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Sechstes Kapitel.
Es kommt Besuch

Ein warmer Sommer war in's Land gezogen. Die Sonne sandte ihre güldensten Strahlen vom Firmament herab. Die Blumen blühten, die Vögel sangen, und auf den Feldern wogte das Korn und bog sich unter der Last der Ähren.

Am Zwanzigsten Juli sollte Dinas Geburtstag gefeiert werden, und Frau Weber hatte zur Ueberraschung für das Geburtstagskind Mühlmanns auf einige Tage eingeladen. Da die Hundstagferien längst begonnen hatten, und die Kinder deshalb frei waren, war von Frau Mühlmann umgehend eine Antwort angelangt, in der sie dankend für die ganze Familie annahm. So hatte Dina am Abend vor ihrem Geburtstag schon eine große Vorfreude, als die Kalesche, mit den beiden Braunen bespannt, vor dem Gutshaus ausfuhr und liebe, alte Bekannte ihr aus dem Wagen zunickten. Die Tante hatte ihr vorher nichts von dem Besuch gesagt, so daß Dina noch völlig sprachlos war vor Überraschung, als Nelly schon lustig plaudernd ihren Arm ergriffen hatte.

Herr und Frau Mühlmann fanden Dina sehr gewachsen, und in der That hatte die Kleine sich unter der Pflege und Fürsorge ihrer Verwandten außerordentlich entwickelt.

Ihre Gestalt war schlanker und zugleich voll geworden, das Gesichtchen strahlte von jugendlicher Frische, und die roten Wangen und glänzenden Augen sprachen von Lebensfreude und Lebenslust. Die schwarzen Locken, nur lose in der Mitte von einem Bande gehalten,, ringelten bis zur Taille herab, und der nette, adrette Anzug machte sich schließlich auch besser als das kurze, zerlumpte Röckchen, in dem sie ihre Freunde kennen gelernt hatten.

Mühlmanns hatten diesmal auch ihre beiden Knaben mitgebracht. Der ältere Oskar war der Zwillingsbruder von Nelly und ebenso schlank und hoch aufgeschossen, wie diese. Der kleine Hellmut zählte erst sieben Jahr. Er war der allgemeine Liebling und ein putziges Kerlchen, der seinen Stolz darein setzte, es den älteren Geschwistern in Allem gleich zu thun. Schon in der ersten Stunde hatte Dina den Kleinen ganz in ihr Herz geschlossen. Überhaupt gefiel es ihr einmal mit Kindern und besonders mit Knaben zu spielen, und Oskar und Hellmut waren wahrscheinlich ebenso wild und ausgelassen, wie sie selbst.

Noch lange mochten die Kinder nicht in's Bett und schon mit Morgengrauen war Dina wieder aus den Beinen, unten im Hof, wo sich bald Hellmut und Oskar zu ihr gesellten. Oskar kam mit ganz feierlicher Miene auf sie zu als erster Gratulant.

»Dinchen«, sagte er, »weil ich Dir zuerst gratuliere, wird gewiß auch mein Wunsch in Erfüllung gehen. Ich wünsche Dir also, daß Du recht viel geschenkt kriegst.«

»Wünsche ich auch«, fiel Hellmut ein. »Einen Kartoffelwagen und eine Schachtel Soldaten«, das hatte er nämlich zu seinem letzten Geburtstag gekriegt.

»Was soll Dinchen denn mit Soldaten«, neckte Oskar, »die ist ja blos ein Mädel und wünscht sich natürlich eine Puppe.«

Doch Dina erklärte: »Mit Puppen mag ich überhaupt nicht spielen.« Und das war richtig. Sogar die Freude an den Modepuppen hatte nur kurze Zeit gewährt, dann hatte sie doch wieder Attila und die Spiele im Freien vorgezogen.

»Hast Du auch einen Wunschzettel geschrieben, Dina?« fragte Hellmut wieder, »und ihn alle Abend vor's Fenster gelegt, sonst bringt das Geburtstagsmännchen nichts.«

»Nein«, meinte Dina betroffen, »ich habe nur Alles Onkel Alfred gesagt.«

»Der hat's dann vielleicht dem Geburtstagmännchen weiter gesagt«, bemerkte Hellmut.

Aber Oskar lachte: »Mütchen, Mütchen, Du bist doch noch ein arger Dummkopf.«

Mütchen war die Abkürzung für Hellmut und Oskar hieß unter den Kindern: Ox. Der Vater hatte von dieser letzteren Abkürzung zuerst nichts wissen wollen; aber sie war bald so allgemein aufgenommen, daß es sogar Papa Mühlmann manchmal passierte, daß er sagte: »Zeig' einmal Deine Schularbeiten, Ox«, oder: »Ox, komm' nicht zu spät.«

Als die Stimme der Tante endlich von der Terrasse erschallte, jagten die Kinder nach dem Hause, als gälte es ein Wettrennen zu veranstalten.

Trotz aller Anstrengung gelang es aber Oskar nicht Dina zu überholen. Im Laufen und Klettern konnte sie es mit Jedem aufnehmen.

Und Oskar meinte anerkennend: »Du wärest wert, ein Junge zu sein, Dina.«

Auf dem Geburtstagstisch sah Dina nun wirklich alle ihre Wünsche erfüllt. »Da fanden sich sämmtliche Gartengerätschaften wie Spaten, Harke, Gießkanne, Schiebkarren u. s. w., ein neues Sommerkleid mit weißen Spitzen, Grimm's Märchen und zahllose andere Kleinigkeiten.

Als die Kinder alles genügend besichtigt hatten, sprach der Konsul:

»Nun ist noch ein Geburtstaggeschenk von Doktor Reinhart angelangt, und wenn Du mitkommst, Dina, so sollst Du's gleich sehen.«

Dina war nicht wenig verwundert, als sie Onkel Alfred aus dem Hause heraus über den Hof fortführte und erst vor dem Stalle halt machte.

Wer beschreibt aber ihr Erstaunen und das der anderen Kinder; das Geschenk, was sie erwartete, war – ein Ziegenwägelchen. Das hatte sich der gute Doktor Reinhart ausgedacht um Dina recht zu erfreuen, und er hatte seinen Zweck erreicht. Dina jubelte, und auf dem Hof wurde sofort eine Rundfahrt gemacht. Natürlich erhielt die Ziege den Namen: Bella. Die Kinder arrangierten ein fröhliches Tauffest und Oskar und Nelly standen bei der neuen Ziege Pathe.

Am Nachmittag hatte der Konsul beschlossen, sollte von der ganzen Geburtstagsgesellschaft eine Landpartie gemacht werden. Dina wollte sich zwar ungern von dem Ziegenwägelchen trennen, aber Onkel Alfred meinte, die Ziege müsse jetzt ausgespannt werden und den Nachmittag Ruhe haben.

So wurde denn beschlossen, Mühlmanns sollten mit Herrn und Frau Konsul im Wagen fahren und Fräulein Sauer mit den Kindern den Waldweg gehen. Im Forsthaus am Großen Mummel-See wollte man sich dann treffen.

Dina kannte den Weg ganz genau, sie hatte ihn öfter schon mit Fräulein Sauer oder dem Onkel gemacht, und die frischen Waffeln in der Försterei waren ihr in gutem Andenken geblieben.

Fröhlich ging es deshalb zum Aufbruch, Nelly und Dina mit Fräulein Sauer voran und hinterher die Knaben. In der heißen Mittagssonne marschierte sich's nicht allzu gut, aber als sie in den kühlen, schattigen Wald kamen, da war es aus mit dem gleichmäßigen Marschtempo. Dina begann sofort mit den Knaben herumzujagen und hinter den Bäumen Versteck zu spielen, nur Nelly blieb bei Fräulein Sauer; Arm in Arm schritten sie voran und erzählten sich Geschichten. Auf einer Moosbank unter schattigen Buchen hatten sie mittewegs ein Ruheplätzchen gefunden und sich niedergelassen, während Dina mit den Knaben einen Streifzug durch das umgebende Gebüsch machte.

Zwischen überhängendem Schlehdorn hatten sie eine Sandgrube entdeckt und Ox meinte, das sei eine richtige Räuberhöhle.

»Ox, wir wollen Räuber und Prinzessinnen spielen«, schlug Mütchen vor.

Ox kam sich eigentlich schon etwas zu alt vor zu derlei kindlichen Spielen, doch als Dina ihre Bitten mit denen des kleinen Hellmut vereinigte, gab er schließlich nach.

»Also, Mütchen und ich«, meinte er, »wir sind Räuber, Dinchen muß Prinzessin sein.«

»Nein, ich mag aber nicht Prinzessin spielen, ich will auch Räuber sein«, erklärte Dina.

»Gut, dann wird Nelly Prinzessin«, meinte Ox, »Du paßt auch wirklich besser zum Räuber, zur Prinzessin bist Du zu schade.«

»Soll nicht Fräulein Sauer Prinzessin sein?« warf Mütchen ein

Aber Oskar entschied: »Nein, Nelly ist kleiner, die können wir eher überfallen und fortschleppen. Fräulein Sauer kann nachher das Lösegeld bringen.«

In der Höhle fanden sich verkohlte Zweige vor, ein Waldhüter oder gar ein Wilddieb mochte sich gelegentlich dort ein Feuerchen gemacht haben, damit schwärzte Oskar seinen, Bruder und Dina Gesicht und Hände. Er selbst setzte sich einen, schnell aus Krähenfedern verfertigten Hauptschmuck wie eine Krone auf als Zeichen seiner Häuptlingswürde und hing sich Dinchens Plaid als wehenden Mantel über die Schultern. Mit Stecknadeln wurde das Plaid befestigt, den Plaidriemen brauchte man zum fesseln, falls die Prinzessin nicht gutwillig mitkam.

Nun ging's mit wildem Indianergeheul durch die Büsche geradewegs auf die ahnungslos im Schatten ausruhenden Nelly und Fräulein Sauer los.

»Kinder, wie seht Ihr aus?« rief letztere entsetzt.

Aber Oskar achtete garnicht auf sie.

»Prinzeß Nelly, sprach er zu seiner Schwester, willst Du Dich auf Gnade und Ungnade ergeben, ich bin der Räuberhauptmann Schinschagog, genannt: die große Schlange.«

»Dummer Junge, laß mich in Frieden«, entgegnete ärgerlich die Schwester, der gerade Fräulein Sauer solch' wunderhübsche Geschichte erzählt hatte.

»Die Prinzessin leistet Widerstand«, rief der Räuberhauptmann, »Offiziere, packt sie und schleppt sie fort!"

Wie sich Nelly nun auch sträubte und wehrte, sie ward ergriffen, die Hände auf dem Rücken mit dem Plaidriemen gebunden und dann unter: »Hoiho!« vorwärts getrieben bis zu der Höhle.

Hier hielten Oskar und Mütchen bei der Gefangenen Wacht, während Dina ausgesandt wurde von Fräulein Sauer, der verlassenen Königin, das Lösegeld für ihr Kind zu erheischen.

Als Nelly endlich wieder frei war, lief sie schnell zu Fräulein Sauer zurück.

»Bitte, liebes Fräulein Sauer, wir wollen weiter gehen«, bat sie, »ich mag nicht mitspielen und höre Sie lieber Geschichten erzählen.«

»Aber, Nelly«, meinte die Erzieherin, »wir können doch nicht ohne die Anderen ankommen.«

»Wir warten hernach, Dina kennt ja den Weg ganz genau. Wir gehen nur ein Stückchen weit voran«, bat Nelly noch eindringlicher, so daß sich Fräulein Sauer entschloß ihr nachzugeben, da sie ja wußte, daß Dina den Weg kannte.

Die Zurückbleibenden machten nun noch einen Streifzug durch die Umgebung, da sie aber keine neue Beute fanden, so wurde das Spiel schließlich aufgegeben.

Sie beschlossen den Voranschreitenden nachzugehen. Fräulein Sauer konnte schon ihre Stimme in der Ferne vernehmen und auf ihr Zurufen: »Uhu – U – hu« antwortete bald ein dreistimmiges Echo aus Kinderkehlen, sodaß sie getrost mit Nelly fürbaß schritt.

Langsam folgten die Nachzügler, als Dina auf einer Wiese ein kleines Rehchen erblickte.

Das Tier schien entweder noch zu jung und ungeschickt oder es hatte sich am Fuß verletzt, so langsam kam es vorwärts.

»Ach, das liebe Tierchen«, rief Dina und lief sofort nach der Richtung zu, wo sich das Reh befand.

»Laß doch das Reh, das fängst Du doch nicht«, meinte Ox, aber Hellmut trottete auch bereits hinter Dina her. Das Reh stand ganz still und betrachtete die Kinder. Da kam denn auch Ox der Gedanke, man vermöchte es am Ende zu fangen, da es anscheinend nicht laufen konnte, und er folgte den Voraneilenden.

Während diese aber immer schneller voranstürmten, schritt Oskar nur langsam hinterher, und plötzlich gewahrte er ein Schild mit der Aufschrift:

»Achtung! Fuchsfallen!«

An einer Fuchsfalle hatte sich auch das kleine Reh anscheinend verletzt, daß es so langsam vorwärts schlich, aber die Fuchsfallen konnten nun auch den Kindern gefährlich werden.

»Dinchen, Hellmut«, rief Oskar deshalb eindringlich, »geht nicht weiter, hier sind Fuchsfallen.«

»Was ist denn das, Fuchsfallen?« schallte Dinas Antwort zurück, sie war aber stehen geblieben bei dem warnenden Ruf.

»Wie der Name besagt«, lautete Oskars Erklärung, »sind Fuchsfallen: Fallen um Füchse zu fangen. Anscheinend hat sich das kleine Reh an einer Fuchsfalle das Bein verletzt und Ihr werdet auch noch eingeklemmt werden, wenn Ihr so unvernünftig vorwärts rennt!«

Jetzt hielt auch Mütchen inne und blickte fragend zu dem großen Bruder hinüber.

Und dieser kommandierte: »Also langsam, Schritt vor Schritt, wir müssen uns nach der rechten Seite halten, da kommen wir am ersten heraus aus dieser unglücklichen Wiese.«

Bedächtig ging es nun also nach Rechts, während das kleine Reh im Hintergrunde zwischen den Büschen verschwand.

»Au, Dinchen«, rief Mütchen, »ich sitze schon in einer Fuchsfalle.« Es war aber nur ein Brombeerzweig, der sich fest um seinen Fuß geschlungen hatte und den Dina schnell entfernte.

Es währte eine gute Weile, bis die Kinder den Waldrand wieder erreichten, und sie hatten jetzt eine beträchtliche Verzögerung gegen die Vorangegangenen, Nelly und Fräulein Sauer, von denen keine Spur mehr zu erblicken war.

»Wir halten uns immer nach rechts quer durch das Unterholz«, schlug Dina vor, »dann kürzen wir den Weg ab, der hier einen großen Bogen macht und holen die andern wieder ein.«

»Weißt Du auch genau Bescheid?« meinte Oskar mißtrauisch.

»Ja, freilich«, versicherte Dina, »wir sind ja gleich wieder auf dem Fußweg.«

Es ging also quer waldein durch die Büsche vorwärts. Das Unterholz wurde aber bald so dicht, daß die Kinder nicht mehr hindurch kamen und abermals von der Richtung abweichen mußten.

»Es macht nichts, wir können uns ja nach der Sonne richten. Wir gehen nur direkt ihr entgegen, nach Süden, dann müssen wir am Mummel-See in der Nähe des Forsthauses herauskommen«, erklärte Dina.

Oskar wollte ihren Ortssinn nicht von neuem anzweifeln, um nicht feige zu erscheinen, und so ging es in immer schnellerem Tempo der voranschreitenden Dina nach.

Doch der Weg zog sich länger hin als man gedacht, und zum Unglück verhüllte sich jetzt auch die liebe Sonne zwischen dicht aus steigendem, schwerem Gewölk.

»Nun weiß ich nicht weiter«, sagte Dina endlich resigniert.

»Ich dachte es mir gleich, daß wir uns verirren würden«, meinte Oskar ärgerlich, »als ob ein Mädel überhaupt jemals den richtigen Weg finden würde.«

Das ärgerte aber Dina.

»Du großer Junge wirst doch keine Angst haben«, sagte sie, »wir werden schon wieder herausfinden.« Und der Marsch wurde fortgesetzt.

Endlich kam man auch an einen schmalen Weg, der sich längs einer Schonung hinschlängelte.

»Hurrah!« rief Dina, die sofort das ganze Terrain überschaute, »dort unten steht ein Wegweiser. Mütchen, lauf einmal schnell nach dem grünen Pfahl hin und sieh was daran steht.«

Während der Kleine gehorsam ihrem Wunsch willfahrte, ließen sich Dina und Oskar auf dem weichen Moospolster nieder. Es war sehr schwül und Dina brannten die Füße wie Feuer. Sie benutzte deshalb die kurze Ruhepause um sich schnell ihrer Schuhe und Strümpfe zu entledigen, was Oskar sehr ergötzlich fand und ihr sofort nachthat. Aber er konnte auf den bloßen Füßen nicht marschieren und stieß sich an jedem Stein und Zweig, während Dina sich sehr wohl fühlte ohne das Schuhzeug.

»Mütchen, wo bleibst Du denn nur?« riefen die beiden älteren Kinder und schickten sich an dem Kleinen zu folgen.

Bald gewahrten sich auch den Pfahl und Mütchen, der daran hinauskletterte.

»Ich konnte von unten das Schild nicht lesen«, rief Mütchen ihnen schon von fern entgegen, »darum bin ich heraufgeklettert.«

»Was steht denn nun daran?« rief Oskar laut zurück.

Und Mütchen buchstabierte: »F – r – isch, frisch g – e – st – r – gestrichen!«

»Oskar und Dina lachten aus vollem Halse, aber Mütchen erklärte als sie näher kamen ganz kläglich: »Ich klebe.«

Richtig saß der kleine Mann so fest wie die Fliege am Leimstock, denn die Kleider Mütchens hafteten an der frischen Farbe.

Ärgerlich kriegte Ox den kleinen Bruder am Bein zu packen und zog ihn herunter. Die Höschen waren übel zugerichtet. Aber das war jetzt Nebensache, vor Allem galt es, den rechten Weg wiederzufinden. Da die Hoffnung auf den Wegweiser sich als trügerisch erwiesen hatte, hieß es von neuem zu überlegen. Schließlich wurde die entgegengesetzte Richtung als bisher eingeschlagen, aber beschlossen, lieber auf dem Wege zu bleiben, der doch irgendwo hinführen mußte.

Es war sehr schwül geworden und in der Ferne wetterleuchtete es. Die Knaben stampften mühsam durch den tiefen Sandweg, während Dina mit ihren bloßen Füßen prachtvoll vorwärts kam. Zum Glück war der Weg gut gewählt. Nach einer Weile standen die Kinder an einem Fußpfad, der den breiten Sandweg durchschnitt, und diesen erkannte Dina gleich wieder; es war der Pfad zum Forsthaus, um den sie im großen Kreise herumgeirrt waren.

Mit frischen Kräften ging es nun im Laufschritt vorwärts. Schon sah man die Bäume sich lichten und unten am Grashang, der zwischen Wald und See lag, schimmerte das Dach des Forsthauses.

An dem Hang wartete Fräulein Sauer mit Nelly, die ängstlich nach den Nachzüglern ausschauten.

Da endlich kamen sie.

Dina hatte beschlossen, den Grashang sollte es im Galopp heruntergehen, und wie die wilde Jagd kamen sie herangestürzt, voran Dina und Oskar, hinterher keuchend und pustend Mütchen.

Um besser laufen zu können hatte Dina ihr Kleid um die Taille zusammengeknotet, das kurze Unterröckchen hemmte sie nicht. Der hinderlichen Schuh und Strümpfe hatte sie sich ja schon vorhin entledigt der Wärme wegen. Die Strümpfe um den Hals gelegt und die Lederschuhchen mit den seidenen Bändern daran befestigt, daß sie ihr über die Schultern herunterhingen und bei dem wilden Lauf im Takt auf und niederschlugen, so stürmte sie daher.

Fräulein Sauer hatte gut hinterherrufen, die kleine Gesellschaft hörte und sah nichts, und bald standen die Knaben völlig atemlos und schweißtriefend und Dina mit ihren bloßen Füßen vor dem Zaun der Försterei, wo eine Schaar gutgekleideter Spaziergänger aus- und einfluthete.

»Ja, so ist sie nun«, wandte sich die Frau Konsul seufzend an Frau Mühlmann, auf ihr Pflegekind deutend.

Es war aber ein Glück, daß die Kinder noch rechtzeitig ankamen. Als eben auch Fräulein Sauer und Nelly den Garten des Forsthauses betraten, fielen bereits die ersten Regentropfen, und bald brach das schon lange drohende Gewitter mit furchtbarer Gewalt los.

Die Zweige bogen sich unter dem Sturm, und der Regen prasselte nur so nieder, die Bäume ächzten und krachten, und dazu rollte der Donner, und Schlag auf Schlag fuhr der Blitz hernieder.

Der enge Raum im Forsthause war überfüllt mit geputzten Menschen aus dem nahen Städtchen. Die meisten hatten noch nicht einmal Regenschirme mitgebracht.

Der Konsul meinte schon: »Wir müssen am Ende alle am Mummel-See über Nacht bleiben.« Da endlich lichtete sich das Gewölk, der Regen fiel sachter und hörte schließlich ganz auf, und nun war's draußen herrlich. Die Luft war balsamisch und frisch, die ganze Erde erquickt. Mit frischen Kräften ging es schließlich auf den Nachhauseweg. Doch erst mit Dunkelwerden langte die ganze Gesellschaft wieder im Gutshause an.


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