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Der Roman einer Fischerfrau

Am Ende des Fischerdorfes stand eine kleine Hütte auf einem niedrigen Hügel von weißem Seesand. Sie war nicht so gebaut, daß sie in einer Reihe mit den gleichmäßig hohen, zierlichen, regelrechten Häusern stehen konnte, die den breiten grünen Platz umgaben, wo die braunen Fischernetze trockneten, sondern schien aus der Linie ausgeschlossen und auf den Sandhügel versetzt worden zu sein. Die arme Witwe, die sie errichtet, war ihr eigener Baumeister gewesen und sie hatte die Wände ihres Häuschens niedriger als die aller andern Häuser und sein steiles Strohdach höher als die übrigen Dächer im Fischerdorfe gemacht. Der Fußboden lag tief in der Erde. Das Fenster war weder hoch noch groß, reichte aber doch von der Erde bis ans Dach. Für die Herdmauer und den Gänsestall war schließlich in der einzigen, engen Stube kein Raum mehr gewesen, so daß um ihretwillen kleine viereckige Erker hatten angemauert werden müssen. Die Hütte hatte nicht wie die andern Häuschen einen kleinen Garten mit von Winden umrankten Stachelbeersträuchern und von Kletten halberstickten Holunderbüschen. Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes hatten sich nur die Kletten auf den Sandhügel hinaus begeben. Im Sommer waren sie recht hübsch, solange sie frische, dunkelgrüne Blätter hatten und die ausgezackten, mit Haken versehenen Körbchen hochrote Blüten umschlossen. Doch im Herbste, wenn die Zacken sich verhärtet hatten und die Früchte reif geworden waren, vernachlässigten sie ihr Äußeres und standen entsetzlich häßlich und dürr mit ihren zerfetzten, von einer traurigen Hülle bestaubter Spinnweben überzogenen Blättern da.

Die Hütte hatte nie mehr als zwei Besitzer, denn mehr als zwei Generationen hindurch vermochten ihre Wände von Rohr und Lehm das schwere Dach nicht zu tragen. Doch so lange sie stand, gehörte sie armen Witwen. Die zweite dort wohnende Witwe hatte ihre Freude an den Kletten, besonders im Herbste, wenn sie trocken waren und an allem hängen blieben. Sie erinnerten sie da an die Erbauerin der Hütte. Diese war auch zusammengeschrumpft und dürr gewesen, hatte die Gabe besessen, sich anzuklammern und festzuhalten, und alle ihre Kraft angewandt, um ihr Kind in der Welt etwas werden zu lassen. Sie, die nun so allein dort saß, hätte bei dem Gedanken daran lachen und auch weinen mögen. Wenn die Alte die Klettennatur nicht besessen, wäre alles anders gekommen. Doch wer weiß, ob das besser gewesen wäre?

Die Einsame grübelte oft über das Schicksal nach, das sie an die flache Küste Schonens, an den schmalen Sund und unter diese stillen Leute geführt hatte. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen dem steil abfallenden Gebirge und dem offenen Meere lag, und wenn sie dort auch, seit ihr Vater, ein Kaufmann, gestorben, ohne den Seinigen etwas zu hinterlassen, in bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewöhnt gewesen. Sie pflegte sich selbst immer wieder ihre Geschichte zu erzählen, wie man ein schwerverständliches Buch oft durchliest, um seinen Grundgedanken zu erforschen.

Das Merkwürdige, was sie erlebt, hatte damit begonnen, daß sie eines Abends auf dem Heimwege von der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von zwei Seeleuten überfallen und von einem dritten befreit worden war. Dieser stritt mit wirklicher Lebensgefahr für sie und begleitete sie dann nach Hause. Sie führte ihn zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern und erzählte ihnen voller Begeisterung, was er für sie getan. Das Leben schien ihr neuen Wert bekommen zu haben, seit ein anderer so viel gewagt, um es zu verteidigen. Er war da von ihren Angehörigen sofort freundlich aufgenommen und gebeten worden, so bald und so oft er könne, wiederzukommen.

Er hieß Börje Nilsson und war Matrose auf der schonenschen Jacht Albertina. Solange das Schiff im Hafen lag, kam er beinahe täglich zu ihnen, und bald hielten sie es für unmöglich, daß er nur ein gewöhnlicher Matrose sei. Er kam stets in glänzend reinem, niedergeschlagenem Hemdkragen und trug einen Anzug von feinem Tuche. Unbefangen und offenherzig ging er mit ihnen um, als sei er es gewöhnt, sich in denselben Kreisen zu bewegen wie sie. Ohne daß er es gerade heraus sagte, erhielten sie den Eindruck, daß er von angesehener Familie, der einzige Sohn einer reichen Witwe sei, seine unüberwindliche Neigung zum Seeleben ihn aber veranlaßte habe, Matrose zu werden, damit seine Mutter sähe, daß es ihm Ernst damit sei. Habe er nur seine Examina gemacht, so werde sie ihm schon ein eigenes Schiff kaufen.

Die für sich allein lebende Familie, die sich von allen früheren Freunden zurückgezogen hatte, empfing ihn ohne jegliches Mißtrauen. Und er beschrieb mit leichtem Herzen und geläufiger Zunge sein Vaterhaus mit dem hohen, spitzen Dache, dem großen, offnen Kamine im Speisesaale und den kleinen Fensterscheiben. Er schilderte auch die stillen Gassen seiner Vaterstadt und die langen Reihen gleichmäßig gebauter Häuser, in denen sein Elternhaus mit seinen unregelmäßigen Erkern und Absätzen eine anmutige Unterbrechung bildete. Und seine Zuhörer glaubten ihn aus einem jener alten Bürgerhäuser mit bildergeschmücktem Giebel und vorspringendem Oberstocke hervorgegangen, die einen so mächtigen Eindruck von Reichtum und ehrwürdigem Alter machen. Sehr bald hatte sie gemerkt, daß er sie lieb hatte, und dies war der Mutter und den Geschwistern eine große Freude gewesen. Der reiche, junge Schwede kam, wie um sie alle aus ihrer Armut zu erheben. Wenn er ihr auch nicht gefallen, hätte sie doch nicht daran denken können, seinen Antrag abzulehnen. Hätte sie einen Vater oder einen erwachsenen Bruder besessen, so würde sich dieser wohl genauer nach der Herkunft und der Stellung des Fremden erkundigt haben, doch weder sie noch die Mutter dachte daran, Nachforschungen anzustellen. Später merkte sie, daß sie ihn geradezu zum Lügen gezwungen hatten. Anfänglich hatte er sie sich selbst die großen Gedanken über seinen Reichtum einbilden lassen, ohne eine böse Absicht damit zu verbinden, doch als er dann ihre Freude darüber sah, hatte er, aus Furcht, sie zu verlieren, nicht die Wahrheit zu sagen gewagt.

Noch vor seiner Abreise verlobten sie sich, und als die Jacht wiederkam, hielten sie Hochzeit. Es war eine Enttäuschung für sie, daß er auch bei der Rückkehr als Matrose auftrat, doch er war durch seinen Kontrakt gebunden. Er brachte ihr auch keine Grüße von seiner Mutter. Diese hatte erwartet, daß er eine andere Wahl treffe, doch sie würde schon zufrieden sein, sagte er, wenn sie Astrid erst kennen lernte. – Trotz aller seiner Lügen hätten sie doch leicht sehen können, daß er ein armer Mann war, wenn sie nur die Augen hätten aufmachen wollen. Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajüte abzutreten, wenn sie die Überfahrt auf seiner Jacht machen wollte, und sein Anerbieten wurde hocherfreut angenommen. Börje hatte da fast gar keinen Dienst und saß meistens bei seiner Frau auf dem Achterdecke. Und nun gab er ihr das Glück der Phantasie, von dem er selbst sein Leben lang gelebt hatte. Je mehr er an das im Sandhügel halbbegrabene Häuschen dachte, desto höher erbaute er den Palast, in den er sie hatte führen mögen. Er ließ sie in Gedanken in einen Hafen gleiten, der Börje Nilssons Frau zu Ehren mit Flaggen und Blumen geschmückt war. Er ließ sie die Begrüßungsrede des Bürgermeisters hören. Er ließ sie unter einer Ehrenpforte hindurch fahren, während die Männer ihr nachschauten und die Frauen vor Neid erblaßten. Und er führte sie in sein stattliches Haus, wo der sich verbeugende Diener mit silberweißen Locken am Geländer der breiten Treppe stand und wo der zu einer festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch beinahe unter dem alten Silberzeug der Familie zusammenbrach.

Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, der Schiffer habe Börje sie betrügen helfen, später aber wurde es ihr klar, daß dies nicht der Fall gewesen. Alle auf der Jacht hatten die Gewohnheit, von Börje wie von einem großen Manne zu reden. Es galt für einen Hauptspaß, an Bord wie im Ernste von seinem Reichtum und seiner vornehmen Familie zu sprechen. Sie glaubten, Börje habe ihr die Wahrheit gesagt, und sie scherze ebenfalls mit ihm, wenn sie von seinem großen Hause sprach. So war es möglich, daß sie, als die Jacht in dem Börjes Heimat zunächst liegenden Hafen Anker warf, noch immer fest der Meinung war, die Frau eines reichen Mannes zu sein. Börje erhielt vierundzwanzig Stunden Urlaub, um seine Frau in ihr künftiges Heim einzuführen und sie mit ihrem neuen Leben bekannt zu machen. Als sie nun an dem Kai, wo die Flaggen hätten wehen und die Menge dem jungen Paare hätte entgegenjubeln sollen, landeten, herrschte dort nur Leere und Alltagsruhe, und Börje bemerkte, daß seine Frau sich mit einer gewissen Enttäuschung umsah.

»Wir sind zu früh gekommen,« hatte er da gesagt. »Die Reise ist bei diesem schönen Wetter ungewöhnlich schnell gegangen. Nun haben wir auch keinen Wagen hier und müssen weit gehen, denn das Haus liegt außerhalb der Stadt.«

»Das macht nichts, Börje,« hatte sie geantwortet. »Das Gehen wird uns nach dem langen Stillsitzen an Bord gut tun.«

Und dann machten sie sich auf und traten jene entsetzliche Wanderung an, an die sie noch jetzt in ihren alten Tagen nicht denken konnte, ohne vor Angst zu stöhnen und die Hände vor Schmerz zusammenzudrücken. Sie durchschritten breite, menschenleere Straßen, die sie sofort nach seiner Beschreibung wiedererkannte. Die dunkle Kirche und die ebenmäßigen Häuser erschienen ihr wie alte Bekannte; doch wo prunkten der bildergeschmückte

Giebel und die Marmortreppe mit dem hohen Geländer? Börje hatte ihr da zugenickt, als habe er ihre Gedanken erraten. »Es ist noch weit,« hatte er gesagt. Wäre er nur so barmherzig gewesen, ihrer Hoffnung mit einem Male den Todesstoß zu geben. Hatte er ihr freiwillig alles gesagt, so wäre kein Groll gegen ihn in ihre Seele eingezogen. Doch daß er ihre Angst vor dem Truge sehen und doch hatte fortfahren können, sie zu täuschen, das hatte ihr zu bittern Schmerz bereitet. Sie hatte es ihm nie ganz vergeben können. Sie konnte sich allerdings sagen, daß er sie so weit wie möglich führen wolle, damit sie ihm nicht entfliehen könnte, doch seine Betrügerei verursachte eine solche Todeskälte in ihr, daß keine Liebe sie ganz auftauen konnte.

Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die benachbarte Ebene. Dort zogen sich mehrere Reihen dunkler Gräben und hoher, grüner Erdwälle hin, Überbleibsel aus der Zeit, als die Stadt noch befestigt war, und auf der Stelle, wo sich dies alles um ein Festungswerk schlang, sah sie ein paar altertümliche Gebäude mit großen, runden Türmen. Sie warf einen scheuen Blick dorthin, doch Börje wich nach den am Strande entlanglaufenden Wällen ab.

»Dies ist ein Richtweg,« sagte er, als sie sich über den schmalen Fußpfad zu wundern schien.

Er war nun ganz wortkarg geworden. Später begriff sie, daß er es nicht so schön gefunden, wie er es sich gedacht, sein Weib in die ärmste Hütte des Fischerdorfes zu führen. Es schien ihm nun nicht mehr so großartig, daß er eine Frau aus guter Familie heimführte. Er war in Angst, was sie tun würde, sobald sie die Wahrheit erführe.

»Börje,« sagte sie schließlich, nachdem sie eine lange Zeit den in scharfen Winkeln gebrochenen Strandwällen gefolgt waren, »wohin gehen wir?«

Er erhob da die Hand und deutete nach dem Fischerdorfe hin, wo seine Mutter in der Hütte auf dem Sandhügel wohnte. Sie aber glaubte, daß er auf eines der schönen Landgüter, die man am Rande der Ebene sah, zeigte, und ihr Gesicht erhellte sich wieder.

Sie stiegen jetzt auf die öden Gemeinweiden nieder, und da überfiel die Angst sie von neuem. Da, wo jede Erdscholle, wenn man nur Augen dafür hat, dem Blicke Schönheit und Abwechselung bietet, sah sie nur ein häßliches, sumpfiges Feld. Und der Wind, der dort beständig herrscht, fuhr ihnen pfeifend entgegen und flüsterte von Unglück und Verrat.

Börje beschleunigte seine Schritte immer mehr, und endlich kamen sie ans Ende der Weiden und standen vor dem Fischerdorf. Sie, die sich schließlich keine Frage mehr zu stellen gewagt hatte, faßte da wieder Mut. Hier war wieder eine einförmige Häuserreihe, und diese erkannte sie noch besser wieder als die in der Stadt. Vielleicht, vielleicht hatte er doch nicht gelogen.

Doch ihre Erwartungen waren so herabgestimmt, daß sie sich herzlich gefreut haben würde, wenn sie vor einer der kleinen sauberen Wohnungen, wo Blumen und weiße Gardinen hinter den klaren Scheiben glänzten, hätte Halt machen dürfen. Es tat ihr weh, an ihnen vorbeigehen zu müssen.

Da auf einmal erblickte sie hinten am äußersten Ende des Dorfes die elende Hütte, und es war ihr, als hätte ihr inneres Auge sie schon lange gesehen, ehe ihr Blick in Wirklichkeit darauf gefallen.

»Ist es hier?« fragte sie, am Fuße des kleinen Sandhügels stehen bleibend.

Er neigte unmerklich den Kopf und schritt weiter, auf die kleine Hütte zu.

»Warte!« rief sie ihm nach. »Wir müssen uns aussprechen, ehe ich dein Haus betrete. Du hast gelogen,« fuhr sie drohend fort, als er sich zu ihr wandte. »Du hast mich mehr betrogen, als wenn du mein ärgster Feind gewesen wärest. Weshalb hast du mir das getan?«

»Ich wollte dich zur Frau haben,« antwortete er mit leiser, unsicherer Stimme.

»Wenn du mich nur mit Maßen belogen hättest, mit Maßen! Weshalb machtest du alles so reich und großartig? Was wolltest du mit Bedienten, Ehrenpforten und all der anderen Pracht? Glaubtest du, ich trage solch Gelüste nach Geld? Sahst du nicht, daß ich dich lieb genug hatte, um dir überall hin zu folgen? Wie konntest du glauben, mir etwas vorlügen zu müssen! Wie konntest du es übers Herz bringen, bis zum letzten Momente bei deinen Lügen zu bleiben!« »Willst du nicht hineinkommen und meine Mutter begrüßen?« fragte er hilflos.

»Ich gedenke nicht, dort hineinzugehen!«

»Willst du denn wieder nach Hause?«

»Wie sollte ich dorthin können? Wie könnte ich denen zu Hause den Kummer machen, wiederzukommen, da sie mich für reich und glücklich halten? Doch bei dir bleibe ich nicht. Wer arbeiten kann, findet stets sein Auskommen.«

»Bleib'!« bat er. »Ich tat es nur, um dich zu gewinnen.«

»Hättest du mir die Wahrheit gesagt, so wäre ich geblieben!«

»Wäre ich ein reicher Mann, der dir Armut vorgespiegelt, so würdest du schon bleiben.«

Sie zuckte die Achseln und wandte sich zum Gehen. Da öffnete sich die Tür der Hütte, und Börjes Mutter trat heraus. Sie war eine kleine, dürre Greisin mit wenigen Zähnen und vielen Runzeln, aber nicht so alt an Jahren und Gemüt, wie sie aussah.

Sie hatte wohl etwas gehört und etwas erraten, denn sie wußte, worüber sie stritten.

»So, so,« sagte sie, »dies ist also die feine Schwiegertochter, die du mir mitgebracht, Börje. Und du hast wieder die Unwahrheit gesagt, wie ich höre.« Doch Astrid streichelte sie freundlich die Wangen. »Komm nur herein zu mir, armes Kind. Ich denke mir, du wirst müde und erschöpft sein. Dies ist meine Hütte, mußt du wissen. Er darf nicht hinein. Du aber kommst nun mit mir. Du bist jetzt meine Tochter, und ich kann dich nicht unter fremde Leute gehen lassen, das mußt du selbst einsehen.«

Sie liebkoste die Schwiegertochter, hätschelte sie und zog und schob sie wie absichtslos nach der Tür zu. Schritt für Schritt lockte sie sie vorwärts, bis sie sie in der Stube hatte, Börje aber wurde wirklich ausgeschlossen. Und drinnen begann die Alte sie zu fragen, wer sie sei und wie alles zugegangen. Und sie weinte dabei und brachte Astrid ebenfalls zum Weinen. Entsetzlich streng war die Alte gegen ihren Sohn. Astrid tue recht, nicht bei ihm bleiben zu wollen. Es sei wahr, daß er stets lüge, wahr und gewiß.

Sie erzählte ihr, wie es ihr mit ihrem Sohn ergangen. Er sei so schön von Gesicht und Körper gewesen, schon als ganz kleines Kind, und sie habe sich immer darüber wundern müssen, daß er armer Leute Kind sei. Er habe einem kleinen verirrten Prinzen geglichen. Und später habe es stets so ausgesehen, als sei er nicht an seinem rechten Platze. Er sehe alles in vergrößertem Maßstabe. In allem, was ihn selbst angehe, habe er kein Augenmaß. Seine Mutter habe manch liebes Mal darüber geweint. Doch bisher habe er durch sein Lügen noch nie etwas Böses angerichtet. Hier, wo er bekannt sei, werde er nur ausgelacht. – Doch nun sei er wohl so schrecklich in Versuchung geführt worden.... Ob Astrid es nicht auch für merkwürdig halte, daß der Fischerjunge sie so habe anführen können? Er habe stets so gut mit seinen Dingen Bescheid gewußt, als sei es ihm angeboren. Er sei eben verkehrt auf die Welt gekommen. Ein weiterer Beweis dafür sei es auch, daß er nie daran gedacht, seine Frau aus seinem eigenen Stande zu wählen.

Die Alte redete unaufhörlich. Astrid schwieg und dachte nach. »Sieh,« sagte die Greisin unter anderem, »mir kann es ja nie gelingen, ihm den Hochmut und die Prahlsucht auszutreiben, doch eine, die klüger ist als ich, würde es vielleicht können. Und wohl wäre es der Mühe wert, denn er ist tüchtig, mein Junge, und gut. Doch morgen sollst du gehen. Das soll geschehen.«

»Wo schläft er heute nacht,« fragte Astrid plötzlich.

»Ich glaube, er liegt draußen im Sande. Er hat gewiß keine Ruhe, weiterzugehen.«

»Es ist wohl das beste, daß er hereinkommt,« sagte Astrid.

»Liebstes Kind, du kannst ihn ja nicht sehen wollen. Er wird sich's draußen schon bequem machen, wenn ich ihm nur eine Decke gebe.«

Sie ließ ihn wirklich die Nacht draußen im Sande schlafen und schickte ihn früh am nächsten Tage nach der Stadt, weil sie es für besser hielt, daß Astrid ihn nicht sähe. Und mit ihr redete sie unaufhörlich und hielt sie fest, nicht mit Zwang, nein mit Klugheit, nicht mit List, sondern mit wirklicher Güte. Doch als sie es endlich dahin gebracht hatte, daß die Schwiegertochter blieb und ihrem Sohne bewahrt worden war, als sie das junge Paar miteinander versöhnt und Astrid einsehen gelehrt hatte, daß es gerade die Aufgabe ihres Lebens sei, Börje Nilssons Weib zu sein und ihn so gut zu machen, wie sie nur könnte, – und dies war nicht die Arbeit einer Abendstunde, sondern vieler Tage gewesen – da hatte die Alte sich zum Sterben niedergelegt.

Und sieh, dieses Leben voll treuer Fürsorge für den Sohn hatte einen Zweck gehabt, meinte Börje Nilssons Frau.

Doch ihr eigenes Leben erschien ihr zwecklos. Nach wenigen Jahren ihrer Ehe ertrank ihr Mann, und ihr einziges Kind starb früh. Sie hatte bei ihrem Gatten keine Veränderung bewirken können. Ernst und Wahrheitsliebe war ihm nicht beizubringen gewesen. Eher hatte sich bei ihr eine Veränderung gezeigt, in dem Maße, wie sie mit den Fischerleuten eins geworden war. Sie wollte keinen der Ihrigen sehen, denn sie schämte sich, daß sie nun in allem einer Fischerfrau glich. Wenn dies alles nur zu etwas gedient hätte! Wenn sie, die sich mit dem Ausbessern von Netzen erhielt, doch wüßte, weshalb sie eigentlich lebte! Wenn sie einen glücklich oder besser gemacht hätte!

Nie kam ihr der Gedanke, daß derjenige, welcher sein Leben für verfehlt hält, weil er anderen nichts Gutes getan, durch diese Denkart voll Demut vielleicht seine Seele gerettet hat.


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