Fritz Müller-Partenkirchen
Der Spursucher
Fritz Müller-Partenkirchen

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Der Spursucher

Ich war damals vom Gehilfen zum Verwalter aufgerückt. Ein Verwalter einer Pflanzung ist in Sumatra ein kleiner König. Über ihm steht allerdings der Hauptverwalter. Aber der ist hundert Kilometer weit. Ihm unterstehen ein paar Dutzend Pflanzungen im Umkreis vieler Tagereisen. Sein Auge kann sie nicht bestreichen, noch weniger seine Füße. Er muß Zuflucht zu der Feder und zu Boten nehmen. Sie reiten aus mit den Erlassen unseres Hauptverwalters und reiten wieder heim mit unseren Berichten und unseren Abrechnungen. Die 6 Berichte häufen sich auf seinem Schreibtisch, bis sie kleine Pfeiler bilden.

Auf diesen Pfeilern ruht sein Thron. Er muß sie nehmen, wie sie sind. Sind die Pfeiler falsch, so stürzt sein Thron. Drehen wir das Fernrohr um, so sehen wir es recht: Unser Angestellter war der Hauptverwalter.

Vom Aufsichtsrat in Amsterdam, der überm Hauptverwalter steht, zu schweigen. Fünfundzwanzigtausend Kilometer waren bis nach Amsterdam. Die wahre Einsicht geht auf solchem langen Weg verloren. Seien wir doch ehrlich: Die wahre Einsicht ist es gar nicht, die der Aufsichtsrat in Amsterdam erwartet, der Kabelstrang hinüber wartet ja im Jahre nur auf eine Nachricht, welche Dividende können wir verteilen?

Womit bewiesen ist, ich war ein kleiner König. Freilich, auch mein Thron besaß der Füße viele, mit denen er zu stehen oder auch zu fallen hatte: Die weißen Gehilfen, die braunen Malaien, die gelben Kulis. Durch das Perspektiv in deren Händen sah sich's so an: Ihr Angestellter war ich, von ihrer Treue hing ich ab.

Gesetzt den Fall, die tausend Kulis streikten an dem Tage, da das Deckblatt unserer Tabake auf den Feldern eine ganz bestimmte Farbe zwischen gelb und bräunlich zeigte – was soviel besagte als: Am nächsten Tage wird geerntet. Gesetzt den Fall, die tausend Kulis ließen mir am Abend vorher sagen, daß sie alle Leibweh hätten, daß sie einen Tag lang mit der Arbeit feiern müßten, nur den einen Tag? 7 Die Arbeit eines ganzen langen Jahres wäre für die Katz gewesen, oder für den Tiger, wie man dortzulande sagte. Tiger sind am Ende auch nur Katzen.

Daß ich's also eingestehe: Mein neugebackenes Verwalterkönigtum war nach oben und nach unten zwischen unberechenbaren Dingen eingekeilt auf Gedeih und Verderb, und um jedes Händepaar unter mir, auf dessen Treue ich mich ganz verlassen hätte können, hatte ich zu werben jeden langen Arbeitstag hindurch, bis mir – dem »König« – meine müden Augendeckel zufielen.

Mit solchen oder ähnlichen Gedanken und angetan mit der Verwalterwürde, meiner funkelnagelneuen, bin ich einmal eines freien Tages durch die Wälder hingegangen, im Gewehr die Ladung für das Kleinzeug, heimlich aber in der Tasche auch die großen Kugeln für den Kerl, der allein in diesen Breiten wirklich unabhängig war nach oben und nach unten, für den wahren König dieses Landes, seine Majestät den Tiger.

Freilich, wäre ich ihm damals unversehens schon begegnet – ich weiß nicht, was mehr geschlottert hätte, meine Tasche mit den heimlichen Kugeln oder das neue Verwalterherz.

Nun, ich bin ihm nicht begegnet. Man begegnet niemals dem, wovor der eigene Tascheninhalt heimlich schlottert. Nicht einmal auf Kleinzeug stieß ich jenen Tag. Mißmutig schlug ich um den späten Nachmittag den Rückweg ein.

Die tausend Taggeräusche, die der Urwald ausstößt, klangen langsam ab. Stiller ward es, immer stiller. 8 Schließlich so still, daß der wandernde Fuß im Raschellaub des Waldbodens manchmal anhielt, um die heilige Stille einen Augenblick lang gänzlich in sich aufzunehmen.

So stand ich, aufs Gewehr gestützt, und sah verloren vor mich hin. Plötzlich riß es mir die Augen auf, weit auf. Ich fing zu zittern an. Ich sah etwas, nein, glaubte was zu sehen, was so unglaublich war . . . keinen Tiger also, denn ein Tiger ist auf diesen Inseln mehr als glaublich.

Keinen halben Meter weit war ein Laubhaufen. Das Laub, von Menschenhand zu einem kleinen Hügel aufgetürmt. Aus der Spitze des Laubhaufens sah ein Kopf. Ein Menschenkopf. Kein Leib war sichtbar, nur der Kopf. Der Kopf schien tot. Aber als ich einen Ruf des Schreckens ausstieß, schlug der Kopf ganz langsam, o so langsam, müde Augen auf und sah mich an. Still und ergeben und nur eine stumme Bitte in den fast erloschenen Augensternen: Laß es gut sein, stör' mich nicht und laß mich sterben.

Ich erfüllte nicht die Bitte. Ich warf mein Gewehr hin. Ich kniete mich nieder. Ich scharrte, wie ein Jagdhund scharrt, den Laubberg fort. Das Laub spritzte nach allen Seiten. Ein Körper lag bloß, ein ausgemergelter junger Malaienkörper.

Er ließ es geschehen. Er hätte es nicht wehren können. Er schloß die Augen wieder: Mach, was du willst mit mir. Ich stützte ihm den Kopf. Ich flößte ihm aus meiner Flasche kalten Tee ein. Sein Gaumen machte Schluckbewegungen, von denen der Geist nichts wußte. Die Augen blieben dabei geschlossen. 9

Ich wartete die Wirkung ab. Es dauerte lange, bis die Augen wieder offen waren. Ihr Ausdruck war ein wenig frischer. Ich flößte vorsichtig Rum hinterher ein. Der Körper begann sich leicht zu schütteln. 10

Ich wartete wieder, immer noch den Kopf des Malaien stützend.

Ich weichte Zwieback ein. Er konnte ihn nicht schlucken. Gut, daß ich auch noch etwas Milch bei mir hatte. Die gab ich ihm tropfenweise ein. Langsam kam Blut zurück ins fahle Angesicht. Er bemühte sich zu sprechen. Es gelang ihm nicht vor Schwäche. Ich winkte ab, das alles habe Zeit bis später, jetzt nur Geduld, Geduld, Geduld . . .

Mit den Augen dankte er. Dann schlossen sie sich wieder. Atemzüge, lange Atemzüge. Der Erschöpfte schlief. Schlief eine Stunde etwa. Als jetzt sein Auge wieder aufging, schien's fast hell. Der abgezehrte Arm hob sich. Er wollte mir die Hand reichen. Es ging noch nicht. Ich saß still und strich ihm leicht über die hellbraune Stirn, auf der einige Schweißperlen sichtbar wurden. Gewonnen!

Ich gab ihm wieder Milch zu trinken. Jetzt konnte er die Flasche selber halten. Er sah zu mir auf: Die Treue eines Hundes brach aus seinen auferstandenen Augen. Er sagte es mir nicht. Wozu auch, es stand deutlich da: Das werde ich dir nie vergessen, weißer Mann!

»Wie heißt du?« fragte ich nach einer Weile.

»Dschudi«, kam es flüsternd.

»Dschudi«, sagte ich, »hör' mich an: Es ist nicht mehr weit zur Pflanzung. Aber tragen kann ich dich nicht, wenn du auch gar nicht schwer bist. Es wird dunkel. Im Dunkel kann man keinen Körper durch den Urwald tragen – du weißt das?«

Er nickte dankbar. Er machte eine Handbewegung. Geh du fort und laß mich hier, hieß die Bewegung. 11

Ich war unschlüssig. Sollte ich ihn wieder in seinen Laubberg einscharren und morgen früh mit Trägern wiederkommen?

Seine zweite Handbewegung deutete auf meine Lebensmittel: Dalassen, hieß das.

Wenn ich sie ihm daließ, nahm er in der aufgewachten Lebensgier gewiß zuviel davon auf einmal und war dann erst recht verloren. Nein, ich hatte dazubleiben und ihm selbst von Zeit zu Zeit zukommen zu lassen, was meine Samariterkenntnis für die Tropen für genügend hielt. Zudem ging es weiter gegen Abend und der Heimweg schien auch für mich allein schon fast unmöglich.

Von allen diesen Überlegungen sagte ich ihm nichts – ein Mensch, der eben noch auf einem schmalen Grate zwischen Tod und Leben turnte, würde doch darauf nichts geben.

Ich richtete mein Lager, so gut es ging, an seiner Seite, scharrte für uns beide Laub herbei, solange es noch ein wenig hell war und fuhr fort, ihm in abgeschätzten kleinen Zwischenräumen weiter kleine Nahrungsmengen tastend einzugeben.

Die Nacht war gekommen. Mühsam hielt ich meinen Schlaf auf. Gegen Mitternacht mußte ich, die Teeflasche in der Hand, gegen meinen Willen eingeschlafen sein.

Ich wachte erst am hellen Morgen auf und griff rasch nach rechts, wo mein Gefährte liegen mußte. Er lag nicht mehr da. Er stand vor mir, gesund und lächelnd. Ich hatte die Rückgewinnungskraft des Lebens europäisch eingeschätzt, anstatt malaiisch. 12 Auf meinen schwach bedeckten Füßen sah ich einen Fetzen seines eigenen Gewandes liegen. Er hatte lieber selbst gefroren im letzten Teil der Nacht.

Zu einem knappen Frühstück reichten meine Mundvorräte für uns beide noch. Wir saßen still im falben Morgenlicht des Urwalds, der aus hunderttausend Stellen zugleich sein sinnverwirrendes Tageskonzert anhub.

Bei einem Blick zur Seite sah ich einen Dolch und ein offenes Lederbeutelchen mit ein paar weißen Körnern darin: Salz.

Ich deutete auf beides. Wenn er sprechen wollte, jetzt war er sicher dazu fähig.

»Ja«, sagte er, »gehört mir. Der Dolch und der Salzbeutel war alles, womit mein Vater mich in den Urwald geschickt hat, als es das letzte Mal Vollmond war.«

»Damit bist du einen Monat ganz allein herumgeirrt?«

»Ich mußte, Herr, ich war schuldig.« Er schwieg.

Ich sah ihn von der Seite an: »Du schaust nicht aus wie ein Verbrecher.«

»Es ist keiner sicher davor, Herr, wenn eine Frau im Spiele ist.«

»Hm!«

»Zwischen mir und meinem Freunde war es so.«

»Wie ›so‹?«

»Eine Frau dazwischen.«

»Du hast deinen Freund –?«

Er hatte sich abgewendet. Erst nach einer Weile hub er wieder an zu reden: »Ich bin von keiner kleinen 13 Herkunft, Herr. Mein Vater ist ein Rajak – ihr wißt doch, was ein Rajak ist?«

»Der Bürgermeister einer größeren Dorfgemeinschaft.«

Er nickte. »Der Rat der Ältesten kam zusammen. Genau die Hälfte sprach mich schuldig, genau die Hälfte sprach mich frei. Ihr wißt, der Rajak gibt den Ausschlag.«

»Auch wenn er vorher schon mitgestimmt hatte?«

»Mein Vater hatte mitgestimmt.«

»Wie!«

»Wie ein Vater stimmen muß, wenn's um das Leben seines Sohnes geht: Frei.«

»Und als er dann den Ausschlag geben mußte –?«

»– war er der Rajak, nicht mein Vater, und hat mich schuldig sprechen müssen. Diesen Dolch und diesen Beutel Salz hat er mir hingereicht mit einer Hand und mit der anderen auf den großen Wald gezeigt, dann in der Luft einen großen Kreis gezeichnet, der sich nicht schloß.«

»Hieß das: Nie mehr darfst du in das Dorf zurück?«

Er nickte wieder: »Erst ging's mir gut, dann schlechter. Ich übertrat mir meinen Fuß. Bis er von selbst ausgeheilt war, ging die erjagte Nahrung auf die Neige. Ich war zu schwach geworden, um mit meinem Messer das Wild einzuholen. Es ging immer schlechter. Gestern abend dachte ich, nun sei es Zeit zum sterben – Ihr habt mich gerettet. Könnt Ihr mich denn brauchen?«

»Wir wollen es versuchen, Dschudi, komm!« 14

»Gerne, Herr«

Er ging hinter mir. Einmal drehte ich mich um: »Was bist du eigentlich, Dschudi?«

»Ich sagte es Euch schon, eines Rajaks Sohn.«

»Das ist viel und das ist wenig. Ich meine, was du kannst. In Euren Dörfern ist doch auch die Arbeit irgendwie verteilt. Was machtest du?«

»Ich bin der Spursucher, Herr. Ich war der beste Spursucher weit und breit, Herr. Es steckt in mir. Ich finde alle Spuren. Sucht man auf deiner – wie nanntest du es gleich?«

»Pflanzung.«

»Sucht man auf deiner Pflanzung keine Spuren, Herr?«

»Wir pflanzen Tabak, wir ernten Tabak, wir lagern Tabak, wir betreuen den Tabak, wir lassen den Tabak gären, wir verpacken den Tabak, wir schicken ihn nach Amsterdam, das ist unsere Arbeit.«

»Und wer bei euch sucht Spuren?«

»Wir alle, Dschudi, wir alle suchen Spuren nur des einen Wildes, des Geldes

Er schüttelte traurig den Kopf: »Ich kenne dieses Wild nicht.«

»Es ist ein Wild des fernen Westens. Wir haben es hier eingeführt. Es ist eine grausame Jagd. Wir alle werden dabei mitgejagt.«

»Ich verstehe es nicht alles – da wirst du mich bald wieder fortschicken müssen, Herr? Oder kannst du mich es lehren, wie man – wie heißt es doch?«

»Geld.«

»Wie man Geld jagt?« 15

»Am liebsten lehrte ich dich's nicht. Am liebsten ließe ich dich sein, was du immer warst. Wir wollen es mit einigem versuchen, was zwischen eurem Wild und unserem Wild ist, Dschudi.«

»Ich diente dir so gerne – darf ich dir das Gewehr tragen, Herr?« 16


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