Prosper Mérimée
Zwiefacher Irrtum
Prosper Mérimée

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X.

Nachdem Darcy sie verlassen, blickte Julie häufig auf die Uhr. Zerstreut hörte sie Châteaufort zu und unwillkürlich suchten ihre Augen Darcy, der am anderen Salonende plauderte. Manchmal schaute er sie in seinem Gespräche mit dem Statistikliebhaber an und sie konnte seinen durchdringenden, wiewohl ruhigen Blick nicht ertragen. Sie fühlte, daß er schon eine außergewöhnliche Herrschaft über sie erlangt habe, und dachte nicht mehr daran, sich ihr zu entziehen.

Endlich verlangte sie ihren Wagen; und sei es Absicht, sei es Zerstreutheit, sie verlangte ihn, indem sie Darcy mit einem Blicke ansah, der sagen wollte: – Sie haben eine halbe Stunde verloren, die wir gemeinsam hätten verbringen können. – Der Wagen stand bereit. Darcy plauderte immer noch, schien aber müde und des Fragestellers, der nicht locker ließ, überdrüssig zu sein. Langsam erhob Julie sich, drückte Frau Lambert die Hand und wandte sich dann überrascht und fast ärgerlich, Darcy immer am nämlichen Platze verharren zu sehen, der Türe zu. Châteaufort war bei ihr, bot ihr den Arm, den sie mechanisch nahm, ohne auf ihn zu hören, und fast ohne seine Anwesenheit zu bemerken. Sie durchquerte das Vestibül. Frau Lambert und etliche Leute, die sie bis an ihren Wagen geleiteten, waren bei ihr. Darcy war im Salon geblieben. Als sie in ihrer Kalesche saß, fragte Châteaufort lächelnd, ob sie Nachts ganz allein auf den Wegen keine Furcht haben würde, und fügte hinzu, er wolle in seinem Tilbury dicht auf ihr folgen, sowie Major Perrin seine Billardpartie beendigt hätte. Julie, die ganz in Träume versunken war, wurde erst durch den Ton seiner Stimme an sich selbst erinnert, hatte jedoch nichts verstanden. Sie tat, was jede andere Frau unter solchen Umständen tun würde: sie lächelte. Dann sagte sie den auf der Freitreppe vereinigten Leuten, den Kopf neigend, Lebewohl, und ihre Pferde führten sie schnell davon.

Grade im Augenblick aber, wo der Wagen sich in Bewegung setzte, hatte sie Darcy aus dem Salon kommen sehen, er war bleich, sah traurig aus und hatte die Augen auf sie geheftet, wie wenn er ein deutliches Lebewohl erwarte. Sie fuhr fort mit dem Bedauern, daß sie ihm keinen Abschiedsgruß habe zunicken können, der nur ihm allein gegolten hätte, und dachte sogar, daß er darüber ärgerlich sein möchte. Bereits hatte sie vergessen, daß sie die Sorge, sie an ihren Wagen zu geleiten, einem anderen überlassen hatte; jetzt war das Unrecht auf ihrer Seite und sie warf es sich wie ein schweres Verbrechen vor. Die Gefühle, die sie einige Jahre vorher für Darcy gehegt, als sie ihn an jenem Abend verlassen, wo sie falsch gesungen, waren sehr viel weniger lebhaft gewesen als die, welche sie diesmal mitnahm. Nicht nur hatten die Jahre ihren Eindrücken Kraft verliehen, sondern sie vermehrten sich auch noch um den ganzen gegen ihren Ehemann aufgesammelten Zorn. Vielleicht hatte sogar die Art Begeisterung, die sie für Châteaufort empfunden, der in diesem Augenblicke übrigens vollkommen vergessen war, sie darauf vorbereitet, sich ohne viele Gewissensbisse in dem sehr viel lebhafteren Gefühle, das sie für Darcy empfand, gehen zu lassen.

Was ihn anlangt: seine Gefühle waren sehr viel ruhigerer Natur. Mit Freuden war er einer hübschen jungen Frau begegnet, die glückliche Erinnerungen in ihm wachrief, und deren Bekanntschaft ihm für den Winter, den er in Paris verbringen sollte, wahrscheinlich angenehm sein würde. Doch als sie ihm nun nicht mehr vor Augen war, bewahrte er an sie höchstens nur die Erinnerung an einige fröhlich verstrichene Stunden, eine Erinnerung, deren Süße noch durch die Aussicht auf ein spätes Zubettkommen, und daß er einige Meilen zurücklegen müsse, um sein Lager zu finden, beeinträchtigt wurde. Überlassen wir ihn ganz seinen prosaischen Gedanken, lassen wir ihn sich sorgsam in seinen Mantel hüllen, sich bequem und ausgestreckt in seinem Mietwagen unterbringen, seine Gedanken aus Frau Lamberts Salon nach Konstantinopel, von Konstantinopel nach Korfu, und von Korfu in einem Halbschlummer schicken.

Wir, lieber Leser, folgen, wenn's gefällig, Frau von Chaverny.


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