Oskar Panizza
Das Liebeskonzil
Oskar Panizza

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Erster Aufzug

Erste Szene

Der Himmel; ein Thronsaal; drei Engel in schwanenweissen federdaunartigen Anzügen mit enganliegenden, durch Schleifen gehaltenen Kniehosen, Wadenstrümpfen, kurzen Amorettenflügeln, weissgepuderten, kurzgeschnittenen Haaren, weissen Atlasschuhen; sie haben Flederwische in der Hand zum Abstauben.

Erster Engel. Heut steht ER wieder spät auf.

Zweiter Engel. Seid froh! Dieses Gehust', dieses wasserblaue Geglotz', dieses Schleimfliessen, Fluchen, Spucken den ganzen Tag – man kommt zu keinem gesunden Augenblick.

Dritter Engel. Ja, es ist merkwürdig da heroben!

Erster Engel. A propos! Ist der Thron festgemacht?

Zweiter Engel. Ja, um Gottes willen! Ist der Thron festgemacht? Er wackelte gestern.

Dritter Engel. Wer wackelte gestern?

Erster Engel. Der Thron, dummes Gänschen!

Dritter Engel verwundert. Der Thron? – Warum wackelt der Thron?

Erster Engel. Enfin, er wackelt eben.

Dritter Engel. Wie? Wackelt denn hier heroben überhaupt etwas?

Erster und zweiter Engel laut auflachend. Ha, ha, ha, ha! –

Dritter Engel immer ernster und erstaunter. Ja, warum wackelt der heilige Thron?

Erster Engel energisch. Dummes Gänschen! Weil hier sowieso alles aus dem Leim geht und lidschäftig wird, Götter und Möbel, Fransen und Tapeten.

Dritter Engel innerlich erbebend. Gott, wenn das meine Mutter wüsste!

Zweiter Engel stirnrunzelnd und höhnisch. Deine Mutter? – Was willst du denn mit deiner Mutter, Fratz?

Dritter Engel. Ach, sie liess doch heute die sechzigste Seelenmesse für mich lesen!

Erster und zweiter Engel mit wachsender Verwunderung. Für dich?! - Beide laut auflachend. Ja, wie alt bist denn du?

Dritter Engel sich besinnend und dann mit Pathos zitierend. »Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, und ein Tag wie tausend Jahre!«

Erster und zweiter Engel ihr abwinkend und sie zur Räson bringend; sehr breit. Ja, ja, ja, – is schon recht; das wissen wir schon! – Aber wie alt warst du denn drunten?

Dritter Engel kindlich. Knapp vierzehn Jahre!

Erster Engel lachend. Und da brauchst du Seelenmessen?

Dritter Engel zaghaft. Ach, ihr wisst ja nicht, ich bin ja gestorben!

Erster und zweiter Engel noch lauter lachend. Ha, ha, ha! Hi, hi! – No, natürlich, sonst wärst du ja nicht hier! –

Dritter Engel mit unverrückbarem Ernst. Ach, ihr wisst ja nicht, ich bin ja in Sünden gestorben!

Erster und zweiter Engel aufs neue lachend. Das auch noch! – Du armer Schlucker, was hast da denn getan?

Dritter Engel: stockt, schaut mit starren Augen ihre Genossinnen an und faltet die Hände.

Zweiter Engel: höhnisch. Hast deine Schulaufgabe nicht gelernt? – Hast Kleckse in dein Schreibheft gemacht?

Dritter Engel: immer in ängstlich-gespannter Haltung Ach, mir wird so bang; – nicht wahr, ihr sagt es nicht weiter?!

Erster und zweiter Engel sich ausschüttend vor Lachen. Was? Da heroben und nichts weitersagen?!

Dritter Engel: erstaunt. Was? Ihr wisst es schon?

Erster Engel. Nein! Aber sag's nur heraus; wir erfahren's doch!

Zweiter Engel. Also frisch! Was war's?

Dritter Engel. Ach, mich hat ein grosser Mann – erdrückt!

Erster Engel betonend. Erdrückt?

Dritter Engel. Oder vergiftet!

Zweiter Engel ebenso betonend Vergiftet?

Dritter Engel naiv. Ich weiss nicht mehr, wie die Mutter sagte.

Erster Engel mit wachsendem Erstaunen. Ja, war denn die Mutter dabei?

Dritter Engel mit glänzenden Augen erzählend. Die war im Nebenzimmer; – aber die Tür war halb offen; da kam ein grosser, alter Mann herein; – die Mutter hatte gesagt, ich sollte alles geschehen lassen; – der Mann sei der Rektor der Schule und sei sehr streng; – und wenn ich in allem gehorsam sei – käme ich unter die Ersten; – und der grosse, alte Mann –

Erster und zweiter Engel drängend. Nun, der grosse, alte Mann...?

Dritter Engel fortfahrend. ... war sehr stark.

Erster und zweiter Engel sich gegenseitig anschauend und die Kleine imitierend. Der grosse, alte Mann war sehr stark!

Zweiter Engel. So steht's im Ollendorf auch.

Erster Engel die Kleine aufrüttelnd. Nun, was tat denn der grosse, alte Mann?

Dritter Engel herausbrechend. Er drückte mich und vergiftete mich und bespie mich mit seinem heissen Atem und wollte in meinen Leib eindringen...

Erster und zweiter Engel die Hände zusammenschlagend, mit verstellter Verwunderung. Was? – Und die Mutter kam Dir nicht zu Hilfe?

Dritter Engel. Sie stand an der Türspalte und sagte immerfort: »Sei nur brav, Lilli, sei nur brav, Lilli!«

Zweiter Engel. Nun, und dann?

Dritter Engel. Dann lag ich schluchzend auf dem Bett.

Erster Engel. Und dann?

Dritter Engel sich besinnend. ... ich hörte dann noch die Mutter mit dem Manne reden...

Zweiter Engel. Was sprachen sie?

Dritter Engel sich tief besinnend. ... ich weiss es nicht mehr... sie waren schon im Nebenzimmer... ich hörte noch die Zahl fünfhundert...

Erster Engel. Und dann?

Dritter Engel sich immer länger besinnend. ... die Mutter kam herein... sie sagte, nun hätten wir viel Geld, und könnten lustig und vergnügt für immer leben... Die Gedanken gehen ihm aus.

Erster Engel drängend. Und dann? –

Zweiter Engel ebenso. Und dann? Und dann?

Dritter Engel fast verklärt. Dann bin ich gestorben.

Erster und zweiter Engel fahren, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, mit einem schrillen, lang anhaltenden, mädchenhaft-gilfenden Ton, wie um eine innere Erregung ausströmen zu lassen, auseinander und, wie zwei Kreisel pfeifend, in der weitesten Rundung im Saal herum; die Dritte noch immer in starr verklärter Stellung.

Erster Engel nach längerem Umhersausen, atemlos. Und da lässt dir jetzt deine Mutter für das viele Geld Seelenmessen lesen?!

Dritter Engel weinerlich-ängstlich. Ich bin ja in Sünden gestorben!

Zweiter Engel eindringlicher. Für die fünfhundert Mark oder Taler oder Franken lässt dir jetzt deine Mutter Seelenmessen lesen?!

Dritter Engel missverstehend-naiv. ... für einen Teil des Geldes.

Zwei ältere Engel kommen schnell hereingestürzt mit dem Ruf ER kommt! – ER kommt! – Ist alles parat? – Die drei fahren auseinander und machen sich an die Arbeit.

Erster Engel. Um Gottes willen, seht, ob der Thron fest ist! Einer der Engel macht sich am Thron zu schaffen. Andere Engel kommen inzwischen, bringen Decken, Polster, Kissen und dergl.

Zweiter Engel hopst auf den Thron und probiert ihn nach allen Seiten. Alles fix!

Erster Engel zum dritten, der noch scheu ist, Hand anzulegen, und verwundert dem ganzen Treiben zuschaut. Du, davon musst du mir noch mehr erzählen. – Jetzt stell' dich zu uns her!

Die zwei älteren Engel die bisher aussen an der Türe Wache gestanden haben, kommen jetzt, wie oben, eilfertig zurück, übermässig mit den Armen fuchtelnd, und mit dem gleichen Rufe ER kommt! – ER kommt! – Man hört draussen schlappendes und schleppendes Geräusch.


Zweite Szene

Die Vorigen; Gott-Vater, ein Greis im höchsten Lebensalter mit silberweissen Haaren, ebenso Bart, hellblauen wässerigen Glotzaugen, tränengefüllten Augensäcken, gebeugten Hauptes, kyphotischen Rückgrats, kommt in langem, talarartigem, missfarbigweissem Gewande, von zwei Cherubim rechts und links gestützt, hustend und brustrasselnd, schwerfällig tappend und nach vorn geneigt, hereingeschlappt; zwei Engel stehen am Thron und halten diesen; die übrigen stürzen auf die Knie, wenden das Gesicht zur Erde und breiten die Arme aus; hinter Gott-Vater ein endloses Kortege von Engeln, Seraphim, Türstehern, Aufwärtern, alles weiblich oder geschlechtslos, mit teils alltäglich-gelangweilten, teils fürwitzigen, teils ängstlich-besorgten Gesichtern, sowie einige nonnenartig gekleidete barmherzige Schwestern mit Medizinflaschen, Decken, Spucknäpfen und dergl. – Sie geleiten Gott-Vater langsam vorsichtig zum Thron, helfen ihm die zwei Stufen hinauf, indem sie unten seine Beine fassen und hinaufheben, drehen ihn dann oben um und lassen ihn langsam auf den im ältesten byzantinischen Stil gehaltenen, mit reichem Mosaik verzierten Sitz nieder, indem zwei vorne, zwei hinten und je einer an den beiden Seiten ihn teils stützen, teils in Empfang nehmen; ein letzter Engel trägt die Krücken nach.

Gott-Vater sinkt mit einem verzweifelnd ausgestossenen, lebenssatt-rauhen Exspirationsseufzer auf den Thron nieder. Ach! – Glotzt dann starr und bewegungslos, aber schwer atmend vor sich hin.

Alle Engel, auch die bis dahin in adorierender Stellung gewesenen, in hastig hin- und herlaufender Bewegung.

Cherubim in flüsternd-drängendem Befehlston. Die Fussbank!

Ein Engel bringt eilig das Gewünschte. Die Fussbank.

Cherubim die Fussbank untersetzend; wie oben. Die Wärmeflasche!

Ein Engel bringt sie. Die Wärmeflasche.

Cherubim wie oben. Den Fusssack!

Ein Engel eilig. Den Fusssack.

Cherubim wie oben. Die Steppdecke!

Ein Engel bringt sie, eilig. Die Steppdecke.

Cherubim wie oben. Die Schlummerrolle!

Ein Engel bringt sie. Die Schlummerrolle.

Cherubim wie oben. Den Rückenwärmer!

Ein Engel bringt ein sechsfach zusammengelegtes weiches Flanellstück. Den Rückenwärmer.

Cherubim immer hastiger befehlend. Die Armpolster!

Ein Engel bringt zwei Hohlkissen für die Armlehnen. Die Armpolster.

Cherubim wie oben. Das Foulard!

Ein Engel bringt ein kirschrotes Seidentuch. Das Foulard.

Während der Cherubim das Tuch um den Hals des Greisen windet, hört man

Gott-Vater unartikuliert-rauh stöhnen und jammern. Äh! – Äh! – Äh! – Äh! –

Verschiedene Engel. Wo fehlt's? – Was ist? – Helft! Helft! – Wo fehlt's? –

Gott-Vater mit vorgebeugtem Kopfe weiterstöhnend. Äh! – Äh! – Äh! – Äh! –

Alle Engel sammeln sich in grosser Bestürzung um den Thron; einige knien nieder und schauen ängstlich – Helft! – Helft! – – Wo fehlt's? – Wo fehlt's? – Göttliche Majestät, wo fehlt's? – ER stirbt uns! – Holt Maria! – Holt den Mann – Helft! – Helft! –

Gott-Vater weiterstöhnend; wird engourdiert im Gesicht; aus den Augensäcken rollen grosse Tränen infolge der Anstrengung. Äh! – Äh! – Schu! – Schpu! – Schpu! –

Ein Engel springt auf, triumphierend, mit heller, lauter Stimme. Die Spuckschale!!

Alle Engel aufspringend, in klirrendem Diskant, erlösend. Die Spuckschale!!

Alle eilen zu einem Tisch, wo Medizinflaschen, Weinkaraffen, Biskuitgläser u. dergl stehen und bringen eine rosarote Kristallvase.

Gott-Vater räuspernd, kollernd, sich abmühend, erleichtert sich endlich.

Ein Engel nimmt die Spuckschale zurück, trägt sie, von anderen begleitet, feierlich nach hinten: ein anderer Engel wischt dem Alten mit einem seidenen Tuch den Bart ab; dann stehen alle Anwesenden, dicht gesammelt, erwartungsvoll um Gott-Vater herum. – Dieser schaut erst lange mit glasig-starren Blicken im Kreise umher, packt dann plötzlich mit zitternden Händen die Krücken, die ihm im Schoss liegen, und stösst sie mit unerwartetem Ruck und heiserem, fürchtenmachendem, fingiertem Gebrüll gegen die Engel vor: »Wuh! – Wuh! –« Die Engel fahren kreischend auseinander und fliehen zu den Türen hinaus. – Nur ein Cherubim bleibt zurück, der kniend, mit in den Händen vergrabenem Gesicht, sich vor ihm niederwirft. – Lange Pause. –


Dritte Szene

Gott-Vater. Ein Cherubim; dieser, ein geschlechtsloser Engel, gefitticht, weiss, sehr schön von Angesicht, im Charakter des Antinous, kniet während der ganzen Szene.

Gott-Vater nachdem er lange auf ihn herabgesehen, sehr ruhig, mit tief genommenem Bariton. Rollt die Erde noch in ihren Sphären? –

Cherubim die Augen aufschlagend, feierlich. Die Erde rollt in ihren Sphären! – Pause.

Gott-Vater wie oben. Ist die Sonne schon aufgegangen?

Cherubim zögernd. Die Sonne steht, heiligster Vater!

Gott-Vater ruhig-unbekümmert. Steht die Sonne ? – Ach so, ich hab' vergessen. – Ich sehe sie ja fast nicht mehr! –

Cherubim. Was machen deine Augen, ehrwürdiger Vater? –

Gott-Vater. Schlecht! – Schlecht! – Gott, ich bin alt geworden! –

Cherubim feierlich. Vor dir sind tausend Jahre wie ein Tag! –

Gott-Vater. Ja, ja; aber schliesslich gehen die auch herum!

Cherubim. Du wirst wieder besser werden, göttlicher Greis!

Gott-Vater. Nein, ich werde nicht wieder besser werden! Ausbrechend. Gott, ist das schrecklich, alt zu sein! – Gott, wie ist das schrecklich, das Alter auch noch ewig leben zu müssen! – Grässlich, ein blinder Gott zu sein!

Cherubim Du wirst wieder sehend werden, göttlichster, heiligster Vater! –

Gott-Vater bestimmt. Nein, ich werde nicht wieder sehend werden! – Ich werde immer älter, zerbrechlicher und elender! Gott, wenn ich sterben könnte!

Cherubim sanft. Du wirst nicht sterben! – Du kannst nicht sterben! – Du sollst nicht sterben!'

Gott-Vater gerührt, leise weinend. Ach, meine Glieder, sie sind gekrümmt, verschwollen, wassersüchtig, kontrakt, verdorben.. . streicht die Knie hinab.

Cherubim rutscht ganz nahe zu ihm hin, legt seinen Kopf auf das Knie und streichelt mit der Hand das andere; leise wimmernd, mit tiefer Teilnahme, den Alten kindlich imitierend. Deine Glieder sind gekrümmt, – sind geschwollen, – sind wassersüchtig, – sind kontrakt, sind verdorben... Ach! – Ach! –

Gott-Vater intensiver weinend. Meine Füsse sind vergichtet, verknorpelt, brennend vor Schmerzen, zuckend und zerrissen...

Cherubim rutscht hinunter auf die Füsse des Alten, liebkost sie, weint und jammert. Deine Füsse sind vergichtet, – sind verknorpelt, sind brennend vor Schmerzen, – zucken und sind zerrissen... Ach! – Ach! –

Gott-Vater bricht in heftiges, schmerzhaftes Schluchzen aus. Ach! – Ach! –

Cherubim stürzt sich ganz zu Boden und umschlingt beide Füsse, sein Gesicht in denselben schluchzend verbergend. Ach, mein Gott! Mein Gott! –

Gott-Vater will sich gerührt vorbeugen, streckt beide Arme nach dem Knaben aus, kann ihn aber nicht erreichen, während dicke Tränen auf den Kopf des Cherubim herabtropfen.

Cherubim dessen gewahr, schnellt empor und bringt sich, in halb kniender Stellung den Körper des Alten umschliessend, ihm entgegen.

Gott-Vater ergreift in heftiger Leidenschaft den Kopf des Knaben mit beiden Händen, druckt sein nass-verschwommenes Gesicht an dessen Wangen und küsst, von Schluchzen unterbrochen, brünstig dessen Stirne, Augen, Haare. Beide, in Tränen aufgelöst, ruhen, während der heftige Ausbruch des Alten zu versiegen beginnt, in stummer Umarmung aneinander. – In diesem Augenblick klopft es draussen.

Cherubim fährt empor. Es ist jemand draussen!

Gott-Vater müd. Sieh, wer es ist!

Cherubim nachdem er sich an der Tür flüsternd erkundigt, kommt er zurück. Ein geflügelter Bote ist draussen, der will dir Nachricht bringen; er tut sehr eilig.

Gott-Vater gleichgültig. Lass ihn herein! –


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