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Zweites Kapitel.
Onkel Doktor macht eine Entdeckung

Am nächsten Morgen schien die Sonne golden und klar vom Himmel, und über der Felseninsel Capri lag ein leichter, bläulicher Morgendunst, wie er immer einen besonders schönen Tag verheißt.

Dina stand erwartungsvoll an dem großen, eisernen Gartenthor und schaute auf die Straße hinaus, in der Hoffnung, daß der herrliche Capreser Frühlingstag auch ihre neuen Freunde wieder herauslocken möchte. Und sie hatte sich nicht getäuscht. Eben bog ein Wägelchen um die Felsenkante, vorn auf dem Kutscherbock, mit einer Botanisiertrommel, Nelly, die Dina schon von weitem zuwinkte. Als der Wagen hielt, stiegen der Amtsgerichtsrat und der Onkel Doktor aus und Nelly sprang von dem Bock herab gerade Dina in die Arme, welche sie stürmisch ein paarmal mit sich herumschwenkte.

»Das lob' ich mir aber«, rief der lustige Onkel Doktor, »daß unsere kleine Führerin schon so früh auf Wachtposten steht.«

Dina konnte es zwar nicht so früh finden, sie war schon seit mehreren Stunden auf, denn, wenn die liebe Sonne aufging, dann hatte auch sie keine Ruhe mehr. Der Amtsgerichtsrat zog seine Uhr, es war punkt acht.

»Nun aber vorwärts«, ermunterte er die anderen, »damit wir vor der Mittagshitze hinauf kommen, der Weg soll nicht sehr schattig sein nach dem Solaroberg.«

»Nach dem Solaro wollen wir heute«, fiel Dina eifrig ein, »ei, dann kürzen wir ein ganzes Stück, wenn wir durch den Garten gehen«. »Einverstanden«, rief der Doktor, »dringen wir einmal in den Zaubergarten unserer kleinen Capreser Bergschönheit ein.«

In der That kürzte der Weg durch den weit am Berg sich heraufziehenden, parkähnlichen Garten und Weinberg ein gut Teil der Straße ab, Dina aber hatte noch einen andern Gedanken, als sie diesen Weg vorschlug, sie wollte schnell noch Bella holen, damit diese ja nicht allein zu Haus blieb. Leichtfüßig sprang sie daher, von Nelly gefolgt, vor nach dem Stall, wo der Liebling schon vernehmlich mäckerte.

Rüstig folgten die Herren und hatten eine kurze Zwiesprache mit Hans Schenk, der gerade auf der Terrasse sein Morgenfrühstück verzehrte und sehr erfreut war über die Anrede seiner Landsleute. Er versprach ihnen hernach ein Stückchen entgegenzukommen und die kleine Karawane brach nun ohne längeres Verzögern auf.

Die Rätin war zurückgeblieben, da sie lange, anstrengende Partien scheute, und es ging deshalb rüstiger vorwärts als am Tage vorher. Allen voran immer Dina, die mit ihren bloßen Füßchen über die Felsblöcke und spitzen Steine hüpfte, als sei es der weichste Moosboden. Mehr und mehr legte sie den Fremden gegenüber auch die anfängliche Scheu ab und plauderte ununterbrochen den ganzen Weg.

Die beiden Herren hörten ihr mit Vergnügen zu, wenn sie auch selbst bei dem steilen Anstieg zu sehr den Atem verloren, um sich auf lange Erwiderungen einzulassen. Dina nahm immer Richtpfade oder, wo diese fehlten, ging es auch ohne Pfad nur immer vorwärts und geradezu hinauf auf die scharfüberhängende Solarospitze zu.

Einmal bei einer besonders schwierigen Kletterpartie war plötzlich die Kleine mitsamt Bella verschwunden. Die anderen arbeiteten sich mühsam vorwärts, riefen und schauten vergebens rings umher. Als sie schon beschlossen den Weg aufzugeben und an die Rückkehr zu denken, erklang plötzlich ein helles Kichern aus einem nahen Ginsterbusch, aus dem auch Dinas dunkle Locken gleich darauf auftauchten. Das Kind hatte eine seltene Pflanze unter dem Busch gesehen und ausgegraben, während Bella die Gelegenheit benutzte, um sich im Schatten der Zweige zu lagern, und aus ihrem Versteck heraus hatte die mutwillige Kleine die Erwägungen und Befürchtungen der Herren angehört, ohne auf ihre Zurufe einen Laut von sich zu geben.

»Du«, sagte Nelly zu ihr, die sich etwas geängstigt hatte, »das war ungezogen, dich zu verstecken und uns alle drei hier stehen zu lassen.«

»O«, entgegnete Dina noch immer lachend, »es war zu komisch zu hören, wie sich der dicke Onkel Doktor fürchtete, den Berg herunterzupurzeln. Denke Dir nur, wenn er rollte und rollte und rollte und schließlich unten in unserm Garten ankäme.«

»Das würde dem lieben Onkel Doktor sehr weh thun«, meinte Nelly altklug.

Dina schwieg betroffen, daß sich große Menschen beim Hinfallen weh thun sollten, konnte sie sich gar nicht vorstellen, sie hatte sich niemals verletzt, wenn sie hingefallen war. Nun that es ihr leid, daß der gute, lustige, alte Herr, den sie gleich wie Nelly auch Onkel Doktor angeredet hatte, sich hätte weh thun können.

Sie lief deshalb zu ihm und gab ihm ihre Blume. »Da Onkel Doktor«, sagte sie, »diese Zwerganemone sollst Du haben.«

»Sieh einer an«, meinte der alte Herr lächelnd, »unsere kleine Führerin weiß sogar in der Pflanzenkunde Bescheid«, und er steckte dankend die Pflanze in seinen Eßkober, der ihm schwerlastend an einem Riemen über die Schulter hing.

»Dina«, sagte er dann, »Du kriegst ein Glas Champagner extra, wenn wir bald oben sind.«

»O, wir sind gleich da«, entgegnete die Kleine fröhlich, und wirklich hatte man in einer kleinen halben Stunde den Gipfel erreicht, von dem aus sich ein herrlicher Rundblick über die ganze Insel, das blaue Meer und den sonnigen Golf von Neapel bot.

Nelly und ihr Vater waren ganz versunken in den Anblick all' des Schönen, der Doktor aber hielt sich nicht zu lange mit der Aussicht auf, sondern begab sich mit Dina an das Auspacken des Frühstückskörbchens. Er hatte schon ein gut Teil vertilgt bis die Anderen hinzukamen, und Nelly als gutes Hausmütterchen begab sich nun an die Verteilung des Restes. Ihr Vater bekam zuerst, alles hübsch zurechtgemacht, aber auch Dina wurde nicht vergessen. Sie erhielt ein Ei und eine große Buttersemmel mit Käse. Als ihr aber Nelly etwas Salz in die Hand streuen wollte zu ihrem Ei, erbat sie immer mehr, bis das ganze Händchen voll war, und der Doktor schon lachend meinte:

»Du irrst Dich, Süßmäulchen, wenn du denkst das sei Zucker.«

Doch Dina schüttelte nur den Kopf, dann lief sie zu ihrer Bella und ließ sich von dieser das Salz aus der Hand lecken, was Bella mit großem Vergnügen besorgte, denn Salz, das sie nicht oft kriegte, mochte sie gar zu gern. Erst nachdem jeder Finger einzeln gut abgeleckt war und Bella durch ein zufriedenes Mäckern ihren Dank kund that, begab sich Dina selbst an ihr Frühstück. Die dick gestrichene Buttersemmel war für sie ein besonderer Genuß, denn Butter gab es nie bei ihnen, weder mit Brod noch mit Fisch noch auch wenn ja einmal ein Stückchen Hammelfleisch auf den Tisch kam. Das Fleisch wurde stets in Öl gebraten, aber es kam nur an großen Festtagen auf den Tisch, für gewöhnlich begnügten sich die Schwestern, sowie ihr kleiner Kostgänger, mit Brod und Salat oder auch Nudeln oder Maccaroni zum Mittagsmahl.

»Prosit«, sagte jetzt der Doktor und reichte Dina ein vollgefülltes Glas mit schäumendem Wein hin.

Nun hatte Dina zwar oft schon von dem kräftigen, vollen Capriwein getrunken, denn Wein ist in Italien ein billiges Getränk wie bei uns das Bier, an dem sich der einfachste wie der vornehmste Mann labt, aber Champagner hatte ihr noch nie Jemand gegeben.

»Onkel Doktor«, rief sie erstaunt, »sieh nur die Bläschen in meinem Wein und den Schaum darauf, der ist ganz weiß, beinah wie auf der Milch, die wir von Bella melken.«

»Trink' nur«, meinte der Doktor, »es schmeckt noch besser als Milch, nicht wahr?«

»Onkel Doktor«, erklärte Dina, die mit einem Zuge ihr Glas leer getrunken hatte, »es schmeckt wie eingeschlafene Füße«, und sie verzog drollig ihr Mündchen. Gleich darauf aber reichte sie ihr Glas nochmals zum Füllen hin, und sie leerte dieses und noch eins und noch eins, bis Alles anfing sich mit ihr im Kreise zu drehen und sie immerfort lachen mußte.

»Aber, lieber Doktor«, meinte jetzt der Rat, »geben Sie dem Kinde doch nicht so viel zu trinken, sie kann es gewiß nicht vertragen.«

Dina lachte und lachte, doch als es an den Aufbruch ging, waren ihr die Füßchen so schwer, wie noch nie und alle Augenblicke stolperte sie

»Dein Wein ist schlecht, Onkel Dokter«, erklärte sie, »den trinke ich nie wieder.«

Allmählich aber verflog die Wirkung des Champagners und es ging wieder besser vorwärts, besonders da der Weg jetzt bergab führte.

Als sie die Häuser von Anacapri liegen sahen, hüpfte Dina wieder leichtfüßig Allen voraus und sah zu ihrer Freude an einer Wegbiegung den Herrn Lehrer, der den Bergsteigern ein Stück entgegengekommen war und sogleich von den beiden Herren in ein lebhaftes Gespräch über ihre liebe Heimat, Deutschland, verwickelt wurde.

Dina fand mittlerweile Zeit, Nelly noch schnell Bellas Stall, sowie den Garten und die Apfelsinen- und Zitronenbäume darin zu zeigen, und man trennte sich endlich mit einem frohen: Auf Wiedersehen!

Richtig kamen die Fremden jetzt jeden Tag die Landstraße nach Anacapri herauf, um unter Dinas Leitung einen schönen Spaziergang zu machen, nach dem Leuchtturm unten am Meer, nach der blauen Grotte oder durch die engen Straßen des Dorfs und über die Oliventerrassen auf die Felsen hinauf, und Gitta erhielt jeden Abend ihr schönes Silberstück.

Hans Schenk begleitete die fröhliche Gesellschaft so weit er konnte, oder er kam ihnen abends eine Strecke Weges entgegen und der junge Mann, dem das Steigen seiner Krankheit wegen beschwerlich fiel, sowie der behäbige Doktor Reinhart, der die Unbequemlichkeiten der schnellen Wanderung scheute, bildeten dann immer den Nachtrab. Sie mußten sich unglaublich viel zu erzählen haben, oftmals begleitete der Doktor den jungen Mann noch in sein Zimmer und auch bei dem Wirt des kleinen Capreser Wirtshauses und bei dem alten Pfarrer des Dorfes sah man die Zwei.

Die Amtsgerichtsrätin hatte schon ein paarmal geäußert: »Was macht unser Doktor nur den ganzen Tag in Anacapri, man sieht ihn ja kaum mehr.«

Da kam er eines Tages ganz aufgeregt in das Zimmer gestürzt, wo sich der Amtsgerichtsrath Mühlmann gerade zur Mittagstafel zurechtmachte.

»Mein lieber Rat«, rief er noch völlig außer Atem, »ich muß Ihnen etwas Mitteilen, ich habe eine Entdeckung gemacht.«

»Ist sie so wichtig, daß wir uns nicht bei Tisch gemütlich und in Ruhe darüber unterhalten können?« meinte der Rat und band sich seine Kravatte um.

Doch der Doktor ließ sich nicht beirren. »Es ist von äußerster Wichtigkeit«, fuhr er fort, »seit etlicher Zeit bin ich der Sache auf der Spur und jetzt habe ich es heraus, es handelt sich ganz einfach darum, daß unsere kleine Führerin Dina aus Anacapri – die Nichte des Consul Webers in Berlin ist, seines Bruders, des Malers Bernhard Weber leibliche Tochter.«

»Was tausend«, rief jetzt der Rat, »Dina soll die Nichte sein von unserm guten Freunde, dem reichen Konsul Weber?«

»Seines Bruders Kind«, ergänzte der Doktor noch einmal. »Es stimmt alles ganz genau, hier ist der Geburtsschein, ausgestellt zu Rom, vom Konsul beglaubigt. Hier der Taufschein, Anna, Bernhardine Weber. So genannt nach ihrer Mutter, einem Anacapreser Fischermädchen Anna Felice und ihrem Vater, der, wie Sie wissen, Bernhard hieß.«

»Aber Doktor, wo haben Sie diese ganze Wissenschaft her?« fragte der Rat, von einer Verwunderung in die andere fallend.

»Das ist ganz einfach«, entgegnete der Doktor. »Von Herrn Hans Schenk hörte ich, daß Dina das Kind eines deutschen Malers sei, ihr Alter u. s. w. gab mir zu denken, kurz und gut, ich stellte Nachforschungen an. Da weder die beiden alten Italienerinnen, noch Herr Schenk, geschweige denn das Kind oder sonst irgend jemand in Anacapri sich auf den deutschen Vatersnamen Dinas, auf den sie getauft war, besinnen konnte, mußte ich mich nach Rom wenden, um genaueres zu erfahren. Alles, was ich hörte, bestätigte meine Vermutungen. Schließlich haben wir nun heute mit Hilfe des Wirts in Anacapri, der von Anfang an behauptete, die Anna Felice hätte ihre Papiere dem alten Pfarrer Domenico zur Verwahrung anvertraut, im Schreibtisch des guten, würdigen Mannes, der schon gedächtnisschwach ist und sich auf nichts besinnt, in einem Seitenfach die wichtigen Dokumente aufgefunden.«

»Und was beabsichtigen Sie nun zu thun?« unterbrach hier der Rat nachdenklich den Bericht des Doktors.

»Nun, das liegt doch auf der Hand«, entgegnete dieser. »Ich schreibe meinem guten Freunde Alfred Weber. – Sie müssen die Kleine natürlich zu sich nehmen.«

Der Rat lächelte. »Die Frau Konsul«, meinte er, »wird sich nicht allzu sehr freuen über den Zuwachs in ihrem ruhigen, vornehmen Hauswesen. Noch dazu Dina, dies urwüchsige Naturkind, dieser Wildfang ...«

»Meiner Meinung nach ist es ihre Pflicht und Schuldigkeit«, unterbrach der Doktor den Sprecher, »daß sie ihrer Geschwister Kind mit Freuden in ihrem Hause aufnehmen. Ohnehin haben sie ein Unrecht gut zu machen an ihrem toten Bruder und Schwager, von dem sie seit damals, als er das einfache Capreser Fischermädchen heiratete, nichts mehr haben wissen wollen. Nach seinem Tode zum mindesten hätten sie sich nach der zurückgebliebenen Frau erkundigen müssen und sich ihrer annehmen, aber nichts von alledem. Die Leute wissen nicht einmal, daß ihr Bruder ein Kind hinterlassen hat, und das Würmchen wächst hier auf, wie das liebe Unkraut, in aller Wildnis und Verlassenheit.«

Der gute Doktor hatte sich ordentlich in Eifer geredet, er war nie mit seines Freundes Verhalten gegen dessen jüngeren Bruder einverstanden gewesen, vor allem aber zürnte er der Frau Konsul, die an ihres Mannes Entfremdung dem jüngeren Bruder gegenüber, seiner Meinung nach, die einzige Schuld trug.

Deshalb richtete er auch an sie den langen Brief, den er noch selbigen Abends zur Post trug, und in dem er ihr vor allem das Kind an's Herz legte und sie zum Schluß aufforderte, sie möchte sich aufmachen und selbst kommen, um Dina aus der Fremde, wo sie jetzt weilte, in ihre natürliche Heimat, – das Haus des Konsuls – abzuholen.

Statt der Frau Konsul in Person traf indessen nur nach einigen Tagen ein Brief von ihr ein, in welchem sie zwar ihre herzliche Absicht kund that, dem Kinde ihres Schwagers nützlich zu sein, es aber für zunächst am wichtigsten hielt, daß das Kind in irgend einer Bildungsanstalt zuvor etwas erzogen werde, ehe sie es zu sich in's Haus nehmen könnte.

»Da hört ja doch alles auf«, rief der gutmütige Doktor in aufrichtiger Entrüstung. »Sie sollen es zu sich nehmen in ihr Haus und mit ihrer Elternliebe aufziehen. Solch herziges, kleines Mädel thut man doch nicht zum zweiten Mal unter Fremde.«

Der Rat und die Rätin waren im Grunde seiner Meinung, und Nelly bemerkte altklug:

»Weißt Du, Onkel Doktor, der Frau Konsul wird nur die Reise hierher zu weit gewesen sein, fahre Du doch mit Dina zu ihr, dann wird sie sich schon freuen und wird sie ebenso lieb gewinnen, wie wir.«

Der Doktor überlegte ein Weilchen. Dann aber meinte er: »Eigentlich hat Nelly ganz recht. Ich muß ja ohnehin bald zurück, um meine Praxis wieder aufzunehmen.«

»Ach, Papa«, bat nun Nelly, der ein neuer Gedanke kam, »noch hübscher wäre es eigentlich, wenn Dina mit uns nach Sizilien weiter reiste.«

»Nein, nein«, entgegnete der Rat, »das geht nicht, es ist viel besser, wenn der Doktor, der mit Herrn Weber so lange und herzlich befreundet ist, ihm das Kind bringt.«

Die Rätin stimmte dem lebhaft bei, denn sie mochte ebensowenig wie ihr Mann für Alles die Verantwortung übernehmen, und so wurde denn beschlossen, daß Dina Ende der Woche mit dem Onkel Doktor die weite und für sie so bedeutsame Reise antreten sollte.

Nelly wollte es sich nicht nehmen lassen, ihrer kleinen Freundin selbst die wichtige Entdeckung des Doktors mitzuteilen.

Aber zu ihrem Erstaunen machte es auf Dina sehr wenig Eindruck, daß sie ihren rechten Onkel und ihre Tante kennen lernen und so weit fortreisen sollte, bis nach Deutschland.

»Onkel Doktor gefällt mir viel besser, als der fremde Onkel, den ich nicht kenne«, meinte sie und nur die Aussicht auf die Dampferfahrt über den Golf von Neapel war bei der Geschichte für sie verlockend. Dagegen setzte es bittere Thränen, als ihr klar wurde, daß sie Bella zurücklassen mußte und daß auch der Herr Lehrer noch nicht mitfahren dürfte. Gitta und Nunzia indessen, die ganz außer sich waren über das Glück, das ihrem Schützling in den Schooß fiel, und denen der Doktor einen schönen Geldschein durch Hans Schenk hatte zukommen lassen für die langjährige Pflege des Kindes, erzählten ihr von so viel Schönem und Herrlichem, das ihr bevorstand, daß die Kleine schließlich die Abreise gar nicht mehr erwarten konnte.

Die Rätin hatte ein altes Kleid von Nelly ein wenig gekürzt und für Dina zurechtgemacht. Am Morgen der Abreise zog sie es Dina selbst an, auch erhielt diese ein leichtes Strohhütchen, eine Jacke und ein Täschchen mit Nachtzeug für unterwegs.

Gitta und Nunzia sowie der Herr Lehrer, der Rat, die Rätin und Nelly gaben den Fortreisenden das Geleit bis zum Dampfer, und da alle so fröhlich waren und plauderten und winkten, so war auch Dina froh und guter Dinge, und rief noch immer ihr lustiges: »Addio, addio«, über die Wellen, als der Dampfer schon längst in voller Fahrt und vom Lande außer Hörweite war.


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