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Frau Fasta und Peter Nord

1.

Die kleine Stadt steht mir in der Erinnerung so freundlich wie ein Heim vor Augen. Sie ist so klein, daß ich alle ihre Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde Freundschaft schließen und jeden Hund bei seinem Namen rufen konnte. Wer die Straße entlang ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick erheben mußte, um ein hübsches Gesicht hinter den Scheiben zu sehen, und wer im Stadtparke spazierte, kannte genau die Zeit, wann er sich dort einzustellen hatte, um dem zu begegnen, den er treffen wollte.

Man war beinahe ebenso stolz auf die Rosen im Nachbargarten wie auf seine eigenen. Passierte etwas Kleinliches oder Unfeines, so schämte man sich, wie wenn es in der eigenen Familie vorgekommen wäre, aber mit dem allerkleinsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur diesen Ort! Passiert wohl anderwärts dergleichen? Welch wunderbare Stadt!«

Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich wieder einmal dorthin, so werde ich dieselben Häuser und Läden, die ich von alters her kenne, wiederfinden, dieselben Vertiefungen des Pflasters bringen mich wieder zu Fall, und dieselben steifen Lindenhecken und rundbeschnittenen Fliederbüsche fesseln meine bewundernden Blicke. Wieder sehe ich den alten Senator, der die ganze Stadt regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße herabkommen. Welch ein Gefühl der Sicherheit erhält man, wenn man dich, du Patriarch und Vorsehung, so einherwandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in seinem Garten graben und mit den wasserblauen Augen suchend umherstarren, als wollte er sagen: »Alles haben wir durchforscht, jetzt, Erde, werden wir uns bis in deine innersten Eingeweide einbohren.«

Doch wer dort nicht mehr zu finden sein wird, das ist der kleine, runde Peter Nord. Der kleine Värmländer, der, wie ihr wißt, in Halfvorsons Kramladen stand und die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen weißen Mäusen amüsierte. Über ihn gibt es eine ganze Geschichte. Man könnte überhaupt von allem und jedem in der Stadt eine Geschichte erzählen. Nirgends ereignen sich so seltsame Dinge.

Der kleine Peter Nord war ein Bauernjunge. Er war unter Mittelgröße und schneckenfett, hatte braune Augen und ein stets lächelndes Gesicht. Sein Haar war heller als das Laub der Birke im Herbste, seine Wangen rot und mit Flaum bedeckt. Und aus Värmland war er. Keiner, der ihn sah, hätte ihn für einen andern Landsmann gehalten. Die vortreffliche Heimat hatte ihn mit vorzüglichen Eigenschaften ausgerüstet. Rasch in der Arbeit, geschickt mit den Fingern, zungenfertig und klar im Kopfe. Und dabei ein Narr, ein geradezu großartiger Narr, gutmütig und obenhinaus, gefällig und zänkisch, neugierig und schwatzhaft. Der Dummkopf war nicht imstande, einem Bürgermeister mehr Ehrfurcht als einem Bettler zu erweisen! Doch ein gutes Herz hatte er, verliebte sich jeden zweiten Tag und zog die ganze Stadt ins Vertrauen.

Die Ladenarbeit besorgte dieses reichbegabte Geschöpf auf eine etwas übernatürliche Weise. Er bediente die Kunden, während er die weißen Mäuse fütterte. Er wechselte und zählte Geld, während er seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und während er den Kunden von seiner neuesten Liebe erzählte, hingen seine Augen an dem Litermaß, in das der braune Sirup in langsamen Ringeln floß. Und es ergötzte die bewundernden Zuhörer, ihn plötzlich über den Ladentisch setzen und auf die Straße hinausstürmen zu sehen, wo er sich mit einem umherlungernden Gassenbuben prügelte, um dann mit heiterer Miene wiederzukommen und die Schnur eines Paketes zuzuknoten oder ein Stück Zeug fertig zu messen.

War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson zu kaufen, seit Peter Nord dort im Geschäft war. Sogar der alte Senator schmunzelte stolz und befriedigt, wenn Peter ihn in die dunkle Ecke zog und ihm seine weißen Mäuse zeigte. Das Besehen der Mäuse war aufregend und spannend, denn Halfvorson hatte ihnen den Laden verboten.

Da aber kamen mitten in dem an Licht zunehmenden Februar ein paar dunkle, neblichte Tauwettertage. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er ließ die weißen Mäuse in ihr Drahtgitter beißen, ohne ihnen Futter zu geben. Er verrichtete seine Obliegenheiten tadellos. Er prügelte sich nicht mehr mit dem Gassenbuben. Konnte Peter Nord es denn nicht vertragen, daß der Winter umgeschlagen?

O nein, die Sache hing anders zusammen. Er hatte auf einer der Reolen einen Fünfzigkronenschein gefunden. Er hatte geglaubt, daß dieser mit einem Stücke Zeug hinaufgeworfen worden, und hatte ihn ganz unbemerkt unter einen Packen gestreiften Baumwollenstoffes geschoben, der außer Mode war und nie von der Borte heruntergenommen wurde.

Der Knabe hegte Groll gegen Halfvorson. Dieser hatte ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen, und nun wollte er sich dafür rächen. Er sah die weiße Mutter inmitten ihrer hilflosen Jungen noch immer vor Augen. Sie hatte gar keinen Fluchtversuch gemacht, sondern mit unerschütterlichem Heldenmut stillgehalten und den herzlosen Mörder mit den roten, brennenden Augen angestarrt. Verdiente dieser nicht auch ein Stündchen voll Herzensangst? Peter Nord wollte ihn totenbleich aus dem Kontor kommen und nach dem Fünfzigkronenschein suchen sehen. Er wollte in seinen wasserblauen Augen dieselbe Verzweiflung sehen, die er in den granatroten der weißen Maus erblickt. Der Krämer sollte suchen, er sollte den ganzen Laden umkehren, ehe Peter Nord ihn den Schein finden ließ.

Doch der Fünfzigkronenschein lag den ganzen Tag in seinem Verstecke, ohne daß jemand nach ihm fragte. Er war ganz neu, bunt und glänzend und trug eine große Fünfzig in allen vier Ecken. Wenn Peter Nord allein im Laden war, stellte er den Ladentritt an die Reole und kletterte hinauf nach dem Zeugpacken, er zog dann den Schein hervor, entfaltete ihn und bewunderte seine Schönheit.

Beim eifrigsten Handel überfiel ihn oft plötzlich die Angst, daß dem Scheine etwas passiert sein könnte. Da tat er, als suchte er etwas auf der Borte und fühlte unter dem Packen umher, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern knistern fühlte. Der Schein hatte plötzlich eine übernatürliche Gewalt über ihn erlangt. War vielleicht etwas Lebendiges darin? Die von breiten Ringen umgebenen Fünfzigen glichen sich festsaugenden Augen. Der Knabe küßte sie alle und flüsterte: »Solche wie dich möchte ich viele haben, schrecklich viele!«

Er begann sich allerlei Gedanken darüber zu machen, daß Halfvorson gar nicht nach dem Scheine fragte. Gehörte er ihm am Ende nicht? Hatte er vielleicht schon jahrelang im Laden gelegen? Hatte er vielleicht keinen Besitzer mehr?

Gedanken stecken an. – Beim Abendessen hatte Halfvorson von Geld und Geldmenschen zu reden begonnen. Er erzählte Peter von all den armen Buben, die reich geworden waren. Er fing mit Whittington an und hörte mit Astor und Jay Gould auf. Halfvorson kannte ihre ganze Geschichte; er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und gewagt. Er wurde beredt, sobald er auf dieses Thema kam. Er durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er teilte ihre Erfolge, er jubelte bei ihrem Siege. Peter Nord hörte wie gebannt zu.

Halfvorson war stocktaub, doch dies erschwerte die Unterhaltung nicht, denn er las dem Sprechenden die Worte von den Lippen ab. Seine eigene Stimme konnte er jedoch nicht hören. Deshalb strömte seine Rede so seltsam eintönig dahin wie das Rauschen eines Wasserfalles in der Ferne. Doch infolge dieses wunderlichen Tonfalles biß sich alles, was er sagte, so im Ohre fest, daß man es tagelang nicht wieder los wurde. Der arme Peter!

»Was zum Reichwerden unumgänglich nötig,« sagte Halfvorson, »ist der Heckpfennig. Den aber kann man nicht verdienen. Denke daran, daß alle ihn entweder auf der Straße gefunden oder zwischen dem Futter und Oberzeuge eines auf der Auktion gekauften Rockes, ihn beim Spiele gewonnen oder ihn von einer schönen, barmherzigen Dame als Almosen bekommen haben. Sowie sie aber diese gesegnete Münze hatten, ist ihnen alles geglückt. Der Goldstrom wälzte sich wie aus einer Quelle daraus hervor. Die Hauptsache, Peter Nord, ist der Heckpfennig.«

Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer. Der junge Peter Nord saß wie betäubt da und sah eitel Geld vor sich. Auf dem Tischtuche waren Haufen von Dukaten aufgestapelt, der Fußboden glänzte weiß von Silbergeld, und das unbestimmte Muster der schmutzigen Tapete verwandelte sich in Banknoten von Taschentuchgröße. Doch mitten vor seinen Augen flatterte die Fünfzig in einem breiten Ringe und lockte ihn wie die schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »ob der Fünfzigkronenschein auf der Borte nicht ein solcher Heckpfennig ist?«

»Merke dir,« sagte Halfvorson, »daß außer dem Heckpfennig noch zwei Dinge für den notwendig sind, der es zu etwas bringen will. Arbeiten, eisernes Arbeiten, Peter Nord, heißt das eine, und Entsagen das andere. Verzichten auf Spiel und Liebe, Plaudern und Lachen, Morgenschlaf und Mondscheinspaziergänge. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge sind notwendig für den, der das Glück gewinnen will. Arbeiten heißt das eine, und Entsagen das andere.«

Peter Nord sah aus, als wollte er anfangen zu weinen. Wohl wollte er reich, wohl wollte er glücklich werden, doch das Glück sollte nicht so ängstlich und sauer erworben kommen. Es sollte ganz von selbst kommen. Während er mit den Gassenbuben im Handgemenge war, sollte die edle Dame Fortuna ihren Tragstuhl vor der Ladentür halten lassen und dem Värmlandsjungen einen Platz an ihrer Seite anbieten. Doch nun tönte ihm Halfvorsons Stimme immerfort in den Ohren und erfüllte sein ganzes Hirn. Er glaubte an nichts anderes, wußte nichts anderes. Arbeiten und Entsagen, das war der Zweck des Lebens, ja das Leben selbst. Er begehrte nichts weiter und wagte gar nicht daran zu denken, daß er sich je etwas anderes gewünscht.

Am nächsten Tage wagte er den Schein nicht zu küssen, ja nicht einmal anzusehen. Er war still und verstimmt, ordentlich und fleißig. Er besorgte alle seine Geschäfte so tadellos, daß jeder Kunde gleich sah, daß etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Dem alten Senator tat der Knabe leid, und er tat, was er konnte, um ihn zu trösten.

»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball, Peter Nord?« fragte der Alte. »So, nicht. Nun, dann lade ich dich dazu ein und bitte mir aus, daß du kommst. Sonst sage ich Halfvorson, wo du deine Mäusekäfige hast.«

Fastnachtsball, denkt nur, Peter Nord sollte auf den Fastnachtsball! Peter Nord sollte alle schönen, feinen Damen der Stadt in weißen, mit Blumen geschmückten Kleidern sehen! Doch Peter Nord durfte natürlich mit keiner von ihnen tanzen. Nun, das war ihm einerlei. Er war nicht zum Tanzen aufgelegt.

Auf dem Balle stand er in der Tür und setzte keinen Fuß zum Tanzen an. Einige hatten ihn dazu zu überreden gesucht, doch er war fest geblieben und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Von den feinen Damen wolle auch keine mit ihm tanzen. Er sei ihnen nicht fein genug.

Doch während er so dastand, begannen seine Augen zu leuchten, und er fühlte, wie die Freude ihm die Glieder elektrisierte. Das kam von der Tanzmusik, das kam von dem Blumendufte, das kam von den hübschen Gesichtern, die er vor sich sah. Nach einer kleinen Weile war er so sprühend heiter, daß, wäre die Freude Feuer, die Flammen hoch über ihm zusammengeschlagen wären. Und wäre die Liebe es, wie so vielfach behauptet wird, so würde es ihm nicht besser ergangen sein. Er war allzeit in ein junges Mädchen verliebt, doch bisher stets nur in eine zurzeit. Doch wie er nun alle diese hübschen jungen Damen auf einmal sah, war es nicht mehr ein einfaches Kaminfeuer, das sein sechzehnjähriges Herz verzehrte, sondern ein ganzer Waldbrand.

Bisweilen blickte er auf seine Stiefel nieder, die nichts weniger als Ballschuhe waren. Wie fest hätte er mit den breiten Absätzen den Takt stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In ihm schob und drängte etwas und wollte ihn wie einen geschlagenen Ball auf den Tanzboden schleudern. Noch widerstand er, obgleich die innere Bewegung immer stärker wurde, je weiter die Nacht vorschritt. Ihm wurde heiß und schwindelig. Heißa, er war nicht länger der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer aufrührt und den Wald knickt!

Da wurde eine Mazurka aufgespielt. Der Bauernjunge geriet außer sich. Er meinte, es klänge wie Polska, wie Värmlandspolska.

Im Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle Herrenmanieren hatte er abgeworfen. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern daheim auf der Scheundiele beim Mitsommertanz. Er ging mit krummen Knien und emporgezogenen Schultern geradeaus. Ohne um die Erlaubnis zu fragen, legte er den Arm um eine Dame und zog sie mit sich. Und dann begann er Polska zu tanzen.

Die Dame folgte ihm halb widerwillig, beinahe fortgeschleppt. Sie konnte nicht in den Takt kommen, sie wußte gar nicht, was für ein Tanz dies war, doch plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des Tanzes wurde ihr klar. Die Polska trug sie, hob sie, verlieh ihren Füßen Schwingen und machte sie so leicht wie Luft. Sie schien zu fliegen.

Denn die Värmlandspolska ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken Sohlen über ungehobelte Scheunendielen dahin. Sie wirbeln so leicht umher wie die Blätter im Herbststurme. Die Polska ist weich, schnell, leise und gleitend. Ihre edlen, maßvollen Bewegungen lassen den Körper sich leicht und frei, elastisch und schwebend fühlen.

Während Peter Nord den Tanz seiner Heimat tanzte, ward es still im Saale. Anfänglich wurde gelacht, bald aber erkannten alle, daß dies Tanzen war. Wenn etwas Tanzen war, so war es dieses Dahinschweben in gleichmäßigen, schnellen Wirbeln.

Da merkte Peter Nord in seiner Ausgelassenheit, daß um ihn herum eine so seltsame Stille herrschte. Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Keine schwarze Scheunendiele, keine mit Birkenzweigen geschmückten Wände, keine lichtblaue Sommernacht und kein munteres Bauernmädchen erblickte er in der Wirklichkeit, die er vor sich hatte. Er schämte sich und wollte sich fortschleichen.

Doch schon wurde er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um den Ladenjungen und riefen: »Tanzen Sie mit uns! Tanzen Sie mit uns!«

Sie wollten sich die Polska lehren lassen. Man hielt sich nicht mehr an die Tanzordnung, und der Ball verwandelte sich in eine Tanzstunde. Und Peter Nord ward an diesem Abend ein großer Mann.

Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren außerordentlich freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Knabe und überdies ein so lustiger Narr. Man konnte nicht anders als ihn verziehen.

Peter Nord fühlte, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen sein, mit ihnen zu sprechen wagen, sich mitten im Lichte bewegen, gefeiert und verhätschelt werden, gewiß war dies das Glück.

Als der Ball zu Ende war, konnte er nicht einmal darüber traurig sein, so glücklich war er. Er empfand das Bedürfnis, alles, was er heute abend erlebt, zu Hause in Ruhe zu überdenken. –

Halfvorson war unverheiratet, hatte aber eine Nichte im Hause, die bei ihm im Kontor arbeitete. Sie war arm und auf Halfvorson angewiesen, behandelte ihn und Peter Nord aber sehr von oben herab. Sie hatte viele Freunde unter den angeseheneren Familien der Stadt und verkehrte in Kreisen, zu denen Halfvorson keinen Zutritt hatte. Sie und Peter Nord gingen zusammen vom Balle nach Hause.

»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson bald wegen verbotenen Schnapshandels verklagt werden wird? Sie können mir immer sagen, was an der Sache ist.«

»Nichts, was der Mühe wert wäre, darum Lärm zu schlagen,« sagte Peter Nord.

Edith seufzte. »Natürlich ist etwas daran. Und es wird ein Prozeß mit Strafzahlen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gern wissen, wie die Sache eigentlich zusammenhängt.«

»Davon wissen Sie besser nichts,« sagte Peter Nord.

»Sehen Sie, Nord, ich will vorwärts,« fuhr Edith fort, »und ich möchte Halfvorson mit hinaufziehen, aber er sinkt immer wieder hinab. Und dann tut er plötzlich etwas, wodurch er mich mit unmöglich macht. Ich sehe ihm nun an, daß er etwas beabsichtigt. Was kann es nur sein? Ich möchte es gar zu gern wissen, können Sie es mir nicht sagen?«

»Nein,« antwortete Peter und sprach kein Wort mehr. Wie unmenschlich, ihm, der von seinem ersten Balle kam, von solchen Dingen zu reden.

Hinter dem Laden lag ein kleiner Alkoven für den Ladenjungen. Da saß der Peter Nord von heute und ging mit dem Peter Nord von gestern ins Gericht. Wie blaß und feig der Lümmel aussah! Nun erfuhr er, wofür er gehalten wurde. Dieb und Geizhals! Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen müßte er eine Tracht Prügel haben. Das wäre ihm gesund.

Lob und Preis sei Gott, der ihn auf den Ball kommen lassen und ihm den Sinn verändert hatte. Pfui, wie häßlich hatte es in seinem Innern ausgesehen, doch nun war alles anders geworden. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm sein Gewissen und seinen Seelenfrieden opferte! Als ob er so viel wert wäre wie eine weiße Maus, wenn man dabei nicht fröhlich sein durfte! Er klatschte jubelnd in die Hände. Frei, frei, frei! Sein Herz trug kein Verlangen mehr nach dem Fünfzigkronenschein. O wie schön war es doch, glücklich zu sein!

Als er sich zu Bett gelegt hatte, dachte er daran, Halfvorson den Schein am andern Morgen früh zu zeigen. Dann stieg ihm der Gedanke auf, der Krämer könnte morgen vor ihm in den Laden kommen, nach dem Scheine suchen und ihn finden. Dann würde er natürlich glauben, daß Peter ihn versteckt, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er versuchte, ihn sich aus dem Sinn zu schlagen, doch es wollte ihm nicht gelingen. Er konnte nicht schlafen. Da stand er auf, ging in den Laden und holte den Schein. Nun schlief er ruhig mit demselben unter dem Kopfkissen ein.

Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein blendete seine Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen, und eine dumpfe Stimme schalt und fluchte.

Ehe der Knabe sich noch besinnen konnte, hatte Halfvorson den Schein schon in der Hand und zeigte ihn zwei Frauen, die in der Tür des Alkovens standen. »Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte er. »Seht ihr, daß es sich für mich der Mühe verlohnte, euch aus dem Bette zu holen und als Zeugen gegen ihn mitzunehmen! Seht ihr, daß er ein Dieb ist?«

»Nein, nein, nein!« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte den Schein nicht stehlen. Ich habe ihn nur versteckt.«

Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen wandten dem Alkoven den Rücken, als wollten sie weder hören noch sehen.

Peter Nord saß aufrecht im Bette. Er sah auf einmal bedauernswert schwach und klein aus. Seine Tränen flossen. Er jammerte laut.

»Onkel,« sagte Edith, »er weint.«

»Laß ihn heulen,« erwiderte Halfvorson, »laß ihn heulen.« Und er trat näher und sah den Knaben an. »Kann mir's schon denken, daß dir heulerig zumute ist. Macht aber auf mich keinen Eindruck.«

»O, o,« rief Peter, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein aus Spaß versteckt – um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie für die Mäuse bestrafen. Ich bin kein Dieb. Will mich denn niemand hören?! Ich bin kein Dieb!«

»Onkel,« sagte Edith. »Hast du ihn nun genug gequält, so daß wir wieder zu Bett gehen können?«

»Kann mir schon denken, daß es sich abscheulich anhört,« antwortete Halfvorson. »Läßt sich aber nicht ändern.« Er war heiter, förmlich ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt,« sagte er zu dem Knaben. »Du hast stets etwas zu verstecken, wenn ich in den Laden komme. Doch nun bist du ertappt. Nun habe ich Zeugen und hole die Polizei.«

Peter stieß einen durchdringenden Schrei aus. »Kann mir niemand helfen, steht mir keiner bei?« rief er. Aber Halfvorson war schon fort, und die Frau, die dem Haushalte vorstand, trat zu ihm.

»Ziehen Sie sich an, Nord! Halfvorson holt die Polizei, und unterdessen müssen Sie machen, daß Sie fortkommen. Fräulein kann, in die Küche gehen und Ihnen ein wenig zu essen einpacken. Ich werde Ihre Sachen zusammensuchen.«

Das entsetzliche Weinen verstummte sofort. Bald war der Knabe fertig. Er küßte den beiden Frauen so demütig die Hand wie ein geschlagener Hund. Und dann eilte er fort.

Sie standen in der Tür und blickten ihm nach. Als er verschwunden war, stießen sie einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Was Halfvorson nun wohl sagt?« fragte Edith.

»Er wird schon damit zufrieden sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat dem Knaben das Geld wohl hingelegt, denke ich mir. Er wollte ihn nur los sein.«

»Weshalb? Der Junge war ja der beste Ladendiener, den wir seit Jahren gehabt haben.«

»Er wollte ihn wohl nicht bei der Schnapsgeschichte zum Zeugen haben – –«

Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein! wie gemein!« murmelte sie nach einer Weile. Sie drohte mit der Faust nach der Kontortür und der kleinen Scheibe, durch die Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie verspürte Lust, ebenfalls von all dieser Schlechtigkeit fort in die Welt hinauszufliehen.

Sie hörte hinten im Laden ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher, ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne Peter Nords Bauer mit den weißen Mäusen.

Sie hob es auf, setzte es auf den Ladentisch und öffnete seine Tür. Eine Maus nach der andern eilte heraus und verschwand hinter den Kisten und Tönnchen.

»Möchtet ihr euch hier wohl fühlen und euch vermehren,« sagte Edith. »Laßt mich sehen, daß ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt!«

2.

Die kleine Stadt lag freundlich und zufrieden am Fuße ihres roten Berges. Sie lag so im Grünen, daß von fern nur der Kirchturm zu sehen war. Die Gärten kletterten in schmalen Terrassen an den Abhängen hinauf, und wo sie in dieser Richtung nicht weiterkommen konnten, stürzten sie sich mit Bäumen und Gebüsch quer über die Straße, breiteten sich zwischen den zerstreut liegenden Häusern aus und nahmen den flachen Uferstreifen unterhalb der Stadt ein, bis der breite Fluß ihnen den Weg verlegte.

Es war ganz still und ruhig in der Stadt. Kein Mensch war zu sehen, nur Bäume, Sträucher und hier und da ein Haus. Das einzige, was man hörte, war das Rollen der Kugeln auf der Kegelbahn, und es klang wie Donner in der Ferne an einem Sommertage. Das gehörte mit zu der Stille.

Doch jetzt knirschte das unebene Marktpflaster unter eisenbeschlagenen Absätzen. Der Klang rauher Stimmen hallte von den Mauern der Kirche und des Rathauses wider, wurde vom Berge zurückgeworfen und eilte ungehindert die lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die vormittagliche Stille.

Ach, die süße Ruhe, der jahrelange Sonntagsfrieden! Wie sie erschraken! Man konnte förmlich hören, wie sie die Bergpfade hinaufflohen.

Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der Värmlandsbube, der vor sechs Jahren, des Diebstahls angeklagt, aus der Stadt entflohen war. Seine Begleiter waren drei Strolche aus der großen Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt liegt.

Wie war es dem kleinen Peter Nord denn ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er hatte einen der allervernünftigsten Freunde und Begleiter gehabt.

Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus der Stadt entfloh, brausten ihm Polska-Melodien in den Ohren. Und eine derselben war eigensinniger als alle die andern. Es war die, welche sie alle bei dem großen Rundtanze gesungen:

»Nun ist es Weihnacht wieder,
Nun ist es Weihnacht wieder,
Und nach dem Feste kommt dann Ostern!
Doch das ist gar nicht wahr,
Doch das ist gar nicht wahr,
Denn nach Weihnachtsfeste kommt Frau Fasta!« Fasta = Fastenzeit.

Dies hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und die in dem alten Reigen verborgene Weisheit drang in den kleinen, genußsüchtigen Värmlandsbuben ein, drang ihm in jede Fiber, vermischte sich mit jedem Blutstropfen, sog sich ihm im Hirn und Mark fest. So ist es, so soll es sein. Zwischen Weihnachten und Ostern, den Festen der Geburt und des Todes, kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man nichts begehren, es ist eine arme, freudenlose Fastenzeit. Man kann ihm nie glauben, wie es sich auch verstellt. Im nächsten Augenblicke ist es schon wieder häßlich und grau. Es kann nicht dafür, das Ärmste, es versteht es nicht besser!

Peter Nord fühlte sich beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis abgelauscht.

Er glaubte die gelbblasse Frau Fasta im Bettlergewande mit der Fastnachtsrute in der Hand über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte, wie sie ihn zähneknirschend anfuhr: »Du hast mitten in der Fastenzeit, die man Leben nennt, das Fest der Freude und der Heiterkeit feiern wollen. Dafür sollst du in Schimpf und Schande leben, bis du dich gebessert hast.«

Doch er hatte sich gebessert, und Frau Fasta war seine Beschützerin geworden. Er hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt zu fliehen brauchen, denn er war gar nicht verfolgt worden. Und dort hatte Frau Fasta ihren festen Wohnsitz im Arbeiterviertel. Peter Nord fand in einer Maschinenfabrik Beschäftigung. Er wurde stark und energisch, ernst und sparsam. Er hatte feine Sonntagskleider, vermehrte seine Kenntnisse, lieh sich Bücher und hörte populärwissenschaftliche Vorträge. Von dem kleinen Peter Nord waren nur noch die braunen Augen und das Flachshaar da.

Jene Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Fabrikarbeit hatte den Bruch noch erweitert, so daß der närrische Värmländer hatte ganz herauskriechen können. Er schwatzte keinen Unsinn mehr, denn in der Fabrik, wo das Reden verboten war, hatte er schweigen gelernt. Er machte keine Erfindungen mehr, denn, seit er sich ernstlich mit Federn und Rädern beschäftigte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er verliebte sich nicht, denn seit er die Schönheiten der kleinen Stadt kennen gelernt, vermochten die Frauen des Arbeiterviertels ihn nicht mehr zu interessieren. Er hatte keine Mäuse mehr, kein Eichhörnchen, nichts, womit er spielen konnte. Er hatte keine Zeit dazu, er wußte, daß Spielen nicht nützlich ist, und er gedachte mit Entsetzen an die Zeit, da er sich mit den Gassenbuben prügelte.

Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders als grau, grau, grau sein könnte. Er langweilte sich stets, war aber so daran gewöhnt, daß er es selbst nicht merkte. Peter Nord war stolz darauf, daß er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Erhebung von der Nacht, da der Frohsinn ihn treulos verließ und Frau Fasta seine Begleiterin und Freundin wurde.

Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord in Begleitung dreier versoffener, zerlumpter Strolche mitten an einem Werktage in die kleine Stadt kommen?

Er war trotz alledem doch stets ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Den drei Strolchen hatte er stets nach besten Kräften zu helfen versucht, obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Brennholz in ihr elendes Loch gebracht, wenn der Winter am kältesten war, und ihnen die Kleider gestopft und geflickt. Die drei Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich darum, daß sie alle drei Peter hießen. Der Name vereinte sie fester, als wenn sie Geschwister gewesen wären. Und um dieses Namens willen ließen sie sich die Freundschaftsdienste des Knaben gefallen, und wenn sie abends in bequemer Stellung auf ihren Holzschemeln ihren Kaffee mit Branntwein schlürften, unterhielten sie ihn mit Galgenhumor und erlogenen Abenteuern, während er die handgroßen Löcher ihrer Strümpfe stopfte. Das machte Peter Nord Spaß, obgleich er es nicht eingestehen wollte. Die drei Kerle waren ihm nun beinahe dasselbe, was ihm früher die Mäuse gewesen.

Da begab es sich, daß den Strolchen das Gerede aus der kleinen Stadt zu Ohren kam, und nun, nach Verlauf von sechs Jahren, teilten sie Peter Nord mit, daß Halfvorson ihm den Fünfzigkronenschein hingelegt, um ihn als Zeugen unschädlich zu machen. Und ihre Meinung war, daß Peter in die kleine Stadt ziehen und Halfvorson durchprügeln müsse.

Peter Nord aber war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt ausgerüstet. Auf solche Streiche wollte er sich durchaus nicht einlassen.

Die drei Peter brachten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel herum, und alle Menschen sagten: »Peter Nord, prügle Halfvorson durch, damit du ins Loch kommst und eine Untersuchung eingeleitet wird. Kommt die Sache vor Gericht und in die Zeitungen, so ist der Kerl im ganzen Lande unmöglich gemacht.«

Doch Peter Noid wollte nicht. Es wäre freilich ein Spaß, aber Rache ist ein teures Vergnügen, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das Leben kann sich solche Späße nicht erlauben.

Da waren die drei Strolche eines Morgens zu ihm gekommen und hatten gesagt, sie wollten statt seiner hingehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben, damit »es auf Erden gerecht zugehe«.

Und Peter hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie nur einen Schritt nach der kleinen Stadt gingen.

Da hielt der eine, der klein und untersetzt war und der lange Peter hieß, Peter Nord eine Rede.

»Diese Erde«, sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer hängt und gebraten werden soll. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter Nord, und der Apfel muß über dem Feuer hängen, um weich und süß zu werden. Doch wenn der Faden reißt und der Apfel ins Feuer fällt, so ist er verdorben. Deshalb kommt es hauptsächlich auf den Faden an, Peter Nord. Weißt du, was ich mit dem Faden meine?«

»Ein Drahtseil, glaube ich,« antwortete Peter Nord.

»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« fuhr der lange Peter mit düsterem Ernst fort, »wenn es auf Erden keine Gerechtigkeit gibt, geht alles zugrunde. Deshalb darf der Rächer sich seinem Strafamte nicht entziehen, und weigert er sich, so müssen andere an seiner Stelle gehen.«

»Euch spendiere ich keinen Branntweinkaffee wieder,« sagte Peter Nord, auf den die Rede keinen Eindruck gemacht zu haben schien.

»Ja, das hilft dann nicht,« erwiderte der lange Peter. »Gerechtigkeit muß geübt werden.«

»Wir tun es nicht, um deinen Dank zu verdienen, sondern damit der ehrliche Petername nicht in Verruf komme,« sagte der zweite, der groß und mürrisch war und Walzenpeter hieß.

»Steht der Name in so hohem Ansehen?« fragte Peter Nord in verächtlichem Tone.

»Ja, und es ist uns unangenehm, daß nun in allen Wirtshäusern gesagt wird, du hättest den Fünfzigkronenschein wohl zu stehlen beabsichtigt, da du den Krämer nicht zur Verantwortung ziehen willst.«

Das Wort traf. Peter sprang auf und sagte, nun wolle er den Kaufmann durchprügeln.

»Ja, wir kommen mit und helfen dir!« riefen die Strolche.

Und so zogen sie, vier Mann hoch, nach der kleinen Stadt. Anfangs war Peter Nord mürrisch und verdrießlich und viel böser auf seine Freunde als auf seinen Feind. Doch, wie er auf die Flußbrücke kam und die Stadt erblickte, war er wie ausgetauscht. Es war ihm, als sei ihm hier ein kleiner weinender Flüchtling begegnet und er in ihn hineingeschlüpft. Und je mehr er sich in dem alten Peter Nord heimisch fühlte, desto tiefer empfand er das blutige Unrecht, das der Krämer ihm zugefügt. Nicht genug damit, daß er ihn in Versuchung führen und ins Unglück stürzen gewollt, nein, was noch schlimmer war, er hatte ihn auch aus der Stadt vertrieben, wo er sein Leben lang der alte Peter Nord verblieben wäre. Wie hatte er sich damals amüsiert, wie froh und heiter war er gewesen, wie offen war sein Herz und wie schön die Welt gewesen! Herr Gott, hätte er doch hier weiterleben dürfen! Und er dachte daran, was nun aus ihm geworden – schweigsam und langweilig war er, ernst und arbeitsam – ganz wie ein verlorener Mensch.

Jetzt kochte er vor Wut auf Halfvorson, und statt wie vorher den Kameraden zu folgen, eilte er ihnen voraus.

Doch die Strolche, die nicht nur den Krämer strafen, sondern auch ihrem Zorne Luft machen wollten, wußten kaum, was sie anfangen sollten. Hier war keine Arbeit für einen gereizten Mann. Kein Hund, den man hetzen, kein Gassenkehrer, mit dem man Streit anfangen, kein feiner Herr, dem man ein Schimpfwort nachrufen konnte. –

Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, der Frühling war im Begriff, in den Sommer überzugehen. Es war die weiße Zeit der Kirschblüte und der blühenden Faulbäume, in der die Syringentrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und die Apfelblüten duften. Diese Männer, die direkt aus der engen Gasse und vom Kai in das Reich der Blumen gekommen, verspürten eine seltsame Wirkung davon. Drei Paar bisher entschlossen geballter Fäuste lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten ein bißchen schwächer auf dem Straßenpflaster.

Vom Markte sahen sie einen Fußpfad sich den Berg hinanschlängeln. An ihm entlang wuchsen junge Kirschenbäume, die mit ihren weißen Kronen Bogen und Gewölbe bildeten. Die Gewölbe waren schwebend leicht und die Zweige unbeschreiblich schwach, alles zart, fein und kindlich.

Dieser Kirschenweg mußte die Blicke der Männer auf sich ziehen. Was war dies für ein unpraktisches Loch, in welchem man Kirschbäume pflanzte, wo jedermann die Früchte stehlen konnte! Die drei Peter hatten das Städtchen vorher als eine Feste der Ungerechtigkeit voller Grausamkeit und Tyrannei betrachtet. Jetzt begannen sie seiner zu spotten und es über die Achsel anzusehen.

Doch der Vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachlust kochte immer heißer, denn er fühlte, daß dies der Ort war, wo er hätte leben und wirken müssen. Hier war sein verlorenes Paradies. Und ohne sich um die andern zu kümmern, ging er rasch die Straße hinauf.

Sie folgten ihm, und da sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und sie an derselben entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, nahmen ihre Verachtung und ihre Heiterkeit zu. Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben erregten Blumen ihre Aufmerksamkeit, doch hier war es nicht anders möglich, denn die Syringentrauben schlugen ihnen die Mützen ab, und die Kirschenbäume übergossen sie mit einem Blütenregen.

»Was für eine Art Leute gibt es hier wohl?« fragte der lange Peter nachdenklich.

»Bienen!« antwortete Holzpantoffelpeter rasch. Er hieß so, weil er einmal mit einem Pantoffelmacher in einem Hause gewohnt hatte.

Natürlich erblickten sie schließlich auch Menschen. In den Fenstern hinter hellen Scheiben und weißen Gardinen erschienen hübsche, junge Gesichter, und auf den Terrassen sahen sie Kinder spielen. Doch kein Geräusch unterbrach die Stille. Es war ihnen, als könnte selbst die Posaune des Jüngsten Gerichtes die Stadt nicht erwecken. Was sollte man mit einer solchen Stadt anfangen!

Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Dort stellten sie mit dumpfer Stimme einige Fragen an den Händler. Sie fragten, ob die Spritzen der Feuerwehr in Ordnung seien und ob es einen Klöppel in der Kirchenglocke gebe, für den Fall, daß Feuerlärm gemacht werden müsse.

Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort. Eins, zwei, drei, alle Flaschen aufeinander mit einer solchen Wucht, daß ihnen die Scherben um die Ohren flogen. Oh, wie tat ihnen der Lärm wohl!

Sie hörten Schritte hinter sich, wirkliche Schritte, Stimmen, harte, deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dabei ein Klirren wie von Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Es klang wie eine ganze Kompagnie.

Das war es auch, aber von jungen Dirnen. Die Mägde der Stadt zogen in geschlossener Truppe aus, um die Kühe auf der Weide zu melken.

Dies machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger den größten Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern! Das war beinahe rührend!

Sie traten plötzlich aus ihrem Torwege hervor und sagten: »Buh!«

Der ganze Mägdetrupp stob augenblicklich auseinander. Die Dirnen liefen kreischend davon. Die Röcke flatterten, die Kopftücher glitten herab, die Milcheimer fielen auf die Straße.

Und zugleich ertönten die ganze Straße entlang dumpfe Laute von zugeworfenen Türen und Toren, Haken, Klinken und Riegeln.

Weiter die Straße hinab stand eine große Linde, und darunter saß eine alte Frau hinter einem Tische mit Bonbons und Eisenkuchen. Sie rührte sich nicht, sie sah sich nicht um, sie saß nur still. Sie schlief auch nicht.

»Sie ist von Holz!« sagte der Holzpantoffelpeter.

»Nein, von Ton!« behauptete der Walzenpeter.

Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten begannen sie hin und her zu schwanken. Gerade auf sie los. Der Tisch erhielt einen Stoß. Die Alte fing an zu schelten.

»Weder Holz noch Ton,« sagten sie, »Gift, eitel Gift und Galle.«

Die ganze Zeit über hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekümmert, doch nun standen sie endlich vor Halfvorsons Laden und dort erwartete er sie.

»Niemand kann bestreiten, daß dies hier meine Angelegenheit ist,« sagte er stolz, indem er auf den Laden zeigte. »Jetzt gehe ich allein hinein, um sie abzumachen. Gelingt es mir nicht, so könnt ihr euer Heil versuchen.«

Sie nickten beifällig. »Geh nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen auf dich.«

Peter trat in den Laden und fand dort einen jungen Mann allein, den er nach Halfvorson fragte. Er erfuhr, daß dieser verreist sei. Er ließ sich mit dem Ladendiener in ein Gespräch ein und bekam allerlei Nachrichten von seinem früheren Herrn.

Halfvorson sei gar nicht des Schnapshandels wegen verklagt worden. Wie er sich gegen Peter Nord benommen, wisse jedermann, aber man spreche nicht mehr davon. Halfvorson habe es zu etwas gebracht und sei nun nicht mehr so schlimm. Er sei nicht mehr unmenschlich gegen seine Schuldner und lege dem Ladenjungen keine Schlingen mehr. In den letzten Jahren habe er sich auf die Gärtnerei gelegt. Er habe rund um sein Haus in der Stadt einen Blumengarten und draußen vor dem Weichbilde einen Küchengarten angelegt. Jetzt arbeite er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum noch ans Geldzusammenscharren denke.

Peter Nord fühlte einen Stich im Herzen. Natürlich war der Mann gut, er hatte ja im Paradiese bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier wohnte.

Edith Halfvorson war noch bei ihrem Onkel, war aber jetzt krank. Sie hatte im Winter die Lungenentzündung gehabt und war brustschwach geblieben.

Während Peter Nord sich dies und noch manches andere erzählen ließ, standen die drei Kerle draußen und warteten.

In Halfvorsons sonnigem Garten war eine Birkenlaube errichtet worden, damit Edith dort an den schönen, warmen Frühlingstagen sitzen konnte. Ihre Kräfte nahmen so langsam zu, wenn auch keine Lebensgefahr mehr da war.

Mit einigen ist es so bestellt, daß man glauben möchte, sie wollten nicht leben. Bei der ersten Krankheit, die sie ergreift, legen sie sich hin und sterben. Halfvorsons Nichte war seit langem alles verleidet, das Kontor, der kleine düstere Laden, der Gelderwerb. Als sie siebzehn Jahre alt war, hatte sie sich das Ziel gesetzt, in feineren Kreisen zu verkehren und sich dort Freunde zu erwerben. Dann hatte sie den Versuch unternommen, Halfvorson auf dem Pfade der Tugend zu erhalten, und jetzt war ihr auch dies gelungen. Sie sah keine Möglichkeit, aus dem Einerlei des kleinstädtischen Lebens herauszukommen. Sie konnte gern sterben.

Sie war eine jener elastischen Stahlfedernaturen. Eitel Nerven und Lebhaftigkeit, sowie etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz abmühen müssen, ehe sie ihren Onkel zu der Einsicht gebracht, daß Peter Nord-Geschichten nicht wieder vorkommen dürften! Doch nun war er besiegt, war zahm geworden, und sie hatte nichts mehr, was sie interessierte. Und nun sollte sie doch nicht sterben! Sie überlegte, was sie sich vornehmen sollte, wenn sie erst wieder gesund wäre.

Plötzlich fuhr sie zusammen. Sie hörte jemand sagen, er wolle die Angelegenheit mit Halfvorson allein abmachen. Und ein anderer erwiderte: »Geh nur, Peter Nord.«

Aber Peter Nord war ja der schrecklichste, der unglückseligste Name auf Erden. Er bedeutete ja, das Erwecken aller der alten Gemeinheiten. Edith erhob sich bebend, und im selben Augenblicke kamen drei scheußliche Gestalten um die Ecke und blieben, sie anstarrend, vor ihr stehen. Nur ein niedriger Zaun und ein dünnes Gebüsch trennten den Garten von der Straße.

Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obwohl sein Ladendiener sagen mußte, er sei verreist. Er schämte sich seiner Gärtnerliebhaberei. Edith fürchtete sich ebenso sehr vor den drei Männern, wie vor dem, welcher in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt, daß sie ihr etwas zuleide tun wollten. Und so begann sie auf den steilen, glatten Steigen und den kleinen morschen, von einer Terrasse zur andern führenden Holztreppen den Berg hinan zu laufen.

Die fremden Männer fanden es gar zu komisch, daß sie vor ihnen fortlief. Sie konnten es nicht lassen, sich den Anschein zu geben, als wollten sie sie verfolgen. Einer von ihnen kletterte auf den Zaun, und alle drei schrien mit entsetzlicher Stimme hinter ihr her.

Edith lief, wie man im Traume läuft, keuchend, stolpernd, zu Tode erschreckt, mit dem entsetzlichen Gefühle, nicht von der Stelle zu kommen. Alle möglichen Empfindungen stürmten auf sie ein und erschütterten sie so, daß sie sterben zu müssen glaubte. Ja, sie wußte, daß sie sterben würde, wenn einer der Kerle Hand an sie legte. Als sie die oberste Terrasse erreicht hatte und zurückzublicken wagte, sah sie, daß die Männer ruhig auf der Straße stehen geblieben waren und gar nicht mehr auf sie acht gaben. Da warf sie sich völlig entkräftet auf den Boden nieder. Doch die Anstrengung war zu groß für sie gewesen. Sie fühlte, wie etwas in ihr zersprang. Gleich darauf drang ein Blutstrom über ihre Lippen.

So fanden die vom Melken heimkehrenden Mägde sie. Sie war halbtot. Diesmal kam sie mit dem Leben davon, doch keiner wagte zu hoffen, daß sie es lange behalten würde.

Sie konnte an diesem Tage nicht so viel sprechen, daß sie hätte erzählen können, auf welche Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es gekonnt, so wären die Fremden vielleicht nicht lebendig aus der Stadt gekommen. Es ging ihnen auch so schlimm genug. Denn, als Peter Nord aus dem Laden gekommen war und ihnen mitgeteilt hatte, daß Halfvorson nicht zu Hause sei, verließen sie alle vier in schönster Eintracht die Stadt und suchten einen sonnigen Abhang auf, wo sie die Zeit bis zur Rückkehr des Krämers zu verschlafen gedachten.

Doch als die Männer der Stadt, die auf dem Felde gearbeitet hatten, nachmittags nach Hause kamen, erzählten ihnen die Weiber von den drei Strolchen, von ihren drohenden Fragen in dem Laden, wo sie Bier gekauft, und von ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen vergrößerten und übertrieben die Sache, sie hatten ja den ganzen Nachmittag zu Hause gesessen und sich in die Angst hineingeredet. Die Männer glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu greifen, fanden in einem beherzten Manne einen Anführer, nahmen jeder einen tüchtigen Knüttel mit und zogen aus.

Nun wurde es Leben in der Stadt. Die Frauen standen in der Haustür und machten einander bange. Es war ebenso unheimlich wie vielversprechend.

Es dauerte auch nicht lange, bis die Suchenden mit ihrer Beute kamen. Sie brachten sie alle viere mit. Sie hatten die Schlafenden umringt und sie gefangen. Die Tat hatte keinen Heldenmut erfordert.

Jetzt brachten sie sie wieder mit heim und trieben sie wie Vieh vor sich her. Der Wahnsinn des Rachedurstes hatte die Sieger ergriffen. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer der Gefangenen die Faust ballte, erhielt er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf, und dann hagelte es Schläge, bis er aufstand und weiterging. Die vier Männer wurden beinahe totgeschlagen.

Es klingt so schön in den alten Liedern, wie der gefangene Held in Fesseln vor dem Triumphwagen seines siegreichen Feindes hergeht. Doch selbst im Unglücke ist er noch stolz und zuversichtlich. Und die Blicke suchen ihn ebensogut wie den Glücklichen, der ihn überwunden hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit gehören dem selbst im Unglücke noch Beneidenswerten.

Doch wer wollte für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war zerrissen und sein Flachshaar klebte von Blut. Er bekam die meisten Schläge, denn er setzte sich am heftigsten zur Wehr. Er bot einen unheimlichen Anblick dar. Er brüllte, ohne es zu wissen. Die Buben hängten sich an ihn, und er schleppte sie lange Strecken mit. Einmal blieb er stehen und schüttelte das kleine Volk ab. Als er sich zum Fliehen anschickte, schlug man ihn mit einem Knüttel zu Boden. Er fuhr, halb betäubt, wieder auf und stolperte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn herab hagelten und die Buben sich wie Egel an seine Arme und Beine hängten.

Da begegneten sie dem alten Senator, der gerade von seiner Whistpartie im Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrabe, »ihr bringt welche ins Loch.«

Und er stellte sich an die Spitze des Zuges, befahl und ordnete an. Nach einer Sekunde sah alles anständig aus. Die Gefangenen und ihre Wächter marschierten in Ruhe und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige schlugen mit ihren Knütteln auf das Pflaster, andere schulterten sie wie Gewehre. Und so wurden die Gefangenen der Stadt auf der Polizei abgeliefert und in das Gefängnis auf dem Markte abgeführt.

Die Retter der Stadt standen noch lange auf dem Markte und redeten von ihrem Mute und der großen Tat. Und in der kleinen Gaststube, wo der Rauch dichte Wolken bildet und angesehene Männer ihren Mitternachtsgrog brauen, wird die Tat noch mehr vergrößert. Da wachsen die in den Schaukelstühlen, da schwellen die auf dem Sofa Sitzenden, da werden sie alle zu Helden. Welche Tatkraft schlummert in der kleinen Stadt der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!

Doch dem alten Senator wollte die Sache nicht gefallen. Er konnte sich nicht damit aussühnen, daß das Wikingerblut wieder in Wallung geraten. Und der Gedanke hieran ließ ihn nicht schlafen, er mußte wieder hinaus und ging langsamen Schrittes nach dem Markte.

Das Städtchen lag im sanften Lichte der Frühlingsnacht da. Der einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Auf der Kegelbahn rollten keine Kugeln mehr. Alle Rouleaux waren heruntergelassen. Die Häuser schienen mit geschlossenen Augenlidern zu schlafen. Die lotrecht aufsteigenden Berge waren so schwarz, wie wenn sie in Trauer gekleidet wären. Doch mitten in allem diesem Schlafe wachte einer – der Blumenduft schlief nicht. Er schlich sich über die Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab, kletterte in jedes angelehnte Fenster und in jede offene Bodenluke, die frische Luft einatmete.

Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah sofort seine ganze kleine Stadt vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt. Er sah sie als Blumenstadt, wo nicht die Häuser, sondern die Gärten aneinanderstießen. Er sah die Kirschbäume weiße Bogen über den steilen Bergpfad wölben, sah die Syringentrauben, die zu prachtvollen Rosen anschwellenden Knospen, die stolzen Päonien und die Blumenblätterwehen auf der Erde unter den Faulbäumen.

Der alte Senator ging in tiefen Gedanken. Er war so weise und so alt. Die Siebzig hatte er überschritten und fünfzig Jahre lang das Geschick der Stadt geleitet. Doch in dieser Nacht fragte er sich, ob er recht daran getan, stets zu dämpfen und zu beruhigen. »Ich hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu etwas Großem gemacht.« Und er erinnerte sich ihrer vergangenen Größe und zweifelte immer mehr daran, ob er recht gehandelt.

Er stand unten am Markte, da wo die Aussicht sich über den Fluß öffnet. Ein Boot kam gerudert. Einige Städter kehrten von einem Ausfluge zurück. Hellgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten unter dem Brückengewölbe hindurch, doch dort war die Strömung so stark, daß sie zurücktrieben. Es entstand ein heftiger Kampf. Ihr schlanker Leib beugte sich so weit nach hinten, daß er in einer Höhe mit dem Bootrande lag. Die weichen Armmuskeln spannten sich an. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Der Lärm von Lachen und Rufen erfüllte die Luft. Mal auf Mal siegte der Strom. Das Boot wurde schmählich zurückgeworfen. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai anlegen und den Männern das Heimschaffen des Bootes überlassen mußten, waren sie rot und verdrießlich und mußten doch lachen. Oh, wie ihr Lachen die Straße hinunterschallte! Wie ihre breitrandigen hellen Hüte, ihre leichten flatternden Sommerkleider die stille Nacht belebten!

Da stellten sich der Phantasie des alten Senators – das Dunkel erlaubte ihm nicht, sie deutlich zu sehen – ihre süßen, jungen Gesichter, ihre schönen, klaren Augen und roten Lippen dar. Er richtete sich stolz auf. Die kleine Stadt war doch nicht ohne Glanz. Andere Städte konnten sich mit anderem brüsten, doch er kannte keinen Ort, der reicher an der, den Blick erfreuenden Schönheit der Blumen und Frauen war.

Da dachte der Alte mit neuem Mute an sein Wirken. Er brauchte sich nicht um die Zukunft dieser Stadt zu sorgen. Eine solche Stadt brauchte sich nicht durch strenge Gesetze zu schützen.

Und so erbarmte er sich denn über die armen Gefangenen. Er ging zum Polizeimeister, weckte ihn und redete mit ihm. Und dieser war ganz seiner Meinung. Sie gingen zusammen nach dem Arrestlokal und ließen Peter Nord und seine Kameraden frei.

Daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt gleicht der milesischen Aphrodite. Sie zieht durch ihre Schönheit an, und es fehlt ihr an festhaltenden Armen.

3.

Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Märchenwelt der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um erzählen zu können, was sich nun zutrug. Wäre der junge Peter Nord ein Per Svinaherde mit der Goldkrone unter dem Hute gewesen, würde uns alles so einfach und natürlich vorkommen. Doch nun glaubt mir wohl keiner, wenn ich sage, daß auch Peter Nord einen königlichen Reif um sein Flachshaar trug. Es weiß eben niemand, wie wunderbar es in der kleinen Stadt zugeht. Niemand vermag auch nur zu ahnen, wie viele verzauberte Prinzessinnen dort auf den märchenhaften Hirtenknaben warten.

Anfangs hatte es den Anschein, als wäre die Geschichte hiermit zu Ende. Denn als Peter, von dem alten Senator freigelassen, zum zweiten Male mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mußte, überkamen ihn wieder dieselben Gedanken wie bei seiner ersten Flucht. Wieder erklangen ihm die Polskamelodien in den Ohren, alle übertönt von dem alten Ringelreihen:

»Nun ist es Weihnacht wieder,
Nun ist es Weihnacht wieder,
Und nach dem Feste kommt dann Ostern!
Doch das ist gar nicht wahr,
Doch das ist gar nicht wahr,
Denn nach dem Weihnachtsfeste kommt Frau Fasta!«

Und er sah deutlich die gelbblasse Frau Fasta mit ihrer Rute über die Erde schleichen. Und sie rief ihm zu: »Verschwender, Verschwender! Du hast während der Fastenzeit, die man Leben nennt, das Fest der Rache und der Genugtuung feiern wollen. Kann man sich hienieden solchen Luxus erlauben, du Dummkopf?«

Darauf hatte er ihr von neuem Gehorsam gelobt und war wieder ein schweigsamer, sparsamer Arbeiter geworden, der still und besonnen seine Pflicht tat. Niemand hätte ihm zugetraut, daß er vor Bosheit gebrüllt und das kleine Volk abgeschüttelt, wie der verfolgte Elch die Hunde.

Ein paar Wochen später suchte Halfvorson ihn in der Fabrik auf. Er kam im Auftrage seiner Nichte, die womöglich noch am selben Tage mit Peter Nord sprechen wollte.

Peter Nord bebte und zitterte am ganzen Leibe, als er Halfvorson erblickte. Es war ihm, als sehe er eine glatte Schlange. Er wußte nicht, sollte er zuschlagen oder fortlaufen – doch da bemerkte er, daß der Alte tiefbekümmert aussah.

Der Kaufmann hatte ein solches Aussehen, wie man es vom schnellen Gehen bei heftigem Winde bekommt. Die Gesichtsmuskeln waren gespannt, die Lippen fest aufeinandergepreßt, die Augen von Tränen gerötet. Das einzige, was sich gleich geblieben, war die Stimme. Die war noch ebensowenig menschenähnlich und ausdruckslos.

»Sie brauchen weder die alte noch die neue Geschichte zu fürchten,« sagte Halfvorson. »Es hat sich allerdings herumgesprochen, daß Sie in Gesellschaft der drei Kerle waren, die neulich bei uns solchen Aufstand machten. Und da wir annahmen, daß sie von hier waren, kamen wir Ihnen dadurch auf die Spur. Edith wird bald sterben«, fuhr er fort, und sein Gesicht verzog sich schmerzlich, »und will vor ihrem Tode noch einmal mit Ihnen sprechen. Doch wir meinen es nicht böse mit Ihnen!«

»Ich komme selbstverständlich,« antwortete Peter Nord.

Bald befanden sich beide an Bord des Dampfers, Peter fein geputzt in seinem Sonntagsstaate. Und unter dem Hute spielten und lächelten alle seine Knabenträume, ein wirklicher Kronreif umschloß sein lichtes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die Besinnung. Er hatte es ja stets geahnt, daß feine Damen sich in ihn verlieben würden. Und nun wollte eine solche ihn vor ihrem Tode noch einmal sehen. Das war das Wunderbarste von allem Wunderbaren! – Er dachte an sie, wie sie früher gewesen. So stolz, so lebensfroh! Und nun mußte sie sterben. Sie tat ihm so leid. Doch daß sie alle diese Jahre seiner gedacht! Er versank in schmerzlich-süße Gedanken.

Der alte, närrische Peter Nord war wieder da. Sowie er sich dem Städtchen näherte, wich Frau Fasta mit Überdruß und Verachtung von ihm.

Halfvorson hatte keinen Augenblick Ruhe. Der heftige Sturm, von dem nur er allein etwas merkte, trieb ihn auf dem Decke hin und her. Wenn er an Peter vorbeiging, brummte er einige Worte, so daß dieser erfuhr, welche Richtung die trüben Gedanken des Krämers eingeschlagen hatten.

»Sie fanden sie halbtot auf der Erde liegen – in einer Blutlache,« sagte er das eine Mal. Und ein andermal: »War sie nicht gut? War sie nicht hübsch? Wie konnte es ihr nur so schlecht gehen?« Und dann: »Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit ansehen, daß sie den ganzen Tag betrübt aussah und das Kassenbuch mit ihren Tränen verdarb.« Darauf: »Übrigens eine schlaue Dirn', Nord. Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir zu Hause gemütlich. Verschaffte mir feinen Verkehr. Durchschaute sie allerdings, konnte ihr aber nicht widerstehen.« Er ging bis aufs Vorderdeck und kehrte dann wieder zurück. »Ich kann es nicht ertragen, daß sie sterben muß.«

Und alles dies sagte er mit seiner hilflosen Stimme, die er weder dämpfen noch modulieren konnte. Peter Nord hatte das stolze Gefühl, daß ein Mann, dessen Stirn ein Königreif umschloß, nicht das Recht habe, einem Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von den Menschen geschieden und konnte ihre Liebe nicht gewinnen. Deshalb mußte er sie alle wie Feinde behandeln. Man konnte ihn nicht mit demselben Maße messen wie andere Menschen.

Darauf versank Peter Nord wieder in seine Träumereien. Sie hatte seiner also während all dieser Jahre gedacht und konnte nicht sterben, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben. Oh, welch ein Gedanke! Ein junges Mädchen hatte jahrelang seiner gedacht, ihn geliebt, ihn vermißt!

Sowie er ans Land gekommen war und das Haus des Krämers erreicht hatte, wurde er zu Edith geführt, die ihn draußen in der Laube erwartete.

Der glückliche Peter Nord brauchte bei ihrem Anblicke nicht aus seinen Träumen zu erwachen. Sie war eine liebreizende Traumerscheinung, diese junge Maid, die mit den wurzellosen Birken der Laube um die Wette dahinwelkte. Ihre großen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hände waren so dünn und durchsichtig, daß man sich fürchtete, diese vergeistigte Materie zu berühren.

Und dies war sie, die ihn liebte! Natürlich liebte er sie sofort wieder, liebte sie heiß, teuer, glühend! Welche Seligkeit, nach so langen Jahren wieder zu fühlen, wie das Herz beim Anblicke eines Mitmenschen warm wird!

Er war am Eingang der Laube stehen geblieben, während Auge, Herz und Hirn in eifriger Tätigkeit waren. Als sie bemerkte, daß er sie ansah, begann sie zu lächeln, mit dem verzweifeltsten Lächeln, das es gibt, jenem Lächeln der Kranken, welches sagen zu wollen scheint: »Sieh, was aus mir geworden, doch zähle nicht auf mich. Ich kann nicht mehr schön und anmutig sein. Ich werde bald sterben.«

Dies fühlte ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er es nicht mit einem Traumbilde, sondern mit einer Seele zu tun hatte, die im Begriffe war zu entfliehen und deshalb die Mauern ihres Gefängnisses so dünn und durchsichtig gemacht hatte. Nun zeigte es sich deutlich auf seinem Gesichte und an der Weise, in der er Ediths Hand ergriff, daß er auf einmal ihr Leiden teilte, und daß er über der Sorge, sie bald zu verlieren, alles andere vergessen hatte, so deutlich, daß die Kranke plötzlich ein ebensolches Mitleid mit sich selbst empfand und ihre Augen sich mit Tränen füllten.

Oh, welches Mitgefühl er vom ersten Augenblick an für sie empfand. Er begriff sofort, daß sie ihre Bewegung schwerlich würde zeigen wollen. Natürlich mußte es sie ergreifen, ihn vor sich zu sehen, den sie so lange vermißt, doch nun war ihre Schwäche daran schuld, daß sie sich verriet. Sie wollte natürlich nicht, daß er es beachten sollte. Und deshalb brachte er ein unverfängliches Thema aufs Tapet.

»Wissen Sie, was aus meinen weißen Mäusen geworden ist?« fragte er.

Sie blickte ihn bewundernd an. Er schien ihr den Weg ebnen zu wollen. »Ich ließ sie in den Laden laufen,« antwortete sie. »Sie haben sich gut durchgeschlagen.«

»Oh nein, wirklich! Leben noch einige von ihnen?«

»Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse nie wieder los wird. Die haben Sie gerächt, müssen Sie wissen,« sagte sie absichtlich.

»Es war eine vorzügliche Rasse,« antwortete Peter Nord stolz.

Das Gespräch geriet eine Weile ins Stocken. Edith schloß die Augen, wie um zu ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort hatte sie nicht verstanden. Er hatte nicht an das angeknüpft, was sie von der Rache gesagt. Als er von den Mäusen angefangen, hatte sie geglaubt, er wisse, was sie ihm hatte sagen wollen.

Sie hatte es ja verstanden, daß er vor ein paar Wochen gekommen war, um sich zu rächen. Der arme Peter Nord! Manch liebes Mal hatte sie darüber nachgegrübelt, wie es ihm wohl gehe. Manche Nacht hatte das Weinen des erschreckten Jungen sie im Traume heimgesucht. Es war teilweise um seinetwillen, damit sie nicht noch einmal eine solche Nacht würde erleben müssen, geschehen, daß sie angefangen, auf ihren Onkel einzuwirken, ihm seine Häuslichkeit gemütlich zu machen und den Einsamen zu lehren, welchen Wert es hat, einen teilnehmenden Freund bei sich zu haben. Nun war ihr Schicksal wieder mit dem Peter Nords verbunden. Sein Rachezug hatte sie zu Tode erschreckt. Sowie sie sich ein wenig von dem schweren Anfalle erholt, hatte sie Halfvorson gebeten, ihn aufzusuchen.

Und nun bildete Peter Nord sich ein, daß sie ihn aus Liebe gerufen. Er konnte es ja nicht wissen, daß sie ihn für rachsüchtig, roh und heruntergekommen, für einen Trinker und Raufbold hielt. Er, der ein Vorbild für seine Kameraden im Arbeiterviertel war, konnte nicht ahnen, daß sie ihn hatte rufen lassen, um ihn zur Tugend und Sittsamkeit zu ermahnen und um ihm, wenn alles nichts half, zu sagen: »Sieh mich an, Peter Nord! Deine Unverständigkeit und deine Rachgier sind die Ursache meines Todes. Denke daran und beginne ein anderes Leben!«

Er war, mit Lebenslust und Träumen geschmückt, gekommen, um ein Fest der Liebe zu feiern, und sie gedachte, ihn in die schwarze Tiefe der Reue hinabzusenken.

Doch ein wenig von dem Glanze der Königskrone mußte ihr entgegengestrahlt und sie nachdenklich gemacht haben, denn sie beschloß, erst ein Verhör mit ihm anzustellen.

»Aber, Peter Nord, waren Sie es denn wirklich, der mit den drei schrecklichen Kerlen hier war?«

Er blickte errötend zu Boden. Dann mußte er ihr die ganze Geschichte des Rachezuges mit all seiner Schande erzählen. Zuerst, wie unmännlich saumselig er gewesen, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er sich nur gezwungen auf den Weg gemacht, und dann, wie er, statt Schläge auszuteilen, selbst geprügelt und gepeitscht worden war. Er wagte während seines Berichtes nicht aufzublicken, er durfte ja nicht einmal von diesen milden Augen ein nachsichtiges Urteil erwarten. Er fühlte, daß er sich selbst, allen Glanzes beraubte, womit sie sich ihn in ihren Träumen ausgeschmückt haben mußte.

»Aber wie wäre es gegangen, Peter Nord, wenn Sie Halfvorson getroffen hätten?« fragte Edith, als er geendet hatte.

Er ließ das Haupt noch tiefer sinken. »Ich sah ihn ja,« antwortete er. »Er war nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Tore. Der Ladenjunge erzählte es mir.«

»Nun, weshalb rächten Sie sich denn nicht?«

Nichts sollte ihm erspart bleiben. – Doch er fühlte ihre forschenden Blicke und begann gehorsam: »Als die drei sich an einer Böschung zum Schlafen niedergelegt, ging ich allein auf die Suche nach Halfvorson, denn ich wollte unter vier Augen mit ihm sprechen. Er stäbelte gerade ein Erbsenbeet. Es mußte den Tag vorher förmlich gegossen haben, denn die Erbsen lagen auf dem Boden, einige Blätter hatte der Regen zerschlagen, andere mit Erde bespritzt. Das Beet glich einem Krankenhause, und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so vorsichtig auf, schrapte die Erde ab und half den armen Kleinen sich um die Stäbe zu schlingen. Ich stand dabei und sah zu. Er hörte mich ja nicht und zum Aufsehen hatte er keine Zeit. Ich versuchte meinen Zorn festzuhalten. Doch was sollte ich machen? Ich konnte nicht auf ihn losfahren, solange er mit den Erbsen zu tun hatte. Nachher kommt wohl meine Zeit, dachte ich.

Doch da schlug er sich plötzlich vor die Stirn und eilte nach dem Treibbeeten. Dort nahm er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich ebenfalls, denn er sah aus, als wäre er in bitterster Verzweiflung. Es war aber auch wirklich gräßlich. Er hatte vergessen, etwas zum Schutze gegen die Sonne darüber zu decken, und unter den Fenstern mußte es wohl grauenhaft heiß gewesen sein, denn die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige Blätter waren verbrannt, andere hingen schlaff nieder. Es ging auch mir so nahe, daß ich an nichts anderes denken konnte. Ich sah mich nicht vor, und Halfvorson erblickte meinen Schatten. ›Hör' einmal‹ sagte er, ohne aufzusehen, ›nimm die Gießkanne, die bei den Spargelbeeten steht, und laufe nach dem Flusse‹ Er hielt mich wohl für den Gärtnerjungen. Und ich lief nach Wasser.«

»Taten Sie das, Peter Nord?!«

»Ja» sehen Sie, die Gurken brauchten wohl nicht unter unserer Feindschaft zu leiden. Ich dachte freilich daran, daß es charakterlos und dergleichen von mir sei, aber ich konnte nicht anders. Ich wollte sehen, ob sie sich nicht erholen könnten. Als ich wiederkam, hatte er alle Fenster abgedeckt und starrte noch ebenso verzweifelt in die Beete. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann zu begießen. Man konnte förmlich sehen, wie gut es den Beeten tat. Es war mir, als richteten die Gurken sich auf, und ihm schien es wohl auch so, denn er fing an zu lachen. Da lief ich fort.

»Liefen Sie fort, Peter Nord, liefen Sie fort?« Edith hatte sich in dem Ruhesessel aufgerichtet.

»Ich konnte ihn nicht schlagen,« sagte Peter Nord.

Der Glanz um das Haupt des armen Peter Nord schien Edith immer deutlicher zu werden. Es war also nicht nötig, ihn mit der schweren Last der Sünde um den Hals in die Tiefe der Reue hinabzusenken. Also ein solcher Mann war er! Ein so weichherziger, zartfühlender Mann! Sie ließ sich zurücksinken, schloß die Augen und überlegte. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Sie wunderte sich selbst darüber, daß es ihr eine so große Erleichterung war, ihm nicht Kummer bereiten zu müssen.

»Ich freue mich so sehr darüber, daß Sie die Rachegedanken aufgegeben haben, Peter Nord,« begann sie freundlich. »Ich wollte Sie gerade darum bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.«

Er rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als hätte sie sich in ihm getäuscht. Sie mußte ihn sehr lieb haben, da sie all diese Feigheit entschuldigen konnte. – Denn daß sie sagte, sie habe ihn rufen lassen, um ihn zu bitten, auf seine Rachepläne zu verzichten, war natürlich nur Schüchternheit, die den wahren Grund nicht gestehen wollte. Darin hatte sie so recht. Ihm, dem Manne, lag es ob, das erste Wort zu sagen.

»Wie kann man Sie sterben lassen?« rief er aus. »Wie können Halfvorson und alle die andern es zulassen? Wäre ich hier, so würde ich Ihnen nicht gestatten zu sterben. Ich würde Ihnen meine ganze Kraft geben. Ich würde all Ihr Leiden auf mich nehmen.«

»Ich habe keine großen Schmerzen,« sagte sie, über die kühnen Versprechungen lächelnd.

»Mir ist, als müßte ich Sie wie ein frierendes Vöglein mitnehmen, wie ein junges Eichhörnchen unter die Weste stecken. Oh, wie ließe es sich arbeiten, wenn man von etwas so Warmem und Weichem zu Hause erwartet würde! Doch wenn Sie gesund wären, würden es wohl so viele sein ...«

Sie sah ihn mit müdem Erstaunen an, bereit, ihn in seine Schranken zurückzuweisen. Sie mußte jedoch wieder etwas von dem Zauberkranz der Träume um das Haupt des Jünglings gesehen haben, denn sie hatte Nachsicht mit ihm. Er meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so sprechen. Er war ja nicht wie die andern.

»Ach,« antwortete sie gleichgültig, »es sind ihrer nicht so viele, Peter Nord. Es hat's wohl kaum einer ernst gemeint.«

Doch nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte plötzlich der gierige Hunger aller Kranken nach Mitleid. Sie wollte die Zärtlichkeit, das Mitleid haben, die der arme Arbeiter ihr schenken konnte. Sie bedurfte der Gegenwart dieses tiefen, uneigennützigen Mitgefühls. Kranke können dessen nicht genug bekommen. Sie wollte es in seinen Blicken und seinem ganzen Wesen lesen. Die Worte waren ihr gleichgültig.

»Ich freue mich, Sie hier zu sehen,« sagte sie. »Bleiben Sie noch ein wenig sitzen und erzählen Sie mir, wie es Ihnen während dieser sechs Jahre ergangen ist.«

Während er erzählte, lag sie still und sog jenes Unaussprechliche ein, das von ihm zu ihr hinüberströmte. Sie hörte und hörte doch nicht. Aber eine wunderbare Sympathie stärkte und belebte sie.

Jedoch auch sein Bericht machte Eindruck auf sie. Er führte sie in das Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll gärender Hoffnungen und Kräfte. Wie jene Leute sich sehnten und glaubten! Wie sie haßten und litten!

»Wie glücklich die Unterdrückten sind!« sagte sie.

In einem Anfalle von Lebenslust fiel es ihr ein, daß dies etwas für sie sein könnte, die ja stets des Druckes und Zwanges bedurfte, um das Dasein lebenswert finden zu können.

»Wenn ich gesund wäre,« fuhr sie fort, »würde ich vielleicht mit dorthin gehen. Es würde schön sein, sich mit einem, den man leiden mag, zusammen heraufzuarbeiten.«

Peter Nord fuhr zusammen. Da war ja das Geständnis, auf das er die ganze Zeit über gewartet. »Oh, können Sie denn nicht leben!« bat er. Er strahlte förmlich vor Glück.

Sie wurde aufmerksam. »Dies ist ja Liebe,« sagte sie sich. »Und nun hält er mich auch für verliebt. Was für ein Narr der Värmlandsjunge doch ist!«

Sie wollte ihn gleich wieder zur Vernunft bringen, doch über Peter Nord lag an diesem Siegestage etwas, das sie daran hinderte. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, ihm den frohen Mut zu trüben. Sie fühlte Mitleid mit seiner Torheit und ließ ihn dabei bleiben. »Es macht ja nichts aus, da ich doch bald sterben muß,« sagte sie sich.

Sie verabschiedete ihn jedoch gleich darauf, und als er fragte, ob er wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm. »Denken Sie aber an unsern Friedhof auf dem Berge, Nord,« sagte sie. »Dorthin können Sie um ein paar Wochen gehen und dem Tode für diesen Tag danken.«

Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete ihm Halfvorson. Dieser ging dort in Verzweiflung auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß Edith dem Schuldigen nun die Last der Reue auferlegte. Er hatte ihn einzig und allein geholt, um ihn von Gewissensbissen überwältigt zu sehen. Doch als er dem jungen Arbeiter begegnete, sah er, daß Edith ihm nicht alles gesagt hatte. Wohl sah Peter ernst aus, doch er schien zugleich auch schwindelnd glückselig zu sein.

»Hat Edith Ihnen gesagt, weshalb sie sterben muß?« fragte Halfvorson.

»Nein,« antwortete Peter Nord.

Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn am Entkommen zu hindern.

»Um Ihretwillen stirbt sie, um Ihrer verfluchten Streiche willen. Sie war vorher ein wenig krank, doch das hatte nichts zu sagen. Keiner glaubte, daß sie daran sterben würde. Da aber kamen Sie mit den drei unseligen Schurken hierher, und diese erschreckten sie, während Sie in meinem Laden waren. Sie jagten sie und sie lief vor ihnen fort, lief so, daß sie einen Blutsturz bekam. Doch das haben Sie gewollt, Sie wollten sich an mir dadurch rächen, daß Sie sie töteten, wollten mich einsam und unglücklich, ohne einen Menschen, der etwas von mir hält, sehen. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.«

Er wollte noch lange fortfahren, Peter Nord mit Vorwürfen zu überhäufen und mit Verwünschungen zu morden; doch dieser riß sich los und eilte davon, als hätte ein Erdbeben die Stadt erschüttert und alle Häuser wären im Begriffe, einzufallen.

4.

Hinter der Stadt steigt die Felswand lotrecht empor, wenn man sie aber auf steilen Steintreppen und von Fichtennadeln glatt gewordenen Pfaden erklommen hat, sieht man den Berg sich zu einem großen, wellenförmigen Plateau ausbreiten. Und dort oben findet man einen verzauberten Wald.

Die ganze Fläche nimmt ein Tannenwald ohne Nadeln ein, ein Wald, der im Frühlinge stirbt und zum Herbste grünt, ein lebloser Wald, der in Lebensfreude aufflackert, wenn andere Bäume das grüne Kleid des Lebens ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß man weiß wie, der unter dem Reife grün und unter dem Taue braun dasteht.

Es ist ein neuangepflanzter Wald. Jungs Kiefern sind gezwungen worden, in den Ritzen zwischen den Granitplatten Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln haben sich wie scharfe Keile in die Risse und Zwischenräume gebohrt. Das ging eine Zeitlang gut, die jungen Bäume wuchsen wie Stangen und schlugen frisch in dem Grausteine Wurzel. Doch schließlich konnten sie nicht weiter kommen, und da geriet der Wald in einen schlecht verhehlten Zorn. Er wollte hoch hinaus, aber auch tief. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, machte er sich nichts mehr aus dem Leben. Jeden Frühling war er bereit, die Bürde des Lebens mißmutig abzuwerfen. In dem Sommer, da Edith sterben sollte, stand der junge Wald ganz braun da. Hoch über der Blumenstadt sah man oben am Bergrande einen düsteren Kranz sterbender Bäume.

Droben auf dem Berge herrscht jedoch nicht nur Düsterkeit und Todeskampf. Während man zwischen den braunen Bäumen dahingeht und sich so bedrückt fühlt, daß man am liebsten sterben möchte, sieht man grüne Bäume schimmern. Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Dann denkt man an das Schloß im schlafenden Walde und an das von Dornengebüsch umgebene Paradies der Sage. Und wenn man dann an das Grün, den Blumenduft und den Vogelgesang gelangt, sieht man, daß man sich auf dem versteckt liegenden Friedhofe der kleinen Stadt befindet.

Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde gefüllten Vertiefung des Plateaus. Und dort, innerhalb der grauen Steinmauer, gibt es kein Verwelken, keinen Lebensüberdruß mehr. Die Syringen am Tore beugen sich unter schweren Blütentrauben. Linden und Ahornbäume bilden in außerordentlichem Wachstum ein himmelhohes

Gewölbe über dem ganzen Platze. Jasmin und Rosen blühen freundlich auf der geweihten Erde. Um große alte Grabsteine schlingen sich die Ranken des Efeus und des Immergrüns.

Dort gibt es eine Ecke, wo die Tannen die Höhe von Mastbäumen erreichen. Müßte der junge Wald dort hinten sich bei ihrem Anblicke nicht eigentlich schämen? Und dort gibt es Hecken, die den Händen ihrer Pfleger vollständig entwachsen sind und, ohne an Messer und Schere zu denken, sprießen und blühen.

Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neueren Friedhof, wohin die Toten ohne besondere Mühe kommen können. Es war schwer für sie, im Winter hierher zu gelangen, wenn die steilen Waldwege mit Glatteis überzogen und die Treppen schlüpfrig oder verschneit sind. Der Sarg knackte, die Träger leuchten, der alte Präpositus stützte sich schwer auf den Küster und den Totengräber. Jetzt braucht keiner dort oben begraben zu werden, wenn er es nicht selbst gewünscht hat.

Schön sind die Gräber dort nicht. Nur wenige verstehen es, den Toten eine schöne Stätte zu bereiten. Doch das frische Grün teilt ihnen allen seine Schönheit und seinen Frieden mit. Seltsam feierlich ist das Bewußtsein, daß diejenigen, welche hier ruhen, es gern tun. Der Lebende, der nach einem heißen Arbeitstage hier hinauf flieht, weilt hier unter Freunden. Die hier Schlafenden haben ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt.

Kommt ein Fremder hier hinauf, so spricht man ihm nicht von Tod und Verlust, sondern man setzt sich auf die breiten Bürgermeistergräber und erzählt ihm von Peter Nord, dem Värmlandsjungen und seiner Liebe. Es ist, als ließe sich diese Geschichte hier oben, wo der Tod seinen Schrecken verloren hat, so gut erzählen. Der geweihte Boden scheint darüber zu jubeln, daß auch er der Schauplatz erwachenden Glückes und neuerweckten Lebens gewesen ist.

Denn, als Peter Nord sich von Halfvorson losgerissen, suchte er sich droben auf dem Friedhofe eine Zuflucht.

Anfangs lief er in der Richtung nach der Flußbrücke dahin und schlug den Weg nach der großen Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke hielt der arme Flüchtling inne. Mit dem Königsreife um seine Stirn war es vorbei. Er war verschwunden, als sei er nur von Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Er war vom Kummer tiefgebeugt, der ganze Leib bebte, das Herz tat ihm weh und das Hirn brannte wie Feuer.

Da glaubte er, Frau Fasta zum dritten Male auf sich zukommen zu sehen. Sie war diesmal viel freundlicher und barmherziger, schien ihm aber deshalb nur um so furchtbarer.

»Ach du Ärmster,« sagte sie, »möchtest du mit deinen Streichen nun endlich aufhören! Du hast während der Fastenzeit, die man das Leben nennt, das Fest der Liebe feiern wollen, nun aber siehst du, wie es dir geht. Komm nun mit und sei mir treu; nun hast du alles versucht und kannst dich nur noch an mich wenden.«

Doch er streckte abwehrend die Arme gegen sie aus. »Ich weiß, was du von mir willst. Du willst, daß ich arbeite und entsage, aber ich kann nicht. Nicht jetzt, Frau Fasta, nicht jetzt!«

Die gelbblasse Frau Fasta lächelte noch milder: »Du bist ja unschuldig, Peter Nord. Mache dir doch keinen Kummer über das, wofür du nichts kannst! War Edith nicht gut zu dir? Sahst du nicht, daß sie dir vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!«

Der Jüngling wurde immer heftiger. »Meinst du, es sei besser für mich, daß ich gerade die getötet, welche gut gegen mich gewesen ist und mich lieb gehabt hat? Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich jemand mit Willen ermordet? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr das Leben retten. Jetzt kann ich nicht an Arbeit denken.«

»Oh, du Tor,« antwortete Frau Fasta, »du willst das Versöhnungsfest feiern, das ist der größte Übermut von allen.«

Da empörte sich Peter Nord endgültig gegen seine langjährige Freundin. Er lachte ihr geradezu ins Gesicht. »Was hast du mir eingebildet?« sagte er. »Daß du eine langweilige, brummige alte Frau mit einem Armvoll kleiner, artiger Reiser seist! Du bist eine Hexe, Leben! Du bist ein Ungeheuer. Du bist schön und schrecklich zugleich. Du kennst selber weder Maß noch Ziel, wie soll ich es da kennen? Wie kannst du Fasten predigen, da du solches Übermaß von Kummer auf mich wälzen willst? Was sind die Feste, die ich gefeiert, gegen die, welche du dir beständig bereitest! Geh mir mit deiner blaßgelben Mäßigkeit! Nun will ich ebenso toll sein wie du selbst.«

Er konnte keinen Schritt nach der großen Fabrikstadt gehen. Ebensowenig konnte er umkehren und wieder die lange Gasse hinunter in die kleine Stadt hineingehen, nein, er schlug den Bergpfad ein, stieg nach dem verzauberten Tannenwalde hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden, jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher Steig ihn nach dem Friedhofe führte. Dort suchte er sich in der Ecke, wo die Tannen die Höhe von Mastbäumen erreicht haben, einen Versteckplatz und warf sich todmüde auf den Boden nieder.

Er war sich seiner selbst nicht mehr bewußt. Er wußte nicht, ob die Zeit verging oder alles nun still stand. Doch nach einer Weile hörte er Schritte und erwachte zu einem schwachen Bewußtsein. Es war ihm, als sei er lange, lange fort gewesen. Jetzt sah er einen Leichenzug kommen, und sogleich durchzuckte ihn ein verwirrter Gedanke. Wie lange hatte er hier gelegen? War Edith schon tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem Mörder? Er zitterte und schwitzte. Er lag wohl versteckt in dem dunklen Tannendickicht, doch er bebte vor dem, was kommen würde, wenn die Leiche ihn gefunden. Er bog ein paar Zweige zurück und sah sich um. Ein gejagter Flüchtling kann nicht wilder nach seinen Verfolgern spähen.

Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Die Folge war ärmlich und wenig zahlreich. Der Sarg wurde unbekränzt ins Grab gesenkt. Auf keinem der Gesichter sah man Tränenspuren. Peter Nord besaß noch Verstand genug, um einzusehen, daß dies nicht Edith Halfvorsons Beerdigung sein könnte.

Doch war sie es nicht selbst, so war es am Ende ein Gruß von ihr. Wer konnte es wissen? Peter Nord fühlte, daß er zum Entfliehen kein Recht habe. Sie hatte gesagt, daß er auf den Friedhof gehen solle. Sie hatte wohl gemeint, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihn in ihre Gewalt bekommen und ihn strafen könnte. Der Leichenzug war ein Gruß, ein Zeichen. Sie wollte, daß er sie dort erwarte.

Sein krankes Hirn sah nun in der niedrigen Friedhofsmauer einen hohen Festungswall. Er starrte das schwache Gittertor so ängstlich an, als sei es die allerfesteste Eichentür. Er war hier oben gefangen. Er konnte sich nicht eher losreißen, als bis sie selbst hier herauf kam und ihn zu seiner Strafe holte.

Was sie mit ihm machen würde, wußte er nicht. Nur eines stand ihm klar und deutlich vor Augen: daß er hier warten müsse, bis sie käme und ihn holte. Vielleicht würde sie ihn mit ins Grab ziehen, vielleicht würde sie ihm befehlen, sich vom Berge herabzustürzen. Er konnte es nicht wissen – vorläufig mußte er warten.

Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Streit: »Du bist ja unschuldig, Peter Nord. Mache dir keine Sorgen über das, wofür du nichts kannst! Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Geh wieder an die Arbeit. Erhebe den Fuß, so hast du die Mauer überschritten; stoße mit einem Finger zu, so ist die Pforte offen.«

Nein, er konnte es nicht. Meistens lag er in Betäubung, in Erstarrung. Die Gedanken kamen so unklar, wie bei einem Menschen, der kurz vor dem Einschlafen ist. Eines nur wußte er: er mußte bleiben, wo er war.

Nun kam die Kunde zu ihr, die mit den wurzellosen Birken um die Wette dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du einen Sommertag gespielt, erwartet dich droben auf dem Friedhofe. Peter Nord, dem dein Onkel durch seine Worte den Verstand geraubt, kann den Friedhof nicht eher verlassen, als bis dein blumengeschmückter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.

Das Mädchen schlug die Augen auf, wie um die Welt noch einmal zu sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie war über seinen tollen Streich erzürnt. Weshalb sollte sie nicht in Ruhe sterben können? Sie hatte nie gewünscht, daß er ihretwegen Gewissensbisse haben sollte.

Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne nicht kommen. Die Mauer sei zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine könne ihn fortführen.

In diesen Tagen wurde in der kleinen Stadt an nichts anderes gedacht. »Er ist da, er ist noch da,« erzählten sich die Leute jeden Tag; »ist er verrückt?« fragten sie meistens, und die, welche mit ihm gesprochen hatten, sagten, daß er es ganz gewiß werden würde, wenn »sie« käme. Doch sie waren auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt Glanz verlieh, außerordentlich stolz. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen sich heimlich auf den Berg hinauf, um einen Schimmer von ihm zu sehen.

Doch womit beschäftigte sich Edith, die so machtlos dalag und sterben sollte und so viel Zeit zum Denken hatte? Welche Gedanken arbeiteten Tag und Nacht in ihrem Hirn? Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie ihn nicht beständig vor sich sehen, den Mann, der sie liebte, der ihretwegen beinahe den Verstand verlor, der wirklich, wirklich oben auf dem Friedhofe auf ihren Sarg wartete.

Sieh, dies war etwas für ihre Stahlfedernatur. Dies war etwas für die Phantasie, etwas für die betäubten Gefühle. Sich auszumalen, was er tun würde, wenn sie hinaufkäme. Herauszufinden, was er beginnen würde, wenn sie nicht als Leiche hinaufkäme.

In der ganzen Stadt wurde davon geredet, hiervon und von nichts anderm. Wie die Städte des Altertums ihre Säulenheiligen geliebt haben, so liebte die kleine Stadt den armen Peter Nord. Doch keiner ging gern auf den Friedhof und redete mit ihm. Sein Aussehen wurde immer wilder. Das Dunkel des Wahnsinns senkte sich immer tiefer auf ihn herab. »Weshalb beeilt sie sich nicht, gesund zu werden?« sagten sie von Edith. »Es wäre unrecht von ihr, zu sterben.«

Edith war beinahe wütend. Sie, die so vollständig mit dem Leben fertig war, sollte nun zum Wiederaufnehmen der schweren Bürde gezwungen werden? Doch sie begann auf alle Fälle endlich danach zu streben. Während dieser Wochen wurde in ihrem Leibe mit siegreicher Kraft ausgebessert und erneut. Und es wurde nicht an Material gespart. In unerhörten Mengen wurde alles verbraucht, was Lebenskraft gibt, es heiße nun Malzextrakt oder Lebertran, frische Luft oder Sonnenschein, Träumerei oder Liebe. Und wie herrlich waren diese langen, warmen, regenlosen Tage!

Endlich erhielt sie die Erlaubnis des Arztes, sich dort hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt war in Angst, als sie diese Fahrt antrat. Würde sie einen Wahnsinnigen mitbringen? Würde das Elend dieser Wochen sich aus seinem Gehirne auslöschen lassen? Würde die Anstrengung, die sie gemacht, um weiterleben zu können, ganz umsonst gewesen sein? Und wie würde es ihr selbst ergehen, wenn dies der Fall wäre?

Als sie, bleich vor Erregung, aber doch hoffnungsfreudig auszog, hatte man genug Veranlassung, sich zu beunruhigen. Keiner verhehlte es sich, daß Peter Nord einen zu großen Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die eifrigste Anbeterin dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren für sie gefallen, als sie erfahren hatte, wie er ihretwegen litt. Doch was sollte aus ihrer Schwärmerei werden, wenn sie ihn erblickte? Ein Wahnsinniger hat nichts Romantisches an sich.

Als sie bis an das Friedhofstor getragen worden war, ließ sie ihre Träger dort halten und ging allein den breiten Mittenweg entlang. Ihre Blicke wanderten rund um den grünenden Platz, ohne jedoch jemand zu entdecken.

Plötzlich hörte sie hinten im Tannendickicht ein leichtes Prasseln und sah dort ein wildes, verzerrtes Gesicht mit starren Augen hervorgucken. Nie hatte sie Entsetzen so deutlich in einem Antlitze ausgeprägt gesehen. Ihr wurde bange, sterbensbange. Beinahe wäre sie fortgelaufen.

Doch da flammte ein großes, heiliges Gefühl in ihr auf. Jetzt war von Liebe und Schwärmerei keine Rede mehr, jetzt handelte es sich nur um die Angst, daß einer ihrer Mitmenschen, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal durchwanderten, verloren gehen sollte.

Das Mädchen blieb. Sie wich keinen Schritt zurück, sondern ließ ihn sich langsam an ihren Anblick gewöhnen. Doch alle Macht, die sie besaß, legte sie in ihren Blick. Sie zog den Mann mit der ganzen Kraft des Willens, der ihre Krankheit besiegt, zu sich heran.

Und er kam aus seiner Ecke hervor, bleich, verwildert und ungepflegt. Er ging auf sie zu, ohne daß sein Gesicht den Ausdruck des Entsetzens verlor. Er sah aus, als stehe er unter dem Banne eines wilden Tieres, das ihn zu zerreißen gekommen war. Als er dicht vor ihr stand, legte sie ihm beide Hände auf die Schultern und blickte ihm lächelnd ins Gesicht.

»Sieh da, Peter Nord, was ist mit Ihnen? Sie müssen fort von hier. Was haben Sie für eine Absicht damit, daß Sie so lange hier oben auf dem Friedhofe bleiben, Peter Nord?«

Er zitterte und schien zusammenzusinken. Doch sie fühlte, daß sie ihn mit ihren Blicken bezwang. Ihre Worte hingegen schienen gar keinen Eindruck auf ihn zu machen.

Sie änderte den Ton ein wenig. »Höre, was ich dir sage, Peter Nord. Ich bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier hinaufzugehen und dich zu retten.«

Er stand noch immer in stumpfsinnigem Bangen da. Wieder veränderte sie die Stimme. »Du hast mir nicht

den Tod gebracht,« sagte sie innig. »Du hast mir das Leben gegeben.«

Dies wiederholte sie Mal auf Mal. Und zuletzt zitterte ihre Stimme vor Bewegung und klang tränenerstickt. Doch er verstand nichts von dem, was sie sagte.

»Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,« rief sie. Er blieb ebenso gleichgültig.

Jetzt wußte sie nichts mehr, was sie mit ihm versuchen konnte. Sie mußte ihn wohl mit in die Stadt nehmen und auf Zeit und Pflege vertrauen.

Doch wer weiß, was für Träume sie hier hinaufbegleitet und was sie sich von diesem Zusammentreffen mit dem Manne, der sie liebte, versprochen hatte! Nun, da sie auf alles dieses verzichten und ihn nur als einen Geisteskranken behandeln mußte, erfüllte sie ein so tiefer Schmerz, wie wenn sie das Teuerste, was das Leben ihr geschenkt, fortgeben sollte. Und in dieser Bitterkeit der Entsagung zog sie ihn zu sich heran und küßte ihn auf die Stirn.

Dies sollte ein Abschied von Glück und Leben sein. Sie fühlte, daß ihr die Kräfte versagten. Eine tödliche Mattigkeit überfiel sie.

Doch da glaubte sie ein schwaches Lebenszeichen bei ihm zu merken. Er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen Zügen. Er zitterte immer heftiger. Er erwachte, doch wozu? Schließlich fing er an zu weinen.

Sie führte ihn nach einem Grabsteine. Sie nahm darauf Platz, veranlaßte ihn, sich vor ihr niederzuwerfen und legte sein Haupt in ihren Schoß. Sie streichelte ihn, während er weinte.

Ihm erging es nun wie einem, der aus einem bösen Traume erwacht. »Weshalb weine ich?« fragte er sich. »Ach, ich weiß, ich habe so schrecklich geträumt. Doch es ist nicht wahr. Sie lebt. Ich habe sie nicht ermordet. Wie kann man so dumm sein, um einen Traum zu weinen.«

Und allmählich wurde ihm alles klar; doch seine Tränen fuhren fort zu fließen. Sie streichelte ihn, aber seine Tränen rannen noch lange.

»Das Weinen ist mir so nötig,« sagte er.

Dann blickte er auf und lächelte sie an. »Ist es jetzt Osterfest?« fragte er.

»Was meinst du damit?«

»Man kann ja von Ostern sprechen, wenn die Toten auferstehen,« fuhr er fort. Und, als wären sie langjährige Vertraute gewesen, begann er ihr von Frau Fasta und seiner Empörung gegen ihr Regiment zu erzählen.

»Jetzt ist es Osterfest, und ihre Regierung ist zu Ende,« sagte sie.

Doch als er nun daran dachte, daß Edith bei ihm saß und ihn streichelte, mußte er wieder weinen. Das Mißtrauen gegen das Leben, welches das Unglück dem kleinen Värmländer eingeflößt hatte, bedurfte der Tränen, um zerschmelzen zu können. Das Mißtrauen gegen die auf Erden blühende Liebe und Freude, Schönheit und Kraft, das Mißtrauen gegen sich selbst mußte fort und verschwand auch; denn es war Osterfest: die Tote lebte und Frau Fasta würde nie wieder zur Herrschaft gelangen.


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