Balduin Möllhausen
Das Mormonenmädchen. Band II
Balduin Möllhausen

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6.

Das Wiedersehen

Nur wenige Mitglieder der von Jansen und später von Elliot geführten Emigrantenkarawane waren in Fort Utah zurückgeblieben. Die meisten hatten sich nach den ihnen angewiesenen Ländereien hinbegeben; andere, die ein Gewerbe erlernt, waren, je nach Bedürfnis, in der Salzsee-Stadt selbst, oder auch in entstehenden Dorfschaften untergebracht worden, und wieder andere, welche nicht durch engere Familienbande gefesselt wurden, waren bei schon angesiedelten Mormonen in Dienst getreten, oder hatten sich auch sogleich den in den Pässen aufgestellten streitbaren Männern zugesellt. Genug, es war noch keine Woche nach dem Eintreffen der Karawane verstrichen, da bot Fort Utah wieder den Anblick von früher. Nur die in der Nähe des Utahsees weidenden Herden hatten sich etwas vergrößert, auf dem Ufer des Timpanogas standen noch zwei bis drei Zelte und ebensoviele verdeckte Wagen, und endlich waren auf dem kleinen Hügel vor dem Fort die beiden Berghaubitzen und Munitionswagen aufgefahren worden, wo sie beständig von einer wenig soldatisch, aber nichtsdestoweniger kriegerisch aussehenden Gestalt bewacht wurden.

Was an einzelnen Leuten, hauptsächlich an erwachsenen Söhnen neu eingewanderter Mormonenfamilien in dem Fort selbst hatte untergebracht werden können, das war allerdings zurückbehalten worden. Man bezweckte nämlich, die reifere Jugend im Gebrauch der Handwaffen, vorzugsweise aber in der Bedienung der Geschütze zu üben, bei welcher Beschäftigung die beiden heruntergekommenen deutschen Edelleute sich nicht nur nützlich machten, sondern auch allgemein als eine gewisse Autorität betrachtet wurden. Sie hatten zwar beide in ihrer Heimat nicht bei der Artillerie gestanden, in welchem Falle sie sich wahrscheinlich dafür entschieden haben würden, anstatt als gewöhnliche Söldlinge in fremde Kriegsdienste zu treten, als Feldmesser, Eisenbahningenieure, Lehrer oder sogar Kaufleute sich ihr mehr als ausreichendes Brot zu erwerben. Da indessen die Mormonen größtenteils noch weniger als sie selbst mit dem Geschützwesen vertraut waren, sie dagegen auf Manövern einzelnes gesehen und abgelauscht hatten, was ihnen jetzt einen Anhalt bot, so füllten sie ihre Stellen als Bombardiere genügend aus. Was sie aber selbst noch nicht wußten, das lernten sie allmählich in ihrem täglichen Verkehr mit den beiden Haubitzen, die, sobald sie auf entsprechende Art mit wohl ausexerzierten Leuten bemannt sein würden, nach irgendeinem noch nicht ausreichend befestigten Engpaß geschickt werden sollten.

Von Weatherton's Anwesenheit auf dem Fort hatten sie keine Ahnung. Die Nachricht von seiner Rettung würde sonst wohl nicht ohne nachhaltigen wohltuenden Einfluß auf ihre gedrückte Gemütsstimmung geblieben sein. Doch gerade dieses wurde von Seiten der Mormonen nicht gewünscht, und mit vieler Überlegung trafen Jansen und Elliot solche Maßregeln, daß die beiden unglücklichen Abenteurer sogar nicht einmal durch Zufall über den wahren Sachverhalt aufgeklärt werden konnten.

Weatherton selbst hatte dadurch mitzuleiden, denn seitdem die Karawane eingetroffen war, wurde ihm nur zur nächtlichen Stunde der Aufenthalt im Freien gestattet, und auch dann begleitete ihn stets noch eine doppelte Wache, wodurch diese einsamen Spaziergänge mehr eine Qual, als ein Genuß für ihn wurden, und nur aus Gesundheitsrücksichten für sich und seinen alten, getreuen Raft verstand er sich dazu, von der ihm gewährten Vergünstigung Gebrauch zu machen.

Wie man seine Anwesenheit und Gefangenschaft vor den beiden Edelleuten geheim hielt, so erfuhr auch Hertha nichts über ihn. – Dieses war um so leichter und erklärlicher, weil außer Jansen, Rynolds und Elliot kaum noch drei andere Personen Weatherton's Namen kannten. Man wußte wohl allgemein, daß zwei Männer, in welchen man Spione vermutete, in derselben Blockhütte gefangengehalten wurden, doch bei der strengen Disziplin unter den Mormonen kümmerte sich niemand darum, wer sie seien und woher sie gekommen. Man vermied sogar, darüber zu sprechen, weil man die Überzeugung hegte, daß die Oberen der Gemeinde nichts versäumen würden, was nur irgend Vorteil bringen oder drohendem Nachteil vorbeugen könne.

So wußte auch Hertha um die Gefangenen; sie sprach sich sogar vor ihrem Onkel bedauernd über dieselben aus und schickte mit dessen Erlaubnis Speisen von ihrem Tisch zu ihnen hinüber. Sie befürchtete nämlich, daß die Gefangenenkost auf alle Fälle nur eine äußerst einfache, wenn nicht gar eine unzureichende sei; allein daß dort jemand ihren Blicken entzogen wurde, dessen sie, seit die Nachricht vom Tode ihrer Schwester sie erreichte, mehr als jemals gedacht, und dessen Bild immer häufiger in ihrer Erinnerung als ein freundlicher Lichtpunkt auftauchte, das durfte, das konnte sie nicht im entferntesten ahnen; es lag zu weit außer aller menschlichen Berechnung. –

Seit Elliot in Jansen's und Rynold's Gesellschaft die Reise nach dem Norden unternommen hatte, schien indessen eine Milderung in der Ausübung der strengen Haftbefehle eingetreten zu sein. Denn obgleich noch immer die Dunkelheit abgewartet wurde, ehe man Weatherton und Raft die Tür öffnete, so folgten ihnen die Wachen doch nicht mehr auf Schritt und Tritt nach, und auf ihr Wort hin, das Innere des Forts nicht verlassen zu wollen, stellte man ihnen sogar anheim, sich nach Willkür auf dem Hofe zu ergehen, oder, sich an irgend einem geeigneten Plätzchen lagernd, die frische Abendluft nach Herzenslust zu genießen.

Am dritten Abend nach Elliot's Abreise war es, als Weatherton, wie um seinen eigenen Gedanken zu entrinnen, nach der fast in der Mitte des Hofes befindlichen Plattform hinüberwandelte, unter welcher die fünf Mohave-Indianer ihr höchst einfaches Lager aufgeschlagen hatten. Mit dem Ausdruck größter Behaglichkeit und Sorglosigkeit kauerten die riesenhaften Gestalten um ein kleines Feuer, und abwechselnd nahmen sie einige Züge aus einem mit amerikanischem Tabak gefüllten Tonpfeifchen, dessen Dampf sie in ihre Lungen einsogen und erst einige Minuten später wieder mit den Zeichen des höchsten Genusses durch die Nase in dichten Wolken von sich bliesen.

Teilnahmslos blickte er auf dieselben hin; als sie ihm aber ihre gräßlich bemalten, jedoch freundlichen Gesichter zukehrten und ihn zutraulich begrüßten, da war ihm, als hätten sie sein besonderes Wohlwollen wachgerufen, und mit weit mehr als gewöhnlichem Interesse betrachtete er die harmlose Weise, in welcher sich die stattlichen Krieger, dergleichen er bisher noch nicht kennengelernt, untereinander bewegten.

Dieselben schienen, nach ihren Begriffen von Wohlstand und Reichtum, sich eines ungewöhnlichen Überflußes zu erfreuen, denn außerdem, daß sie keinen Mangel an Nahrungsmitteln litten, welche ihren Neigungen entsprachen, waren sie auch von den schlau berechnenden Mormonen jeder mit zwei farbigen wollenen Decken, einem Beutelchen mit weißen Porzellanperlen und einigen Blöcken schweren, gepreßten Tabaks beschenkt worden. Für diese, in so großartigem Maßstabe ausgeübte Gastfreundschaft wurde von ihnen weiter nichts verlangt, als sich gelegentlich im Jordan taufen zu lassen, ein Aufgabe, welche Leuten, die einen großen Teil ihres Lebens schwimmend in den Fluten des Colorado verbrachten, gerade nicht schwerfallen konnte.

Auf Raft, nach dessen eigenen vielfachen Erfahrungen körperliche Kräfte eine ganz besondere Bevorzugung waren und deshalb einen hohen Grad von Achtung verdienten, machten die prächtig gebauten Krieger einen nichts weniger als ungünstigen Eindruck, denn nachdem er sie eine Weile aufmerksam mit dem Blick eines Kenners geprüft, bemerkte er sehr entschieden, daß es Gestalten wären, wie er deren noch nicht viel in seinem Leben gefunden. »Nur etwas zu lang gebaut für die hohe See«, schloß er wohlgefällig seine Betrachtungen; »lange Fahrzeuge schlingern zu sehr. Aber seht, Dickie, dort den Burschen, raucht er nicht wie der Leopard, wenn der Dampf abgelassen wird? s'ist originell! Bei Gott! möchte wissen, wo er die ganze Wolke auf einmal hingestaut gehabt hat«.

Indem er so sprach, wies er mit dem Finger auf Ireteba. Dieser, in der Meinung, Raft wolle ebenfalls einige Züge tun, stand sogleich auf und reichte ihm das gerade in seinen Händen befindliche Pfeifchen dar, wobei er mehrere Male mit einladender Gebärde, die Worte »Achotka« und »gut« wiederholte.

Raft, sonst gewohnt; seinen Mitmenschen über den Kopf wegzusehen, war förmlich erstaunt, als er plötzlich einen Indianer vor sich sah, der ihn noch um ein Beträchtliches überragte. Er reckte sich aus und drückte seine Schultern zurück, aber alles vergeblich; Ireteba war und blieb größer, und halb aus Ärger halb aus Achtung nahm er die Pfeife und schob sie zwischen seine Zähne, wie um sie nicht eher zurückzugeben, als bis sie ausgebrannt sei. Es wäre auch wohl nicht anders gekommen, wenn Ireteba ihm dieselbe nicht durch Zeichen wieder abgefordert und sie demnächst Weatherton hingereicht hätte.

»Bitt' um Verzeihung, Dickie«, sagte Raft, als er bemerkte, daß dieser, dem Indianer zu gefallen, gleichfalls einige Züge rauchte, denn er glaubte durch seinen Vortritt bei der Zeremonie einen argen Verstoß gegen die gewöhnliche Schiffsordnung begangen zu haben. »Diese unzivilisierten Menschen wissen nichts von Rang oder Disziplin, Goddam! Denke, es soll so 'ne Art Friedenspfeife sein, meinen's gewiß gut, das ist originell!«

»Raft, Mr. Raft! Ihr hier!« ertönte plötzlich eine freundliche, sanfte Stimme, aber mit dem Ausdruck freudigen Erstaunens und banger Erwartung, aus der Dunkelheit zu dem alten Bootsmann herüber, und gleichzeitig trat Hertha Jansen, ein Körbchen mit Speisen tragend, zu den Indianern an's Feuer.

Raft stand nämlich so, daß er mit seinem Körper Weatherton ganz verdeckte, Hertha diesen also nicht sogleich bemerken konnte. In dem tiefen Schatten würde sie auch schwerlich den Bootsmann so schnell erkannt haben, wenn dessen eigentümliche Redeweise ihn nicht schon von weitem verraten hätte.

»Ja, hier, Miß Jansen«, antwortete Raft ohne die geringste Überraschung, denn er war ja schon längst darauf vorbereitet, dem jungen Mädchen in nächster Zeit auf die eine oder die andere Art zu begegnen, »aber nicht allein«, fuhr er fort, einen Schritt zurücktretend und auf Weatherton weisend; »'S war 'ne harte Jagd, Miß Jansen, aber hier sind wir, jedoch leider so fest und unbeweglich, wie 'n leckes Fahrzeug im Drydock«.

Was der ehrliche Raft noch sprach, nachdem er vor Weatherton fortgetreten war, vernahm Hertha nicht mehr. Bleich und zitternd stand sie da, das Körbchen drohte ihren Händen zu entfallen, die Füße ihr den Dienst zu versagen, und so starrte sie Weatherton an, als sei es ihr nicht möglich, an die Wahrheit dessen zu glauben, was doch im nächsten Bereich ihres Fassungsvermögens lag.

»Hertha, Miß Hertha«, sagte er endlich nähertretend und dem jungen Mädchen die Hand entgegenreichend, »wie muß ich Euch wiedersehen?«

Da brach die Erstarrung, in welcher sich Hertha seit Weatherton's erstem Anblick befunden; ihre Züge nahmen einen noch milderen, weicheren Ausdruck an, bittere Tränen entquollen ihren Augen, und indem sie mit der linken Hand dem nunmehr wieder beruhigten Mohave das Körbchen übergab, legte sie ihre Rechte in die dargebotene Weatherton's.

»Meine Schwester ist tot«, sagte sie leise schluchzend, als habe sie gefühlt, daß in diesen Worten die ganze Erklärung liege, welche Weatherton von ihr wünschte.

»Ich ahnte, ich wußte, teure Miß Hertha, daß Ihr nicht alles so finden würdet, wie Ihr nach dem, was man Euch über Eure neue Heimat berichtete, zu hoffen berechtigt wart«, entgegnete Weatherton, mit Gewalt seine Rührung zurückdrängend.

»Ihr wußtet es?« fragte Hertha mit einem leisen Vorwurf im Ton ihrer Stimme; »Ihr wußtet es, und habt mich nicht darauf vorbereitet? O, es war ein schreckliches Willkommen, welches mir bei meiner Ankunft geboten wurde!«

Hier hustete Raft heftig, und indem er sich abwendete, fuhr er grollend mit dem Ärmel seiner zerrissenen Teerjacke über seine Augen, während die Mohaves, als hätten sie Hertha's Schmerz verstanden, mitleidig zu ihr emporschauten und die für sie bestimmten Speisen unangerührt zwischen sich stehen ließen.

»Verkennt mich und meine redlichen Absichten nicht, Miß Hertha«, antwortete Weatherton, die gebrochene Gestalt des jungen Mädchens mit dem innigsten Mitleiden betrachtend; »von allen Menschen der Erde wärt Ihr die letzte, die ich auch nur in Gedanken betrügen oder gar zu täuschen vermöchte. Glaubt mir, seit jenem mir unvergeßlichen Abend an Bord des Leoparden habe ich alles, was in meinen Kräften lag, aufgeboten, Euch wieder zu begegnen. Wohin ich aber meine Schritte lenkte, zu welchen Mitteln ich meine Zuflucht nahm, überall stieß ich auf unübersteigliche Hindernisse, bis ich endlich den letzten Ausweg wählte und mich entschloß, Euch am Salzsee aufzusuchen«.

»Meinetwegen habt Ihr die Reise hierher unternommen?« fragte Hertha, und eine seltsame Überraschung leuchtete aus ihren umflorten Augen.

»Warum soll ich es leugnen«, begann er, »daß ich die Reise nur unternahm, um Euch wiederzusehen? Und jetzt, da ich wieder vor Euch stehe, kann ich nur mit Euch trauern und Euch meine Dienste, im Fall Ihr derselben jemals bedürfen solltet, anbieten«.

»Habt Dank für Euern Edelmut«, entgegnete Hertha ergriffen, so treuherzig zu Weatherton emporschauend, als habe sie ihn schon seit langen Jahren gekannt und auf dem vertrautesten Fuße mit ihm gestanden. »Wenn Ihr nicht vor der gefahrvollen Reise zurückschrecktet, um einem bedauernswerten, alleinstehenden Mädchen freundlichen Trost zu bringen, dann werdet Ihr gewiß nicht weniger gern bereit sein, zur Erfüllung desjenigen Wunsches beizutragen, der mir in diesem Augenblick am nächsten liegt, am nächsten liegen muß.«

»Sprecht, Miß Hertha, sprecht es aus, womit ich Euch zu dienen, Euch eine Freude zu bereiten vermag«, antwortete Weatherton erregt, »wenn es die Kräfte eines Sterblichen nicht übersteigt, dann sollen Eure Wünsche gewiß erfüllt werden!«

»Meine Schwester hat einen Knaben hinterlassen«, begann sie traurig, und ihre Lippen bebten von der Anstrengung, mit welcher sie das Schluchzen unterdrückte, »einen lieben, herzigen Knaben, wie ich Euch ja schon früher erzählte. Er befindet sich noch bei seinem Vater in der Salzseestadt. Ich klage nicht, daß der Gatte meiner verstorbenen Schwester mich noch nicht willkommen geheißen hat, denn es mag in den unglücklichen Zeitverhältnissen liegen, daß er die Reise hierher nicht unternehmen darf; vielleicht scheut er auch, durch das Wiedersehen die Wunden aufzureißen, welche das unerbittliche Geschick ihm schlug. Allein das Kind hätte man immerhin in meine Arme führen können. Es ist ja das einzige, was mir von meiner Schwester blieb und worauf ich nunmehr die ungeteilte Liebe, mit welcher ich an ihr hing, zu übertragen habe. Scheint es mir doch manchmal, als halte man die arme Waise mit Absicht fern von mir; denn selbst mein Onkel versichert, nicht in die Rechte des Vaters eingreifen zu dürfen. Der Vater muß sich also doch wohl weigern, ihn von sich zu lassen. Ich will ihm das Kind ja nicht rauben oder entfremden, nur zeitweise sehen will ich es und mich an ihm erfreuen. In dem Hause des Kommandanten, in welchem wir vorläufig unsere Wohnung aufgeschlagen haben, leben Verwandte von Mr. Elliot. Die eine derselben, eine junge Engländerin, deren Gatte augenblicklich Kriegsdienste im Gebirge leistet, kennt den Knaben genau und weiß mir nicht genug Liebes und Gutes von dem kleinen Engel zu erzählen. Doch verzeiht«, unterbrach sich Hertha selbst, als sie bei dem heller aufflammenden Schein des von den Mohaves geschürten Feuers einen seltsamen, ängstlichen und verlegenen Ausdruck auf Weatherton's Zügen entdeckte, »ich streife ab von der eigentlichen Bitte, die ich an Euch zu richten gedachte. O, führt mir den Sohn meiner unglücklichen Schwester zu. Wenn Ihr es nicht tut, edler Freund, der Ihr auf bloße trübe Ahnungen und Besorgnisse hin so viel gewagt habt«, fügte sie in herzzerreißendem Tone hinzu, »dann mögen noch Wochen und Monate darüber hingehen, ehe ich den Knaben an mein Herz drücke. Bedenkt das, Mr. Weatherton, und Ihr werdet meine Bitte natürlich finden. Euren Vermitllungen gelingt vielleicht, um was ich nun schon so lange vergeblich flehte«.

Während Hertha so sprach und sich immer mehr von der Besorgnis um das Kind ihrer Schwester fortreißen ließ, wendete Weatherton seine Augen nicht von ihr. Als sie aber geendigt, da seufzte er tief auf.

»Mr. Weatherton, Ihr haltet ein Unglück vor mir geheim!« rief das gequälte Mädchen plötzlich aus, noch ehe er zu sprechen begonnen hatte, »ich sehe es, ein Kampf geht in Eurem Innern vor; Ihr wißt nicht, sollt Ihr sprechen oder schweigen; der Knabe ist tot, sagt es geradeheraus, ich bin gefaßt und darauf vorbereitet, die härtesten Schicksalsschläge ohne Murren entgegenzunehmen!«

»Nein, Miß Hertha, ich weiß von dem Knaben nichts«, antwortete Weatherton hastig, um der aufgeregten Phantasie des jungen Mädchens den Spielraum abzuschneiden; »nach meiner Überzeugung sind die Nachrichten, die Ihr über das Kind erhalten habt, durchaus zuverlässig, und es ist kein Grund vorhanden, auch nur im geringsten an dessen Wohlergehen zu zweifeln. Was Ihr für einen Kampf in meinem Innern angesehen habt, ist nur der Ausdruck des Schmerzes, welchen ich darüber empfand, Euch nicht so, wie Ihr es wünschtet und wie ich es so zuversichtlich hoffte, dienen zu können! Miß Hertha, ich bin Gefangener, meine Freiheit reicht nicht über die Palisaden dieses Forts hinaus.

»Gefangen?« fragte Hertha tonlos, »gefangen auf einen leeren Verdacht hin? O, ich ahne, man hält Euch für einen erbitterten Feind unserer Religion, darauf fußend, daß Euch damals in New York auf Eure eigene Anregung, wie man fälschlich vermutete, der Durchsuchungsbefehl ausgefertigt wurde. Aber ich will mit meinem Onkel sprechen; er ist hart und verschlossen, jedoch nicht ohne Anhänglichkeit an sein Bruderkind. Er wird Eure Befreiung bei dem Kommandanten und selbst bei dem Propheten auswirken, und sollte ich ihn auf meinen Knieen darum anflehen.«

»Versprecht nicht zu viel, Miß Hertha«, sagte er freundlich tröstend, »bis jetzt glaubte ich, man halte mich auf den Verdacht, die Rolle eines Spions übernommen zu haben, hier zurück. Dergleichen Fälle sind im Kriege nicht selten und dauern in der Regel nur so lange, bis das Gegenteil erwiesen ist. Sollte man aber außerdem noch die Anklage gegen mich erheben wollen, in New York auf eine Durchsuchungsorder für das California-Dampfboot angetragen zu haben, so würde ich dieselbe nur bestätigen können und meine Haft dadurch noch auf unbestimmte Zeit verlängern. Allerdings läge einem solchen Verfahren wohl mehr persönliche Feindschaft zugrunde, indem der Krieg hoffentlich noch nicht so weit gediehen ist, um vor dem Völkerrecht die gegen einzelne und sogar vollständig unbeteiligte Personen ausgeübten Feindseligkeiten gerechtfertigt erscheinen zu lassen.

»Ist es denn wahr, hegtet Ihr die Absicht, das Dampfboot vor seiner Abfahrt zu durchsuchen?« fragte Hertha traurig, nachdem sie eine Weile sinnend vor sich niedergeschaut.

»So wahr, wie eine richtige Breiten- und Längenmessung bei klarem Wetter!« fuhr Raft, bei dem böse Erinnerungen wachgerufen worden waren, grimmig dazwischen, »und kielholen will ich mich lassen von dem ersten besten Mormonenkonstabler, wenn wir nicht jedes Bündel im Schiffsraum übergeholt hätten; wäre Dickie, wollte sagen Leutnant Weatherton nicht von den verdammten Werftpiraten in die Falle gelockt worden«.

Hertha schaute zuerst auf den erbosten Seemann, und wendete sodann ihre fragenden Blicke Weatherton wieder zu.

»Er hat recht«, sagte dieser lächelnd, die in des jungen Mädchens Augen liegende Bitte um Erklärung beantwortend.

»Was hatte Euch unser armes Volk getan?« fragte Hertha weiter, und ihre Stimme klang so weich und klagend, als hätte sie einen großen Verlust zu betrauern gehabt.

»Miß Hertha, auf Eure Frage bin ich gewissermaßen verpflichtet, eine Antwort zu erteilen, obwohl nur mit Widerstreben, weil sie vielleicht einer Verleumdung ähnlich sieht. Nachdem ich in New York lange vergeblich nach Euch geforscht hatte und stets zweifelsohne absichtlich auf falsche Spuren gelenkt worden war, blieb mir nur dieser eine letzte Ausweg. Ich wollte Euch auf alle Fälle wiedersehen, um nicht, in Folge meiner an Bord des Leoparden abgelegten Erklärungen, für unwürdig Eures Vertrauens zu gelten. Meine Absicht mißlang; und dennoch hatte mich meine Ahnung nicht getäuscht; Ihr befandet Euch auf dem bewußten Dampfboot, obgleich ein Freund von mir, der gewissenhaft Wache hielt, Euch nicht hatte an Bord gehen sehen. Doch laßt das ruhen jetzt, Miß Hertha; suchen wir nicht zu enträtseln, durch wen ich damals an der Ausführung meines Planes gehindert wurde. Es war kein schweres Opfer für mich, die westlichen Wildnisse jagend zu durchstreifen, um hierher zu gelangen, und meine Reise ist ja auch insoweit von dem besten Erfolg gekrönt gewesen, als ich wieder vor Euch stehe, um das noch einmal zu wiederholen, was ich am letzten Abende unseres Zusammenseins zu Euch sprach«.

Während des ersten Teils seiner Rede hatte Hertha sinnend vor sich niedergeschaut. Auf ihrer reinen Stirn, auf den leicht zusammengezogenen, schön gezeichneten Brauen stand geschrieben, daß sie sich vergeblich bemühte, das Geheimnis zu durchdringen, auf welches Raft hingedeutet hatte, das Weatherton aber, offenbar aus freundlicher Teilnahme für sie, mit Vorbedacht nicht weiter berühren wollte. Als er dagegen ihrer letzten, an Bord des Leoparden geführten Unterhaltung gedachte, da schaute sie mit einem unbeschreiblich kindlichen und wehmütigen Lächeln zu ihm empor.

»Freundliche, uneigennützige und wohlwollende Worte werden nicht so schnell vergessen, wie herbe und bittere Erfahrungen«, begann sie mit innigem Tone. »Ist nun der Grund darin zu suchen, daß bei dem ernsten Charakter der mir nahestehenden Personen nur selten dergleichen gütige Worte an mich gerichtet wurden, oder ist es jenem zauberischen Abend zuzuschreiben, genug, die Worte, welche Ihr damals zu mir spracht, leben noch immer in mir fort. Sie gereichten mir zur Aufmunterung, wenn auf der langen Reise die Beschwerden meine Kräfte zu übersteigen drohten, sie bildeten aber meinen Trost, als ich, nachdem man mir die schreckliche, niederschmetternde Nachricht vom Tode meiner Schwester überbracht hatte, erst wieder imstande war, mit Ruhe und Überlegung zu denken. »Sollte das Gefühl des Alleinstehens, der Verlassenheit bei Euch zum Durchbruch kommen, dann erinnert Euch Eurer Freunde«, sagtet Ihr damals, und glaubt mir, die Erinnerung an die fernen Freunde trug mit dazu bei, mich in den Stunden, die ich glaubte nicht überleben zu können, zu trösten und aufzurichten«.

»Die Lage, in welcher ich mich gegenwärtig befinde, entspricht allerdings wenig meinen Worten«, entgegnete Weatherton, und er fühlte, daß alles Blut ihm zum Herzen drang, »allein die Stunde der Befreiung muß ja endlich auch für mich schlagen, und wohl darf ich daher noch einmal auf meine früheren Äußerungen zurückkommen. Wenn das Gefühl des Alleinstehens schwer auf Euch lastet und Euern Lebensmut zu brechen droht, scheucht es von Euch und blickt vertrauensvoll in die Zukunft. Bedenkt, ich bin nicht der einzige Freund, der in Eurer Nähe weilt, es gibt deren noch mehrere, die ihre wachsamen Augen beständig auf Euch gerichtet halten, und die gewiß nicht fern oder unentschlossen bleiben werden, wenn es gilt, Euch nicht nur mit Rat, sondern auch tatkräftig zur Seite zu stehen. Sie werden jederzeit bereit sein, Euch einer Lage zu entreißen, die Euch über kurz oder lang unerträglich werden muß«.

Bei den letzten Worten glaubte Weatherton zu bemerken, daß Hertha erschreckt zusammenfuhr und ein Ausdruck tiefster Traurigkeit sich über ihr kummervolles Antlitz verbreitete. Sie faßte sich indessen schnell wieder, und ihre großen redlichen Augen voll auf ihn richtend, suchte sie in seinen Zügen gleichsam nach einer Erklärung zu seinen Äußerungen.

»Eure Gefangenschaft ist der bitterste, schwerste, jedoch ein gerechter Vorwurf gegen die noch nicht geordneten gesellschaftlichen und gesetzlichen Zustände in unserer jungen Gemeinde«, begann sie endlich mit einem Anflug von Befangenheit. »Aber es wäre unedel, wollte man deshalb das ganze Mormonentum verdammen und ihm jede segensreiche Zukunft absprechen. Nein, Mr. Weatherton, es kann Euer Ernst nicht sein wenn Ihr auf eine mir drohende Gefahr hindeutet, die aus meiner Gemeinschaft mit den Heiligen der letzten Tage entspringen soll, ich verstand wenigstens Eure Worte nicht anders; es spricht aus Euch vielleicht nur der gerechte Unwille über das gesetzwidrige Verfahren, welches man gegen Euch eingeschlagen hat«.

»Nein, Miß Hertha, nehmt meine Ehre zum Pfande, ich selbst bin der letzte, an den ich mit Besorgnis denke. Wenn ich Befürchtungen hege und wenn ich mir erlaubte, darauf hinzuweisen, daß Eure Lage dereinst eine, um mich mild auszudrücken, unerträgliche werden dürfte, so geschah es nicht, weil ich vielleicht feindliche Gefühle gegen das Mormonentum in meiner Brust genährt hätte, nein, gewiß nicht. Ich habe keinen Grund dazu, am allerwenigsten könnte eine vorübergehende Gefangenschaft, die bei den jetzigen unglückseligen politischen Verwicklungen vielleicht zu entschuldigen ist, mich zu Haß und Rachsucht reizen. Indem ich vergeblich nach Euch in New York forschte, indem ich Euch bis hierher nachreiste und nicht scheute, selbst auf die Gefahr einer dauernden Gefangenschaft hin, mich durch die doppelten Postenketten hindurchzuschleichen, indem ich endlich auf Schritt und Tritt, zu jeder Stunde, ob nun wachend oder träumend, von ernsten Besorgnissen um Euch erfüllt war, leitete mich die feste Überzeugung, und sie leitet mich heute nicht weniger: daß die religiösen und politischen Gesetze des Mormonentums Punkte und Vorschriften enthalten, die, sobald sie ihre Anwendung auf Euch finden, Euch sehr, sehr unglücklich machen müssen, weil sie eben in krassem Widerspruch zu Euerm natürlichen Gefühl, zu Eurer reinen, edlen Denkungsweise, zu Eurem ganzen Charakter stehen.«

»Genug, genug«, unterbrach ihn Hertha, indem sie ihre Hand, die sie mit einer hastigen Bewegung zurückgezogen hatte, ihm wieder darreichte; »in Euern Worten und in Eurer Stimme sprechen sich wahre Teilnahme und die ernstesten Besorgnisse aus; ja, eine so aufrichtige und opferwillige Freundschaft, wie ich sie nicht verdiene. Eure uneigennützig gebotene Freundschaft nehme ich mit überströmendem Herzen an und erwidere, so glaubt mir, ebenso aufrichtig, doch die Anklagen, welche Ihr gegen das Mormonentum schleudert, die weise ich zurück, die muß ich zurückweisen. Ich könnte darauf eingehen, Eure Anklagen widerlegen«, eiferte sie weiter, während in ihrem Wesen ein schwärmerischer Enthusiasmus anstelle der früheren Niedergeschlagenheit trat und ihr liebes, freundliches Antlitz erglühen machte, »ja alles könnte ich widerlegen; doch zu welchem Zweck? Mir wird es ebensowenig gelingen, Euch zu überzeugen und die gebührende Achtung und Verehrung vor der geläuterten Lehre Joseph Smith's einzuflößen, als Euch, mich derselben abtrünnig zu machen und dadurch die Ruhe und den Frieden meiner Seele zu untergraben. Ich bitte Euch daher, ich beschwöre Euch bei unserer jungen, von Eurer Seite so erprobten Freundschaft, brecht ab davon und laßt die religiösen Ansichten nicht wieder feindlich drohend zwischen uns treten! O, Ihr wißt nicht, Ihr könnt nicht wissen, wie tief Ihr mich, ohne es zu wollen oder zu ahnen, verwundet«.

Während Hertha so sprach, war es Weatherton, als sei ihm das Urteil einer lebenslänglichen Haft oder gar des Todes zuerkannt worden. Er überzeugte sich, daß vorläufig, ehe Hertha nicht noch trübere Erfahrungen gemacht, alle seine Bemühungen an dem unerschütterlichen Vertrauen und der tiefen Frömmigkeit, mit welcher sie sich der neuen Lehre ergeben, kraftlos abprallen würden. – Wenn sie aber erst diese Erfahrungen gemacht hatte, dann, ja dann war es vielleicht zu spät, sie vor dem Elend zu bewahren. Seine letzte Hoffnung, durch eine freie, ehrliche Offenbarung eine glückliche Entscheidung herbeizuführen, scheitert vollständig an der Pietät, mit welcher sie das Andenken ihrer Schwester bewahrte, und deren Beispiel bis an's Ende ihrer Tage zu folgen gedachte.

Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, es war die einzige Antwort, welche ihm auf Hertha's Erklärung zu Gebote stand. Sein von dem flackernden Feuer der Mohaves beleuchtetes Gesicht mußte indessen einen hohen Grad bitterer Täuschung verraten, denn Hertha glaubte nun ihrerseits, ihn verletzt zu haben, und der augenblicklichen Regung ihres Herzens folgend, trat sie wieder dicht an ihn heran.

»Mr. Weatherton«, sagte sie in ihrer treuherzigen Weise, indem sie ihre Hand zutraulich auf des jungen Offiziers Arm legte. »Ich wollte Euch nicht wehe tun, und wenn meine vielleicht unüberlegt ausgesprochenen Ansichten Euch unsanft berührten, dann geschah es ohne meinen Willen. Laßt uns freundlichere Bilder zum Gegenstande unserer Unterhaltung wählen; die ohnehin nur noch wenige Minuten dauern darf. Laßt uns sprechen von Euern Freunden, die Euch hierher begleiten und sicher nicht fern sein können. Seht, auch ich habe auf meiner Reise Freunde gewonnen«, fügte sie mit einem schwermütigen Lächeln hinzu, indem sie auf die Gruppe der aufmerksam lauschenden Mohaves wies, die, als ob sie den Inhalt ihrer Worte verstanden hätten, mit glücklichem Lachen zu ihr emporschauten. »Es sind allerdings nur Urwilde, und die Mittel zu unserer Verständigung sehr gering, allein ich kann Euch versichern, die Herzen, welche sie in der Brust tragen, und die Gefühle, welche zu verbergen sie nicht verstehen, würden manchem hochzivilisierten Weißen zur Ehre gereichen. Ja, gewiß, diese Mohaves sind gute Menschen, und wie Ihr erklärtet, daß Eure Freunde auch die meinigen wären, so sollen diese braven Krieger hier nicht weniger die Eurigen sein; Kairuk«, fuhr sie dann zu dem Häuptling gewendet fort, seine Aufmerksamkeit auf Weatherton lenkend, »er ist sehr gut, sehr achotka«.

»Hagh, Amerikan achotka, achotka«, rief Kairuk mit tiefer wohltönender Stimme aus, und indem er emporsprang, klopfte er zuerst Weatherton und danach dem etwas abseits stehenden Raft schmeichelnd auf die Schultern. »Amerikan gefangen«, sagte er darauf, seinen Arm in der Richtung des Gefängnisses ausstreckend.

»Ja, gefangen«, antwortete Weatherton bitter, dem Häuptling aber freundlich zunickend, »Eure Augen müssen gut sein, daß Ihr mich auf diese Entfernung hinter dem vergitterten Fenster gesehen habt«.

»Mohaves gut sehen«, antwortete Kairuk selbstgefällig, »Mohaves gut hören, hören Amerikan sprechen, hören Amerikan Goddam sprechen«.

»Was wird mit diesen Mohaves beabsichtigt und zu welchem Zweck befinden sie sich hier?« fragte Weatherton scheinbar zerstreut, in Wirklichkeit aber noch immer über Hertha's Erklärung und die an ihn selbst gerichtete Bitte grübelnd.

»Der Zweck, der sie hierher führte und die Absicht, die man betreffs ihrer hegt, sind gleich edel, gleich anerkennenswert. Sie sollen getauft werden, um das Mormonentum auch unter den Indianerstämmen zu verbreiten, oder vielmehr, um sie zu befähigen, die Mitglieder ihrer Stämme auf die später durch einen Apostel zu vollziehende Taufe vorzubereiten«.

»Und glaubt man, daß sie die Zeremonie und deren Bedeutung verstehen?« fragte Weatherton mechanisch, um keine Stockung in der Unterhaltung eintreten zu lassen, für welche Hertha eine so rege Teilnahme zu hegen schien.

»Auch ich sprach diese Bedenken aus, als ich davon in Kenntnis gesetzt wurde«, antwortete Hertha, die Riesengestalten, die jetzt mit dem Verzehren der ihnen gebotenen Leckerbissen beschäftigt waren, nachdenklich betrachtend; »ich hielt sogar eine Taufe ohne die entsprechenden Vorbereitungen für nicht vereinbar mit den Lehren des Mormonentums. In der Art aber, in welcher mir ein solches Verfahren von dem Kommandanten dieser Station erklärt wurde, konnte ich nichts Verwerfliches entdecken, und ich muß gestehen, daß ich es jetzt, wenn auch vielleicht nicht streng religiös, doch gewiß sehr verständig und weise finde. Die Indianer sollen nämlich vor allen Dingen durch die Zeremonie der Taufe an uns gefesselt werden; sie sollen sich als unsere Brüder betrachten und sich vertrauensvoll jederzeit nähern, um dann immer weiter auf dem Pfade des Glaubens und der Wahrheit geführt zu werden«.

»Aber auch zu Bundesgenossen in diesem Kriege will man sie machen«, entgegnete Weatherton bitter, denn er glaubte hier eine willkommene Gelegenheit zu erhaschen, das Gespräch wieder, ohne Hertha unmittelbar zu verletzen, auf ein anderes sträfliches Verfahren der Mormonenregierung lenken zu können. »Ja, zu Bundesgenossen gegen die Vereinigten Staaten. O, diese Mohaves müssen mutige Krieger sein und sich gut verwenden lassen. Daß man aber Tod und Verderben unter zahlreiche eingeborene Familien verbreitet, die bisher gewiß erst sehr wenig von den weißen Menschen und deren Gebrechen gesehen haben, daß ferner die Vereinigte-Staaten-Regierung das feindliche Auftreten der Coloradostämme nicht ungestraft lassen und zur Ausführung der Strafe leider ihre allergewissenlosesten Diener entsenden wird, die keinen Gedanken an Erbarmen und Gnade zur Geltung kommen lassen, bis die letzte Rothaut von dem amerikanischen Kontinent verschwunden ist, das erwägen oder beachten die Mormonenmissionare nicht. Um einem augenblicklichen Zweck zu genügen, werden kaltblütig Tausende von menschlichen Geschöpfen hingeopfert werden, und auf dem blutgetränkten Boden tröstet man sich dann mit dem Gedanken, daß sie als Märtyrer für eine heilige Sache starben«. –

»Haltet ein, o, haltet ein!« rief Hertha schmerzlich aus, mit einem Ausdruck der Verzweiflung Weatherton beide Hände, wie abwehrend, entgegenstreckend, »habe ich noch nicht Kummer genug, noch nicht genug Schmerz und bittere Täuschung erlitten? Müßt Ihr, dessen Anblick mir so trostbringend war, immer neue Zweifel in mir wachrufen, die zu bekämpfen ich mich noch nicht stark genug fühle? O, zeigt mir nicht immer die Schattenseiten der hiesigen Verhältnisse, ohne mich zugleich auf die Lichtpunkte aufmerksam zu machen! Sagt selbst, wenn Zweifel mich von allen Seiten bestürmen, wenn der Geist gleichsam rastlos umherirrt und vergeblich nach einem Ruhepunkt späht, wenn das Vertrauen auf alles, was mir jetzt heilig ist, erschüttert wird und schreckliche Bilder mich sogar in meinen Träumen martern und foltern, sagt, an wen soll ich mich wenden? Vor wem mein bedrängtes Herz ausschütten? Etwa vor denen, die mir allerdings am nächsten stehen, deren strafende Blicke mich aber zum Wahnsinn treiben würden? Unsere Religion empfängt mit offenen Armen alle, die Schutz suchend sich ihr vertrauensvoll nahen, sie trachtet danach, ihre Segnungen allen Menschen der Erde zu Teil werden zu lassen; aber streng, unerbittlich streng ist sie gegen diejenigen, welche an ihr zweifeln. Was die Weisesten unserer Gemeinde beschließen, das dürfen die übrigen Mitglieder nicht tadelnd zerlegen und verdammen. Mag Euch manches von Eurem Standpunkte aus als nicht vereinbar mit dem Christentum in seiner ursprünglichsten Form erscheinen, die späteren Erfolge werden Euch darüber belehren, daß stets nur der richtige, Gott wohlgefällige Weg eingeschlagen wurde. Doch, ich weilte schon zu lange hier, die gute Corbillon wird in Sorge um mich sein« – unterbrach sie plötzlich ihren Redefluß, indem sie mit einem Tuch leicht über ihre Augen hinfuhr. »Nehmt noch einmal meinen wärmsten Dank für das freundliche Andenken, welches Ihr mir bewahrt habt, und glaubt sicherlich, es gereicht mir zum Trost und zur Beruhigung, Euch in der Nähe zu wissen, obgleich ich keine Ursache habe, über die Begegnung der mir allerdings noch fremden Menschen hier zu klagen. Eure Gefangenschaft aber soll aufgehoben werden, sobald mein Onkel und diejenigen, die darüber zu verfügen haben, heimgekehrt sind«.

»Muß ich hier meine Aufgabe als beendigt betrachten, soll dieses das letzte Mal sein, daß ich vor Euch hintreten durfte?« fragte Weatherton mit halblauter Stimme, um seine ängstliche Spannung zu verbergen.

»Nein, Mr. Weatherton, gewiß nicht«, antwortete Hertha entschieden; »sobald man Euch der Haft entlassen hat, werdet Ihr bei uns ganz dieselbe Gastfreundschaft finden, deren wir uns einst nach jener schrecklichen Katastrophe auf dem Leoparden erfreuten«.

»Aber bis dahin?«, fragte Weatherton leise.

»Bis dahin?« entgegnete Hertha sinnend, indem sie einen Augenblick die Hand an ihre Stirn legte; »bis dahin? Nun, ich bringe jeden Abend um diese Zeit meinen Mohavenfreunden einige warme Speisen, und wenn Eure Zeit –«

»Ich werde hier sein, ja, ich werde hier sein«, unterbrach Weatherton das junge Mädchen, welches die letzten Worte, wie von Zweifeln befangen, zögernd hervorbrachte, »meine Freiheit reicht ja ohnehin nur wenige Schritte weiter, als diese Plattform. Die Hoffnung aber, Euch wiederzusehen, wird mir die trüben Stunden im Gefängnis weniger langsam und schmerzlich dahinschleichen lassen, wenn nämlich Euer Verkehr mit mir, der ich in dem Verdacht verräterischen Spionierens stehe, keine Unannehmlichkeiten für Euch im Gefolge hat«.

»Wie mögt Ihr dergleichen befürchten?«

»Weil Euer Onkel und Rynolds um meine Gefangenschaft wissen; weil seit ihrer und des Kommandanten Ankunft meine Haft noch bedeutend verschärft wurde, und weil seit ihrer Abreise wieder eine Vernachlässigung der meinetwegen angeordneten Sicherheitsmaßregeln gar nicht abgeleugnet werden kann. Ich schließe daraus, daß sie besonders feindliche Gefühle gegen mich hegen und gerade einer Zusammenkunft mit Euch vorbeugen wollen«.

»Es ist wahr«, erwiderte Hertha in holder Verwirrung, indem sie sich vom Feuer abwendete, denn sie hatte annähernd den Grund erraten, warum ihr Onkel Weatherton vorzugsweise fern von ihr zu halten wünschte; »ja, es ist wahr, der Schein spricht gegen meinen Onkel, das darf mich indessen nicht hindern, die guten Mohaves zu besuchen, und Euch ebensowenig, Eure Schritte zu derselben Zeit hierher zu lenken. Für mich fürchte ich nicht, aber ich befürchte, daß man Eure Freiheit noch mehr beschränkt, wenn man weiß, daß – daß – jedenfalls ist es besser, gegen andere über den Zufall zu schweigen, der uns hier ja unvermutet zusammenführte«.

In diesem Augenblick trat Raft heran, der so lange außerhalb der Plattform mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen auf und ab gegangen war und aus alter Gewohnheit die von ihm durchmessene Entfernung nicht weiter ausgedehnt hatte, als die Breite des Vorderdecks auf einem Bollschiff beträgt.

»Verzeihung, Leutnant«, hob er an, die Rechte dienstlich an den Rand seines Hutes legend, »die Wache ist um, der Posten ruft zur Koje«.

»Gute Nacht denn, Mr. Weatherton«, sagte Hertha, welche den Sinn von des Bootsmanns Rede verstand, und ihre Stimme klang herzlich und tröstend, indem sie dem jungen Seemann mit kindlichem Vertrauen die Hand reichte; »morgen sehen wir uns, so Gott will, wieder. Gebt Euch unterdessen keinen trüben Gedanken und nutzlosem Grübeln hin, sondern bauet fest auf mich. Ich selbst werde Euch zu seiner Zeit die Nachricht Eurer Befreiung überbringen und die Tore öffnen, die Euch jetzt noch den Rückweg nach Eurer Heimat versperren«.

Die letzten Worte sprach sie so leise, daß Weatherton sie kaum verstand, aber überwältigt von tiefer Wehmut und süßem Entzücken führte er ihre Hand an seine Lippen.

»Gute Nacht«, murmelte er. Das war alles, was er hervorzubringen vermochte.


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