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VI. Periode.

Von der österreichisch-deutschen Herrschaft bis zur Vereinigung unsres Landes mit Frankreich. Von 1714-1795.

 

Karl VI (1714-1740).

Endlich schien unserm Lande, welches als der Zankapfel der mächtigsten Fürsten Europas so lange und so viel gelitten, eine bessere Zukunft emporzublühen.

Am 2. Januar 1715 kam es wieder unter die Herrschaft des Hauses Oesterreich, und zwar unter das starke Scepter Karls VI, und mit freudiger Zuversicht huldigten die Luxemburger dem Herzoge von Oestreich und deutschen Kaiser am 21. Februar desselben Jahres. Ihre Hoffnungen wurden auch nicht getäuscht; denn Karl VI war in der That der Trutz der Gewaltigen und der Schutz der Schwachen, und unter seiner Regierung, die überhaupt das Glück aller seiner Staaten war, erfreute sich das Luxemburger Land eines segenreichen Friedens. Wir verdanken Karl VI eine Menge weiser Polizeiverordnungen, die nur zum Besten des Landes gereichen konnten; unter denselben bemerken wir besonders die gegen die Bettelei und die Zigeunerbanden, die über Jagd, Reinigen und Erweitern der Bäche, Reinigen der Straßen in den Städten, so wie über den Dienst der Posthalter. Auch erschien das Verbot: » während des Gottesdienstes die Kaufmanns- und die Kramläden zu öffnen, in den Wirthshäusern zu schenken, und den Soldaten Sachen abzukaufen, oder zu borgen.« Am 23. April desselben Jahres erschien auch eine Verordnung, welche den Studenten untersagte, sich des Abends nach 9 Uhr in den Straßen zu zeigen.

Um dem Handel unsres Landes eine größere Ausdehnung zu geben, und den Verkehr mit entfernten Gegenden zu beleben, verordnete Karl die Anlegung der ersten Landstraße, und erleichterte auf diese Weise die Verbindungen mit dem Auslande. Alle diese Verordnungen mußten einen glücklichen Erfolg für unser Vaterland haben, und in der That gelangte es bald zu einem blühenden Zustande.

Karl war auch dafür besorgt, daß die Hauptstadt in einem guten Vertheidigungszustande sein sollte, damit, im Falle eines Krieges, die Einwohner nicht mehr einem Ueberfalle und allen damit verbundenen Uebelständen und Leiden ausgesetzt sein sollten; deßwegen besuchte im Jahre 1726 der General-Ingenieur der Niederlande die Festung Luxemburg, und ließ oberhalb der Petrus und des Mansfeld'schen Thiergartens neue Werke anlegen.

Im Jahre 1727 wurde durch milde Beiträge in Luxemburg das Waisenhaus gestiftet, eine Anstalt, in welcher arme, verwahrloste Kinder aufgenommen wurden, ihre Erziehung erhielten, und so vom körperlichen und sittlichen Untergange gerettet wurden.

Allerdings bietet die Regierung Karls VI uns keine Mannigfaltigkeit von Ereignissen dar, und erscheinet, besonders für die Jugend, ihre Geschichte ungemein trocken und ohne Interesse; und doch dürfen wir die Einrichtungen, die während derselben getroffen wurden, nicht unberührt lassen, da sie von einer hohen Bedeutung für die Lage des Landes waren.

Am 13. Juni 1738 erschien eine Verfügung, welche dem Provinzialrath das Recht zugestand, für jede erledigte Stelle in dieser Versammlung drei Candidaten vorzuschlagen. In den folgenden Jahren wurde die Stadt bedeutend verschönert; um diese Zeit erbaute man die schöne Schloßbrücke, welche jeder Fremde mit Staunen und Bewunderung betrachtet, so wie die steinerne Brücke am Neuthor; wahrscheinlich wurde auch damals das Fort St. Charles angelegt.

Bald nachher fiel ein wichtiges Ereigniß vor, welches die Einwohner aus ihrer Ruhe und Sicherheit aufschreckte: es hatte sich nämlich in der Stadt eine Verschwörung gebildet, bekannt unter dem Namen der Pulververschwörung ( trahison des poudres), und es handelte sich um nichts weniger, als die Stadt den Franzosen zu überliefern. Doch zum Glücke wurde dieser abscheuliche Verrath entdeckt, die Theilnehmer festgenommen, und auf dem Waffenplatze hingerichtet. Es macht den Luxemburgern Ehre, daß keine Eingebornen daran Theil genommen harten, sondern lauter Fremdlinge, die sich in der Stadt befanden.

Ein Jahr später starb Karl VI, und wurde aufrichtig von seinen Unterthanen betrauert. Da er keine männlichen Erben hatte, erließ er schon am 13. April 1715 zu Wien die pragmatische Sanktion (Thronerbfolgerecht), derzufolge: »Alle österreichischen Länder ungetrennt, nach dem Rechte der Erstgeburt, und in Ermanglung männlicher Nachkommen auf die Töchter vererben sollten.« Dieses Gesetz war am 9. November 1723 von den Luxemburger Ständen genehmigt worden und gemäß demselben folgte auf ihn, in einem Alter von 23 Jahren, seine Tochter

Maria Theresia (1740-1780),

die mit dem Herzoge Franz von Lothringen vermählt war. Kaum hatte sie den Thron bestiegen, als sie sich von allen Seiten bedrängt, und halb Europa gegen sich rüsten sah. Der erste, der sie angriff, war Friedrich II oder der Große, König von Preußen, welcher die Umstände für günstig fand, alte Ansprüche auf Schlesien geltend zu machen. Er ließ ein großes Heer unter Anführung des Fürsten Leopold von Dessau und des Grafen Schwerin, in Schlesien einrücken und ihr diese schöne Provinz entreißen. Schon im folgende Jahre 1741 zogen auch zwei französische Heere über den Rhein, um die östreichischen Länder mit Krieg zu überziehen, und bald eilte noch der Kurfürst von Baiern nach Böhmen, nahm Prag ein, wurde zum böhmischen Könige gekrönt, und ließ sich wenige Wochen nachher, am 24. Januar 1742, unter dem Namen Karls VII zum deutschen Kaiser wählen.

Maria Theresia, in der größten Bedrängniß, von aller Welt verfolgt, aber immer standhaft auf ihrem guten Rechte verharrend, vertraute der Liebe ihrer Unterthanen. In ungarischer Kleidung, ihren Säugling, den nachmaligen Kaiser Joseph II, auf den Armen, trat sie zu Presburg mitten in die ungarische Männerversammlung; ihre Augen glänzten in Thränen. »Eurem Heldenarme,« rief sie aus, »und eurer Treue vertraue ich mich und mein Kind! ihr seid der letzte Anker meiner Hoffnung.« Da ergriff Begeisterung die edlen Krieger: von der Schönheit und dem Unglücke ihrer Königin gleich tief gerührt, sprangen alle auf, und riefen unter dem Klirren ihrer gezogenen Säbel jene welthistorischen Worte: » Leben und Blut! wir wollen Alle sterben für unsre Königin Maria Theresia!« – In kurzer Zeit standen die Ungarn schlagfertig, Oestreich wurde befreit, Baiern erobert, und in dem Frieden von Aachen, 1748, verlor Maria Theresia außer Schlesien, das sie schon vorhin hatte abtreten müssen, nur einige kleine Provinzen, und ging so ruhmreich genug aus einem Kampfe, der ihr anfangs das ganze Reich zu entreißen drohte. Auch mußten die Franzosen in diesem Frieden die Niederlande, die sie schon an sich gerissen hatten, wieder herausgeben.

Maria Theresia war nun bedacht, die Wunden, die der Krieg geschlagen, durch weise Einrichtungen zu heilen. Durch alle Mittel, die ihr zu Gebote standen, belebte sie den Ackerbau und den Gewerbfleiß; unter ihrer Pflege blühten Künste und Wissenschaft fröhlich empor. Da während ihrer Regierung die Jesuiten, welche bis dahin die außschließlichen Lehrer und Erzieher der Jugend gewesen, aufgehoben worden waren, sorgte sie dafür, daß die öffentliche Erziehung doch nicht vernachläßigt wurde. Die Volksschulen wurden vermehrt, und damit der Unterricht ein wahrhaft nützlicher sein sollte, wurden die Lehrstühle nur mit Männern besetzt, die in öffentlichen Concursen ihre Fähigkeiten bewiesen hatten. Auch benutzte sie diese Zeit der Ruhe, um in dem Gerichts- und Polizeiwesen Verbesserungen vorzunehmen, und in allen Zweigen derselben gab sie neue Verfügungen heraus. Sie stellte den Grundsatz auf, daß vor dem Gesetze alle Unterthanen gleich sind, hob daher die Bevorzugungen auf, welche die andern Stände vor dem Bürgerstande voraus hatten, und suchte besonders die gedrückte Lage ihres armen Volkes zu erleichtern. Sie herrschte überhaupt mit Milde und Gerechtigkeit, und in allen ihren Unternehmungen bewies sie Klugheit und Besonnenheit. Ungeachtet einiger Schuldenlasten, welche unser Land während ihrer Regierung drückten, und der starken Truppenaushebungen, die in den Jahren 1758 und 1759 in demselben angestellt werden mußten, war ihre Regierungszeit, so wie das goldene Zeitalter der österreichischen Herrschaft, auch das unsres Vaterlandes. Deßwegen hingen die Luxemburger mit so viel Liebe an ihrem Hause, worüber denn auch Maria Theresia in einem Briefe, der noch vorhanden ist, den Einwohnern ihrer guten Stadt Luxemburg ihre volle Zufriedenheit ausdrückt. Immer sprachen die alten Luxemburger mit Verehrung und Begeisterung von der guten Kaiserin Maria Theresia, und das ist ein Beweis, wie sehr ein aufrichtiges Volk die persönlichen Tugenden seiner Regenten zu schätzen weiß.

Damit in Zukunft unser Land nicht wegen Grenzstreitigkeiten den Einfällen der Franzosen ausgesetzt sein sollte, wurde während ihrer Regierung (1769) mit Frankreich eine Uebereinkunft getroffen, gemäß welcher die Grenzen der beiden Länder so bestimmt wurden, wie sie heute noch sind. Maria Theresia schenkte der Stadt die schöne Jesuitenkirche (heutige Liebfrauenkirche), so wie das Jesuitenkollegium, jenes schöne Gebäude, in welchem sich heute das Athenäum befindet.

Nachdem sie nun während ihrer stürmischen Regierung in dem Glanz und der Kraft ihrer Lande ihr Werk vollendet, weßwegen mit vollem Rechte ihre Zeitgenossen sie » die große Frau« nannten, verschied sie am 29. November 1780, in einem Alter von 63 Jahren, von ihren Unterthanen, die sie allgemein geliebt, ja fast angebetet hatten, aufrichtig betrauert, und ihr folgte auf den Thron ihr Sohn

Joseph II (1781-1791)

Er war schon zu Lebzeiten seiner Mutter von den deutschen Fürsten zum Kaiser von Deutschland gewählt worden, dessenungeachtet ließ er ihr beständig einen Antheil an der Regierung. Als er nun die Regierung nach ihrem Tode selbst angetreten, wollte er vor Allem seine Staaten durchreisen. Auf dieser Reise kam er im Jahre 1781 nach Luxemburg, und gewann durch seine Leutseligkeit und Güte die Liebe Aller; er machte den Bewohnern der Stadt besonders dadurch viel Freude, daß er befahl, die so gefährlichen Pulvermagazine außerhalb der Stadt anzulegen. Er wollte aufrichtig das Wohl seiner Unterthanen, und hatte schon längst manche Pläne entworfen, um dieses, wie er glaubte, vollends zu erreichen. Die Ausführung derselben unternahm er nun in dem jugendlichen Feuer seines Charakters, als er frei und ungebunden, seinen Ansichten gemäß handeln konnte.

Vor Allem wollte er die Wohlfahrt seines Staates auf Ackerbau, Handel und Gewerbe begründen, und deßwegen nahm er sich besonders des damals hart bedrückten Bauernstandes an. Er hob die Leibeigenschaft auf, und um den Landmann zur Thätigkeit zu ermuntern, und um ihm zu zeigen, wie sehr er seine Beschäftigungen achte, führte er einst selbst den Pflug. Jeder Mensch galt ihm als Bruder, und er ließ gerne die Leute aus allen Ständen an seinen Freuden Theil nehmen. So antwortete er einst einigen adeligen Herrn, welche ihn baten, er möge doch den prächtigen Lustgarten Prater in Wien nur für einzelne Stände bestimmen, damit man sich mit seines Gleichen erholen könnte: »Wenn ich nur immer mit Meines Gleichen sein wollte, so müßte ich in die Gruft bei den Kapuzinern In der Kirche des Kapuzinerklosters befand sich die Familiengruft des östreichischen Regentenhauses. hinuntersteigen, und dort meine Tage zubringen.« Bei seinen Bestrebungen, die materielle Wohlfahrt seines Volkes zu sichern, vergaß er auch nicht, daß diese auf einer moralischen Erziehung begründet sein muß; deßwegen setzte er das Werk seiner Mutter fort, und gab den Schulen eine ganz neue Einrichtung. Von jener Neuerungssucht fortgerissen, die in seinem Zeitalter vorherrschend war, hob er alle Mönchs- und Nonnenklöster in seinen Staaten auf, die sich nicht mit dem Halten der Schulen, mit der Pflege der Kranken beschäftigten oder deren Mönche nicht predigten. Auch wollte er, daß in den Niederlanden nur zwei geistliche Seminarien bestehen sollten, das eine in Löwen, das andere in Luxemburg. Mit dem größten Eifer betrieb er die Verbesserung der Gebrechen in der Gerichtsverwaltung. Gemäß einer Verordnung vom 3. November 1786 wurden Tribunäle erster Instanz zu Arlon, Diekirch, Bittburg und St. Veith, zwei Appellationshöfe, der eine zu Brüssel, der andere in Luxemburg, und ein Revisionshof in Brüssel errichtet.

Joseph II war von dem edelsten und thätigsten Eifer beseelt seine Unterthanen zu beglücken, aber er beging den großen Fehler, in seinen Neuerungen allzurasch voranzugehen, und versäumte, sich mit der Eigenthümlichkeit seiner Völker bekannt zu machen, und so berührte er in vielen seiner Umwandlungen die theuersten Kleinode des Volkes. Das alte Herkömmliche hat einmal für den Menschen etwas Ehrwürdiges, und er mag sich ungern von ihm trennen. Auch mußte Joseph II bald vernehmen, wie in allen Theilen des Reichs von allen Ständen Klagen erhoben wurden. Die Luxemburger machten Vorstellungen, und beriefen sich auf ihre Rechte, die man seit Wenzels Zeiten unangetastet gelassen hatte. In den Niederlanden lief es nicht so ruhig ab, denn als im Mai 1787 die neue Ordnung der Dinge sollte eingeführt werden, kam es zu einer offenen Empörung, die in unsrer Landessprache unter dem Namen Patriotenrommel bekannt ist. An der Spitze der Bewegung standen die beiden Advokaten van der Noot und Vonk und der Kolonel van der Meersch. Bald wuchs die Rotte der Patrioten, wie sie sich nannten, zu einem kleinen Heere heran; sie vertrieben die Oestreicher aus den meisten Städten, rückten bis Marsch und St. Hubert vor, und forderten die Luxemburger auf, an der Empörung Theil zu nehmen. Aber auch bei dieser Gelegenheit bewährten unsre Voreltern ihre alte, erprobte Treue, und während die andern Provinzen in hellen Flammen des Aufruhrs standen, herrschten Ruhe und Ordnung in dem Luxemburger Lande. Um nun auch diese in den Niederlanden herzustellen, übertrug der Kaiser am 28. November dem Grafen von Cobenzl die Vollmacht, die nothwendigen Maßregeln dazu zu treffen. Er selbst kam gegen das Ende des Jahres nach Luxemburg, und forderte durch ein Schreiben die Stände auf, ihm ihre Ansichten über die Abschaffung der Beschwerden mitzutheilen. Als er nun von dem wahren Stand der Dinge unterrichtet worden, widerrief er durch zwei Dekrete vom 12. Februar und dem l6. März alle Verordnungen, die er über das Unterrichtswesen, die Verwaltung und die Geistlichkeit herausgegeben hatte.

Weil unterdessen der Aufruhr in den Niederlanden noch fortbestand, ernannte am 12. Februar 1790 der Graf von Cobenzl zu Luxemburg für die Verwaltung derselben einen einstweiligen Rath, der am 11. März durch eine königliche Commission ersetzt wurde.

Mitten unter diesen Unruhen starb der tiefgebeugte Kaiser, am 20. Februar 1790, in seinem 49. Lebensjahre, nachdem er den größten Theil seiner Verordnungen und Gesetze, die Lieblingspläne seiner Jugend, den mühsamen Bau seines ganzen Lebens für aufgelöst erklärt hatte. Ich wünschte, äußerte er kurz vor seinem Tode, man schriebe auf mein Grab: » Hier ruht ein Fürst, dessen Absichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Entwürfe scheitern zu sehen.« Da er keine Kinder hinterließ, so erbte sein Bruder

Leopold II (1790-1792),

der bisher Großherzog von Toskana war, die sämmtlichen östreichischen Staaten. Er fand bei seiner Thronbesteigung das ganze Reich in der größten Aufwallung und nahm gleich alle möglichen Maßregeln, der allgemeinen Unzufriedenheit zu steuern. Am 25ten August 1791 kam Maria Christina, des Kaisers Schwester, mit ihrem Gemahl, dem Herzog Albert von Sachsen-Teschen, nach Luxemburg, und empfing unter den glänzendsten Festen in seinem Namen die Huldigung. Unterdessen hatten des Kaisers Truppen die Empörer besiegt, und die Niederlande wieder unter die östreichische Herrschaft gebracht. Die Ruhe war nun zwar hergestellt, jedoch waren die Völker noch nicht befriedigt; deßwegen versprach der Kaiser ihnen Alles wieder in das alte Geleise zu bringen, aber er starb leider schon im März 1792, noch ehe er sein Versprechen erfüllen konnte. Ihm folgte sein Sohn

Franz II (1792-1795),

der unter verhängnißvollen Umständen den Thron bestieg. Im Jahre 1789 war nämlich in Paris die französische Revolution ausgebrochen, und diese drohte jetzt, sich auch über die benachbarten Länder auszubreiten. Auch über unser armes Vaterland zogen sich drohend unheilschwere Gewitterwolken zusammen, und doch bedurfte es noch sehr der Ruhe; denn es hatte sich kaum unter der väterlichen Regierung der östreichischen Kaiser etwas von seinen frühem Leiden erholt, und jetzt sollte es nochmals von den Drangsalen des Krieges heimgesucht werden! – Schon saß der König von Frankreich, Ludwig XIV, gefangen im Tempel (Dieses große Gebäude in Paris diente damals als Staatsgefängniß, und ist in der Geschichte besonders durch die Gefangenschaft Ludwig XVI, und seiner Familie, bekannt., schon waren in den Straßen von Paris die schrecklichsten Blutscenen, die gewöhnlichen Begleiterinnen stürmischer Staatsumwälzungen, vorgefallen; da verlangten die auswärtigen Mächte, die Franzosen sollten ihren König freigeben. Statt dessen aber zwangen diese Ludwig XVI seinem Verwandten, dem Kaiser von Oestreich, den Krieg zu erklären, und nun überzogen von allen Seiten die Kriegsschaaren unser Land. Während die Franzosen im Monat Juli bei Villers-devant-Orval aufbrachen, auf die Abtei losgingen, und ihr Lager bei Harnoncourt, in der Gegend von Virton, aufschlugen, erschien am 4. August der Vortrab des preußischen Heeres in Grevenmacher, Remich, Echternach, und den benachbarten Dörfern, und rückte bis eine Meile weit vor die Hauptstadt vor. Am 15. August erschien der König von Preußen in Luxemburg, zog gegen Longwy, das er belagerte, und welches sich schon am 23. ergeben mußte.

Unterdessen kamen fortwährend Haufen von Flüchtlingen (Emigranten) aus Frankreich, unter denen man am 24. August den Comte de Provence (den nachmaligen König Ludwig XVIII), und den General Lafayette bemerkte. Am 29. September zogen die hessischen Truppen durch die Unterstädte Luxemburgs, um sich mit den übrigen Heeren zu verbinden. Während die östreichischen Vorposten zwischen Metz und Thionville lagerten, nahmen die preußischen Truppen ihre Stellung eine Meile weit von Verdun – das Hauptquartier des Königs von Preußen war im Schlosse Bry – und am 1. September zogen sie in Verdun ein. Aber schon am 11. Oktober mußten sie es räumen, und ihren Rückzug nach Longwy antreten. Jetzt wurde das Luxemburger Land nochmals hart mitgenommen, denn ein Theil des verbündeten Heeres zog sich um die Hauptstadt zusammen, während die nachrückenden Franzosen Einfälle in Düdelingen, Esch, Differdingen und Virton machten; und als die Preußen, welche ihr Hauptquartier nach Merl verlegt hatten, gegen Ende Oktober das Luxemburger Land gänzlich verließen, und sich nach Deutschland zurückzogen, blieb unser armes Vaterland seinem traurigen Schicksale überlassen. Denn die Franzosen setzten ihre verheerenden Züge fort, und fügten besonders den Dörfern Mondorff, Altwies, Aspelt, Weiler zum Thurm, Wintringen und Bech großen Schaden zu; deßwegen griffen auch die Luxemburger zu den Waffen, um sie zurückzuschlagen, während in den Niederlanden, wohin sie sich durch den Sieg bei Jemmappe In der belgischen Provinz Hennegau. den Weg gebahnt, man sie überall mit offenen Armen empfing.

Am 10. November setzten die Revolutionäre (spottweise Sansculotten genannt) über die Mosel, wurden aber von den Oestreichern, als sie in Remich einziehen wollten, zurückgetrieben. Nun richteten sie ihren Zug nach einer andern Gegend hin, und erschienen am 1. April 1793 vor Florenville, wo die Einwohner zwar den Willen, aber nicht die Macht hatten, sich ihnen zu widersetzen. Am 7. Juni drangen 25 000 Mann bis Messancy vor, und schlugen unweit Arlon ihr Lager auf; dort kam es nun am 12. zu einem Gefechte zwischen ihnen und den Oestreichern, welche geschlagen und genöthigt wurden, sich hinter die Mauern Luxemburgs zurückzuziehen. Unterdessen hatte der gute, schuldlose König Ludwig XVI in Paris sein Leben auf dem Schaffot geendigt (21. Januar 1793), nachdem am 21. September des vorigen Jahres die königliche Regierung war abgeschafft, und die Republik ausgerufen worden.

Nachdem die raubsüchtigen Schaaren der Franzosen Arlon eingenommen und sich aller dort befindlichen Vorräthe bemächtigt hatten, zogen sie nach Orval, alles auf ihrem Wege verwüstend; diese herrliche Abtei, welche so manchen Segen über das Land verbreitet hatte, wurde in einen Schutthaufen verwandelt! Die Franzosen machten noch mehrere Verheerungszüge nach verschiedenen Punkten des Landes, und erregten durch ihr gewaltthätiges Betragen die allgemeine Erbitterung; doch wagten die meisten Bewohner es nicht, sich ihnen zu widersetzen, und erwarteten mit Angst und Besorgniß, wie doch dieses enden würde. Aber die Einwohner von Düdelingen, empört über die beständigen Angriffe und Streifzüge der Franzosen, erkühnten sich, ihnen Widerstand zu leisten, wofür sie an Gut und Blut hart büßen mußten. Alsogleich wurde das Dorf von einer starken Abtheilung angegriffen, nach einer tapfern, aber unnützen Verteidigung in Brand gesteckt, und alle männlichen Einwohner, die sich durch Flucht nicht retten konnten, ohne Weiteres erschossen. Am 17. Mai jedes Jahres, am Verjährungstage dieses schrecklichen Ereignisses, wird noch regelmäßig in der Pfarrkirche zu Düdelingen eine Seelenmesse für diese Unglücklichen gehalten. Am 18. Mai 1794 machten die Oestreicher unter dem General Beaulieu einen Angriff auf das Lager der Franzosen, zwischen Bellevaux und Noirfontaines, und zwangen sie, sich über Bouillon nach Sedan zurückzuziehen. Aber bald fügten diese den Oestreichern neuen Schaden zu: sie legten das Schloß und das Dorf Esch, Bascharage und Soleuvre, und das Schloß Sanem in Asche, und setzten sich wieder in den Besitz der Stadt Arlon, welche noch mehrere Male von beiden Theilen erobert wurde.

Als nun die Franzosen nach dem Siege bei Fleurus In der belgischen Provinz Namur. am 26. Juni 1794 sich die Niederlande völlig unterwarfen, wurde die Gefahr drohender als jemals für unser Land: immer näher und näher wälzte sich der verwüstende Strom heran, und schon begann man in Luxemburg zu zittern. Diese Furcht war auch leider nur zu begründet; denn bald erhielten die Einwohner den Befehl, sich auf 4 Monate mit Lebensmitteln zu versehen, und alle Fremden die Weisung, die Stadt zu verlassen. Am 4. August fielen die französischen Truppen von allen Seiten in das Land, und am 17. erschienen sie auf der Senningerhöhe. Dort lieferte man ihnen ein Gefecht, aber dieses, so wie einige Ausfälle, welche die nur 14 000 Mann starke Besatzung machte, blieben fruchtlos, und am 21. November befand sich die Stadt förmlich im Belagerungszustande.

Während dieser Belagerung, welche 6 Monate und 17 Tage dauerte, that überhaupt die Besatzung wenig Erhebliches; die Bürger hingegen bewiesen bei dieser Gelegenheit viel Muth und Ausdauer. Denn während ein Theil derselben in der Stadt die Wache hielt und die Runde machte, bildete ein anderer Theil, an 400 Mann stark, ein geregeltes freiwilliges Jägerkorps, welches die außerhalb liegenden Posten besetzt hielt, und bei allen Ausfällen der Besatzung wesentliche Dienste leistete. – Die heutige Schützengesellschaft in Luxemburg ist ein Ueberbleibsel dieses Korps, an dessen Spitze der Herr von Gerden stand, und dessen Offiziere, zur Belohnung für ihre Tapferkeit, ihre Treue und Vaterlandsliebe, gleichen Rang mit den östreichischen Offizieren erhielten. – Aber nicht bloß die Bürger, sondern auch die Bewohner der umliegenden Ortschaften Bonnevoie, Rollingergrund, u. s. w. unterstützten thätig die Besatzung. Es war größtentheils mit ihrer Hülfe, daß die Oestreicher alle Maßregeln nahmen, um dem Feinde weder ein Ziel zum Geschütze, noch einen Punkt zu lassen, der zu einem Hinterhalte geeignet wäre. So verbrannten sie in der Nacht vom 29. November drei Pulvermagazine vor der Stadt, und am folgenden Tage die Abtei von Bonnevoie und den Weiler von Fetschenhof, welcher der Abtei von Münster gehörte; auf dieselbe Art zerstörten sie das Pulvermagazin in der Nähe des Grünenwaldes. Am 29. erschienen die Franzosen auf den Höhen von Gasperich, mußten sich aber vor den Kugeln, die man von der Stadt auf sie abschoß, wieder zurückziehen. Diesen Umstand benutzte des andern Tages die Besatzung, um Gasperich, die Pfarrkirche von Hollerich, nebst dem Pfarrhause und einigen andren Wohnungen zu verbrennen, während man von der Stadt aus ununterbrochen die Verschanzungen der Feinde beschoß. Am 5. Dezember verbrannten die Oestreicher ebenfalls den Weimeschhof, und am folgenden Tage bauten sie, ungeachtet der Bomben, welche die Belagerer von dem Dorfe Ham hinüber auf sie warfen, die Redoute von Fetschenhof auf, um das Triererthor zu decken.

Schon fingen die Lebensmittel im Innern der Stadt an sehr theuer zu werden, aber besonders dringend war der Mangel an Brennholz. Man hatte bereits alle Bäume, welche auf den Wällen und auf dem Glacis vor dem Stadtthor standen, umgehauen, und da dies noch bei Weitem nicht genügte, beschloß man, am 7. Januar 1795, einen Ausfall zu machen, um auch die Bäume, welche sich auf dem Wege nach Septfontaines befanden, umzuhauen. Bei dieser Gelegenheit kam es zu mehreren sehr blutigen Scharmützeln, in welchen beiderseits Viele das Leben ließen; unter andern betrauerten die Luxemburger den Verlust des Kapitains des freiwilligen Jägerkorps, Johann Leonardy, der, in diesem Ausfalle tödtlich verwundet, einige Tage darauf starb. Es schien, als hätten sich auch die Elemente gegen das bedrängte Luxemburg verschworen; denn in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar trat die Alzette aus ihrem Bette, und zwar bis zu einer Höhe, die sie seit Menschengedenken noch nie erreicht hatte, und richtete in den Unterstädten beträchtlichen Schaden an.

Aber auch die Franzosen ließen den Belagerten keinen Augenblick Ruhe: bald gab es Neckereien zwischen den Vorposten, bald donnerten die Kanonen von den Anhöhen herüber, und überschütteten die Stadt mit zahlreichen Kugeln und Bomben. In der Nacht vom 4. auf den 5. März überfielen die Franzosen die Vorposten in Eich; vom 8. auf den 9. wurde beständig von der Stadt aus auf die Verschanzungen gefeuert, welche der Feind in der Gegend von Septfontaines aufwarf. Um diese Arbeiten auch auf einer andern Seite zu verhindern, machte die Besatzung früh Morgens, um 5 Uhr, bis hinter die Dörfer Strassen und Merl einen Ausfall, auf welchem sich ein hartnäckiger Kampf entspann; die Franzosen wurden völlig geschlagen, und ihre Leichen bedeckten den Wahlplatz, während die Oestreicher nur 68 Todte und 237 verwundete zählten. Am 10. März lieferte die östreichische Reiterei der französischen ein hitziges Gefecht am Fort Thüngen, und am 21. erhob sich ein heftiger Kampf mit den Vorposten auf dem Weimeschhof. Ungeachtet dieser vielfachen Gefechte, ungeachtet der wiederholten Ausfälle der Besatzung vollendeten die Franzosen unterdessen von allen Seiten ihre Verschanzungen, und konnten nun ihr Geschütz mit viel größerem Erfolg gegen die Festung richten. Am 1. April warfen sie unzählige Bomben in die Stadt, und an den folgenden Tagen gab es ein anhaltendes Feuern zwischen ihnen und den Belagerten, welche mit nicht weniger Heftigkeit die feindlichen Verschanzungen zu zerstören suchten, so daß Berg und Thal von dem Donner der Kanonen wiederhallten. Aber die Artillerie der Franzosen war der östreichischen weit überlegen, und bald entstanden Breschen in den Festungsmauern, während die Besatzung mit jedem Tag mehr zusammenschmolz. Endlich, am 1. Juni, als alle Hoffnung, die Stadt zu retten, vereitelt war, schickte der Gouverneur der Stadt, Feldmarschall Bender, einen Parlamentär nach dem Hauptquartier in Itzig, um mit dem Feinde zu kapituliren.

Die Kapitulation, im Einverständnisse mit dem Souveränen-Rath vorgeschlagen, war in 22 Artikeln abgefaßt, und wurde am 17. Prärial, Jahr III Der Revolutionsschwindel wollte alles Alte, und was an das Alte erinnern konnte, abschaffen. In dieser Absicht ward im Oktober 1793 eine neue Zeitrechnung eingeführt, die zugleich das Jahr und den Tag veränderte. Sie begann mit dem 22. September 1792, welcher der erste Tag der Republik sein sollte. Jeder Monat sollte 30 Tage haben, und in drei große Abschnitte, Dekaden genannt, jeder Tag nicht in 24 sondern in 10 Zeitabschnitte zerfallen.
Die Sonntage waren abgerufen; an deren Stelle sollte jeder zehnte Tag, Dekadi, ein Ruhetag sein. Die Namen der Monate waren von den Erscheinungen und Erzeugnissen der Jahreszeiten entnommen; für den Herbst: Vendemiaire, Brümaire, Frimaire; für den Winter: Nivose, Plüviose,Ventose; für den Frühling: Germinal, Floreal, Prärial; für den Sommer: Messidor, Thermidor, Fruktidor; die Namen der einzelnen Tage von den Zahlen eins bis zehn. An die Stelle der Heiligen waren zu den Tagen in den Kalendern: Saamen, Futterkräuter, Bäume, Wurzeln u. s. w. gestellt.
der französischen Republik (5. Juni 1795) zu Itzig von dem Divisions-General Hatry, Befehlshaber der Truppen der französischen Republik vor Luxemburg, unterzeichnet. Die Hauptbedingungen waren: »Die Besatzung soll in drei Tagen mit allen kriegerischen Ehrenzeichen die Stadt verlassen, die Waffen vor derselben niederlegen, und in drei Abtheilungen über den Rhein geführt werden, nachdem sie das Versprechen gegeben, in einem Jahre nicht gegen Frankreich zu kämpfen. Die Kranken werden bis zu ihrer Genesung verpflegt, und dann den andern nachgeführt werden. Die Bürger und Freiwilligen legen die Waffen nieder, und kehren in den Bürgerstand zurück. Den Ausgewanderten soll es gestattet sein, sich wieder in ihre Heimath zu begeben; auch soll es gestattet sein, Stadt und Land mit Habe und Gut zu verlassen. Uebrigens sollen die Luxemburger auf die französische Ehrlichkeit rechnen, und in jeder Hinsicht, wie die übrigen eroberten Länder regiert werden.«

Während des 10., 11. und 12. Juni zogen die Oestreicher aus Luxemburg, und erhielten von den Bürgern die sprechendsten Beweise ihrer Anhänglichkeit; viele Luxemburger verließen sogar ihr Vaterland, und folgten dem Heere. Den besten Beleg für die so oft schon, und auch diesmal bewährte Treue unserer Ahnen gibt uns ein Brief, den der Gouverneur Bender bei seiner Abreise an den Souveränen-Rath schrieb: er stattet ihm seinen wärmsten Dank für die kräftige Unterstützung, die er ihm stets, und besonders während der letzten Belagerung hatte angedeihen lassen, und wünscht eine Gelegenheit zu finden, um den Luxemburgern seine Hochachten durch Thaten an den Tag zu legen.

So war unser Vaterland nun eine Beute der französischen Republik geworden, und nur zu bald sollte es erfahren, wie in jenen Schreckenszeiten die eroberten Länder regiert wurden!


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