Prosper Mérimée
Zwiefacher Irrtum
Prosper Mérimée

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XI.

Als Frau von Chaverny Frau Lamberts Schloß verließ, war die Nacht schrecklich schwarz, die Atmosphäre drückend und erstickend: von Zeit zu Zeit zeichneten, die Landschaft beleuchtend, Blitze die schwarzen Silhouetten der Bäume auf einen fahlorangenen Grund. Die Dunkelheit schien sich nach jedem Blitz zu verdoppeln, und der Kutscher sah den Kopf seiner Pferde nicht. Bald brach ein heftiger Sturm los. Der Regen, welcher anfangs in schweren und seltenen Tropfen fiel, schlug schnell in einen wahren Wolkenbruch um. Auf allen Seiten stand der Himmel in Feuer und die himmlische Artillerie hub an betäubend zu werden. Die erschreckten Pferde schnauften schwer und bäumten sich, statt gut zu laufen; der Kutscher aber hatte prachtvoll gespeist: sein dicker Karrick, und vor allem der Wein, den er getrunken, sorgten dafür, daß er weder Wasser noch schlechte Wege fürchtete. Nicht weniger unerschrocken war er als Cäsar bei dem Sturme, da er zu seinem Piloten sagte: »Du fährst Cäsar und sein Glück«, und peitschte heftig auf die armen Tiere los.

Da Frau von Chaverny keine Angst vor Gewittern hatte, bekümmerte sie sich nicht viel um das Unwetter. Sie wiederholte sich alles, was Darcy erzählt hatte, und bereute es, ihm nicht hundert Dinge mitgeteilt zu haben, die sie ihm hätte sagen können, als sie in ihren Überlegungen plötzlich durch einen heftigen Stoß unterbrochen wurde, den ihr Wagen erhielt: zu gleicher Zeit brachen die Glasscheiben in Stücke und ein Krachen von übler Vorbedeutung ließ sich hören; die Kalesche war in einen Graben gestürzt. Julie kam mit dem Schrecken davon. Doch der Regen hörte nicht auf; ein Rad war gebrochen, die Laternen waren ausgegangen und man sah nicht ein einziges Haus in der Nähe, wo man hätte untertreten können. Der Kutscher fluchte, der Lakai verwünschte den Kutscher und tobte gegen seine Ungeschicklichkeit. Julie blieb in ihrem Wagen, fragte, wie man nach P... zurückkommen könne oder was man tun solle; auf jede Frage aber, die sie stellte, erhielt sie die verzweifelnde Antwort: Das ist unmöglich!

Indessen hörte man von weitem das dumpfe Geräusch eines näherkommenden Wagens. Bald erkannte Frau von Chavernys Kutscher zu seiner großen Befriedigung einen seiner Kollegen, mit dem er in Frau Lamberts Dienerzimmer den Grund zu einer innigen Freundschaft gelegt hatte. Er rief ihm zu, anzuhalten. Der Wagen hielt an; kaum wurde Frau von Chavernys Name genannt, als ein junger Mann, der im Kupé saß, selber die Tür aufmachte, und mit dem Rufe: »Ist sie verwundet?« mit einem Sprunge neben Julies Kalesche stand. Sie hatte Darcy erkannt, sie erwartete ihn.

Ihre Hände begegneten sich in der Dunkelheit, und Darcy wähnte zu fühlen, daß Frau von Chaverny die seinige drücke. Wahrscheinlich aber war das eine Wirkung der Furcht. Nach den anfänglichen Fragen bot Darcy ihr natürlich seinen Wagen an. Julie antwortete zuerst nicht, denn sie war sehr unentschieden, welchen Entschluß sie fassen sollte. Einerseits dachte sie an die drei oder vier Meilen, die sie, falls sie nach Paris wollte, unter vier Augen mit einem jungen Manne zurückzulegen hatte; wenn sie andrerseits ins Schloß zurückkehrte, um dort Frau Lamberts Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, so bebte sie bei dem Gedanken, den romantischen Unfall mit dem umgeworfenen Wagen und die Hilfe, die sie von Darcy angenommen hatte, erzählen zu müssen. Im Salon, mitten in einer Whistpartie, wie das Türkenweib von Darcy gerettet, wiederzuerscheinen, daran konnte man nicht denken! Aber auch drei lange Meilen bis Paris! ... Während sie so in Ungewißheit schwebte und ziemlich ungeschickt einige banale Phrasen herstotterte, wie lästig sie fallen würde, sagte Darcy, der im Grunde ihres Herzens zu lesen schien, kalt zu ihr: »Nehmen Sie meinen Wagen, gnädige Frau, ich will in Ihrem bleiben, bis irgend wer nach Paris vorbeifährt!« Da Julie sich allzu prüde zu zeigen fürchtete, beeilte sie sich das erste Anerbieten, nicht aber das zweite anzunehmen. Und weil sie sich ganz plötzlich entschied, hatte sie nicht die Zeit, die wichtige Frage zu entscheiden, ob man nach Paris oder nach P... fahren sollte. Sie saß bereits in Darcys Kupé, eingehüllt in seinen Mantel, den er ihr eiligst umgelegt hatte, und die Pferde trotteten flink auf Paris zu, ehe sie daran gedacht hatte, zu sagen, wohin sie wolle. Ihr Diener hatte für sie gewählt, indem er dem Kutscher Namen und Straße seiner Herrin angab. Eine verlegene Unterhaltung setzte ein; verlegen war man auf beiden Seiten. Der Klang von Darcys Stimme war hart und schien etwas üble Laune anzukündigen. Julie bildete sich ein, ihre Unentschlossenheit habe ihn geärgert und er halte sie für lächerlich prüde. Sie stand bereits schon derartig unter dieses Mannes Einfluß, daß sie sich innerlich lebhafte Vorwürfe machte und nur daran dachte, diese gereizte Stimmung, an der sie schuld zu sein glaubte, zu verscheuchen. Darcys Anzug war naß, sie bemerkte es, nahm sich sofort den Mantel ab und verlangte, daß er ihn anziehe. Daraus entstand ein Edelmutstreit und schließlich hatte jeder, nachdem der strittige Punkt entschieden worden war, seinen Teil des Mantels. Eine große Unklugheit, die sie nimmer begangen haben würde, ohne das momentane Zögern, das sie vergessen machen wollte! Sie waren so nahe bei einander, daß Julies Wange Darcys warmen Atem spüren konnte. Die Stöße des Wagens brachten sie sogar manchmal noch näher zusammen. – »Dieser Mantel, der uns beide einhüllt,« sagte Darcy, »erinnert mich an unsere Charaden von dazumal. Erinnern Sie sich, meine Virginie gewesen zu sein, als wir beide uns in Ihrer Großmutter Mantille einhüllten?«

»Ja. Auch des Verweises, den sie mir bei dieser Gelegenheit erteilte.«

»Ach!« rief Darcy, »welch glückliche Zeit war das! Wieviele Male hab ich voll Trauer und Glück an unsere himmlischen Abende in der Rue Bellechasse gedacht! Können Sie sich noch der schönen Geierflügel erinnern, die man Ihnen mit rosa Bändern an die Schultern geheftet und des Goldpapierschnabels, den ich mit großer Kunst hergestellt hatte?«

»Ja,« antwortete Julie, »Sie waren Prometheus und ich der Geier. Aber was für ein Gedächtnis Sie besitzen! Wie haben Sie sich all dieser Narrheiten erinnern können, denn es ist doch so lange her, daß wir uns nicht gesehen haben?«

»Soll ich Ihnen ein Kompliment machen?« sagte Darcy lächelnd und neigte sich vor, um ihr ins Gesicht zu schauen. Dann fuhr er in einem ernsteren Tone fort: »Es ist wahrlich nicht seltsam, daß ich die Erinnerung der glücklichsten Augenblicke meines Lebens aufbewahrt habe.«

»Welches Talent Sie für Charaden hatten! ...« sagte Julie, welche fürchtete, die Unterhaltung möchte allzu sentimental werden.

»Soll ich Ihnen einen anderen Beweis meines Gedächtnisses geben?« unterbrach Darcy. »Erinnern Sie sich unseres Bündnisvertrags bei Frau Lambert? Wir hatten uns versprochen, der ganzen Welt Böses nachzureden; uns dagegen einander wider jedermann beizustehn ... Doch unser Vertrag hat das Los der meisten Verträge gehabt; er ist nicht zur Ausführung gekommen.«

»Was wissen Sie davon?«

»Ach, ich bilde mir ein, Sie haben nicht oft Gelegenheit gehabt, mich zu verteidigen; denn welcher Müßiggänger hat sich mit mir beschäftigt, als ich einmal fern von Paris war?«

»Sie verteidigen ... nein ... doch mit Ihren Freunden von Ihnen sprechen ...«

»O, meine Freunde!« rief Darcy mit einem halb traurigen Lächeln, »zu der Zeit besaß ich ihrer nicht viele, wenigstens kannten Sie sie nicht. Die jungen Leute, die Ihre Frau Mutter bei sich sah, haßten mich, ich weiß nicht warum; und was die Frauen betrifft, so dachten sie wenig an den Herrn Attaché des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten.«

»Weil Sie sich nicht mit ihnen beschäftigten.«

»Das ist wahr. Nie hab' ich mich lieb Kind zu machen gewußt bei Leuten, die ich nicht liebte.«

Wenn man Julies Gesicht in der Dunkelheit hätte unterscheiden können, würde Darcy gesehen haben, daß sich beim Hören dieser letzten Phrase eine lebhafte Röte über ihre Züge verbreitet hatte, weil sie ihr einen Sinn gab, an den Darcy vielleicht nicht dachte.

Wie dem auch sein möge, Julie wollte von den Erinnerungen, die der eine wie der andere nur zu gut aufbewahrt hatte, abkommen und Darcy ein bißchen auf seine Reisen bringen, da sie durch dies Mittel vom Sprechen entbunden zu sein hoffte. Das Verfahren glückt fast immer bei Reisenden, besonders bei solchen, die irgend ein fernes Land besucht haben.

»Welch eine schöne Reise Sie gemacht haben!« sagte sie, »und wie sehr bedaure ichs, nie eine ähnliche machen zu können!«

Darcy war nicht mehr bei Erzählerlaune. »Wer ist jener junge Mann mit Schnurrbart,« fragte er aus dem Zusammenhange gerissen, »der mit Ihnen redete?« Diesmal errötete Julie noch mehr. – »Ein Freund meines Mannes,« antwortete sie, »ein Offizier seines Regimentes ... Es heißt,« fuhr sie fort, ohne ihr orientalisches Thema aufgeben zu wollen, »daß Leute, die jenen schönen, blauen Himmel des Orients einmal gesehen haben, nirgend wo anders mehr leben können.«

»Ich weiß nicht warum, mir hat er schrecklich mißfallen ... Ich meine den Freund Ihres Mannes, nicht den blauen Himmel ... Was den blauen Himmel anlangt, gnädige Frau, so möge Gott Sie vor ihm bewahren! Man bekommt ihn schließlich derartig über, weil er sich immer gleich bleibt, daß man den schmutzigen Pariser Nebel wie das schönste aller Schauspiele bewundern würde. Glauben Sie mir, nichts greift die Nerven mehr an wie dieser schöne blaue Himmel, der gestern blau war und morgen blau sein wird. Wenn Sie wüßten, mit welcher Ungeduld, mit welcher immer neuen Enttäuschung man auf eine Wolke wartet, hofft.«

»Und doch sind Sie solange unter diesem blauen Himmel geblieben!«

»Aber, gnädige Frau, es wäre mir ziemlich schwer gefallen, es anders zu machen. Wenn ich nur meiner Neigung hätte folgen dürfen, würd' ich recht bald in die Nähe der Rue de Bellechasse zurückgekehrt sein, nachdem ich die kleine Neugierregung befriedigt, die alle Orientfahrer notwendigerweise verspüren müssen!«

»Viele Reisende, glaube ich, würden dasselbe sagen, wenn sie ebenso freimütig wären wie Sie ... Wie verbringt man seine Zeit in Konstantinopel und in den andern Städten des Orients?«

»Dort, wie überall, kann man seine Zeit auf verschiedene Weise totschlagen. Die Engländer trinken, die Franzosen spielen, die Deutschen rauchen, und, um ihre Vergnügungen zu variieren, setzen sich manche geistreichen Leute Flintenschüssen aus, indem sie auf die Dächer steigen, um die Frauen des Landes zu beäugeln.«

»Dieser letzten Beschäftigung haben Sie wahrscheinlich den Vorzug gegeben!«

»Durchaus nicht. Ich, ich studierte Türkisch und Griechisch, was mich vor Lächerlichkeiten bewahrte. Wenn ich die Gesandtschaftsdepeschen fertig hatte, zeichnete, galoppierte ich nach dem Tale der »süßen Wasser« und ging dann ans Meerufer, um zu sehen, ob nicht irgend ein menschliches Gesicht aus Frankreich oder anderswoher käme.«

»Sollte es in einer so großen Entfernung von Frankreich ein so großes Vergnügen für Sie sein, einen Franzosen zu sehen!«

»Ja; aber wieviele intelligente Menschen kamen auf die Kurzwaren- oder Kaschmirhändler; oder was noch schlimmer ist, auf die jungen Dichter, die, wenn sie nur von weitem jemanden von der Gesandtschaft sahen, ihm zuriefen: Zeigen Sie uns die Ruinen, führen Sie mich zur Hagia Sophia, bringen Sie mich ins Gebirge, ans Azurmeer, ich will die Orte sehen, wo Hero seufzte! Wenn sie sich dann einen tüchtigen Sonnenstich geholt hatten, schlossen sie sich in ihr Zimmer ein und wollten nichts weiter sehen wie die letzten Nummern des Constitutionnel.«

»Ihrer alten Gewohnheit nach sehen Sie alles schwarz. Sie haben sich nicht gebessert, wissen Sie? Denn Sie sind immer noch ein großer Spötter.«

»Sagen Sie mir, gnädige Frau, ob es einem Verdammten, der in seinem Kessel schmort, nicht erlaubt ist, sich auf Kosten seiner Kesselgenossen ein bißchen zu erheitern? Auf Ehre, Sie wissen nicht, was für ein erbärmliches Leben wir da unten führen. Wir Gesandtschaftssekretäre gleichen den Schwalben, die sich niemals auf die Erde setzen. Für uns gibt es jene intimen Beziehungen nicht, die das Lebensglück ausmachen, wie mir scheint. (Diese letzten Worte äußerte er mit einem seltsamen Akzente, und indem er sich Julien näherte.) Seit sechs Jahren hab ich niemanden gefunden, mit dem ich meine Gedanken austauschen konnte.«

»Sie haben also keine Freunde da unten?«

»Ich habe Ihnen eben gesagt, daß es unmöglich ist, in einem fremden Lande welche zu besitzen. Zwei hatte ich in Frankreich zurückgelassen. Der eine ist gestorben, der andere ist jetzt in Amerika, von wo er erst in einigen Jahren zurückkehren wird, wenn das gelbe Fieber ihn nicht dortbehält!«

»Also, Sie sind allein?« ...

»Allein.«

»Und wie ist die Damengesellschaft im Orient? Bietet die Ihnen keine Hilfsquelle?«

»O, die ist das übelste von allem. Was die Türkenfrauen anlangt, so ist an sie nicht zu denken. Das Beste, was man zum Lobe der Griechinnen und Armenierinnen sagen kann, ist, daß sie sehr hübsch sind. Die Konsul- und Gesandtenfrauen, na, davon befreien Sie mich, zu reden. Das ist eine diplomatische Frage; und wenn ich darüber sagte, was ich denke, so könnte ich mir bei den Auswärtigen Angelegenheiten schaden.«

»Ihre Karrière scheinen Sie mir nicht allzu sehr zu lieben. Mit soviel Eifer wünschten Sie früher in die Diplomatie einzutreten!«

»Ich kannte das Metier noch nicht. Jetzt möchte ich Straßenkehreraufseher in Paris sein!«

»Ach Gott, wie können Sie das sagen! Paris, der langweiligste Aufenthaltsort der Erde!«

»Lästern Sie nicht. Nach zweijährigem Aufenthalt in Italien möchte ich Ihre Palinodie auf Neapel hören.«

»Neapel sehn, das würde ich am meisten auf der Welt wünschen,« antwortete sie seufzend, ... »vorausgesetzt, daß meine Freunde bei mir wären.«

»O, unter der Bedingung würde ich um die Welt reisen. Mit seinen Freunden reisen! Aber das ist so, als ob man in seinem Salon bliebe, während die Welt wie ein sich abrollendes Panorama vor den Fenstern vorbeizieht.«

»Nun, wenn das zu viel verlangt ist, so möchte ich mit einem ... mit zwei Freunden allein reisen.«

»Ich, ich würde nicht so ehrgeizig sein; ich möchte nur einen haben, oder nur eine,« fügte er lächelnd hinzu; »das aber ist ein Glück, das mir nie begegnet ist ... und mir nimmer begegnen wird,« fuhr er mit einem Seufzer fort. Dann mit einem heitereren Tone: »Wahrlich, hab' immer rechtes Unglück gehabt. Stets habe ich nur zwei Dinge recht herzlich gewünscht und hab' sie nicht erlangen können.«

»Was war das?«

»O, garnichts Extravagantes! Zum Beispiel habe ich leidenschaftlich gewünscht, mit jemanden Walzer zu tanzen ... Gründliche Walzerstudien hab' ich gemacht. Ganze Monate lang habe ich ihn allein mit einem Sessel geübt, um den Schwindel loszuwerden, der nie ausblieb, und als ich schließlich keinen mehr kriegte ...«

»Mit wem wollten Sie Walzer tanzen?«

»Und wenn ich Ihnen nun sagte, mit Ihnen? ... Und als ich dank meiner Bemühungen ein vollendeter Walzertänzer geworden war, verbot Ihre Großmutter, die eben einen Jansenisten als Beichtvater genommen hatte, den Walzer durch einen Tagesbefehl, den ich noch auswendig weiß.«

»Und Ihr zweiter Wunsch?« ... fragte Julie sehr verwirrt.

»Mein zweiter Wunsch, ich geb' ihn Ihnen preis. Ich wäre gern, es war zu ehrgeizig meinerseits, ich wäre gern geliebt worden ... doch geliebt ... Das war, ehe ich den Walzer so wünschte, und ich bin nicht in der chronologischen Reihenfolge geblieben ... Ich wäre, sage ich, gern von einer Frau geliebt worden, die mich einem Ball – den gefährlichsten von allen Rivalen – vorgezogen haben würde, von einer Frau, zu der ich mit schmutzigen Stiefeln hätte kommen können im Augenblick, wo sie grade in den Wagen steigen wollte, um auf einen Ball zu gehen. Sie wäre in großer Toilette gewesen und hätte zu mir gesagt: »Bleiben wir da«. Doch das war eine Narrheit. Man darf nur mögliche Dinge verlangen!«

»Wie boshaft Sie sind! Immer machen Sie ironische Bemerkungen! Nichts findet Gnade vor Ihnen. Frauen gegenüber sind Sie stets unbarmherzig.«

»Ich? Gott bewahre mich davor! Heißt das Frauen Übles nachreden, wenn ich behaupte, daß sie eine angenehme Abendgesellschaft einem Untervieraugen mit mir vorziehen?«

»Ein Ball! ... Eine Toilette! ... Ach, mein Gott! ... Wer liebt jetzt Bälle? ...« Sie dachte nicht eben daran, ihr ganzes angeklagtes Geschlecht zu rechtfertigen; sie wähnte Darcys Gedanken zu verstehen und die arme Frau verstand nur ihr eigenes Herz.

»Übrigens Toilette und Ball, wie schade, daß wir nicht mehr im Karneval sind. Ich habe ein griechisches Frauenkostüm mitgebracht, das reizend ist und Ihnen wunderbar stehen müßte.«

»Sie sollen mir eine Zeichnung davon für mein Album machen.«

»Sehr gern. Sie werden sehn, was für Fortschritte ich seit der Zeit gemacht hab', wo ich Biedermänner auf den Teetisch Ihrer Frau Mutter kritzelte ... Übrigens, gnädige Frau, hab' ich Ihnen ein Kompliment zu machen; man erzählte mir heute früh im Ministerium, Herr von Chaverny sei eben zum Kammerherrn ernannt worden. Das hat mir große Freude gemacht.«

Unwillkürlich zitterte Julie.

Ohne diese Bewegung zu merken, fuhr Darcy fort:

»Gestatten Sie mir, Sie um Ihren Schutz von nun an zu bitten ... Im Grunde jedoch bin ich nicht zufrieden mit Ihrer neuen Würde. Sie werden genötigt sein, fürchte ich, den Sommer über in Saint-Cloud zu wohnen und dann werd' ich weniger oft die Ehre haben, Sie zu sehen!«

»Nie werde ich nach Saint-Cloud gehn!«, sagte Julie mit erregter Stimme.

»O, desto besser; denn Paris, sehen Sie, ist das Paradies, das man nur verlassen sollte, um von Zeit zu Zeit unter der Bedingung, am Abend dorthin zurückzukehren, auf dem Lande bei Frau Lambert zu Mittag zu speisen. Wie glücklich Sie sind, gnädige Frau, in Paris zu leben! Sie können sich keinen Begriff davon machen, wie glücklich ich mich, der ich mich vielleicht nur für kurze Zeit dort befinde, in der kleinen Wohnung fühle, die meine Tante mir eingeräumt hat. Und Sie wohnen, man hat mir's gesagt, im Faubourg Saint-Honoré. Ihr Haus hat man mir bezeichnet. Sie müssen einen herrlichen Garten haben, wenn die Bauwut Ihre Alleen nicht bereits in Läden umgewandelt hat.«

»Nein, mein Garten ist, Gottseidank, noch unversehrt!«

»An welchem Tage empfangen Sie, gnädige Frau?«

»Ich bin fast allabendlich zu Hause. Entzückt würde ich sein, wenn Sie mich manchmal besuchen wollten.«

»Sie sehen, gnädige Frau, ich tue, wie wenn unser altes Bündnis noch bestünde. Ganz zwanglos und ohne offiziellen Besuch lade ich mich selbst ein. Sie verzeihen mir, nicht wahr? ... Nur noch Sie und Frau Lambert kenne ich in Paris. Alle Welt hat mich vergessen, doch Ihren beiden Häusern habe ich als einzigen in meinem Exile nachgetrauert. Ihr Salon vor allem muß reizend sein. Sie, die Sie Ihre Freunde so gut auswählten! ... Erinnern Sie sich der Pläne, die Sie einst für die Zeit schmiedeten, wo Sie Hausherrin sein würden? Ein für langweilige Leute unzugänglicher Salon; manchmal Musik, immer Unterhaltung, die lang dauern sollte; keine pretentiösen Leute, eine kleine Anzahl Personen, die sich ganz genau kennen, und die infolgedessen weder zu lügen noch zu wirken suchen ... Ja, Sie sind die glücklichste der Frauen und machen alle glücklich, die in Ihre Nähe kommen!« Während Darcy sprach, dachte Julie, daß sie das Glück, welches er mit soviel Lebhaftigkeit beschrieb, hätte erlangen können, wenn sie einen anderen Mann geheiratet ... Darcy zum Beispiel. Statt an diesen eingebildeten Salon, der so elegant und so angenehm war, dachte sie an die langweiligen Leute, die Chaverny ihr zugeführt hatte, ... statt an jene so munteren Unterhaltungen erinnerte sie sich an die ehelichen Scenen wie die, welche sie nach P... geführt hatte. Kurz sie sah sich für immer unglücklich, fürs Leben an das Schicksal eines Mannes geknüpft, den sie haßte und den sie verachtete, während der, den sie für den liebenswürdigsten auf der Welt hielt, dem sie die Sorge, ihr Glück zu sichern, hätte aufbürden mögen, immer ein Fremder für sie bleiben mußte. Ihre Pflicht war, ihn zu meiden, sich von ihm zu trennen ... und er saß so nahe bei ihr, daß ihre Kleiderärmel sich an seinen Rockaufschlägen rieben!

Darcy fuhr einige Zeit fort die Freuden des Pariser Lebens mit all der Beredsamkeit zu schildern, die eine lange Beraubung derselben ihm verlieh. Julie fühlte indessen Tränen über ihre Wangen rollen. Sie zitterte, Darcy könne es merken, und der Zwang, den sie sich auferlegte, verstärkte noch die Kraft ihrer Erregung. Sie erstickte, wagte keine Bewegung zu machen. Endlich entrann ihr ein Seufzer und alles war verloren. Halb von Tränen und Scham erstickt, stützte sie den Kopf in ihre Hände.

Darcy, der an nichts weniger dachte, war sehr erstaunt. Einen Augenblick lang machte ihn die Überraschung stumm. Als aber die Seufzer sich verdoppelten, fühlte er sich verpflichtet zu sprechen und nach dem Grunde dieser so plötzlichen Tränen zu fragen.

»Was haben Sie, gnädige Frau? In Gottes Namen, gnädige Frau, antworten Sie mir ... Was ist Ihnen geschehen? ...« Und da die arme Julie bei all diesen Fragen ihr Taschentuch noch fester gegen die Augen preßte, faßte er sie bei der Hand und entfernte sanft das Taschentuch.

»Ich beschwöre Sie, gnädige Frau,« sagte er mit einem Tone der Verwirrung, der Julien bis in den Herzensgrund drang, »ich beschwöre Sie, was haben Sie? Sollte ich Sie unwissentlich beleidigt haben? ... Durch Ihr Schweigen bringen Sie mich zur Verzweiflung.«

»Ach!« rief Julie, die nicht mehr an sich halten konnte, »ich bin sehr unglücklich!« Und sie schluchzte noch stärker.

»Unglücklich! Wie? ...Warum? ... Wer kann Sie unglücklich machen? Antworten Sie mir.« Also sprechend drückte er ihr die Hände und sein Kopf berührte fast Julies, die, anstatt zu antworten, weinte. Darcy wußte nicht, was er denken sollte, war aber gerührt von ihren Tränen. Er fand sich fünf Jahre jünger und begann in eine Zukunft zu schauen, die sich seiner Einbildungskraft noch nicht dargestellt hatte, in welcher er aus der Vertrautenrolle wohl in eine andere, wirkungsvollere übergehen konnte.

Da sie sich hartnäckig zu antworten weigerte, fürchtete Darcy, sie befände sich nicht wohl, öffnete eins der Wagenfenster, knüpfte Julies Hutbänder auf und nahm ihr Mantel und Schal ab. Bei solchen Hilfen sind Männer ungeschickt. Bei einem Dorfe wollte er den Wagen anhalten lassen, und rief bereits den Kutscher, als Julie, ihn beim Arme greifend, inständigst bat, nicht anhalten zu lassen, und ihm versicherte, daß sie sich wohler fühle. Der Kutscher hatte nichts gehört und lenkte seine Pferde weiter nach Paris.

»Aber ich bitte Sie herzlich, meine liebe Frau von Chaverny,« sagte Darcy, die Hand wieder ergreifend, die er einen Augenblick hatte fahren lassen, »ich bitte Sie inständigst, sagen Sie mir, was haben Sie? Ich fürchte ... Ich kann nicht begreifen, womit ich so unglücklich gewesen bin Ihnen Qual zu bereiten.«

»Ach, Sie doch nicht!« rief Julie, und drückte ihm die Hand ein wenig.

»Nun, sagen Sie, was kann Sie so weinen machen? Sprechen Sie vertrauensvoll zu mir. Sind wir nicht alte Freunde?« fügte er lächelnd und, seinerseits Julies Hand drückend, hinzu.

»Sie sprachen zu mir von Glück, von dem Sie mich umgeben glauben ... und solch ein Glück liegt mir so fern!« ...

»Wie? Besitzen Sie nicht alle Grundbedingungen des Glücks? .... Sie sind jung, reich, hübsch ... Ihr Gatte nimmt eine ausgezeichnete Stellung in der Gesellschaft ein ...«

»Ich verabscheue ihn,« rief Julie außer sich; »ich verachte ihn!« Und sie verbarg, stärker schluchzend denn je, ihren Kopf in ihrem Taschentuch.

– O, o! dachte Darcy, das wird recht ernsthaft. Und listig alle Stöße des Wagens ausnützend, um sich der armen Julie noch mehr zu nähern:

– »Warum,« sagte er mit der süßesten und zärtlichsten Stimme der Welt, »warum betrüben Sie sich so? Darf ein Wesen, das Sie verachten, solchen Einfluß auf Ihr Leben haben? Warum erlauben Sie ihm denn nur Ihr Glück zu vergiften? Aber müssen Sie denn dies Glück durchaus von ihm verlangen?« ... Und er küßte ihr die Fingerspitzen; da sie ihre Hand jedoch sofort voller Schrecken zurückzog, fürchtete er zu weit gegangen zu sein. Entschlossen aber, das Ende des Abenteuers zu sehn, sagte er seufzend in ziemlich scheinheiliger Weise:

»Wie bin ich getäuscht worden! Als ich von Ihrer Heirat hörte, glaubte ich, daß Chaverny Ihnen wirklich gefiele!«

»Ach, Herr Darcy, Sie haben mich nie gekannt!« Der Ton ihrer Stimme sagte deutlich: Stets habe ich Sie geliebt und Sie haben es nicht merken wollen ..... Mit dem besten Glauben der Welt meinte die arme Frau in diesem Augenblicke, daß sie immer Darcy geliebt während der verstrichenen sechs Jahre, mit eben der Liebe geliebt hätte, welche sie in diesem Momente für ihn empfand.

»Und Sie!« rief Darcy, sich belebend, »Sie, gnädige Frau, haben Sie mich jemals gekannt? Haben Sie je gewußt, welche Gefühle ich hegte? Ach, wenn Sie mich besser gekannt hätten, würden wir zweifelsohne beide jetzt glücklicher sein!«

»Wie unglücklich ich bin,« wiederholte Julie unter verdoppelten Tränen, indem sie ihm kräftig die Hand drückte.

»Doch selbst wenn Sie mich begriffen hätten, gnädige Frau,« fuhr Darcy mit jenem Ausdrucke ironischer Melancholie fort, der ihm eigentümlich war, »was würde sich daraus ergeben haben? Ich war ohne Vermögen, Ihres war beträchtlich; Ihre Mutter würde mich verachtungsvoll zurückgewiesen haben. Ich war von vornherein verworfen. Sie selber, ja ..... Sie, Julie, würden, ehe Ihnen eine verhängnisvolle Erfahrung bewiesen hat, wo, ach, das wahre Glück ist, zweifelsohne über meine Dreistigkeit gelacht haben, und ein schön lackierter Wagen mit einer Grafenkrone auf dem Schlage würde damals gewißlich das sicherste Mittel gewesen sein Ihnen zu gefallen.«

»O Himmel! Und Sie auch! Niemand will also Mitleid mit mir haben?«

»Verzeihen Sie mir, liebe Julie!« rief er selber sehr bewegt, »verzeihen Sie mir, ich bitte Sie inständigst. Vergessen Sie diese Vorwürfe; nein ich habe nicht das Recht, Ihnen welche zu machen, ich... Ich bin schuldiger als Sie... Ich habe Sie nicht zu schätzen gewußt. Hab' Sie für schwach gehalten wie die Frauen der Welt, in der Sie lebten, habe an Ihrem Mute gezweifelt, liebe Julie, und bin grausam dafür bestraft worden!« ... Feurig küßte er ihr die Hände, die sie nicht mehr zurückzog; er wollte sie an seine Brust drücken... Julie aber stieß ihn mit einem lebhaften Furchtausdruck zurück und entfernte sich soweit von ihm, wie es die Wagenbreite ihr erlauben konnte.

Worauf Darcy mit einer Stimme, deren Süße den Ausdruck sogar herzergreifender machte: »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich hatte Paris vergessen. Ich erinnere mich jetzt, daß man sich dort wohl verheiratet aber nicht liebt!«

»O ja, ich liebe Sie,« murmelte sie schluchzend, und ließ ihren Kopf auf Darcys Schulter sinken. Entzückt preßte Darcy sie in seine Arme und suchte ihre Tränen durch Küsse aufzuhalten. Sie versuchte nochmals sich aus seiner Umschlingung loszumachen, diese Bemühung aber war die letzte, die sie unternahm.


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