Selma Lagerlöf
In Dalarne
Selma Lagerlöf

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Auf dem Ingmarshofe

Der nächste Tag war ein Sonnabend. Da war der Pfarrer ausgewesen und fuhr spät am Abend in starkem Schneetreiben heim. Er kam von einem Kranken hoch oben im Norden, draußen im Hochwalde, und kämpfte sich mühselig heimwärts. Das Pferd versank tief in den Schneewehen, der Schlitten war einmal über das andere in Gefahr, umgeworfen zu werden, der Pfarrer wie auch der Knecht mußten absteigen, um den Weg aufzustampfen. Es war nicht sehr dunkel, der Mond kam aus den Schneewolken herausgeglitten, groß und rund, und der Mondschein erleuchtete die Wolken so weit, daß sie hellgrau wurden. Wenn der Pfarrer hinaufsah, konnte er die Schneeflocken wirbeln und fliegen und die ganze Luft mit kleinen, weißen Punkten erfüllt sehen.

Nicht überall war es gleich schwierig für die des Weges Kommenden, vorwärts zu gelangen. Da waren einzelne Wegesstrecken, wo nichts von dem treibenden Schnee liegengeblieben war. Da ging es leicht auf dem eisglatten Wege. An anderen Stellen lag der Schnee hoch, aber lose und eben; auch da machte es keine Schwierigkeiten. Das schwerste war dort weiterzukommen, wo der Wind den Schnee zu Schanzen zusammengeweht hatte, die so hoch waren, daß man nicht über sie hinsehen konnte. Da mußten sie vom Wege abweichen und versuchen, einen Weg über Felder und Zäune zu finden, wobei sie Gefahr liefen, in einen Graben zu stürzen oder das Pferd an einem Zaunpfahl aufzuspießen.

Der Pfarrer wie auch der Knecht sprachen mit größter Sorge über die Schneeschanze, die sich jedesmal, wenn ein Schneesturm tobte, regelmäßig an einem hohen, alten Bretterzaun, ganz in der Nähe des Ingmarshofes, auftürmte. »Wenn wir da nur erst glücklich hindurch sind, dann sind wir so gut wie zu Hause,« sagten sie.

Der Pfarrer dachte daran, wie oft er den großen Ingmar gebeten hatte, den hohen Bretterzaun niederzureißen, an dem sich der Schnee gerade hier an dieser Stelle so anhäufte. Aber es war nie etwas daraus geworden. Und so war es auch noch am heutigen Tage. Was sich auch auf dem Ingmarshof verändert haben mochte, eins war sicher, der Bretterzaun war stehen geblieben, wo er stand.

Bald konnten sie den Hof sehen, und sie fanden die Schneewehe an dem gewöhnlichen Fleck, hoch wie eine Mauer und hart wie ein Stein. Hier war keine Möglichkeit auszuweichen. Sie mußten geradeswegs über das Ungeheuer hinüber. Das sah so unmöglich aus, daß der Knecht den Vorschlag machte, er wollte auf den Ingmarshof gehen und um Hilfe bitten.

Aber das wollte der Pfarrer nicht erlauben. Er hatte seit über fünf Jahren kein Wort mit Karin und Halvor gewechselt. Er freute sich nicht mehr wie andere Leute bei dem Gedanken, alte Bekannte wiederzutreffen, mit denen man verfeindet worden ist.

So mußte denn das Pferd auf die Schneeschanze hinauf.

Die trug, bis das Pferd oben auf dem Gipfel angekommen war. Da versank es plötzlich. Es verschwand, als sei es in einen Graben hinabgesunken, und der Pfarrer und sein Knecht blieben sitzen und starrten ihm nach.

Im selben Augenblick, als das Pferd in die Schneewehe hinabsank, riß einer der Stränge und sie konnten nicht weiterfahren.

Wenige Augenblicke später öffnete der Pfarrer die Tür zu der guten Stube auf dem Ingmarshofe.

Dort brannte ein großes Holzfeuer auf dem Herd; an der einen Seite des Herdes saß die Hausfrau und spann feine gekardete Wolle, hinter ihr saßen Mägde und Frauen in einer langen Reihe und spannen Flachs und Werg. Die andere Seite des Herdes war die der Männer. Sie waren eben vom Holzfahren gekommen; einige ruhten aus, andere hatten irgendeine Arbeit vorgenommen, die leicht wie ein Spiel war. Sie spalteten Holz, schärften Rechen und schnitzten Axtschäfte.

Als der Pfarrer eintrat und von dem Unglück erzählte, das ihm widerfahren war, gerieten sie alle in Bewegung. Die Knechte gingen hinaus, um das Pferd aus der Schneeschanze herauszugraben. Halvor führte den Pfarrer an den Tisch und bat ihn, auf der langen Bank Platz zu nehmen. Karin schickte die Mägde in die Küche hinaus, um Kaffee zu kochen und ein Gastmahl für den Abend zu bereiten. Sie selbst hängte den Pelz des Pfarrers zum Trocknen am Feuer auf, zündete die Hängelampe an und rückte den Spinnrocken an den Tisch, um an dem Gespräch der Männer teilnehmen zu können. »Besser hätte ich nicht empfangen werden können, wenn der große Ingmar noch gelebt hätte,« dachte der Pfarrer.

Halvor begann eine bedächtige Unterhaltung über die Wege und ging zu der Frage über, ob der Pfarrer sein Korn gut bezahlt bekommen habe, und ob die Ausbesserung gemacht sei, die er schon so lange gewünscht hatte. Karin fragte nach der Propstin, ob nicht eine Besserung in ihrem Zustand eingetreten sei.

Der Knecht des Pfarrers kam jetzt herein und sagte, das Pferd sei herausgegraben, das Geschirr sei in Ordnung und alles sei zum Weiterfahren bereit. Aber Karin und Halvor baten und überredeten den Pfarrer, doch zu Abend dazubleiben. Sie ließen nicht nach, bis er es versprach.

Der Kaffee kam herein, auf dem Teebrett prangte die größte silberne Kanne, die Zuckerdose war die alte silberne Schale, die kaum zu Hochzeiten und Begräbnissen zum Vorschein kam. Und da waren drei Teller voll Feinbrot.

Die kleinen runden Augen des Pfarrers wurden ganz groß vor Verwunderung. Einmal über das andere strich er sich mit der Hand über die Stirn, er saß da wie im Traum und fürchtete zu erwachen.

Halvor zeigte dem Pfarrer das Fell eines Elentieres, das im vergangenen Herbst in seinem Walde erlegt worden war. Das Fell wurde über den Fußboden ausgebreitet. Der Pfarrer hatte niemals ein größeres und schöneres Fell gesehen. Karin trat an Halvor heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Gleich darauf bat Halvor den Pfarrer, das Fell als Geschenk anzunehmen.

Karin ging ab und zu und nahm schweres, altes Silberzeug aus den blaugestrichenen Schränken. Auf dem Tisch breitete sie ein Tischtuch mit breitem Hohlsaum aus und nahm so viele silberne Löffel heraus, als decke sie zu einem Festmahl auf. Milch und Bier goß sie in mächtige silberne Kannen.

Als sie gegessen hatten, wollte der Pfarrer aufbrechen. Halvor Halvorsson selbst und zwei von seinen Knechten begleiteten ihn, schaufelten einen Weg durch die Schneeschanzen, stützten den Schlitten, wenn er umwerfen wollte und verließen ihn nicht, bis er ganz zu Hause angelangt war.

Der Pfarrer stand wohlbehalten auf der Treppe des Propsthauses und er dachte daran, wie gut es doch sei, alte Freunde wiederzufinden, und nahm einen warmen Abschied von Halvor. Halvor blieb stehen, er suchte nach etwas in seiner Tasche. Endlich brachte er ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus. Ob er dem Pfarrer dies gleich geben dürfe? Es sei eine Bekanntmachung, die morgen nach der Predigt verlesen werden sollte. Vielleicht wollte der Pfarrer sie jetzt annehmen, dann brauche er morgen keinen besonderen Boten nach der Kirche zu schicken.

Als der Pfarrer in seine Stube kam und Licht angezündet hatte, öffnete er das Papier und las:

»Wegen Wegzuges des Besitzers nach Jerusalem wird der Ingmarshof zum Verkauf angeboten – – –«

Der Pfarrer kam nicht weiter. Er versank in Staunen und tiefe Gedanken. »So ist es denn jetzt über uns gekommen, worauf ich seit vielen Jahren gewartet habe.«



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