Selma Lagerlöf
In Dalarne
Selma Lagerlöf

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Die Auktion.

Im Mai wurde auf dem Ingmarshofe Auktion abgehalten. Nein, welch herrliches Wetter an dem Tage war. So richtig Sommer und warm. Alle Männer hatten die langen, weißen Pelze abgelegt und gingen in kurzen Jacken, und die Frauen trugen schon die großen, weißen, weiten Ärmel, die zu ihrer Sommertracht gehörten.

Die Frau des Schulmeisters machte sich fertig, um zu der Auktion zu gehen. Gertrud wollte nicht mit, und Storm war von seiner Schule in Anspruch genommen. Als Mutter Stina fertig war, öffnete sie die Tür zu der Schulstube ein klein wenig und nickte ihrem Mann zum Abschied zu.

Er saß da und sprach mit den Kindern von dem Untergang der Stadt Ninive, und in dieser Veranlassung setzte er ein so wütendes Gesicht auf, daß die armen Kinder vor Angst bebten.

Auf dem Wege nach dem Ingmarshof blieb Mutter Stina jedesmal stehen, wenn sie einen blühenden Weißdorn oder einen Hügel sah, der mit weißen duftenden Maiglöckchen bedeckt war. »Kann man wohl etwas Schöneres sehen, selbst wenn man bis nach Jerusalem reist!« sagte sie.

Es war Mutter Stina gerade so ergangen wie den meisten anderen, sie hatte ihr Kirchspiel unendlich viel lieber gewonnen als früher, seit die Hellgumianer es Sodom nannten und es verlassen wollten.

Sie pflückte ein paar von den kleinen Blumen, die am Wegesrande wuchsen und betrachtete sie fast mit Zärtlichkeit. »Wenn wir so schlecht wären, wie sie sagen,« dachte sie, »dann wäre es ja eine leichte Sache für Gott, uns zu vernichten. Er brauchte ja nur die Kälte anzuhalten und die Erde mit Schnee bedeckt sein zu lassen. Aber wenn der liebe Gott den Frühling und die Blumen wieder zu uns zurückkehren läßt, dann wird er doch wohl wenigstens meinen, daß wir es verdienen zu leben.«

Als Mutter Stina den Ingmarshof erreichte, blieb sie stehen und sah bekümmert aus. »Ich glaube, ich kehre wieder um. Ich kann es nicht aushalten, dies alte Heim auseinandergerissen zu sehen.«

Aber in Wirklichkeit war sie zu neugierig, zu erfahren, wie es wohl mit dem Hofe ergehen werde, um wieder umzukehren.

Sobald es bekannt geworden war, daß der Hof verkauft werden sollte, hatte Ingmar den Versuch gemacht, ihn zu kaufen. Aber er besaß nicht mehr als sechstausend Kronen, und von der großen Aktiengesellschaft, der das Bergsaanaer Sägewerk gehörte, waren Halvor fünfundzwanzigtausend geboten.

Es war Ingmar gelungen, soviel Geld zu leihen, daß er eine ebenso große Summe bieten konnte. Aber da hatte die Aktiengesellschaft ihr Gebot auf dreißigtausend erhöht, und sich mit so großen Schulden zu belasten wagte Ingmar nicht.

Das traurige bei der Sache war nicht nur, daß der Hof auf diese Weise der Familie für alle Zeiten verloren ging – denn die große Aktiengesellschaft verkaufte nie etwas, was sie einmal in die Finger bekommen hatte – sondern es kam noch das hinzu, daß die Aktiengesellschaft sicherlich Ingmar nicht die Sägemühle im Langfoß verkaufen würde, und in diesem Falle hatte er gar nichts zu leben.

Er konnte nicht daran denken, im Herbst mit Gertrud Hochzeit zu machen, wie er es gehofft hatte; er würde vielleicht sogar gezwungen werden, fortzureisen, um Arbeit zu suchen.

Mutter Stina war nicht milde gestimmt gegen Karin und Halvor, wenn sie an dies alles dachte. »Ich will nur hoffen,« sagte sie zu sich selbst, »daß Karin Ingmarstochter nicht zu mir kommt und mich anredet, denn dann kann ich es nicht lassen, ihr zu sagen, wie schlecht sie gegen Ingmar handelt. Ich kann es nicht lassen, ihr zu sagen, daß es doch im Grunde ihre Schuld ist, daß Ingmar der Hof nicht gehört.«

»Die Leute sagen ja, daß sie so furchtbar viel Geld zu der Reise brauchen, aber ich kann es doch nicht verstehen, daß Karin es über ihr Herz bringen kann, den Hof an eine Aktiengesellschaft zu verkaufen, die nur den Wald abholzt und die ganze Landwirtschaft verfallen läßt.«

Da war noch einer außer der Aktiengesellschaft, der den Hof kaufen wollte, das war der reiche Gemeinderatsvorsteher Sven Person, und das hoffte Mutter Stina; denn Sven Person war ein edeldenkender Mann und würde sich sicher nicht weigern, Ingmar das Sägewerk zu verpachten. »Sven Person vergißt nicht, daß er hier als armer Hirtenjunge auf dem Hof herumgegangen ist,« dachte sie, »und daß der große Ingmar der erste gewesen ist, der sich seiner angenommen und ihm vorwärtsgeholfen hat.«

Mutter Stina ging nicht in das Haus, sondern blieb draußen auf dem Hofplatz, wie die meisten anderen, die zur Auktion gekommen waren. Sie setzte sich auf einige Bretter, die dalagen und sah sich um, wie man es zu tun pflegt, wenn man weiß, daß man einen lieben Ort zum letztenmal sieht.

Auf drei Seiten war der Hofplatz von Gebäuden umrahmt, und in der Mitte stand ein großes Vorratshaus auf Pfählen. Nichts von alledem sah so richtig alt aus, mit Ausnahme eines großen Beischlages mit geschnitzten Leisten rings um das Dach herum, vor dem Eingang zum Wohnhause, und eines anderen noch älteren, mit schweren gewundenen Säulen vor der Tür des Brauhauses.

Mutter Stina dachte an alle die alten Ingmarssöhne, deren Fußtritte diesen Hof ausgetreten hatten. Es war ihr, als könne sie sie alle zur Abendzeit von der Arbeit heimkommen und ins Haus treten sehen, große, ein wenig gebeugte Gestalten, immer besorgt, aufdringlich zu sein oder bessere Plätze einzunehmen, als ihnen zukämen.

Sie dachte an all den Fleiß und die Redlichkeit, die hier auf dem Hof ihren Wohnsitz gehabt hatten, und sie begriff nicht, wie es im Kirchsprengel gehen sollte, wenn dies alles verloren ging. »Das sollte nicht geschehen,« sagte sie, »der König hätte das erfahren sollen.«

Mutter Stina empfand das bitterer, als wenn dies ihrem eigenen Heim gegolten hätte.

Die Auktion hatte noch nicht begonnen, aber es waren schon eine Menge Menschen gekommen. Einige gingen in die Scheunen und Ställe, um das Vieh zu besehen, andere blieben draußen auf den Hofplätzen stehen und sahen alle die Arbeitswagen und Pflüge und Spaten und Äxte an, die dort zusammen aufgestapelt waren.

Und jedesmal, wenn Mutter Stina ein paar Bauersfrauen aus dem Kuhstall herauskommen sah, dachte sie: »Nein, seht doch Mutter Inga oder Mutter Gusta, nun sind sie da drinnen gewesen und haben sich jede eine Kuh ausgesucht. Es mag ja sein, daß sie dann später damit prahlen wollen, daß sie Kühe von der alten Rasse auf dem Ingmarshof bekommen haben.«

Sie lächelte ein wenig höhnisch, als sie den Hügelhaus-Nils dastehen und an den Pflügen drehen und wenden sah.

»Der Hügelhaus-Nils wird sich wohl wie ein Großbauer vorkommen, wenn er mit so einem Pflug pflügen kann, den der große Ingmar selbst gebraucht hat,« murmelte sie vor sich hin.

Allmählich sammelten sich immer mehr Leute um die Gerätschaften an. Sie standen da und wunderten sich über einige von den Sachen, die so alt waren, daß niemand wußte, wozu sie gebraucht waren. Da waren auch Zuschauer, die unehrerbietig genug waren, über die alten Schlitten zu lachen. Einige von diesen waren uralt. Sie waren prachtvoll mit Rot und Grün bemalt, und das Geschirr, das dazu gehörte, war mit bunten, wollenen Quasten besetzt, und das Mundgeschirr war mit weißen Schnecken verziert.

Abermals war es Mutter Stina, als könne sie die alten Ingmarssöhne besonnen in diesen Schlitten daherfahren sehen. Sie fuhren zu Festmählern oder sie kamen mit einer Braut im Schlitten nach Hause. »Es sind viele gute Leute, die jetzt aus dem Kirchspiel wegziehen,« dachte sie. Denn Mutter Stina hatte ein Gefühl, als ob alle diese Alten bis auf den heutigen Tag, wo ihre Gerätschaften und ihre Fuhrwerke in alle Winde zerstreut wurden, auf dem Hof gewohnt hätten.

»Ich möchte wohl wissen, wo Ingmar sich aufhält, und wie ihm zumute ist,« dachte sie. »Wenn es mir schon so schwer wird, dies mit anzusehen, was muß es da nicht für ihn sein!«

Das Wetter war so ungewöhnlich schön, daß der Auktionator vorschlug, alles, was verkauft werden sollte, auf den Hofplatz hinauszuschaffen, damit man drinnen in der Stube mit dem Gedränge verschont bleibe. Mägde und Knechte schleppten jetzt Kisten und Truhen herbei, die mit Tulpen und Rosen bemalt waren; einige von diesen hatten hunderte von Jahren und länger in ungestörtem Frieden auf der Rumpelkammer gestanden. Sie kamen mit silbernen Kannen und altmodischen Kupferkesseln, mit Spinnrocken und Wollkämmen und allen möglichen sonderbaren Gerätschaften.

Um alles dies scharten sich die Bauersfrauen, hoben es auf und drehten es hin und her.

Mutter Stina hatte nicht die Absicht gehabt, irgend etwas zu kaufen, aber nun fiel ihr ein, daß hier ein Webstuhl sein sollte, auf dem man das allerfeinste Drell weben konnte, und sie ging hin, um ihn sich anzusehen. Aber gerade als Mutter Stina nähertrat, kam ein Mädchen mit ein paar mächtigen Bibeln angeschleppt, Sie waren so schwer mit ihrem ledernen Einband und ihrem Messingbeschlag, daß sie sie kaum auf einmal tragen konnte.

Mutter Stina war so bestürzt, daß es ihr war, als habe sie einen Schlag gerade ins Gesicht erhalten. Sie kehrte an ihren Platz zurück. Sie konnte wohl begreifen, daß da jetzt niemand mehr war, der aus all den Bibeln mit ihrer veralteten Sprache las, aber es war doch wunderbar, daß Karin die verkaufen wollte.

»Es war vielleicht gerade die Bibel, in der die Hausfrau gelesen hatte, als sie kamen und ihr erzählten, daß ihr Mann von einem Bären getötet war,« dachte sie.

Mutter Stina erinnerte sich an alles, was sie von den alten Ingmarssöhnen gehört hatte. Es war ihr, als habe jeder Gegenstand, den sie sah, ihr etwas zu erzählen.

Die alte silberne Spange, die dort auf dem Tisch lag, war von einem der Ingmarssöhne den Kobolden oben im Klackberge geraubt worden.

In der alten Stuhlkarre da hinten war Ingmar Ingmarsson, der in ihrer Kindheit gelebt hatte, immer gefahren, wenn er zur Kirche wollte. Und jedesmal, wenn er auf dem Kirchwege an ihr und ihrer Mutter vorüberfuhr, hatte die Mutter zu ihr gesagt: »Mach' einen Knix, Stina, denn da kommt Ingmar Ingmarsson!«

Sie hatte sich damals darüber gewundert, daß die Mutter es niemals vergaß, einen Knix vor Ingmar Ingmarsson zu machen. Sie hatte es nicht so genau genommen, wenn es sich um den Amtmann oder den Hardes-Vogt handelte.

Schließlich hatte sie herausgefunden, daß dies geschah, weil damals, als ihre Mutter noch ein kleines Mädchen war und mit ihrer Mutter auf der Landstraße ging, diese die Hand auf ihren Kopf gelegt und gesagt hatte: »Mach' einen Knix, denn da kommt Ingmar Ingmarsson!«

»Gott mag wissen,« seufzte Mutter Stina, »daß ich nicht nur darum trauere, weil ich erwartet hatte, daß Gertrud einmal über dies alles herrschen würde, was jetzt in alle Winde zerstreut werden soll. Mir ist, als sei es jetzt auch mit dem ganzen Kirchspiel aus.«

Im selben Augenblick kam der Pfarrer gefahren. Er sah sehr ernsthaft aus. Er ging sofort in das Wohnhaus, und Mutter Stina dachte bei sich, daß er wohl gekommen sei, um Ingmar das Wort bei Karin und Halvor zu reden.

Nach einer Weile kamen der Verwalter des Bergsaanaer Sägewerks als Vertreter der Aktiengesellschaft und der Gemeinderatsvorsteher Birger Sven Person. Der Verwalter ging gleich ins Haus hinein, aber Sven Person ging erst ein wenig umher und sah sich die Sachen auf dem Hofe an. Als er an einem kleinen alten Mann mit einem langen Bart vorüberkam, der auf denselben Brettern saß, auf denen Mutter Stina Platz genommen hatte, blieb er stehen.

»Der starke Ingmar weiß wohl nicht, ob Ingmar Ingmarsson sich entschlossen hat, das Bauholz zu kaufen, das ich ihm angeboten habe?« sagte der Gemeinderatsvorsteher.

»Er sagt nein,« antwortete der Alte, »aber ich möchte fast glauben, daß er seinen Sinn geändert hat.«

Gleichzeitig blinzelte der alte Mann ihm zu und zeigte auf Mutter Stina hin, als wolle er Sven Person warnen, sie etwas hören zu lassen.

»Ich meine sonst, er könnte mit einem solchen Anerbieten sehr zufrieden sein,« sagte Even Person. »Ich habe nicht jeden Tag solche Ware anzubieten. Ich tue es nur um des großen Ingmars willen.«

»Ja, ein gutes Angebot ist es, das ist wahr und gewiß,« sagte der Alte, »aber er sagt, daß er schon auf etwas anderes geboten hat.«

»Er hat wohl nicht recht überlegt, was er sich da entgehen läßt,« sagte Sven Person und ging langsam weiter.

Noch hatte Mutter Stina niemand von der Familie auf dem Hofe gesehen, aber gerade jetzt erblickte sie Ingmar. Er stand ganz regungslos gegen eine Mauer gelehnt und mit fast geschlossenen Augen.

Mehrere gingen hin, um ihn zu begrüßen; aber als sie näherkamen, besannen sie sich und kehrten wieder auf ihren Platz zurück.

Ingmar war leichenblaß, und alle, die ihn sahen, begriffen, daß er mit einem so großen Schmerz kämpfte, daß sie sich nicht erkühnten, ihn anzureden.

Ingmar stand so still, daß ihm viele gar nicht bemerkt hatten. Aber keiner von denen, die ihn gewahrt hatten, konnte seither an etwas anderes denken. Es ward nichts aus der Lustigkeit, die sonst immer im Gefolge von Auktionen zu sein pflegt. Wie konnte man, solange Ingmar dort an die Wand des alten Heims gelehnt stand, das er jetzt bald verlassen sollte, das Herz haben, zu lachen oder Witze zu machen.

Dann kam endlich der Zeitpunkt, wo die Auktion beginnen sollte. Der Auktionator stieg auf einen Stuhl und rief einen alten Pflug aus. Ingmar blieb unbeweglich stehen, als sei er eine Steinsäule und kein Mensch.

»Großer Gott, er könnte doch auch weggehen!« dachten die Leute. »Er braucht doch nicht dazustehen und sich all dies Elend mit anzusehen. Aber die Ingmars machen es nie so wie andere Menschen.«

Dann fiel der erste Hammerschlag, und Mutter Stina sah Ingmar zusammenzucken, als habe er ihn getroffen. Dann stand er wieder unbeweglich da, aber bei jedem Hammerschlag lief ein Zittern durch seinen Körper.

Zwei Bauersfrauen kamen in diesem Augenblick an Mutter Stina vorüber, sie sprachen von Ingmar.

»Wenn man denkt, daß er bloß um eine reiche Bauerntochter hätte freien können, dann hätte er ja Geld genug gehabt, um den Hof zu kaufen; aber er will ja Schulmeisters Gertrud heiraten,« sagte die eine.

»Da soll ja ein reicher Mann sein, der ihm den Ingmarshof als Mitgift versprochen hat, wenn er sich mit seiner Tochter verheiraten wollte,« sagte die andere. »Sie machen sich ja nichts daraus, daß er arm ist, weil er zu einer so guten Familie gehört.«

»Ja, es hilft in allen Dingen, der Sohn des großen Ingmar zu sein.«

»Es wäre ja etwas Herrliches gewesen, wenn Gertrud ein klein wenig zuzuschießen gehabt hätte,« dachte Mutter Stina.

Die Ackerbaugerätschaften waren allmählich verkauft, und der Auktionator ging nach einer anderen Seite des Hofes hinüber. Er fing jetzt an, die selbstgewebten Sachen zu verkaufen, Handtücher und Bettumhänge, und hielt sie hoch in die Höhe, so daß die gestickten Tulpen und die bunten Borten über den ganzen Hof leuchteten.

Ingmar mußte das Zeug haben flattern sehen, denn er schlug die widerstrebenden Augen auf. Eine Sekunde sah Mutter Stina die matten, blutunterlaufenen Augen, die über das Grauen der Zerstörung hinwegsahen, dann schlossen sie sich wieder.

»Ich habe nie etwas Schrecklicheres gesehen,« sagte ein junges Bauernmädchen. »Ich glaube, er stirbt bald. Wenn er hier doch nicht stehen und sich selbst so quälen wollte.«

Mutter Stina richtete sich halbwegs auf, um laut zu rufen, daß dies nicht so weitergehen könne, jetzt mußten sie aufhalten; aber sie setzte sich wieder. »Ich muß mich immer wieder daran erinnern, daß ich nichts bin und nichts kann,« murmelte sie.

Jetzt wurde es auf einmal so still, daß Mutter Stina aufsehen mußte. Da entdeckte sie, daß die Stille dadurch entstanden war, daß Karin Ingmarstochter aus dem Wohnhaus herausgetreten war. Nun sah man so recht, wie die Leute über Karin und ihre Handlungsweise dachten, denn als sie über den Hof ging, wichen alle zur Seite, nicht einer streckte die Hand aus, um sie zu begrüßen, sondern sie standen alle stumm da und sahen ihr unwillig nach.

Karin sah müde und angegriffen aus; sie ging noch gebeugter als sonst.

Ein paar rote Flecke brannten auf ihren Wangen, und sie sah ebenso verhärmt aus wie damals, als sie ihren Kampf mit Elias kämpfte.

Karins Vorhaben war, Mutter Stina in die Stube hineinzubitten. »Ich habe eben erst erfahren, daß Mutter Stina hier ist,« sagte sie.

Mutter Stina machte einige Einwendungen, aber Karin überwand sie alle, indem sie sagte: »Wir möchten so gerne, daß alles alte Leid vergessen sein sollte, jetzt, wo wir bald fortreisen wollen.«

Während sie über den Hofplatz gingen, machte Mutter Stina einen schüchternen Versuch und sagte:

»Das muß ein schwerer Tag sein, Karin.«

Karin seufzte, antwortete aber nicht. »Ich begreife nicht, wie Ihr es übers Herz bringen könnt, Karin, alle diese alten Sachen zu verkaufen.«

»Das, was man am meisten liebt, muß man zuallererst dem Herrn opfern,« sagte Karin.

»Die Leute finden ja, daß es wunderlich aussieht,« begann Mutter Stina; Karin aber unterbrach sie: »Der liebe Gott würde es auch gewiß sonderbar finden, wenn wir etwas von dem, was ihm gegeben ist, auf die Seite bringen wollten.«

Mutter Stina biß sich auf die Lippen und konnte sich nicht entschließen, mehr zu sagen. Es wurde nichts aus all den Vorwürfen, die sie Karin zu machen beabsichtigt hatte. Es lag eine solche Würde über Karin, daß niemand den Mut hatte, ihr mit Vorwürfen zu kommen.

Gerade, als sie im Begriff waren, die breite Treppe vor dem Beischlag hinaufzugehen, legte Mutter Stina ihren Arm um Karins Schulter. »Habt Ihr gesehen, Karin, wer da steht?« sagte sie und zeigte auf Ingmar.

Es war, als wenn Karin zusammensinke. Sie vermied es, dahin zu sehen, wo Ingmar stand.

»Gott der Herr muß einen Ausweg finden,« murmelte sie, »Gott der Herr muß einen Ausweg finden.«

In der guten Stube waren in Veranlassung der Auktion keine großen Veränderungen vorgenommen, denn die Bänke und Betten drinnen waren an den Wänden befestigt und konnten nicht fortgenommen werden. Aber die kupfernen Gefäße schimmerten nicht mehr an den Wänden, die Bettstellen gähnten leer ohne Betten und Umhänge, und die blaugestrichenen Schranktüren, die in alten Zeiten oft halbgeöffnet waren, um die Fremden die großen, schweren, silbernen Kannen und Becher sehen zu lassen, die auf den Brettern standen, waren jetzt geschlossen, als Zeichen, daß dort nichts mehr verwahrt wurde, was des Sehens wert war.

Das einzige, was noch die Wände schmückte, war das Jerusalembild, das heute abermals mit einem frischen grünen Kranz umwunden war.

Die gute Stube war voll von Gästen, von Verwandten und Glaubensgenossen von Karin und Halvor. Einer nach dem anderen wurde mit vielen Komplimenten vorgeführt, und man bot ihm einen Platz an dem großen gedeckten Tisch an.

Die Tür zu der Kammer war geschlossen. Da drinnen gingen die Unterhandlungen wegen des Hofverkaufes selbst vor sich. Es wurde laut und eifrig gesprochen, namentlich von dem Pfarrer.

Aber in der guten Stube waren die Leute sehr schweigsam, und sprach jemand, so geschah es leise und flüsternd. Aller Gedanken waren drinnen in der Kammer, wo das Schicksal des Hofes entschieden werden sollte.

Mutter Stina wandte sich an Gabriel Mattsson und fragte ihn: »Es steht wohl nicht so, daß Ingmar auf dem Hof bleiben kann?«

»Nein, sein Gebot ist jetzt weit überschritten,« antwortete Gabriel. »Der Gastwirt aus Karmsund soll zweiunddreißigtausend geboten haben und die Aktiengesellschaft soll bis fündunddreißigtausend hinaufgegangen sein. Nun versucht der Pfarrer, sie zu überreden, den Hof lieber dem Gastwirt als der Aktiengesellschaft zu verkaufen.

»Aber Birger Sven Person?« fragte Mutter Stina.

»Der soll heute noch gar kein Gebot gemacht haben.«

Man hörte den Pfarrer mit lauter und eindringlicher Stimme reden. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber solange er sprach, wußte man ja, daß noch nichts entschieden war.

Dann trat einen Augenblick Stille ein, und gleich darauf hörte man den Gastwirt sprechen, nicht gerade laut, aber doch mit einem solchen Nachdruck, daß es unmöglich war, nicht jedes Wort zu verstehen: »Ich biete sechsunddreißigtausend, nicht weil ich glaube, daß der Hof soviel wert ist, sondern weil ich nicht will, daß er an eine Aktiengesellschaft verkauft werden soll.«

Gleich darauf klang es, als wenn jemand mit der Faust auf den Tisch schlüge, und man hörte den Verwalter der Aktiengesellschaft mit donnernder Stimme rufen:

»Ich biete vierzigtausend, und ich glaube nicht, daß Karin und Halvor auf eine besseres Gebot hoffen können.«

Mutter Stina erhob sich ganz bleich. Sie ging wieder auf den Hofplatz hinaus. Da draußen war es schwer und traurig, aber sie konnte es nicht aushalten, in der dumpfen Stube zu sitzen und dies mit anzuhören.

Draußen waren die gewebten Sachen verkauft, und der Auktionator wechselte wieder den Platz.

Er fing jetzt an, das alte Silberzeug aufzurufen, die großen silbernen Kannen, die mit alten Goldmünzen besetzt waren, und die Becher mit den Inschriften aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Als der Auktionator die erste silberne Kanne aufrief, trat Ingmar ein paar Schritte vor, als wolle er ihn am Verkaufen hindern. Aber er hielt sogleich inne und kehrte an seinen früheren Platz zurück.

Ein paar Minuten darauf trat ein alter Bauer, die silberne Kanne in der Hand, an Ingmar heran. Er setzte sie bescheiden zu Ingmars Füßen nieder und sagte: »Die sollst du haben als Erinnerung an das, was alles dein hätte sein sollen!«

Wieder lief ein Zittern durch Ingmars ganzen Körper. Seine Lippen bebten, und er bemühte sich, etwas zu sagen. »Ja, du brauchst jetzt nichts zu sagen, das hat Zeit bis ein andermal,« sagte der Bauer. Er trat ein paar Schritte zurück, dann kehrte er aber plötzlich wieder um. »Ich höre, man sagt, es stände in deiner Macht, den Hof zu übernehmen, wenn du nur wolltest. Das würde der größte Dienst sein, den du unserem Kirchsprengel erweisen könntest.«

Auf dem Ingmarshof waren verschiedene alte Menschen, die dort ihr Lebenlang gedient hatten und jetzt auf ihre alten Tage noch dort wohnten. Sie waren in noch größerer Sorge als alle anderen, denn sie fürchteten, daß, wenn der Hof einen neuen Besitzer bekäme, sie aus ihrem alten Heim verjagt und gezwungen werden würden, den Bettelstab zu ergreifen. Wie es auch gehen mochte, dessen waren sie gewiß, daß sie es nie wieder so bekommen würden, wie bei ihrem alten Herrn und seiner Frau.

Diese armen Alten schwankten den ganzen Tag auf dem Hof umher, gebrechlich und hilflos. Und es war ein Jammer, den bekümmerten und ängstlichen Ausdruck in ihren halbblinden, triefenden Augen zu sehen.

Schließlich fiel es einem fast hundertjährigen alten Mann ein, an Ingmar heranzugehen und sich neben ihn an die Erde zu setzen. Es war, als sei das der einzige Platz, wo er Ruhe finden könne; denn hier blieb er still sitzen und stützte seine alten, zitternden Hände auf den Krummstock.

Sobald die alte Lisa und die Brauermarta sahen, wohin Korp Bengt geflüchtet war, kamen auch sie angeschwankt und setzten sich neben Ingmar. Sie sagten nichts, aber sie hatten wohl eine unklare Vorstellung davon, daß er, der jetzt Ingmar Ingmarsson war, imstande sein könne, sie zu beschützen. Von dem Augenblick an, wo die Alten gekommen waren, hielt Ingmar seine Augen nicht mehr geschlossen, sondern er stand da und sah auf sie herab. Es war, als zähle er alle die Jahre und die Sorgen, die über ihre Häupter hinweggegangen waren, während sie seiner Familie gedient hatten, und er fand wohl, daß es seine erste Pflicht war, dafür zu sorgen, daß sie in ihrem alten Neste sterben durften.

Er ließ den Blick über den Hof dahinschweifen, bis er auf den starken Ingmar fiel. Da nickte er ihm bedeutsam zu.

Ohne ein Wort zu sagen, ging der starke Ingmar nach dem Wohnhause hinüber, und ging durch die gute Stube in die Kammer hinein. Dort blieb er an der Tür stehen und wartete auf einen passenden Augenblick, um sein Anliegen vorzubringen.

Als der starke Ingmar hereinkam, stand der Pfarrer mitten in der Stube und sprach mit Karin und Halvor, die unbeweglich und steif wie Steinsäulen dasaßen. Der Verwalter von dem Sägewerk saß am Tische, er sah sehr selbstbewußt aus, er wußte ja auch, daß es in seiner Macht lag, alle anderen zu überbieten. Der Gastwirt aus Karmsund stand am Fenster; er war in starker Erregung, der Schweiß perlte ihm von der Stirn und seine Hände zitterten. Birger Sven Person saß auf einem Sofa, an dem entferntesten Ende der Stube; sein großes gebieterisches Gesicht verriet keine Spur von Erregung. Er hatte die Hände über dem Magen gefaltet und schien an nichts weiter zu denken, als wie er seine Daumen so schnell wie möglich umeinanderdrehen könne.

Jetzt hörte der Pfarrer auf zu sprechen. Halvor sah nach Karin hinüber, wie um sie um Rat zu fragen, aber sie saß unbeweglich da und sah vor sich nieder.

»Karin und ich sind ja gezwungen, daran zu denken, daß wir in ein fremdes Land ziehen wollen,« sagte Halvor, »und daß wir wie auch die Brüder von dem Geld leben müssen, das wir für das Gut bekommen. Wir haben erfahren, daß allein die Reise nach Jerusalem fünfzehntausend Kronen kostet, und dann müssen wir uns ja ein Haus mieten und für Speisen und Kleider sorgen. Ich glaube nicht, daß wir in der Lage sind, etwas wegzugeben.«

»Ist es nicht ungereimt, von Karin und Halvor zu verlangen, daß sie den Hof für nichts verkaufen sollen, nur damit er nicht an eine Aktiengesellschaft übergehen soll?« sagte der Verwalter. »Ich finde, Sie sollten mein Gebot jetzt gleich annehmen, schon allein, um von all dieser Belästigung befreit zu sein.«

»Ja,« sagte Karin, »es wird wohl am besten sein, wenn wir uns an das höchste Gebot halten.«

Aber der Pfarrer war nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen. Sobald es sich um eine weltliche Sache handelte, wußte er sehr wohl, wie er seine Worte suchen sollte. Jetzt war er ein ganz anderer als auf der Kanzel.

»Karin und Halvor haben doch wohl so viel für den alten Hof über, daß sie ihn lieber an jemand verkaufen, der ihn ordentlich instand hält, selbst wenn sie ein paar tausend Kronen weniger daran verdienen,« sagte er.

Und dann begann er – mit besonderer Rücksicht darauf, daß Karin dasaß und es mit anhörte – von einem Hof nach dem anderen zu erzählen, die ganz in Verfall geraten waren, nachdem sie Aktiengesellschaften in die Hände geraten waren.

Karin sah ein paarmal auf, während er sprach, und der Pfarrer merkte, daß es ihm jetzt endlich gelungen war, Eindruck auf sie zu machen. »Es ist doch wohl noch viel von der alten Hofbäuerin in ihr,« dachte er, als er von dem verhungerten Vieh und den unbewohnten verfallenen Gebäuden sprach.

Endlich schloß er mit den Worten: »Ich weiß recht gut, daß, wenn die Aktiengesellschaft es sich in den Kopf gesetzt hat, den Ingmarshof zu kaufen, so kann sie fortfahren, die Bauern zu überbieten, bis keiner mehr mitkommen kann. Aber wenn es Karin und Halvor am Herzen liegt, daß dieser alte Hof nicht ein verkommener Aktienbesitz wird, so müssen sie jetzt einen bestimmten Preis festsetzen, damit die Bauern wissen können, wonach sie sich zu richten haben.«

Als der Pfarrer diesen Vorschlag machte, sah Halvor unruhig zu Karin hinüber. Sie schlug langsam die Augen auf und antwortete:

»Ich glaube, wir beide, Halvor und ich, möchten den Hof am liebsten an unseresgleichen verkaufen, so daß wir sicher sein können, daß alles so bleibt, wie es gewesen ist.«

»Ja, wenn da ein anderer als die Aktiengesellschaft wäre, der uns vierzigtausend Kronen für den Hof gäbe, dann würden Karin und ich uns ja damit begnügen,« sagte Halvor, der jetzt verstand, was seine Frau beabsichtigte.

Im selben Augenblick, als dies gesagt war, ging der starke Ingmar mit langen Schritten durch die Stube und flüsterte Birger Sven Person ein paar Worte zu.

Der Gemeinderatsvorsteher erhob sich augenblicklich und trat an Halvor heran. »Wenn ihr mit vierzigtausend Kronen zufrieden sein wollt, dann biete ich diese Summe,« sagte er.

Da ging ein Zucken über Halvors Gesicht. Es war, als schlucke er etwas herunter, ehe er antwortete: »Wir danken dem Herrn Gemeinderatsvorsteher,« sagte er und schlug in seine Hand ein. »Ich freue mich, den Hof in so gute Hände zu geben.«

Sven Person wechselte auch mit Karin einen Händedruck, sie war sehr bewegt und trocknete ihre Tränen aus den Augen.

»Karin kann überzeugt sein, daß alles beim Alten bleiben wird,« sagte er.

Karin fragte, ob er selbst auf den Hof ziehen wolle.

»Nein,« sagte er, und seine Worte rollten mit feierlichem Nachdruck dahin: »Ich verheirate meine jüngste Tochter zum Sommer, und der Hof soll ihr und ihrem Mann übertragen werden.«

Darauf wandte sich der Gemeinderatsvorsteher zu dem Pfarrer um und dankte ihm. »Der Herr Pfarrer hat seinen Willen bekommen,« sagte er. »Das hätte ich mir nicht gedacht, als ich hier als armer Hirtenjunge herumlief, daß ich die Macht bekommen würde, dies durchzusetzen, und daß wieder ein Ingmar Ingmarsson auf den Ingmarshof kommen soll.«

Der Pfarrer und die anderen Männer standen da und starrten ihn an, ohne gleich zu begreifen, was er meinte; aber Karin verließ schnell das Zimmer.

Als sie durch die gute Stube ging, richtete sie sich auf, band das Kopftuch frisch um, so daß es die richtigen Falten hatte, und glättete ihre Schürze.

Darauf ging Karin mit großer Würde und Feierlichkeit über den Hof. Sie hielt sich sehr aufrecht, die Augen waren gesenkt, und sie ging so langsam, daß man kaum sehen konnte, daß sie sich bewegte.

So trat sie auf Ingmar zu und reichte ihm die Hand.

»Jetzt muß ich dir Glück wünschen, Ingmar,« sagte sie, und ihre Stimme bebte vor Freude. »Wir haben einander hart gegenübergestanden in dieser Sache; aber wenn Gott mir nicht die Freude gönnen will, daß du dich uns anschließt, so danke ich ihm, daß du von nun an hier auf dem Hof herrschen wirst.«

Ingmar antwortete nicht, seine Hand lag schlaff in Karins. Als sie sie fallen ließ, stand er noch ebenso betrübt da, wie den ganzen Tag hindurch.

Alle Männer, die bei der Entscheidung zugegen gewesen waren, kamen auf Ingmar zu und beglückwünschten ihn. »Glück auf, Ingmar Ingmarsson auf dem Ingmarshof!« sagten sie.

Da huschte ein Schimmer der Freude über Ingmars Antlitz. Er murmelte leise vor sich hin: »Ingmar Ingmarsson auf dem Ingmarshof« und sah aus wie ein Kind, das ein Geschenk erhalten hat, das es sich schon lange wünschte. Aber im selben Augenblick trat ein Ausdruck in sein Gesicht, als ob er mit unendlichem Widerwillen und Ekel das gewonnene Glück von sich weisen wolle.

In einem Nu hatte sich die Neuigkeit über den Hof verbreitet. Die Leute fragten und erzählten laut und eifrig. Einige freuten sich so sehr, daß ihnen die Tränen in die Augen traten.

Niemand kümmerte sich mehr um die Rufe des Auktionators, sondern alle drängten sich vor, um Ingmar zu beglückwünschen, seine Leute, wie Bauern, Fremde und Unbekannte.

Als Ingmar von allen diesen frohen Menschen umgeben dastand, erhob er den Blick, und der fiel auf Mutter Stina, die eine kleine Strecke von ihm entfernt stand und ihn betrachtete. Sie war sehr blaß und sah alt und ärmlich aus. Als Ingmars Blick dem ihren begegnete, wandte sie sich um und trat den Heimweg an.

Ingmar riß sich von den anderen los und eilte ihr nach. Er beugte sich zu ihr nieder und sagte mit heiserer Stimme, während jeder Zug in seinem Gesicht vor Schmerz bebte: »Geht heim zu Gertrud, Mutter Stina, und sagt ihr, ich habe sie verlassen und mich verkauft, um den Hof zu bekommen. Bittet sie, nie mehr an einen so armseligen Menschen wie mich zu denken.«



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