Karl May
Durch die Wüste
Karl May

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Wieder frei

Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit, ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vordertheile tief in die Fluthen tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.

Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des Führers. Es war auch nothwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an südwärts gibt es eine Anzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter mit den größten Gefahren verbunden ist, und deßhalb bereiten sich die Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort wird Om-el-Hableïn genannt, ›Ort der beiden Seile‹, ein Name, welcher auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der Gefahr zu sichern suchte.

Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu. Eine Landung vorher war unmöglich.

Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.

Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.

»Sihdi!«

»Wer ist da?«

»Hamdullillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden ließ! Kennst Du nicht die Stimme Deines treuen Halef?«

»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«

»Warum nicht?«

»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«

»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«

»So hat Abu Seïf mich belogen.«

»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den Schienen am Beine unten im Raume gelegen, und des Nachts habe ich sie entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«

»Wackerer Halef, das werde ich Dir nicht vergessen!«

»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«

»Was?«

»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere von seinen Mannen gehen mit.«

»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«

»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner Kammer.«

»Kommst Du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht umkommen?«

»Ich komme, Sihdi.«

»Aber die Gefahr, Halef!«

»Heute ist es so finster, daß mich Niemand sehen konnte, und nach uns zu schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«

»Hast Du Schmerzen in Deiner Wunde?«

»Nein.«

»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also nicht wissen.«

»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda des Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man mitgenommen, damit Du den Bruder Abu Seïf's befreien sollst.«

»Das weißt Du?«

»Ich habe Gespräche belauscht.«

»Und die Barke in jener Nacht?«

»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«

»Gute Nacht!«

Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die Verbarrikadirung wieder an Ort und Stelle.

Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des Schiffes merkte, so vermuthete ich doch, daß nun heller Himmel geworden sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich schlief ruhig ein.

Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen aber stand mein Wächter.

»Willst Du hinauf?« frug er mich.

»Ja.«

»Du kannst nur bis zum Deghri oben bleiben.«

Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.

Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und außerdem sah ich mehrere große Ketschikise am Boden liegen, welche jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk stand offen, den Abu Seïf bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal enthielt, in denen sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.

»Nemtsche, ich habe ein Kurzes mit Dir zu reden.«

»Sprich.«

»Verweigerst Du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«

»Ich bin kein Lügner und sage Dir daher aufrichtig, daß ich fliehen werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«

»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber Du zwingst mich, strenger mit Dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang nicht an Bord sein; Du darfst während dieser Zeit Deine Kammer nicht verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«

»Das ist hart.«

»Ja; aber Du trägst selbst die Schuld.«

»Ich muß mich fügen.«

»So kannst Du gehen. Merke Dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, Dich sofort zu tödten, wenn Du den Versuch machst, Deine Fesseln wegzunehmen. Wärest Du ein Rechtgläubiger, so würde ich Dich bitten, mein Freund zu sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte Dich nicht. Ich hätte Deinem Versprechen Glauben geschenkt; Du willst es aber nicht geben, und so mußt Du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«

Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein, bei der da unten herrschenden Gluth gefesselt liegen zu müssen; aber ich fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner Thür ein leises Geräusch vernahm.

Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte gewesen.

Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen. Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so – – – aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam, langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen harten Schlag – ein Geräusch, als wenn Jemand vom Boden empor wolle und doch nicht könne – ein kurzes, ersticktes Stöhnen – und dann erklang es draußen halblaut:

»Sihdi, komm; ich habe ihn!«

Es war Halef.

»Wen?« frug ich.

»Deinen Wächter.«

»Ich kann Dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«

»Bist Du an die Wand gebunden?«

»Nein; hinaus zu Dir kann ich.«

»So komm, die Thür ist offen.«

Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den Händen den Hals zugeschnürt.

»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«

»Hier ist eins; warte!«

Ich zog mit meinen hart am Gelenk gebundenen Händen das Messer hervor, nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln entzwei.

»Geht es, Sihdi?«

»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht todt ist!«

»Sihdi, er hätte es verdient.«

»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und legen ihn in meine Kammer.«

»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verrathen.«

»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Athem bekommt! – So – hier ist der Knebel – – hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden – – laß den Hals los und halte seine Beine – – – so, fertig. Nun hinein mit ihm!«

Ich athmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.

»Was nun, Sihdi?« frug er mich.

»Wie kam das Alles, jetzt?«

»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«

»Wenn sie Dich entdeckt hätten!«

»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber, welcher Dich bewacht, an Deiner Thüre schlafen werde. Er haßt Dich, und er hätte Dich längst getödtet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten müßte. Wenn ich zu Dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«

»Ah, das also warst Du! Ich hatte es gehört.«

»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das übrige weißt Du, Sihdi.«

»Ich danke Dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«

»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren Afijon anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«

»So nimm die Waffen dieses Mannes zu Dir; sie sind besser als diejenigen, welche Du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«

Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten, darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen wollte, welches doch ein Bruchtheil dessen war, was er ihm erst geraubt hatte. Als ich den Kopf aus der Lucke steckte, verspürte ich jenen Duft, der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben und unten an Thür und Pfoste aufgenagelt war.

Ich öffnete nur so weit, als nöthig war, um hinein zu kriechen, und als wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen. Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.

»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.

»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir brauchen sie nothwendig; ich nehme auch eine.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«

»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns nicht.«

»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das Geld lassen, welches wir so nothwendig brauchen?«

»Willst Du ein Dieb werden? Nein!«

»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein Anderer sagen! Hast Du mir nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die Waffen wegzunehmen? Hast Du mir nicht befohlen, in diese Decken zu greifen?«

»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und um Deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen. Unser Geld aber haben wir noch.«

»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«

»Hattest Du viel?«

»Hattest Du mir nicht alle zwei Wochen drei Mariatheresien-Thaler gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir nehmen, was mir gehört.«

Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung hatte er Recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der Sandyk wird verschlossen sein.«

Er trat hinzu, visitirte und sagte dann:

»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde dennoch öffnen.«

»Nein, das wirst Du nicht! Wenn Du das Schloß aufsprengst, so gibt es einen Krach, der uns verräth!«

»Sihdi, Du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen können. Komm, wir wollen gehen!«

Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem Versprechen:

»Halef, Du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«

»Ist es wahr, Sihdi?«

»Ja.«

»So laß uns gehen!«

Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.

»Kommst Du hinüber, Halef?« frug ich besorgt.

Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen Anlauf nehmen.

»Paß auf, Sihdi!«

Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.

»Hamdullillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?«

»Wir gehen nach Dschidda.«

»Weißt Du den Weg?«

»Nein.«

»Oder hast Du eine Harjta, welche Dir den Weg zeigt?«

»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach den Waffen sehen.«

Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und sich über den schweren Bärentödter höchlichst wundern müssen. Der Araber ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es gibt ganze Stämme, welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Constructionen bewaffnet sind.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht mit Koloquinten und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht Vormittags 8 Uhr, als wir die MinarehDieses Wort wird nach französischer Weise Minaret geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was aber falsch ist einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.

»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« frug Halef.

Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie anzureden.

»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«

»Und was beginnen wir dort?«

»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«

»Und ich auch. Weißt Du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen, begraben liegt?«

»Ja.«

»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«

»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa, woraus Ihr in Euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt Löweninsel; sie gehört den Christen, den Inglis, und ich selbst bin bereits zweimal dort gewesen.«

Er blickte mich erstaunt an.

»Aber unsere Talebs sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die Insel Adam's betreten will!«

»Bin ich gestorben?«

»Nein. Aber Du bist ein Liebling Allah's, obgleich Du den wahren Glauben nicht hast.«

»Ich will Dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«

»Ja.«

»Aber es gibt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemin seien.«

»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«

»Sie verstanden sie.«

Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.

»Sihdi, Du verstehst das auch. Willst Du nach Mekka?«

»Würdest Du mich mitnehmen?«

»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten werden.«

»Würdest Du mich verrathen, wenn Du mich dort sähest?«

»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte Dich verrathen und könnte es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«

Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.

»Halef, Du hast mich lieb?«

»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«

»Ich glaube es. Wie lange willst Du noch mit mir reisen?«

»So lange Du willst. Ich gehe mit Dir, soweit die Erde reicht, obgleich Du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß Du noch zum rechten Glauben kommen wirst, denn ich werde Dich bekehren, Du magst wollen oder nicht.«

»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«

»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich das Grab Eva's besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah verweilen, mich in Minah rasiren lassen und alle heiligen Gebräuche mitmachen. Wirst Du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«

»Wie lange wirst Du in Mekka sein?«

»Sieben Tage.«

»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist Deine Hadsch auch gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«

»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«

»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst Du mir eine Bitte erfüllen?«

»Ja, denn ich weiß, daß Du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun darf.«

»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«

»Ich gehorche.«

»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«

»Ja. Aber wirst Du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«

»Welche?«

»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch kaufen und viele Geschenke und Almosen geben – – –«

»Sei unbesorgt; Du sollst Deine Theresienthaler noch heute erhalten.«

»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der Ungläubigen geprägt.«

»So werde ich Dir dieselbe Summe in Piastern geben.«

»Hast Du Piaster?«

»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf holen.«

»Ich danke Dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen zu können?«

»Ich denke es, wenn Du sparsam bist. Die Reise dorthin wird Dich nichts kosten.«

»Warum?«

»Ich reite mit.«

»Nach Medina, Sihdi?« frug er in bedenklichem Tone.

»Ja. Ist dies verboten?«

»Der Weg dorthin steht Dir frei; aber nach Medina hinein darfst Du nicht.«

»Wenn ich nun in Dschambo auf Dich warte?«

»Das ist schön, Sihdi; das geht!«

»So sind wir also einig!«

»Und wohin gehst Du dann?«

»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«

»Herr, dann bist Du des Todes! Weißt Du nicht, daß dies die Stadt der Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«

»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnißvoller Ort; man erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«

»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg versperren; aber ich werde Dich nicht verlassen, und wenn ich mit Dir sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel immer offen steht. Und wohin willst Du dann?«

»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Bassra und Bagdad.«

»Und wirst mich mitnehmen?«

»Ja.«

Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen arme Hadhesi oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein zerlumpter Kerl rief mich an:

»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak – bist Du gesund, Effendi, wie geht es Dir, und wie ist Dein Befinden?«

Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu erwidern.

»Ich danke Dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist vortrefflich; aber wie geht es Dir, Du Sohn eines tapfern Vaters, und wie laufen Deine Geschäfte, Du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«

Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M'eschaleeh trug. Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist das M'eschaleeh.

»Deine Worte sind Zahari; sie duften wie die Benaht el Dschennet«, antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch Dir nützlich sein.«

»Welches Geschäft hast Du?«

»Ich habe drei Thiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri, und ich helfe ihnen.«

»Hast Du sie zu Hause?«

»Ja, Sihdi. Soll ich Dir zwei Esel holen?«

»Was soll ich Dir bezahlen?«

»Wohin willst Du reiten?«

»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«

Er musterte mich mit einem eigenthümlichen Blick. Ein Fremder, und zu Fuße, das mußte ihm auffällig sein.

»Sihdi,« frug er, »willst Du dahin, wohin ich Deine Brüder geleitet habe?«

»Welche Brüder?«

»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie Du; die habe ich in den großen Khan geführt.«

Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.

»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane und in keinem Funduk, sondern in einem Privathause nehmen.«

»Ama di bacht – welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo Du eine Wohnung finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«

»Was forderst Du, wenn wir auf Deinen Eseln hinreiten?«

»Zwei Piaster.«

Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.

»Hole die Thiere.«

Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.

»Werden sie uns tragen können?«

»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle Drei tragen können!«

Das war übertrieben, jedoch mein Thier that nicht im Mindesten, als ob ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.

»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut, wermya-iz aktsche – halt, gebt Geld!«

In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.

»Wer ist das?« frug ich unsern Führer.

»Der Radschal el Bab. Er nimmt die Steuern für den Großherrn ein.«

Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu machen, den Paß heraus.

»Was willst Du?«

»Geld!«

»Hier!«

Ich hielt ihm das großherrliche Möhür vor das Auge, welches nicht durch ein Glas geschützt war.

»Lutf, dschenabin – Verzeihung, Euer Gnaden!«

Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauersteine springen. Sie trug eine alte abgeschabte Janitscharenuniform, weite, blaue Beinkleider, rothe Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere Radschal el Bab.

»Warum reißt er aus?« frug ich den Führer.

»Du hast einen Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat Dich also beleidigt und fürchtet Deine Rache.«

Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines Hauses, welches, eine Seltenheit in muhammedanischen Ländern, vier große vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.

»Hier ist es!«

»Wem gehört das Haus?«

»Dem Dschewahirdschi Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«

»Wird er zu Hause sein?«

»Ja.«

»So kannst Du zurückkehren. Hier hast Du noch ein Bakschisch!«

Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand. Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich miethete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen mir Halef gegeben hatte.

Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.

Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie ihren Namen – Dschidda heißt ›die Reiche‹ – nicht ganz mit Unrecht führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben, welche Thürme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab el Mekka, welches das schönste ist und zwei Thürme hat, deren Zinnen von zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften, in die Nysf von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist es, daß es hier sehr viele Häuser gibt, welche nach außen hin Fenster haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fellatah, Händler aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Egypter, Nubier, Abessynier, Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen: – Alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften Arabien's, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute, welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.

Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt, befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.

Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte, würde bald selbst ein Bettler sein.

Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um mich wurde. Da plötzlich – ist's möglich oder nicht? – erklang es vom Wasser her:

»Jetzt geh' i zum Soala
Und kaf ma an Strick,
Bind 's Diandl am Buckl
Trog's überall mit.«

Ein ›G'sangl‹ aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen Hadharemieh – gewiß gehörte ihm der Kahn. Der Andere stand aufrecht in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er hatte einen blauen Turban auf, trug rothe, türkische Pumphosen und über diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor, welche in der lieben Heimat den Namen ›Vatermörder‹ zu tragen pflegt. Um die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen, dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuthen konnte.

Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch besser nach rechts herum und sang:

»Und der Türk und der Ruß,
Die zwoa gehn mi nix o',
Wann i no mit der Gret'l
Koan Kriegshandl ho'!«

Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.

»Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!« rief ich hinüber.

Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort nochmals hören:

»Zwischen deiner und meiner
Is a weite Gass'n;
Bua, wennst mi nöt magst,
Kannst es bleiben lass'n!«

Jetzt mußte ich den Jodler auch probiren:

»Zwischen Deiner und meiner
Is a enge Gass'n;
Bua, wennst mi gern magst,
Kannst herrudern lass'n!«

Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft; dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.

Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang an's Land, blieb aber doch ein wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.

»Ein Türke, der deutsch reden kann?« frug er zweifelhaft.

»Nein, sondern ein Deutscher, der ein Bißchen Türkisch probirt.«

»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«

»Ein Schriftsteller. Und Sie?«

»Ein – ein – – – ein – – hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch, Privatsekretär, bookkeeper, Ehemann, merchant, Witwer, Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«

Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich lachen mußte.

»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«

»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders besinne. Und Sie?«

»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie hier in Dschidda?«

»Nichts. Und Sie?«

»Nichts. Wollen wir einander helfen?«

»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«

»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«

»Ja, schon seit vier Tagen.«

»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«

»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«

»Freilich! Für wann?«

»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«

Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab; dann schritten wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften getheilt. Er öffnete die Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über welches eine lange Matte ausgebreitet war.

»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«

Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen Koffer öffnete, der in demselben stand.

»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«

Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:

»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern Abend in der Kaffeemaschine gekocht; es ist das Beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken – Jeder einen. Da noch ein Rest englisches Weizenbrot – ein Bißchen altbacken, geht aber noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst – riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser; ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht nothwendig. Nachher in dieser Büchse – – schnupfen Sie?«

»Leider nein.«

»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«

»Gern.«

»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die theilen wir – Sie zehne und ich eine.«

»Oder umgekehrt!«

»Geht nicht.«

»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«

»Rathen Sie!«

»Zeigen Sie einmal her!«

Er gab mir die Kapsel, und ich roch daran.

»Käse!«

»Errathen! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«

Wir aßen mit Lust.

»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind in Triest geboren?«

»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein Schuster. Ich sollte etwas Besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich bekam eine Stiefmutter; na – Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt. Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach Venedig, Mailand und tiefer in's Italien hinunter, endlich gar nach Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«

»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«

»Erst spielte ich Violine, dann avancirte ich zum Komiker; leider aber hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagirte mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heirathete seine Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt sehnte ich mich nach der Heimat zurück – – –«

»Zu Ihrem Vater?«

»Auch er lebt nicht mehr, hat aber – Gott sei Dank! – keine Noth gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben. Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«

Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden ist.

»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«

»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«

»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«

»Freilich,« lachte er. »Und nun – pressant sind meine Angelegenheiten nicht; ich bin mein eigener Herr – was thut es, wenn ich mir das rothe Meer besehe? Sie thun es ja auch!«

»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt, einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«

»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht – wir sind ja trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«

»Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn warten müssen.«

»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«

»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren müssen.«

»Wie so?«

»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«

»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«

»Allerdings. Aber, kennt man mich?«

»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«

»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«

»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«

»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den vorgeschriebenen Zeremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen unseren heiligen Glauben sein.«

»Sie würden innerlich doch anders denken!«

»Das macht die Schuld nicht geringer.«

»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«

»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Werth, daß ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag, auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den Pilger spielt.«

»Wohl nicht.«

»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«

»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«

»Man wird sie aber nicht darüber kontrolliren. Ich rechne sechzehn Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden. Hätte ich ein Bischarihnhedjihn, so würde ich bloß vier Stunden brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab, durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das Heiligthum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«

»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran darf.«

»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten haben sehr Vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«

Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.

»Sihdi, wann erlaubst Du mir, nach Mekka zu gehen?« frug er mich.

»Hast Du Dschidda bereits ganz gesehen?«

»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«

»Wie wirst Du reisen? Mit einem Delyl?«

»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger beisammen sind und dann auf einem Miethkameele reiten.«

»Du kannst abreisen, sobald Du willst.«

Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen. Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber den unverheiratheten Frauenzimmern das Betreten der Heiligthümer verboten ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheirathen, sie in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den Scheidebrief zu geben.

Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme sagen:

»Ist Dein Herr zu Hause?«

»Dehm arably – sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch gesprochene Frage.

»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich Dich mit einem Bißchen Türkisch traktiren. Aber warte, ich werde mich gleich selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«

Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:

»Juchheirassasa!
Und wenn d'willst, will i a,
Und wenn d'willst, so mach auf,
Denn deßweg'n bin i da!«

Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen. Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören. Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:

»Soldat bin i gern
Und da kenn' i mi aus,
Doch steh i nit gern Schildwach
In fremder Leut Haus.«

Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:

»Und a frischa Bua bin i,
Drum laß dir 'mal sag'n:
Wenn d'nit glei itzt aufmachst,
Thua i's Thürerl zerschlag'n!«

Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also und öffnete ihm die Thür.

»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären schon nach Mekka abgegangen.«

»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«

»Entschuldigung! Rathen Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«

»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft? Thut mir leid! Ich kann nöthigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre Speisekarte zeigte.«

»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«

»Sprechen Sie!«

»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermuthe, daß Sie Reiter sind.«

»Ich reite allerdings ein wenig.«

»Nur Pferd oder auch Kameel?«

»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«

»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameeles gesessen. Nun hörte ich heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi gibt, bei dem man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen zu können – – –«

»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskiren?«

»Das ist es!«

»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen –«

»Thut nichts.«

»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hülfe leistet.«

»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des rothen Meeres bereist und nicht auf einem Kameele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu begleiten?«

»Ich habe Zeit. Wo wollen Sie hin?«

»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«

»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kameele? Sie oder ich?«

»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener mitnehmen?«

»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was Einem begegnen kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«

»So geht er mit.«

»Wann soll ich kommen?«

»In einer Stunde.«

»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das Kameel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich klingenden Namen ›Bit‹ bezeichnet.«

»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«

»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«

»Allerdings.«

»So meine ich das Thierchen, dessen deutscher Name, mit lateinischen Lettern geschrieben, mit dem deutschen Worte ›Lob‹ übersetzt weerden muß.«

»Ah! Ist es gar so arg?«

»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit dem Worte ›Bergleute‹ bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach unten arbeiten. Bei einem Kameelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten der Araber und mit den Bergleuten der Kameele zu thun. Ein Glück ist es nur, daß die Ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu überfluthen. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi in seinem Ofen ausbrennen wird.«

»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«

»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen, da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«

»Sie?«

»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«

»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«

»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich mein Leben keinen Pfennig werth ist, sobald wir uns begegnen sollten.«

»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«

»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe. Vor nur wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten, welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen, ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillett wird sehr zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kameel den Posten und Bahnen, das Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visirten Passe vor; auch reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur Verfügung, als Mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien eine Woche lang zu besuchen, und – habe mich über den Mangel an Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerika's besucht, dem stehen eben diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten, daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passiren wird, mag es auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als Commis-voyageurs, Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler, oder Kirmeßgäste; sie erleben ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der Table d'hote, bei einer imitirten Sennerin, am Spieltische und auf dem Scating-Ring. Wollen wir wetten?«

»Sie machen mich wirklich neugierig!«

»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer, wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in Beziehung auf Muth und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gothenschlacht zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung, Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt, daß wir darüber baß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich herrlicher in diesen winzigen Thieren als in jenen beiden Tigern, die Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten. Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kameele, damit wir zur Zeit der größten Hitze eine Quelle finden.«

»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«

»Ich halte es.«

Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem Erstlingsritt auf dem Kameele gehört unbedingt eine in das Romantische hinüberklingende Seelenstimmung.

Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albani's Wohnung trat, starrte derselbe in Waffen.

»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas genießen?« frug er mich.

»Nein.«

»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«

»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit! Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar. Dort finden wir Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«

»Tschekir? Was ist das?«

»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«

»Fi!«

»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken, Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«

»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«

»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine Decke?«

»Hier.«

»Gut. Wie lange haben Sie die Kameele zur Verfügung?«

»Für den ganzen Tag.«

»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«

»Ohne Begleitung.«

»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Caution legen müssen, dafür aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«

Der Kameelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne sofort an, daß er kein Araber, sondern ein Türke war. In seinem Hofe standen drei Kameele, über welche man hatte weinen mögen.

»Wo ist Dein Stall?« frug ich ihn.

»Dort!«

Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Theile schied.

»Öffne die Thür!«

»Warum?«

»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«

»Es sind solche darin.«

»Zeige sie mir!«

Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich einen Blick in die andere Abtheilung werfen. Dort lagen acht der schönsten Reitkameele. Ich trat näher und betrachtete sie.

»Dewedschi, wie viel zahlt Dir dieser Hazretin für die drei Kameele, welche Du uns gesattelt hast?«

»Fünf Mahbubzechinen für alle Drei.«

»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lastthiere mit wunden Beinen und Füßen! Schau her, Du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre Lefzen hängen auf die Seite, wie hier Dein zerrissener Jackenärmel, und ihre Höcker – ah, Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau her, Mann! Was marschirt auf dieser Decke? Spute Dich und gib uns andere Kameele und andere Decken und andere Sättel!«

Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.

»Wer bist Du, daß Du mir einen solchen Befehl geben magst?«

»Blicke her! Siehst Du diesen Bu-djuruldi des Großherrn? Soll ich ihm erzählen, daß Du ein Betrüger bist und Deine armen Thiere zu Tode schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedschihn, die braunen rechts und das graue in der Ecke, sonst wird Dir meine Peitsche Hände machen!«

Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu leisten, und bald lagen seine drei besten Kameele mit sehr reinlichem Sattelzeug vor uns auf den Knien. Ich wandte mich an Halef:

»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«

Er that es, und ich trat dann dem Kameel, welches Albani tragen sollte, auf die zusammengezogenen Vorderbeine.

»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich zu machen suchen.«

»Ich will es versuchen.«

Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Thier, trotzdem ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kameel sich hinten in die Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kameels hinweg herunter in den Sand.

»Potztausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Thier wieder zum Knien!«

»Rrree!«

Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang, obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem Verleiher noch einen Verweis geben:

»Dewedschi, kannst Du ein Dschemmel reiten?«

»Ja, Herr.«

»Und auch lenken?«

»Ja.«

»Nein, Du kannst es nicht, denn Du weißt ja nicht einmal, daß ein Metrek dazu gehört!«

»Verzeihe, Herr!«

Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg auch ich auf.

Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkameelen begnügt hätten. Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Thiere ganz bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.

»Wohin?« frug ich Albani.

»Das überlasse ich Ihnen.«

»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«

Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne einen Pflanzen-Übergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte des Hedschas erstreckt.

Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber fielen unsere Kameele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die eigenthümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen, auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Thier ertheilte; er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug klirrend an die Seite des Kameeles. Er nahm ihn also zwischen die Beine, schnalzte mit den Fingern und sang:

»Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,
Mei Sabel macht mir halt Müh,
Und das Kameel wickelt, das Kameel wackelt,
Das Kameel ist ein sakrisch Vieh«

Da gab ich meinem Thiere einen leichten Schlag auf die Nase; es stieg empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kameele folgten natürlich, und nun war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.

»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am Sattel fest!« rief ich ihm zu.

»Hat sich sein – – hopp! – – hat sich sein – – öh, brrr, ah! – – hat sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei – – – hopp, au! – – gar keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver – – hoppsa, öh, brr! – Ihr verwünschtes Viehzeug an!«

»Ich verkomme ja mit ihm!«

»Ja, aber das mei – – oh, brr, öh! – das meinige rennt ihm ja wie bes – – hüh, hoppah! – wie besessen nach!«

»Halten Sie es an!«

»Mit was denn?«

»Mit dem Fuß und dem Zügel!«

»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in – – hoppsa! – nicht in die Höhe, und den Zügel, den habe – – halt – öh, halt, öh! – den habe ich nicht mehr!«

»So müssen Sie warten, bis das Thier von selber steht.«

»Aber ich habe gar kei – – – brrr, oh! – gar keinen Athem mehr!«

»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«

Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite ritt.

Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns, und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich nach und nach im Sattel zurecht zu finden; er klagte nicht mehr. So hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem Anschein nach ein ausgezeichnetes Kameel, denn der Raum verschwand förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir einander gegenüber.

Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kameel war mehr werth als unsere drei zusammen.

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit Dir!« grüßte er mich, während er die Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.

»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist Dein Weg hier in der Wüste?«

Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes; seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten – es war kein Mann, sondern eine Frau.

»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt Dich der Deinige?«

»Ich komme von Dschidda, will mein Thier ausreiten und dann wieder nach der Stadt zurückkehren.«

Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu werden.

»So wohnest Du in der Stadt?«

»Nein; ich bin fremd in derselben.«

»Du bist ein Pilger?«

Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen Mohammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.

»Nein; ich bin kein Hadschi.«

»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu gehen? Entweder warst Du früher in der heiligen Stadt, oder Du bist kein Rechtgläubiger.«

»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der Eurige.«

»Bist Du ein Jude?«

»Nein; ich bin ein Christ.«

»Und diese Beiden?«

»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach Mekka gehen will.«

Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.

»Wo ist Deine Heimat, Fremdling?«

»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«

»Hast Du ein Weib?«

Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete: »Nein.«

»Bist Du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«

»Ich bin sein Diener und sein Freund.«

Da wandte sie sich wieder zu mir:

»Sihdi, komm und folge mir!«

»Wohin?«

»Bist Du ein Schwätzer, oder fürchtest Du Dich vor einem Weibe?«

»Pah! Vorwärts!«

Sie wandte ihr Kameel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße des Thieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an ihrer Seite, und die andern Beiden blieben hinter uns.

»Nun,« frug ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht Recht mit dem Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«

Albani sang statt der Antwort:

»Dös Dirndel ist sauba
Vom Fuaß bis zum Kopf,
Nur am Hals hat's a Binkerl,
Dös hoaßt ma an Kropf.«

Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der Wüstensonne, sowie die Strapatzen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? – Sie war mir ein Räthsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan; ja, in den Sattelriemen des Kameeles hatte sie sogar einen jener Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbstständigen, furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung gewährt ist.

»Was ist das für eine Sprache?« frug sie, als sie die Antwort Albani's hörte.

»Die Sprache der Deutschen.«

»So bist Du ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«

»Warum?«

»Der tapferste Mann war der ›Sultan el Kebihr‹, und dennoch haben ihn die Nemtsche-schimakler, die Nemtsche-memleketler und die Moskowler besiegt. Warum werde ich von Deinem Auge so scharf betrachtet?«

Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter sich.

»Verzeihe mir, wenn mein Auge Dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich bin nicht gewohnt, in Deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie Dich.«

»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tödtet? Welches sogar seinen Stamm regiert? Hast Du nicht von Ghalië gehört?«

»Ghalië?« frug ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«

»Ich sehe, daß Du sie kennst.«

»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandirte?«

»So ist es. Siehst Du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«

»Was sagt der Kuran dazu?«

»Der Kuran?« frug sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk und meinen Dscherid. Woran glaubst Du? An das Buch oder an die Waffen?«

»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke ganz dasselbe, was Du denkst.«

»Glaubst Du auch an Deine Waffen?«

»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz der Christen.«

»Ich kenne es nicht, aber Deine Waffen sehe ich.«

Das war nun allerdings ein Compliment für mich, da der Araber gewohnt ist, den Mann nach den Waffen zu beurtheilen, welche er trägt. Sie fuhr fort:

»Wer hat mehr Feinde getödtet, Du oder Dein Freund?«

Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich antwortete aber ausweichend:

»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«

»Wie viele Male hast Du eine Intikam gehabt?«

»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu tödten; er wird getödtet durch das Gesetz.«

»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und Dich tödten wollte?«

»So würde ich mich wehren und ihn im Nothfalle tödten, denn die Nothwehr ist hier erlaubt. Aber Du sprichst vom ›Vater des Säbels‹; kennst Du ihn?«

»Ich kenne ihn. Auch Du nennst seinen Namen; hast Du von ihm gehört?«

»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«

Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.

»Gesehen? Wann?«

»Vor noch nicht vielen Stunden.«

»Und wo?«

»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern entflohen.«

»Wo ist sein Schiff?«

Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuthen mußte.

»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«

»Und er ist darauf?«

»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«

»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe Dir eine große Botschaft zu verdanken. Komm!«

Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei Mekka wieder fand. In einer Talmulde standen einige Zelte. Sie deutete mit der Hand auf dieselben und meinte:

»Dort wohnen sie.«

»Wer?«

»Die Beni-küfr vom Stamme der Ateïbeh.«

»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el Nobejat?«

»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«

Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kameele nebst einigen Pferden am Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem Nahen ein wüthendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr kriegerisches Aussehen.

»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.

Sie ließ ihr Kameel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.

»Sihdi,« frug Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«

»Zum Stamme Ateïbeh.«

»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will das Weib von uns?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»So werden wir es erfahren. Aber halte Deine Waffen bereit, Sihdi; ich traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«

»Woran erkennst Du dies?«

»Weißt Du nicht, daß alle Bedawis, welche in der Gegend von Mekka wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind verflucht.«

»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«

»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«

Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen, worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von ehrwürdigem Aussehen.

»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr sollt unsere Gäste sein.«

Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort Misafir ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen schenken. Wir stiegen von unseren Thieren und wurden in eines der Zelte geführt, wo wir uns auf dem Serir niederließen und mit einem frugalen Mahle bewirthet wurden.

Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.

Daß wir nur einen Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute keine Reichthümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus gediegenem, schön ciselirtem Silber und ist mit einem langen Schlauch versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichthume des Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich, nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten Kokosschale, in welcher der Kopf und – statt des Schlauches – ein Rohr befestigt wird.

Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt hatte, führte das Wort:

»Ich bin der Scheik el Urdi und habe mit Dir zu reden, Sihdi. Die Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde Dich dennoch nach Einigem fragen müssen. Erlaubst Du mir es?«

»Ich erlaube es.«

»Du gehörst zu den Neßarah?«

»Ja, ich bin ein Christ.«

»Was thust Du hier im Lande der Gläubigen?«

»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«

Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.

»Und wenn Du es kennen gelernt hast, was thust Du dann?«

»Ich kehre in meine Heimat zurück.«

»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was Du sagest. Ist dieser Mann Dein Diener?«

Er deutete dabei auf Halef.

»Er ist mein Diener und mein Freund.«

»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek gesprochen; sie sagte mir, daß Dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu werden.«

»Sie hat Dir das Rechte gesagt.«

»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Du bist ein Fremdling, aber Du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt Du, was ein Delyl ist?«

»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«

»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib erfüllt; wenn dies geschehen ist, gibt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für seine Mühe bezahlt.«

»Auch dies weiß ich.«

Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halef's mit dem Amte eines Delyl in Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden Übergang bat er:

»Erlaube Deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«

Das war überraschend.

»Wozu?« frug ich ihn.

»Das werde ich Dir sagen, nachdem Du die Erlaubniß ausgesprochen hast.«

»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls von der Behörde eingesetzt werden.«

»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heirathen und sie nach der Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«

»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubniß gern, wenn Du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; Du mußt Dich an ihn selbst wenden.«

Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu beobachten. Er war ganz verdutzt.

»Willst Du es thun?« frug ihn der Alte.

»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«

Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:

»Warum willst Du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn Du wirst sie nach der Hadsch doch wieder freigeben.«

»Sind die Benaht el Arab wie die Töchter der Türken, welche sich nicht sehen lassen dürfen?«

»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du sollst das Mädchen sehen.«

Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen Ähnlichkeit mit der Amazone mich errathen ließ, daß diese die Mutter desselben sei.

»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.

Halef machte von dieser Erlaubniß einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.

»Wie heißest Du?« frug er sie.

»Hanneh,« antwortete sie.

»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar; Deine Wangen leuchten wie Zahari; Deine Lippen glühen wie Römmahm, und Deine Wimpern sind schattig wie die Blätter von el Szemt. Mein Name lautet Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich kann, so werde ich Deinen Wunsch erfüllen.«

Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el Kamar, sondern wie Nur esch Schemms; seine Sprache trieb poetische Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der Ehe.

Das Mädchen entfernte sich wieder, und der Scheik frug ihn:

»Wie lautet Dein Entschluß?«

»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abräth, werde ich Deinen Wunsch erfüllen.«

»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er Dir die Erlaubniß gibt.«

»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl sucht?«

»Kennst Du Achmed-Izzet-Pascha?«

»Den Gouverneur von Mekka?«

»Ja, Du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt, stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«

»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche nicht den Schutz eines Türken.«

»Du bist zwar ein Christ, aber Du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka, wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß Jeder zahlen, sogar der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda. Man sagte mir, daß Du Abu-Seïf gesehen hast?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«

»Nicht möglich!«

»Warum nicht? Was ist vortheilhafter: einen Dieb zu tödten oder ihn leben zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar zu schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit zurück. Du hast Beide gesehen; mit meiner Tochter bist Du angekommen, und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn, um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im Seraj des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht weit von der Pforte el Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner Leute kommen; er wollte das Heiligthum besuchen. Der Zorn übermannte mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist. Ich wollte ihn nicht tödten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten. Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von Abu-Seïf gewesen?«

»Ja.«

»Erzähle es!«

Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.

»Weißt Du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«

»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«

»Willst Du uns hinführen?«

»Ihr werdet die Dscheheïne tödten?«

»Ja.«

»So verbietet mir mein Glaube, Euer Führer zu sein.«

»Du darfst Dich nicht rächen?«

»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und Ihr seid keine Richter.«

»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne Deine Hülfe entdecken. Nur versprich mir, daß Du die Dscheheïne nicht warnen willst.«

»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener noch einmal zu sein.«

»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«

»Morgen, wenn Du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an meiner Stelle.

»Du kannst morgen gehen.«

»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn Dir dann zurückbringen.«

Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:

»Darf ich mit Euch ziehen und bei Euch auf ihn warten?«

Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.

»Effendi, ich sehe, daß Du die Ausgestoßenen nicht verachtest,« antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma schließen.«

»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte abzuschließen. Mein Wirth muß wissen, wo ich mich befinde.«

»So werde ich Dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst Du reiten?«

»Sogleich, wenn es Dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder mit Dir zurückzukehren. Soll ich Dir einen Kadi oder Mullah mitbringen für den Abschluß der Verheirathung?«

»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber ein Pergament oder ein Papier magst Du mir bringen, auf welches wir den Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch habe ich.«

In kurzer Zeit standen die Kameele bereit; wir stiegen auf. Die kleine Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Noth wie vorher, sich auf seinem Kameele zu halten, und die langen Beine der Thiere warfen den Weg förmlich hinter sich.

Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.

»Weißt Du, was da drüben liegt, Effendi?«

»Was?«

»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es errathen?«

»Du kannst denken, aber Du sollst mich nicht fragen.«

Er hatte ganz richtig gerathen und schwieg. Wir ritten weiter. Nach einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen, sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu vermuthen, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt zurückkehrenden Boten sein.

Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermuthete ganz dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden, aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann, sobald sie aus dem Gesichtskreis der Betreffenden verschwunden waren, einen Bogen schlagen. Während wir Andern unsern Weg fortsetzten, frug er:

»Effendi, willst Du ein wenig auf uns warten, oder reitest Du nach der Stadt, wo Du uns am Thore finden wirst?«

»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei Dir bleiben, bis Du mit ihnen geredet hast.«

»Es sind vielleicht Dscheheïne!«

»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab; reite Du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda zurückzufliehen.«

»Dein Rath ist gut; ich folge ihm.«

Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter Eile fort, waren aber doch noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich gewesen war, Einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns vermuthen und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich theilten, so mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden, kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei Kameelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder nicht, oder es fehlte ihnen an Muth, denselben auszuführen. Sie blieben beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.

»Woher kommt Ihr?« frug sie der Scheik.

»Von Dschidda,« antwortete der Eine.

»Wohin wollt Ihr?«

»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«

»Trüffel suchen? Ihr habt weder Thiere noch Körbe bei Euch!«

»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen wir die Körbe.«

»Von welchem Stamme seid Ihr?«

»Wir wohnen in der Stadt.«

Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:

»Glaubt Ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf. Wenn Ihr es nicht gesteht, wird Euch meine Peitsche sprechen lehren!«

»Was geht es Euch an, wer wir sind?«

Ich sprang vom Kameele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die Peitsche aus Halef's Hand.

»Laßt Euch nicht verlachen, Ihr Männer! Hört, was ich Euch sage! Was diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit Euch haben und von Euch wollen, das geht mich nichts an; mir aber sollt Ihr Antwort geben auf einige Fragen. Thut Ihr es, so habt Ihr von mir nichts weiter zu befürchten; thut Ihr es aber nicht, so werde ich Euch mit dieser Peitsche in der Art zeichnen, daß Ihr Euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab sehen lassen könnt!«

Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen Beduinen. Die Beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.

»Wir würden Dich tödten, ehe Du zu schlagen vermagst,« drohte der Eine.

»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus Euren Tabandschab. Seht Ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser Männer auf Euch gerichtet sind? Laßt also Eure Messer im Gürtel und antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«

»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.

»Um ihm zu sagen, daß ich Euch entkommen bin?«

»Ja.«

»Wo habt Ihr ihn getroffen?«

»In Mekka.«

»Wie seid Ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«

»Wir haben uns in Dschidda Kameele gemiethet.«

»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«

»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«

»So bin ich jetzt mit Euch fertig.«

»Sihdi, Du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde sie erschießen, damit sie Keinem mehr schaden können.«

»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst Du mit mir halten. Folge mir!«

Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf seinem Kameele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kameel gebunden, und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das Lager zu schaffen. Die Anderen folgten uns.

»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte Halef.

»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht Deine Sache! Bedenke, was Du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«

»Sihdi, würdest Du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«

»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«

»Herr, Du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen reden kann. Weißt Du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquynthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquynthe vergleichen! Allah möge Deinen Verstand erleuchten und Dein Herz erwärmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich glaube, Du hast ihn schon, Halef. Allah helfe Dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß Du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.«

Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die Anderen hatten uns nun eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Thiere halten. Er hatte zwei ledige Kameele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen sollten.

»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen, bis Du wieder kommst?«

»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so lang ist, wie Deine Lanze.«

»Und das Tirscheh oder Kiahat wirst Du nicht vergessen?«

»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem mitbringen.«

»Thue es. Allah schütze Dich, bis wir Dich wiedersehen!«

Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kameele nieder, und wir Drei ritten in die Stadt.

»Nun, war das kein Abenteuer?« frug ich Albani.

»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Todtschlag gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«

»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«

»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! – Sie wollen mit diesen Arabern gehen? – So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«

»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für unmöglich halte.«

Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen wir, nachdem wir dem Kameelverleiher seine Thiere zurückgebracht hatten, einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru, dem Wirth, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemietheten Eseln ritten wir wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kameele bestiegen.


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