Selma Lagerlöf
In Dalarne
Selma Lagerlöf

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Gertrud.

Es war etwas Wunderliches über Gertrud gekommen, das sie nicht zu bewältigen und zu beherrschen vermochte, etwas, das wuchs und nahe daran war, ihr alle Macht zu rauben.

Es hatte in dem Augenblick begonnen, als sie erfuhr, daß Ingmar sie aufgegeben hatte. Es war dies eine große Angst, Ingmar zu sehen, ihm plötzlich auf der Landstraße oder in der Kirche zu begegnen. Warum sie dies eigentlich so schrecklich fand, wußte sie selber nicht; aber sie fühlte, daß sie es nicht ertragen konnte, Ingmar zu begegnen.

Gertrud hatte sich am allerliebsten Tag und Nacht eingeschlossen, um sicher zu sein, ihm nicht zu begegnen. Aber das war unmöglich für ein armes Mädchen wie sie. Sie mußte hinausgehen und im Garten arbeiten, sie war mehrmals am Tage gezwungen, den langen Weg nach der Kuhkoppel zu gehen, um die Kühe zu melken, und sie wurde nach dem Kaufmann geschickt, um Zucker und Mehl zu holen oder was sonst im Haushalt gebraucht werden sollte.

Wenn Gertrud auf den Weg hinauskam, zog sie das Kopftuch tief ins Gesicht hinein, erhob niemals die Augen vom Boden und eilte von dannen, als wenn sie von Gespenstern verfolgt würde. Wenn es nur anging, mied sie die Landstraße und schlich auf allen möglichen kleinen Pfaden dahin, die an Gräbenrändern oder Ackerrainen entlangliefen, wo sie dachte, daß sie Ingmar unmöglich begegnen könne.

Aber bange war sie immer. Es gab ja keinen Ort, wohin er nicht kommen konnte. Ruderte sie auf dem Fluß hinauf, so konnte er ja da sein, um seine Baumstämme hinunterzuflößen, und schlich sie tief in den Wald hinein, konnte er ihr ja mit der Axt über der Schulter auf einem Wege zur Arbeit begegnen.

Wenn sie draußen im Garten lag und Unkraut jätete, erhob sie jeden Augenblick den Kopf, damit sie, falls er des Weges gegangen kam, ihn rechtzeitig erblicken und davonlaufen konnte.

Sie dachte mit Bitterkeit daran, daß er bei ihr im Hause nur zu gut bekannt war. Ihr Hund würde nicht bellen, wenn er kam, und ihre Tauben, die auf dem Kiesweg trippelten, würden nicht mit flatterndem Flügelschlag auffliegen, wenn er sich näherte. Gertruds Angst verlor sich nicht, im Gegenteil, sie nahm mit jedem Tag, der verging, zu. All ihr Kummer hatte sich in Schrecken verwandelt, und ihre Kraft, zu widerstehen, wurde geringer und geringer.

»Bald wird der Tag kommen, wo ich mich nicht mehr vor die Tür hinauswage,« dachte sie. »Ich werde ganz wunderlich und menschenscheu, wenn ich nicht gar den Verstand verliere.«

»Ach Gott, mein Gott, nimm diese Angst von mir!« flehte Gertrud. »Ich kann es Vater und Mutter ansehen, daß sie schon glauben, ich verliere den Verstand. Ach, Herr mein Gott, hilf mir!«

Aber während Gertruds Angst ihren Höhepunkt erreicht hatte, geschah es eines Nachts, daß sie einen merkwürdigen Traum hatte.

Es war ihr, als gehe sie in einer Mittagsstunde mit dem Melkeimer am Arm hinaus, um zu melken. Die Kühe weideten auf einem umfriedigten Felde, das weit entfernt lag, ganz in der Nähe des Waldes, und sie ging dahin auf schmalen Pfaden, die an Grabenrändern und Ackerrainen entlangliefen. Es war ihr, als werde ihr das Gehen schwer. Sie fühlte sich so müde und matt, daß sie kaum die Beine zu bewegen vermochte. »Was fehlt dir nur einmal?« fragte sie sich im Traum. Und sie antwortete sich selbst: »Du bist müde, weil du diesen schweren Kummer mit dir herumschleppst.«

Endlich meinte sie, daß sie den Melkplatz erreicht hatte. Aber als sie auf das Feld kam, konnte sie nichts von den Kühen entdecken. Sie erschrak und ging umher und suchte in dem Gestrüpp und am Bach und unter den Birken nach ihnen.

Während sie ging und suchte, entdeckte sie, daß an der Seite, die nach dem Walde zulag, die Hecke durchbrochen war. Sie wurde schrecklich unglücklich und stand da und rang die Hände. »Und ich, die ich so müde bin,« sagte sie, »soll ich nun noch in den großen Wald laufen und nach den Kühen suchen!«

Sie ging indessen in den Wald hinein und bahnte sich langsam einen Weg zwischen widerspenstigen Tannen und stacheligen Wacholderbüschen.

Aber gleich darauf befand sie sich auf einem ebenen und bequemen Wege im Walde, ohne daß sie wußte, wie sie dahin gelangt war. Der Pfad war ein wenig glatt von den braunen Tannennadeln, die ihn bedeckten, und die Tannen standen gerade und himmelhoch zu beiden Seiten des Weges, und die Sonnenstrahlen spielten unter dem weißgelben Moos unter den Bäumen. Es war so schön und lieblich, daß ihre Angst nachließ. Wie sie so dahinging, sah sie eine alte, krumme, gebeugte Frau zwischen den Zweigen gehen. Es war die alte Finnen-Marit, die hexen konnte. »Es ist doch gräßlich, daß die alte scheußliche Frau noch lebt und daß ich ihr hier im Walde begegnen muß,« dachte Gertrud. Sie schlich geräuschlos im Schatten vorüber, damit die Alte sie nicht erblicken sollte.

Aber die Finnen-Marit sah auf, gerade als sie an ihr vorüberhuschen wollte.

»Heda, du!« rief die Alte ihr nach, »wart' nur, dann will ich dir was zeigen.« Im selben Augenblick kniete die Finnen-Marit vor ihr auf dem Wege nieder. Sie ritzte mit dem Finger einen Kreis in die Tannennadeln und mitten in den Kreis stellte sie eine flache Messingschale, »Jetzt will sie gewiß hexen,« dachte Gertrud, »dann ist es also wirklich wahr, daß sie eine Hexe ist.«

»Guck jetzt in die Schale hinein, dann mag es ja sein, daß du etwas zu sehen bekommst,« sagte das alte Finnenweib. Gertrud sah nieder und zuckte zusammen; sie sah ganz deutlich Ingmar Ingmarssons Gesicht sich auf dem Boden der Schale spiegeln. Im selben Augenblick gab ihr das Finnenweib eine lange Nadel in die Hand. »Sieh' da,« sagte sie, »nimm die und stich ihm in die Augen. Das verdient er, weil er dich betrogen hat.« Gertrud besann sich ein wenig, aber sie empfand eine wunderlich große Lust, zu tun, was die Alte sagte. »Warum soll er es gut haben und reich und glücklich sein, während du dich quälst!« sagte die Alte. Gertrud überkam eine unbezwingbare Lust, ihr zu gehorchen. Sie senkte die Nadel. »Gib acht, daß du ihn mitten ins Auge triffst,« sagte die Hexe. Gertrud stach zu, zweimal stach sie gerade in Ingmars Augen. Aber als sie die Nadel hineinstieß, war es ihr, als ginge sie ganz tief hinein, als habe sie nicht die Messingschale getroffen, sondern etwas Weiches, und als sie sie wieder herauszog, war sie blutig.

Im selben Augenblick, als Gertrud das Blut an der Nadel sah, war es ihr, als habe sie Ingmars Augen wirklich ausgestochen. Sie erschrak so, daß sie laut aufschrie und erwachte.

Sie lag lange da und zitterte und schluchzte, bis sie sich davon überzeugen konnte, daß es ein Traum war. »Gott bewahre mich davor, Lust zu bekommen, mich an ihm zu rächen,« betete sie.

Kaum war sie ruhig geworden und wieder eingeschlafen, als derselbe Traum von neuem begann.

Sie ging wieder auf dem Feldwege hinaus, um die Kühe zu melken. Wieder waren sie verschwunden, und sie ging in den Wald, um nach ihnen zu suchen. Da kam sie auf den hübschen Weg und sah die Sonnenstrahlen auf dem Moos schillern. Sie entsann sich alles dessen, was ihr kürzlich im Traum begegnet war. Sie ging dahin und fürchtete sich wieder, der Finnen-Marit zu begegnen, und freute sich, daß sie sie nicht sah.

Aber wie sie so dahinging, war es ihr, als öffne sich die Erde zwischen zwei Hügeln gerade vor ihr. Zuerst kam ein Kopf aus der Öffnung heraus, und dann arbeitete sich ein ganzer kleiner Mann aus der Erde empor. Er summte und brummte fortwährend mit den Lippen, und daran erkannte sie, wer es war Es war ja der Summpeter, der nicht ganz richtig im Kopfe war. Zuweilen wohnte er unten im Dorf, aber im Sommer pflegte er im Walde in einer Erdhöhle zu hausen. Gertrud fiel jetzt plötzlich ein, daß man von Peter erzählte, wenn jemand einem anderen ein Leid antun wolle, ohne entdeckt zu werden, so könne man ihn brauchen. Er stand im Verdacht, sich mehrmals als Mordbrenner verdungen zu haben.

Gertrud trat nun im Traum an den Mann heran und fragte ihn gleichsam im Scherz, ob er den Ingmarshof nicht anzünden wolle. »Das würde sie gern sehen,« sagte sie, »denn Ingmar liebe den Hof mehr als sie.«

Zu ihrem großen Schrecken schien es, als verstünde der Mann sehr wohl, was sie sagte. Er machte sich gleich daran, nach dem Dorf hinabzulaufen. Sie eilte hinter ihm drein, aber es war ihr nicht möglich, ihn einzuholen. Die Tannenzweige hielten sie zurück, sie versank in Sumpflöcher und sie glitt auf den glatten Steinen aus. Endlich erreichte sie den Waldessaum, aber da leuchteten die Flammen ihr schon zwischen den Bäumen entgegen. »Er hat es schon getan, er hat den Hof schon angezündet,« rief sie und erwachte aus dem Schrecken des Traumes.

Gertrud richtete sich im Bett auf, Tränen strömten an ihren Wangen herunter. Aber sie wagte nicht, sich wieder hinzulegen, aus Angst, daß sie von neuem träumen würde.

»Gott steh' mir bei, ach, Gott steh' mir bei!« sagte sie. »Ich weiß nicht, wieviel Böses in mir ist. Aber Gott weiß doch, daß ich auch nicht ein einziges Mal in dieser ganzen Zeit daran gedacht habe, mich an Ingmar zu rächen. Gott laß diese Sünde nicht über mich kommen!«

»Das Leid ist gefährlich!« rief sie aus und rang die Hände. »Das Leid ist gefährlich, das Leid ist gefährlich.«

Sie verstand wohl selbst nicht mit voller Klarheit, was sie damit meinte. Aber sie fühlte, daß ihr armes Herz wie ein Garten war, der all seine Lilien und Rosen verloren hatte. Nun ging das Leid dort als Gärtner und pflanzte Disteln und Giftblumen.

Den ganzen Vormittag hatte Gertrud ein Gefühl, als träume sie noch, und sie war gar nicht recht wach. Der Traum war so stark und lebhaft gewesen, daß sie ihn nicht wieder vergessen konnte.

So oft sie an die Wonne dachte, mit der sie die Nadel in Ingmars Augen gestochen hatte, sagte sie zu sich selbst: »Es ist schrecklich, daß ich so böse und rachsüchtig geworden bin. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesem allen zu entrinnen. Ich bin ja im Begriff, ein verlorener Mensch zu werden.«

Um die Mittagszeit nahm Gertrud wie gewöhnlich den Milcheimer über den Arm und ging fort, um zu melken. Sie zog, wie sie das zu tun pflegte, das Kopftuch in das Gesicht hinein und hob die Augen nicht vom Boden auf. Sie ging auf den schmalen Pfaden, die sie im Traum gegangen war, sie erkannte die Blumen, die am Wegesrande wuchsen. Und so wunderlich halbwach, wie sie war, konnte sie kaum das, was sie wirklich sah, von dem unterscheiden, was sie sich zu sehen einbildete.

Als Gertrud nach der Koppel kam, sah sie nichts von den Kühen. Sie ging hinaus und suchte nach ihnen, wie sie es im Traum getan hatte, suchte am Bach, unter den Birkenbäumen und dem Gestrüpp. Sie konnte sie nirgends finden, hatte aber ein Gefühl, daß sie dennoch da waren, und daß sie sie wohl finden könne, wenn sie nur ganz wach sei.

Bald sah sie ein großes Loch im Zaun, und nun wußte sie gleich, daß die Kühe da hindurchgebrochen waren.

Gertrud fing jetzt an, nach den Flüchtlingen zu suchen. Sie verfolgte die tiefen Spuren der Klauen auf dem weichen Waldboden und entdeckte, daß die Tiere einen Weg eingeschlagen hatten, der nach einer fernen Alm hinaufführte.

»Ach!« rief sie aus, »jetzt weiß ich, wo sie sind. Ich habe ja heute vormittag gesehen, daß die Leute vom Glückshof mit ihrem Vieh vorbeizogen, um es auf die Alm zu treiben. Als unsere Kühe die Glocken der Leitkuh gehört haben, sind sie hinausgebrochen und ihnen in den Wald nachgelaufen.«

Die Unruhe hatte Gertrud für eine Weile ganz wach gemacht. Sie beschloß, so schnell wie möglich nach der Alm hinaufzugehen und die Kühe zu holen. Sonst konnte man nie wissen, wann sie wieder nach Hause getrieben würden. Und sie ging schnell auf dem steilen, steinigen Weg dahin.

Aber nachdem der Weg eine Weile steil aufwärts gegangen war, machte er eine Biegung, und nun lag er glatt von Tannennadeln und ganz eben vor ihren Augen da.

Sie erkannte gleich den Weg aus dem Traum wieder. Da waren die kleinen Sonnenflecke auf dem weißgelben Moos und dieselben hohen Bäume.

Da kam wieder derselbe traumähnliche Zustand über sie, in dem sie den ganzen Tag umhergegangen war. Sie wartete darauf, was jetzt geschehen würde. Sie starrte unter die Tannen, um zu sehen, ob sie nicht einem der wunderlichen Wesen begegnen würde, die in der Finsternis des Waldes umherschwanken. Sie sah jedoch nichts sich unter den Bäumen bewegen, aber in ihrem eigenen Sinn begannen sich gar wunderliche Gedanken zu regen. Wie, wenn sie sich nun wirklich an Ingmar rächen würde! Vielleicht würde sie dann von dieser Angst befreit werden! Vielleicht brauchte sie dann ihren Verstand nicht zu verlieren? Vielleicht war es ganz gut, Ingmar das leiden zu lassen, was sie jetzt litt.

Eine ganze Weile ging sie auf diesem Pfad entlang und staunte immer mehr und mehr darüber, daß sie niemand begegnete, als der hübsche Waldweg plötzlich aufhörte und in eine Waldlichtung mündete.

Es war ein lieblicher, kleiner Platz, mit saftigem Gras und einer Menge Blumen bewachsen. An der einen Seite erhob sich eine steile Bergwand, an der anderen standen blühende Ebereschen zwischen lichtgrünen Birken und dunklen Tannen. Ein ziemlich breiter und wasserreicher Bach strömte an der Bergwand herab, schlängelte sich durch Wiesen und stürzte sich dann in eine Schlucht, die ganz mit üppigem Strauchwerk und Unterwald bewachsen war. Gertrud blieb plötzlich stehen. Sie erkannte auf einmal die Stelle. Der Bach hieß der schwarze Bach, und man erzählte sich sonderbare Dinge von ihm. Es war mehrmals geschehen, daß Menschen wunderlich hellsehend geworden waren, während sie über diesen Bach gingen. Ein Hirtenjunge, der über den Bach ging, sah einmal einen Hochzeitszug, der ganz nördlich in dem Kirchsprengel nach der Kirche zog, und ein Köhler sah einmal einen König mit der Krone auf dem Kopf und dem Zepter in der Hand zur Krönung reiten.

Gertruds Herz hörte fast auf zu schlagen. »Gott sei mir gnädig, was werde ich jetzt zu sehen bekommen,« seufzte sie.

Sie fühlte sich fast versucht, umzukehren. »Aber ich muß ja hinüber, ich armes Kind, ich muß ja hinüber, um meine Kühe zu holen.«

»Herr mein Gott!« flehte sie und faltete die Hände in ihrer großen Angst. »Laß mich nichts Häßliches oder Böses sehen; laß mich nicht in schwere Versuchung fallen!«

Aber daß sie etwas sehen würde, daran zweifelte sie nicht. Sie erwartete das so bestimmt, daß sie kaum auf die glatten Steine hinauszugehen wagte, die über den Bach führten.

Während Gertrud nun in der Mitte des Baches stand, sah sie auf der anderen Seite, drüben in der Tiefe des Waldes sich etwas bewegen. Aber es war kein Hochzeitszug, es war ein einsamer Mann, der langsam auf die Wiese hinausgegangen kam.

Er war groß und jung und trug ein langes schwarzes Gewand, das ihm fast bis zu den Füßen reichte. Sein Gesicht war länglich und sehr schön, das Haupt war unbedeckt und die Haare hingen ihm in langen, dunklen Locken über die Schultern.

Der Fremde ging geradeswegs auf Gertrud zu. Seine Augen waren groß und strahlend, als entströme ihnen Licht, und als sein Blick auf Gertrud fiel, fühlte sie, daß er all ihren Kummer lesen konnte. Und sie sah, daß er Mitleid mit ihr hatte, deren Herz so erfüllt war von Angst um irdische Dinge, und deren Seele besudelt war von Rachlust und übersät von den Disteln und den Giftblumen des Kummers.

Als sein Blick Gertrud traf, fühlte sie sich durchströmt von Frieden und Seligkeit und sanfter, stiller Ruhe. Und als er an ihr vorübergegangen war, da war nichts mehr von all ihrem Kummer und all ihrer Bitterkeit zurückgeblieben, alles Böse verschwand wie bei einer Krankheit, die geheilt war und Gesundheit und Stärke hinterlassen hatte.

Gertrud stand lange still. Das Gesicht glitt weiter, aber sie blieb in träumender Seligkeit stehen. Als sie sich endlich umsah, war er verschwunden. Aber der Eindruck dessen, was sie gesehen hatte, schwand nicht. Sie faltete die Hände und erhob sie in Verzückung. »Ich habe Jesus gesehen,« sagte sie. »Ich habe Jesus gesehen. Er hat mein Leid von mir genommen, und ich liebe ihn. Jetzt kann ich keinen anderen in dieser Welt mehr lieben.«

Alle Sorgen des Lebens entschwanden und wurden so klein, so klein. Und die langen Jahre des Lebens erschienen wie ein einziger, kurzer Tag. Und alles, was irdisch war, wurde gleichgültig und bedeutungslos.

Im selben Augenblick ward es Gertrud klar, wie sie ihr Leben einrichten müsse.

Damit sie nicht in die dunklen Schrecknisse versinke und damit sie nicht zu Sünde und Rache verlockt werde, mußte sie aus dieser Gegend fortziehen. Sie mußte mit den Hellgumianern nach Jerusalem ziehen.

Dieser Gedanke war in ihrem Herzen aufgestiegen, als Jesus an ihr vorüberging. Sie glaubte, daß er von ihm käme. Sie hatte ihn in seinen Augen gelesen.

* * *

An dem schönen Junimorgen, als Birger Sven Person die Hochzeit seiner Tochter feierte, kam früh am Morgen ein junges Mädchen auf den Hochzeitshof und verlangte, mit dem Bräutigam zu reden. Sie war groß und schlank, das Kopftuch hatte sie so tief ins Gesicht gezogen, daß nichts weiter davon zu sehen war, als eine flaumweiche Wange und ein Paar rote Lippen. Am Arm trug sie einen Korb, in dem kleine Bündel selbstgewebter Bänder, sowie einige Haarketten und Haararmbänder lagen.

Sie sagte ihr Anliegen einer alten Magd, die sie auf dem Hof traf, und diese ging hinein und sagte es der Hausfrau. Die Hausfrau antwortete gleich: »Geh' hinaus und sage ihr, daß Ingmar Ingmarssohn eben zur Hochzeit in die Kirche fahren will; er hat gar keine Zeit, mit ihr zu sprechen.«

Sobald die Fremde diesen Bescheid erhalten hatte, ging sie vom Hof fort. Niemand sah den ganzen Vormittag etwas von ihr. Aber als die Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche heimkehrte, kam sie zurück und verlangte Ingmar Ingmarsson zu sprechen.

Diesmal trug sie ihr Anliegen einem Knecht vor, der an der Stalltür herumlungerte, und er ging hinein und sagte es dem Hausherrn. »Sag' ihr,« sagte der Hausherr, »daß Ingmar Ingmarsson sich gerade an die Hochzeitstafel setzt; er hat keine Zeit, mit ihr zu reden.«

Als sie den Bescheid erhielt, seufzte sie und entfernte sich langsam und kam erst spät am Abend zurück, als die Sonne im Begriff war unterzugehen. Diesmal trug sie ihr Anliegen einem Kinde vor, das rittlings auf dem Hofzaune ritt. Und das Kind lief gleich in die Stube hinein und sagte es der Braut. »Sage ihr,« sagte die Braut, »daß Ingmar Ingmarsson mit seiner Braut tanzt; er hat keine Zeit, mit anderen zu reden.«

Als das Kind mit dem Bescheid hinauskam, lächelte die fremde Frau und sagte: »Nein, jetzt redest du die Unwahrheit. Ingmar Ingmarsson tanzt nicht mit seiner Braut.«

Diesmal ging sie nicht fort, sondern blieb am Zaun stehen.

Gleich darauf dachte die Braut bei sich selbst: »Nun habe ich an meinem Hochzeitstage gelogen!« Sie bereute es, ging hin und sagte zu Ingmar, draußen auf dem Hof stünde eine fremde Frau, die mit ihm zu reden wünsche.

Ingmar ging hinaus und sah Gertrud am Zaun stehen und warten.

Als Gertrud ihn kommen sah, ging sie auf dem Wege vor ihm her, und Ingmar folgte ihr. Sie gingen ganz stumm dahin, bis sie sich eine gute Strecke vom Hochzeitshof entfernt hatten.

Ingmar sah so aus, als sei er in den letzten paar Wochen ein alter Mann geworden. Sein Gesicht hatte auf alle Fälle ein stärkeres Gepräge von Vorsicht und Klugheit erhalten. Er ging auch gebeugter und sah jetzt, wo er reich geworden war, demütiger aus als früher, wo er nichts besaß.

Er freute sich keineswegs, als er Gertrud erblickte. Jeden Tag, der verging, hatte er sich selbst zu überreden gesucht, daß er zufrieden sei mit dem Tausch, den er gemacht hatte. »Denn es ist ja so, daß wir Ingmarssöhne uns eigentlich aus nichts in der Welt etwas machen, als auf den Feldern des Ingmarshofes dahinzugehen und zu pflügen und zu säen,« sagte er zu sich selbst.

Aber was ihn noch mehr quälte, als daß er Gertrud verloren hatte, war, daß jetzt ein Mensch in der Welt von ihm sagen konnte, daß er nicht halte, was er versprochen hatte. Während er nun so hinter Gertrud dreinging, dachte er die ganze Zeit an allen Hohn und an alle Verachtung, die sie über ihn auszugießen das Recht hatte.

Gertrud setzte sich auf einen Stein am Wege und stellte den Korb neben sich. Das Kopftuch zog sie noch tiefer ins Gesicht hinein.

»Setz' dich nieder!« sagte sie zu Ingmar und zeigte auf einen anderen Stein. »Ich habe etwas mit dir zu reden.«

Ingmar setzte sich nieder und freute sich, daß er sich so ruhig fühlte. »Es geht besser, als ich erwartet hatte,« dachte er. »Ich glaubte, es würde viel schlimmer werden, Gertrud wiederzusehen und sie sprechen zu hören. Ich fürchtete schon, die Liebe würde mich ganz überwältigen.«

»Ich würde nicht so gekommen sein und dich an deinem Hochzeitstag gestört haben,« sagte Gertrud, »wenn ich nicht dazu gezwungen gewesen wäre. Ich reise jetzt aus dieser Gegend fort und komme nie wieder zurück. Ich war schon vor einer Woche bereit, fortzuziehen, aber da geschah etwas, was mich nötigte, die Reise hinauszuschieben, um mit dir zu sprechen.«

Ingmar saß schweigend und wie in sich zusammengesunken da. Er sah aus wie jemand, der die Schultern vorschiebt und den Kopf senkt, in Erwartung eines schweren Unwetters, das über ihn kommen mußte.

Er saß während der ganzen Zeit da und dachte: »Was Gertrud auch sagt, eins ist sicher, ich tat recht, den Hof zu wählen. Ohne den hätte ich nicht leben können. Ich wäre vor Kummer zugrunde gegangen, wenn er in andere Hände gekommen wäre.«

»Ingmar,« sagte Gertrud, und sie errötete, während sie sprach, so daß das kleine Stück, das von ihrer Wange zu sehen war, ganz rot wurde. »Ingmar, du weißt wohl noch, daß es vor fünf Jahren meine Absicht war, zu den Hellgumianern überzutreten. Damals hatte ich Christus mein Herz gegeben, aber ich nahm es ihm wieder weg, um es dir zu schenken. Das war sicherlich ein großes Unrecht von mir, und deswegen ist dies alles über mich gekommen. So wie ich einstmals Christus verlassen habe, so bin ich selbst jetzt von dem verlassen worden, den ich liebte.«

Sobald Ingmar begriff, daß ihm Gertrud erzählen wollte, daß sie mit den Hellgumianern gehen würde, machte er eine unwillige Bewegung, ein starkes Gefühl des Unbehagens überkam ihn. »Ich kann mich nicht darein finden, daß sie sich diesen Jerusalemfahrern anschließt und nach dem fremden Land fortreist,« dachte er. Er kam mit ebenso eifrigen Einwendungen, als sei sie noch seine verlobte Braut gewesen.

»Du darfst nicht so denken, Gertrud. Es ist niemals Gottes Absicht gewesen, daß dies eine Strafe sein sollte, die über dich kommt.«

»Nein, nein, Ingmar, keine Strafe, so meine ich es nicht, sondern nur, um mir zu zeigen, wie verkehrt ich das erstemal gewählt habe. Ach nein, keine Strafe! Ich bin ja so glücklich, ich entbehre nichts. Aller Kummer ist von mir genommen. Dies mußt du doch verstehen können, Ingmar, wenn ich dir erzähle, daß Gott selbst mich erwählt und berufen hat.«

Ingmar saß da und sagte nichts. Sein ganzes Gesicht war lauter harte Vorsicht und Berechnung. »Du bist wirklich dumm,« schalt er sich selbst, »laß doch Gertrud reisen. See und salzige Wellen zwischen euch, das ist das beste. See und salzige Wellen, See und salzige Wellen!«

Aber das in ihm, was sich nicht darein finden konnte, daß Gertrud reiste, ward doch stärker, als er selbst, so daß er sagte: »Ich kann nicht begreifen, daß deim Eltern dir erlauben fortzureisen.«

»Das tun sie auch gar nicht,« erwiderte Gertrud, »das weiß ich nur zu gut, und darum habe ich nicht einmal gewagt, sie danach zu fragen. Vater geht niemals darauf ein; ich glaube nicht, daß er sich bedenken würde, Gewalt anzuwenden, um mich daran zu verhindern. Das ist das schwerste, daß ich mich heimlich von ihnen fortschleichen muß. Sie glauben jetzt, daß ich umhergehe, um meine Bänder zu verkaufen, und sie werden nichts erfahren, bis ich in Gotenburg zu den Jerusalemfahrern gestoßen und von Schweden abgefahren bin.«

Ingmar war ganz entsetzt darüber, daß Gertrud ihren alten Eltern einen so großen Kummer bereiten wollte. »Ob sie wohl weiß, wie schlecht sie handelt?« fragte er sich selbst. Er wollte ihr gerade so recht ins Herz reden, als er sich wieder besann. »Es schickt sich nicht für dich, Ingmar, Gertrud Vorwürfe über irgend etwas zu machen, was sie tut,« dachte er.

»Ich weiß recht gut, daß es unrecht gegen Vater und Mutter ist,« sagte Gertrud. »Aber ich fühlte mich dazu gezwungen, Jesus zu folgen.« Sie lächelte, als sie den Namen des Erlösers nannte. »Er hat mich ja aus Kummer und Seelennot befreit,« sagte sie innig und faltete die Hände.

Und als habe sie erst jetzt den Mut dazu gefunden, schob sie das Kopftuch zurück und sah Ingmar gerade in die Augen. Und Ingmar hatte das Gefühl, als vergleiche sie ihn mit dem Bilde eines andern, das sie vor ihren Augen sah, und er fühlte selbst, wie gering und unbedeutend sie ihn fand.

»Ja, es ist ein großes Unrecht gegen Vater und Mutter,« wiederholte Gertrud. »Vater ist jetzt so alt, daß er seinen Abschied von der Schule einreichen muß, und dann haben wir noch weniger zu leben als bisher. Und wenn er nichts zu tun hat, wird er reizbar und verdrießlich. Mutter wird es schwer mit ihm haben, sie werden wohl beide dasitzen und trauern. Hätte ich zu Hause bleiben und sie ermuntern können, so würde es ganz anders gewesen sein.«

Gertrud hielt inne, als überlege sie, ob sie offen reden könne, aber Ingmar merkte, daß es in ihm anfing, zu weinen und zu schluchzen. Er begriff, daß Gertrud ihn bitten würde, sich ihrer alten Eltern anzunehmen. »Und ich hatte geglaubt, sie käme, um mich zu verhöhnen und zu verachten,« dachte er, »und statt dessen erweist sie mir das größte Vertrauen.«

»Du brauchst mich nicht zu bitten, Gertrud,« erwiderte Ingmar. »Es ist eine große Ehre, die du mir, der dich verlassen hat, erweist. Glaube mir, ich werde besser gegen deine alten Eltern handeln, als ich gegen dich gehandelt habe.«

Ingmars Stimme bebte und dabei war es, als wenn etwas von der großen Vorsicht und Klugheit aus seinem Gesicht schwand. »Wenn sie mich um dies bittet, so geschieht es nicht um der Alten willen, sondern um mir zu zeigen, daß sie mir verziehen hat.« – »Ich wußte wohl, Ingmar, daß du nicht nein sagen würdest, wenn ich dich hierum bitte,« sagte Gertrud. »Nun habe ich dir noch etwas anderes zu erzählen.« Ihre Stimme ward stärker und froher. »Ich habe ein großes Geschenk für dich.«

»Wie schön Gertrud doch spricht,« sagte Ingmar zu sich selbst. »Ich glaube, ich habe nie jemand mit einer so sanften und frohen und klangvollen Stimme sprechen hören.«

»Vor einer Woche ging ich von Hause fort,« sagte Gertrud, »und hatte damals die Absicht, nach Gotenburg zu gehen, um dort zu sein, wenn die Hellgumianer kamen. In der ersten Nacht schlief ich unten am Bergsaanaer Sägewerk, bei einer armen Schmiedewitwe, die Marie Bouving heißt. Ich möchte dich bitten, dir den Namen zu merken, Ingmar, und wenn sie jemals in Not kommt, so mußt du ihr helfen.«

»Wie schön Gertrud ist,« dachte Ingmar, während er nickte und versprach, sich Marie Bouvings Namen zu merken. »Wie schön Gertrud doch ist: wie soll es mir ergehen, wenn ich sie nie mehr sehen soll? Habe ich unrecht getan, so hilf mir Gott, weil ich sie um eines alten Hofes willen verlassen habe. Wie können Äcker und Wälder dasselbe für mich sein wie ein Mensch? Können sie mir zulachen, wenn ich froh bin, können sie mich trösten, wenn ich betrübt bin? Es gibt nichts in der Welt, das einen Ersatz für den Verlust des Menschen geben kann, der einen liebt.«

»Marie Bouving,« fuhr Gertrud fort, »hat eine kleine Kammer hinter der Küche, wo sie mich während der Nacht schlafen ließ. – ›Du sollst sehen, du wirst über Nacht gut schlafen,‹ sagte sie, ›denn du sollst in dem Bett liegen, das ich auf der Auktion auf dem Ingmarshof gekauft habe.‹ – Sobald ich mich hingelegt hatte, fühlte ich, daß da ein sonderbar harter Klumpen in dem Kissen war, das ich unter meinem Kopfe hatte. Ich dachte, da hat sich Marie Bouving doch keine besonders guten Betten gekauft; aber ich war so müde, weil ich den ganzen Tag gegangen war, daß ich einschlief. Mitten in der Nacht erwachte ich und wendete das Kopfkissen, um mich von dem Klumpen unter dem Kopf zu befreien. Da merkte ich, daß der Bezug zerschnitten und mit großen, schlechten Stichen wieder zusammengenäht war. Da drinnen lag etwas Hartes, das wie Papier knisterte. Ich brauchte doch nicht auf einem Stein zu schlafen und versuchte, den harten Klumpen herauszuziehen. Endlich brachte ich ihn heraus, es war ein kleines Päckchen, das mit Bindfaden zusammengebunden und versiegelt war.«

Gertrud hielt einen Augenblick mit ihrer Erzählung inne, um zu sehen, ob Ingmar nicht neugierig war. Aber Ingmar hatte gar nicht besonders aufmerksam zugehört. »Wie schön es doch ist zu sehen, wie Gertrud ihre Hand beim Sprechen bewegt,« dachte er. »Ich glaube, ich habe nie jemanden gesehen, der so geschmeidig in allen seinen Bewegungen ist, oder so leicht geht wie Gertrud. Ja, es ist ein altes Sprichwort, das da sagt, der Mensch liebt den Menschen über alles. Aber ich habe doch wohl recht gehandelt, nicht nur der Hof, sondern auch das ganze Dorf bedurfte ja meiner.«

Und doch fühlte er mit Betrübnis, daß es ihm jetzt nicht mehr so leicht war wie vorhin, sich selbst zu überzeugen, daß er den Hof mehr liebte als Gertrud.

»Ich legte das Päckchen neben das Bett,« fuhr Gertrud fort, »und dachte, morgen will ich es Marie Bouving geben. Und als es hell wurde, sah ich, daß da ein Name auf dem Umschlag geschrieben stand. Ich untersuchte es näher, und schließlich entschloß ich mich, es mitzunehmen und es dir zu geben, ohne irgend jemand etwas davon zu sagen, weder Marie Bouving noch sonst jemand. Hier hast du es nun, Ingmar, es ist dein Eigentum.«

Von dem Boden des Korbes holte Gertrud nun ein kleines Päckchen, das sie Ingmar übergab, während ihr Blick voller Erwartung auf ihm ruhte, als hoffe sie, daß er freudig überrascht sein würde.

Ingmar nahm die Gabe in die Hand, ohne weiter darüber nachzudenken, was es wohl war, das er hier erhielt. Seine Gedanken bemühten sich, die bittere Reue fern zu halten, die, das fühlte er, im Begriff war, ihn zu beschleichen.

»Gertrud sollte nur ahnen, wie gefährlich sie mir ist, wenn sie so sanft und gut ist. Ach, wäre es doch nicht viel besser gewesen, wenn sie gekommen wäre, um mich auszuschelten.

Ich müßte ja eigentlich froh hierüber sein,« dachte er, »aber das bin ich nicht. Es ist ja, als wolle mir Gertrud dankbar dafür sein, daß ich sie verlassen habe. Und ich kann den Gedanken nicht ertragen.«

»Ingmar!« sagte Gertrud in einem Ton, der ihm schließlich zu dem Bewußtsein brachte, daß sie ihm etwas außerordentlich Wichtiges zu sagen hatte. »Ich habe mir gedacht, daß Elias, als er auf dem Ingmarshof krank lag, dies Kissen als Kopfkissen gebraucht haben muß.«

Sie nahm das Päckchen aus Ingmars Hand und öffnete es. Ingmar vernahm ein Knistern wie von neuen Banknoten. Darauf sah er, daß Gertrud eine Menge Geldscheine aufzählte, jeden von tausend Kronen. Sie hielt sie ihm vor die Augen. »Sieh her, Ingmar, hier ist dein ganzes Erbe. Du begreifst wohl, daß Elias es in das Kopfkissen hineingestopft hat.«

Ingmar hörte, daß sie dies sagte, und er sah die Banknoten, es war ihm aber, als sähe und höre er alles wie durch einen Nebel. Gertrud reichte ihm das Geld, aber er konnte es nicht festhalten, es fiel zur Erde. Gertrud nahm es auf und schob es ihm in die Tasche. Ingmar fühlte, daß er dastand und schwankte, als sei er betrunken.

Auf einmal streckte er seinen rechten Arm in die Höhe, ballte die Hand und schüttelte sie in der Luft – auch wie ein Betrunkener es getan haben würde.

»Ach Gott, ach Gott!« sagte er.

Ach, wie er wünschte, daß er ein Wort mit dem lieben Gott reden könnte, um ihn zu fragen, warum dies Geld nicht früher zum Vorschein gekommen war. Warum mußte es jetzt kommen, wo er es nicht mehr gebrauchte, jetzt, wo er Gertrud ganz verloren hatte.

Im nächsten Augenblick sanken seine Arme schwer auf Gertruds Schultern nieder.

»Du verstehst, dich zu rächen!«

»Nennst du dies Rache?« fragte sie entsetzt.

»Wie soll ich es nennen? Warum kamst du nicht gleich mit diesem Gelde?« – »Nein, ich wollte bis zum Hochzeitstag warten.« – »Wärst du gekommen, ehe ich mich verheiratet hätte, so hätte ich den Hof von Birger Sven Person kaufen und dich heiraten können.« – »Ja, das wußte ich.« – »Aber nun kommst du am Hochzeitstage selbst, gerade wo es zu spät ist.« – »Es wäre doch zu spät gewesen, Ingmar. Vor einer Woche war es schon zu spät, und auch jetzt ist es zu spät, und es ist für immer zu spät.«

Ingmar war jetzt auf dem Stein niedergesunken. Er hielt die Hände vor die Augen und saß da und jammerte.

»Und ich, der ich glaubte, daß es keine Hilfe gäbe! Und ich, der ich glaubte, daß es in keines Menschen Macht stünde, mir zu helfen, und nun sehe ich, daß da Hilfe war! Nun sehe ich, daß wir alle hätten glücklich werden können!«

»Eins mußt du doch begreifen, Ingmar,« sagte Gertrud. »Als ich das Geld fand, wußte ich sofort, daß es uns auf die Weise helfen könnte, wie du meinst. Aber es war keine Versuchung für mich, nein, nicht einen einzigen Augenblick, weil ich einem andern gehörte.«

»Du hättest das Geld selbst behalten sollen!« rief Ingmar. »Jetzt ist es mir, als zerre und reiße mir ein Wolf am Herzen, und es war nichts, damals, als ich wußte, daß es unmöglich war. Aber jetzt, wo ich weiß, daß ich dich hätte bekommen können!«

»Ich kam hierher, um dir eine Freude zu machen, Ingmar!«

Im Hochzeitshause hatten sie angefangen, ungeduldig zu werden. Sie kamen auf die Treppe hinaus und fingen an zu rufen: »Ingmar! Ingmar!«

»Und die Braut steht dort oben und wartet auf mich!« rief er in großer Herzensangst aus. »Und du, Gertrud, hast dies alles verursacht! Als ich dich verließ, geschah es aus größter Not und Angst, du aber hast alles zerstört, nur um mich unglücklich zu machen. Nun weiß ich, wie Vater zumute war, als Mutter das Kind tötete!« entfuhr es ihm.

Er brach in heftiges Weinen aus. »Nie habe ich so für dich gefühlt wie jetzt,« stöhnte er. »Nie habe ich dich halb so liebt gehabt wie jetzt. Ach, ich wußte nicht, daß die Liebe so bitter, so schrecklich sein kann!«

Sanft und still legte Gertrud ihre Hand auf seinen Kopf. »Es ist nie, niemals meine Absicht gewesen, mich an dir zu rächen, Ingmar. Aber solange dein Herz an die Dinge dieser Welt gekettet ist, ist es an den Kummer gekettet.«

Ingmar schluchzte lange; als er endlich aufsah, war Gertrud verschwunden. Vom Hofe her kamen Leute gelaufen, um nach ihm zu suchen.

Er schlug hart mit der Hand gegen den Stein, auf dem er saß, und ein jäher Starrsinn breitete sich über seine Züge aus. »Gertrud und ich treffen uns vielleicht einmal wieder,« dachte er, »und da könnte es wohl sein, daß es anders zugeht als jetzt. Wir Ingmarssöhne sind dafür bekannt, daß wir das erreichen, wonach wir streben.«



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