Karl May
Durch die Wüste
Karl May

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Bei den Teufelsanbetern

Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung Amadijah heraus zu holen; eine Aufgabe, welche nicht so ohne Weiteres zu lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen, und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das Unternehmen nur zu Dreien auszuführen. Diese Drei waren: er, Halef und ich.

Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntniß und Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht begleitet, weil ich es ihm abrieth. Er konnte mir in Mossul nichts nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Consuls nachzusuchen, brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn für ihn vollständig genügte.

Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten, da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen Saraghum, zusammen zu treffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu erreichen.

Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter England's aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein, denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben. Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich nothwendig; denn ich wollte mich mit Allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern vermochte.

Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs einlogirt, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.

Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an, daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:

»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«

»Woran?«

»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«

»Ah! Warum?«

»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«

»Ja. Du weißt dies ja längst.«

»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die Dschehennah!«

Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm gesehen hatte.

»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«

»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß Du auf diesem Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf nennen, die drei Männer, welche Du auf der Insel der Abu Hammed gerettet hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach ihrer Heimat zogen?«

»Ich werde sie besuchen.«

»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir Beide sind wahre Gläubige; aber ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den Himmel verloren.«

»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es Dir gesagt?«

»Das weiß jeder Moslem. Hast Du noch nicht erfahren, daß das Land, in welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«

Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi, den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts wisse, und frug:

»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«

»Es wohnen die Radjahl el Scheïtan dort, die Männer des Teufels, welche den Scheïtan anbeten.«

»Hadschi Halef Omar, wo gibt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«

»Du glaubst es nicht? Hast Du noch nie von solchen Leuten gehört?«

»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«

»Und dennoch thust Du, als ob Du mir nicht glaubtest?«

»Ich glaube Dir wirklich nicht.«

»Und hast sie selbst gesehen?«

»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer, welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie an. Hier aber gibt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«

»Sihdi, Du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber ist Deine Klugheit und Deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden Mann, der Dir begegnet, und er wird Dir sagen, daß man in Scheïtanistan den Teufel anbetet.«

»Warst Du dabei, als sie ihn anbeteten?«

»Nein. Ich habe es aber gehört.«

»Waren denn jene Leute dabei, von denen Du es gehört hast?«

»Sie hatten es auch von Anderen gehört.«

»So will ich Dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme, wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«

»Aber dennoch weiß man Alles, was sie thun.«

»Nun?«

»Hast Du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«

»Ja.«

»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«

»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«

»Siehst Du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«

»Da hat man Dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer anderen Sekte verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was weißt Du noch von ihnen?«

»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie anbeten, und das ist der Teufel.«

»Ist er es wirklich?«

»Ja.«

»O Du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«

»Ja.«

»Und in jedem steht ein Hahn?«

»Ja.«

»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es gibt nur einen?«

»O Sihdi, es gibt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie haben auch falsche Engel.«

»In wiefern?«

»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel gibt, nämlich Dschebraïl, welcher der Ruh el Kuds ist und mit Allah und Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl, Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«

»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel gibt.«

»Du? Warum?« frug er erstaunt.

»Das heilige Buch der Christen sagt esSiehe Buch Tobais 12. V. 15. Offenbarung 1. V. 4, und 4. V. 5, und dem glaube ich mehr als dem Kuran.«

»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß Du zu den Dschesidi willst!«

»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«

»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also nicht kennen.«

»Ich sage Dir, Hadschi Halef Omar, daß Du Dich vor den Teufelsanbetern nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an, sie nennen ihn nicht einmal bei'm Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer und aufrichtig, und das findest Du bei den Gläubigen wohl selten. Übrigens kommst Du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden Dir Deinen Glauben nicht nehmen.«

»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«

»Nein. Ich versichere es Dir!«

»Aber sie werden uns tödten!«

»Weder mich noch Dich.«

»Sie haben aber so viele Andere getödtet; sie tödten die Christen nicht, sondern nur die Muselmänner.«

»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie tödteten deßhalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von den Christen angegriffen wurden.«

»Aber ich bin ein Moslem!«

»Sie sind Deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast Du nicht drei ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«

»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde Dich nicht verlassen, sondern mit Dir gehen!«

Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha. Sie blieben am Eingange stehen, und Einer von ihnen frug:

»Bist Du der Ungläubige, den wir führen sollen?«

Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ, hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt. Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen.

Der Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja, ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.

»Bist Du taub und blind, daß Du nicht antwortest?« frug er barsch.

Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und Weise so ohne Weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk und wandte mich an meinen Diener:

»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob Jemand hier ist!«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Es sind zwei Sabits, welche mit Dir sprechen wollen.«

»Wer sendet sie?«

»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«

»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha – Allah schütze ihn! – würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern, welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte wiederholen, welche ich mit Dir gesprochen habe!«

Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.

»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich Dir befohlen?«

Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem Eingange zu:

»Hört, was ich Euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört, was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er Euch befohlen hat!«

»Wir gehen nicht! Der Pascha hat uns gesandt!«

»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer senden solle! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den Gruß zu sagen.«

»Bei einem Ungläubigen – – –«

Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.

»Hinaus!«

»Wir haben – – –«

»Hinaus!«

Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen Vorschriften geben zu lassen. – Man muß den Orientalen zu behandeln verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Muth und eine möglichst große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend, welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings gibt es andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich Einiges oder sogar auch Vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr gerathen, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört nicht nur Kenntniß der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die Hand an der Waffe oder – – die Hand im Beutel.

»Sihdi, was hast Du gethan!« rief Halef.

Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines Verhaltens.

»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«

»Kennst Du diese Arnauten?«

»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«

»Das sind sie. Hast Du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine alte Frau bloß deßhalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war blind.«

»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«

»Und kennst Du den Pascha?«

»Er ist ein sehr guter Mann!«

»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich Alle vor ihm fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß Zehn oder Zwanzig die Bastonnade erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber auf einander und bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu seinen Arnauten: ›Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!‹ Sie thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen. Sihdi, was wird er mit uns thun?«

»Das müssen wir abwarten.«

»Ich will Dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne ihn mitzunehmen.«

»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«

»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«

»Darf ich Dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«

»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es Dir bei dem Propheten und allen Khalifen: wenn Du am Abend noch nicht zurück bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzutheilen hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden Kugeln vor den Kopf!«

Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.

»Aber Hanneh?« frug ich.

»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann lieb haben, der seinen Effendi tödten läßt!«

»Ich danke Dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht so weit kommen wird.«

Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.

»Salama!« grüßte er.

»Sallam! Was willst Du?«

»Bist Du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«

»Ja.«

»Der Pascha – Allah schenke ihm tausend Jahre! – hat Dir eine Sänfte gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«

»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«

Als er hinaus war, sagte Halef:

»Sihdi, siehst Du, daß es gefährlich wird?«

»Warum?«

»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«

»Es mag sein; aber mache Dir keine Sorge!«

Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte sie. Zwei Hammals hielten einen Tragsessel bereit.

»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.

Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuthen, daß ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.

»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.

Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt, denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus, welche ich zu diesem Zweck angelegt hatte, und trat ein:

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über der Brust verschränkte und mich verbeugte.

»Sal – –«

Der Pascha unterbrach sich aber sofort und frug dann:

»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«

»So ist es.«

»Sind die Nemsi Moslemim?«

»Nein. Sie sind Christen.«

»Und dennoch wagst Du den Gruß der Moslemim!«

»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allah's und ein Liebling des Padischah – Gott beschirme ihn! – Soll ich Dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen, die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«

»Du bist kühn, Fremdling!«

Es war ein eigenthümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der kostbarsten, die ich je gesehen hatte.

Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte, frug er weiter:

»Warum hast Du Dich nicht durch einen Consul vorstellen lassen?«

»Die Nemsi haben keinen Consul in Mossul, und die anderen Consuln sind mir ebenso fremd, wie Du selbst. Ein Consul kann mich nicht besser und schlechter machen, als ich bin, und Du hast ein scharfes Auge; Du brauchst mich nicht durch das Auge eines Consuls kennen zu lernen.«

»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob Du ein sehr großer Mann seist!«

»Würde ein anderer Mann es wagen, Dich zu besuchen?«

Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.

»Wie heißest Du?«

»Hasredin, ich habe verschiedene Namen.«

»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur einen Namen hat!«

»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«

»So hast Du viele Länder und viele Völker gesehen?«

»Ja.«

»Nenne die Völker!«

»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler –«

Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte größer. Endlich aber platzte er heraus:

»Hei-hei! Gibt es so viele Völker auf der Erde?«

»Noch viel, viel mehr!«

»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst Du so viele Länder besucht haben? Wie alt warst Du, als Du aus dem Lande der Nemsi gingst?«

»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja kam.«

»Und was bist Du?«

»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«

»Was schreibst Du da?«

»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«

»Kommen in diesen Chaberler auch die Männer vor, mit denen Du zusammentriffst?«

»Nur die Vorzüglichsten.«

»Auch ich?«

»Auch Du.«

»Was würdest Du über mich schreiben?«

»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«

»Und wer liest das?«

»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«

»Auch Paschas und Fürsten?«

»Auch sie.«

In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz unwillkürlich auf.

»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«

»Dein Arzt?« frug ich verwundert.

»Ja. Hast Du einmal Disch aghrisi gehabt?«

»Als Kind.«

»So weißt Du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den Mund nicht zubringen.«

Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich beschloß, dies zu benutzen.

»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«

»Bist Du ein Hekim?«

»Bei Gelegenheit.«

»So komm her! Unten rechts!«

Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.

»Erlaubst Du mir, den Zahn zu befühlen?«

»Wenn es nicht wehe thut!«

Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene Operation zu vollenden.

»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«

»Sechzig.«

»Willst Du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich Dir den Zahn herausnehme, ohne daß es Dich schmerzt?«

»Du kannst es nicht!«

»Ich kann es!«

»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst Du die Hiebe, die ihm erlassen werden.«

Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.

»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«

Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.

Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst – des Hokuspokus wegen – ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern, schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte meine Hand schnell und schob sie von sich weg.

»Wenn Du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das Ding!«

Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange – aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu kleinen Mund.

»Paß auf, ob es wehe thut! Bir – iki – itsch – eins, zwei, drei! Hier ist der Ungehorsame, welcher Dir solche Schmerzen bereitet hat!«

Er sah mich ganz erstaunt an.

»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«

»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«

Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.

»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich Dich nennen?«

»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«

»Nimmst Du jeden Zahn so gut heraus?«

»Hm! Unter Umständen!«

Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.

»Frage überall im Hause nach, ob Jemand Zahnschmerzen hat!«

Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig geworden war.

»Warum folgtest Du meinen Boten nicht sofort?« frug er.

»Weil sie mich beschimpften.«

»Erzähle!«

Ich berichtete ihm das Vorkommniß. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann drohend seine Hand.

»Du thatest Unrecht. Ich hatte es befohlen, und Du mußtest sofort kommen. Danke Allah, daß er Dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen herauszunehmen!«

»Was hättest Du mir gethan?«

»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«

»Bestraft? Das hättest Du nicht gethan!«

»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«

»Der Großherr selbst.«

»Der Großherr?« frug er verblüfft.

»Kein Anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß Deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst Du, daß es nicht nothwendig sei, dieses Tirscheh zu berücksichtigen? Hier nimm und lies!«

Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.

»Ein Bu-djeruldi des Großherrn – Allah segne ihn!«

Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.

»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst Du dazu?«

»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst Du dazu, o Pascha?«

»Wirklich, Du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes, weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«

»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubniß gegeben, alle seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«

Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze Dich!«

Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.

Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte. Dann saßen wir rauchend und trinkend bei einander, als ob wir ein paar alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und frug:

»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«

»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der Eine.

»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt Eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn sogar einen Ungläubigen genannt!«

»Wir thaten es, weil Du ihn selbst so nanntest.«

»Schweig, Du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«

»Herr, Du hast – – –«

»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«

»Nein, o Pascha.«

»Und doch hast Du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein Jeder von Euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es draußen!«

Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich. Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.

»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist erhaben, aber Deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und Du wirst Deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«

»Über diese Halunken, die Dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso, als ob sie mich beleidigt hätten?«

»Herr, Du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten fort. Man wird im Abendlande Deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß Du meine Bitte erfüllt hast.«

»Diese Hunde sind es nicht werth, daß wir ihnen vergeben; aber damit Du siehst, daß ich Dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein. Packt Euch fort, und laßt Euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht sehen!«

Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:

»In welchem Lande bist Du bisher zuletzt gewesen?«

»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu Dir.«

Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.

»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß Du ihn eingeschlagen hast!«

»Warum?«

»Weil Du sonst unter die Schammar-Araber gerathen und von ihnen ermordet worden wärest.«

Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!

»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?«

»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich bereits begonnen, sie zu vernichten.«

»Du hast Deine Truppen gegen sie gesandt?«

»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«

Diese ›besseren Dinge‹ waren leicht zu errathen: Ausrauben der Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.

»Ah, ich errathe!«

»Was erräthst Du?«

»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er sie unter einander entzweit!«

»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es wirklich so gemacht.«

»Ist es gelungen?«

»Schlecht! Und weißt Du, wer die Schuld daran trägt?«

»Wer?«

»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die Tapfersten unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getödtet oder gefangen genommen. Sie haben den größten Theil ihrer Heerden verloren und müssen Tribut zahlen.«

»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«

»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tödtet des Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer in der Hölle.«

»Kannst Du seiner nicht habhaft werden?«

»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden. Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«

Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.

»Von wem hast Du dieses erfahren, Hoheit?«

»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu spät war. Die Haddedihn hatten die Heerden schon weggenommen.«

»Du wirst sie bestrafen?«

»Ja.«

»Sogleich?«

»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren, obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe. Warst Du schon in den Ruinen von Kufjundschik?«

»Nein.«

»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Orte schicken.«

»Darf ich fragen, wohin?«

»Das ist mein Geheimniß, und Niemand darf es erfahren. Du weißt wohl auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden müssen.«

Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich suchte ihm das Ergebniß seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem Zangenungethüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu müssen – und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde.

»Nun?« frug der Gouverneur.

»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch aghrisi leidet!«

»Auch Du selbst leidest nicht daran?«

»Nein.«

Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich bedauernd zu mir:

»Es ist Schade! Ich wollte Dir Gelegenheit geben, Deine Kunst bewundern zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen Einer.«

»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.«

»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palaste wohnen und so bedient werden wie ich. – Gehe!«

Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich antwortete:

»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.«

»Wohin willst Du gehen?«

»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.«

»Wie weit?«

»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis nach Dschulamerik.«

»Was willst Du dort?«

»Ich will sehen, was es dort für Menschen gibt und welche Pflanzen und Kräuter in jenen Gegenden wachsen.«

»Und warum soll dies so bald geschehen, daß Du nicht einige Tage bei mir bleiben kannst?«

»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.«

»Die Menschen dort oben brauchst Du nicht kennen zu lernen. Es sind kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle! Aber die Kräuter? Wozu? Ah Du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber hast Du nicht daran gedacht, daß die Kurden Dich vielleicht tödten werden?«

»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.«

»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?«

»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse und – – ich habe ja auch Dich, o Pascha!«

»Mich?«

»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?«

»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.«

»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!«

»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme sind widerspenstig und schlimm.«

»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir Deinen Schutz gewähren. Das ist die Bitte, deretwegen ich zu Dir kam.«

»Sie soll Dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.«

»Welche?«

»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.«

»Ich nehme diese Bedingung an.«

»Ich werde Dir zwei Khawassen mitgeben, welche Dich bedienen und beschützen sollen. Weißt Du auch, daß Du durch das Land der Dschesidi kommst?«

»Ich weiß es.«

»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll. Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.«

»Ist Letzteres gar so schlimm?«

Er sah mich von der Seite forschend an.

»Trinkst Du Wein?«

»Sehr gern.«

»Hast Du Wein bei Dir?«

»Nein.«

»Ich dachte, Du hättest solchen – – dann – – – hätte ich Dich vor Deiner Abreise einmal besucht.«

Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu Nutze machen und sagte also:

»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.«

»Auch solchen, welcher spritzt?«

Er meinte jedenfalls Champagner.

»Hast Du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?«

»O nein! Weißt Du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken? Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!«

»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritz-Wein künstlich machen, und dann ist es kein eigentlicher Wein!«

»Du kannst spritzenden Wein machen?«

»Ja.«

»Aber dies dauert lange Zeit – vielleicht einige Wochen oder gar einige Monate?«

»Es dauert nur einige Stunden.«

»Willst Du mir einen solchen Trank machen?«

»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nöthig sind.«

»Was brauchst Du?«

»Flaschen.«

»Die habe ich.«

»Zucker und Rosinen.«

»Bekommst Du von mir.«

»Essig und Wasser.«

»Hat mein Mudbachdschi

»Und dann Einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.«

»Gehört es zu den Ilatschlar

»Ja.«

»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst Du noch etwas?«

»Nein. Aber Du müßtest mir erlauben, den Wein in Deiner Küche zu bereiten.«

»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?«

»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein sehr großes Geheimniß!«

»Ich gebe Dir, was Du verlangst!«

»Ein so wichtiges Geheimniß verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es erfahren.«

»Bin ich nicht Dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe Dich und werde gern Alles gewähren, um was Du mich bittest.«

»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst Du mein Geheimniß erfahren. Wie viele Flaschen soll ich Dir füllen?«

»Zwanzig. Oder ist es zu viel?«

»Nein. Laß uns in die Küche gehen!«

Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben wir uns in die Küche.

Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der ›Friedenspfeife‹ so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Heerde, auf welchem über dem Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit weit geöffneten Augen an.

Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten und rief:

»Auf, Ihr Tschürücktschi, Ihr Sklaven! Kennt Ihr mich nicht, daß Ihr sitzen bleibt, als ob ich einer Euresgleichen sei?«

Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen.

»Habt Ihr heißes Wasser?«

»Dort kocht es, Herr,« antwortete Einer, welcher der Koch zu sein schien; denn er war der Dickste und Schmutzigste von allen.

»Hole Rosinen, Du Lümmel!«

»Wie viele?«

»Wie viel brauchst Du?« frug er mich.

Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß.

»Diesen Bardak dreimal voll.«

»Und Zucker?«

»Noch einmal so viel.«

»Und Essig?«

»Vielleicht den zehnten Theil.«

»Habt Ihr's gehört, Ihr Kerkmaklar? Packt Euch!«

Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die Rosinen waschen und that dann Alles in das kochende Wasser. Ein abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um das chemische Gedächtniß des edlen Pascha nicht mit allzu vielen Prozeduren zu beschweren.

»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn.

»Komm!«

Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt.

»Steh auf, Zeddikler, und erzeige mir und diesem großen Effendi die Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für Dich gebeten, daß ich Dir Deine Portion Hiebe erließ. Wisse, Du Kabadschi, daß er mir den Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete Dir, ihm zu danken!«

O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten Haïk. Dann frug der Pascha:

»Wo ist die Apotheke?«

Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten.

»Hier, o Pascha!«

»Öffne!«

Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern, Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich frug nach kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem Ersteren war genug, von Letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es.

»Hast Du alles?« frug mich der Pascha.

»Ja.«

Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm:

»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke Dir ihre Namen. Ich brauche sie sehr nothwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn Du die Namen vergissest, erhältst Du fünfzig wohlgezählte Hiebe!«

Wir kehrten in die Küche zurück. Es wurden Flaschen, Lack, Draht und kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur theilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne Gewissensbisse getrunken werden könne.

Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir, daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen.

»Wollen wir trinken?« frug er.

»Er ist noch nicht abgekühlt genug.«

»Wir trinken ihn warm.«

»So schmeckt er nicht.«

»Er muß!«

Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Kadehs bringen, verbot Jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste den Draht.

Puff! – Der Stöpsel flog an die Decke.

»Allah il Allah!« rief er erschrocken.

Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas schnell unterhalten.

»Maschallah! Er spritzt wirklich!«

Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die Öffnung steckte, um sie zu verschließen.

»Saltanatly – prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe Dich! Dieser Wein ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!«

»Findest Du dies?«

»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man im Paradiese trinken wird. Ich werde Dir nicht zwei, sondern vier Khawassen mitgeben.«

»Ich danke Dir! Hast Du Dir genau gemerkt, wie man diesen Wein bereitet?«

»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!«

Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien, setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg, als sie leer war.

»Bom bosch! Sie ist versiegt. Warum ist sie nicht größer gewesen!«

»Merkst Du nun, wie kostbar mein Geheimniß war?«

»Beim Propheten, ich merke es! O, Ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber erlaube mir, Dich einmal zu verlassen!«

Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren – zwei Flaschen. Ich lachte.

»Du hast sie selbst geholt?« frug ich.

»Kendi – selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf Niemand anrühren, außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!«

»Du willst noch trinken?«

»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?«

»Aber ich sage Dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack haben wird, wenn er kalt geworden ist.«

»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das Herz seiner Gläubigen zu erquicken!«

Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er:

»Freund, Dir kommt Keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein Ungläubiger. Vier Khawassen sind für Dich zu wenig; Du sollst sechs haben!«

»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!«

»Wirst Du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?«

»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht sagen, was ich getrunken habe.«

»Maschallah, Du hast Recht! Ich trinke, ohne an Dich zu denken. Reiche mir Dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.«

Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein.

»Weißt Du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs Khawassen für Dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!«

»Ich danke Dir, o Pascha!«

Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter Umständen außerordentlich hinderlich werden.

»Also Du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte Thema. »Kennst Du ihre Sprache?«

»Es ist die kurdische?«

»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur Wenige von ihnen arabisch.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»So werde ich Dir einen Dolmetscher mitgeben.«

»Vielleicht ist dies unnöthig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt, und dieses verstehe ich.«

»Ich verstehe Beides nicht, und Du mußt am besten wissen, ob Du einen Dragoman brauchst. Aber halte Dich in ihrem Lande ja nicht lange auf. Ruhe Dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell hindurch.«

»Warum?«

»Es könnte Dir sonst etwas Schlimmes passiren.«

»Was?«

»Das ist mein Geheimniß. Ich sage Dir nur, daß Dir grad die Schutzwache, welche ich Dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!«

Dies war bereits das zweite Geheimniß, welches er berührte.

»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« frug ich ihn.

»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.«

»Welches Gebiet kommt dann?«

»Das Gebiet der Kurden von Berwari.«

»Wie heißt die Hauptstadt derselben?«

»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich werde Dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute Wirkung hat, das kann ich Dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter hast Du?«

»Einen Diener.«

»Nur einen? Hast Du gute Pferde?«

»Ja.«

»Das ist gut für Dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr Schade, wenn Dir ein Unglück geschähe; denn Du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und hast es mir offenbart. Aber ich will Dir auch dankbar sein. Weißt Du, was ich für Dich thun werde?«

»Was?«

Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten Miene:

»Weißt Du, was der Disch-parassi ist?«

»Ich weiß es.«

»Nun?«

»Es ist eine Steuer, welche nur Du allein zu fordern hast.«

Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die ›Zahnvergütung‹, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird, wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen.

»Du hast es errathen,« meinte er. »Ich werde Dir eine Schrift mitgeben, in welcher ich befehle, Dir überall, wohin Du kommst, den Disch-parassi auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst Du abreisen?«

»Morgen früh.«

»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich ausfertigen zu lassen!«

Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war ein Plan des Tales von Scheikh Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben dictirte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle.

Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.

»Bist Du mit mir zufrieden?« frug er.

»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!«

»Danke mir nicht jetzt, sondern später.«

»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!«

»Du vermagst es!«

»Wodurch?«

»Das kann ich Dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim, sondern auch ein Offizier.«

»Weßhalb vermuthest Du dies?«

»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen, mich ohne die Begleitung eines Consuls zu besuchen. Du hast ein Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, Du bist ein solcher!«

Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vortheil sein, und es wäre sehr unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:

»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn Du weißt, daß der Padischah solche fremde Offiziere sendet, so hast Du wohl auch gehört, daß dies meist im Geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimniß verrathen?«

»Nein. Ich will Dich gar nicht dazu bereden, aber Du wirst mir dafür dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.«

»Womit kann ich Dir meine Dankbarkeit beweisen?«

»Wenn Du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich Dich zu den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.«

»Ah!«

»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß, daß die Offiziere der Franken klüger sind, als die unsrigen, obgleich ich selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet habe. Ich würde Dich ersuchen, Dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen; aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich brauche.«

Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig vermuthet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit, über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort:

»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.«

»Welches Fest?«

»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert. Hier hast Du Deine Schreiben. Allah sei bei Dir! Zu welcher Zeit wirst Du morgen früh die Stadt verlassen?«

»Zur Zeit des ersten Gebetes.«

»Die zehn Khawassen sollen dann in Deiner Wohnung sein.«

»Herr, ich habe an Zweien genug.«

»Das verstehst Du nicht. Zehn sind besser als Zwei; das merke Dir. Du sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und vergiß nicht, daß ich Dir meine Liebe geschenkt habe!«

Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in Waffen.

»Preis sei Allah, daß Du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst Du beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein Wort gehalten und den Pascha erschossen!«

»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!«

»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!«

»Ich habe ihn gezähmt.«

»Maschallah! Dann hast Du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?«

»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.«

»Das ist gut!«

»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.«

»Allah akbar, so bist Du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?«

»Sie Dir, denn Du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar Agha, mein Begleiter und Beschützer.«

»Das ist gut, und ich sage Dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!«

Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinaussteckte, wurde er von zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in Augenschein zu nehmen.

Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rothe Beinkleider mit metallenen Schienen, rothe Turbans und trugen so viele Waffen an sich, daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schaar hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk Emini und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi kommandiert.

Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde – ein ungeheures Tintenfaß – an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte; desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß die Haut kaum zu langen schien, und für die Augen blieb nur so viel Raum zum Öffnen übrig, als nothwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen.

Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich so, daß ich den Vorgang beobachten konnte.

»Sabahiniz chajir – guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns willkommen!«

»Sabahiniz chajir – guten Morgen!« erwiederten Alle zugleich.

»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu begleiten?«

»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.«

»So will ich Euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der Reisemarschall und Agha dessen, den Ihr begleiten sollt, und Ihr habt also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den Euch der Pascha gegeben hat?«

Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß es klang, als höre man eine alte, eingerostete F-Trompete blasen:

»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße Ifra. Merke Dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier gegeben, um Alles aufzuschreiben, was Euch und uns begegnet. Ich bin der tapfere Führer dieser Leute und werde Euch beweisen, daß – – –«

»Schweig, Eschekun-atli!« unterbrach ihn der Onbaschi, indem er sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist Du? Unser Anführer? Du Zwerg! Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen Deine Federn sind! Das bist Du, aber weiter nichts!«

»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit – – –«

»Schweig, sage ich Dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen Deines Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Creatur hat die armselige Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel anzubrüllen. Wir kennen Dich und Deinen Esel, aber dennoch ist es sehr ungewiß, wer von Euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!«

»Wahre Deine Zunge, Onbaschi! Weißt Du nicht, daß ich so tapfer bin, daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut? Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und Du wirst staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder weißt Du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob soeben meinen Arm, um – – –«

»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« – Und sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!«

»So frage ich noch einmal, welche Befehle Euch der Pascha gegeben hat.«

»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.«

»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?«

»Alles, was Ihr braucht, und auch wir.«

»Hat er Euch auch gesagt von dem Disch-parassi?«

»Ja.«

»Der wird in barem Gelde einkassirt?«

»Ja.«

»Wie hoch beläuft er sich?«

»So hoch, wie der Emir es will.«

»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid Ihr ganz bereit, die Reise anzutreten?«

»Ja.«

»Habt Ihr zu essen?«

»Für einen Tag.«

»Aber keine Zelte!«

»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung bekommen.«

»Wißt Ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?«

»Wir wissen es.«

»Fürchtet Ihr Euch vor den Teufelsanbetern?«

»Fürchten? Agha Halef Omar, hast Du vielleicht einmal gehört, daß ein Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan, ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit sind, ihn zu empfangen!«

Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn Mann standen in Achtung vor mir, ein Jeder bei dem Kopfe seines Pferdes. Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung.

Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den Onbaschi an meine Seite und frug ihn:

»Wem dienst Du jetzt, mir oder dem Pascha?«

»Dir, o Emir.«

»Ich bin mit Dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.«

Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke.

»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß Du ein tapferer Krieger bist.«

»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme.

»Du kannst schreiben?«

»Sehr gut, sehr schön, o Emir!«

»Wo hast Du gedient und gekämpft?«

»In allen Ländern der Erde.«

»Ah! Nenne mir diese Länder.«

»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!«

»So mußt Du ein sehr berühmter Buluk Emini sein.«

»Sehr berühmt! Hast Du noch nichts von mir gehört?«

»Nein.«

»So bist Du sicher in Deinem Leben noch nicht aus dem Lande fortgekommen, sonst hättest Du von meinem Ruhme gehört. Ich muß Dir zum Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm – – –«

Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus – ja, es war keine Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein, uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des Esels erhalten, und bald waren Beide aus unsern Augen verschwunden.

»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen.

»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.«

»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht Schade um ihn. Aber sorge Dich nicht! Es ist ihm schon tausendmal passirt, und niemals ging er verloren.«

»Aber warum reitet er diese Bestie?«

»Er muß.«

»Muß? Warum?«

»Der Jüsbaschi will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem Esel.«

Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich herankommen und rief bereits von Weitem:

»Herr, hast Du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen ist?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen, den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir den gewöhnlichen Weg?«

»Wir bleiben auf dem Pfade.«

»So erlaube mir, daß ich Dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde Euch jetzt als Wegweiser dienen.«

Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen. Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich – – den Scheik Mohammed Emin.

O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadija geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken. Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte Alles aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen.

Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte sich von den Andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten. Hart vor mir parirte er sein Pferd und frug, ohne die am Boden Liegenden zu beachten:

»Sallam! Wer bist Du?«

»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.«

»Von welchem Stamme?«

»Vom Volke der Nemsi.«

»Wohin willst Du?«

»Nach dem Osten.«

»Zu wem?«

»Überall hin!«

»Mann, Du antwortest sehr kurz! Weißt Du, was ich bin?«

»Ich sehe es.«

»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest Du hier?«

»Mit demselben Rechte, mit welchem Du hier reitest!«

»Tallahi, bei Gott, Du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul; das kannst Du Dir denken!«

»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des Padischah von Konstantinopel; das kannst Du Dir denken!«

Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann:

»Beweise es!«

»Hier!«

Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr höflichem Tone:

»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu Dir sprach. Du sahst, wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!«

»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann legitimirt, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und hättest höflicher fragen sollen! Aghaja benden tschok selam ejle; sabahnitz chajir ola – grüße Deinen Herrn sehr viele Male von mir; guten Morgen!«

»Basch üstüne sultanum – zu Befehl, mein Herr!« antwortete er.

Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnöthig sei. Die Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet. Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Thier, an dessen Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke, an welchem ich das Gespräch abbrach, warf er sich mit den Füßen auf den Rücken seines Thieres.

»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam beobachtet hatte, wie ich selbst.

»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir.

Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde, deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten, und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu.

Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl hinter ihm.

»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm nachjagen!«

Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen nach. Halef hielt sich an meiner Seite.

»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht schießen können, ohne uns zu treffen!«

Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen.

Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluthen des Khausser getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es den Anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Thieren vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über Telkeïf direkt nach Raban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscheraijah und Baadri erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah nur uns Beide, denn die Andern waren längst hinter dem Horizonte verschwunden.

»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke Dir, daß Du ihnen die Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns verlieren?«

»Wie bist Du in ihre Hände gekommen, Scheik?« frug der kleine Halef.

»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete ich. »Mohammed Emin, kennst Du das sumpfige Land, welches zwischen dem Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?«

»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.«

»In welcher Richtung?«

»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.«

»Ist der Sumpf gefährlich?«

»Nein.«

»Seht Ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei Stunden erreichen kann?«

»Wir sehen sie.«

»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns sehen und unsere Richtung errathen. Wir müssen in den Sumpf, und zwar einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten, nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.«

»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« frug Halef.

»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, Du gehst hier ab und behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der Scheik bleibt im Norden: – Jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem Andern.«

Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.

Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es gibt kein Land der Erde, welches so zahlreiche und hohe Räthsel birgt, wie der Boden, welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind. Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer, Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten, Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer, Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: – ein Angehöriger dieser Nationen, Stämme und Sekten kann Einem bei jedem Schritte begegnen, und wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der Blutrache zum Opfer fielen. Hier hangen die menschlichen Wohnungen an den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: – der Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere Gottesmänner Alles thun und wagen: – in den kurdischen Bergen fließen die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege frei sein für die Füße derjenigen, welche ›den Frieden predigen und das Heil verkündigen‹. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen können: ›Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die Bastonnade erhalten hätte.‹ Und dieser Agha war – ein strenger Muhammedaner.

Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem ich mich in kurzer Zeit vereinigte.

»Ist Dir Jemand begegnet?« frug ich ihn.

»Nein, Sihdi.«

»Es hat Dich Niemand gesehen?«

»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Thier hinter sich herzog. Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«

»Kannst Du den dort erkennen?«

»O Sihdi, das ist kein Anderer als der Scheik!«

»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.«

So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.

»Was nun, Effendi?« frug er mich.

»Das wird sich ganz nach dem richten, was Du erfahren hast. Bist Du vielleicht bemerkt worden?«

»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Heerde an mir vorüber.«

»Wie wurdest Du gefangen?«

»Du hattest mich nach den Ruinen von KhorsabadDieser Name ist höchstwahrscheinlich eine Abkürzung von Khosrauabad, der Wohnsitz des Khosroes. bestellt. Bis heute morgen verbarg ich mich in dem südlichen Theile derselben, dann aber postirte ich mich dem Wege näher, um Dich kommen zu sehen. Hier wurde ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht wehren, weil es ihrer zu Viele waren, und weßhalb sie mich gefangen nahmen, das weiß ich nicht.«

»Fragten sie Dich nach Deinem Stamm und Deinem Namen?«

»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.«

»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte Dich an Deiner Tättowirung erkannt. Sie nahmen Dich gefangen, weil in den Ruinen von Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen die Schammar zu ziehen.«

Er erschrak und hielt sein Pferd an.

»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!«

»Das ist nicht nöthig. Ich kenne den Plan des Gouverneurs.«

»Welches ist dieser Plan?«

»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen, und daher gibt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.«

»Weißt Du dies genau?«

»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.«

»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu schicken.«

»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst Du Dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.«

»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?«

»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Heerden nach den Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des Gouverneurs müßte elend verschmachten.«

»Du hast Recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen; aber ich kenne ihn nicht.«

»Wir haben rechts die Straße nach Ain Sifni, links den Weg nach Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten. Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu verbergen.«

»Wie weit haben wir bis Baadri?«

»Drei Stunden.«

»Herr, Du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande und kennst diese Gegend besser als ich!«

»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber vorwärts!«

Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten.

Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuß das Dorf lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich frug den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey. Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer Acht gelassen, daß die Dschesidi meist nicht arabisch reden.

»Bey nidsche demar – wie heißt der Bey?« frug ich türkisch.

»Ali Bey,« antwortete er mir.

»Ol nerde oturar – wo wohnt er?«

»Gel, seni götirim – komm, ich werde Dich führen!«

Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude.

»Itscherde otur – da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte er sich wieder.

Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen schien.

»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst Du den?«

Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war. Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra entgegen:

»Und Du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?«

»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem Tone.

»Du bist der Kiajah; Du mußt eine andere schaffen!«

»Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt Dein Effendi nicht ein Zelt bei sich?«

»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als alle Dschesidenfürsten im Gebirge!«

»Wo ist er?«

»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.«

»Einen Gefangenen fangen? Bist Du toll?«

»Einen entflohenen Gefangenen.«

»Ach so!«

»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul, einen Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine Bescheinigung.«

»Er mag selbst kommen!«

»Was? Er hat den Disch-parassi, und Du sagst, er möge selbst kommen! Ich werde mit dem Scheik sprechen!«

»Der ist nicht hier.«

»So rede ich mit dem Bey!«

»Gehe hinein zu ihm!«

»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe fünfunddreißig Piaster Monatssold und brauche mich vor keinem Kiajah zu fürchten. Hörst Du es?«

»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig. »Was bekommst Du noch?«

»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Loth Fleisch, drei Loth Butter, fünf Loth Reis, ein Loth Salz und anderthalb Loth Zuthaten täglich, außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst Du mich? Und wenn Du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich Dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen, und – – –«

»Ich habe keine Zeit, Dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß Du mit ihm reden willst?«

»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht abweisen lasse!«

Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen um.

»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird Dir zeigen, wem Du zu gehorchen hast!«

Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini:

»Du hier! Wie kommst Du so ganz allein nach Baadri?«

Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die Antwort nicht schuldig:

»Habe ich Dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?«

»Wo sind die andern?«

»Iflemisch – verschwunden, verduftet, weggeblasen!«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht, Hoheit.«

»Du mußt es doch gesehen haben!«

»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten Alle hinter ihm her, auch meine Leute und die Arnauten.«

»Warum Du nicht?«

»Benim eschek – mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich doch nach Baadri, um Dir Quartier zu machen.«

»Hast Du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«

»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«

Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emin's wegen.

»Werden die Andern bald nachkommen?«

»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung, verzeichnet.«

»Ist Ali Bey hier?« frug ich jetzt den Dorfältesten.

»Ja.«

»Wo?«

»Bu kapu escheri – hinter dieser Thüre.«

»Ist er allein?«

»Ja.«

»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«

Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:

»Wer ist dieser Araber?«

»Ein Scheik.«

»Wo kommt er her?«

»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt bei uns bleiben.«

»Wer tschok Bakschischler – gibt er viele Trinkgelder?«

»Bu kadar- so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger emporstreckte.

Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit war.

»Chosch geldin demek – seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.

»Mazal bujurum sultanum – vergib mir, Herr, daß ich Dein Haus betrete,« antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte Dich fragen, ob es in Deinem Gebiete eine Stelle gibt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe legen können.«

Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen und erwiderte dann:

»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah sagte mir, daß Du ein Emir seist.«

»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom Abendlande her.«

»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch Keinen von ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr gern kennen lernen möchte.«

»Darf ich Dich fragen, warum?«

»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.

»Inwiefern?«

»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn gebracht.«

»Sind sie hier in Baadri?«

»Ja.«

»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«

Er trat überrascht einen Schritt zurück.

»Du kennst sie?«

»Wie hieß der Nemtsche, den Du meinest?«

»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«

»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, und der Andere ist Halef, mein Begleiter.«

»Ist es möglich? Welch' eine Überraschung! Seni gerek olarim – ich muß Dich umarmen!«

Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei Letzterem den Kuß unterließ. Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:

»Tschelebim mahalinde geldin – Herr, Du kommst zur rechten Zeit. Wir haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt; Du aber sollst Dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen Tage dauern, und auch später noch recht lange!«

»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«

»Es wird ihm gefallen.«

»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir Dir noch erzählen werden.«

»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist Euer Haus, und mein Brod ist Euer Brod. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«

Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem Gemeindeältesten sagen:

»Hast Du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist? Lerne, auch mich darnach zu schätzen. Merke Dir das!«

Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und der Scheik mußten zur Seite Ali Bey's Platz nehmen. Dieser hatte meine Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr aufmerksam.

»Also Du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen hat!«

»Willst Du meine Wangen schamroth machen?«

»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tödtete! Ich möchte sein, wie Du! Du bist ein Christ?«

»Ja.«

»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch ein Christ.«

»Sind die Dschesidi Christen?«

»Sie sind Alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute für sich genommen – – –«

»Weißt Du das gewiß?«

Er zog die Brauen zusammen.

»Ich sage Dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu herrschen vermag; denn unser Volk ist zertheilt, unsere Stämme sind gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden des Hasses, der Rachsucht, des Verrathes und der Grausamkeit zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut ausgerottet werden. Oder meinest Du, daß eine Predigt imstande sei, aus einem Zehr-lahana eine Karanfil zu machen? Der Gärtner kann die Blüthe der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage Dir, die Predigt meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der Christen sagt: Muhabbet bitmez – die Liebe hört nie auf!«

Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich geröthet, und der Ton seiner Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem Helden.

»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« frug ich nun.

»Wir Dschesidi kennen Euer heiliges Buch. Dieses sagt: ›Chüdanün söz tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar – das Wort Gottes ist ein Hammer, welcher Felsen zertrümmert.‹ Aber kannst Du mit einem Hammer das Wasser zermalmen? Kannst Du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe entsteigen und das Leben tödten? Frage die Männer, welche aus Jeni dünja herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen; sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als Basmadschi gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu tödten wie vorher. Das heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch verstand den Dialekt und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen. Glaubst Du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein. Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar, welche Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Abdelar verhungern auf der dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der Jeboschu, welcher da gebietet: ›Günesch ile kamer, sus hem Gibbea jakinda hem dere Adschala – Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im Tale von Ajalon!‹ Es fehlt der Held Schimsa, welcher die Bösen mit dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud, der mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Fluth, welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah mit den Seinen niederknien könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in Eurem Buche nicht: ›Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma – die Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen‹? Wäre ich ein Musa, so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle Thäler Kurdistan's senden und dann mit meinem Schwerte Jenen die Wege ebnen, von denen Euer Kitab sagt: ›Wazar-lar sallami, der-ler ughurü – sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!‹ – Du blickst mich an mit großen Augen; Du meinst, der Friede sei besser als der Krieg und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst Du Dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können? Siehe Dich an, nur Dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an Dir, und sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst Du sie? Trägst Du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn Du eine Reise unternimmst?«

»Nein,« mußte ich allerdings antworten.

»Da siehst Du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten ohne Sorge; Ihr könnt Euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören ohne Angst; Ihr könnt Eure Eltern ehren und Eure Kinder unterweisen ohne Furcht; Ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn Eurer Schlange ist der Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und beruhigen soll das ›Schamata arasynda daghlere – das Geschrei in den Bergen‹, von denen Euer Buch erzählt. Und ich sage Dir, daß er noch kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer, nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich Beider ist verschieden. Hast Du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«

»Ja.«

»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die brausenden Fluthen getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Thiere, und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan, Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze. Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn Du ihre Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust Du Dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während Du rundum nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die Andern, und wenn sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin – Du kommst zur rechten Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; Du aber bist der Wohltäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«

Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über sie zu verschaffen.

»Habe Dank für Dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde sehr gerne bei Dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen, welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«

»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben unser Fest mitfeiern.«

»Du kennst sie?«

»Ja. Ihr wollt zu Amad al Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er befindet sich in Amadijah.«

»Woher weißt Du dies?«

»Von den drei Männern, welche Du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber jetzt nicht befreien können.«

»Warum?«

»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«

»Wie viel?«

»Zwei Jüsbaschi mit zweihundert Mann vom sechsten Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk, zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi stehen.«

»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«

»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß Du innerhalb eines Tages nicht hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel von Amadijah liegt.«

»Welche Truppen stehen in Mossul?«

»Theile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abtheilung soll gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«

»Wie hoch zählen diese Letzteren?«

»Tausend Mann unter einem Miralai, bei dem sich auch ein Alai Emini befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die beiden Söhne von Pir Kamek getödtet und heißt Omar Amed.«

»Weißt Du, wo sie sich versammeln?«

»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren, daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die Anderen aber werden erst später marschfertig.«

»Ich glaube, daß Du von Deinen Kundschaftern falsch berichtet worden bist.«

»Wie so?«

»Glaubst Du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment in Kerkjuk nicht meistentheils aus Kurden? Glaubst Du, daß er den Fehler begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu verwenden?«

Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:

»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«

»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«

»Nein.«

»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich Topdschi mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«

»So hat mein Kundschafter eine Verwechslung begangen. Die Leute, welche in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach Amadijah bestimmt.«

»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage Eures großen Festes hier an!«

»Emir!«

Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich fuhr fort:

»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah. Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«

»Herr, wäre dies so gemeint?«

»Glaubst Du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari, Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen können.«

»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«

»Jetzt, wo Du Dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif, daß er Euch in Scheik Adi überfallen will.«

»Wirklich?«

»Höre!«

Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.

»Ich danke Dir, o Herr; Du hast uns Alle gerettet! Hätten uns fünfzehnhundert Dschenkdschi unerwartet überfallen, so wären wir verloren gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich Alles sehr schlau ausgesonnen; Eines aber hat er außer Acht gelassen: – die Mäuse, welche er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen, was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige Augenblicke entferne.«

Er ging hinaus.

»Wie gefällt er Dir, Emir?« frug Mohammed Emin.

»Ebenso wie Dir!«

»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« frug Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines Kurdsch, mit den Augen eines Kaplan und mit den Krallen eines Vampyr!«

»Glaubst Du nun immer noch, daß Dich die Dschesidi um den Himmel bringen werden?« frug ich ihn lächelnd.

»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«

Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl an die achtzig Jahre zählen; seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen Contrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor uns und grüßte mit volltönender Stimme:

»Günesch-iniz söjündürme-sun – Eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte er hinzu: »Hun be kurmangdschi zanin – versteht Ihr, kurdisch zu sprechen?«

Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte er:

»Schima zazadscha zani?«

Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, errieth aber ihren Sinn und antwortete auf türkisch:

»Seni an-lamez-iz – wir verstehen Dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche – bitte rede türkisch!«

Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und frug:

»Nemtsche sen – bist Du der Deutsche?«

»Ja.«

»Izim seni kutschaklam-am – erlaube, daß ich Dich umarme!«

Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der Bey gesessen hatte.

»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu Euch.«

»Kamek? Der Bey hat bereits von Dir gesprochen.«

»Wobei hat er mich erwähnt?«

»Es würde Dir Schmerz machen, es zu hören.«

»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie kann es da noch ein Leid für mich geben?«

»Ali Bey sagte, daß Du den Miralai Omar Amed kennst.«

Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz ruhig, als er antwortete:

»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und meine Söhne getödtet. Was ist's mit ihm?«

»Verzeihe; Ali Bey wird es Dir selbst sagen!«

»Ich weiß, daß Ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimniß vor mir. Er hat mir mitgetheilt, was Du ihm von der Absicht der Türken gesagt hast. Glaubst Du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest zu stören?«

»Ich glaube es.«

»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele verloren ging. Hast Du ein Weib und hast Du Kinder?«

»Nein.«

»So kannst Du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst gestorben bin. Aber Du sollst es erfahren. Kennst Du Tel Afer?«

»Ja.«

»Du warst dort?«

»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«

»Wo?«

»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in – – Du bist ein Pir, ein berühmter Heiliger der Dschesidi, Du kennst also auch das heilige Buch der Christen?«

»Ich besitze den Theil, welcher Eski-Saryk genannt wird, in türkischer Sprache.«

»Nun, so hast Du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«

»Ich kenne es. Dschesaja ist biringdschi pejghamber on altinün – der erste der sechzehn Propheten.«

»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort lautet der zwölfte Vers: ›Haben auch die Götter der Heiden alle die gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?‹ Dieses Thalassar ist Tel Afer.«

Er blickte mich erstaunt an.

»So kennt Ihr aus Eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche bereits vor Jahrtausenden bestanden?«

»So ist es.«

»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan, am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen. Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wüthenden ein, um alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu tödten. Mein Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten, und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim stach mir, um mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst Du die Narben noch. Meine Söhne waren muthige Jünglinge; sie sahen meine Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine Seele war todt. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist jetzt Miralai.«

Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgiltigen Tone, der mich mehr ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde sie von einem Narkotisirten oder von einem Nachtwandler vorgetragen. Es war schrecklich anzuhören.

Nach einer Pause frug ich:

»Du willst Dich rächen?«

»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein Leib dorthin gehen, wohin meine Seele vorangegangen ist. – Ihr werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«

»Wir wissen es noch nicht.«

»Bleibt hier! Wenn Ihr geht, wird Euch Euer Vorhaben nicht glücken; bleibt Ihr aber, so dürft Ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen werde; denn es wird Euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi können Euch leicht unterstützen.«

Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte das frühere Leben wieder bekommen.

»Unsere Anwesenheit würde Euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in der Absicht, vielleicht Einiges über seine Sekte zu erfahren.

Er schüttelte langsam den Kopf.

»Glaubst Du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns erzählt? Vergleiche uns mit Andern, so wirst Du Reinlichkeit und Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch Euer Kitab sagt, daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem Niemand kommen kann. Ihr heiliget Euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie Ihr es mit dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau sei auf der Erde gewesen und werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird. Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen ist, aber wir wissen nicht, wann er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl, als er sie in dem Baghtsche Gethseman schlafend gefunden: ›Gözetyn namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz – wachet und betet, auf daß Ihr nicht überfallen werdet!‹ Darum bedienen wir uns des Choros, der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Tut Ihr dies nicht auch? Ich habe mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Teneke gemacht und mit Altun überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir einen lebendigen. Sind wir deßhalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure Priester sind weiser, und Eure Lehren sind besser; wir würden bessere Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen Dschesidi der Einzige, welcher Euer Kitab lesen und schreiben kann, und darum rede ich zu Dir, wie kein Anderer zu Dir reden wird.«

»Warum bittet Ihr nicht um Priester, welche die Eurigen unterweisen könnten?«

»Weil wir nicht Theil nehmen wollen an Eurer Uneinigkeit. Die Lehre der Christen ist gespalten. Wenn Ihr uns einmal sagen könnt, daß Ihr einig seid, so werdet Ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in Eurem Kitab: ›Im jol de gertscheklik de ömir de – ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.‹ Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele Wahrheiten, da es doch nur den Einen gibt, der das Leben ist? Darum streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist, sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen wird.«

Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir – offen gestanden – sehr lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich bin kein Theologe, sondern ein Laie, und mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eigenen Heimat schweigen – leider, leider!

Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.

»Allah sei bei Dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen muß, aber wir werden uns wiedersehen.«

Er reichte auch den Andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach und sagte:

»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«

»Ein Buch?« frug ich erstaunt.

»Er ist der Einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes, und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können, hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein Buch.«

»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«

»In seiner Wohnung.«

»Und wo ist diese?«

»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«

»Denkst Du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«

»Er wird es sehr gerne thun.«

»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«

»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst Du das Buch erhalten; ich werde es Dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß Ihr bleiben wollt!«

»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«

»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie Nachricht bringen, mögt Ihr es Euch bei mir gefallen lassen!«

Damit waren wir herzlich gern einverstanden, und Ali Bey umarmte uns vor Freuden nochmals, als wir ihm dies mittheilten.

»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib Euch sehe!«

Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung, daß die Dschesidi ihre Frauen bei Weitem nicht so abschließen, wie es die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Cultus schwankt zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das Letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.

Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide speisten; der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei Andern aber gingen nach der Abtheilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.

Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.

»Seid willkommen, Ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter Einfachheit und reichte uns die Rechte.

Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken findet. Ali Bey frug mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das Letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter dadurch vergalt, daß sie mir den besten Theil der Speisen vorlegte und mir nach Tisch ihren Garten zeigte.

Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüthe, bei welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern Bint el Onsul, Tochter des Consuls, genannt wird.

Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein starkes Heft.

»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.

Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Divan niedergelassen. Der Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung soviel wie möglich auszunutzen.

Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen, erklang folgender Gesang:

»Ghawra min ave the
Bina michak, dartschin ber pischte
Dave min chala surat ta kate
Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete.«Frei übersetzt:

»Ein christliches Mädchen kommt, Wasser zu holen,
Ich steh' ihr im Rücken und athme verstohlen.
Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen,
Und sollt' ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.«

Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen, wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.

»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«

Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:

»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde todt am Boden; da holte Einer mit dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich aber denselben zurückzog, so traf er meine Na – – –«

In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines Truthahnes folge, und daran schloß sich jenes vielstimmige, ächzende Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an, welches diese räthselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte. Ifra aber meinte ruhig:

»Was staunt Ihr denn? Mein Esel war's! Er kann die Dunkelheit nicht leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht geworden ist.«

Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige Creatur! Diese Stimme mußte ja Todte lebendig machen! Wer sollte während der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der Lunge eine Discantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Clarinetten zu haben schien.

Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien ›im Buche verzeichnet‹ zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen dürfe.

»So schreit das Thier also die ganze Nacht?« frug Einer.

»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers. »Alle zwei Minuten einmal.«

»Gewöhne es ihm ab!«

»Womit?«

»Ich weiß es nicht!«

»So behalte auch Deinen Rath für Dich! Ich habe alles vergebens versucht: – Schläge, Hunger und Durst.«

»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht erkennt!«

»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und – schreit weiter.«

»Das ist doch sonderbar. Er versteht Dich; er versteht Dich ganz gewiß, aber er hat keine Lust, Dir den Gefallen zu thun.«

»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Thiere den Menschen verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen. Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein, stumm aber gewißlich nicht.«

»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört hat. In welcher Sprache redest Du zu dem Esel?«

»In der türkischen.«

»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen ist, der das Türkische gar nicht versteht?«

»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«

»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn Du zu ihm redest? Sein Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu ihm!«

»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt hat. Auch Soliman konnte alle Thiere verstehen.«

»Es hat auch Andere gegeben, die dies verstanden. Kennst Du die Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine gesprochen haben?«

»Nein.«

»So werde ich sie Euch erzählen! De vachtha beni Israil meru ki dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi wi va hania khoe parve dikerin, pew tschun, jek debee – – –«

»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest Du?«

»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«

»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«

»So geht es Dir grad wie dem Geiste Deines Esels, der auch nur seine Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«

»Versuche es nur!«

»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichthum und ein Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus theilen wollten, geriethen sie an einander. Der Eine sagte: ›Es ist mein Haus!‹ Der Andere sagte: ›Es ist mein Haus!‹ Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein Backstein und sagte: ›Was, schämt Ihr Euch nicht? Dieses Haus ist weder Dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich. Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann: ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele nicht – – –«

Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.

»Emir, ist es wahr, daß Du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich Dich begrüße.«

Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.

»Wo sind Pali und Melaf?« frug ich ihn.

»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu. Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich Dich nachher wieder?«

»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft vielleicht ein Geheimniß?«

»Möglich; aber Du darfst sie hören. Komm, Emir!«

Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß der Zutritt dort Jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der gute Hadschi war schon wieder beim Essen.

»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe Dir etwas mitzutheilen.«

»Sprich!«

»Dürfen es Alle hören?«

»Alle.«

»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah versteckt.«

»Wer sagte das?«

»Ein Odundschi aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«

»Wer sagte Dir dieses?«

»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu gehen.«

»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken. Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst Du das Thal Idiz am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«

»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«

»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu verbergen?«

»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«

»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch unsere Thiere dort unterzubringen?«

»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird bemerken, was wir thun.«

»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit Dir sprechen, bis dahin aber schweigst Du gegen Jedermann. Ich wollte Dich bitten, hier den Emir zu bedienen, aber Du wirst wohl anderweit gebraucht.«

»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«

»Thue es!«

»Spricht er ein gutes Kurdisch?« frug ich.

»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«

»So sende mir ihn; er wird mir sehr willkommen sein!«

Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei demselben wohl gegen zwanzig Personen betheiligt, und Mohammed Emin und mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten, drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.

Während des Essens traf der Sohn Selek's ein, mit dem ich mich in mein Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuscript Pir Kamek's zu studiren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger, doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über Alles, was ich von ihm zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden, wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt, als dem klar und offen zu Tage Liegenden.

Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche, markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur Ruhe begab, wurden die überlauten Interjectionen des Graurockes geradezu unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.

Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer, und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche geradezu infernalisch genannt werden mußte.

Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen; jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte vor meiner Thür. Er trat ein.

»Schläfst Du schon, Emir?«

Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst keine bessere Einleitung finden können.

»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange, welchen Dein Esel vollführt!«

»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt kommen sie Alle zu mir und verlangen, daß ich das Thier hinaus in den Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere meinen Grad.«

»So schaffe ihn in den Wald.«

»O Emir, das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es gibt Wölfe im Walde.«

»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«

»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«

»Nun?«

»Dann frißt einer den Esel und der Andere mich!«

»Das ist sehr gut, denn da bekommst Du ja die Bastonnade nicht.«

»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu Dir gehen solle.«

»Zu mir? Warum?«

»Herr, glaubst Du, daß dieser Esel eine Seele hat?«

»Natürlich hat er eine.«

»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«

»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt Ihr getauscht: seine Seele ist in Dich, und Deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist Du der Esel und fürchtest Dich wie ein Tawschun, und er ist der Buluk Emini und brüllt wie ein Arslan. Was könnte ich dagegen thun?«

»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht. Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich Dich, herabzukommen. Wenn Du mit dem Esel redest, so wirst Du bald bemerken, wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier. Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig Ruhe läßt.«

»Glaubst Du denn wirklich, daß – – –«

In diesem Augenblicke erhob das Thier seine Stimme abermals, und zwar mit solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit einfiel.

»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab, sonst ist er verloren und seine Seele auch!«

Er rannte fort, und ich folgte ihm.

Sollte ich mir einen Spaß machen? Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des Grauthiers hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.

»Wer weiß ein Mittel, dieses Thier zum Schweigen zu bringen?« frug ich.

Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:

»Herr, nur Du allein kannst dies zu Stande bringen!«

Mein Hadschi gehörte also zu den wahren ›Gläubigen‹. Ich trat an den Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte mich an Ifra.

»Buluk Emini, wie hieß Dein Vater?«

»Nachir Mirja.«

»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater Deines Vaters?«

»Muthallam Sobuf.«

»Der ist es! Wo wohnte er?«

»In Hirmenlü bei Adrianopel.«

»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat, um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: ›Escheklerin sew – liebe Deine Esel!‹ Darum muß der Geist Deines Großvaters diese That sühnen. Er hat an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt, umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Thiere einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst Du ihn erlösen, Ifra?«

»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu schrecklich sein. »Sage mir auch Alles, was ich sonst noch zu thun habe, um den Vater meines Vaters zu erretten.«

»Hole einen Stein und eine Schnur!«

Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul und schrie.

»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«

Ich hielt den Schwanz des Thieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen; dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu schreien – aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.

»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir, Du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«

Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.

Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches im Dorfe hin und her fluthete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche theils in Baadri blieben, theils aber auch nach einer kurzen Rast nach Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik Mohammed Emin.

»Hast Du hinunter vor das Haus gesehen?« frug er mich.

»Nein.«

»Blicke hinab!«

Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen Hunderte von Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte dem Andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.

Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.

»Emir, wir haben Dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«

»Ja. Das Thier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang seiner eigenen Stimme ermuthigen.«

»Wollt Ihr mir zum Frühmahle folgen?«

Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef nebst dem Sohn Selek's, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir die Hand.

»Sabah'l kher – guten Morgen!« grüßte ich sie.

»Sabah'l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava – wie ist Dein Befinden?«

»Kangia! Tu ciava – gut; wie befindest Du Dich?«

»Skuker quode kangia – Gott sei Dank, gut!«

»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.

»Nur das, was ich gestern Abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,« antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«

»Kommt herbei, und setzt Euch!«

Es gab zunächst Kaffee mit Valquapamasi und dann Quapameh, den man in dünnen, breiten Stücken wie Brod aß.

Dazu trank man Arpa, eine Art Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser zu nennen pflegt. Alle nahmen an dieser Mahlzeit Theil; nur der Buluk Emini kauerte trübsinnig seitwärts.

»Ifra, warum kommst Du nicht zu uns?« frug ich ihn.

»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.

»Was fehlt Dir?«

»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am Schwanz!«

Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.

»Du lachest!« erwiederte er vorwurfsvoll. »Hättest Du einen Esel, welcher der Vater Deines Vaters ist, so würdest Du weinen. Ich soll Dich nach Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder auf den Geist meines Großvaters!«

»Das sollst Du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf einen Geist kann sich Niemand setzen.«

»Auf wem soll ich denn reiten?«

»Auf Deinem Esel.«

Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.

»Aber mein Esel ist doch ein Geist; Du hast es ja gesagt!«

»Das war nur Scherz.«

»O, Du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«

»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß Du Dir meinen Scherz so zu Herzen nimmst.«

»Effendi, Du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen? Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was Dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«

»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das will ich Dir sagen. Hast Du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen schließt, wenn er kräht?«

»Ich habe es gesehen.«

»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so wird er niemals krähen. Hast Du beobachtet, daß Dein Esel stets den Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«

»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«

»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann wird er das Schreien lassen.«

»Ist dies wirklich so?«

»Wirklich! Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«

»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«

»Nein, ich sage es Dir ja!«

»Hamdullillah!«

Er sprang hinaus und riß dem Thiere den Stein vom Schwanze herunter; dann kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu betheiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen durfte, zeigte mir von Neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi untereinander leben.


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