Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

IV. Nur von dieser Welt

Als sie heranwuchs, sagten alle Leute: »Sie wird eine Heilige werden, eine Heilige!«

Sie hieß Margherita Cornado und wohnte in Girgenti, auf der Südseite von Italien in dem großen Grubendistrikt. Ihr Vater war Grubenarbeiter gewesen, hatte aber eine kleine Erbschaft gemacht, worauf er seine Arbeit aufgeben konnte.

Margherita Cornados Haus in Girgenti hatte ein kleines, mit nur wenig Grün bewachsenes, flaches Dach. Eine schmale, steile Treppe führte hinauf; man mußte durch eine niedere Türöffnung hindurchkriechen. Aber es war der Mühe wert, da hinaufzusteigen. Man sah von dort aus nicht nur eine Menge Dächer, sondern über diese weg ragten überall die Türme und Fassaden der Kirchen von Girgenti in die Luft hinein. Und jede Fassade und jeder Kirchturm war ein zitterndes Spitzenwerk von Bildern, Loggien und strahlenden Baldachinen.

Und vor der Stadt draußen sah man eine weite Ebene, die sich sanft zum Meer hinabsenkte, sowie einen Halbkreis von Bergen, der die Ebene bewachte. Die ganze Ebene war leuchtend rot, das Meer himmelblau, die Bergwände gelb. Es war eine Farbenglut, ein wahres Morgenland!

Aber außer diesem sah man auch noch vieles andere. Alte Tempel lagen im Tal zerstreut, und Mauerreste und eigentümliche alte Türme. Es war eine ganze Märchenwelt.

Während Margherita Cornado heranwuchs, brachte sie den größten Teil des Tages da oben auf dem Dach zu. Aber sie schaute niemals auf die blendende Landschaft hinaus. Sie hatte an anderes zu denken. Ihr Vater pflegte ihr von dem Leben in den Schwefelgruben bei Grotte zu erzählen, wo er Arbeiter gewesen war. Während Margherita Cornado nun da auf dem luftigen Dach saß, meinte sie ständig in den dunklen Grubengängen umherzugehen und sich durch dunkle Schächte hindurchzutasten.

Sie mußte immerfort an all das Elend denken, das in diesen Gruben herrschte, und vor allem mußte sie an die Kinder denken, die das Erz an die Oberfläche der Erde schaffen mußten. »Die kleinen Wagen« nannte man sie. Dieses Wort konnte Margherita nicht mehr vergessen. Die armen, armen kleinen Wagen, die kleinen Grubenwagen!

Die Kinder kamen am Morgen, und jedes ging mit seinem Arbeiter in die Grube hinab. Sobald der Arbeiter genug Erz geschlagen hatte, belastete er seinen kleinen Wagen mit einem Korb voll Erz, und dieser stieg damit hinauf. Unterwegs trafen oft mehrere zusammen, daß es ein langer Zug wurde. Und dann fingen sie zu singen an:

»Eine Fahrt vollbracht in Schweiß und Plage,
Neunzehn noch am mühevollen Tage.«

Wenn sie endlich oben das Tageslicht erreicht hatten, leerten sie ihre Körbe aus und warfen sich selbst auf den Boden, um einen Augenblick auszuruhen. Die meisten schleppten sich bis zu den schwefelhaltigen Wasserpfützen hin, die sich in der Nähe des Grubeneingangs befanden, und tranken von dem stinkenden Wasser.

Aber sie mußten bald wieder hinunter, und deshalb versammelten sie sich am Grubeneingang. Wenn sie nun wieder hinunterkletterten, riefen sie: »Gott und Herr, erbarme dich, erbarme dich, erbarme dich unser!«

Mit jeder Fahrt, die die kleinen Wagen machten, wurde ihr Gesang kläglicher. Sie seufzten und weinten, während sie den Grubensteig hinaufkletterten.

Die kleinen Grubenwagen waren in Schweiß gebadet, die schweren Erzkörbe drückten Löcher in ihre Schultern. Wenn sie hinauf und hinunter gingen, sangen sie:

»Der Fahrten noch sieben heischt das Gebot,
Das Leben ist schrecklicher als der Tod.«

Während ihrer ganzen Kindheit hatte Margherita Cornado mit der größten Teilnahme an diese Kinder gedacht. Und weil sie immerfort an diese Unglücklichen dachte, glaubte man, sie würde eine Heilige werden.

Sie vergaß die Kinder auch nicht, als sie älter wurde. Sobald sie erwachsen war, begab sie sich hinaus nach Grotte, wo die meisten Gruben sind, und wenn die kleinen Wagen ans Tageslicht heraufkamen, wartete sie an der Grubenöffnung mit frischem, reinem Wasser. Sie wischte ihnen den Schweiß vom Gesicht und verband ihnen die Wunden auf ihren Schultern. Es war nicht viel, was sie für sie tun konnte, aber bald meinten die kleinen Wagen, sie könnten es keinen Tag mehr aushalten, wenn Margherita Cornado nicht da wäre, um sie zu laben.

Aber zum Unglück für die kleinen Wagen war Margherita sehr schön. Eines Tages, als sie wieder an der Grube war, sah sie einer der Grubeningenieure, und er verliebte sich auf der Stelle in sie.

Ein paar Wochen später hörte Margherita auf, zu den Gruben bei Grotte hinauszukommen. Statt dessen saß sie daheim in Girgenti und nähte an ihrer Aussteuer. Sie hatte sich mit dem Grubeningenieur verlobt. Sie machte eine gute Partie und wurde durch diese Heirat mit den Vornehmsten der Stadt verwandt. Da könnte sie sich nicht mehr um die armen kleinen Wagen kümmern.

Ein paar Tage vor der Hochzeit kam ihre Patin, die arme alte Bettlerin Santuzza, zu Margherita und bat sie um eine Unterredung. Sie stiegen miteinander aufs Dach, um ungestört zu sein.

»Margherita«, sagte die Alte, »du lebst jetzt so in Jubel und Herrlichkeit, daß es vielleicht keinen Wert hat, wenn ich mit dir über die spreche, die in Not und Trübsal sind. Du hast das alles vergessen.«

Margherita schalt sie, daß sie so reden könne.

»Ich bringe dir Grüße von meinem Sohn Orestes. Es geht ihm schlecht, und er möchte dich um einen Rat bitten.«

»Du weißt, daß du offen mit mir reden kannst, Santuzza«, sagte das junge Mädchen.

»Du weißt doch wohl, daß Orestes nicht mehr bei den Gruben von Grotte ist? Er ist in Racalmuto. Und er hat es erbärmlich dort. Nicht weil der Lohn so gering wäre, sondern weil der Ingenieur ein Kerl ist, der den armen Leuten den letzten Blutstropfen auspreßt.«

Die Alte erzählte nun, wie der Ingenieur die Arbeiter plage. Er berechne ihnen eine zu kurze Arbeitszeit, er lasse sie Strafe zahlen, wenn sie einen Tag versäumten.

Er halte die Gruben nicht gut instand; ein Einsturz folge dem andern. Niemand sei seines Lebens sicher, solange man unter der Erde sei.

»Nun wohl, Margherita, Orestes hatte einen Sohn, einen prächtigen Jungen, der eben das zehnte Jahr vollendet hatte. Da kam der Ingenieur und wollte Orestes den Jungen abkaufen, um ihn unter die kleinen Wagen zu stecken. Aber Orestes schlug es ihm ab. Sein Junge sollte nicht bei dieser Arbeit zugrunde gehen.

Da drohte der Ingenieur Orestes mit Entlassung.«

Santuzza machte eine Pause.

»Und dann?« fragte Margherita.

»Ja, dann überließ Orestes seinen Sohn dem Ingenieur. Am nächsten Tag bekam der Junge Prügel von diesem. Er schlug ihn jeden Tag. Der Junge wurde immer elender und elender. Orestes sah es und bat den Ingenieur, den Jungen zu schonen, aber er kannte kein Erbarmen. Er sagte, der Junge sei faul, und fuhr fort, ihn zu verfolgen. – Und nun ist er tot. Mein Enkel ist tot, Margherita.«

Das Mädchen hatte plötzlich ihr ganzes Glück vergessen. Sie war wieder nur die Grubenarbeiterstochter, die Schutzpatronin der kleinen Wagen, das arme Kind, das hier auf dieser hellen Terrasse saß und über die Not in den schwarzen Gruben weinte.

»Warum läßt man den Mann am Leben?« rief sie.

Die Alte sah sie lauernd an. Dann trat sie näher und zog geheimnisvoll ein Messer heraus.

»Dies schickt dir Orestes mit tausend Fragen«, sagte sie. Margherita Cornado nahm das Messer, küßte die Klinge und gab es wieder zurück.

Dann kam der Vorabend der Hochzeit. Die Eltern des Bräutigams warteten auf ihren Sohn. Nach Schluß der Arbeit sollte er von den Gruben heimkommen. Aber er kam nicht. Noch in der Nacht wurde ein Mann zu den Gruben zu Grotte geschickt, um ihn zu suchen. Er fand ihn eine Meile von Girgenti ermordet am Wegrand.

Man suchte gleich nach dem Mörder. Es wurde ein strenges Verhör mit den Grubenarbeitern von Grotte gehalten, aber der Schuldige wurde nicht entdeckt. Es fand sich kein Zeuge, keiner der Arbeiter konnte überredet werden, seinen Kameraden zu verraten.

Da trat Margherita Cornado auf und gab Orestes an, den Sohn ihrer Patin Santuzza, der keineswegs nach Racalmuto gezogen war.

Sie tat es, obgleich sie nun wußte, daß ihr Bräutigam sich alles dessen schuldig gemacht hatte, wessen er von Santuzza angeklagt worden war. Sie tat es, obgleich sie selbst sein Urteil gefällt hatte, indem sie das Messer küßte.

Kaum hatte sie aber Orestes angegeben, als sie es auch schon bereute. Sie wurde von qualvollen Gewissensbissen geplagt.

In einem anderen Lande würde ihr das, was sie getan hatte, nicht als Verbrechen angerechnet worden sein, aber in Sizilien wird es als ein solches betrachtet. Ein Sizilianer stirbt lieber, als daß er den Angeber macht.

Margherita Cornado fand jetzt Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Ein unaufhörliches, brennendes Angstgefühl bedrückte ihr Herz; sie fühlte sich unsäglich unglücklich.

Sie wurde nicht hart verurteilt, weil man wußte, daß sie den Ermordeten geliebt hatte, und man meinte, Santuzza sei zu grausam mit ihr verfahren. Niemand sprach mit Verachtung von ihr, und niemand weigerte sich, sie zu grüßen. Aber es half ihr nichts, daß andere mild gegen sie waren. Die Reue wühlte in ihrer Brust und quälte sie wie eine schmerzhafte Wunde.

Orestes war zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt worden. Santuzza starb ein paar Wochen, nachdem das Urteil über Orestes gefällt worden war. Margherita konnte weder den einen noch die andere mehr um Verzeihung bitten.

Sie rief die Heiligen an, aber sie wollten ihr nicht helfen. Nichts auf der Welt schien die Macht zu haben, sie von ihrer fürchterlichen Gewissensqual zu befreien.

Zu der Zeit hielt sich der berühmte Franziskanermönch Vater Gondo in der Gegend von Girgenti auf. Er predigte dort, um Teilnehmer zu einer Pilgerfahrt nach Diamante zu sammeln.

Pater Gondo kümmerte sich nicht darum, daß der Papst das Christusbild in San Pasquale nicht als wundertätig anerkannt hatte. Er war auf seiner Reise mit blinden Sängern zusammengetroffen und hatte diese von dem Bild erzählen hören. In wunderschönen Nächten hatte er zu Vater Elias und Bruder Tomasos Füßen gesessen, und von der Abendröte an bis zum Tagesgrauen hatten sie ihm von dem Bild erzählt.

Und nun wies der gewaltige Prediger alle betrübten Seelen auf diesen großen Wundertäter hin. Er ermahnte die Menschen, diese heilige Zeit nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. »Dem Christuskind«, sagte er, »ist bisher auf Sizilien nicht viel Verehrung zuteil geworden. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo es hier seine Kirche und seinen Gottesdienst haben will. Und um sie zu erlangen, läßt es durch das heilige Bild Wunder über Wunder wirken.«

Pater Gondo, der sein Noviziat in Kloster Aracoeli auf dem Kapitol zugebracht hatte, erzählte dem Volk von dem Christuskind, das dort sei, und von den tausend Wundern, die es vollbracht hätte.

»Und nun will dieses gute kleine Kind auch auf Sizilien verehrt werden«, sagte Pater Gondo. »Wir wollen die ersten sein, die das Bild anerkennen. Wir wollen nicht länger zögern, sondern zu ihm hineilen. Jetzt, in diesen Tagen ist der Himmel freigebig. Wir wollen hineilen, wie jene Hirten und wie jene Weisen aus dem Morgenland, solange es noch in der Krippe und in der armseligen Grotte liegt.«

Margherita Cornado wurde von neuer Hoffnung beseelt, als sie dies hörte. Sie war die erste, die dem Ruf Pater Gondos Folge leistete. Dann schlossen sich ihm auch andere an. Vierzig Pilger zogen mit ihm durch die Bergwüste nach Diamante. Sie waren alle sehr arm und unglücklich. Pater Gondo aber ließ sie während der Wanderung Gesänge und Gebete anstimmen. Und bald strahlten ihre Augen, als ob Bethlehems Stern vor ihnen aufgegangen wäre.

»Wißt ihr«, sagte Pater Gondo, »warum der Sohn Gottes größer ist als alle Heiligen? Weil er der Seele Heiligkeit verleiht, weil er Sünden vergibt, weil er dem Geist die selige Ruhe in Gott schenkt, weil sein Reich nicht von dieser Welt ist.«

Wenn die kleine Schar müde aussah, ermunterte sie Pater Gondo mit Erzählungen von den Wundern, die das Bild vollbracht hätte. Die Pilger labten sich an den Legenden der blinden Sänger wie an saftigen Früchten und stärkendem Wein. Die armen Wanderer zogen durch die sizilianische Felsenwüste mit so leichten Schritten, als wanderten sie nach Nazareth, um den Sohn des Zimmermanns zu sehen. »Er wird uns alle unsere Lasten abnehmen«, sagte Pater Gondo. »Wenn wir zurückkehren, werden unsere Herzen von aller Qual befreit sein.«

Und während der Wanderung durch die verbrannte, glühend heiße Wüste, wo kein Baum erfrischenden Schatten spendete, wo das Wasser von Salz und Schwefel bitter schmeckte, fühlte Margherita Cornado, daß die Qualen ihres Herzens sich milderten.

»Der kleine Himmelskönig wird mich von meinem Leid befreien«, sagte sie.

An einem Maitag gelangten die Pilger endlich an den Fuß des Berges, wo Diamante liegt. Hier war die Wüste zu Ende. Sie sahen ringsum Olivenhaine und frisches Grün. Der Berg strahlte, und die Stadt lag da in hellem Glanz. Sie fühlten, daß sie an einen Ort kamen, den die Gnade Gottes überschattete.

Fröhlich wanderten sie den Zickzackweg hinan, und mit lautem, jubelndem Klang stimmten sie ein Pilgerlied an. Als sie ein Stück weit den Berg hinauf gewandert waren, eilten ihnen die Leute von Diamante entgegen, denn als man dort die eintönige Melodie des alten Wallfahrtsliedes vernommen hatte, hatte man die Arbeit weggeworfen und war hinausgeeilt. Und die Leute von Diamante umarmten und küßten die Pilger.

Man sagte ihnen, man habe sie schon lange erwartet und gar nicht begreifen können, warum sie nicht eintrafen. Das Christusbild in Diamante sei ein gewaltiger Wundertäter, er sei barmherzig, so liebevoll, daß alle Menschen zu ihm kommen müßten.

Als Margherita Cornado dies hörte, hatte sie das Gefühl, als sei ihr Herz schon von seinen Leiden geheilt. Alle aus Diamante trösteten und ermunterten sie.

»Er hilft dir gewiß, er hilft ja allen«, sagten sie. »Noch nie hat jemand vergeblich zu ihm gefleht.«

Am Stadttor trennten sich die Pilger. Die Stadtbewohner nahmen sie mit sich in ihre Wohnungen; sie sollten sich nach der Wanderung zuerst etwas stärken. In einer Stunde wollten sich dann alle an der Porta Ätna treffen und sich zu dem Christusbild begeben.

Aber Margherita konnte keine Stunde mehr warten. Sie ließ sich den Weg zu der Kirche San Pasquale zeigen und ging allein vor allen anderen dorthin ...

Als Pater Gondo und die Pilger eine Stunde später nach San Pasquale kamen, sahen sie Margherita auf der Estrade vor dem Hochaltar sitzen. Sie saß ruhig da und tat, als merke sie gar nicht, daß die anderen kamen. Aber als Pater Gondo ganz nahe herangekommen war, sprang sie auf, wie wenn sie nur auf ihn gelauert hätte, und stürzte sich auf ihn. Sie umklammerte seine Kehle und wollte ihn erwürgen.

Sie war groß und prächtig gewachsen und sehr stark. Es entspann sich ein heftiger Kampf, ehe Pater Gondo und ein paar andere Pilger sie zu bezwingen vermochten. Sie war ganz wahnsinnig und so wild, daß man sie fesseln mußte.

Die Pilger waren in feierlicher Prozession hergekommen, unter Gesang und mit brennenden Kerzen in den Händen. Es war ein langer Zug, denn viele Leute von Diamante hatten sich ihnen angeschlossen. Die vordersten im Zug hörten sofort auf zu singen, die Nachkommenden aber wußten von nichts und sangen weiter. Aber dann pflanzte sich die Nachricht von dem, was geschehen war, von Glied zu Glied fort, und wo sie hingelangte, verstummte der Gesang. Es hörte sich ganz unheimlich an, wie er allmählich hinstarb und in ein leises Klagen überging.

Alle die müden Pilger wußten nun, daß sie vergeblich gekommen waren. Die ganze mühselige Pilgerfahrt war umsonst gewesen. Die schönen Hoffnungen der Wandertage waren in ihren Herzen erloschen. Das heilige Bild konnte ihnen keinen Trost geben.

Pater Gondo selbst war entsetzt. Für ihn war es ein härterer Schlag als für alle anderen, denn jeder der anderen hatte ja nur an seinen eigenen Kummer zu denken, er aber trug das Leid all dieser Menschen auf seinem Herzen. Wie sollte er sich für die Hoffnungen, die er in ihnen erweckt hatte, verantworten?

Aber plötzlich flog das ihm eigene, schöne, kindlich fromme Lächeln über sein Gesicht. Das Bild wollte wohl nur seinen Glauben und den der anderen prüfen. Wenn sie nicht wankten, würde ihnen schon geholfen werden.

Mit seiner hellen, klaren Stimme begann er, das Pilgerlied wieder anzustimmen und trat zum Altar.

Aber als er dem Bild näher kam, brach er den Gesang wieder ab. Er blieb stehen und starrte das Christusbild mit weit offenen Augen an. Dann streckte er die Hand aus, nahm ihm die Krone ab und hielt diese ganz nahe an seine Augen. »Es steht da, es steht da«, murmelte er. Die Krone entfiel seiner Hand und rollte auf den Steinboden.

Von diesem Augenblick an wußte Pater Gondo, daß er den aus Aracoeli Verstoßenen vor sich hatte.

Aber er rief es nicht sogleich unter das Volk, sondern sagte mit seiner gewöhnlichen Sanftmut:

»Meine Freunde, ich muß euch etwas Merkwürdiges erzählen.«

Und er erzählte ihnen von der Engländerin, die das Christusbild von Aracoeli hatte stehlen wollen. Er berichtete, warum das Bild Antichrist genannt und in die Welt hinausgestoßen worden sei.

»Ich erinnere mich noch an den alten Simone«, sagte Pater Gondo. »Er zeigte mir nie das echte Bild, ohne zu sagen: ›Diese kleine Hand hier hat geläutet, dieser kleine Fuß hat an die Tür geklopft.‹ Als ich aber Pater Simone fragte, was denn aus dem anderen Bild geworden sei, sagte er immer: ›Was soll aus ihm geworden sein? Die Hunde in Rom haben es weggeschleppt und zerbissen.‹«

Als Pater Gondo dies gesagt hatte, ging er, noch immer ganz ruhig und behutsam, hin und hob die Krone auf, die er vorhin auf den Boden hatte fallen lassen.

»Leset dies!« sagte er. Und er ließ die Krone von einem zum anderen gehen.

Die Leute hielten ihre Wachslichter in der Hand und beleuchteten damit die Krone. Wer lesen konnte, las, die übrigen sahen wenigstens, daß eine Inschrift da war.

Und jeder, der die Krone in der Hand gehabt hatte, löschte seine Kerze aus.

Als das letzte Licht erloschen war, wandte sich Pater Gondo an seine Pilger, die sich um ihn geschart hatten.

»Ich habe euch hierhergeführt«, sagte er, »damit ihr den finden solltet, der Seelenfrieden verleiht und den Eingang gewährt in das Reich Gottes; aber ich habe euch falsch geführt, denn dieser kann dergleichen nicht geben. Sein Reich ist nur von dieser Welt.«

»Unsere arme Schwester ist wahnsinnig geworden«, fuhr Pater Gondo fort, »weil sie hierherkam in der Hoffnung auf himmlische Wohltaten. Sie verlor den Verstand, als sie zu dem Bild betete, ohne erhört zu werden. – Das Bild konnte sie ja nicht erhören, denn sein Reich ist nur von dieser Welt.«

Er schwieg eine Weile, und alle Umstehenden sahen ihn an, um zu erfahren, was sie von all diesem denken sollten. Dann fragte er ruhig wie vorher: »Soll ein Bild, das eine solche Inschrift in seiner Krone trägt, noch länger einen Altar entweihen dürfen?«

»Nein, nein!« riefen die Pilger. Die Leute von Diamante schwiegen.

Pater Gondo ergriff das Bild mit beiden Händen und trug es mit weit vorgestreckten Armen durch die Kirche und dem Ausgang zu.

Aber wie ruhig und demütig der Pater auch sprach, seine Augen ruhten doch die ganze Zeit streng und mit bannender Macht auf der Volksmenge. Unter allen Anwesenden war nicht einer, der nicht von der Macht seines Willens bezwungen und unterworfen worden wäre. Alle fühlten sich wie gelähmt und außerstande, einen freien Gedanken zu fassen. Als Pater Gondo sich dem Ausgang näherte, blieb er stehen und schaute sich um. Ein letzter gehorsamgebietender Blick glitt über die Menge hin.

»Auch die Krone!« sagte Pater Gondo. Und die Krone wurde ihm übergeben.

Er setzte sie dem Bild auf und ging hinaus unter den Steinbaldachin, der San Pasquales Bild beschützt. Dann flüsterte er einigen Pilgern etwas zu; diese eilten davon und kehrten bald wieder zurück, beide Arme mit Holz und Reisig beladen. Sie schichteten es vor Pater Gondo auf und zündeten es an.

Alle, die in der Kirche gewesen waren, hatten sich hinter Pater Gondo herausgedrängt. Nun standen sie auf dem Platz vor der Kirche, noch immer willenlos und niedergedrückt. Sie sahen, daß der Mönch ihr geliebtes wohltätiges Bild verbrennen wollte, aber sie leisteten keinen Widerstand. Sie begriffen selbst nicht, warum sie das Bild nicht zu retten versuchten.

Als Pater Gondo sah, daß das Feuer aufflammte, und fühlte, daß das Bild nun ganz in seiner Gewalt sei, richtete er sich auf, und seine Augen blitzten.

»Meine armen Kinder«, sagte er freundlich und wandte sich dabei an die Leute von Diamante. »Ihr habt da einen furchtbaren Gast bei euch beherbergt. Aber wie ist es möglich, daß ihr nicht schon früher entdeckt habt, wer es ist?

Was soll ich von euch glauben?« fuhr er strenger fort. »Ihr sagt selbst, das Bild habe euch alles gegeben, um was ihr es gebeten habt. Dann ist also in allen diesen Jahren niemand in Diamante gewesen, der um Vergebung der Sünden und um den Frieden der Seele gebetet hätte.

Ist das möglich? Die Leute von Diamante haben um nichts anderes zu beten gewußt, als um Lotterienummern und gute Jahre und um das tägliche Brot und um Gesundheit und um Geld. Nichts habt ihr begehrt als die Güter dieser Welt. Nicht ein einziger hat das Verlangen gehabt, um eine himmlische Gnade zu bitten.

Kann das wirklich so sein? Nein, es ist ja unmöglich«, sagte Pater Gondo froh, wie von plötzlicher Hoffnung erfüllt. »Ich bin der, der sich irrt. Die Leute von Diamante wissen wohl, daß ich das Bild nicht aufs Feuer legen werde, ohne vorher zu fragen und zu forschen. Sie warten nur darauf, daß ich sie bitte, hervorzutreten und Zeugnis abzulegen.

Nun werden viele herbeikommen und sagen: ›Dieses Bild hat mich zu einem Gläubigen gemacht.‹ Und viele werden sagen: ›Es hat mir die Vergebung der Sünden geschenkt.‹ Und viele werden sagen: ›Es hat meine Augen aufgetan, so daß ich des Himmels Herrlichkeit schaute.‹ Sie werden hervortreten und das sagen, und dann werde ich zum Spott und Gelächter werden und mich genötigt sehen, das Bild wieder auf den Altar zurückzutragen und einzugestehen, daß ich mich getäuscht habe.«

Pater Gondo schwieg und lächelte der Menge ermunternd zu. Eine starke Bewegung ging durch die Schar der Zuhörer. Mehrere schienen nahe daran, hervorzutreten und Zeugnis abzulegen. Sie traten ein paar Schritte vor, hielten dann aber an.

»Ich warte«, sagte der Pater, und seine Blicke baten und ermahnten die Leute, vorzutreten.

Aber es kam niemand. Die ganze Volksmenge litt unsägliche Qual, daß sie nicht in dieser Weise für das geliebte Bild eintreten konnte. Aber niemand tat es.

»Meine armen Kinder«, sagte Pater Gondo tief betrübt. »Ihr habt den Antichrist unter euch gehabt, und er hat Gewalt über euch erlangt. Ihr habt den Himmel vergessen. Ihr habt vergessen, daß ihr eine Seele habt. Ihr denkt nur noch an diese Welt.

Früher hieß es, die Leute von Diamante seien die frömmsten auf Sizilien. Aber es muß anders geworden sein. Die Bewohner von Diamante sind die Sklaven dieser Welt, am Ende sogar ungläubige Sozialisten, die nur diese Welt lieben. Es kann nicht anders sein; sie haben ja den Antichrist unter sich gehabt.«

Als das Volk auf diese Weise beschuldigt wurde, schien es sich endlich zum Widerspruch aufraffen zu wollen. Ein zorniges Murren ging durch die Reihen.

»Das Bild ist heilig!« rief einer. »Als es kam, läuteten die Glocken von San Pasquale den ganzen Tag von selbst.« »Hätten sie kürzer läuten sollen, um vor solch einem Unglück zu warnen?« erwiderte der Mönch. Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er in seiner Anklage fort:

»Ihr seid Götzendiener, aber keine Christen. Ihr dient ihm, diesem Bild, weil es euch hilft. Aber von dem Geist der Heiligkeit findet sich nichts bei euch.«

»Es ist ebenso gut und barmherzig gewesen wie Christus«, erwiderten die Leute.

»Und ist nicht gerade das das Unglück gewesen?« sagte der Pater; und nun war er plötzlich furchtbar in seinem Zorn. »Er hat die Gestalt Christi angenommen, um euch zu verführen. Auf solche Weise allein konnte er euch in seine Netze einspinnen. Dadurch, daß er Gaben und Segen über euch ausstreute, hat er euch in seine Falle gelockt und euch zu Sklaven dieser Welt gemacht. Ist es etwa nicht so? Vielleicht kann jemand hervortreten und mir das Gegenteil sagen. Vielleicht hat er gehört, daß jemand, der nicht anwesend ist, das Bild um eine himmlische Gnade gebeten hatte.«

»Er hat einen Jettatore von seiner bösen Macht befreit«, sagte einer.

»Und nimmt nicht dadurch die Macht dessen, der eine ebenso große Macht hat wie der Jettatore, noch zu?« erwiderte der Pater grimmig.

Da machte man keine weiteren Versuche mehr, das Bild zu verteidigen. Alles, was man sagen konnte, schien die Sache nur noch zu verschlimmern.

Mehrere sahen sich nach Donna Micaela um, die auch zugegen war. Sie stand mitten unter der Menge, hörte und sah alles, tat aber nichts, um das Bild zu retten.

Denn als Pater Gondo gesagt hatte, daß das Bild der Antichrist sei, erschrak sie heftig, und als er nachwies, daß die Leute in Diamante nur weltliche Güter begehrt hätten, nahm ihr Entsetzen noch zu. Sie wagte nicht, irgend etwas zu tun.

Aber als der Pater auch sagte, sie und alle anderen seien unter die Gewalt des Antichrist geraten, da empörte sich etwas in ihr gegen den Pater.

Nein, nein, sagte sie sich, das kann nicht sein. Wenn sie glauben müßte, daß sie während all dieser Jahre von einer bösen Macht beherrscht gewesen sei, dann würde sie den Verstand verlieren. Und ihr Verstand begann sich dagegen zu verwahren.

Da zerriß ihr Glaube an das Übernatürliche wie eine zu straff gespannte Saite. Sie konnte nicht länger folgen.

Ihre Gedanken durchforschten in stürmischer Eile alles, was sie selbst an übernatürlichen Dingen erlebt hatte, und sie hielt Gericht darüber. Gab es ein einziges wirklich bewiesenes Wunder? Sie sagte sich, daß alles Zufall gewesen sei, nichts als Zufall.

Es war, als wickle sie ein Knäuel ab. Von dem, was sie selbst erlebt hatte, ging sie zu den Wundern anderer Zeiten über. Alles nur Zufall, geistige Einwirkung, das meiste vielleicht Erfindung!

Der zornentbrannte Mönch verfluchte die Leute mit furchtbaren Worten. Sie versuchte, ihm zuzuhören, um von ihren eigenen Gedanken wegzukommen, aber ihr war, als ob alles, was er sagte, Wahnsinn und Lüge sei.

Was ging nur mit ihr vor? War sie denn am Ende eine Freidenkerin geworden?

Sie sah sich nach Gaetano um. Auch er war da. Er stand auf den Kirchenstufen ganz nahe bei dem Mönch. Seine Augen ruhten auf ihr. Und ebenso sicher, wie wenn sie es ihm gesagt hätte, wußte er, was jetzt in ihrer Seele vorging. Aber er sah nicht aus, als freue er sich darüber oder als triumphiere er. Er sah aus, als hätte er Pater Gondo gerne zum Schweigen gebracht, um ihr noch einen kleinen Rest von Glauben zu retten. Aber Donna Micaelas Gedanken kannten keine Schonung. Sie gingen unaufhaltsam weiter und plünderten ihre Seele. Die ganze strahlende Welt des Übernatürlichen wurde vernichtet, zerschmettert. Sie sagte sich, daß man von dem Übernatürlichen gar nichts wissen könne. Manche Botschaft sei von der Erde zum Himmel gegangen, aber keine vom Himmel zur Erde.

»Aber ich will trotzdem an Gott glauben«, sagte sie und faltete die Hände, wie um damit noch das letzte und höchste festzuhalten.

»Eure Blicke, ihr Leute von Diamante, sind böse und wild, und sie sind in die Irre gegangen«, sagte Pater Gondo. »Gott weilt nicht unter euch. Der Antichrist hat ihn von euch weggetrieben.«

Donna Micaelas Blick richtete sich wieder auf Gaetano.

»Kannst du einem so armen und ausgeplünderten Geschöpf die Möglichkeit zu leben bieten?« schienen ihre Augen zu fragen. Und sein Blick begegnete ihrem mit stolzer Zuversicht. Er las in ihren schönen flehenden Augen, wie sich ihre bebende Seele jetzt an ihn anklammerte, um einen Halt zu finden. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr Leben herrlich und reich machen könne.

Sie dachte an die Freude, die sein Erscheinen überall hervorgerufen hatte. Sie dachte an die Freude, die sie in jener Nacht in Palermo umbraust hatte. Sie wußte, daß diese Freude dem neuen Glauben an eine glückliche Welt entsprang. Würde diese Freude und dieser Glaube nun auch sie ergreifen können?

Sie rang voll Angst die Hände. Würde dieses Neue auch etwas für sie werden können? Würde sie sich nicht immer so arm fühlen müssen wie in diesem Augenblick?

Pater Gondo beugte sich über das Feuer.

»Ich sage es euch noch einmal!« rief er. »Wenn nur ein einziger vortritt und sagt, daß das Bild seine Seele gerettet habe, dann werde ich es nicht verbrennen.«

Donna Micaela fühlte plötzlich, daß mit ihrem Willen das Bild nicht verbrannt würde. Die Erinnerung an die schönsten Augenblicke ihres Lebens waren damit verknüpft.

»Gandolfo, Gandolfo!« flüsterte sie. Sie hatte ihn soeben neben sich gesehen.

»Ja, Donna Micaela.«

»Laß ihn das Bild nicht verbrennen, Gandolfo!«

Der Mönch wiederholte seine Frage, einmal, zweimal, dreimal – niemand trat vor, um das Bild zu verteidigen. Aber der kleine Gandolfo schlich sich immer näher dazu hin.

Unwillkürlich hatte Gaetano sich vorgebeugt. Unwillkürlich fuhr ein stolzes Lächeln über sein Gesicht.

Donna Micaela erriet, daß er dachte: »Nun fällt Diamante mir zu.« Des Mönches wildes Vorgehen machte Gaetano zum Herrn über die Seelen.

Sie sah sich erschreckt um, ihr Blick schweifte von Antlitz zu Antlitz. Ging vielleicht in allen den Seelen dieser Menschen dasselbe vor sich wie in ihrer eigenen? Sie meinte zu sehen, daß es so war.

»Du Antichrist«, sagte der Pater drohend. »Siehst du, niemand hat an seine Seele gedacht, solange du hier gewesen bist – du mußt vernichtet werden!«

Und Pater Gondo legte den Verstoßenen auf den Scheiterhaufen.

Aber das Bild hatte kaum eine Sekunde dagelegen, als es Gandolfo auch schon ergriff.

Er riß es an sich, hob es hoch über seinen Kopf und ergriff die Flucht.

Pater Gondos Pilger eilten ihm nach, und in wildem Lauf ging es den steilen Abhang des Monte Chiaro hinab.

Aber der kleine Gandolfo rettete das Bild.

Auf der Landstraße kam in diesem Augenblick ein großer schwerer Reisewagen daher; Gandolfo, dem die Verfolger dicht auf den Fersen waren, wußte sich nicht anders zu helfen, als das Bild in den Wagen zu werfen.

Dann ließ er sich ruhig festnehmen. Als aber die Verfolger dem Wagen nacheilen wollten, hielt er sie zurück.

»Nehmt euch in acht, die Dame in dem Wagen ist eine Engländerin!«

Es war Signora Favara, die endlich Diamantes überdrüssig geworden war und wieder in die Welt hinausreiste. Und sie durfte unbehelligt weiterfahren. – Kein Sizilianer wird es wagen, sich an einer Engländerin zu vergreifen.


 << zurück weiter >>