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Sechstes Kapitel.

Sie waren noch nicht lange in Erichs Bibliothek gewesen, deren Fensterthüren sich nach dem Garten öffneten, als sie in's Freie hinausschritten, und umhergehend und plaudernd wieder auf ihre früheren Gespräche über Erziehung im Allgemeinen, und auf die des Knaben im Besonderen zurückkamen.

»Ich befinde mich Sidonien gegenüber«, sagte Erich, »in einem sonderbaren Zwiespalt. Ich stimme mit ihr in allen ihren Ueberzeugungen zusammen. Ihre religiösen Ansichten sind die meinen. Ich theile ihre Liebe für das Vaterland und das Herrscherhaus, die geradezu einen poetischen Charakter bei ihr hat. Ihr Festhalten an dem Alten, Hergebrachten hängt so untrennbar mit der Treue und Tiefe ihres Wesens zusammen, daß ich nicht den Muth habe, ihren kleinen Vorurtheilen entgegen zu treten, aus der natürlichen Scheu, sie in ihrem innersten Empfinden zu verletzen. Selbst ihr strenges Urtheil in moralischer und sittlicher Hinsicht ist mir achtenswerth, weil es aus ihrer wundervollen Reinheit und aus ihrer echt deutschen Weiblichkeit entspringt – –« Er stockte plötzlich und schwieg.

»Dieser Vordersatz fordert seinen Nachsatz,« bemerkte Friedrich, »der mit ›dennoch‹ beginnen muß.«

»Dennoch,« sprach der Baron nachdenklich, »dennoch gehen wir vollkommen auseinander, sobald es auf die praktische Ausführung unserer Ueberzeugungen ankommt.«

Wie der Bildhauer es lernt, die Stärke der Meißelschläge dem Materiale anzupassen, indem er arbeitet, so hatte die Erfahrung seines Amtes Friedrich gelehrt, die Menschen zu behandeln. Denn wie es Unverstand wäre, wollte der Bildhauer dem spröden Alabaster bieten, was er dem festen Marmor zumuthen darf, so ist es Unbarmherzigkeit und Rohheit, allen Naturen mit jener rückhaltslosen Wahrheit zu begegnen, mit der man sich allein genug thut, während man denjenigen, dem sie gelten sollte, nur zu oft damit verwundet, ohne ihm mit dem Schmerze zu nützen oder ihm zu helfen. Ueberhaupt geht man meist mit leblosen Dingen verständiger und vorsichtiger um, als mit dem Menschen, weil ein geistiger Schade, den man anrichtet, nicht gleich so ersichtlich ist, wie ein Riß in einem Stoffe oder ein Bruch in einem Gefäße.

Friedrich kannte die verehrende Liebe seines Freundes für Sidonie, und dies benutzend, sagte er: »Sidonie ist Eins in sich, darin liegt ihre Gewalt. Ihr Glaube an einen persönlichen Gott ist die Basis ihres Wesens, ihrer Anschauungen, und da sie phantasielos ist, so ist sie unbestechlich!«

»Ja!« rief Erich, »sie ist unter allen Frauen, die ich kannte, die Einzige, deren Herz eben so unbestechlich ist, als ihr Verstand!«

»So mußt Du,« fiel ihm der Freund in's Wort, »Dich ihr gegenüber leicht im Nachtheil finden, denn Dein Herz ist mächtig in Dir, Du bist viel weicher als Sidonie!«

Der Baron gab das mit Zögern zu, und Friedrich fuhr fort: »Ich glaube überhaupt, lieber Erich! der Zwiespalt, dessen Du erwähnst, liegt nicht zwischen Dir und Deiner Frau, sondern in Dir selber, in Dir allein. Dein Verstand und Dein Empfinden sind getrennt. Du möchtest die Verstandesüberzeugung unserer Tage mit den Dir lieb und ehrwürdig gewordenen Traditionen der Vergangenheit vereinen. Das aber ist unmöglich, lieber Freund! und daran leidest Du Sidonien gegenüber.«

Erich fand sich getroffen. »Es ist wahr,« sagte er, »ich fühle es wie einen doppelten Menschen in mir. Ich kann meine Einsicht nicht blind machen, welche den Sturz unserer ganzen socialen Zustände oft nahe vor sich erblickt, welche die Unhaltbarkeit der bestehenden Verhältnisse begreift – und doch hänge ich an dem Alten. Ich sehe für Europa Revolutionen voraus, die nicht nur die Monarchien und mit ihnen den Adel vernichten, sondern alle Bedingungen des Besitzes verändern können, aber grade darum fühle ich mich wieder gedrungen, an dem Untergehenden festzuhalten, an das so vieles Erhabene und Schöne uns bindet.«

»Wie bei Sidonie die Kraft, so ruht bei Dir die Schwäche in der religiösen Ueberzeugung,« sagte Friedrich; »das Christenthum war Dir schon Nichts mehr, als wir uns kennen lernten; ja mehr noch, Dir fehlte schon damals der rechte Glaube an Gott, der die Gläubigen so mächtig macht, und –«

»Das ist ein Mißgeschick,« rief der Baron ihn unterbrechend, »das Du seit Jahren mit mir theilest, ohne die Zerwürfnisse zu theilen, die mich peinigen. Ich erkenne alle die Sittengesetze, alle die Moralgesetze an, die Sidonie geltend machen möchte. Ich gebe zu, daß sie dem Christenthum entstammen, daß sie heilig gehalten werden müßten, indeß mir fehlt die Kraft, sie in ihrer Strenge auf Andere anzuwenden – vielleicht weil ich sie selbst nicht durchzuführen vermochte. Alle meine Lebenserfahrung hat mich nicht gleichgültig gemacht gegen die Uebertretung der Sitte, alle meine Achtung vor der Sitte kann mich nicht dahin bringen, die Uebertreter derselben zu verdammen. Ich bewundere die Menschen, die in diesen Dingen zur Einheit zu kommen vermögen, aber ich beneide sie nicht um – –«

Er vollendete nicht und Beide schwiegen. Erst nach einer langen Pause sagte Friedrich: »Der Weg, den unsere Unterredung genommen hat, bringt mich dazu, Dir eine Mittheilung zu machen, die Dich wahrscheinlich nicht mehr unvorbereitet trifft. Ich gehe mit dem Gedanken um, mein Amt niederzulegen!«

»Nein! unmöglich!« rief der Baron im höchsten Grade betroffen.

»Ich habe die Sache lang in mir erwogen,« fuhr Friedrich mit einer Ruhe fort, welche gegen die Bewegung seines Freundes um so lebhafter abstach, »ich habe mich nach allen Seiten hin geprüft, und ich sehe für mich keinen andern Ausweg.«

»Du könntest so plötzlich Deine Wirksamkeit aufgeben, eine Wirksamkeit, die Dir stets so wichtig schien?«

»Sie ist in meinen Augen eine verfehlte, weil sie eine halbe ist,« unterbrach ihn der Andere. »Ich sehe es daher als eine Pflicht an, ihr zu entsagen.« – Er hielt wieder inne, als wolle er jedes Wort erwägen, und fuhr dann fort: »Das Amt, das ich bekleide, das ich zum Theil auch Deinem und dem Vertrauen Deines Vaters danke, ist mir gegeben, damit ich als ein Seelsorger das Volk nicht nur im Sinne der Bibel, sondern auch im Geiste der Interpretationen erziehe, welche unser staatliches Religionsbekenntniß der Bibel unterlegt. Ich soll den Glauben an einen persönlichen Gott und an eine allwaltende Vorsehung, an einen unbeschränkten Herrn im Staate und an die Alleingültigkeit seines Willens nähren, ich soll die Sündhaftigkeit der Menschennatur als Dogma aufstellen, und ihre ersten Bedürfnisse als Verbrechen proclamiren. Ich soll verdammen, wo ich beklage, den Menschen zur Rechenschaft ziehen, wo die falsche Civilisation, die falschen Grundsätze unserer Staatsverfassungen mir allein verantwortlich scheinen – das Alles kann ich nicht.«

»Ich fühle seit langer Zeit, daß Dir die Bibel, daß Dir das Christenthum Nichts sind!« sagte Erich schmerzlich.

»Du irrst!« entgegnete der Andere. »Die Bibel ist mir ehrwürdig als historisches Werk, als eine Lehre von dem Entwicklungsgange, den die Moral genommen hat, bedeutend in den tiefsinnigen Aussprüchen ihrer Weisen, schön in ihren Dichtungen, lehrreich aus allen diesen Rücksichten –«

»Aber sie ist Dir nicht die unmittelbare Offenbarung? nicht der alleinige Quell der absoluten Wahrheit?«

»Wie könnte sie das, da, um nur das Eine zu erwähnen, fast alle Evangelien vor der Kritik nicht Stich gehalten haben, die sie als unächt dargethan hat?« entgegnete Friedrich mild.

»Und was gewinnst Du mit diesem Wissen? was gewinnt die Menschheit damit?« fragte der Baron gereizt.

»Sie gewinnt die Wahrheit!«

»Ein trostloser Gewinn, denn er wird die Welt entgöttern!«

»Nicht die Welt entgöttert sie, sondern den Himmel! denn sie zeigt dem Menschen, daß der Gott in ihm, daß er in Allem ist, was lebt!«

»Die Lehre ist alt!« meinte Erich, »was aber hat der Spinozismus, was hat der Atheismus überhaupt geschaffen, das dem bildenden Einflusse, der zeugenden Kraft des Gottvertrauens, des Christenthumes zu vergleichen wäre?«

»Wenn die Axt des Siedlers in den Urwald kommt, muß sie zerstören, ehe sie bauen kann,« sagte Friedrich. »Du könntest mich mit gleichem Rechte fragen, was hat des Siedlers Axt geschaffen, das mit der Herrlichkeit jener schützenden Bäume, das mit der Nährkraft der Palmen, das mit der Schönheit der Lianen zu vergleichen wäre? Was können die öde Fläche, die niedergebrannten Gräser, die verkohlten Wurzeln bieten? Aber wenn die Hütten sich erheben, wenn sie zu Häusern, zu Städten erwachsen, in denen freie Menschen ein gesichertes Dasein führen, in denen die Bruderliebe den Verfolgten willkommen heißt, den Andersdenkenden ehrt, dem Thätigen Raum für seine Thatkraft bietet, dann zeigt sich die Schöpferkraft der Zerstörung! Dann zeigt es sich, daß die scharfe Axt und das verzehrende Feuer kostbarere Früchte zu bringen vermögen, als der uralte Baumwuchs, den sie gefällt.«

Es lag etwas Seherisches in der Begeisterung, mit der er diese Worte gesprochen hatte. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, als erspähe er das Urbild seines innern Schauens. Erich war in Gedanken versunken, auch Friedrich schwieg lange.

Endlich hob er von Neuem an. »Als ich mein Amt antrat,« sagte er, »war mein Glaube an die Dogmen schon erschüttert, aber ich wurzelte fest in dem Glauben an einen persönlichen Gott. Auf diesen gestützt, hoffte ich mein Lehramt segensreich durchführen zu können. Ich hoffte eine Versöhnung zu finden zwischen der Natur des Menschen, den Lehren der Religion und den Gesetzen des Staates. Ich glaubte durch Erziehung die Kluft ausfüllen, und vorbeugen zu können, wo das unmöglich war. Ich sah mein Amt als einen Beruf an, das Feindliche, das Widerstrebende zu versöhnen. Aber der Einblick in das Leben, in das Herz, in die Natur des Menschen, haben meine Hoffnung auf die Möglichkeit einer solchen Versöhnung vernichtet, meinen Glauben an eine Vorsehung, meinen Glauben an die absolute Sündhaftigkeit des Menschen, meine Achtung vor unseren Gesetzen zerstört – und sie sind es nicht nur in mir, sie sind es in vielen Anderen, die sich dessen nur nicht klar bewußt sind. Mehr als die Kritik der Gelehrten, mehr als Strauß und Feuerbach haben mein sterbender Vater und der alte Bauer Schöne mich gelehrt. Mehr als das Urtheil der Forscher hat mich die täglich gemachte Erfahrung von der Unvereinbarkeit überzeugt, in der die Gesetze der Bibel und des Staates sich mit unseren Naturbedingungen befinden –«

»Friedrich!« rief der Baron, »Du stehst auf einem furchtbaren Standpunkte. Dir schmeichelt die Höhe, auf der Du Dich zu befinden glaubst, aber neben Dir gähnt der Abgrund, in den Du stürzen wirst, in den Du stürzen mußt – –«

»Wenn,« unterbrach ihn der Pfarrer, »wenn ich nicht das rettende Seil erblicke, das mich hält und trägt! – Und diese Rettung vor dem Hochmuth, diese Rettung vor Selbstvergötterung und Selbstsucht, sie ist da! Sie ist allgegenwärtig, allmächtig, allbeschützend. Sie umgiebt uns unentfliehbar in der Natur. Die Natur ist ewig, ewig! – Weit hinausragend über den Untergang der Menschen und der einzelnen Welten! Ihre Ewigkeit söhnt uns aus mit unserer Vergänglichkeit, ihre Größe zwingt uns zur Demuth, ihre Gesetzlichkeit lehrt uns das Gesetz ehren, und uns dem allgemein Nothwendigen unterordnen; ihre ausgleichende Milde, ihre Gerechtigkeit, ihre folgerechte Unerbittlichkeit, ihre Sorge für das Geringste – das sind die Beispiele, denen wir zu folgen haben, das sind die Pfeiler, auf denen der neue Tempel sich erheben wird, das sind die Grundsätze jener erfüllenden Religion der Zukunft, die aufdämmernd in heiliger Ahnung schon jetzt in vielen Herzen tagt! – Und,« rief er mit dem Ausdruck höchster Liebe, »solche Herzen sind nicht dazu gemacht, die Menschen zu verdammen für die Unvollkommenheit ihres Wesens, die sich nicht zu behaupten weiß in dem Widerspruch, in welchem sie sich mit den Lehren und Gesetzen der Vergangenheit befindet!«

Nie im Leben hatte Erich den Freund in ähnlicher Erhabenheit, in solcher Schönheit vor sich gesehen. Seine Gestalt schien gehoben, sein Auge leuchtete vor Freudigkeit, der Ausdruck höchster Begeisterung und felsenfesten Glaubens war über sein ganzes Wesen ausgebreitet.

Der Baron staunte ihn an, aber seine Seele vermochte sich nicht zu entzünden an dem Feuer seines Freundes. Der Schatten der Schwermuth lagerte sich noch dunkler über seine Stirne, und traurig sagte er: »Hier, ich fühle es, werden unsere Wege sich trennen. Wir gehören verschiedenen Welten an. Möchtest Du nicht untergehen in dem neuen Aufgange, den Du ahnest! Möchte Dir nie bange werden vor dem entgötterten Himmel, zu dem die Augen aller der Millionen Menschen, die vor uns waren und die mit uns leben, hülfesuchend und trostfindend emporblickten. Möchtest Du Dir immer selbst genug sein, wie in dieser Stunde Deiner Kraft, und Dich nie haltlos verloren fühlen in der Menge der erschaffenen Wesen, unter denen das kleinste Würmchen, das geringste Blatt Dir gleichberechtigt, dauernd und vergänglich sind, wie Du.«

Er sprach die Worte mit dem stillen, ernsten Schmerz des reifen Mannes. Seine ganze Liebe für den Freund klang daraus hervor. Sie schwiegen Beide, bis Erich, sich plötzlich aufrichtend, sagte: »Daß Du mit diesen Ueberzeugungen nicht dauernd Pfarrer einer christlichen Gemeinde bleiben kannst, ist nur zu wahr. Was aber denkst Du zu beginnen?«

»Ich werde, da wir Beide einig sind, meine Entlassung fordern, und die Zeit, bis ich sie erhalte, benutzen, Auguste auf den Schritt vorzubereiten, den ich thun muß!«

»Du wirst sie sehr unglücklich machen mit dem Bekenntniß Deiner Glaubenslosigkeit! Oder laß es uns das Bekenntniß Deines neuen Glaubens nennen!« verbesserte er sich, da er sah, daß Friedrich eine Einwendung gegen die erste Bezeichnung machen wollte.

»Auf den ganz verschiedenen Standpunkten, auf denen wir uns befanden,« antwortete Friedrich, »erwuchs uns auch bisher kein Glück. Unsere Verbindung war, ich bekenne das mit bitterem Schmerz, ein Unglück für uns Beide. Unser Beisammensein ist kein förderndes. Es hat Stunden gegeben, in denen ich leidensmüde an eine Trennung unserer Ehe dachte!«

»War das die Frucht der neuen Wahrheits- und Liebeslehre, die Du in Dir mächtig nennst?« fragte Erich tadelnd.

»Ja!« rief Friedrich, »denn die Wahrheit und die Liebe verwerfen eine Ehe, der sie beide fehlen!«

»Aber die Gerechtigkeit und Duldsamkeit gegen jede Individualität, die Du zu Deinen Bekenntnissen rechnest, sind Nichts, wenn sie Dich nicht duldsam machen gegen das arme Weib, das Du Dir frei erwählt hast!«

»Ich sagte Dir nicht, daß ich unsere Trennung beabsichtige, ich sprach nur aus, daß ich an die Möglichkeit eines solchen Schrittes gedacht habe in mancher schweren Stunde!« und wieder schwiegen die Freunde.

Erich hatte Recht gehabt, sie standen an dem Scheidewege, der sie Beide trennen konnte. Grade darum aber fühlten sie, wie theuer sie einander waren, wie lange und wie mächtige Erinnerung sie verkettete, wie das Beisammensein der letzten Jahre sie noch fester verbunden hatte, und wie sie einander in Zukunft fehlen würden.

»Wovon denkst Du zu leben? Stehen Deine Plane für die Zukunft fest, wenn man Dein Entlassungsgesuch annimmt?« fragte Erich, der eine liebevolle Genugthuung darin empfunden hatte, den Freund in seiner Nähe und durch seine Hülfe vor Nahrungssorgen geschützt, in relativem Wohlstande zu wissen.

»Ich habe vor, das ererbte Capital für den Bedarf der nächsten Jahre zu verwenden. Sobald ich frei bin, denke ich nach Italien, nach Rom zu gehen.«

»Nach Rom? was willst Du dort?«

»Ich will Geschichte studiren und Archäologie! Gelingt es mir, diese Studien, wie ich es wünsche, für die Gegenwart nutzbar, für die Nichtstudirten zugänglich zu machen, bin ich im Stande, die Kenntniß der alten Welt und ihrer Kunst zu popularisiren, wie ich's möchte, so hoffe ich der Menschheit damit manches Werkzeug zur Ausrodung des Urwaldes in die Hand zu geben, an dessen Stätte einst unser Tempel stehen soll!«

»Und Deine Frau?« fragte Erich.

»Auguste soll mit mir gehen!« antwortete Friedrich. »Grade für sie, für die Zukunft unserer Ehe, erwarte ich viel von einer solchen Reise. Der Anblick einer ihr neuen Welt, die großen und mächtigen Eindrücke, die ihr Italien bieten wird, müssen Augustens Sinn erweitern. Das Alleinsein der Reise wird uns näher zu einander führen. Auch in diesem Punkte ersehne ich die Ortsveränderung, und mich dünkt, daß Augustens Entfernung auch Deiner Ehe ersprießlich sein werde.«

Der Baron antwortete nicht darauf. Er konnte dem Freunde nicht zugestehen, was er sich selbst nicht einzuräumen entschlossen war, aber Friedrich befand sich ihm gegenüber in großem Vortheil. Er war innerlich seit lange auf dieses Ereigniß, auf eine solche Unterredung gefaßt gewesen, während sie seinen Freund unvorbereitet traf. Sie belastete Diesen und befreite Jenen. Sie öffnete dem Einen das Thor einer unbegrenzten Freiheit, die zum Fortschreiten, zum Handeln und Genießen einlud; sie zeigte dem Andern, daß er durch seine Empfindung gebannt, sich innerhalb fester Grenzen zu bewegen habe. Friedrich fühlte sich frisch und jung, Erich traurig und alt, als sie sich an dem Abend trennten.


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