Oskar Panizza
Das Liebeskonzil
Oskar Panizza

 << zurück weiter >> 

Dritter Aufzug

Erste Szene

Im Himmel; ein vertrauliches Kabinett in blau. Interimsthron einfach und bequem. Gott-Vater, Maria, Christus, der Teufel; erstere drei auf ihren Stühlen; letzterer in schwarzem, enganliegendem Kostüm, sehr schlank, mit pointiertem Gesicht, ganz rasiert, mit verwitterten, abgelebten, gelb-verärgerten Zügen, in seinen Bewegungen an einen feineren Juden erinnernd, auf einen Fuss sich stützend, den anderen aufziehend, vor ihnen aufrecht.

Gott-Vater ernst und kurz. Freund, wir haben dich rufen lassen. – Es handelt sich um einen speziellen Auftrag, der... stockt... besondere Geschicklichkeit erheischt; – – ich weiss, du denkst viel – Teufel verbeugt sich – könntest du nicht... stockt... es handelt sich, ä... ein Wesen, ä... ein Ding, welches... ä, ein Einfluss, – der imstande wäre, – die – uns in ihrem Begehren anekelnde, gänzlich verwahrloste Menschheit – Teufel macht eine verständnisinnige, vornehm-bedauernde Bewegung... ä, wieder auf den Pfad der Tugend... ä, und der wahren Sittlichkeit... in empfindlichstrafender Weise zurückzuführen,... ä, so dass... ä... zu Christus gewendet – mein lieber Sohn, sag' du's ihm; – ich kann mit Worten nicht recht umgehn; – ich habe immer nur gehandelt, – nie viel Worte gemacht. –

Christus sich mühsam aufrichtend, nach einigem Besinnen, fliessend Mein Herr! Wir gedächten Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen – in einer Sache, – – die Ihnen ebenso grossen Vorteil einbringen soll, wie uns selbst, – – ich meine, – die Ihnen die Menschheit – hinsichtlich ihrer irdischen Sphäre keineswegs entfremden soll, – ich sage dies ausdrücklich, um jeden Verdacht bei Ihnen nach dieser Richtung hin gleich von vornherein zu zerstreuen – Teufel macht eine verbindlich-abwehrende Handbewegung, als sei ihm Ähnliches nie in den Sinn gekommen – im Gegenteil, die Ihnen diese Sphäre in noch ausgiebigerer Weise als bisher – unterwerfen soll: – es handelt sich um ein Kompromiss, – um ein Übereinkommen hinsichtlich der Verschiebung der Grenzen – unserer beiderseitigen, bisherigen Gewalten, – es keinem der beiden kontrahierenden Teile zu nahe treten soll, – und wobei wir auf Ihre bewährte Geschicklichkeit, Ihren Scharfsinn, Ihren Takt, Ihr – versöhnliches Entgegenkommen, Ihre – Bildung, Ihre – Ihre – – Fängt zu hüsteln an, wird kurzatmig, stöhnt und keucht, fällt röchelnd zurück, die Augen treten hervor, die Stirne wird schweissig, er bekommt einen asthmatischen Anfall.

Maria herbeispringend, während der Teufel sehr vornehm eine reservierte Verlegenheit heuchelt. Schone dich, mein Sohn, – du solltest nie reden, – du wirst schlechter, – du bist leidend, – zum Teufel gewendet, verbindlich – mein lieber Freund, wir bedürfen deiner Hilfe, – es ist ja nicht nötig, dass man erfährt, dass du es bist, der die Sache inszeniert – der Teufel macht eine abwehrend-beruhigende Bewegung bitte, steh uns bei, es soll dein Schade nicht sein – zwinkert ihn an – du verstehst – winkt gegen Gott-Vater ab, in dem Sinne, dass dieser taub, alt und gebrechlich, und ihr nichts in den Weg lege; der Teufel verbeugt sich – es handelt sich in Kürze um folgendes: Durch eine unglückliche Einflüsterung – zeigt auf den Alten hin – bewogen, wohnten wir einer Szene im päpstlichen Palast zu Rom bei, in den Gemächern des Papstes... wie heisst er gleich?...

Teufel verbindlich einfallend. Ah, Alexander, der Sechste seines Namens, Rodrigo Borgia –

Maria. Ganz recht, dieser Borgia, – ah, es war skandalös, es war grässlich, – das war ein Passahmahl!...

Gott-Vater plötzlich hervorkollernd, in breitester Unflätigkeit. Pfui Daifel! – Pfui Daifel! – Pfui Daifel!

Christus erwacht aus seiner Schwäche, fällt ein, fast tonlos. Ja, – pfui Daiwel! – pfui Daiwel!...

Teufel in grosser Verwirrung, ärgerlich, unangenehm berührt... Ich bitte... unter diesen Umständen... darf ich wohl verzichten.... fernerhin hier... will sich, nach rückwärts schreitend, zurückziehen.

Gott-Vater redressierend zum Teufel gewendet. Mein Gott! – Nein! – Sie waren nicht gemeint...

Teufel pikiert. Ah, doch...

Gott-Vater. Nein, nein! – Also nochmals nein! Es war nicht so; es fuhr uns heraus... die alte Gewohnheit... Ich vergass...

Teufel kommt zurück, vornehm-versöhnlich, bitter lächelnd, schnellt mit der einen Hand ein Stäubchen vom anderen Ärmel. Bitte... bitte...

Maria. Nein, nein, mein Freund, du bist der unsere; von Verstimmung kann keine Rede sein- wir bedürfen deiner Hilfe zu notwendig; und – sehr laut zum Alten hinüber, anzüglich – eine Beleidigung unseres viellieben Vetters, unseres Alliierten, unseres freundlich geliebten Bruders, werden wir in keiner Weise zulassen – Teufel verbeugt sich sehr verbindlich – mit einem Wort also, die Sache ist die: Von einer an höchster Stelle – hinüberdeutend – in Aussicht genommenen gänzlichen Vernichtung des Menschengeschlechts aus höheren Gründen absehend, haben wir beschlossen, eine empfindliche, sündflutartige Rache zu nehmen, und brauchen daher jemand, ein Ding, einen Einfluss, eine Gewalt, eine Person, ein Gift, ein Etwas, welches die Unflätigkeit der Menschen, besonders der Neapolitaner und Römer, in geschlechtlicher Beziehung – ah, fi donc! – giesst etwas Eau de Cologne auf ein Spitzentuch und hält es sich vor; scheint leise zu schnupfen; schielt über dem Taschentuch zum Teufel hinüber – ah! es wird mir besser – fortfahrend – welches die Bestialität der Männer und Weiber in jenen lediglich der Fortpflanzung dienenden, und nur in dieser Begrenzung ihnen gewährleisteten Beziehungen und nötig erscheinenden Berührungen und Vermischungen – ah, c'est terrible! – schnupft wieder Eau de Cologne – enfin – eindämmen soll! – Du verstehst!

Teufel in sonorem Bass – etwas theatralisch. Ich verstehe.

Gott-Vater kollernd Ja, ja, – eindämmen soll! –

Christus mit schwindsüchtiger Stimme. Ja, ja, – eindämmen soll!

Teufel nach einigem Besinnen. Soll es sehr empfindlich sein? –

Maria ihr Spitzentuch dem Teufel entgegenstreckend, heftig nickend – sozusagen für die anderen mitnickend. In der Tat, es soll sehr empfindlich sein.

Gott-Vater guckt glasig herüber; scheint nicht ganz verstanden zu haben; ächzt schliesslich zustimmend, mit fettem Räusperton. Ja, ja! –

Christus noch immer im Anfall liegend, sich langsam erholend, hauchend Ja, ja! –

Teufel steht die ganze Zeit mit gesenktem Kopf, sich besinnend, zwei Finger an die Lippen gelegt. Soll die Sache direkt auf dem Fuss folgen?

Maria. Freilich, freilich soll sie das!

Gott-Vater wie oben. Freilich! – Freilich! –

Christus will seine zwei »freilich« sagen, kommt aber zu spät und kollidiert mit der folgenden Rede der Maria, die nichtsdestoweniger fortfährt, mit ihrem Taschentuch ihren Sohn beschwichtigend und abwehrend, der lechzenden Blicks jeder ihrer Bewegungen folgt.

Maria zum Teufel. Du bist auf dem richtigen Weg, mein Freund, du bist unseres Wohlgefallens sicher!

Teufel mit einem kurzen trockenen Blick auf Maria, dann wieder in seine Meditation von vorhin versinkend; nach langer Pause, während der man nur das Röcheln von Christus hört, eigentümlich betonend und skandierend. Dann – müsste man den Stachel, – das Gift, – ä das Etwasden Finger wie zum Hindeuten erhebendin die Sache selbst, in die – hm! - sich anzüglich räuspernd – in die Beziehung selbst legen! –

Maria sehr weltmännisch. C'est charmant! – C'est charmant! –

Gott-Vater versteht nicht recht, schaut mit grossen kugligfließenden Augen herüber und wiederholt mehr im Tonfall als im Verständnis Marias Worte. Ja, – ja, ja. –

Christus will es auch wiederholen, bringt es aber nicht heraus, ist selbst darüber erschrocken, schaut sich ängstlich, erst zu Gott-Vater, dann zu Maria hin um und produziert endlich ein rhythmisches, unartikuliertes A, – a, – a! –

Teufel nachdem er diese Leistung bei Christus mit einem kühlen, seine Überlegung nicht weiter störenden Blick verfolgt, fortfahrend, sehr betonend. Man müsste die Sekretion beim Geschlechtsakt vergiften! –

Maria. Ah, wie das? – Das wird interessant! Rückt auf ihrem Stuhl zurecht.

Gott-Vater und Christus die diesmal doch etwas verstanden zu haben scheinen, halten ihre Köpfe glotzend auf den Teufel gerichtet.

Teufel den eben geborenen Gedanken wiederholend, wie um ihn sich selbst nochmals in den Weg zu legen. Man müsste die Sekretion beim Geschlechtsakt vergiften!

Maria Du meinst den Samen? Hält sich das Taschentuch einen Augenblick vor den Mund, als schlucke sie etwas Unangenehmes hinunter.

Teufel einfallend. Nein, nein! – Nicht den Samen nicht das Ei; – sonst würde die Nachkommenschaft darunter leiden, und, verschlechtert und gewitzigt, nicht mehr zu haben sein! – Die soll aber auch dran kommen! – Nein, Samen und Ei sollen unberührt bleiben, damit die Erzeugung der Menschen ruhig weitergeht. – Aber der Täter, der sorglos mit seinem Instinkt drauflos Fahrende, soll durch ein kleines Nebenprodukt vergiftet werden, durch ein Etwas, welches gleichzeitig mit Samen und Ei produziert wird, und welches, wie bei den Schlangen, nicht mehr auf den Besitzer, aber auf seinen Gegenpart, auf sein Vis-à-vis in der sexuellen Française – pardon! – wenn ich mich so ausdrücken darf – Maria hebt zum Zeichen des bewundernden Verständnisses die Augenbrauen hinauf – ansteckend wirkt – so dass der Mann das Weib, oder das Weib den Mann, im günstigsten Falle sie sich beide infizieren können, – nichts ahnend, – ganz im Taumel verloren, – ja in der Täuschung des höchsten Glücks – macht eine Handbewegung zu Maria, ob er verstanden sei, die diese mit dem Spitzentuch freudig und verständnisinnig aufnimmt – so dass sie lallend wie Kinder in die scheussliche Brühe hineintappen!!!

Maria. C'est glorieux! – C'est charmant! – C'est diabolique! – Mais comment?...

Gott-Vater und Christus glotzen ruhig weiter.

Teufel. Ah, Madame, das lassen Sie meine Sorge sein! –

Maria. Gut! Aber unter einer Bedingung. Was du auch mit den Menschen anfängst, sie müssen erlösungsbedürftig bleiben! –

Teufel mit Beherrschung. Erlösungs bedürftig bleiben sie.

Maria. Sie müssen auch erlösungsfähig bleiben!

Teufel mit den Armen, wie ein Verkäufer, bis zur Schulterhöhe aufwippend Erlösungs fähig, – nachdem ich sie vergiftet, – auf besonderen Wunsch vergiftet, – das dürfte kaum sein. –

Maria von ihrem Thron springend, in die Nähe von Gott-Vater und Christus eilend. Ja, dann ist die ganze Sache umsonst! – Wenn wir die Menschen nicht mehr erlösen können, was soll denn dann die ganze Einrichtung?! –

Gott-Vater und Christus heben verzweifelnd die Hände empor; Christus, der sich etwas erholt, folgt von jetzt an wieder mit regerer Teilnahme.

Teufel dreht sich mit sardonischem Lächeln auf dem rechten Fussabsatz herum und hebt mit künstlichem Bedauern, wie ein Handelsjude, die Achseln hoch.
Peinlicher Moment. Das Geschäft scheint nicht zustande kommen zu wollen. – Pause.

Maria um alle zu divertieren, geht langsam auf ihren Platz zurück und fragt plötzlich mit freundlicher Stimme den Teufel. Apropos! Wie geht's denn mit deinem Fuss?

Teufel auf die Diversion eingehend. Oh, – so, so! – Nicht besser, – aber auch nicht gerade schlechter! – Mein Gott – auf sein kurzes Bein schlagend – das wird nicht mehr anders! – Misemaschin'! –

Maria etwas leiser. Das ist von deinem Fall?

Teufel verständnisvoll, lange stumm und ernst nickend.

Maria sehr freundlich.Nun, und sonst – was macht die Grossmutter?

Teufel ebenso. Die Lilith! – Oh, danke, – recht gut!

Maria. Und die Kleinen?

Teufel. Danke! Danke! – Alles wohlauf! –

Neue Pause. Maria, unentschlossen, geht endlich auf Gott-Vater zu, mit dem sie einige Zeit leise spricht. Darauf

Gott-Vater ostentativ orientiert. Voyons! Voyons! Mein Freund, du musst doch etwas machen können, was die Menschheit vergiftet, ohne sie ganz zugrunde zu richten! – Wir wollen sie dann wieder erlösen! – Nicht wahr, mein Sohn?

Christus. Wir wollen sie dann wieder erlösen!

Maria. Wir müssen sie wieder erlösen!

Teufel. Der Auftrag ist dann zu kompliziert! – Es soll unflätig und liebenswürdig und giftig zu gleicher Zeit sein! – Wenn ich sie in ihren geheimen, amorösen Beziehungen sogleich und heftig treffen soll, und sie in diesem Moment vergiften soll, dann muss die Seele auch mit! – Denn die Seele steckt da mit drin! –

Gott-Vater erstaunt Die Seele steckt da mit drin? –

Christus ebenso, aber mehr mechanisch repetierend. Die Seele steckt da mit drin? –

Maria affirmativ, und halb für sich selbst, wie sich erinnernd. Die Seele steckt da mit drin! –

Teufel nach einer Weile zu Gott, etwas spöttisch. Mein Gott, du bist ja der Schöpfer! Weisst du nichts?

Gott-Vater unwillig. Wir – ä – erschaffen jetzt nicht mehr. – Wir sind müde! – Auch gehört dies Gebiet des Irdischen und der Sinnlichkeit in deine Sphäre. – Also besinne dich, wie du es anrichtest; beflecke die Seele, aber sie muss wieder herstellbar sein!

Christus noch immer schwach, will das Letzte wiederholen, kommt aber nur bis Beflecke – die – Seele...

Teufel zu Gott-Vater. Es soll sie zur Liebe anreizen, sagst du, und sie gleichzeitig vergiften?

Gott-Vater. Natürlich, sonst beissen sie ja nicht an!

Christus aufatmend. In der Wollust sind sie blind, hab' ich gehört.

Maria Mit Speck fängt man Mäuse!

Gott-Vater. Suche in deinem Hexenkessel! Es ist ja allerlei Zeug darin; in deiner Hölle hast du so manches aufgespeichert; bist doch ein Meister in solchen Kompositionen! Kreïre, braue, zeuge, mische was zusammen!

Maria. Es muss allerdings sehr verlockend sein. – Womöglich was Frauenzimmerartiges.

Christus. Ja, sehr verlockend sein.

Teufel mit einem Gedanken beschäftigt. Lüstern und zerstörend soll es zugleich sein, sagt ihr? – Und doch die Seele nicht definitiv zerstörend?

Alle drei zugleich und untereinander. Lüstern – zerstörend – verlockend – giftig – wollüstig – grausam – Hirn und Adern verbrennend –

Gott-Vater. Aber nicht die Seele! – Wegen der Zerknirschung! – Wegen der Verzweiflung! –

Teufel seinen Gedankengang plötzlich beendend Halt, da hab' ich was! – Will mal mit der Herodias reden! Halblaut für sich. Lüstern und zerstörend zugleich! – Laut. Ich bring' etwas! –

Maria. Gott sei Dank!

Teufel sich zum Gehen wendend. Ich glaub', ich hab's!

Gott-Vater. Bravo! Bravo!

Maria. Bravo! Bravo!

Christus. Bravo! Bravo!

Alle drei sich freudig erhebend, soweit es geht; leise in die Hände schlagend. Bravo, Teufel, bravo! Bravissimo!

Teufel sich empfehlend und im Abgehen ein Schnippchen schlagend. Ich komm' bald wieder! – Ab. – Draussen, wie er die Türe öffnet, erblickt er einige jüngere Engel, die gelauscht haben. Er packt den nächsten beim Flügel und zaust ihn tüchtig. Dieser läuft mit den anderen unter schrecklichem Geschrei davon. – Der Teufel, sieht man, öffnet draussen eine Falltür, durch die er hinabsteigt, und die er hinter sich schliesst. Die drei Gottheiten verschwinden bei der folgenden Verwandlung in die rechten Seitenkulissen.

Der Vorhang fällt.


 << zurück weiter >>