Fritz Müller-Partenkirchen
Der Spursucher
Fritz Müller-Partenkirchen

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Der blinde Passagier

Der Zwiespalt wird wohl immer bleiben: Dem Verwalter ist die Ernte alles, dem Verwaltungsrat die Zahlen.

Einmal aber war mir das Unglaubliche doch gelungen: Meine Oberen waren mit den Zahlen meines Rechenschaftsberichtes um und um zufrieden. So zufrieden, daß das noch Unglaublichere geschah: sie verehrten mir ein Auto. Ohne daß ich vorher eine Ahnung hatte, spie's der Dampfer eines Tages aus, und da stand es vor der Türe, zwei Führersitze vorne und dahinter einen Notsitz.

Im Handumdrehen hatte ich gelernt zu fahren. Schwerer war es, irgendwen zu überreden, mitzufahren. Ob sie meinem Auto denn nicht trauten? Meinem Auto schon, bekannten sie verlegen, aber . . . und verstummten.

Was blieb mir anders übrig, als auf meine Frau zurückzugreifen? Nicht, als sagten Frauen niemals »aber« – gar wenn es die eigene Frau ist – aber man kann dieses Aber doch besiegen. Nicht mit einem dreigestrichenen Aber, denn das riefe nur ein viergestrichenes auf den Plan, aber mittels fünfgestrichener Güte.

»Gut,« sagte sie, »versprich mir aber, daß der rote Zeiger vorne keine 25 Kilometer in der Stunde überschreitet.« 66

»Fünfundvierzig meinst du?«

»Höchstens dreißig,« sagte sie, »auf halbem Wege komm' ich dir entgegen.«

Ich seufzte: »Halber Weg? – das heiß ich rechnen!«

»Es handelt sich ums Fahren, nicht ums Rechnen.«

Womit sie recht hatte, wie immer.

Nun, ich muß sagen, sie fuhr tapfer mit. Den roten Zeiger vorne ließ sie freilich nimmer aus den Augen. Ich bekenne weiter, daß er, war die Frau im Wagen, niemals dreißig überschritt. Nein, bitte sehr, an diesem Zeiger ließ sich gar nichts »mankeln«, er war unbestechlich. Weniger das Zifferblatt dahinter, das sich drehen ließ. Nun, auch Frauen pflegen sich von Zeit zu Zeit zu drehen und ein wenig anders einzustellen, warum soll's ein Zifferblättlein, vom Kontrollblick meiner Frau verängstigt, nicht geradso machen?

Mehr als einmal hab' ich es versucht, heraufzuhandeln – »Gib dir keine Mühe,« sagte sie, »ich bleibe fest. Ihr Männer in der Kolonie pflegt augenzwinkernd zu behaupten, daß wir Frauen keinen Grundsatz anerkennten – diesmal will ich euch das Gegenteil beweisen.«

»Du beweist damit nichts weiter, als daß du ängstlich bist.«

»Ich bin nicht ängstlich.«

»Du widersprichst dir selbst, Verehrte – ein Beweis dafür, daß ihr Frauen ängstlich und nicht logisch seid.«

»Ich bin, wenn's darauf ankommt, weder ängstlich noch unlogisch.« 67

»Wann kommt's drauf an?«

»Wenn's der Mühe wert ist – laß uns jetzt zum Essen gehen, das ist augenblicklich mehr der Mühe wert, mein Lieber.«

»Tja, da bin ich nun der Herr im Hause, bin der Herr auch über tausend Kulis in der Pflanzung, hab' die größere Logik und den größeren Mut noch obendrein und muß dennoch mich belehren lassen, daß das – Essen augenblicklich mehr der Mühe wert ist.«

»Einmal ist's das Essen, einmal ist's was anderes –«

»Das Gegessenwerden etwa?« hieb ich grimmig in die volle Schüssel.

»Das Gegessenwerden?« lachte sie. Plötzlich wurde sie nachdenklich: »Man soll nichts verreden,« murmelte sie, »es ist alles möglich –«

– »bei euch Frauen,« schloß ich das Gespräch.

Ich sehe einen Leser lächeln: Daß sich der Verfasser so genau noch auf die Reden und die Gegenreden jener Zeit besinnen kann?

Dieser Leser hat nicht unrecht, wenn ihm solche Reden von vor fünfundzwanzig Jahren etwas flunkerhaft erscheinen. Daß sie es in meinem Falle nicht sind, daß mich das Gedächtnis daran noch nach weiteren fünfundzwanzig Jahren nicht im Stiche lassen wird, hat einen ganz besonderen Grund – einen Augenblick, ich bin dabei, auch diese ganz besonderen Gründe nachzutragen.

Es war wieder einmal eine Monatsrechnung fällig. Ich schloß seufzend meine Türe: Zwei Tage wieder über Ziffern brüten, zusammenzählen, abziehen, 68 vermehren, teilen, Fehler suchen, die sich boshaft zwischen allerlei Gestrüpp versteckten, und Guguuck – fang mich! mit mir armen Teufel spielten – o, wie hatten's unsere tausend Kulis auf den offenen, sonnenüberspielten Feldern draußen so viel schöner! – Guckte da nicht einer von der Höhe drüben durch den wehenden Fenstervorhang in mein Arbeitszimmer, also denkend: Ach, wie hat es unser Herr in seinem kühlen Arbeitszimmer so viel schöner als wir armen, von der Sonnenhitze ausgedörrten Kulis? Der liebe Gott hat es nicht leicht, es allen seinen Kindern recht zu machen. Bis heute hat er's erst so weit gebracht, daß jeder alle und daß alle jeden Tag, ja oft im Schlafe noch, beneiden.

Die beiden Tage Rechnerei waren vorbei. Allen Rechenfehlern war ich auf die Spur gekommen, die Monatsrechnung stimmte – hinein mit ihr in einen Briefumschlag nach Amsterdam, zugeschlossen, Marke drauf und – »Frau, ins Auto, daß wir uns erholen!« Wir? dachte sie und lächelte: Erholen?

Richtig, du dich von deiner Rechnerei, und ich mich von – von dir.

I, bewahre, daß sie so was sagte, aber wenn sie so was dachte – wär's verwunderlich gewesen bei der schlechten Laune ihres Mannes in den gottver-segneten Abrechnungstagen?

Als wir in das angekurbelte Auto stiegen, sagte sie noch nebenbei: »Ein wenig spät schon, ich vermute, daß die Dunkelheit uns überfallen wird.«

Das war sicher keine Widerrede, die es unternahm, mich abzuhalten. Aber etwas schwang in ihrer 69 Stimme wie ein leise schwirrender warnender Metallton: Bleib zuhause! Ihr selber sicher unbewußt, bewußt nur für empfangsbereite Ohren! Wann aber wären jemals Ohren eines Mannes, der sich etwas vornimmt, für die unbewußte Warnung einer Frau empfangsbereit gewesen?

»Spät? Vom Dunkel überfallen werden?« fuhr ich schnarrend an und lachte, »du vergißt die wunderbaren Reflektoren, die wir haben – fünfzehnhundert Kerzen, weißt du denn, was fünfzehnhundert Kerzen eigentlich bedeuten?«

»Nichts,« sagte sie langsam und mechanisch.

»Wie nichts, was nichts!« fuhr ich auf.

»Hab ich ›nichts‹ gesagt?« schreckte sie zusammen.

»Was denn sonst?«

»Dann – dann hab's nicht ich gesagt – nicht ich –«

»Wer sonst denn?«

»Es,« sagte sie leise.

»Was heißt ›es‹?« sagte ich ungeduldig.

»Das – das weiß ich nicht – das weiß niemand. Wenn – wenn – ja, jetzt weiß ich's doch: Nichts sind fünfzehnhundert Kerzen, wenn's drauf ankommt.«

Ich zuckte meine widerspruchsungewohnten Verwalterschultern. Weiberreden, dachte ich, und schaltete den nächsten Gang ein. Ich hatte ganz vergessen, das Zeigerblatt ein wenig vorzudrehen.

Da, eine leichte Hand auf meiner Schulter: »Du versprachst mir, niemals mehr als dreißig Kilometer in der Stunde –«

Ich tat, als könnte ich vor Surren nichts vernehmen, und fuhr weiter. 70

Es wurde eine jener Fahrten, wie sie Leute machen, welche hinter ihre Binde eins zu viel gegossen haben. Überarbeit wirkt am Ende fast wie Alkohol. Wie der Alkohol zerrt sie, dem Lenker unbewußt, die Hand nach »Vollgas geben, mehr noch, mehr!«

Der Kilometerzeiger sprang und sprang. Auf meiner linken Schulter – ich vermied es hinzusehen – keine Hand mehr, welche leise warnte. Frauen scheinen, ging mir's höhnisch durch die Sinne, auch imstand zu sein zu schweigen, wenn's drauf ankommt.

Aber gerade dieses Schweigen gab mir die Besinnung wieder. Das war freilich erst auf unserem Heimweg.

Die Nacht war eingefallen. Keine jener zahmen Nächte, wie sie uns vertraut sind in Europa. Die Tropennacht ist etwas Grauenhaftes. Sie schlägt um dich den undurchdringlich dichten Sammetmantel, wie ihn ein Verbrecher um sein Opfer schlägt, das er ersticken will. Die Nacht ist keines Menschen Freund – dem Dichter muß es von den Tropen her berichtet worden sein.

Scheinwerfer angedreht! Fünfzehnhundert Kerzen kämpften gegen eine Tropennacht den aussichtslosen Kampf. Nur auf einem engumgrenzten Lichtkreis konnten sie sich, mühsam zischend, vor der Tropennacht behaupten. Einen halben Meter weiter wurden sie von ihr verschluckt, rettungslos.

Wir waren nicht mehr weit vom Dorfe. Ich mäßigte die Schnelligkeit noch weiter. Ich schämte mich ein wenig, daß ich vorhin gar so sinnlos darauf losgefahren war. Immerhin war ich verbissen männlich 71 noch genug, die alte Schnelligkeit von neuem einzuschalten, wenn ich es von links her hätte sagen hören: »Bist du endlich doch gescheiter!« oder doch so ähnlich. Nichts hörte ich von links. Sieh mal, dachte ich, schon minder höhnend, sieh mal, Frauen können wirklich schweigen, wenn's drauf ankommt. Und ich fuhr immer langsamer. So langsam schließlich, daß das linde nächtliche Sausen in den Bäumen am Wege noch zu hören war.

»Mir ist,« die Stimme neben mir, »mir ist, als käme uns etwas entgegen –du vergißt nicht abzublenden, gelt?«

»Wenn es nötig ist – nicht früher,« murrte ich zurück.

Eine Hand krampfte sich in meine linke Schulter: »Dort – dort – ein – ein Auto!«

»Unsinn!«

»Ich – ich sehe seine – seine beiden Lichter!«

»Täuschung, weiter nichts!«

Ein Schwirren und ein leichtes Zittern unseres Wagens. Die Fingernägel meiner Frau begannen sich durch meinen Tropenrock hindurchzugraben. Gerade noch, daß ich im sanften Rückwärtsflimmern des Scheinwerferlichts erkennen konnte, wie es ihr den Kopf nach rückwärts riß, wie er einen Augenblick lang zu erstarren schien, wie sie aber dann ganz ruhig wieder das Gesicht zu mir herwandte, wie sie, wieder lächelnd – klang es nicht wie Scherzen? – sagte: »Wenn du etwas schneller fahren wolltest?«

»Schneller? Ist denn das dein Ernst?«

»Gewiß, mein voller Ernst!« 72

»Da sieht man's wieder,« lachte ich rechthaberisch in die dicke Tropennacht hinein, »da sieht man's wieder: Früher nicht langsam genug – jetzt nicht schnell genug – Logik ist nicht eure Sache – gibst du's endlich zu?«

Sie nickte. Ein wenig starr, so schien's mir. Da gab ich ihrer Laune nach und gab wieder Gas.

»Noch schneller, bitte!«

Ich schüttelte den Kopf: »Weiber, Weiber, Weiber!«

»Bitte, bitte: schneller noch!«

»Zum Donner auch, wir sind ja fast am Dorf – ich könnte jemand überfahren!«

Sie nickte nur. Ich böse: »Soll das heißen, daß ich Jemand überfahren soll, he – oder, was soll's heißen?«

Ganz dicht an meinem Ohre und ganz zärtlich: »Es soll heißen, Liebster, daß du – mir zu lieb – noch schneller fahren müßtest!«

Da, hatte sie mich nicht eben jetzt ins Ohr gebissen? Wie in einer langversunkenen Hochzeitsnacht? War sie verrückt geworden, daß sie jetzt das wiederholte? War es irgend eine dunkle, teuflische Berechnung? Kenn' sich einer aus bei Frauen!

Wahrhaftig, zum zweiten Male hatte sie gebissen, spitz und wild – ich fühlte einen Tropfen warmen Blutes in der kühlen Tropennacht am Ohr herunterrinnen.

»Bitte, bitte, bitte – schnell, schneller, am schnellsten, Herz, mein Herz!«

Da gab ich's auf – zeig mir einer jenen Mann, der da nicht nachgegeben hätte? Der nicht die höchste, die wahnwitzigste Schnelligkeit eingeschaltet hätte! 73

Das Dorf war da. Wir fuhren's rasend, dröhnend an. Leute sprangen auf die Seite. Ihre Schatten sah ich links und rechts vom Wagen tanzen. Mir war's, als würfen sie die Arme, als schrien sie, als zeigten sie auf uns – nein, nicht auf uns – die Schnelligkeit 74 des Wagens mußte ihre Zeigefinger irrend abgebogen haben, daß sie sich in den leeren Raum hinter unserem Rücken bohrten.

Der Dorfplatz konnte nicht mehr weit sein. Nicht nur Kulis und Malaien stoben jetzt vor dem verrückten Wagen auf die Seite – Weiße, Freunde schien ich zu erkennen – verflucht nochmal, was hatten sie – sie hoben ihre Flinten! War die ganze Zeit verrückt geworden, daß der Weiße auf den Weißen zielte – nein, sie zielten nicht auf uns – haha, auch ihre Flintenläufe bog es komisch ab in unseren Rücken . . .

Ha, dort war der Dorfplatz und dadrüben unser Haus – abgedrosselt das Gas! Die Bremsen nacheinander angerissen! Der Wagen hielt mit einem so grausamen Ruck, daß er zu zerreißen schien. Kaputt! konnte ich noch denken, der Wagen ist verloren – und das dank' ich diesen – diesen Frauenlaunen!

Aber da hatte sie schon den Schlag aufgerissen, war hinausgesprungen, gab mir – sonderbarerweise zärtlich zitternd, aber doch mit solch entschiedener Bewegung, daß mir zu folgen übrig blieb – gab mir die Hand: »Darf ich bitten, mein Gemahl!« und half mir heraus aus dem rauchenden Wagen.

Dann wendete sie sich an – rings erhobene Büchsen: »Jetzt, meine Herren, könnt ihr treffen, ohne uns zu treffen!«

Sie deutete auf den Rücksitz.

»Zum Teufel auch!« schrie ich, »was soll denn alles das bedeuten!!«

Wieder deutete sie auf den leeren Rücksitz. 75

Leer? Er war nicht leer. Eine dunkle, geschmeidige Masse erhob sich senkrecht aus den Polstern, eine von der rasenden Schnelligkeit und dem plötzlichen Halt verwirrte Masse: Ein Tiger.

Die Salve krachte.

Seit diesem Abend hab' ich nie mehr wiederholt, die Frauen seien ängstliche und unlogische Geschöpfe. Sie sind alles andere eher, wenn's drauf ankommt. 76

 


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