Selma Lagerlöf
In Dalarne
Selma Lagerlöf

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Die Abreise.

An einem schönen Julimorgen zog ein langer Zug von Karren und Lastwagen vom Ingmarshofe fort. Es waren die Jerusalemfahrer, die endlich mit ihren Vorbereitungen fertig waren, und jetzt die Reise mit der langen Fahrt nach der Eisenbahnstation begannen. Als der lange Zug durch das Dorf zog, kam er an einem ärmlichen Hause vorüber, das Myckelsumpf genannt wurde. Hier wohnten heruntergekommene Leute, so ein rechter Auswurf der Menschheit, wie sie entstehen, wenn der liebe Gott einmal die Augen abwendet oder von anderen Dingen in Anspruch genommen ist.

Da war ein ganzes Rudel schmutziger und zerlumpter Kinder, die den lieben langen Tag dalagen und den Leuten, die vorübergingen, Schimpfworte nachbrüllten; da war auch eine alte, alte Großmutter, die meistens betrunken am Grabenrande saß, und da waren ein Mann und eine Frau, die sich immer zankten und prügelten.

Niemand hatte sie jemals arbeiten sehen; man wußte nicht, ob sie mehr bettelten als stahlen, oder ob sie mehr stahlen als bettelten.

Als nun der Zug an dieser jammervollen und elenden Hütte vorüberkam, die nicht besser instand war, wie so eine Hütte wird, wenn Wind und Wetter jahraus, jahrein ungehindert damit haben regieren können, da stand die alte Frau nüchtern und ordentlich am Wege, an derselben Stelle, wo man sie sonst betrunken, schwankend und lallend hatte sitzen sehen; und vier von den Kindern standen um sie, und alle fünf waren sie gekämmt und gewaschen, und so ordentlich angekleidet, wie es ihnen nur möglich war.

Als die, die in dem ersten Wagen gefahren kamen, sie erblickten, mäßigten sie die Fahrt und fuhren ganz langsam an ihnen vorüber. Und dasselbe taten alle die andern. Sie fuhren so langsam vorbei, wie nur die Pferde gehen wollten.

Und alle die, die abreisen wollten, brachen plötzlich in ein heftiges Weinen aus. Die Erwachsenen weinten leise und schluchzend; aber die Kinder weinten laut mit Geschrei und Klagen.

Die Jerusalemfahrer konnten später nie verstehen, warum sie über nichts so bitterlich geweint hatten, wie über die Bettel-Lena, die da elend und zitternd am Wege stand. Aber noch heutigen Tages können sie in Tränen ausbrechen, wenn sie erzählen, wie sie an diesem Tage dem Branntwein entsagt hatte und nüchtern und mit den gewaschenen und gekämmten Kindern gekommen war, um ihnen zu ihrer Abreise Ehre zu erweisen.

Als sie alle vorübergekommen waren, fing die Bettel-Lena an zu weinen. »Sie fahren gen Himmel, um Jesum zu sehen,« sagte sie zu den Kindern. »Sie fahren alle gen Himmel, aber wir müssen hier am Wegesrande sitzen bleiben.«

* * *

Als der lange Zug von Karren und Lastwagen durch den halben Kirchsprengel gefahren war, kam er an die lange Floßbrücke, die über dem Wasser des Elfs liegt und schaukelt.

Es ist sehr schwierig, über die Brücke zu fahren. Zuerst muß man einen steilen Abhang hinab, um die Wasserfläche zu erreichen, dann erhebt sich die Brücke, ein paar steile Stufen hoch, damit Boote und Holzflöße darunter hindurchfahren können, und an dem gegenüberliegenden Ufer steigt der Weg plötzlich so steil an, daß Pferde und Menschen bei dem Gedanken schaudern, da hinauf zu müssen.

Die Brücke macht immer viel Sorgen. Die Bretter verfaulen und müssen unaufhörlich erneuert werden. Wenn das Eis aufbricht, muß man Tag und Nacht acht geben, daß sie nicht zertrümmert wird, und wenn die Frühlingsflut sehr stark ist, reißt sie große Stücke von der Brücke ab und führt sie mit sich hinab zu den Wasserfällen am Bergsaanaer Sägewerk.

Aber die Leute im Kirchspiel sind stolz auf die Brücke, sie sind ganz glücklich, daß sie sie haben. Denn wenn sie nicht wäre, müßte man ja ein Boot oder eine Fähre haben, so oft man von dem einen Ufer an das andere wollte.

Die Brücke ächzte und jammerte, als die Jerusalemfahrer darüber hinzogen, und das Wasser preßte sich durch die Bretter hindurch und spritzte den Pferden an die Beine.

Es ging den Davonziehenden förmlich zu Herzen, daß sie sich von der lieben Brücke trennen mußten. Sie dachten daran, daß sie etwas sei, was ihnen allen gemeinsam gehörte. Die Häuser, die Höfe, die Felder und die Wälder waren in die Hände der verschiedenen Besitzer verteilt; aber die Brücke war gemeinsames Eigentum für sie alle, es war ihnen allen ein Schmerz, sie verlassen zu müssen.

Aber hatten sie denn nichts anderes, das ihnen gemeinsam gehörte? Hatten sie nicht die Kirche, die dort unter den Birken jenseits der Brücke lag, hatten sie nicht das schöne, weiße Schulhaus und den Pfarrhof?

Und was hatten sie sonst noch an gemeinsamem Besitz? Sie hatten wohl auch die Schönheit alles dessen, was sie hier von der Brücke aus sahen. Die schöne Aussicht über den breiten, mächtigen Elf, der still und sommerhell zwischen den Baumgruppen dahinfloß, die weite Aussicht durch das Tal, bis oben hinauf zu den blauen Bergen.

Dies alles gehörte ihnen, es war ihnen in die Augen hineingebrannt. Und nun sollten sie es nie wiedersehen!

Als die Vondannenziehenden mitten auf der Brücke angelangt waren, fingen sie an, einen von Sankeys Gesängen zu singen:

»Es gibt ein Wiedersehen,« sangen sie, »es gibt ein Wiedersehn, es gibt ein Wiedersehn, ein Wiedersehn im Paradies.«

Auf der Brücke war kein Mensch, der sie hören konnte. Sie sangen das Lied den blauen Bergen ihrer Heimat, den grauen Wassern des Elfs und den fächelnden Bäumen.

Nie sollten sie sie wiedersehen – und aus ihren vom Weinen zusammengeschnürten Kehlen klang das Abschiedslied. Du schönes Heimatdorf mit deinen freundlichen roten und weißen Häusern, mit den dichten Birkenhainen, mit deinen fruchtbaren Feldern und grünen Wiesen, mit deinem Hain und deinen Weideplätzen, mit deinem langen Tale, das der sich schlängelnde Elf durchschneidet, höre uns: Laßt uns zu Gott beten, daß wir uns wiedersehen. Laßt uns beten, daß wir dich im Himmel wiedersehen!

* * *

Als der lange Zug von Karren und Lastwagen über die Brücke gekommen war, führte der Weg am Kirchhof vorüber.

Drinnen auf dem Kirchhof lag ein großer, flacher Felsblock, der vom Alter ganz verwittert war. Es stand weder Name noch Jahreszahl darauf, aber man wußte aus alten Zeiten, daß ein Bauer aus dem Lynggaardgeschlecht darunter begraben lag.

Einmal, als Ljung Björn Olafsson, der jetzt nach Jerusalem zog, und sein Bruder Per noch Kinder waren, hatten sie auf dem Stein gesessen und zusammen geplaudert.

Im Anfang waren sie gute Freunde gewesen, schließlich aber hatten sie sich über irgend etwas veruneinigt, und waren eifrig und laut geworden.

Worüber sie sich eigentlich zankten, hatten sie später vergessen, was sie aber nie vergaßen, war, daß, während sie sich am allerärgsten zankten, sie ein langsames, aber deutliches Pochen unter dem Stein, auf dem sie saßen, hörten.

Sie schwiegen sofort still. Sie reichten sich die Hand und schlichen leise von dannen, und sie konnten den Stein später nie sehen, ohne daran zu denken.

Als Ljung Björn jetzt an dem Kirchhof vorüberfuhr, sah er seinen Bruder auf dem Stein sitzen, den Kopf in die Hände gestützt.

Ljung Björn hielt sein Pferd an und machte den anderen ein Zeichen, daß sie halten und auf ihn warten sollten. Er stieg vom Wagen herunter, kletterte über die Kirchhofsmauer und ging hin und setzte sich auf den Stein, neben den Bruder.

Per Olaf sagte sogleich: »Du hast den Hof verkauft, Björn.« – »Ja,« sagte Björn, »ich habe alles, was mein war, Gott gegeben.« – »Ja, aber der Hof war nicht dein,« entgegnete der Bruder ruhig. – »War es nicht mein Hof?« – »Nein, er gehörte der Familie.«

Ljung Björn erwiderte nichts, sondern saß stumm da und wartete. Er wußte, wenn sich der Bruder auf den Stein gesetzt hatte, so war das geschehen, um Worte des Friedens zu reden. Er war nicht bange vor dem, was Per sagen würde.

»Ich habe den Hof wiedergekauft,« sagte nun der Bruder.

Ljung Björn zuckte zusammen. »Du konntest dich nicht darein finden, daß er aus der Familie ging?«

»Ich bin nicht reich genug, um so etwas aus dem Grunde zu tun,« sagte er. Björn sah ihn fragend an. »Ich tat es, damit du etwas hättest, wohin du zurückkommen könntest.« Das Weinen stieg Björn bis in den Hals und er fing an zu schluchzen. »Und damit deine Kinder etwas hätten, wohin sie zurückkommen könnten.« Björn legte den Arm um den Hals des Bruders. »Und um meiner lieben Schwägerin willen,« sagte Per; »es ist gut für sie zu wissen, daß sie Haus und Heim hat, das hier steht und auf sie wartet. Das alte Heim soll immer offen stehen für jeden von euch, der zurückkommt.«

»Per,« sagte Björn, »setz' du dich in den Wagen und reise du nach Jerusalem, dann bleibe ich zu Hause. Du verdienst es mehr als ich, in das gelobte Land zu kommen.« – »Ach nein,« sagte der Bruder und lächelte: »Ich verstehe wohl, was du meinst, aber ich passe wohl am besten hierher.« – »Ich glaube, du paßt am besten in den Himmel,« sagte Björn. Er lehnte den Kopf an die Schulter des Bruders. »Nun mußt du mir dies alles verzeihen,« sagte er.

Sie standen auf und reichten einander die Hände zum Abschied. »Dies Mal wurde uns nicht gepocht,« sagte Per, als sie sich erhoben. – »Es war doch sonderbar, daß du darauf verfielst, hierher zu kommen und dich auf diesen Stein zu setzen,« sagte Björn. – »Wir Brüder haben in der letzten Zeit nicht gut Frieden miteinander gehalten, wenn wir uns begegneten.« – »Glaubtest du, ich sei heute zum Streit aufgelegt?« – »Nein, ich werde böse, wenn ich daran denke, daß ich dich verlieren soll.«

Sie gingen auf die Landstraße hinaus, und Ljung Björn drückte der Frau des Bruders kräftig die Hand. »Ich habe den Ljunghof gekauft,« sagte er. »Ich sage das nur, damit du wissen kannst, daß du etwas hast, wohin du zurückkommen kannst, wenn du willst.«

Ebenso drückte er dem ältesten Kind die Hand. »Denke daran, du Kleiner, daß du hier Haus und Hof hast, wohin du zurückkommen kannst, wenn du in das alte Land heimkehren willst.«

Und dann zog der lange Zug weiter.

* * *

Als der lange Zug von Karren und Lastwagen an dem Kirchdorf vorübergefahren war, kam er an eine große Schar von Verwandten und Freunden der von dannen Ziehenden, die ihnen Lebewohl sagen wollten. Es entstand ein langer Aufenthalt, denn alle wollten sie ihnen noch einmal die Hand drücken und einige Worte des Abschieds zu ihnen sagen.

Und als sie dann durch das Kirchdorf kamen, war der Weg voll von Menschen, die ihre Abreise sehen wollten. Da standen Menschen in allen Türen, sie bogen sich aus den Fenstern heraus, sie waren auf die Zäune geklettert, und die, die weiter entfernt wohnten, standen auf Hügeln und Höhen und wehten und winkten ihnen zu.

Der lange Zug fuhr langsam an den großen Menschenscharen vorüber, bis sie das Haus des Gemeindevorstehers, Lars Clemmensson erreichten. Dort machten sie Halt, und Gunhild stieg vom Wagen, um hineinzugehen und Lebewohl zu sagen.

Gunhild hatte auf dem Ingmarshof gewohnt, seit sie sich entschlossen hatte, mit nach Jerusalem zu ziehen. Sie meinte, dies sei besser als in Streit und Zank mit den Eltern zu leben, die sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen konnten, daß ihre Tochter von ihnen fortreisen wollte.

Als Gunhild vom Wagen gestiegen war, sah sie, daß das ganze Haus wie ausgestorben war. Kein Mensch war an den Fenstern oder vor dem Hause zu sehen.

Als sie an die Pforte faßte, war sie verschlossen, aber sie kletterte über ein Gitter und gelangte auf den Hof. Auch die Haustür war verschlossen. Sie ging an die Küchentür, die war mit einer Krampe von innen versperrt.

Gunhild pochte mehrmals, aber als niemand kam und ihr öffnete, schob sie einen Stock hinein und hob die Krampe in die Höhe. Auf die Weise gelangte sie ins Haus.

In der Küche war kein Mensch, die gute Stube war ebenfalls leer, und auch in der Kammer war niemand.

Gunhild wollte nicht gehen, ohne den Eltern ein Zeichen zu geben, daß sie da gewesen war, um Lebewohl zu sagen. Sie ging an das Pult und öffnete die Klappe. Sie wußte, daß der Vater hier Feder und Tinte stehen hatte.

Sie konnte die Tinte nicht gleich finden, sondern suchte in Schränken und Schubladen. Da stieß sie auf einen Kasten, den sie gut kannte. Er gehörte der Mutter, sie hatte ihn als Brautgeschenk von ihrem Mann erhalten. Und als Gunhild noch klein war, war es ihre größte Wonne, ihn sehen zu dürfen.

Der Kasten war weiß lackiert, mit einer gemalten Blumengirlande und drinnen im Deckel war ein Bild eines Hirten, der einer Schar weißer Lämmer auf der Flöte vorspielte. Gunhild öffnete den Deckel, um den Hirten noch einmal zu sehen.

In diesem Kästchen hatte die Mutter in alten Zeiten das Liebste aufbewahrt, was sie auf der Welt besaß. Dort verwahrte sie ihrer Mutter dünngeschlissenen Verlobungsring, ihres Vaters alte Uhr und ihre eigenen goldenen Ohrringe.

Aber als Gunhild jetzt das Kästchen öffnete, sah sie, daß das alles herausgenommen war, und daß da statt dessen ein einziger Brief lag.

Dieser Brief war von ihr selbst. Sie hatte vor ein paar Jahren eine Reise nach Mora gemacht, und als sie über den Siljasee fuhr, kenterte das Boot. Mehrere von denen, die im Boot waren, ertranken, und die Eltern hatten gehört, daß auch Gunhild ums Leben gekommen sei.

Gunhild begriff, daß ihre Mutter so froh geworden war, als sie den Brief erhielt, der ihr von der Errettung der Tochter erzählte, daß sie alles andere aus dem Brautkasten genommen und den Brief als ihren größten Schatz da hineingelegt hatte.

Gunhild wurde leichenblaß, ihr Herz krampfte sich zusammen. »Jetzt weiß ich, daß ich meine Mutter morde,« sagte sie.

Sie dachte nicht mehr daran, etwas zu schreiben, sondern eilte von dannen. Sie kam hinaus und setzte sich wieder auf den Wagen, ohne auf die vielen Fragen zu antworten, ob sie ihre Eltern getroffen habe, und was sie gesagt hätten. Auf dem ganzen übrigen Weg saß sie regungslos da, die Hände in den Schoß gelegt, und starrte vor sich hin. »Ich morde meine Mutter,« dachte sie, »ich weiß, daß ich meine Mutter morde, ich weiß, daß Mutter stirbt.«

»Für mich gibt es keinen glücklichen Tag mehr auf der Welt,« dachte sie. »Ich komme in das heilige Land, aber ich morde meine eigene Mutter.«

* * *

Als der lange Zug von Karren und Lastwagen endlich durch das Kirchdorf gelangt und aus dem Tal hinausgekommen war, kam er an einen Birkenhain.

Hier bemerkten die Jerusalemfahrer zum erstenmal, daß ihnen ein paar Menschen folgten, die sie nicht kannten.

Solange die Fortziehenden noch unten im Dorf gewesen waren, hatten sie so viel damit zu tun gehabt, Lebewohl zu sagen und Abschied zu nehmen, daß sie keine Zeit hatten, den fremden Wagen zu beachten; aber hier im Hain wurden sie allmählich aufmerksam darauf.

Bald fuhr er an allen andern Wagen vorbei, so daß er an die Spitze des Zuges gelangte, bald mäßigte er die Fahrt und ließ die andern voranfahren.

Es war ein ganz gewöhnlicher Arbeitswagen, von der Art, wie man sie überall gebraucht, aber gerade darum war es unmöglich, ausfindig zu machen, wem er gehörte. Auch das Pferd kannte niemand.

Er wurde von einem alten Mann gefahren, der ganz gebeugt saß und runzelige Hände hatte und einen langen, weißen Bart. Niemand kannte ihn, das war ganz sicher.

Aber neben ihm saß eine Frau, die sie zu kennen meinten. Niemand konnte ihr Gesicht sehen, denn sie hatte ein schwarzes Tuch um den Kopf, das sie mit den Händen so fest zusammenhielt, daß man nicht einmal die Augen sehen konnte.

Mehrere suchten aus ihrer Haltung und Größe zu erraten, wer sie sein könne, aber nicht zwei rieten auf dieselbe.

Gunhild sagte sogleich: »Das ist meine Mutter!« Aber Israel Tomassons Frau behauptete, es sei ihre Schwester.

Da war fast nicht einer, der nicht seine eigene Meinung darüber hatte, wer die sein könne, die dort im Wagen saß. Tims Halvor glaubte, es sei die alte Eva Gunnarstochter, die nicht mit nach Jerusalem hatte fahren dürfen.

Der Wagen blieb auf dem ganzen Wege bei ihnen, aber auch nicht ein einziges Mal lüftete die Frau das Tuch vor dem Gesicht.

Einigen der Davonziehenden ward sie zu einer, die sie liebten, anderen zu einer, die sie fürchteten; den meisten aber war es, als sei es eine, die sie verlassen und verraten hatten.

Mehrmals, wenn der Weg breit genug war, wiederholte es sich, daß die Fremde an der Wagenreihe entlangfuhr, dann still hielt und sie vorüberfahren ließ.

Dann saß die fremde Frau da, das Gesicht den Davonziehenden zugewendet, und betrachtete sie unverwandt, aber sie machte keinem von ihnen ein Zeichen, und keiner konnte sicher sein, wer sie war.

Sie begleitete sie bis an die Eisenbahnstation; da erwarteten sie, ihr Gesicht zu sehen. Aber als sie von dem Wagen abgestiegen waren und sich nach ihr umsahen, war sie verschwunden.

* * *

Während der lange Zug von Karren und Lastwagen durch den Kirchsprengel fuhr, sah man niemand auf den Wiesen mähen, niemand, der das Heu wendete und lüftete, niemand, der es in Haufen setzte.

An diesem Morgen ruhte die Arbeit; alle Menschen standen müßig am Wege oder sie kamen in ihren Sonntagskleidern gefahren, um das Geleite zu geben. Einige folgten dem Zuge eine Meile, andere zwei, aber einige von ihnen fuhren auch ganz bis an die Eisenbahnstation mit.

Während der ganzen Zeit, daß der Zug durch den Kirchsprengel fuhr, sah man auf dem ganzen Wege nur einen einzigen Mann, der arbeitete, und das war Hök Matts Eriksson. Er war nicht ausgegangen, um Heu zu mähen, das betrachtete er immer als eine Feierabendarbeit, sondern er hatte sich daran gemacht, Steine aus der Erde zu brechen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, als er seine Erde für den Ackerbau urbar machte.

Gabriel Wattson sah den Vater von dem Wege aus als der Zug vorüberfuhr. Hök Matts ging auf dem heimischen Felde mit der Hebestange, brach Steine aus und trug sie zu einer Steinmauer zusammen. Er sah nicht von der Arbeit auf, sondern schleppte seine Steine dahin, und einige von ihnen waren so schwer, daß Gabriel meinte, es sähe aus, als müsse sein Rücken unter der Last brechen. Und dann warf er sie auf die Steinmauer nieder mit einer solchen Kraft, daß die Kanten absprangen und die Funken stoben.

Gabriel fuhr einen der Lastwagen, aber seine Pferde mußten eine lange Weile für sich selbst sorgen, denn Gabriel konnte die Augen nicht von dem Vater abwenden.

Der alte Hök Matts arbeitete und mühte sich ab. Er arbeitete gerade so wie damals, als der Sohn eben geboren war und der Vater alle Kraft daran setzte, um das Eigentum zu erweitern.

Der Kummer packte ihn hart an, aber Hök Matts brach immer größere und größere Steine aus und häufte sie auf die Mauer.

Bald nachdem der Zug vorübergezogen war, brach ein heftiges Gewitter mit einem Platzregen aus. Alle, die draußen waren, beeilten sich, unter Dach zu kommen, und Hök Matts wollte auch Schutz suchen; aber er besann sich und blieb draußen. Er wagte nicht, seine Arbeit zu verlassen.

Um die Mittagszeit kam seine Tochter in die Tür hinaus, um ihn zum Essen zu rufen.

Hök Matts war nicht sehr hungrig, aber er meinte doch, daß er etwas essen müsse. Und doch unterließ er es, hineinzugehen, er wagte nicht, mit seiner Arbeit aufzuhören.

Seine Frau hatte den Sohn an den Bahnhof begleitet. Und spät am Abend kam sie allein zurückgefahren. Sie ging zu dem Mann hin, um ihm zu erzählen, daß ihr Sohn jetzt fort sei, aber er mühte sich noch mit dem Brecheisen ab und schleppte Steine und wollte keinen Augenblick still stehen und hören, was sie zu erzählen hatte.

Die Nachbarn hatten gemerkt, wie Hök Matts an diesem Tage gearbeitet hatte. Sie kamen hinaus, standen still und sahen ihn eine Zeitlang an und gingen dann wieder hinein und erzählten: »Er geht da noch herum, er hat den ganzen Tag in einem Zug gearbeitet.«

Es wurde Abend, aber es war noch eine Weile hell, und Hök Matts fuhr fort zu arbeiten. Er meinte, daß, wenn er nur einen Schritt von seiner Arbeit fortging, ihn der Schmerz überwältigen müsse.

Seine Frau kam hinaus, die stand da und sah ihm zu. Das Feld war fast ganz urbar gemacht, und die Steinmauer war gewachsen, aber noch immer ging der kleine Mann umher und schleppte Steine, die besser für die Kräfte eines Riesen gepaßt hätten.

Einer oder der andere von den Nachbarn kam heraus, um zu sehen, ob Hök Matts noch arbeitete. Aber niemand sprach mit ihm.

Dann wurde es so dunkel, daß man ihn nicht mehr sehen konnte. Aber hören konnte man ihn, konnte hören, wie er immer noch einherging. Steine auf die Mauer häufte, so daß die Funken um ihn stoben.

Aber dann plötzlich, als er sich mit dem Brecheisen abmühte, flog es ihm aus der Hand, und als er sich niederbeugte, um es aufzunehmen, fiel er um. Er blieb am Boden liegen. Ehe er sich so weit besinnen konnte, um sich aufzulichten, schlief er ein. Nach einer Weile kam er ins Haus hinein. Er sagte nichts, dachte auch nicht daran, sich auszukleiden, sondern warf sich nur auf die hölzerne Bank und schlief sofort ein.

* * *

Die langen Reihen von Karren und Lastwagen erreichten endlich den Bahnhof.

Die Eisenbahn war erst kürzlich angelegt, und das Bahnhofsgebäude war ganz neu gebaut. Es lag auf einem großen, ausgerodeten Platz, mitten in dem dichtesten und finstersten Walde. Da war kein Dorf, da waren keine Felder oder Gärten, aber alles war groß und flott angelegt, weil man erwartete, daß eine ansehnliche Eisenbahnstadt hier in dieser öden und einsamen Gegend entstehen würde.

Rings um das Bahngebäude selbst herum war die Erde geebnet, es war ein breiter, gepflasterter Fahrweg angelegt und große Güterschuppen und ausgedehnte, leere, endlose Kiesplätze.

Ein paar Läden, einige Werkstätten und ein Hotel waren schon rings um die Kiesplätze herum angelegt, aber all das übrige lag noch als große, öde Wildnis da.

Auch hier floß der Dalelf. Er kam wild und zornig aus dem finsteren Walde gebraust und stürzte schäumend in einer Reihe von Wasserfällen herab. Die Jerusalemfahrer konnten kaum begreifen, daß dies der breite majestätische Elf war, von dem sie am selben Morgen Abschied genommen hatten.

Hier gab es keine lachenden Täler zu schauen, sondern die Aussicht war überall von dunklen, tannenbewachsenen Höhen begrenzt.

Als die kleinen Kinder, die mit ihren Eltern nach Jerusalem sollten, hier an diesem Ort vom Wagen hinabgehoben wurden, ward ihnen bange, und sie fingen an zu weinen. Die Kinder hatten sich sonst die ganze Zeit darauf gefreut, daß sie nach Jerusalem reisen durften. Aber bei der Trennung von der Heimat hatten sie viel geweint, und hier am Bahnhof waren sie ganz verzweifelt.

Die Erwachsenen hatten genug damit zu tun, das Gepäck vom Wagen zu nehmen und es in einen Güterwagen zu legen. Alle halfen und niemand hatte Zeit, acht zu geben, was die Kinder taten.

Aber die Kinder taten sich zusammen, sie standen in einer dichten Schar und beratschlagten.

Und dann nahmen die älteren die Kleinen bei der Hand und begaben sich auf den Weg, der von der Station fortführte, immer zu zweien, ein großes und ein kleines. Sie gingen den Weg, den sie gekommen waren, über das Sandmeer und das Stoppelfeld und den Elf, hinein in den finsteren Wald.

Nach einer Weile fielen einer von den Frauen die Kinder ein. Sie öffnete einen Vorratskorb und wollte ihnen etwas zu essen geben.

Sie rief nach ihnen, aber keins antwortete. Sie waren verschwunden; ein paar Männer mußten ausgehen und nach ihnen suchen.

Sie folgten den Spuren, die die vielen kleinen Füße im Sande hinterlassen hatten. Als sie eine Strecke in den Wald hineingekommen waren, erblickten sie die Kinder. Sie wandelten in einer langen Reihe dahin, immer zu zweien, immer ein großes und ein kleines. Als die Männer sie riefen, standen sie nicht still, sondern fuhren fort zu gehen. Da mußten die Männer anfangen zu laufen, um sie einzuholen.

Die Kinder versuchten davonzulaufen, aber die kleinsten konnten nicht mitkommen, sie strauchelten und fielen.

Da blieben die Kinder stehen, verweint und unglücklich.

»Aber Kinder, wo wollt ihr nur hin?« fragte einer der Männer. Da brachen die kleinsten Kinder in ein lautes Gebrüll aus, aber der älteste Knabe antwortete:

»Wir machen uns nichts daraus, nach Jerusalem zu kommen, wir wollen nach Hause.«

Und noch lange, nachdem die Kinder nach dem Bahnhof zurückgebracht und in die Wagen gesetzt waren, fuhren sie fort zu weinen und zu klagen: »Wir machen uns nichts daraus, nach Jerusalem zu kommen. Wir wollen nach Hause!«

 


 


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