, die ihn mit einem halben Lächeln erwiderte, und dann auf ihren Gesellschafter, der so unerwartet seinem Wunsch entgegenkam.

»In der Tat, Sir, ich muß gestehen – es war dies ein Lieblingswunsch, da ich mich längst von den trefflichen Nimrodtalenten Ihrer beiden Begleiter überzeugt habe, nur hätte ich ihn nicht zu äußern gewagt, in der Besorgnis, Sie eines zuverlässigen Dieners zu berauben. Es sind beides so tüchtige Männer, daß wirklich die Wahl schwer wird.«

»Sie steht bei Ihnen! Ich bedinge mir nur, daß Euer Herrlichkeit meinen wackeren Amerikaner binnen hier und drei Monaten mir wieder in Paris überliefert, wenn nicht etwa …«

»Nun?«

»Wenn Mylord,« sagte der Fremde mit einem leichten Hohn, »bis dahin nicht etwa von einem dieser Löwen der nubischen Wüste zerrissen oder von einem Krokodil verschlungen worden sind. Man sagt – ich selbst habe nie Löwen gejagt – die Jagd auf diesen König der Tiere soll etwas gefährlicher Natur sein und bis jetzt waren es nur Franzosen – zum Beispiel Gérard – die sie mit Glück versucht haben. Um so mehr freut es mich, Eurer Herrlichkeit einen solchen Dienst leisten zu können, und es soll mich, der ich ein Bewunderer Ihrer tapfern Nation bin, sehr beglücken, Mylord mit einigen Löwenfellen in Paris wieder begrüßen zu können.«

Der Viscount fühlte den versteckten Hohn und begriff, daß der Fremde ihm einen seiner Gefährten vielleicht nur als Aufpasser oder zu irgend einem andern Zweck beigeben wolle, und er war im Begriff, die Höflichkeit lieber ganz abzulehnen, als ein ernster Blick der Russin ihn abhielt.

»Ich werde mich freuen,« sagte die Fürstin – »unsere werten Freunde bei ihrem gefährlichen Zug von einem zuverlässigen Manne begleitet zu sehen. Ich bitte Lord Walpole, seine Wahl zu treffen.«

»Sie sagten mir selbst, daß die treuen langjährigen Kameraden sich nicht trennen würden.«

»Da es nur für kurze Zeit gilt, haben sie eingewilligt.«

»Wenn das ist, bin ich zufriedengestellt, und da ich bereits Taylor meinen Antrag gemacht hatte, so muß ich diesem den Vorzug geben.«

»Ich billige Ihre Wahl,« sagte der Fremde, »Taylor hat die Kraft des grauen Bären seiner Heimat, die es wohl auch mit einem Löwen aufnehmen würde. Kommt hierher, Meister Ralph!«

Der Riese näherte sich.

»Du weißt bereits, daß ich dir Urlaub gegeben, drei Monate diesen Gentleman auf seinem Jagdzug zu begleiten.«

»Ja, Sir!«

»In Zeit von drei Monaten wird er dich wieder zu mir bringen und mich in Paris treffen.«

»So hoffe ich!«

»So betrachte dich denn von diesem Augenblick an in seinem Dienst!«

Der ehemalige Trapper nickte dem Lord halbvertraulich zu, der sich erhoben hatte und zu ihm trat.

»Von einer Dienstbarkeit ist keine Rede,« sagte er, »ich werde in Ihnen nur den wackern und treuen Jagdgefährten sehen, und als solchem reiche ich Ihnen die Rechte und verpflichte sie mit Wort und Handschlag.«

Der Jäger warf einen fragenden Blick auf seinen bisherigen Dienstherrn, und als dieser keinen Einwand erhob, legte er seine breite Rechte in die des Engländers. »Es gilt, Mylord, auf drei Monate.«

»Gut – so ist unser Vertrag geschlossen, und ich hoffe, Sie sollen mich nicht undankbar finden, wenn seine Zeit um ist. Sind Sie gut mit Waffen und Munition versehen?«

»Ich habe meine Büchse.«

»Und ich führe drei Gewehre bei mir. Munition wird sich hoffentlich in dem Hafen kaufen lassen, in dem wir landen, ebenso alles nötige Reisegerät und unsere Transportmittel.«

Es wurde nun abgemacht, daß das Gepäck des Lords und des Professors von der Gesellschaft nach Alexandrien mitgenommen und dort bis zur Ankunft der beiden Jäger auf dem französischen Generalkonsulat deponiert werden sollte. Nachdem dies geschehen, wurden die beiden Jäger wieder entlassen und die Unterhaltung nahm ihren früheren Fortgang. Kapitän Ducasse und Graf Boulbon, die eine gewisse Scham über das eigentlich ziemlich ungastliche Verfahren empfanden, bemühten sich, dem Lord jede Gefälligkeit zu seiner Ausrüstung anzubieten, doch zeigte sich dabei das englische indolente Phlegma, das durch Geld alles zu erlangen glaubt, und da der Viscount in Bombay einen starken Wechsel auf seinen Londoner Bankier gezogen, zweifelte er nicht, sich, ohne von diesen Anerbietungen seiner bisherigen Reisegefährten Gebrauch machen zu müssen, alles verschaffen zu können.

Die Nacht war so prächtig, daß die Gesellschaft, ehe sie sich zur Ruhe begab, noch einen Gang auf dem Deck machte. Der Lord unterhielt sich mit Kapitän Ducasse und dem Grafen über seinen bevorstehenden Wüstenzug, Professor Peterlein belästigte den ihm sehr geringen Bescheid gebenden Husarenoffizier mit einer Abhandlung über die Kopten, und die Fürstin stand mit dem Fremden an dem Leebord und schaute hinaus auf die phosphorisch leuchtenden Wellen.

»Was beabsichtigen Sie mit Lord Walpole?«

»Lieben Sie ihn denn?«

Die Sibirianka lachte. »Ich liebe niemanden als mich selbst – ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich in einer schlimmen Schule gewesen bin. Den geringen Dank, den er mir vielleicht schuldig war dafür, daß ich wahrscheinlich sein Leben in einem sibirischen Schneesturm gerettet, hat er mir dadurch abgezahlt, daß er mir möglich gemacht, den Fesseln jener Einöde zu entrinnen – wir sind quitt. Doch habe ich eben keine Lust, die ersten Anbeter, die ich in der Zivilisation gefunden, sich gleich die Hälse brechen zu sehen. Deshalb bat ich Sie, ihm einen Ihrer Diener auf seine abenteuerliche Fahrt mitzugeben.«

»Ist dies in der Tat die einzige Ursache?«

Wera wandte sich ab – sie fühlte ein leichtes Erröten. »Nun denn,« sagte sie – »ich wünsche ihn in Paris und London wieder zu treffen. Er wird mir dort nützlich sein.«

»Ich dachte mir ähnliches und darum habe ich Ihrem Wunsche, einen meiner Gefährten ihm zu überlassen, nachgegeben – unter einer Bedingung.«

»Sie haben mir diese noch nicht genannt.«

»Sie ist sehr einfach. Ich wünsche zu wissen, was Sie zuerst zu dem Verdacht veranlaßt hat, ich sei einer der von der englischen Rache verfolgten indischen Flüchtlinge?«

»Es ist gleichgültig!«

»Mir nicht! Ich bitte darum. Wenn wir als Bundesgenossen in Paris auftreten sollen, müssen Sie mir vertrauen.«

»Nun wohl – Tank-ki, meine chinesische Dienerin, muß Sie in Peking gesehen haben, oder hat Sie vielmehr an Ihren Dienern erkannt, denn sie sagte mir, daß Sie dort ein anderer Mann, ein vornehmer Krieger gewesen wären, den ihr Vater ihr als einen indischen Prinzen bezeichnet hätte.«

Der falsche Labrosse murmelte eine Verwünschung in fremder Sprache. »Sie sollen beide mit dem Engländer gehen, da ihre Begleitung mir schadet.«

»Sie wissen, daß Sie hier an Bord eines französischen Schiffes sind, also selbst wenn Lord Walpole Verdacht geschöpft hätte, Sie sicher wären. Da er uns verläßt, wird Ihr Geheimnis um so mehr bewahrt sein.«

»Es gibt nur einen sicheren Bewahrer von Geheimnissen.«

»Und der wäre?«

»Das Grab, Madame.«

Die Fürstin lachte verächtlich. »Bah – machen Sie mich nicht bange, ich habe Ihnen bereits gezeigt, daß ich starke Nerven habe. Wie hätte ich Sie sonst aufgesucht? Aber mein alter Lehrmeister hat mich die Empörer vorziehen gelehrt, seien es die gegen die politischen Regierungen oder die gegen die Schranken der Gesellschaft. Ich ziehe die trotzige, selbstvertrauende Auflehnung gegen alle zwängenden Gesetze dem feigen Sichfügen vor. Deshalb – als ich durch Tank-ki Ihr Geheimnis erfuhr, habe ich Sie aufgesucht. Sie haben gegen die Unterdrückung einer Nation gekämpft, – ich nehme den Kampf auf gegen die Unterdrückung und Beraubung, welche die Gesellschaft mir und allen Frauen antut – wir sind also beide Empörer; warten Sie, bis ich in dieser Gesellschaft festen Fuß gefaßt, und dann sollen Sie sehen, wie ich meinen Kampf zu führen weiß. Deshalb suchte ich den einzigen Charakter, der meiner würdig ist, auf diesem Schiff, deshalb machte ich Ihre Bekanntschaft, – gleichviel, ob Sie der Peischwa von Bithoor, oder ein anderes Haupt der indischen Empörung sind.«

Monsieur Labrosse fuhr unwillkürlich zurück. »Wie kommen Sie auf diesen Namen?«

»Ich hörte ihn von Lord Walpole, als er von der Geschichte des indischen Aufstandes erzählte. Ich muß gestehen, von da ab regte sich mein Interesse für Sie, und wenn Sie Nena Sahib selbst gewesen wären, den jede englische Lippe verflucht, und von dem der Lord furchtbare Taten erzählt. Ich wollte, ich hätte den Mann gekannt! Einen solchen unzähmbaren Charakter hätte ich lieben können!«

Der falsche Labrosse schwieg einige Augenblicke, dann sagte er kalt: »Der Nena hatte der Weiberliebe abgeschworen – in seiner Seele gab es nur Raum für einen Gedanken, den Haß gegen die Engländer!«

»Meinetwegen fröhnen Sie ihm. Vielleicht finden Sie schon an der Küste, der wir zusteuern, Gelegenheit dazu.«

Ein seltsam dämonisch funkelnder Blick aus den Augen des falschen Labrosse traf sie – wäre es nicht Nacht gewesen, die ihn verschleierte, sie wäre vielleicht, trotz ihres Mutes, davor zurückgeschaudert.

»Ich hoffe es!«

Ein Ruf von Kapitän Boulbon unterbrach dies Gespräch. »Sind das Sterne dort oder Meteore, Kapitän Ducasse?« fragte er.

»Ich habe die Erscheinung schon einige Zeit beobachtet, Herr Graf,« sagte dieser. »Monsieur Pierre, bringen Sie mein Nachtglas.«

Der Kadett sprang hinunter und kam gleich darauf mit dem scharfen Fernrohr zurück. Kapitän Ducasse lehnte es an die Wandung und sah scharf hinüber.

»Es sind Feuer! Feuer auf den Bergen!« sagte ruhig und mit Bestimmtheit eine Stimme vom Mitteldeck her.

»Es ist richtig – aber wer sprach da?«

»Ich, Monsieur.« Es war der zweite Gefährte des indischen Flüchtlings, der Trapper Adlerblick, der unter seinem Familiennamen Smith in die Schiffslisten eingetragen war.

»Und Sie vermögen dies mit dem bloßen Auge zu erkennen, was mir nur durch das scharfe Nachtglas möglich war?«

»Gott der Herr, Monsieur, hat mir ein sehr scharfes Auge gegeben. Meine Freunde in der Prärie pflegten mich deshalb …«

Der falsche Labrosse unterbrach die unvorsichtige Offenherzigkeit. »Es ist in der Tat so, Monsieur Smith ist berühmt wegen seines scharfen Gesichts. Es ist eine unschätzbare Gabe bei Krieg und Jagd, und deshalb, Mylord habe ich mich auch entschlossen, wenn ich bei unserer Landung einen geeigneten arabischen oder europäischen Diener finde, meine beiden Gefährten nicht voneinander zu trennen, und Smith zu gestatten, seinen Kameraden Taylor auf Ihrem Jagdzug zu begleiten.«

»Das wäre des Opfers zu viel, Sir, ich kann es nicht annehmen!«

»Wir sprechen weiter darüber, Mylord, und ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß es kein Opfer für mich ist, sondern ein Dienst, den ich meinen Begleitern erzeige. – Aber Kapitän Ducasse scheint unsern Lauf zu ändern.«

In der Tat hatte der Kapitän des »Veloce« seinem ersten Leutnant Order gegeben, den Dampfer beizulegen.

»Ich glaube, wir sind dem Lande bereits näher, als wir nach unserer Berechnung dachten. Wir müssen Massowa gegenüber sein, und ich weiß nicht, was ich aus jenen zahlreichen Feuern machen soll, die sich an dem Berghang in die Höhe ziehen, denn für das Licht bloßer Wohnungen scheinen sie zu groß. Es wird gut sein, den Tag abzuwarten, ehe wir uns in die Bucht wagen.«

Mit dieser Entscheidung mußte man sich begnügen, und die Gesellschaft trennte sich, um sich in ihre Kajüten zu begeben. Lord Walpole war der letzte, der sich zurückzog, er hatte mit Taylor noch eine kurze Unterredung gepflogen über die Ausrüstung zu ihrem abenteuerlichen Zug. Als er an die Kajütentreppe kam, begegnete er hier Leutnant Thérouvigne, der auf ihn gewartet zu haben schien.

»Ein Wort, Mylord, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Der Viscount verbeugte sich kurz und trat zurück auf das Deck. Der Husar folgte ihm.

»Eure Herrlichkeit verlassen morgen wahrscheinlich den Bord des »Veloce«, also das Gebiet der französischen Gastfreundschaft, und wir sind an deren Ehrengebote nicht weiter gebunden.«

»So viel ich weiß, mein Herr, habe ich nur die Gastfreundschaft Ihres Generals und die des Kapitän Ducasse genossen.«

»Eure Herrlichkeit belieben sehr fein zu unterscheiden. Indes wir wollen nicht darum streiten; die Tatsache selbst genügt. Mylord werden wissen, daß – nachdem Sie nicht mehr unter dem Schutz der französischen Höflichkeit stehen – wir eine kleine Rechnung zu ordnen haben.«

»Ich wüßte nicht, mein Herr!«

»Eure Herrlichkeit scheinen sich keines besonderen Gedächtnisses zu erfreuen und vergessen zu haben, daß es Ihnen schon vor Peking beliebte, mich zu beleidigen. Die Ehre eines französischen Offiziers ist sehr kitzlich. Ihr Benehmen, Mylord, während der Überfahrt und namentlich in Aden, zwingen mich, Rechenschaft zu fordern.«

»Wofür?«

»Wenn Sie es denn so wollen, für Ihre Insolenz, Mylord und Ihre Aufdringlichkeit gegen meine Cousine, die Fürstin Wolchonski.«

»Hat Madame la Princesse sich bei Ihnen beschwert und Sie dazu beauftragt?«

Der junge Offizier wurde etwas verlegen. »Sie suchen mir auszuweichen, Mylord, doch muß ich Ihnen sagen, daß dergleichen unter uns Franzosen nicht Sitte ist. Sobald wir das Schiff, das wir abzulösen bestimmt sind, getroffen haben, hoffe ich, unter seiner Bemannung eine geeignete Person zu treffen, die ich Ihnen als Kartellträger zuschicken kann.«

»Und warum nicht einen Herrn vom Bord des ›Veloce‹?«

Der junge Kampflustige errötete – er wußte recht gut, daß wahrscheinlich jeder am Bord ihm diesen Dienst bei einem so ganz unberechtigten Streit abschlagen würde.

»Genug der Worte. Wollen Sie mir Genugtuung geben oder nicht?«

»Ich duelliere mich niemals.«

»Wie, Mylord – ich hielt Sie für einen Mann von Ehre!«

»Dies hat mit meiner Ehre nichts zu tun, Herr. Jeder, der Frederik Walpole kennt, weiß, daß er die Gefahr nicht scheut. Ich und mein Vetter haben meinem verstorbenen Oheim einen Eid geleistet, niemals uns der törichten Sitte des Duells zu fügen.«

»Dann, mein Herr, werde ich Sie zwingen!«

»Hüten Sie sich, Monsieur – eine Beschimpfung würde Ihr augenblicklicher Tod sein. Vielleicht, daß unsere Nationen sich noch einmal im offenen Krieg gegenüber stehen. Dann suchen Sie im ehrlichen Kampf Frederik Walpole, und er wird nicht fehlen. Bis dahin …«

»Sie sind ein Feigling, Mylord, Sie verstecken sich hinter feiger Ausflucht!«

Der Engländer, der sich bereits zum Fortgehen gewendet, kehrte um, als wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Dann, mit Gewalt seine Aufregung unterdrückend, wandte er sich kalt gegen den Beleidiger.

»Monsieur de Thérouvigne,« sagte er – »wenn es Ihnen denn so sehr darum zu tun ist, unsern beiderseitigen Mut zu erproben – wohlan, so will ich mich herbeilassen, Ihnen einen Vorschlag zu machen!«

»Und der wäre?«

»Ich sollte meinen, daß Ihre diplomatische Mission nach Paris nicht so große Eile und Wichtigkeit haben dürfte, als daß Graf Boulbon nicht allein genügen sollte, sie auszuführen. Sie erlaubten sich, Ihren Gérard einem englischen Gentleman anzupreisen. Wohlan denn, begleiten Sie mich auf meinem Jagdzug in die Wüste, und lassen Sie uns sehen, wer den ersten Löwen besiegt, um sein Fell in Paris zu den Füßen Ihrer schönen Verwandten zu legen.«

Der Vorschlag war so eigen und unerwartet, daß der Franzose stutzte. – Es schien eine seltsame Ideenverwandtschaft, eine geheimnisvolle Sympathie zwischen den beiden Erben des Viscount von Heresford zu bestehen, daß – durch Länder und Meere getrennt – sie beide einen fast gleichen Vorschlag ihren Gegnern machten. Dort den Bären der Pyrenäen, hier den Löwen der afrikanischen Wüste! Nur daß dort der leichtfertige Wüstling den furchtbaren Kampf zum Mittel für seine frivolen Zwecke machte, während hier der ernste Mann in ihm den Weg sah, unverdiente Beschimpfung von sich abzuwehren.

»Mein Herr – Sie vergessen, daß ich im Dienst und nicht Herr meiner Zeit und meiner Person bin!«

»Und doch waren Sie noch eben bereit, diese Person zu einem Duell zu exponieren. – Monsieur de Thérouvigne, vor einigen Augenblicken hatten Sie die Unverschämtheit, mir Feigheit vorzuwerfen! Wer von uns ist es jetzt, der zögert – der feig ist, wo es einer anderen Gefahr gilt, als in die Mündung einer Duellpistole zu sehen?«

»Höll und Teufel! Das sollen Sie mir büßen!«

Der Lord machte eine ruhige, kalte Handbewegung, die einer niedern Äußerung des Zorns von seiten des Franzosen Halt gebot – dann wandte er sich ruhig um und ging die Treppe hinab zu dem Salon, an dessen Seiten die Kajüten der Offiziere und Reisenden sich befanden.

Der junge Offizier war außer sich vor Wut und Beschämung. Er schlug sich wild mit der Faust vor die Stirn. »Der Unverschämte! Aber er soll mir dennoch nicht entrinnen, ich werde ihn zwingen, sich mit mir zu schlagen!«

Eine Hand legte sich leicht auf den Arm des Erbitterten und hielt ihn zurück, als er jenem folgen wollte.

»Monsieur de Thérouvigne wünscht mit dem Engländer zu kämpfen?« fragte die Stimme des verkleideten Indiers.

Der Leutnant kehrte seinen Zorn gegen den Fremden. »Sie haben sich unterstanden, zu lauschen, mein Herr?«

»Monsieur de Thérouvigne hat laut genug gesprochen, um gehört zu werden, auch ohne daß man horchte. Ich bitte Sie, meine Frage zu beantworten, es ist vielleicht in Ihrem Interesse. Sie wünschen, den Engländer zu einem persönlichen Kampf zu zwingen?«

»Da Sie es doch in Dreiteufelsnamen gehört haben, ja!«

»Gleichviel unter welchen Bedingungen?«

»Gleichviel!«

»So verspreche ich Ihnen, Sie sollen zum Kampf mit ihm kommen. Sie sind Soldat, er nicht, ich zweifle also nicht an Ihrem Sieg. Doch, wenn Sie ihn vor dem Lauf Ihrer Pistole, unter der Klinge Ihres Säbels haben, dann – keine törichte Schonung!«

»So hassen Sie ihn?«

»Ihn und alle seiner Nation! Ich habe tausend und tausend Leben an ihnen zu rächen!«

»Ich weiß nicht, welcher Mittel Sie sich bedienen wollen, diesen hochmütigen Engländer zu zwingen, sich mir zu stellen. Aber in welcher Zeit?«

»Das hängt von den Umständen ab. Genug, ich habe es Ihnen gesagt, und ich bin gewohnt, mein Wort zu halten. Nur hüten Sie sich, daß die Fürstin, Ihre Verwandte, keine Ahnung von unserem Vorhaben gewinnt. Denn – obschon sie es nicht wissen will – sie nimmt Teil an ihm und würde ihn schützen!«

Der Wink genügte, um die Erbitterung des jungen Mannes gegen seinen Rivalen noch zu erhöhen. So trennten sich die neuen Verbündeten. – – – – – –


Die in den Tropen, namentlich unter dem indischen Himmel, so eigentümliche Erscheinung der falschen Dämmerung, jenes Vorlichts, das der wirklichen Tagesdämmerung voraus geht, war vorüber und der glänzende Feuerball der Sonne bereits über den Horizont getreten, als ein Kanonenschuß des »Veloce« die Schläfer in ihren Kojen weckte. Gleich darauf hörte man in einiger Entfernung einen andern Schuß das Signal erwidern und die Begrüßung sich zweimal noch wiederholen.

Es waren die Signale, welche der französische Kriegsdampfer mit einem kleineren Schiff wechselte, das in der Bai vor Anker lag und das gleichfalls von seiner Gaffel die französische Flagge wehen ließ.

Als die Reisenden auf das Verdeck kamen, lag das eigentümliche Bild der Bai von Adulis vor ihren Augen.

Unterm 15. Grad nördlicher Breite, mit einem durch die gegenüberliegende Insel Dhalak gegen die heißen Winde von der arabischen Küste her geschützten Eingang streckt sich nach Süden hinein in die abessynischen Vorberge die Bai Adulis, die in diesem Augenblick von der französischen Politik zum Gegenstand eines Ankaufs gewählt worden, um Aden gegenüber Posten zu fassen und auf der Straße nach Indien französische Stationen zu gewinnen.

Die Jesuiten hatten dabei in Neid und Groll gegen die englischen Missionare, die ihnen in den letzten Jahrzehnten allen Einfluß und Besitz in Abessynien mit Glück streitig gemacht und entrissen hatten, die Vermittler gespielt. Man erfuhr erst durch den Ausgang der Verhandlungen, daß das römische Kollegium eines seiner tätigsten und energischsten Mitglieder, vom europäischen Wirkungsplatz entfernen wollte, zu diesem Zweck nach Indien und der afrikanischen Westküste geschickt hatte.

Am Eingang der Bai liegt die Stadt Arkiko mit einem kleinen tiefen Hafen, tiefer hinein am Ufer des Haddas Zullah, die Hauptstadt von Tigre, über das der Negus von Abessynien die Oberherrschaft beansprucht. Diese Ansprüche haben seit Jahrhunderten zu steten Kriegen und Parteikämpfen geführt, welche der gebirgige Charakter des Landes begünstigt.

Schon die nahen Umgebungen steigen terrassenförmig empor, bis sie im Süden sich zu jenen Hochebenen und Spitzen gipfeln, welche selbst die Höhe der Alpen übersteigen.

Aus dem weißleuchtenden Ufer erhoben sich grüne Terrassen, auf denen zwischen dem Laub des wilden Kaffeebaumes die weißen arabischen Häuservierecke hervorsahen. Auf einer der höchsten Stellen stand ein Gebäude, das mit dem Kreuz geschmückt, sich als eine der uralten, zum Teil in die Felsen gehauenen christlichen Kirchen kundgab, während an mehreren Stellen der unteren Stadt schlanke Minaretts bewiesen, daß der Islam hier längst wieder die Oberhand gewonnen.

Zahlreiche Prauen und arabische Küstenfahrzeuge erfüllten den Hafen, das einzige europäisch getakelte Schiff war eine Brigg von jenem zierlichen, leichten Bau, den die Franzosen so wohl verstehen, ihren Fahrzeugen zu geben. Sie ankerte auf halbe Kanonenschußweite vom Ufer, und sie war es, die der »Veloce« bei seiner Auffahrt begrüßt hatte.

Am Ufer schien ein großer Tumult und große Verwirrung zu herrschen. Scharen schwarzer Männer rannten umher und schwangen ihre Speere und Waffen, während andere die hochbepackten Dromedare und Lasttiere am Ufer entlang nach Norden trieben, als flüchteten sie ihre Habe vor einer unbekannten Gefahr.

Von den Höhen über dem Ort schien diese zu drohen. Dort sandten zahlreiche Feuer ihren Rauch in den Morgenhimmel und man erkannte durch das Fernrohr leicht, daß dies die Stellen sein mußten, an denen man in der Nacht den Feuerschein bemerkt hatte. Zelte und Hütten waren dort aufgeschlagen und Kriegerhaufen schienen dort gelagert und von oben her die Stadt zu bedrohen, die nur durch einen schwachen Lehmwall verteidigt war.

Das Ganze bot ein so eigentümlich belebtes Bild, daß es das Interesse der Reisegesellschaft vollständig in Anspruch nahm und diese es kaum bemerkte, wie schon mit dem letzten Kanonenschuß ein Boot vom Bord der französischen Brigantine niedergelassen worden war und jetzt dem Dampfer mit eiligen Ruderschlägen sich näherte.

In dem Boot erkannte man, als es weiter heran kam, einen Mann in der gewöhnlichen Interimsuniform der französischen Marine und zwei Männer, deren dunkle Soutane über ihren geistlichen Charakter keinen Zweifel ließ.

Kapitän Ducasse empfing die Fremden am Aufgang des Fallreeps. Der Marine-Offizier war ein schon bejahrter Mann, ebenso der eine der beiden Geistlichen, dessen scharf geschnittenes Gesicht, geschlossener Mund und finstere Züge einen harten despotischen Charakter verkündeten, während der zweite ein jüngerer Mann mit intelligentem Gesichtsausdruck zu sein schien.

Die Gäste des Dampfers hatten sich rücksichtsvoll außer Hörweite zurückgezogen, während die beiden militärischen Abgesandten in der unmittelbaren Nähe des Kapitäns ihren Platz behaupteten.

Der fremde Kapitän salutierte. »Wen habe ich die Ehre zu begrüßen?«

»Kapitän Ducasse von Seiner Majestät Kriegsdampfer ›Veloce‹.«

»Ich sehe, daß Monsieur im Range über mir stehen. Mein Name ist Lacombe, ich kommandiere die Brigg ›Imperatrice‹ von der Handelsmarine und bin in Regierungsmission in diesen Gewässern.«

»Ich bin davon benachrichtigt und habe den Auftrag, von Ihnen Depeschen in Empfang zu nehmen. Wer sind diese Herren? Vielleicht der Konsul de Laya, an den ich gewiesen bin?«

»Konsul de Laya befindet sich augenblicklich in der Stadt. Dieser Herr ist Monsignore Corpasini, auf einer Rundreise durch die asiatischen Missionsstationen begriffen, und – wie ich hinzufügen darf – ein Prälat von hohen Verdiensten, der uns durch seinen Rat bereits bedeutend für die Erfüllung unserer Mission genützt hat.«

Der Superior, von dem wir in einem anderen Lande und bei einer andern Gelegenheit Abschied nahmen, machte das Zeichen des Kreuzes, das die Häupter der Umstehenden beugte. »Empfangen Sie meinen Gruß, meine geliebten Söhne in diesem fernen Lande. Der Segen der heiligen Kirche bewahrt seine Kraft an allen Polen der Erde. – Gott hat uns in diesem Lande eine schwere Aufgabe gestellt, den unterdrückten, verlorenen katholischen Glauben wieder herzustellen und ihm Schutz zu gewähren, aber mit Hilfe der Heiligen und dem Beistand Ihrer frommen Kaiserin werden wir sie lösen.«

»Erlauben Sie mir zunächst zu fragen,« sagte Kapitän Ducasse, ohne auf die Anrede des Geistlichen zu antworten, »was es im Hafen gibt? Diese Menschenhaufen in der Stadt und auf den Bergen scheinen sich in feindlicher Stimmung gegeneinander zu befinden und überhaupt große Aufregung zu herrschen?«

»Jene Negermasse dort auf den Bergen,« berichtete der Kapitän der Brigg, »ist das Heer des Königs Theodor, mit dem er seit drei Tagen Tigre verwüstet. Sie werden vielleicht wissen, daß unsere Regierung mit dem Negus von Tigre in Unterhandlung stand wegen des Ankaufs dieser Bai, die zu seinem Lande gehört.«

»Die Depeschen, die ich in Aden erhalten und die mich hierher wiesen, teilen dies mit.«

»Der Abschluß war bereits nahe, als dem englischen Agenten Munzinger wahrscheinlich von Kairo aus Nachricht davon zugegangen sein muß, denn er hat durch Eilboten den Negus von Abessynien, der die Oberhoheit auch über Tigre beansprucht und unter englischem Einfluß steht, davon in Kenntnis gesetzt, und König Theodor ist von Magdala, seiner Residenz, in das Niederland herabgestiegen um den Verkauf zu hindern. Er bedroht in diesem Augenblick Arkiko, und Monsieur Munzinger befindet sich bei ihm.«

»Dann kommen wir ja mit unseren Kanonen zur rechten Zeit,« bemerkte Kapitän Ducasse. »Aber lassen Sie uns nach meiner Kajüte gehen, wo wir unsere Orders austauschen können.«

»Sie haben eine Dame an Bord, Monsieur? Wer ist sie?« fragte der Superior.

»Eine russische Fürstin oder dergleichen,« erwiderte der Kapitän, »etwas abenteuerlich, sie kam im Peyho zu uns mit ihren Begleitern, einem englischen Lord und einem deutschen Professor. Wenn das da oben König Theodor ist, wird Lord Walpole gut tun, sich ihm anzuschließen.«

Sie traten in die Kajüte des Kapitäns, der den ersten Leutnant beauftragte, eine Schildwache vor die Tür zu stellen, um bei ihrer Unterredung nicht gestört zu werden.

Die Nachricht hatte sich rasch an Bord verbreitet, daß der Negus von Abessynien vor der Stadt lagere, um sie anzugreifen und zu plündern. Schon nach wenigen Augenblicken der Beratung kam der Befehl aus der Kajüte, ein bewaffnetes Boot ans Ufer zu schicken, um den französischen Konsul de Lava an Bord zu holen. Zugleich erhielt der erste Leutnant Order, den »Veloce« näher ans Ufer zu legen und kampfbereit zu machen. Die Geschütze wurden losgemacht und in die Stückpforten geschoben und alles nahm an Bord ein kriegerisches Aussehen an.

Lord Walpole und seine Gesellschaft waren natürlich nicht wenig überrascht von diesen Vorbereitungen. Die Nachricht, daß der Vertraute Sâid Paschas, des Vizekönigs von Ägypten, und geheime englische Agent, der später so bekannt gewordene Munzinger, sich in der Nähe und in dem Lager des Negus Theodor befinde, von dem er aus den Zeitungen wußte, daß er die Engländer unterstütze, ließ ihn beschließen, bei erster Gelegenheit mit Munzinger in Verkehr zu treten; einstweilen konnte nichts geschehen, als die Vorbereitungen zur Landung zu treffen. Diese Gelegenheit fand sich bald. Denn während das Boot des »Veloce« mit dem französischen Konsul an Bord zurückkehrte und bereits eine Menge kleiner arabischer Fahrzeuge um das Schiff sich sammelten, um trotz des drohenden Überfalls der eben nicht zum besten berüchtigten Soldaten des Negus allerlei Früchte und andere Erzeugnisse des Landes der Mannschaft zum Kauf anzubieten, sah man von einer kleinen Bucht außerhalb der Stadt her ein mit sechs schwarzen Ruderern bemanntes Boot auf der andern Seite dem »Veloce« sich nähern.

In demselben befanden sich zwei Männer, der eine ein phantastisch mit einer roten Uniform, Federhut und Schleppsäbel ausgeputzter Mohr und ein Mann in europäischer bürgerlicher Kleidung, der aber das Ansehen eines englischen Geistlichen hatte und in dem finstern, fast fanatischen Ernst seiner Mienen und seiner Haltung dem Jesuiten-Superior ähnelte. Es war der schottische Missionar Mac-Cameron, und er kündigte sich an Bord als den Dolmetscher seines Begleiters an, in dem der Negus von Abessynien einen seiner vertrauten Offiziere mit Botschaft an den Kommandeur des Kriegsschiffes sandte.

Kapitän Ducasse ließ die Mannschaft unters Gewehr treten, die Matrosen zu ihren Geschützen, und legte seine stattlichste Uniform an, ehe er den Boten gestattete, an Bord zu kommen. Hier empfing er sie unter dem Sonnenzelt, umgeben von seinen Offizieren und den Passagieren, welche der »Veloce« zur Heimat beförderte.

Diesmal befand sich selbst Monsieur Labrosse unter den Anwesenden.

Die beiden Abgesandten des Negus kamen an Bord. Ein Offizier führte sie nach dem Hinterdeck.

Der englische Missionar unterdrückte nur mit Mühe eine Bewegung des fanatischen Grolls, als er die beiden Priester der ihm feindlichen Kirche in der Umgebung des französischen Kapitäns erblickte. Die Missionare beider Bekenntnisse stehen einander im Auslande noch immer weit schroffer gegenüber, als selbst in der Heimat.

»Seien Sie begrüßt im Namen Gottes,« sagte der Missionar. »Darf ich fragen, an wen wir uns mit einer Botschaft des christlichen Königs Theodor von Abessynien zu wenden haben?«

»Ich bin der Kapitän Ducasse und kommandiere dieses Schiff Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen, muß Ihnen also als gesetzmäßiger Vertreter der französischen Kriegsmacht gelten, wenn Sie mit dieser zu tun haben. Wollen Sie mir sagen, wer Sie sind?«

»Ich bin nur ein geringer Diener des Herrn und Geistlicher der anglikanischen Kirche. Mein Name ist Cameron, und nur mein langjähriger Aufenthalt in diesem Lande befähigt mich zu dieser Funktion, die mir in diesem Augenblick übertragen worden ist. Es ist die eines Dolmetschers und Ratgebers bei der Person des hier gegenwärtigen Kronoffiziers Murad-Galla el Maresch, ersten Adjutanten des Negus Negassi von Abessynien. – Doch, Monsieur, Sie hören an meinem mangelhaften Französisch, daß es mir schwer wird, in dieser Sprache zu reden. Sollte nicht einer der anwesenden Herren genug englisch verstehen, um ihm unsere Aufträge zu sagen, wenn Sie, Herr Kapitän, es nicht selbst sprechen?«

Lord Walpole trat sogleich vor. »Ich erbiete mich mit Vergnügen zu der Übertragung, wenn Kapitän Ducasse mir das Vertrauen schenkt.«

Der Franzose verbeugte sich höflich.

Der Mohr hielt hierauf eine Anrede in amharascher Sprache, die fast allein in dem höheren Abessynien gesprochen wird. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren und von stolzem, kriegerischen Aussehen, das selbst durch seinen lächerlichen Aufputz nur wenig geschmälert werden konnte. Die Nubier und Abessynier gehören zu den schönsten Exemplaren der schwarzen Völker, ihr Wuchs ist gewöhnlich hoch und schlank, ihre Gesichtsform erinnert stark an die semitische Rasse und bestätigt die Sage von ihrem Ursprung. Eine tiefe Narbe quer über Stirn und Wange entstellte dies Antlitz. Die gegerbte Löwenhaut, die er über der roten Kommißuniform von seiner Schulter hängend trug, bezeichnete ihn zugleich als einen kühnen und glücklichen Jäger und hatte den Lord veranlaßt, sich zu dem Dolmetscherdienst anzubieten.

Die Rede des Kriegers war ziemlich lang, schmolz aber unter den beiden Verdolmetschungen sehr zusammen und hatte etwa den Inhalt, daß der Negus Negassi, das heißt der König der Könige, seine Freundschaftsversicherungen sende und frage, was die fremden Schiffe an seiner Küste wollten, während er eben beschäftigt sei, einen rebellischen Untertan zu züchtigen, der sein Land verkaufen wolle.

Der englische Missionar schien absichtlich die Rede des Gesandten derart zugespitzt zu haben, daß sogleich damit der fragliche Punkt berührt wurde, obschon er sich dabei hüten, mußte, zu frei zu übersetzen, weil der anwesende Jesuitenpater wahrscheinlich gleichfalls genug von der amharaschen Sprache verstehen mochte, worauf das Flüstern der beiden Geistlichen deutete.

Der Schiffskapitän wandte sich an den Konsul. »Ich weiß in der Tat zu wenig von Ihren diplomatischen Verhandlungen, um die Anfrage genügend zu beantworten.«

»Der König Kassa von Tigre,« sagte der Konsul, »ist ein selbständiger Fürst und hat den Traktat mit der Krone Frankreichs über die Abtretung der Bai von Adulis bereits unterzeichnet.«

»Der König Kassa ist tributpflichtig, wie der Prinz Gobesieh,« warf der Missionar hastig ein.

»Euer Hochwürden scheinen doch genügend französisch zu verstehen,« bemerkte der Konsul trocken, »um einen zweiten Dolmetscher überflüssig zu machen.«

Der englische Priester errötete bei dem spöttischen Lächeln seiner Kollegen. »Ich muß doch darum bitten. Ich verstehe Ihre Sprache wohl, doch nicht so, um sie fertig sprechen zu können. Ich bitte daher diesen Herrn, im Namen meines tapfern Begleiters erklären zu wollen, daß König Theodor keinen Vertrag anerkennen könne, zu dem er nicht seine Zustimmung gegeben habe, und daß in diesem Augenblick Prinz Kassa bereits seines Gouvernements in der Provinz Tigre wegen Verräterei und Ungehorsam entsetzt worden ist. König Theodor ist der Negus Negassi, alle Fürsten Abessyniens sind seine Vasallen. Überdies konnte Prinz Kassa diese Küste nicht verkaufen, weil nur die Untertanen Ihrer Majestät der Königin Victoria nach altem Vertrag das Recht haben, hier Grund und Boden zu erwerben und Kirchen zu erbauen.«

»Nicht der abtrünnigen anglikanischen Kirche,« unterbrach ihn der Superior hochmütig, »sondern Rom war es beschieden, dies alte Land der Christenheit dem Kreuze wieder zu gewinnen! Oder sollten Sie nicht wissen, daß schon im sechzehnten Jahrhundert Portugal und seine Geistlichen diesem Volke die Segnungen des wahren Glaubens brachten und die uralte Kirche unter dem Stuhl Petri zurückführten …«

»Bis im Jahre 1682,« unterbrach ihn giftig der Missionar, »der König Socinius die Jesuiten vertrieb und die papistischen Irrtümer abschwor.«

Das Wortgefecht der Geistlichen wäre wahrscheinlich zu einem giftigen Pfaffenstreit ausgeartet, wenn nicht der verständigere Geist des Kapitäns und des Konsuls ihm Einhalt getan hätte.

»Gemach, meine Herren – die alten Religionsstreitigkeiten kümmern uns wenig. Die einzige Frage ist, ob der Negus Theodor das Recht hat, den Vertrag zu annullieren.«

Der Mohr hatte während der Zeit mit dem Phlegma der Orientalen, wenn ihr heißes Blut nicht besonders erregt ist, den Kreis der Versammelten überschaut. Plötzlich blieb sein schwarzes Auge auf einem Gegenstand gefesselt und ein hohes Erstaunen schien sich seiner zu bemächtigen.

Der Abessynier erhob seine linke Hand und machte damit ein eigentümliches Zeichen über Stirn und Kinn.

Das Zeichen schien nicht erwidert zu werden, und dennoch neigte der Mohr dreimal das Haupt wie zum Zeichen des Gehorsams, und seine Augen verließen dabei das Gesicht des flüchtigen Indiers nicht.

Die Verhandlungen mit dem Wortführer der Botschaft des König Theodor hatten zu sehr die Aufmerksamkeit aller Mitglieder der Versammlung in Anspruch genommen, als daß eines derselben der einzelnen Szene hätte Beachtung schenken sollen.

Der Indier hielt seine Linke an das Kinn gestützt, – an dem Mittelfinger derselben glänzte ein Ring von massiver, eherner Arbeit mit einen in grünem Licht funkelnden Stein.

Plötzlich wandte sich der falsche Labrosse zur Seite; er nahm aus der Tasche eine kleine Schreibtafel, schrieb einige Worte auf ein Blatt, das er herausriß, und ließ es durch die Fürstin dem Kapitän Ducasse übergeben.

Der alte Seemann las es und warf einen scharfen Blick im Kreise umher, bis er den Augen des Schreibers begegnete. Dieser nickte.

»Es ist schade,« sagte der Kapitän, »daß wir nicht mit dem Herrn Abgesandten direkt verkehren können. Vielleicht versteht er noch eine andere Sprache außer der seinen.«

»Ist es mir erlaubt, ihn zu fragen?«

»Mit Vergnügen, Monsieur Labrosse.«

Dieser wandte sich an den Abessynier und sprach einige Worte in arabischer Sprache.

Sogleich antwortete der Mohr in derselben.

»Er spricht arabisch so gut wie ich, Monsieur le Capitaine, und da ich fürchte, daß keiner der anwesenden Herren diese Sprache redet, die ich auf früheren Reisen erlernt, so werden Sie schon so gut sein müssen, mir Ihre Instruktionen zu geben, da die Verdolmetschung wohl zu weitläufig sein würde.«

Die Anwesenden mußten erklären, daß keiner von ihnen arabisch verstände, der englische Missionar offenbar zu seinem großen Verdruß, denn er sah damit seinen Einfluß auf die Verhandlungen beseitigt und kannte aus langer Erfahrung genugsam die Treulosigkeit des Volkes, unter dem er lebte, um nicht fürchten zu müssen, daß die Botschaft einen ganz andern Ausgang nehmen könnte, als er beabsichtigte.

Nur der kleine Professor meinte, daß er zwar leider nicht amharisch, wohl aber arabisch verstände und bewies dies sogleich, indem er mit einigem Räuspern und Stottern eine Anrede an den Äthiopier hielt.

Aber dieser lachte ihm ins Gesicht und schüttelte den Kopf, worauf der Professor nicht ohne Verlegenheit erklärte, daß die arabischen Volksdialekte wahrscheinlich von der reinen Schriftsprache des Modsochhabât oder Moallakât abstächen, wie sie die Dichter Nabegha, Ascha und Schomfara geschrieben und wie er als Gelehrter sie allein verstehen könne, daß er die Unterhaltung und Verdolmetschung also lieber ausgeben wolle.

Nachdem Professor Peterlein sich mit dieser Erklärung mit möglichster Ehrenrettung zurückgezogen, nahm der falsche Labrosse, der mit orientalischer Gelassenheit den Ausgang des Intermezzo abgewartet hatte, das Gespräch mit dem Mohren wieder auf. Nur wollte es im Lauf desselben dem aufmerksamen Professor bedünken, als hätten beide das Idiom gewechselt.

»Du bist ein Krieger des Negus Theodor?«

»Einer seiner ersten. Mein Bruder sieht die Haut des Löwen auf meiner Schulter, und dieses Zeichen, das mir der Negus Negassi gegeben auf meiner Brust.« Der Mohr legte die Hand aus ein in Silberfiligran und Steinen blitzendes Ordenskreuz, von denen in späteren Jahren der unglückliche Abessynenfürst seinen Günstlingen und den Europäern so viele gab.

»Du trägst an deinem Halse das blaue Band, Das Zeichen der christlichen Abessynier zur Unterscheidung von den Mohamedanern. du bist ein Christ?«

»Hindert das Zeichen der Mariam El-Maresch, der Sohn seiner Väter zu sein und den Geboten des Dai Hassan-ben-Sabbah-el-Homairi zu gehorchen? – Du selbst trägst die Kleidung der Christen und hast El-Maresch noch nicht gesagt, welches Anrecht du hast auf das Zeichen, das Gehorsam fordert.«

Der Indier streckte, wie im Gespräch vor den andern die linke Hand gegen ihn aus, an welcher der Ring mit dem grünen Stein funkelte.

»Du weißt, daß tausend und abertausend Jahre vorher, ehe dein Prophet erstand, die heilige Lehre Schiwas, des Verderbers, an den Ufern des Ganges bestand und was den Hindu mit dem Sohn Ismaels und des Priesters Johann Jene halb historische, halb mythische, nie recht erforschte Person aus der Zeit der Kreuzzüge. verbindet.«

»Ich weiß es. Murad-Galla-el-Maresch ist ein Sohn des Priesters Johann. Er ist bereit, dem Bruder vom Ufer des Ganges beizustehen. Fordere und du wirst sehen.«

»Die Zeit wird kommen. Sind die Mitglieder des Bundes der Assassinen zahlreich in deinem Lande?«

»Ihre Macht ist groß, aber sie bedürfen des Geheimnisses. Ich gebiete über zehnmal zehn.«

»Und dein Einfluß bei dem Negus?«

»Er ist groß. Der Negus tut, was El-Maresch ihm rät!«

»Dann sage mir, warum er das falsche Volk der Faringi in sein Land aufgenommen hat und sie schützt. Die Weißen sind unsere geborenen Feinde, aber die Faringi die schlimmsten.«

»Der Negus ist ehrgeizig. Er will das Reich des Priester Johannes wieder herstellen und die Ras Die Stadthalter oder Vizekönige der einzelnen Provinzen, deren wichtigste das Königreich Tigre, Gondar oder Amhara und das Königreich Schoa oder Efat sind. besiegen, die sich gegen seine Herrschaft empört haben. Die Faringi haben ihm Kanonen und Flinten versprochen, und die Frangi Die Portugiesen. sind arm.«

»Mein Bruder irrt sich. Diese Nation sind nicht die armen Portugiesen, die in Indien kaum so viel Land haben, um ihren Mantel darüber zu breiten. Der Herrscher von Frangistan ist ein mächtiger Fürst und reicher als die Faringi, deren Feind er ist. Warum will der Negus mit den Freunden des großen Königs Krieg anfangen? Man hat mir gesagt, daß dieses Land an der Küste weder dem Negus Theodor, noch dem Ras von Tigre gehöre, sondern dem Naïb von Arkiko und dem Bluttrinker Der Sultan. in Stambul.«

Der Mohr schwieg.

In der Tat gehört die Samhara, der Küstenstrich, welcher das abessynische Hochland von dem Meere trennt, nicht zu dem jetzigen Abessynien, obschon es häufig von dem Negus und seinen Ras' beansprucht und besetzt wird. Es ist von den nomadischen Stämmen der Danakil oder Adail bewohnt, die sich zum Islam bekennen und deren nördliche Stämme mit der Hauptstadt Arkiko von einem Naïb beherrscht werden, der die Oberhoheit der Pforte anerkennt, während der Khedive die gegenüberliegende, die Bai von Adulis schützende Insel Massauah beansprucht. Diese Verhältnisse geben zu fortwährenden Streitigkeiten, Kriegen und Überfällen Veranlassung.

Da zu jener Zeit der französische Einfluß am Hofe von Kairo stark überwiegend war, hatte die Regierung in Paris die Gelegenheit benutzt, mit der geheimen Zustimmung des Khedive die Bai von den Stämmen zu erkaufen und zugleich den König oder Ras von Tigre, als den nächsten und gefährlichsten Nachbar, durch Geschenke bewogen, seine Zustimmung zu dem Kauf zu geben. Die Nachricht davon rief den König Theodor herbei, der teils auf Anstiften der englischen Missionare, teils aus Neid und eigener Habsucht den Verkauf und die Niederlassung der Franzosen zu hindern suchte.

Der Indier nahm die Verhandlung wieder auf.

»Will mein Bruder helfen, den Negus von den falschen Faringi abzuziehen und zu einem Freunde der Tapferen aus Frangistan zu machen? Es soll sein und des Königs Schade nicht sein. Der Sultan von Frangistan hat noch größere Kanonen und weittragendere Flinten, als die Engländer. Es wird ihm eine Freude sein, das tapfere Heer des Negus Habesch zu bewaffnen. Er würde sein Bundesgenosse sein gegen die wilden Gallas und die Faringi.«

»Sprichst du die Wahrheit?«

»Gewiß. Mein Bruder soll sehen!«

Er wandte sich zu dem Kapitän und dem Konsul und bat beide, ihm in die Kajüte zu folgen, um ihnen hier das Resultat seiner Unterredung mitzuteilen. Auch der Superior wurde dazu berufen und kurze Zeit darauf der Abgesandte eingeladen, ihnen ohne seinen Dolmetscher zu folgen.

Der englische Missionar konnte seinen Verdruß über diese Wendung der Verhandlungen kaum verbeißen, und dieser steigerte sich noch höher, als der abessynische Abgesandte zurückkam, mit allen Ehren von den Franzosen begleitet und mit sehr zufriedenem Gesicht, was darauf schließen ließ, daß auch sein persönliches Interesse bei den Verhandlungen wohl bedacht worden war.

Es verbreitete sich jetzt die Nachricht, daß verabredet worden, die französischen Offiziere sollten am Nachmittag eine Zusammenkunft mit dem Negus selbst am Strande haben. Damit sollte auch eine Landung der ganzen Gesellschaft verbunden sein, denn da der »Veloce« hier die allgemeine Order vorgefunden, daß das erste eintreffende französische Kriegsschiff in der Bai zu bleiben habe zum Schutz des Ankaufs und der neu anzulegenden Kolonie, und die Brigg der Ausbesserung eines Schadens bedurfte, ehe sie an Stelle des Dampfers nach Suez gehen konnte, so war ein Aufenthalt von mehreren Tagen notwendig, die man nach der langen Seefahrt offenbar angenehmer auf dem Festland als an Bord verbringen konnte.

Lord Walpole hatte die Gelegenheit benutzt, dem Missionar seine Wünsche mitzuteilen und das Versprechen erhalten, den Konsul Munzinger dafür zu interessieren. Es war ihm unangenehm, den Ausgang der Verhandlungen abzuwarten, und er hatte beschlossen, schon in den nächsten Tagen seinen Zug durch die Wüste anzutreten. Sein Plan ging dahin, zunächst Kartum am Zusammenfluß des weißen und blauen Nil zu erreichen und auf einer Dahabieh entweder den Fluß hinunter zu gehen, oder von Mokrat ab eine der Karawanenstraßen durch die nubische Wüste bis zu den großen Katarakten zu verfolgen.

Er hatte noch keine Ahnung von den Hindernissen, die sich diesem schon an und für sich so mühsamen und gefährlichen Unternehmen entgegentürmen sollten.



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