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Elftes Kapitel.
Nelly

Der Tanzstundenball hatte an einem Sonnabend Abend stattgefunden, und am darauffolgenden Sonntagmorgen gingen Webers mit Dina wie gewöhnlich zur Kirche. Zu Dinas Erstaunen waren die Plätze im Mühlmannschen Kirchenstuhl leer.

Der alte, ehrwürdige Prediger sprach aber so erhebend über das schöne Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, daß Dina alles ringsum vergaß und nur andächtig seinen Worten lauschte.

Am Nachmittag, als es bereits dunkelte, kam Nelly und bat Dina mit ihr hinüber zu kommen zu Mühlmanns, sie würde eine große Überraschung erfahren.

Schnell machte sich Dina fertig und eilte der Freundin nach auf die Straße, wo zu ihrem größten Erstaunen Herr von Frischen auf die Beiden wartete.

»Nun sage aber, was ist die große Überraschung?« fragte Dina Nelly, nachdem sie den Lieutenant freundlich begrüßt hatte.

Und Nelly antwortete: »Da steht sie ja«, und deutete auf Herrn von Frischen.

»Wie?« sagte Dina, der allmählich ein Verstehen aufdämmerte.

Und Herr von Frischen meinte: »Ja, mein gnädiges Fräulein, Sie dürfen uns gratulieren. Nelly ist seit heute Vormittag meine liebe Braut.«

»Du, Nelly, eine Braut?« rief Dina, und sie vergaß ganz die übliche Gratulation und fand die Sache so komisch, daß sie hell auflachen mußte und gar nicht aus dem Lachen wieder herauskam.

Erst als Nelly etwas empfindlich äußerte, sie hätte doch auf mehr Verständnis von Dinas Seite gerechnet, nahm sich Dina zusammen und fiel nun mit einem Schwall von Fragen über die beiden Verlobten her, wann und wo und wie das alles so schnell gekommen wäre. Nelly erzählte strahlend wie sie sich bei dem Blumenwalzer am Abend vorher einig geworden seien, und wie dann Werner, so hieß ihr Verlobter, am Morgen gekommen sei, um bei ihren Eltern anzuhalten. Die Verlobung müsse aber noch heimlich bleiben, erklärte sie Dina, denn Werner wolle sich zur Kriegsakademie vorbereiten und solle ungestört arbeiten. Erst wenn die Einberufung erfolgt sei, würden die Verlobungskarten versandt werden. Außer Werners Eltern, Dina und Onkel Reinhart solle auch niemand vorher etwas davon erfahren.

»Sie werden uns doch nicht verraten, Fräulein Weber?« fügte Werner hinzu.

Und Dina beteuerte, daß niemand ein Sterbenswörtchen von ihr erfahren würde.

Zum Abendbrod mußte Dina heute bei Mühlmanns bleiben. Natürlich blieb auch Werner und saß neben Nelly.

Nach dem Essen kam Hellmut zu Nelly und flüsterte ihr sehr vernehmlich ins Ohr: »Bleibt der fremde Lieutenant den ganzen Abend noch da?«

Als Nelly lachend »Ja« erwiderte, erklärte der Kleine, der sich auf eine gemeinsame Dominopartie gefreut hatte, beleidigt: »Dann gehe ich hinüber in Papas Zimmer und lese den Lederstrumpf weiter.«

Die Erwachsenen lachten; aber Nelly meinte, als er heraus war: »Es ist doch am besten, wir weihen Mütchen ein. Ich bin überzeugt, er wird das Geheimnis dann sorglich bewahren, während er uns sonst Fremden gegenüber leicht in Verlegenheit bringen kann.«

Sie ging also mit Dina dem jüngeren Bruder nach, der, wie angekündigt, bereits im Begriffe stand, sich in seine Lektüre vom Lederstrumpf zu vertiefen.

»Mütchen«, begann Nelly, »ich habe Dir ein großes Geheimnis anzuvertrauen. Wirst Du es oder ganz gewiß auch niemand weitersagen?«

»Nein, nein«, gelobte Mütchen, »was ist es denn?«

»Ich habe mich verlobt mit dem fremden Lieutenant. Werner von Frischen wird nun Dein Schwager werden.«

»Aber Du darfst es wirklich noch keinem weitererzählen.«

»Weiß es Papa schon?« fragte der Kleine eifrig.

»Ja.«

»Weiß es Mama schon?« fragte er nochmals.

»Gewiß.«

»Weiß es Herr von Frischen schon?« forschte Mütchen weiter.

»Du Schäfchen, der weiß es doch am allerbesten«, erklärte Nelly und gab dem kleinen Bruder lachend einen Kuß auf sein vor Neugier offenstehendes Mündchen.

Mütchen entschloß sich nun mit den Mädchen wieder hinüber zu gehen um sich seinen neuen Schwager noch etwas genauer anzusehen.

Werner mußte ihm von seinem Dienst erzählen, von den Rekruten und dem lustigen Biwakleben im Manöver, und Mütchen fand großes Gefallen an dem Schwager. Ja, er erklärte Nelly anerkennend: »Du hast wirklich einen sehr netten Bräutigam.«

Nelly stimmte dem lebhaft zu, sie freute sich über jedes Lob das ihrem Werner zu teil wurde, aber Ox meinte neckend: »Mütchen, Du weißt ja noch gar nicht, was das heißt verlobt zu sein. Ich wette, Du kennst nicht einmal den Unterschied zwischen einer Braut und einer verheirateten Frau.«

Doch Mütchen versetzte wichtig: »Natürlich kenne ich den. Eine Frau hat einen Mann und eine Braut weiß schon einen.«

Werner von Frischen gefiel indessen nicht nur Mütchen allein, sondern auch der ganzen übrigen Familie. Herrn und Frau Mühlmann, die ihn öfter bereits bei Bekannten gesehen, war das freie, natürliche Wesen des jungen Mannes von Anfang an sympathisch gewesen, und Ox fand den Schwager: »Höchst schneidig.« –

Dina

Dina.

Werner erzählte viel von seinem Leben in der Garnison – er hatte nur ein kurzes Kommando in Berlin – und berichtete von seinem Streben und seinen Arbeiten. Der tüchtige, thatkräftige junge Mann war bei seinen Vorgesetzten sehr gut angeschrieben und hatte alle Aussicht eine gute Carriere zu machen.

Dina hörte ihm mit großer Bewunderung zu, und am Abend dieses Tages schrieb sie in ihr Tagebuch:

Wunsch des Backfischs.

Hätt', ach hält ich doch ein Ziel,
Ach, nur anzustreben.
Schaffen, lernen, leisten viel,
Das ist doch ein Leben.

Alles kann der Mann erringen,
Schweifen in die weitsten Fernen,
Tüchtig zu den grüßten Dingen,
Dringen selbst bis zu den Sternen.

Für uns Mädchen ist das Leben
Wirklich eine Qual;
Wir sind dumm und dann daneben
Höchstens noch sentimental.

Mutig ist der Mann und edel,
Groß und angesehn ist er,
Wenn doch nur statt einem Mädel
– Donner, Blitz – ein Mann ich war.

So lange Herr von Frischen noch in Berlin war, sah Dina wenig von Nelly, die ganz von ihrem bräutlichen Glück in Anspruch genommen war. Aber auch als Werner schließlich fort war, kamen Nelly und Dina nicht mehr soviel zusammen. Nelly hatte jetzt viel ernstere Gedanken und Dina war ihr zu wild. Sie war immer die Bedächtigere von beiden gewesen, und oft wenn die Tante bei Dinas ausgelassenen Streichen ausgerufen hatte: »O Bernhardine, wo bleibt da die edle Weiblichkeit!« hatte Dina fröhlich geantwortet: »Die hat ja Nelly!« Jetzt nun vollends ging Nelly ganz in weiblichen Beschäftigungen und im Hause auf. Das interessierte Dina gar nicht und so sahen sie sich seltener, wenn auch ihr Einvernehmen nach wie vor ein ungetrübt herzliches blieb.

Dina schloß sich jetzt sehr an die lustige Käte Mohr an, die mit ihr noch die Selekta der höheren Töchterschule durchmachen und auch zusammen mit Dina bei dem alten Seelsorger der Weberschen Familie, Pastor Schulz, eingesegnet werden sollte.

So gern Dina lernte, so freute sie sich doch schon auf den Abgang von der Schule und auf die Zeit, wo sie erwachsen sein würde. Ja, sie schämte sich ein wenig mit ihren langen Kleidern noch ein Schulmädchen vorzustellen, und jetzt kam die Zeit, wo sie sich ihre Schulbücher sorgfältig in Papier einwickelte beim Fortgehen, daß keiner sie an der Büchermappe als Schulkind erkennen möchte.

Dabei harte sie im übrigen noch gar nicht so sehr das Benehmen eines erwachsenen Mädchens. Als sie eines Tages die Tante von der Schule abholte, sah sie Hans Schenk unweit vor ihnen die Straße entlang gehen. Im Nu war Dina hinter ihm her, laufend und rufend: »Hans! Hans!« erreichte sie ihn eben noch, als er in ein Haus einbiegen wollte. Der junge Mann ging ein Stück weit mit ihnen. Kaum hatte er sie aber verlassen, da erhielt Dina eure ernste Ermahnung von der Tante.

»Es ziemt sich nicht für ein junges Mädchen auf der Straße zu laufen und womöglich alle Vorübergehenden anzustoßen«, hieß es. »Vor allem aber ist es ganz unschicklich einem Herrn nachzueilen und ihn anzureden, wenn es selbst ein naher Bekannter ist. Ein junges Mädchen muß immer warten bis sie aufgesucht und angesprochen wird.« Dina merkte sich das, sie wollte ja gern sich wie ein erwachsenes Mädchen benehmen. Nur vergaß sie ihren Vorsatz gar zu oft.

Nach den Manövern kam Werner zu Besuch bei Mühlmanns, und für die Brautleute waren das festliche Tage. Am liebsten waren sie aber allein für sich und wenn die Familie zusammen war, warteten sie sehnsüchtig auf den Augenblick, wo sie sich unter vier Augen sprechen konnten.

»Was die Beiden sich nur immer zu erzählen wissen«, meinte Mütchen eines Tages.

Dinchen hatte dazu bemerkt: »Das werden wir schon einmal feststellen können«, und hatte sich die Sache durch den Kopf gehen lassen.

In einer Ecke des Weberschen Gartens stand ein alter Birnbaum und das Bänkchen unter diesem Baum war Nellys Lieblingsplatz. Oft nach dem Abendessen saß sie hier mit Werner, und daraus baute Dina ihren Plan. Als eines Abends Mühlmanns und Werner sowie Doktor Reinhart und Hans Schenk bei Webers eingeladen waren, war sie nach dem Abendbrod schnell vor den andern im Garten. An Mütchen, der gerade des Weges kam, vorbeieilend, lief sie nach dem alten Birnbaum und kletterte behend an dem knorrigen Stamm in die Höhe. Es war schon dämmerig, und Mütchen sah daher bald ihr helles Kleid unter dem Blätterdach des Baumes verschwinden.

Es währte nicht lange, da nahten Nelly und der Lieutenant und nahmen ahnungslos unter dem Baume Platz. Sie waren auch alsbald ganz in ihre Gespräche versunken, da mit einemmal: »plautz« fiel eine Birne ihnen gerade vor der Nase ins Gras.

»Wer schüttelt denn hier Birnen«, sagte Werner erstaunt; doch da sie niemand sahen der herrschenden Dunkelheit halber, blieben sie ruhig sitzen. Dina auf ihrem unbequemen Sitz schien die Unterhaltung reichlich lange zu währen; aber sobald sie sich rührte, fiel jedesmals eine reife Birne herunter. Sie mußte sich also still verhalten, um nicht entdeckt zu werben.

Sie hätte gewiß eine Stunde in den Zweigen des Baumes ausharren können, wenn Doktor Reinhart nicht ihr Verschwinden aufgefallen wäre.

»Wo steckt denn nur Dina?« fragte er einen nach dem andern und kam schließlich auch an Mütchen.

»Hast Du Dina nicht gesehen?« befragte er auch diesen.

»Nein«, erwiderte der Kleine treuherzig, »die wird sich wohl noch nicht satt gegessen haben an den Birnen.«

»An den Birnen?«

»Ja. Nach dem Abendbrod ist sie in den Birnbaum geklettert«, erklärte Mütchen, »und seitdem habe ich sie noch nicht wieder gesehen.«

»Dann wollen wir sie gemeinsam suchen«, erklärte Doktor Reinhart, und mit Mütchen zusammen begab er sich zu der alten Köchin, von der er sich die Küchenlaterne erbat.

Als Onkel Doktor mit der Laterne auf den Birnbaum zuschritt, standen Werner und Nelly auf. Für Dina blieb aber keine Zeit, hinunterzugleiten, denn schon stand der Doktor mit Mütchen unten am Stamm, und der helle Laternenstrahl fiel auf Dinas weißes Kleid.

»Ei, seht mir doch den Birnendieb«, neckte der Doktor, und Dina mußte nun seine Neckereien und auch die der anderen, die allmählich hinzukamen, über sich ergehen lassen, während sie vor aller Augen herabkletterte.

Zu Mütchen aber sagte sie hernach: »Mütchen, warum hast Du nur erzählt, wo ich saß. Wir hatten doch ausgemacht, ich wollte Nelly belauschen?«

»Ach so«, meinte Mütchen, »das mußt Du mir das nächste Mal vorher sagen.«

Frau Weber aber seufzte: »Wenn Bernhardine doch nur endlich sich wie ein erwachsenes Mädchen zu benehmen lernte.«

Der einzige, der Dinas Verhalten immer billigte, war Ox. Er äußerte anerkennend zu Dina: »Wie gut, daß Du keine solche Zierpuppe bist wie die anderen Mädchen.«

Ox hatte jetzt sehr viel zu thun, er stand im Abiturientenexamen. Niemand außer Dina wußte den Tag, an dem er ins mündliche Examen ging, und so war es eine große Freude, als Mühlmanns eines Tages beim Essen saßen, und plötzlich Ox im Frack und weißer Binde, welchen Anzug er sich ungesehen am Morgen angelegt hatte, in der Thür erschien.

»So, das Examen wäre gemacht«, rief er lustig.

»Oskar, mein Junge«, rief Papa Mühlmann, erregt aufspringend, »Du warst heute in der Prüfung und niemand wußte davon und Du hast bestanden, mein Herzensjunge?«

»Und mit »gut« bestanden, Papa«, ergänzte stolz der Sohn.

Das war nun eine Freude. Frau Mühlmann und Nelly fielen immer abwechselnd dem Sohn und Bruder um den Hals, und Mütchen erklärte: »Ox, wenn Du erst Student bist, werde ich immer Oskar zu Dir sagen.«

Gegen Abend ging Oskar zu Dina hinüber, um sich auch von ihr einen Glückwunsch zu holen. Er traf sie in der Laube im Garten und sie gratulierte ihm auf's herzlichste. Sie gingen dann mitsammen zwischen den schon buntgefärbten Weinspalieren spazieren, und Oskar mußte genau von jeder Einzelheit der Prüfung berichten. Der aufgehende Mond sandte seine fahlen Lichtstrahlen durch die herbstlichen Bäume, und plötzlich sagte Oskar zu Dinchen:

»Dina, Du könntest mir eigentlich heute zur Feier des Tages einen Kuß geben.«

»Ich denke nicht daran«, gab Dina zurück, »ich küsse keinen Jungen mehr.«

»Nun dann nehme ich mir einen«, sagte der kecke Bursche und wollte eben das junge Mädchen um die Taille fassen. Aber im Nu hatte sich Dina losgemacht und – ehe sich's Oskar versehen, sauste eine kräftige Ohrfeige von zarter Mädchenhand auf seine Backe nieder; Dina aber floh lachend ins Haus.

Am nächsten Tage, als Dina bei Mühlmanns war, äußerte sie zu Nelly in wichtigem Ton:

»Nelly, ich finde, daß eine Braut im Hause gar kein gutes Beispiel für die Brüder ist. Sie sehen da allerhand, was sie nachzumachen versuchen und was sich für sie nicht gehört.«

»Wie kommst Du denn darauf?« fragte Nelly.

»Ach, es fiel mir nur zufällig ein«, entgegnete Dina; aber Ox, der daneben stand, war ganz rot geworden und erlaubte sich hinfort nie wieder eine Keckheit Dinchen gegenüber.

Wenige Wochen später verließ er überdies seine elterliche Wohnung und bezog als angehender Student eine kleine Universitätsstadt Süddeutschlands.


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