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Zwölftes Kapitel.
Dina wird eingesegnet

Der Winter verging still, Frau Konsul Weber war etwas leidend gewesen in letzter Zeit und dadurch kamen wenige Freunde ins Haus. Dina war sehr durch ihre Konfirmationsstunde in Anspruch genommen, die sie immer mehr fesselte. Zu Ostern wollte sie mit Käte Mohr zusammen an den Altar treten, und das ganze Gedankenleben der jungen Mädchen war auf diesen Zeitpunkt gerichtet. Ja, die Tante hatte sogar angenehm die Veränderung gemerkt, die während der Zeit der Predigerstunde mit Dina vorging. Sie hatte jetzt lange nicht mehr so viel zu tadeln wie früher, und Dina war voll zartester Aufmerksamkeit für Frau Webers Gesundheit.

»Liebes Tantchen, binde den Schawl um« und »bitte, Tantchen, laß mich Dir den Gang abnehmen«, so hieß es hier und dort.

Onkel Alfred erklärte eines Tages: »Unser Wildfang wird so zahm wie ein Vögelchen im Bauer.«

Dina fand den Vergleich aber nicht zutreffend. Sie war in ihrem Gemüt so heiter, froh und glücklich wie je, nur war die ursprüngliche Mildheit durch die ernsten Gedanken, die der alte, ehrwürdige Prediger in ihrer jungen, aufnahmefähigen Seele geweckt, etwas eingedämmt.

Sie schrieb jetzt auch häufiger in ihrem Tagebuche und zeichnete oft die sämmtlichen Themata, die in der Predigerstunde berührt waren, auf, wörtlich die Auslegung wiedergebend, die Pastor Schulz ihnen gegeben hatte.

An einem Sonntag Abend, in Anschluß an die erhebende Predigt, die sie am Morgen gehört, schrieb sie nieder:

Rauh und steinig sind die Pfade
Uns'res Lebens hier auf Erden,
Nur allein durch Gottes Gnade
Können wir gerettet werden.
Wir stehen unter seiner Hut,
Er macht alles schön und gut.
Seele d'rum bekenn' es gern,
Leben wir, so leben wir des Herrn.

Wo wir müde niederlegen
Unser Haupt am Lebensende,
Ruhen wir in Gottes Segen;
Er hält über uns die Hände
Und nimmt gnädig arm und reich
Zu sich in sein Himmelreich.
Seele d'rum bekenn' es gern,
Sterben wir, so sterben wir des Herrn.

Ein andermal stand in dem Tagebuche:

Hinaus, hinein, hinauf.

(im Anschluß an die Auslegung der Worte von Pastor Schulz).

Hinaus in die schöne Gottesnatur
In die Ferne hinaus durch Wald und Flur,
Durch Stadt und Dorf, von Haus zu Haus,
Hinaus, hinaus,
In die Welt hinaus!

Hinein in das Herze die Lieb und das Glück,
Ergebung in herbes und bittres Geschick,
Zufriedenheit und Sonnenschein,
Hinein, hinein,
In das Herze hinein!

Hinauf zum Himmel, zur Seligkeit,
Von der traurigen Erde zur Ewigkeit.
Ermüdet von der Welten Lauf
Hinauf, hinauf,
In den Himmel hinauf!

Endlich war der ersehnte Tag der Einsegnung gekommen: Palmsonntag. Hell und strahlend ging die Frühlingssonne an diesem Tage auf. Die Büsche im Garten zierte schon das erste Grün, und Krokus, Czylla und Schneeglöckchen schmückten mit ihren feinen Blüten die Beete. Schon früh stand Dina in ihrem ersten schwarzen Kleide am Fenster und blickte hinaus in die Frühlingspracht und in den herrlichen, aufgehenden Tag. Auch vor ihr that sich das Leben jetzt auf, ihre Kindheit war mit diesem Tage abgeschlossen, und sie übernahm mit diesem ihrem Schritt ins Leben die volle Verantwortung für ihr Thun und Handeln. An ihrem geistigen Auge zogen noch einmal alle die Bilder ihrer frühen Jugend vorbei. Sie sah sich als Kind in ihrem kurzen Röckchen auf der Landstraße von Capri, dann tauchten die Gestalten der Fremden auf, die ihr jetzt so liebe, nahe und traute Freunde geworden waren, und sie dachte des Tages, da sie zum ersten Male das Haus ihrer Pflegeeltern betrat. Dabei wurden ihr die Augen feucht, denn sie hatte – wie sie es damals nie geahnt hätte, und in dem kindlichen Sinn auch noch kaum hätte verstehen können – wirklich bei ihren teuren Verwandten eine zweite Heimat gefunden. Der gute Onkel Alfred war für sie von wahrhaft rührender Güte und Liebe erfüllt, ja sie mußte es sich gestehen, er verwöhnte sie weit mehr als sie es verdiente. Die Tante wiederum, der ihr junges Herz nur sehr allmählich sich erschlossen, hatte auch nichts als ihr Bestes und ihr Glück im Auge, und wenn ihr gerade aus dem Munde der Tante oft eine Rüge zu Teil wurde, so hatte Dina doch längst begriffen, daß dies Tadeln ihrer Fehler nur dem innigen Wunsche der Frau Konsul entsprang, aus dem wilden Naturkinde einen guten, brauchbaren Menschen zu machen. Auf der andern Seite hatte die alte Dame für Dina die wärmsten, mütterlichsten Empfindungen; ihr wie ihrem Gatten war das Mädchen unentbehrlich und ein wahrer Sonnenschein im Hause geworden.

Ein leises Klopfen an der Thür unterbrach Dina in ihrem Sinnen, und ehe sie: herein rufen konnte, war die Thür schon auf gethan und hinein huschte Nelly.

Innig schloß sie die Freundin in die Arme und sprach: »Meine geliebte Dina, ich wollte die erste sein, die Dich begrüßt an diesem Tage und die Dir ihre Glück- und Segenswünsche ausspricht für Deinen ferneren Lebensweg. Bleibe so gut und lieb wie Du bist und« – fügte sie leiser hinzu – »werde dereinst so glücklich wie ich.«

Die beiden jungen Mädchen setzten sich nun zusammen an dem offenen Fenster nieder, und Dina berichtete der älteren Freundin getreulich von allem, was in ihr vorging und was ihr junges Herz bewegte. Gar schnell verging ihnen die Zeit, bis Nettchen auf der Schwelle erschien und meldete, der Wagen sei schon vorgefahren, der die Herrschaften zur Kirche bringen sollte, und Herr und Frau Konsul warteten auf Fräulein Dina. Schnell eilte Dina hinunter und Nelly verabschiedete sich von ihr, um sich auch mit ihren Eltern gemeinsam zum Kirchgang aufzumachen.

Es war eine erhebende Feier, die Einsegnung der jungen Menschenkinder in der schönen, alten Kirche mit den bunten Glasfenstern und den großen Sandsteinpfeilern. Die Orgel ertönte Dina so herrlich und gewaltig wie noch nie, und als die mächtigen Klangwellen verhallten, und der greise, ehrwürdige Pastor zu sprechen begann, da ward es tiefe Stille in dem weiten Gotteshause, und andächtig lauschten die Erwachsenen und die jungen Konfirmanden den ergreifenden Worten ihres Seelenhirten. Dieser sprach über den Text: »Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.«

Er führte aus, wie in den Wechselfällen des Lebens, gegen Vorurteile, Leiden und Schmerzen, das Herz sich festigen müsse, daß aber kein Menschenherz aus sich im Stande sein könne, zu der wahren Festigkeit zu gelangen ohne die Gnade Gottes.

»Ihr seid mit mir gegangen, meine lieben Konfirmanden«, so schloß er mit erhobener Stimme seine Rede, »Ihr seid mit mir gegangen nach dem heiligen Lande und seid dem Auserwählten Gottes begegnet. Der wagte von der Gnade Gottes zu sprechen, der hat an diese Gnade geglaubt, der hat diesen Glauben zeitlebens bewahrt, der ist auch im Tode nicht an ihm irre geworden. Sein Dasein war ganz mit Gott vermählt, sein Wille verwob sich mit Gottes Willen, jeder Hauch seines Mundes war Atem des Allmächtigen, jeder Wink seiner Hand ein Fingerzeig des Höchsten. Aus diesen Herrn haben wir vertrauen gelernt, ihn wollen wir ehren und lieben, vor seiner Krone wollen wir uns beugen, zu seiner Fahne wollen wir schwören, ihm danken wir, daß wir der Gnade gewiß sind.«

Im tiefsten Herzen bewegt und bereit, ihr ganzes Leben ehrlich und treulich dem Herrn zu folgen, dem ihr gütiger Pastor sie heute zugeführt hatte, verließ Dina zwischen Onkel und Tante die Kirche.

Immer wieder drückte sie dem einen und dem andern die Hand und flüsterte innig: »Gebe Gott, daß ich Euch alle Eure Güte und Liebe danken kann.«

Zu Tisch erschienen wie stets Sonntags Doktor Reinhart und Hans Schenk.

Der gute Onkel Doktor hatte seiner Dina einen Prachtband von Goethes Gedichten mitgebracht

»Hieraus kannst Du viele edle und schöne Gedanken lernen, mein Kind«, sprach er, »nichts bildet ein junges Gemüt so wie die Lektüre der Klassiker.«

Hans überreichte Dina ein Bändchen von Geroks Palmblättern. In dem Buche aber lag auch ein Gedicht. Das lautete:

Ein Mädchen ist vom Weltgetrieb'
Durch Mauern ringsum abgeschlossen,
Dem engen Raum, der ihr so blieb,
Dem widme sie sich unverdrossen.

Doch, Dina, wenn Dir's 'mal einfällt,
Wo anders hin den Schritt zu lenken,
Weils Dir's zu eng in Deiner Welt,
Geb' ich Dir dieses zu bedenken:

Ringsum türmt sich die Mauer auf,
Du siehst, da giebt es kein Entweichen.
So schau' zum Himmel denn hinaus
Und such' einmal den zu erreichen!

Gegen Abend erschien Nelly, doch als ihr Dina froh entgegeneilte, erstaunte sie über das ernste Gesicht der Freundin.

»Liebstes Dinchen, ich kann nicht bleiben«, begann diese sogleich. »Du weißt, Mütchen hatte sich erkältet und war die letzten Tage schon nicht ganz wohl. Heute früh hat er sich gelegt, und als wir aus der Kirche kamen, hatte er schon heftiges Fieber. Mein Kommen gilt deshalb eigentlich Doktor Reinhart; ich wollte ihn bitten, nach unserm lieben Kleinen zu sehen. Nicht wahr, lieber Onkel Doktor wandte sie sich an diesen, »Du kommst auf einen kurzen Augenblick mit mir, hoffentlich kannst Du Mama beruhigen, die ganz außer sich ist.«

Der Doktor war gern erbötig, mitzugehen, und Nelly bat nun Dina: »Dinchen, bitte, komm doch auch mit. Mütchen hat den ganzen Tag in seinen Fieberphantasien von Dir gesprochen. Er war so traurig, daß er bei Deiner Einsegnung nicht dabei sein konnte.«

»Unser armer, kleiner Hellmut!« sagte Dina mitleidig. »Hoffentlich geht es ihm bald besser! Onkel Doktor wird ihn gewiß kuriren.«

Dann machten sich die Drei auf den Weg. Der Doktor ging zuerst zu dem Kranken, und die beiden jungen Mädchen warteten auf dem Korridor, welchen Bescheid er bringen möchte. Es währte eine gute Weile bis Doktor Reinhart mit Frau Mühlmann wieder aus dem Krankenzimmer trat.

Frau Mühlmann hatte verweinte Augen und Doktor Reinhart machte ein ungewöhnlich ernstes Gesicht.

»Was ist, was ist?« riefen ihm die beiden Mädchen entgegen.

»Der gute Junge hat eine schwere Lungenentzündung«, erklärte der Doktor, »die wahrscheinlich noch wesentlich verschlimmert ist dadurch, daß er sich nicht rechtzeitig geschont hat. Es wäre besser gewesen, mich schon vor mehren Tagen zu rufen.«

»O, mein Gott, hätte ich es nur geahnt«, klagte Frau Mühlmann, »aber Hellmut war ja immer so frisch und gesund, da hielt ich das Unwohlsein, über das er klagte, für eine leichte, vorübergehende Erkältung.«

»Nun ich hoffe, auch diese ernste Krankheit wird vorübergehend sein«, tröstete Doktor Reinhart. »Jedenfalls komme ich heute Abend noch einmal wieder um Ihnen neue Anordnungen für die Nacht zu geben. Wegen Ansteckung brauchen Sie nicht besorgt zu sein, die Krankheit ist nicht ansteckend. Aber lassen Sie Niemand lange hinein, der Patient muß Ruhe haben.«

»Darf ich Mütchen nicht sehen?« warf Dina jetzt ein.

»Nun ja«, sagte der Doktor, »einen Augenblick magst Du hineingehen.«

Doktor Reinhart empfahl sich, und Nelly und Dina schlüpften ins Krankenzimmer.

Da lag er in seinem weißen Bett, der kleine Kranke, mit vom Fieber rotglühenden Wangen und brennend heißen Händen. Die langen Augenwimpern beschatteten die großen, halbgeschlossenen Kinderaugen, so daß es aussah als ob er schliefe. Als Nelly und Dina jedoch näher hinzutraten, schlug der Knabe plötzlich die tiefblauen Augen weit auf und ließ sie unstät durch das Zimmer irren.

Dann murmelte er leise: »Seht ihr dort den großen, großen See. – Er ist so weit und so blau, so blau wie der Himmel und darauf schwimmt ein großer – schwarzer – schwarzer Schwan. Der ist so schwarz wie die Nacht und hat lange, seidenweiche Flügel und die langen, seidenweichen Flügel – – –«

Hier verlor sich die Stimme des Kleinen in einem unhörbarem Flüstern.

Stumm mit gesenktem Haupte standen die beiden Mädchen am Fußende des Bettes, als die Mutter wieder hereintrat.

Leise schob diese die jungen Mädchen bei Seite und flößte dem im Halbschlummer befangenen Knaben etwas beruhigende Medizin ein. Dann sank sie neben dem Bett ihres Lieblings in die Kniee und betete leise:

»Lieber Vater im Himmel, wenn Du nicht glaubst, daß dieser unsägliche Gram für mein armes Mutterherz nötig ist, so laß mir mein Kind, laß es mir, laß es mir!«

Nelly stürzten bei diesen Worten ihrer Mutter die heißen Thränen aus den Augen, und schluchzend barg sie ihr Gesicht an Dinas Schulter. Liebevoll und teilnehmend umschlang Dina die Freundin, und Frau Mühlmann, die die Gegenwart der Beiden ganz vergessen hatte, wandte jetzt auch ihr bleiches, schmerzerfülltes Antlitz den jungen Mädchen zu und sagte dann leise:

»Geht hinüber! – Sagt dem Vater, Hellmut schläft.«

Leise glitten die Beiden aus dem Zimmer, aber noch lange, kannte es Dina nicht übers Herz bringen, die bitterlich weinende Nelly zu verlassen. Leise und liebevoll sprach sie ihr Trost zu, während ihre eigene Stimme vor Bewegung zu ersticken drohte.

Als sie endlich zurückkehrte, eilte sie zuerst auf Doktor Reinhart zu, schlang fest die Arme um seinen Hals und flüsterte: »Nicht wahr, Onkel Doktor, er muß doch gesund werden! Das andere ist ganz unmöglich, ganz unmöglich!«

Herzlich strich ihr der Doktor über die dunklen Locken und sagte: »Mein liebes Kind, uns Menschen ist keine Gewalt über Leben und Tod verliehen. Doch gebe auch ich die Hoffnung für unsern kleinen Freund noch nicht auf.«

Am nächsten Morgen ganz früh war Dina schon wieder bei Mühlmanns, aber die Nachrichten lauteten nicht besser. Übernächtig und verweint schlich Frau Mühlmann umher. Niemand, auch nicht Nelly, durften sie bei der Pflege des Knaben ablösen. Der Amtsgerichtsrat war beruflich sehr in Anspruch genommen, doch auch er hatte keine Ruhe auf dem Gericht, sondern brachte sich seine Akten mit nach Hause und unterbrach jede Stunde seine Arbeit um leise an die Thür des Krankenzimmers zu schleichen und zu horchen. Ab und zu öffnete sich dann der Thürspalt, und Frau Mühlmann flüsterte dem Gatten ein paar Worte zu, worauf er schweren Herzens wieder an die Arbeit ging.

Doktor Reinhart kam dreimal täglich und hatte einmal schon einen berühmten Professor der Medizin mitgebracht, mit dem er sich lange in Herrn Mühlmanns Arbeitszimmer besprochen hatte.

Im Lauf der Woche war auch Oskar angekommen, der die Osterfeiertage bei der Familie verbringen wollte. Er sah mit dem angehenden Schnurrbärtchen und der bunten Studentenmütze auf dem Ohr sehr stattlich aus, aber auch er war schmerzlich bewegt, statt der frohen Feiertagsstimmung in seiner Familie nur Sorge und Kummer vorzufinden. Er hatte sich die Krankheit des kleinen Bruders nicht entfernt so schwer vorgestellt als sie war und hatte sofort zu ihm gewollt, um ihm von seinem lustigen Studentenleben zu erzählen. Doch auch für ihn, wie für die anderen, war und blieb des Krankenzimmer verschlossen.

So verging eine schreckliche Woche. Am Sonnabend vor Ostern hatte sich das Fieber, das vorher etwas nachzulassen schien, wieder ganz über Erwarten gesteigert, und Doktor Reinhart hatte mit der Mutter am Bett des kleinen Kranken lange gewacht. Auch die andern schliefen nicht. Nelly und Oskar, sowie Dina, die treulich jede freie Stunde bei ihnen zubrachte, saßen beim Vater um den Arbeitstisch.

Als Mitternacht heranrückte, hatte Doktor Reinhart die junge Gesellschaft zur Ruhe getrieben und Dina selbst nach Hause begleitet. Aber in Dinas Augen kam heute Nacht kein Schlaf. Sie sah immer vor sich das Krankenbett und das bleiche Knabenantlitz auf den weißen Kissen, und mit Morgengrauen trieb es sie schon wieder hinüber zu Mühlmanns. Auch Nelly hatte nicht geschlafen und lag völlig angekleidet auf dem Sopha, als Dina zu ihr hereintrat.

»Wie geht es?« fragte Dina gedämpft.

Und halblaut ward ihr zur Antwort: »Mama war eben hier. Hellmut ist heute früh bei Bewußtsein.«

»Dann wird es besser werden«, seufzte Dina erleichtert auf. »Nelly, heute ist Ostersonntag, heute muß sich alles zum Guten wenden!«

»Ach ja«, sagte Nelly leise und traurig, »heute ist Ostersonntag, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.«

Die jungen Mädchen nahmen nun ihren Wachposten vor der Krankenthür wieder ein, wo sich auch bald Oskar zu ihnen gesellte.

Herr Mühlmann war zum ersten Male bei dem Kleinen drin, weil Frau Mühlmann meinte, es ginge etwas besser.

Endlich erschien auch Doktor Reinhart. Die jungen Mädchen traten zur Seite um ihn einzulassen.

Als der Doktor eintrat, hörte er wie Mütchen eben seine Mutter mit todesmatter Stimme fragte: »Ist Oskar noch nicht hier, Mama«: Er wollte doch zu Ostern kommen. Laß ihn gleich zu mir, wenn er kommt?

Doktor Reinhart trat hinzu. Frau Mühlmann streckte ihm beide Hände entgegen, ein Lächeln der Hoffnung auf den Lippen, aber des Doktors Miene verfinsterte sich, als er den kleinen Kranken sah.

»Laß Oskar zu mir, – ich muß ihm noch etwas sagen«, erklang wiederum Mütchens schwache, flehende Stimme.

Die Mutter sah fragend zu dem Arzt und Hausfreund auf.

Dieser aber sagte nur: »Lassen Sie die Kinder alle herein.«

Leise öffnete Herr Mühlmann die Thür und winkte den Draußenstehenden, und unhörbar auf den Zehenspitzen betraten Dina und Nelly von dem Studenten gefolgt, den Raum.

Die Thür blieb offen.

»Oskar«, murmelte Mütchen wiederum, und bewegt trat der Student zu der Mutter an das Krankenlager des Bruders, während Nelly und Dina am Fußende bei Herrn Mühlmann und Doktor Reinhart stehen blieben. Das eingefallene Gesichtchen des armen Kleinen war so weiß wie die weißen Kissen, die blutlosen Händchen lagen schlaff auf der Decke, und nur die großen, offenen Augen verrieten, daß in dem kleinen Körper noch Leben sei.

Leise legte Oskar seine Hand auf die eiskalten Hände des kleinen Bruders, und dieser heftete die tiefen, blauen Augen auf ihn und sagte leise: »Oskar, glaube mir's, – ich werde nie wieder petzen.«

»Mütchen, liebes Mütchen.« – Der Altere brachte kein Wort weiter hervor und drückte einen Kuß auf die weiße Knabenstirn. Frau Mühlmann aber stürzten die heißen Thränen aus den Augen.

»Nicht weinen, Mama, mir ist ja so wohl heute«, flüsterte der Kleine, und sich zu Nelly wendend, fuhr er fort: »Nelly, sage Werner, wenn ich groß bin, dann will ich auch Offizier werden, und dann will ich« ... hier versagte ihm die Stimme, und er rang nach Atem.

Es wurde todtenstill im Zimmer.

Mütchens Kopf war auf seine Schulter gesunken. Plötzlich. aber war es wie ein Lächeln auf seinen Lippen:

»Sieh nur, Dina«, murmelte er kaum hörbar mit geschlossenen Augen – »sieh nur, wie die Sonne scheint – so hell – so hell. Es ist so schön – so schön – die weißen Wolken, alle die vielen weißen Wolken – die schweben näher, und – es sind Engel, Dina, es sind Engel. – Engel –« wiederholte er nach einem Weilchen noch einmal wie im Traum, und ein Glanz der Verklärung glitt über das jugendliche Antlitz.

Ohne einen Laut war Frau Mühlmann neben dem Bett ihres kleinen Lieblings zusammengebrochen, während Oskar noch immer in seiner kräftigen, jugendfrischen Hand die starren Händchen des Bruders zusammenpreßte, als könne er sie mit neuer Lebenswärme durchdringen.

Die jungen Mädchen schluchzten leise und Herrn Mühlmann rann Thräne auf Thräne in den grauen Bart. Auch Doktor Reinhart konnte seiner Bewegung kaum Herr werden, angesichts dieses lieblichen, im Tode verklärten Kinderantlitzes.

Leise trat er ans Fenster, schob lautlos die Gardinen zurück und öffnete weit die Fensterflügel.

Ein breiter Lichtstrom drang herein. Aus der Ferne aber ertönten verheißend und klangvoll die Osterglocken, die das Fest der Auferstehung verkündeten.


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