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Achtes Kapitel.
Unterem Weihnachtsbaum

Der Herbst ging zur Neige, und der Winter zog ins Land. Früh ging die Sonne unter und oftmals ging sie überhaupt gar nicht auf. Dina hatte noch nie die harte Witterung des deutschen Nordens kennen gelernt, und sie empfand bitter die durchdringende Kälte. Oftmals bat sie die Tante, nicht mit spazieren gehen zu müssen, sondern drinnen am Ofen bleiben zu dürfen, so fror sie. Besonders daß die liebe Sonne so selten schien, konnte sie gar nicht verstehen. »Wie lange bleibt's nur bei Euch Winter?« fragte sie einmal übers andere und konnte sich durchaus nicht vorstellen, daß die kalten, nebligen Tage noch gar nicht den rechten, strengen Winter bedeuteten. Immer grauer schaute der Himmel aus, bei Konsul Webers wurde die Mittagsmahlzeit um 3 Uhr bereits bei Lampenlicht eingenommen. Immer kälteres Regenwetter trat ein, und eines Tages verdichtete sich der Regen zu Schnee. Es schneite, und dichte Flocken fielen vom Himmel.

Dina jauchzte, als sie die weißen Flocken fliegen sah.

»Hei, wie sieht das lustig aus«, rief sie, lief hinaus und kam mit einer Schürze voll Schnee zurück in's Zimmer. Ehe es Jemand verhindern konnte, streute sie den Schnee durchs ganze Zimmer, so daß er auf den Teppichen zerfloß.

»Aber Bernhardine, was machst Du denn da?« erscholl eine Stimme hinter ihr, und die Frau Konsul betrat das Zimmer.

»Ach, ich wollte gern, daß es in der Stube auch schneite«, meinte Dina. »Draußen ist's ja so kalt.«

Gerade kam der Onkel Doktor dazu, und der mußte nun Dina erklären, wie der Schnee in der Kälte verdichteter Regen sei, der im Warmen natürlich wieder zu Wasser wurde.

Das verhinderte aber nicht, daß Dina eines Tages kurz vor Weihnachten ein paar Eiszapfen, die in der Dachrinne gefroren waren, in ihren Händen anbrachte und Doktor Reinhart bat, die solle er heimlich an den Weihnachtsbaum hängen.

Der Doktor lachte sie aus: »Kannst Du denn gar nicht begreifen, daß gefrorene Sachen aufthauen, Dinchen?«

Dina hatte die Idee, Eis sei etwas wie Krystall, eine Art Gestein, sie hatte eben Eis nie gesehen und konnte sich nicht vorstellen, wie es kam und verging.

»Da sieht man doch wieder, Du bist und bleibst das Italienerkind«, sagte der Doktor. »Du bist sonst ein kluges Mädchen und weißt eine ganze Menge Sachen, manchmal mehr wie ich«, fügte er, den Kopf drollig wiegend hinzu, »aber diese einfachen Dinge, die jedes vierjährige deutsche Kind kennt, kannst Du nicht verstehen. Nun paß einmal ordentlich auf, und merke Dir's was ich Dir erzähle.« Damit erklärte der Doktor Dina gründlich die physikalischen Gesetze von Wärme und Kälte, Schnee und Regen, Wind und Wolken.

Dina hörte andächtig zu, aber im Grunde bedauerte sie doch, daß die Eiszapfen nicht an den Weihnachtsbaum gehängt werden konnten.

Endlich kam das ersehnte Weihnachtsfest. Dina war nach den Erzählungen der anderen Kinder noch viel gespannter darauf als diese.

Manchen Abend vorher hatte sie mit Mühlmanns zusammen verbracht, um einige Ueberraschungen vorzubereiten. So hatte sie unter Nellys Leitung dem Onkel Doktor eine Bürstentasche gestickt und für Onkel und Tante Weber war mit Nellys Hilfe ein reizender Lampenschirm verfertigt. Von allen den Blumen und Moosarten, die Dina im Sommer in Stechlin gesammelt und gepreßt hatte, hatten die Kinder Sträuße zwischen Ölpapier aufgeklebt, der Buchbinder hatte den Lampenschirm fertig gemacht, und so lag denn das Kunstwerk am Weihnachts-Heiligabend auf dem Platz von Onkel und Tante unter dem Tannenbaum. Auch ein paar Verse hatte Dina dazu gemacht, sie lauteten wie folgt:

Zum heut'gen, frohen Feste
Ist mein Geschenk gering,
Jedoch der Wünsche beste
Aus vollem Herz ich bring'.

Der Himmel mög' verhüten,
Daß Kummer je Euch naht,
Sei's mir vergönnt, Euch Blüten
Zu streu'n auf Euren Pfad.

Ja, stets sollt ihr jetzt sehen
Euer kleiner Sausewind
Bemüht sich Euch zu werden
Ein liebes, gutes Kind.

Der Onkel und die Tante waren sehr gerührt von Dinas Gabe und den Versen, aber Dina sah und hörte gar nichts, sie starrte nur immer auf den brennenden Weihnachtsbaum, der vom Boden des Saals bis zur Decke reichte und besät war mit Gold und Flittern, Süßigkeiten und Lichtern. Die Tante hatte das Weihnachtszimmer vorher fest abgeschlossen gehalten, und so war die Überraschung für Dina eine vollkommene. Sie hatte noch nie einen Weihnachtsbaum gesehen, bei ihnen in Italien war das Weihnachtsfest überhaupt nicht feierlicher begangen worden wie andere Festtage, und doch war es das höchste Fest der Christenheit, der Geburtstag des Herrn Jesus Christus.

»Onkel Alfred, wie muß sich der Herr Jesus im Himmel freuen, wenn er sieht, welches Freudenfest der Tag seiner Geburt geworden ist«, meinte Dina. »Heut ist Geburtstag für Alle, das ist noch viel schöner, als wenn man nur allein Geburtstag hat.«

Auf ihrem Weihnachtstisch fand Dina neben vielen andern schönen Sachen auch ihren Herzenswunsch, ein Stammalbum, vor.

Auf der ersten Seite standen, von der Hand ihrer Tante geschrieben, folgende Worte:

 

Veredlung Deiner Kräfte sei Deine tägliche Aufgabe,
Fleiß und Geduld helfe Dir dazu,
So wird der Segen Gottes und die Liebe guter Menschen

Dein Teil.

Sei dieses Wortes stets bewußt durch Dein ganzes
Leben, liebe Bernhardine, es kommt aus dem Herzen

Deiner Tante.

 

Darunter hatte Onkel Alfred geschrieben:

 

Sei immer gut und brav, meine liebe Dina, damit wirst
Du die größte Freude machen
Deinem Dich herzlich liebenden

Onkel Alfred.

 

Doktor Reinhart brachte Dina, mit einem richtigen, verschließbaren Schloß, ein wunderhübsches Tagebuch in Plüscheinband.

»Da sollst Du jeden Tag alle Erlebnisse und alles, was Dich beschäftigt, eintragen, Dina«, hatte er dazu gesagt. »Vergiß aber ja niemals, das kostbare Geheimbuch abzuschließen, sonst lese ich Deine Geheimnisse und plaudere alles aus.«

Dina hatte das Tagebuch sehr gefallen; aber sie kam in der Folge doch nicht allzu häufig dazu, daß sie alle ihre Gedanken darin eintrug. Dazu hatte der kleine Wildfang noch nicht genug Beharrlichkeit.

Ab und zu nur zeichnete sie ein paar Verse auf, die ihr einfielen.

So stand bald nach Weihnachten ein sehnsüchtiges Gedicht auf Capri in ihrem Tagebuch:

Nach dem Süden steht mein Sinn;
Da, wo ich geboren bin,
Nach dem Lande voller Sonne,
Nach dem Lande voller Wonne
Zieht's mich gar so mächtig hin.

Dahin, wo in Blütenpracht
Uns die Welt entgegenlacht,
Wo der Himmel ewig blau,
Wo die Lüfte lind und lau
Sehnt mein Herze sich mit Macht.

Capri, trautes, süßes Wort,
Wo bist du mein Heimatsort?
Bleich herab die Sonne lächelt,
Rauher Wind die Wang' umfächelt,
Und ich bin im kalten Nord.

An Gitta und Nunzia ging bald darauf wieder ein Packet ab, in dem sich die schönsten Sachen befanden, und Hans Schenk wurde innig gebeten recht bald einmal zu schreiben.

Allmählich gefiel Dina der Winter indessen besser; es gab Eisbahn. Auf dem Weihnachtstisch hatten ein Paar Schlittschuhe nicht gefehlt, und es währte gar nicht lange bis Dina lernte auf den scharfen, blanken Stahlschuhen so schnell dahinzufliegen, wie die andern. Da fühlte man nichts von Kälte und Wind, da glühten die Wangen, und es war wie im Sommer.

Am besten gefiel Dina der Eislauf, wenn es schneite; dann konnte man sich auf dem Eise Schneeballen. Manchmal wurden ganze Gefechte ausgefochten. Meist ging es zwei und zwei gegeneinander, viele auf einen das galt als feige. Nelly beteiligte sich selten an den Schneeschlachten; aber Ox machte gern mit, und ganz verpicht war Mütchen auf's Schneeballen.

Wo er Dina erblickte, schleuderte er einen Schneeball hinter ihr her, und manchmal so, daß er ihr gerade in den Nacken flog, so daß Dina sich schon ein paar Mal umgewandt hatte und gerufen: »Mütchen, Mütchen, sei kein Übermütchen.«

Wenn sie mit Oskar Schlittschuh lief, wurde sie nämlich nicht gern gestört und das ärgerte Mütchen, der sich zurückgesetzt fühlte. Oskar lief so schöne Bogen und brachte Dina alle seine Kunststücke bei, so daß sie dann für keinen Anderen mehr Augen hatte. Auch Oskars Kameraden ärgerten sich darüber, da sie gern öfter mit dem hübschen, schwarzlockigen Mädchen gelaufen wären, aber Dina machte sich nichts aus ihnen und lief ihnen weg, sobald sie sie gewahrte.

Eines Tages nun beschlossen einige der Knaben, sich zu rächen. Drei von ihnen hatten sich in einer Ecke des Sees aufgestellt und einen großen Haufen Schneebälle vor sich ausgehäuft. Es war leichtes Thauwetter, und der Schnee backte deshalb besonders gut, so daß die Schneebälle wie Eis so hart und fest waren. Nun warteten sie bis Dina vorbeikam. Sie sah ruhig vor sich hin, da plötzlich flogen die harten Bälle ihr an den Kopf.

»Ihr seid feige«, rief Dina, als sie die drei sich ganz allein gegenüber sah, versuchte aber doch die Bälle zurückzugeben. Als sie indessen sah, daß sie der Übermacht weichen mußte und eben das Gesicht hinter dem Muff versteckend, sich schnell außer Schußweite zu retten suchte, flog ihr ein Schneeklumpen so hart gegen den Hinterkopf daß sie hinschlug. Zwar raffte sie sich gleich wieder auf, aber ein dicker Blutsstrom quoll ihr aus der Nase, und sie mußte sich abermals hinknieen um mit dem Schnee das Blut zu stillen. Auch schmerzte sie die getroffene Stelle am Kopfe empfindlich, so daß ihr unwillkürlich die Thränen in die Augen traten.

Da kam Oskar dazu, der den Schneeballwurf und Dinas Fall beobachtet hatte.

»Wer hat das gethan, Dinchen?« rief er, und gewahrte nun die drei Attentäter, die, Oskars kräftige Fäuste fürchtend, ihr Heil in der Flucht suchten. Sogleich aber war Oskar hinterher, er lief besser als alle anderen und gab die Jagd nicht auf, ehe er jedem der Missethäter ein paar tüchtige Maulschellen verseht hatte.

Als er zurückkam, fand er Dinchen noch immer auf derselben Stelle knieend, wo sich viele der Kinder um sie versammelt hatten.

Nelly war schon dabei, ihr die Schlittschuhe zu lösen, die sie Oskar zusammen mit den ihrigen aushändigte. Dann hob sie Dina auf, faßte sie um die Taille und redete ihr zu, sie wollten fortgehen.

Tina war es noch ganz taumelig und wirr zu Mute, doch ließ sie sich willig von Nelly fortführen. Zu Hause angelangt, machte ihr Nelly mit der Tante zusammen kalte Umschläge um den Kopf und allmählich verlor sich das Schmerzgefühl.

Nicht lange nach den Mädchen langte Oskar an, und gab der Jungfer Nettchen Dinas Schlittschuhe ab, die sie ihr zusammen mit einem Packetchen heimlich in ihr Zimmer legen sollte. Aus dem Packetchen stand:

»Zur Linderung der Schmerzen
Aus mitfühlendem Herzen,«

und darin befanden sich ganz seine Chokoladenbonbons mit Cremefüllung.

Auf dem Wege vom Eise hatte Oskar Mütchen, der neben ihm hertrabte, vorgeschickt. Er hatte gesagt, er wolle noch eilten Freund besuchen; aber Mütchen hatte, sich hinter der nächsten Straßenecke versteckend, wohl beobachtet, wie Oskar in die Konditorei eingebogen und mit einem Kästchen wieder herausgekommen war. Schnell lief er nun nach Hause und konnte vom Fenster genau sehen wie Oskar in die Straße zu Webers einbog.

Als Mütchen von Dinas Fall vernommen, hatte er sich gleich vorgenommen ihr eine Freude zu machen, nun war er verstimmt, als der ältere Bruder ihm zuvorkam.

Am Abend kam zufällig das Gespräch auf Ersparnisse, und Herr Mühlmann schlug vor, die Kinder sollten ihr gespartes Geld zusammenschießen, und er wollte noch soviel dazu thun, daß es zu einem Besuch im Zirkus am nächsten Sonntag ausreichte.

Nelly und Mütchen brachten sofort ihr Baarvermögen an; aber Oskar mußte bekennen, daß er nichts mehr hatte, sondern Alles verausgabt war.

»Aber Oskar«, meinte Papa Mühlmann, »Du warst doch sonst immer der sparsamste.«

»Hoho«, rief Mütchen plötzlich frohlockend dazwischen, »ich weiß, wo er sein Geld gelassen hat – beim Konditor.«

»Wie, Oskar«, meinte der Vater ernst, »solltest Du großer Mensch Dein Geld vernaschen? Das kann ich mir von meinem vernünftigen Sohn doch gar nicht denken.«

Oskar aber mußte verlegen zugeben, daß er beim Konditor gewesen und für Dina Chokolade gekauft hatte.

»Du könntest Dein Taschengeld auch schon besser anwenden«, brummte Papa Mühlmann, und ging bald darauf hinaus.

Kaum hatte er aber das Zimmer verlassen, da wandte sich Oskar zu Mütchen um:

»Alte Petze«, sagte er nur wegwerfend, und damit schritt er an ihm vorbei aus der Thür.

»Oskar, Oskar, ich meinte es nicht bös, ich wollte doch so gern Dina selbst etwas bringen«, rief Mütchen, und wollte ihm nach. Aber der ältere Bruder, ohne weiter auf ihn zu achten, hatte ihm die Thür vor der Nase ins Schloß geworfen.

Als es zum Abendbrod ging, war Mütchen nicht da und nirgends zu finden.

»Wo steckt denn bloß der Junge?« sagte die Mutter und schaute in alle Zimmer hinein.

Da kam das Dienstmädchen, die eben Wäsche auf dem Boden aufgehängt hatte, die Treppe hinab und sagte: »Hellmut hat sich auf dem Boden hinter einem Balken verkrochen und weint.«

Frau Mühlmann schickte Nelly die Bodentreppe hinauf, um ihn zu holen; aber Mütchen wollte nicht mit hinunterkommen.

Ganz zusammengekauert hockte er in seiner Ecke und schluchzte zum Erbarmen.

Nelly brachte auch nichts weiter aus ihm heraus, als die abgerissenen Worte: »Oskar – Oskar.«

»Was ist denn mit Oskar?« fragte Nelly, und da fiel ihr ein: »Ach, Du weinst wohl, weil Oskar »Petze« zu Dir gesagt hat?«

Mütchen nickte unter Thränen, und Nelly fuhr fort: »Da hat Ox diesmal ganz recht gehabt, es war nicht hübsch von Dir, den Bruder zu verklatschen.«

Und Mütchen schluchzte noch bitterlicher, so schämte er sich.

Schließlich erklärte Nelly: »Wenn Du Dich schämst, so thust Du gut; aber daß Du hier sitzst und weinst und schluchzst, hilft schon gar nichts. Im Gegenteil, Du als Knabe solltest am allerwenigsten weinen wie ein kleines Wickelkind.«

Da trocknete denn Mütchen seine Thränen und ließ sich schließlich bewegen mit Nelly herunterzugehen. Aber das Abendbrod schmeckte ihm nicht, und er konnte heute gar nicht einschlafen. Wie Oskar ins Schlafzimmer kam, das die beiden Brüder teilten, lag Mütchen noch mit offenen Augen da und folgte jeder Bewegung des Bruders, der indessen gar keine Notiz von ihm nahm.

Als aber Oskar sich ausgezogen hatte und eben die Decke über die Ohren ziehen wollte, hörte er neben sich seinen Namen rufen, und an seinem Bett stand Mütchen im Nachthemd.

Leise kroch er zu ihm unter die Decke, schlang die Arme um seinen Hals und bat: »Ox, sei mir nicht mehr böse, sonst kann ich nicht einschlafen.«

Und Oskar mußte ihm feierlich versprechen, daß Alles vergangen, vergeben und vergessen sei.

Dina konnte des Unfalls wegen einige Tage nicht zur Schule gehen. Nelly besuchte sie getreulich jeden Tag dreimal; aber Dina hatte das Stillsitzen sehr bald über. Doktor Reinhart, der als Hausarzt des Weberschen Hauses sogleich über Dinas Verletzung befragt war, mußte daher endlich seine Erlaubnis geben daß seine Patientin wieder ausginge. Er hatte sie mit Absicht etwas länger im Hause zurückgehalten, da heftiges Nasenbluten sich immer und immer wieder einstellte, hatte er gefürchtet, daß die Sache am Ende doch nicht so harmlos sei wie sie aussah.

Als Dina zum ersten Male wieder in die Schule ging, ermahnte sie Doktor Reinhart eindringlich, nur ja recht vorsichtig zu sein und nicht zu hastige Bewegungen zu machen.

Dina aber däuchte der erste Schulgang dem Stillsitzen im Zimmer gegenüber die wahre Wonne, und sie wußte sich gar nicht zu lassen vor Übermut.

Die Schultreppe hinauf pfiff sie sich ein lustiges Liedchen und den ganzen Korridor entlang erscholl ihr fröhliches Pfeifen und hallte von den Wänden wieder, so daß man es bis unten im Konferenzzimmer der Lehrer hörte. Die Lehrer waren sehr erstaunt, und der Direktor wollte sich selber überzeugen was denn das bedeute und eilte die Treppe hinauf.

Da schlenderte gemütlich Dina den Korridor nach der Klasse entlang und pfiff vergnügt vor sich hin die alte Studentenweise: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage.«

Der Direktor dachte bei sich: »Die muß ja nicht allzu krank gewesen sein«; dann beeilte er sich, sie einzuholen.

Als er plötzlich neben ihr stand, hielt Dina unwillkürlich mit dem Pfeifen inne.

Der Direktor aber drohte: »Dina, Dina, merken Sie sich das Sprüchlein:

»Mädchen die da pfeifen, Hennen die da kräh'n
Denen soll man den Kopf nach dem Rücken umdreh'n.«

Dina ließ hinfort das Pfeifen. Was ihr der Herr Direktor sagte, den sie aus tiefer Seele verehrte, that sie blindlings; aber ganz klar war es ihr doch nicht, warum sich das Pfeifen nicht mit der Schulordnung vereinigen ließ. In den Unterrichtsstunden folgte sie aufmerksam und war eine der Allerbesten; aber in den Freiviertelstunden fiel ihr stets irgend ein neuer Unfug ein. So hatte sie einmal eine Kameradin, mit der sie in Uneinigkeit geraten war, weil die andere abgeschrieben hatte, in den Papierkorb gesteckt, und dieser wurde mit Hilfe von einigen Freundinnen auf das Katheder gestellt. Dort saß nun die Ärmste und konnte sich nicht rühren und regen, da sie sonst mitsammt dem Papierkorbe heruntergepurzelt wäre. Die ganze Freiviertelstunde hätte sie auf diesem unbequemen Posten zubringen müssen, wenn nicht zufällig ein Lehrer in die Klasse gekommen wäre.

»Wer hat sich beim diesen Scherz erlaubt?« redete er das im Papierkorb angstvoll zusammengekauerte Mädchen an.

Aber Dina ließ es nicht erst darauf ankommen, daß die Andere sie verraten würde.

»Ich«, sagte sie und trat vor.

»Ich werde Ihr Betragen in der Schulkonferenz zur Sprache bringen, nehmen Sie sofort den Korb herunter«, sagte der Lehrer und verließ das Schulzimmer.

Die Gefangene wurde von ihrem unbequemen Sitz befreit; aber Dina sagte:

»Wenn Du wieder abschreibst, dann geht's Dir nicht besser.«

Da Dina solch fleißige Schülerin war, wurde sie selten für derlei Streiche bestraft. Hatte ja einmal der Direktor beschlossen, vor der Klasse ihr eine Ermahnung zukommen zu lassen, dann hatte sie den Tag gerade freiwillig eine schwere Lektion gelernt, die sie ihm auswendig hersagte, oder sie schrieb einen besonders guten Aufsatz, so daß er sie wiederum als Beispiel den Andern vorhalten mußte. Beim Herrn Direktor lernte Dinchen aber auch zu gern. Sogar Geschichte wußte er interessant zu machen durch seinen geistreichen Vortrag. Die Geschichte der alten Griechen, ihr Schönheitssinn und ihre Liebe zur Kunst, erweckte durch die phantasievolle Schilderung des klugen Mannes bei den Kindern lebhaftes Interesse. Es war so still in des Direktors Stunden, daß man eine Stecknadel hätte zur Erde fallen hören, und dabei bedurfte es nie eines Wortes von dem alten Herrn um die Disziplin aufrecht zu erhalten. Selbst Dina, die sonst nie still sitzen konnte, rührte sich nicht während seiner Unterrichtsstunden und war über jedes Lob froh, das er ihr angedeihen ließ. Einmal hatte sie nach seiner Beschreibung und nach Darstellungen, die er den Mädchen gezeigt, einen ganzen griechischen Tempel mit Säulenhalle, Fries und Giebel mit Kreide an die Wandtafel gezeichnet, um ihm zu zeigen, wie gut sie gefolgt und wie klar sie alles begriffen hatte. Der Direktor hatte sich sehr über die hübsche Zeichnung gefreut und schrieb ihr ein Lob dafür ins Klassenbuch, was selten vorkam.

Eines Tages bat ihn Dina, ihr auch einen Spruch in ihr Stammalbum zu schreiben. Wie war sie aber erfreut, als er es ihr schon am nächsten Tage zurückstellte, mit einem schönen Vers darin aus dem Dante in ihrem lieben, heimatlichen Italienisch.

Das Album füllte sich allmählich mit hübschen Versen. Auf der ersten Seite nach dem Onkel und der Tante stand Nelly. Sie hatte eingeschrieben:

Die Freundschaft ward im Himmel geboren,
Und hatte dort hohen, göttlichen Rang.
Als aber hinauf zu ihren Ohren
Die erste der Klagen des Kummers drang,
Da stieg sie eilend hinab zur Erde,
Daß sie dem Menschen ein Tröster werde.
Seitdem sprießt Freude wohin sie tritt,
Denn überall bringt sie den Himmel mit.

Dann folgten viele andere. Besonders gut gefiel Dina Käte Mohrs Verschen. Es lautete:

Ich möchte Dir schildern, wie lieb ich Dich hab',
Ich suche nach Gleichnis weltauf und weltab,
Nicht find' ich den Ausdruck, der's besser beschrieb
Als innig und treulich: Ich habe Dich lieb.
Sollt' ich wohl suchen nach And'rem: O nein,
Es fällt mir gewiß doch nichts Herzlicheres ein.

Aber auch die Knaben hatten sich einschreiben müssen in Dinas Stammalbum ebenso wie Fräulein Sauer und Doktor Reinhart, der natürlich nicht vergessen werden durfte.


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