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Waldemar Atterdag brandschatzt Wisby

In dem Frühlinge, als Hellqvists großes Gemälde »Waldemar Atterdag brandschatzt Wisby« im Kunstvereine ausgestellt war, kam ich an einem stillen Vormittage dorthin, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich dort befinde. Das große, farbenreiche Bild mit seinen vielen Gestalten machte schon beim ersten Anblick ungewöhnlichen Eindruck auf mich. Ich konnte gar kein andres Bild besehen, sondern ging direkt auf dieses zu, setzte mich auf einen Stuhl und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich im Mittelalter.

Bald hatte ich mich in die Szene, die sich auf dem Wisbyer Markte abspielte, hineinversetzt. Ich sah die Bierkufen, die anfingen, sich mit dem goldenen Gebräu, das König Waldemar sich gewünscht, zu füllen, und die Gruppen, die sich um sie herum gesammelt hatten. Ich sah den reichen Kaufmann mit dem Pagen, der unter seinen Gold- und Silbergefäßen beinahe zusammenbricht, den jungen Bürger, der nach dem Könige hin die Faust ballt, den Mönch mit dem scharfgeschnittenen Gesichte, der die Majestät forschend beobachtet, den zerlumpten Bettler, der seinen Heller opfert, das neben der einen Kufe niedergesunkene Weib, den König auf seinem Throne, das aus den schmalen Gassen hervorwimmelnde Kriegsheer, die hohen Giebelhäuser und die zerstreuten Gruppen von übermütigen Soldaten und widerspenstigen Bürgern.

Plötzlich aber merkte ich, daß die Hauptgestalt des Bildes nicht der König, auch keiner der Bürger, sondern der eine der geharnischten Schildträger des Königs, und zwar der mit dem heruntergelassenen Visiere, ist.

In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht von ihm selber gar nichts, der ganze Mann ist Stahl und Eisen, und dennoch macht er den Eindruck, der eigentliche Herr der Situation zu sein.

»Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,« sagt er. »Ich bin es, der Wisby brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Stahl und Eisen. Ich habe meine Lust an Qualen und Bosheit. Mögen sie einander peinigen. Heute bin ich Herr auf Wisbys Markt!« »Sieh,« sagt er zu dem Beschauer, »kannst du nicht sehen, daß ich der Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es hier nichts anderes als Menschen, die einander quälen. Seufzend kommen die Besiegten, um ihr Gold abzuliefern. Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Gier der Sieger wird immer wilder, je mehr Gold sie herauspressen können. Was sind Dänemarks König und seine Soldaten anderes als meine Diener, wenigstens für diesen Tag? Morgen werden sie in die Kirchen gehen oder in friedlichem Gelage in den Bierstuben sitzen oder vielleicht auch gute Väter im eigenen Heim sein, heute aber sind sie Frevler und Missetäter!«

Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht man, was das Bild ist: nichts anderes als eine Illustration der alten Geschichte, wie Menschen einander quälen können. Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. Und trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden.

Es war ja doch so, daß diese drei Braukufen gefüllt werden mußten, damit Wisby nicht geplündert und eingeäschert werde. Warum kamen diese Hanseaten denn nicht voll glühender Begeisterung herbei? Warum kamen nicht die Frauen mit ihrem Geschmeide, der Trinker mit seinem Becher, der Priester mit seinem Heiligenschrein eifrig und vor Opferlust glühend herbeigeeilt? »Für dich, für dich, unsere geliebte Stadt! Unnötig, uns durch Soldaten holen zu lassen, wenn es dir gilt! O Wisby, unsre Mutter, unsre Ehre! Nimm zurück, was du uns gegeben hast!«

So aber hat der Maler sie nicht sehen wollen, und so ist es auch nicht gewesen. Keine Begeisterung, nur zwingende Not, nur unterdrückter Trotz, nur Gejammer. Das Gold ist ihnen alles, Weiber und Männer seufzen um dieses Gold, das sie hergeben müssen.

»Sieh sie an!« sagt die auf den Stufen des Thrones sitzende Gewalt. »Es geht ihnen tief zu Herzen, es 6 zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen Mitleid haben! Sie sind geizig, gewinnsüchtig und übermütig. Sie sind nicht besser, als der habsüchtige Räuber, den ich gegen sie ausgesandt habe.«

Ein Weib ist vor der Kufe zu Boden gesunken. Macht es ihr soviel Schmerzen, sich von ihrem Golde zu trennen? Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie die Ursache all des Jammers? Ist sie es, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. Es ist Ung-Hansens Tochter.

Sie weiß recht gut, daß sie ihr Geld nicht hergeben braucht. Ihres Vaters Haus wird doch nicht geplündert, aber trotzdem hat sie alles, was sie besitzt, zusammengesucht und bringt es. Auf den Markt gelangt, ist sie, von all dem unterwegs geschauten Elend überwältigt, in grenzenloser Verzweiflung niedergesunken.

Hurtig und fröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedgeselle, der im vorigen Jahre in dem Hause ihres Vaters gedient hatte. Herrlich war es gewesen, an seiner Seite über diesen selben Markt zu wandeln, wenn der Mond hinter den Giebeln aufstieg und Wisbys Glanz bestrahlte. Stolz war sie auf ihn gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie von Jammer gebrochen da. Unschuldig und doch schuldig. Er, der dort kalt und grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung über die Stadt gebracht hat, ist er derselbe, welcher ihr zärtliche Worte zugeflüstert? War es, um mit ihm zusammenzutreffen, daß sie sich in der letzten Nacht aus der Stadt schlich, nachdem sie ihres Vaters Schlüssel gestohlen und das Stadttor geöffnet hatte? Und als sie ihren Goldschmiedgesellen als einen bewaffneten Ritter, mit einem gepanzerten Heere hinter sich, wiederfand, was dachte sie da? Wurde sie nicht wahnsinnig, wie sie die eiserne Flut sich durch das Tor, das sie geöffnet, in die Stadt wälzen sah? Zu spät zum Klagen, Jungfrau! Warum liebtest du den Feind deiner Stadt? Gefallen ist Wisby, sein Glanz soll vergehen. Warum warfst du dich nicht mitten im Tore hin und ließest dich von den eisernen Fersen zertreten? Wolltest du leben, um die Blitze des Himmels den Frevler treffen zu sehen?

Oh, Jungfrau, an seiner Seite steht schützend die Gewalt. An heiligeren Dingen als einem leichtgläubigen Mädchen vergreift er sich. Nicht einmal Gottes eigenen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er aus der Kirchenwand aus, um die letzte Kufe zu füllen.

Alle Gestalten des Bildes nehmen eine andere Haltung an. Blindes Entsetzen überkommt alles Lebendige. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, der Bürger richtet die Blicke zum Himmel empor, alle erwarten Gottes Strafe, alle, außer der Gewalt auf den Stufen des Thrones und ihrem Diener, dem Könige.

Ich möchte, daß der Künstler noch lebte, mich nach dem Hafen von Wisby hätte führen und mir diese selben Bürger hätte zeigen können, wie sie der fortsegelnden Flotte mit den Blicken folgten. Sie rufen Flüche über die Wellen hin. »Verschlingt sie!« rufen sie. »Verschlingt sie! Oh Meer, du unser Freund, nimm ihnen unsere Schätze ab! Öffne deinen erstickenden Schlund unter den Gottlosen, unter den Treulosen!« Und das Meer murmelt dumpf Beifall, und die auf dem Königsschiffe stehende Gewalt nickt zustimmend. »Dies ist gut,« sagt sie. »Verfolgen und verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Mögen Sturm und Meer die Räuberflotte zerstören und meines königlichen Dieners Schätze an sich raffen! Um so früher wird es uns vergönnt sein, auf neue Heerfahrten auszuziehen.«

Die am Ufer stehenden Bürger aber wenden sich um und blicken nach ihrer Stadt hinauf. Feuer hat dort gelodert, Plünderung hat dort gehaust, hinter zersprungenen Fensterscheiben gähnen verwüstete Wohnstätten. Rauchgeschwärzte Giebel sehen sie und geschändete Kirchen, blutige Leichen liegen noch in den engen Gassen, und vor Schrecken wahnsinnig gewordene Frauen durcheilen die Straßen der Stadt. Sollen sie all diesem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt es denn niemand, den ihre Rache ereilen kann, niemand, den sie ihrerseits quälen und morden können? Gott im Himmel, seht nur! Des Goldschmiedes Haus ist nicht geplündert, nicht eingeäschert. Was bedeutet dies? War er mit dem Feinde im Bunde? Hatte er nicht die Schlüssel zu einem der Stadttore in Verwahrung? Oh, du Ung-Hanses Tochter, antworte, was hat dies zu bedeuten?

Hinten auf dem Königsschiffe steht die Gewalt und betrachtet, hinter dem Visiere lächelnd, ihren königlichen Diener. »Höre den Sturm, Herr, höre den Sturm! Das von dir geraubte Gold wird bald auf dem Meeresboden liegen, dir unerreichbar. Und sieh auf Wisby zurück, mein hoher Herr! Das Weib, das du betrogst, wird von Priestern und Kriegern nach der Stadtmauer geführt. Kannst du die Volksmenge hören, die ihr wehklagend und fluchend folgt? Sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Mauerkelle! Sieh, die Weiber kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle! Oh, König, kannst du auch nicht sehen, was in Wisby vor sich geht, so magst du doch hören und wissen, was dort geschieht. Du bist nicht von Stahl und Eisen wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters trübe Tage kommen und der Schatten des Todes auf dein Leben fällt, wird das Bild von Ung-Hanses Tochter in deiner Erinnerung auferstehen.

Du wirst sie bleich unter dem Hohne und der Verachtung ihres Volkes zusammenbrechen sehen. Du wirst sie zwischen Priestern und Kriegsknechten, unter Glockengeläute und feierlichen Gesängen dahingeschleppt sehen. Sie ist schon tot in den Augen des Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem Innersten, getötet von allem, was sie geliebt hat. Du wirst sie in den Turm hineintreten sehen, sehen, wie die Steine eingefügt werden, die Mauerkellen schrapen hören und die Reden der Menge, die mit ihren Steinen herzueilt, vernehmen. »Oh, Maurer, nimm meinen, nimm meinen! Benutze meinen Stein beim Werke der Rache! Laß meinen Stein helfen, Ung-Hanses Tochter von Luft und Licht abzusperren! Gefallen ist Wisby, das herrliche Wisby! Gott segne eure Hände, Maurer! O, laßt mich helfen, die Strafe zu vollstrecken!«

Und Grabeslieder ertönen und die Glocken läuten wie bei einem Begräbnisse.

Oh, Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los ist es, dem Tode ins Auge zu blicken. Dann wirst du auf deinem Bette viel sehen und hören und große Pein dabei erdulden. Dann wirst du auch jenes Schrapen der Mauerkellen und jenes Rachegeschrei hören. Wo sind sie dann, die heiligen Glocken, welche die Seelenqual übertönen? Wo sind die weiten Metallschlünde, deren Zungen Gott um Gnade für dich anflehen? Wo ist die von Wohlklang erzitternde Luft, welche die Seele in Gottes Reich hinaufführt?

Oh, hilf Ezrom, hilf Sorö, und du, große Glocke in Lund! Wallfahrtsorte mit wundertätigen Glocken.

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Welch traurige Geschichte erzählt dieses Gemälde! Es kam mir fremd und seltsam vor, wieder in den Königsgarten, in den strahlenden Sonnenschein und unter lebende Menschen hinauszutreten.


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