Oskar Panizza
Das Liebeskonzil
Oskar Panizza

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Vorspiel

Direktor. Schauspieler. Regisseur. Dichter.

Direktor Die Häuser leer, und leer auch unsre Kassen,
Das Publikum bleibt wie vom Giftschrank fern.
Theaterstücke haben wir in Massen,
Doch diese Stücke hat das Volk nicht gern.
Stets Kladderadatsch, Radau, Erschiessen-lassen,
– Da ist dann meist die Polizei nicht fern –
Und Volksgebrüll, verdächt'ge Spässe, Phrasen:
Sie halten im Parkett sich zu die Nasen...

Regisseur Ihr müsst nur 'ne Idee damit verbinden.

Schauspieler Nee, nee! – Tendenz! – Um Gottes willen nicht!

Direktor Was heisst »Tendenz«?! – Lasst mich was Schönes finden!

Schauspieler Das Schöne schlägt der Wahrheit ins Gesicht.
Streng soll der Dichter an den Stoff sich binden,
Und objektiv sich zeigen. Anders nicht!

Direktor auf den Schauspieler weisend
Seid Ihr denn »objektiv« – mit Euren Waden,
Perücken, Stelzen, Buckeln und Pomaden?!

Schauspieler Das ist was andres! – Das ist hohler Schein,
Und muss es sein; dafür ist es die Bühne...

Direktor unwillig
Lasst mich mit Redensarten nur allein!
Wenn ich auf dem Kothurne mich erkühne,
Dann soll es auch gedichtet danach sein;
Und ich will Tränen, Jammer, Schuld und Sühne:
Sie sollen im Parterre mir wieder flennen,
Und dankbar dann nach Hause kehren können.

Schauspieler Da weicht Ihr ganz nun von der Regel ab.

Direktor Ich hab' mich nie nach Regeln eingerichtet!

Schauspieler Da kommt Ihr wieder in den alten Trab.

Direktor Poet ist der, der volle Häuser dichtet!

Schauspieler Und das Theater wird dann ein Schabab,
Wo jeder nur auf Pathos sich verpflichtet
Und Purzelbäume schlägt, Pirouetten, Triller
Mit Kraftgejauchze à la Schubart, Schiller.

Regisseur Ihr Herrn, mir scheint, der Streit geht schon zu weit.
Es kommt doch darauf an, was man tragieret.
Der eine trägt die Kleider eng, der weit,
Weil jeder nur sein Körpermass tangieret.
Lasst jedem, wie's ihn ziert, sein eigen Kleid
Im übrigen die Rollen gut studieret! –
Seht dort den Herrn in seinen langen Falten,
Den fragt, und lasst nur seinen Genius walten!

Sie haben alle den in tiefer Meditation begriffenen Dichter erblickt, der, im Hintergrunde vorüberwandelnd, eben an ihnen vorbeischreiten will.

Direktor He, Freund, Ihr kommt wohl Grade vom Parnass?
Ich seh's am Schritt, ich seh's an Eurer Miene;
Die Stirne ernst gesenkt, die Wimper nass –
Ihr spracht gewiss mit Klio, Euphrosyne
Und hier der Stil, die Rolle – ohne Spass,
Ihr schreibt ja sonst doch für die deutsche Bühne –
Darf ich erfahren, was in Eurem Busen
Erweckt die wechselvollen, keuschen Musen? –

Dichter trocken
Ich komm' vom Bräuhaus grad – Ihr Herrn, verzeiht!
Es ist das sonst nicht meine Lieblingsstätte;
Weit lieber weilt' ich in der Einsamkeit,
Wo sich mein Geist wohl reich befruchtet hätte –
Nur um 'nen Stoff zu suchen, wie's gebeut
Die Mode jetzt, trank ich dort um die Wette –
Doch mitten aus der dampferfüllten Stelle
Trieb's mich im Geiste fort zu Himmel, Hölle...
Was um mich herging, nicht vernahm's mein Ohr,
Entrückt war ich in weltentfernte Weiten,
Nur dumpf vernahm ich der Berauschten Chor,
Dieweil ich kniete vor Drei-Einigkeiten...

Alle drei stürzen auf ihn los
Ihr schriebt ein Stück!

Schauspieler                                     Die Hölle kommt drin vor!?

Direktor Phantastisch, seh' ich, tut sich's da ausbreiten!

Regisseur Verwandtet Ihr Versenkung;, Flugmaschinen?

Schauspieler Darf ich wohl mit der Teufelsrolle dienen?

Dichter weicht zurück, ernst
Ich warne!...

Direktor entreisst ihm die Rolle
                    Her damit! – Ihr wisst ja nie,
Wann Euch einmal ein grosser Wurf gelungen.
Da schreibt Ihr von der Nacht bis in die Früh',
Und habt mit Teufeln und mit Gott gerungen,
Und soll's dann auf die Bühne endlich – sieh,
Da hat Melancholie Euch fast bezwungen.

Regisseur zum Dichter
Lasst's ihn nur sehn!

Direktor die Hand zum Akkord ausstreckend
                                Ich nehm's! Tu's blindlings nehmen!
Und später reden wir von den Tantiemen.

Dichter ernster
Ich warne vor dem Stück!...

Direktor beruhigend
                                              Was kann es sein? –

Dichter Muss, was der Dichter schaut in ernster Stunde,
Wenn er erschüttert, fiebernd und allein,
Denn auf die Bühne gleich, in aller Munde,
Und ausgeschrien auf dem Markte sein?
Die Masse, mit dem Bösen stets im Bunde,
Bläst gleich den Funken auf zum Feuerschein

Direktor halblaut zu Regisseur und Schauspieler
Der Kerl hat einen Treffer! – Schafft ihn weiter!
Ich geh' zum Kostümier gleich und zum Schneider.

Regisseur der mit dem Schauspieler den widerstrebenden Dichter fortdrängt
Lasst's ihn doch lesen! –

Direktor zu dem sich schwer fügenden Dichter
                                        Geht nur mit den beiden!
Denn kommt's zur Probe, braucht's noch manches Wort!
Für sich im Manuskript blätternd, während die andern ab.
Auch der Zensur muss ich's noch unterbreiten,
Sonst streicht sie mir die besten Stellen fort.
»Umsturz« und »Engelsturz« zu unterscheiden,
Ist auf der Polizei just nicht der Ort.
Er schliesst die Rolle und hält sie hoch in der Linken.
Doch komm' ich raus aus all der Not und Enge,
Seh' ich mal wieder Häuser voll Gedränge. Ab.

Personen:

Gott-Vater
Christus
Maria
Der Teufel
Das Weib
Ein Cherubim

Erster, Zweiter und Dritter Engel

Gestalten aus dem Totenreich:

Helena
Phryne
Heloise
Agrippina
Salome

Rodrigo Borgia, Alexander VI., Papst

Kinder des Papstes:

Mutter unbekannt:
Girolama Borgia, vermählt mit Cesarini
Isabella Borgia, vermählt mit Matuzzi

Von der Vanozza:
Pier Luigi Borgia, Herzog von Gandia
Don Giovanni Borgia, Graf von Celano
Cesare Borgia, Herzog von Romagna
Don Joffre Borgia, Graf von Cariati
Dona Lucrezia Borgia, Herzogin von Bisaglie

Von Julia Farnese, vermählte Orsini:
Laura Borgia, noch minderjährig
Giovanni Borgia, noch minderjährig

Mätressen des Papstes:

Die Vanozza
Julia Farnese
, vermählt mit Orsini

Alessandro Farnese, Julias Bruder, Kardinal
Dona Sancia, Schwiegertochter des Papstes, vermählt mit Don Joffre
Adriana Mila, Vertraute des Papstes, Erzieherin seiner Kinder

Neffen des Papstes:

Francesco Borgia, Erzbischof von Cosenza
Luigi Pietro Borgia, Kardinal-Diakon
Collerando Borgia, Bischof von Monreale
Rodrigo Borgia, Kapitän der päpstlichen Garde

Vertraute des Papstes:

Giovanni Lopez, Bischof von Perugia
Pietro Caranza, Geheimkämmerer
Juan Marades, Bischof von Toul, Geheimintendant des Papstes
Giovanni Vera da Ercilla, Mitglieder des heiligen Kollegiums
Remolina da Ilerda, Mitglieder des heiligen Kollegiums

Burcard, Zeremonienmeister des Papstes
Ein Priester
Ein deutscher Schulmeister
Erster, Zweiter und Dritter Edelmann
Pulcinello, Schauspieler
Colombina, Schauspielerin
Eine Kurtisane

Der Heilige Geist, Erzengel, ältere und jüngere Engel, Amoretten; – Maria Magdalena, Apostel, Märtyrer, barmherzige Schwestern, ein Bote; – Tiere, Fratzen, Gestalten von Toten; – geistliche Würdenträger, päpstliche Hofbeamte, Gesandte, römische Damen, Kavaliere, Kurtisanen, Schauspieler, Sänger, Kämpfer, Soldaten, Volk.

Zeit. Frühjahr 1495, das erste, historisch beglaubigte Datum vom Ausbruch der Lustseuche.


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