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1924

Januar 1924

Als ich in die österreichische Sektion des Internationalen Schriftstellerklubs aufgenommen werden sollte

An Frau Grete Urbanitzky

Wien IV. Viktorgasse 12 A

Herr Karl Kraus hat am 23. Oktober in einem mit Schreibmaschinenschrift adressierten Kuvert, das als Absender Ihren Namen trägt, eine Zuschrift des Internationalen Schriftsteller-Klubs (»The P. E. N. Club«) erhalten, dem im Ausland unter anderen Anatole France, Knut Hamsun, Maeterlinck, Gorki, Nexö, Gerhart Hauptmann und Selma Lagerlöf, in der österreichischen Sektion Richard Kola, Hans Müller, Dr. Moriz Scheyer, Dr. Julian Sternberg, Direktor Skurah, Siegfried Trebitsch und Berta Zuckerkandl angehören. In dieser Zuschrift, die von Herrn Dr. Raoul Auernheimer eigenhändig unterzeichnet und gleichfalls mit der Schreibmaschine geschrieben ist, wird mitgeteilt, daß der Ausschuß der österreichischen Sektion des Londoner P. E. N. Club in seiner letzten Sitzung beschlossen habe, den Adressaten zur Mitgliedschaft einzuladen, woran sich eine Darstellung der Vorteile und Annehmlichkeiten einer solchen Mitgliedschaft anschließt, als da sind: ein allmonatliches gemeinsames Abendessen, allwöchentliche gesellige Nachmittags-Zusammenkünfte und Vorträge, Benützung der Klubräume, in denen außer den Wiener Tagesblättern auch englische Literaturzeitschriften aufliegen, und dergleichen mehr. Der Zuschrift war eine Beitrittserklärung angeschlossen sowie ein Auszug aus den Statuten, worin nebst einer Darlegung des kulturellen Zwecks dieser Vereinigung usw. mitgeteilt wird, daß der Ausschuß berechtigt sei, nach seinem Ermessen Schriftsteller einzuladen, auf deren Mitgliedschaft er besonderen Wert legt.

Wir beehren uns, außer der Tatsache, daß Herr Karl Kraus eine solche Einladung respektive ein solches Schriftstück erhalten hat, auch unsere Vermutungen, wie dies zu erklären sein könnte, zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Es gibt nicht weniger als drei Möglichkeiten der Erklärung. Die erste und zugleich wahrscheinlichste wäre die, daß sich jemand, der Zutritt zu Ihren Vereinslokalitäten hat, ein solches von Herrn Dr. Raoul Auernheimer eigenhändig unterschriebenes und an keine bestimmte Person adressiertes Schriftstück sowie ein Kuvert Ihres Klubs verschaffen und den dummen Scherz machen konnte, auf dieses den Namen des Herrn Karl Kraus zu setzen, in der Erwartung irgendeines die Büberei lohnenden Ausgangs, etwa um sowohl ihn, der der ehrenden Einladung nicht widerstehen werde, »aufsitzen zu lassen«, wie den Klub, der seine Beitrittserklärung erhält, zu verblüffen. Für diesen immerhin denkbaren Fall – nicht daß sie erfolgt, sondern daß ein Scherzbold sie herbeiführen wollte – glauben wir uns Ihren Dank zu verdienen, wenn wir Sie auf die Möglichkeit des Mißbrauchs Ihrer Klubpapiere aufmerksam machen. Die zweite Erklärung, die eine geringere Wahrscheinlichkeit für sich hat, wäre die, daß sich der Ausschuß Ihres Klubs selbst und also auch der Unterzeichner der Einladung, Herr Dr. Raoul Auernheimer, einen Scherz erlauben wollte, auf die Gefahr hin, daß Herr Karl Kraus seinen Beitritt anmelden könnte – eine Vermutung, die uns mit dem Ernst Ihrer kulturellen Absichten und mit der literarischen Position der Persönlichkeiten, die an der Spitze Ihres Klubs stehen, keineswegs vereinbar schiene. So bliebe noch die Möglichkeit übrig, die allerdings die unwahrscheinlichste ist: daß es dem Klub mit der Einladung Ernst sei. Für diesen schon völlig unglaubhaften Fall – den anzunehmen wohl eine Erfüllung der spaßhaften Kombination wäre, die wir als die erste Möglichkeit gesetzt haben – beehren wir uns mit Dank zu erwidern, daß Herr Karl Kraus kein Freund des Klublebens, ja den durch ein solches gebotenen geselligen Nachmittags-Zusammenkünften und gemeinsamen Abendessen abhold ist, daß er den Vorteil, englische Literaturzeitschriften lesen zu können, nicht zu benützen vermöchte, da er der englischen Sprache nicht mächtig ist, und daß er es vorzieht, die einzig greifbare Annehmlichkeit, nämlich die Wiener Tagesblätter zu lesen, nicht im Beisein von deren hervorragendsten Mitarbeitern zu genießen. Wir wiederholen jedoch, daß wir keinen Augenblick zweifeln, daß Ihr Klub ganz ebenso wie er selbst von seiner Untauglichkeit, dessen Mitglied zu werden, überzeugt und daß die Einladung oder vielmehr die Übermittlung des Schriftstücks nur auf den dummen Witz eines Außenstehenden zurückzuführen ist.

Vielleicht sind Sie in der Lage, diesen Vorfall aufzuklären, dessen Mitteilung wir indes noch benützen wollen, um Ihre Aufmerksamkeit auf einen andern Umstand zu lenken, der es empfehlenswert erscheinen läßt, die Obsorge der Klubleitung auch auf die textliche Gestaltung der Schriftstücke, die so leicht in unrechte Hände geraten, auszudehnen. Wir möchten sie nämlich darauf aufmerksam machen – und wir würden uns dies auch erlauben, wenn die Zuschrift Privatcharakter trüge, indem sie ernsthaft Herrn Karl Kraus als dem präsumtiven Mitglied Ihres Klubs zugedacht wäre –: daß durch ein Gesetz der Republik die Adelsbezeichnungen abgeschafft sind und daß somit die Anführung einer Baronin Gisela Berger als einer Angehörigen des Klubausschusses und einer Grete v. Urbanitzky als Gründerin heute weniger werbende Kraft als den Reiz des Verbotenen hat – eine Tatsache, deren Erkenntnis Sie selbst sich nicht zu verschließen scheinen, indem ja der zuletztgenannte Name auf der Rückseite des Kuverts immerhin durch gleichartig große Lettern die Deutung des V. als des Anfangsbuchstaben eines weiblichen Vornamens ermöglicht. Wir sind der Meinung, daß für eine kulturelle Vereinigung von österreichischen Schriftstellern, die einem internationalen Klub angeschlossen ist, die Achtung eines Gesetzes der österreichischen Republik eine Selbstverständlichkeit sein sollte, und hoffen uns durch diesen Hinweis wie durch jenen, der einem Unfug anderer Art gilt, Ihre Dankbarkeit erworben zu haben.

Hochachtungsvoll

Verlag »Die Fackel«

Die sich nicht zu erziehen haben lassen

Ein deutschnationaler Professor ist – bitteres Los – genötigt, sich gegen den Verdacht der Bevorzugung von Ostjuden wie folgt zu wehren:

Aus Liebedienerei gegen die Studenten habe ich Einseitigkeiten nie begangen und werde sie auch nicht begehen, denn ich bin heute immer noch der Meinung, daß die Professoren die Studenten zu erziehen haben, sich aber nicht von den Studenten erst zu erziehen haben lassen ... Ich stelle fest, daß während meines Dekanates keine schrankenlose Aufnahme von Ostjuden erfolgt ist und im Gegenteil die Aufnahme der Ostjuden in weitgehendster Weise und nach klar umrissenen einheitlichen Normen herabgedrückt wurde.

Das war insofern ein Fehler, als ich überzeugt bin, daß sich unter den Ostjuden manche finden, die mehr Gefühl für die deutsche Sprache haben als sämtliche Ostdeutschen. Daß die Aufnahme in weitgehendster Weise herabgedrückt wurde – was auch anstrengend sein muß – ist sehr bedauerlich. Aber was sollten die ostjüdischen Studenten schließlich ausrichten? Die deutschnationalen Professoren wissen ganz gut, daß sie sich nicht von ihnen zu erziehen haben lassen. Und wenn man sie fragte, ob sie sich nicht vielleicht, nämlich in der deutschen Sprache, haben erziehen zu lassen (oder erziehen zu lassen haben), so würden sie vermuten, daß man sie mit echt talmudischer Spitzfindigkeit hineinlegen will.

Juni 1924

Seipel und die Razzien

Wenn der Polizei der Vorwurf gemacht wird, daß sie die schreckliche Einrichtung der Razzien habe, so muß erwidert werden, daß die Polizei diese Bezeichnung gar nicht kennt.

Sagte Herr Seipel, den ich im Gegensatz zu einem oppositionellen Tadler seines Gefühlsmangels nicht für einen »Mann von höchsten geistigen Qualitäten, von dem stärksten Verstande« halte. Denn selbst als christlicher Dreh würde die Negierung der Einrichtung durch die Regierung der Bezeichnung zu dürftig sein. Was ist ein Name, was uns Razzia heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften. Aber dazu kommt, daß Herr Seipel hier den jesuitischen Anforderungen höchstens durch ein Minimum an Wahrheitsliebe gerecht wird, indem ja die Polizei »diese Bezeichnung« sehr wohl kennt. Die Bezeichnung »Frauensperson« habe ich ihr bereits abgewöhnt. Im dreißigsten Jahrgang der Fackel hoffe ich feststellen zu können, daß sie nicht mehr von Razzien spricht; im fünfzigsten: daß sie nicht mehr weiß, was das ist. Und später einmal, daß Herr Seipel die Wahrheit, sagen wir, vorausgesagt hat.

Ich habs immer gesagt

der Buchdruckerkunst ist nicht zu trauen. In feinster Gesellschaft passiert das Folgende und zwar dem Neuen Wiener Journal, das sich doch sonst in solcher zu bewegen weiß. Aber das kommt davon, daß es sich auf Originalbeiträge einläßt, vor denen der Setzer nicht nur wegen der undeutlichen Handschrift, sondern vor allem wegen der Überraschung verwirrt ist:

... Beste Wiener Friedensgesellschaft, ein Patronessenkomitee, geführt von unseren Aristokratinnen, eine entzückende jeunesse d'ore, die dem Walzer ostentativ huldigt, zugleich aber auch den Schiebetänzen – fast wäre mir einer entschlüpft! – nach allen Regeln moderner Tanzkunst in Grazie ihren Tribut zollt.

Man soll dort, wo es auf reelle Arbeit ankommt, die Zeile entgeltlich ist und man ohnehin sein Kreuz hat, keine Witze machen und am allerwenigsten mit den Schiebern, die »jeunesse d'ore«, die ihr Gold wert ist, mag's treiben, wie sie will, aber wenn einem da mehr als einer entschlüpft, so könnte die Toilettefrau des Neuen Wiener Journals das Nachsehen haben.

Wahrhaft staatsmännische Worte

– – Die Astronomen sagen uns, daß der heutige Abend der letzte Winterabend ist und daß morgen Frühling wird. Wir Österreicher haben den ersten Frühlingshauch verspürt, als es uns gelang, das Interesse und die werktätige Solidarität fast aller Völker der Welt für unser gefährdetes kleines Land zu wecken. Dieser Solidarität verdanken wir unseren Wiederaufstieg. Ich glaube zuversichtlich, daß unter der zielbewußten Führung unserer beiden ausgezeichneten Gäste auch das Deutsche Reich die Zone der Winterstürme durchschritten und den Weg in einen neuen Frühling gefunden hat ... daß wir uns alle bald des wahren Völkerfrühlings erfreuen können, darauf erhebe ich mein Glas.

Seipel hatte die astronomische Gelegenheit sehr gut benützt und wiewohl er von dem fortdräuenden Winter desavouiert wurde, so wußte jeder Festteilnehmer ganz gut, daß doch Frühling werden müsse. Marx – der nicht zu Verwechselnde – rühmte denn auch die »wahrhaft staatsmännischen Worte« und gab der Überzeugung Ausdruck, daß die Kultur der Menschheit nur unter der Sonne des wahren Friedens gedeihen kann. Er folgte Seipeln auf dem einmal betretenen Wege nicht ohne bundesbrüderliches Verständnis und sprach von den »trotz der Kürze der Zeit von fruchtbarem Gedankenaustausch erfüllten Stunden«. Freuen wir uns, daß wir Deutsche, wenn wir einmal angeschlossen sind, zwei solche Kanzler haben. Bis dahin bleibt freilich die Frage offen, wer von beiden etwas davon hat, wenn Seipel und Marx ihre Gedanken austauschen, und warum wir zu diesem Ergebnis die Spesen eines Festessens zahlen müssen. Ich hab mir von der Reise ein Bild aus dem »Weltspiegel« mitgebracht, das Marxen zeigt, wie er in einer Umgebung von Männern im Winterrock, die auf den ersten Blick als deutsche Männer (nebst einer deutschen Frau) zu erkennen sind, im Freien, mitten in den Winterstürmen, »Deutschland Deutschland über alles« singt. Wirklich singt, mit offenem Mund, vor dem Reichstagsgebäude; und darunter sind die Noten gedruckt, die Musiknoten. Sonntag, den 24. Februar, man bestelle es. Ich reproduziere dieses Bild nur aus dem Grunde nicht, weil ich noch nicht des Pendants habhaft werden konnte, wie Seipel nach der gleichen Melodie »Gott erhalte« singt.

August 1924

Nachhilfe

– – Man sagt, er (O'Neill) sei der Begründer einer autochtonen, amerikanischen Theaterdichtung. Es ist festzustellen, daß auch diese autochtone Literatur fest auf europäischen Traditionen ruht. Das Volksstück ... fußt noch so ziemlich im konsequenten Naturalismus. – – – Doch sein (Homolkas) Talent steht dabei ganz außer Zweifel. Herr Kalbeck, der die Vorstellung inszeniert hat, erweist sich auch damit wieder als vorzüglicher Regisseur. In den Strnad-Schülern Niedermoser und Wenzel, von denen die Dekorationen waren, lernt man ein paar viel versprechende Bühnenkünstler kennen.                     f. s.

Dieser Salten ist so sehr Autodidakt, daß man schon ein bisserl nachhelfen muß. Seine Anlagen wurden zu früh dem Schutze des Publikums empfohlen und daß ein Autodidakt mit dem Autochthonen Schwierigkeiten hat und glaubt, man müsse jetzt immer das h weglassen, ist kein Wunder. Auch kann man nur sagen, Herr O'Neill sei der Begründer einer autochthonen amerikanischen Theaterdichtung, ohne Komma, weil dieses bedeuten würde, daß er der Begründer einer autochthonen Theaterdichtung und zwar einer amerikanischen ist. Sein Volksstück kann ferner nie »im«, sondern nur auf dem konsequenten Naturalismus fußen. Und wenn Herr Kalbeck sich »damit« wieder als vorzüglicher Regisseur erweist, so ist es ein stilrhythmischer Zwang, seine vorzügliche Regie an der Tatsache bewiesen zu sehen, daß Herrn Homolkas Talent außer Zweifel steht, was einen Unsinn ergibt; gemeint ist aber offenbar, daß er sich durch die Vorstellung als vorzüglicher Regisseur erweist, also »durch diese« oder in ihr. Vollends unmöglich ist, daß die Herren Niedermoser und Wenzel ein paar, also einige, viel versprechende Bühnenkünstler sein sollen. Da kein Mensch ein paar Füße hat, und die beiden Gracchen nicht ein paar Gracchen sind, so kann man es in den Herren Niedermoser und Wenzel nur mit einem Paar vielversprechender Bühnenkünstler zu tun haben, also im Genitiv und natürlich in einem Wort, weil sie sonst am Ende viel versprechen, was sie nicht halten, wobei es freilich noch zweifelhaft bleibt, ob man Dekorationsmaler überhaupt »Bühnenkünstler« nennen kann. Kurzum, es ist nicht leicht. Aber gern erkläre ich mich bereit, den Herren von der Kritik, ehe sie ihre Manuskripte in Druck geben, mit Rat und Tat beizustehen. Auf einen Tag wirds schon nicht ankommen und mir selbst blieben arge Umständlichkeiten erspart, indem ich ja doch oft, wenn ich aus streng sachlichen Gründen zitieren will und es sich um nichts weiter handelt, als eine Dummheit oder Gemeinheit zu reiner Geltung zu bringen, vorerst die Stil- und Grammatikfehler ausmerzen muß, deren Sperrung im Nachdruck mit den Hinweisen auf das Wesentliche kollidieren würde. Ich hab's also noch weit schwerer, und beiden Teilen könnte geholfen werden. Ein für allemal verspreche ich, daß ich am Gedanken nichts ändern würde, ja in Ausnahmsfällen sogar besonders verhatschte Satzwendungen, die ich wieder gern zitiere, unversehrt ließe. Den ganzen Text der Wiener Zeitungen kann ich nicht zur Redigierung übernehmen, aber die Arbeiten der feineren Literaten betreue ich gern, um wenigstens aus dem Gröbsten herauszukommen. Wenn theoretische Mahnungen wirken möchten, würde ich ja öfter die Bitte aussprechen, nicht » an« sie zu vergessen, und ich brauchte nur zu sagen, es genüge nicht zu glauben, daß man nur » schreiben braucht«, um zu schreiben. Die Voraussetzung jeder literarischen Tätigkeit ist doch wohl ein gewisses Stilgefühl, das ich aber den meisten Wiener Feuilletonisten, die da meinen, man könnte es ihnen » zumuten«, nicht zutraue. Denn zutrauen (glauben) kann ich nur eine Fähigkeit – die hier nicht vorhanden ist –, zumuten jedoch (begehren) kann ich nur ein Tun – von dem hier nicht die Rede ist –, während ich etwa eine Unterscheidung von Begriffen (als Handlung wie als die Fähigkeit dazu), die man einem sowohl zumuten wie zutrauen kann, ihnen weder zutrauen noch zumuten kann. So haben wir's denn schwer miteinander, und ich wette, daß sie diesen Satz nicht verstehen. Ich habe es aber wie gesagt schwerer mit ihnen als sie mit mir, da ihnen ja was sie schreiben wurst ist, während ich mir's zu Herzen nehme. Zum Beispiel bin ich so pedantisch, die richtige Pluralbildung »die Trottel« selbst von solchen zu verlangen und nur im Dativ ihnen das »n« zu erlauben, das sie sich auch im Nominativ und jenseits aller Absicht des Idiotismus, ich meine des mundartlichen Ausdrucks, zulegen. Mit Unrecht halten sie auch das »s« für mehrzahlbildend und schreiben »die Fräuleins«, aber dafür »des Fräulein«. Ich vermute, daß sie jedesmal schwanken, wissend, daß hier eine Klippe ist, und jedesmal sich für diese entscheiden. Hier läßt sich aber leicht Abhilfe schaffen, indem sie sich nur immer an »die Mädchen« zu erinnern brauchen (zu!) und »des Mädchens« nicht vergessen dürfen (aber ja nicht: an das Mädchen; das würde nichts helfen). Manchen gibt es, der » den Fesseln entraten ist«, nämlich den der Grammatik, was nur daher kommt, daß er dem Unterricht in diesem Gegenstand entronnen ist und da er des Gefühls für ihn entbehrt, auch des Rats entbehren zu können meint. Dem grammatischen Libertiner ist jedes Hilfszeitwort recht, aber da ist keine Rettung, weil eben »der Schule entraten haben« nun einmal ihrer entbehrt haben bedeutet und nicht wie er wähnt: ihr entronnen sein, also hier mit »haben« und nicht mit »sein« konjungiert und mit dem Genitiv, nicht mit dem Dativ konstruiert werden muß. Die Herren haben sich von Kindheit auf arg vernachlässigt und schwer büße ich ihre Bildungslücken. Temperament kann über den Mangel nicht hinweghelfen, und wenn sie auch noch so leicht in » Extase« geraten; an mir ist es dann, an solchen Geringfügigkeiten, auf die es doch in der Literatur gar nicht ankommt, in Ekstase zu geraten. Autochton oder autochthon, das ist doch unter denen, die es zumeist nicht sind, ganz egal und schließlich leisten sie ja für das h wieder Ersatz, indem sie sich » peripathetischen Neigungen« hingeben, weil sie glauben, daß solche vom Pathos kommen, und wohl wissen, daß dieses sich nicht der neuen Orthographie beugt, die als Ortographie auch keine Rechtschreibung wäre. Denn das wäre zwar nicht » abnormal«, welches sie mit »abnorm« verwechseln, wohl aber anormal, welches eine griechisch-lateinische Bildung ist, ihnen also mangels ebenderselben fremd. Aber man schöpft da in ein Danaidenfaß, das sie oft für ein Danaergeschenk halten, welches sie wieder mit dem der Danae zu vertauschen pflegen. Mit einem Wort, es sind Autodidakten und da tut etwas Nachhilfe schon not.

   

Ernst, aber zuversichtlich

verlassen Ludendorff und Gemahlin die Siegfriedstellung und begeben sich in die Walhalla.

Habe noch nie so gelacht

Beisetzung Hugo Stinnes' Tirpitz X verläßt das Krematorium.

Spiel der Wellen

Die Saison ist da, in welcher – man achte genau darauf und melde mir diesbezügliche Wahrnehmungen – am Strand der Nordsee lagernd Kammergerichtsanwalt Wolf Krotoschiner II zu Kommerzienrat Katzenellenbogen, wenn sie sich entschließen, ins Wasser zu gehen, diesen Entschluß wie folgt mit einem Beispiel angewandter Kunst äußern wird: »Auf in den Kampf Torero!«, worauf der Mitkämpfer, keineswegs verlegen, erwidern dürfte: »Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp'?«, was wieder der andere mit dem beherzten Ausruf parieren wird: »Mut zeiget auch der Mameluk!«, welchen Gedanken er gelegentlich noch, scherzando, mit der kleinen Abweichung verzieren könnte: »Mut zeiget auch der lahme Muck!« Liegt Frau Krotoschiner (Marga) daneben, so dürfte der Gatte, nicht abhold dem Unternehmen mit ihr zu baden, die Worte sprechen: »Erhebe dich, Genossin meiner Schmach!« Wobei aber festzustellen ist, daß inzwischen bereits Rechtsanwalt Sally Seligsohn I Anlaß hatte, ihr die Worte zuzuflüstern: »O Königin, das Leben ist doch schön!« (Hier wäre ein Kapitel von der erotischen Scherzhaftigkeit der besitzenden Klasse einzuschalten. Ihre Gedanken, soweit sie nicht vom geschäftlichen Leben abgelenkt sind, kreisen um den Ehebruch und wo sie ihn nicht begehen, treiben sie doch Spott mit ihm, drohen einander, oft gleichzeitig, mit dem Finger: »Das ist einer [eine], aber ich werde ihn [sie] schon erwischen!«; und immer behauptet sie [er], daß er [sie] es dick hinter den Ohren habe, aber sie [er] glaubts natürlich nicht, auch wenn es der Fall ist. Das Strohwitwertum ist ein Motiv tollster Ausgelassenheit: »Bitt Sie, geben Sie mir acht auf meinen Mann, letzten Sommer – also man weiß schon!«, »Noja, wenn man einen so feschen Mann hat – ich würde da nicht auf die Länder gehn!«, und es schwirrt nur so von Göttergatten. Der Unterschied zwischen Berlin und Wien besteht darin, daß sie dort ganze Sätze sprechen, Fertigware, die auch exportfähig ist, ohne die grauslichen Voraussetzungen einer spezifischen Operettenkultur. Es sind Präzisionsapparate der Banalität, man ist rasch bedient und sie schaffen dem nüchternen Leben gern Ersatz durch eine gewisse, natürlich nicht ernst gemeinte Pathetik, über die sie vermöge der Bildung jederzeit verfügen, so daß sie auch in der Lage sind, sich auf des Meeres und der Liebe Wellen mit Zitaten höherer Ordnung zu bewerfen.) Krotoschiner II und Katzenellenbogen haben es also inzwischen gewagt, wobei unentschieden bleiben mag, wer der Rittersmann und wer der Knapp' ist. Im Wasser wird ein lebhaftes Gespritze durch die Rettung auf ein Felsenstück beendet werden und den darauf abzielenden Plan wird jeweils jener, der als der erste hinaufgelangt, in die Worte fassen: »Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen«, während man sich dem Gegner, der sich trotzdem annähert, mit der Erwartung entgegenstellt: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«. Gelingt es diesem, hinterrücks zum Schlage auszuholen, so kann nur geantwortet werden: »Was wolltest du mit dem Dolche sprich«, worauf wieder prompt der Bescheid erfolgen dürfte: »Ja siehste, es gibt im Menschenleben Augenblicke«. Sally Seligsohn aber, als Eigenblödler bekannt, hält sich von dem Treiben der Welt fern, hat nur Sinn für Marga, der Lose, und erteilt auf die Frage des Gatten, warum er sich zurückziehe, die im Allgemeinen zutreffende Auskunft: »Der Starke ist mit am mächtigsten allein«. Denn er ist auch nicht auf den Mund gefallen. Entsteht am Strand Bewegung, weil das B. T. angekommen ist, so erschallt unisono die Frage: »Was rennt das Volk, was wälzt sich dort?« Dies Getändel freut den Nereus, der fünfzig Nereiden zu versorgen hat und deshalb auf die Berliner Familien Wert legt, und es geht fort, bis die B. Z. eintrifft und die Sonne untergeht, die schließlich ein Einsehen hat. Im Hintergrund aber sieht man Hans Müller einer Gruppe, die sich bildet, von okkulten Phänomenen erzählen, während Lippowitz im Strandcafe sitzt, damit beschäftigt, einem Stoß reichsdeutscher Blätter das Weltbild zu entnehmen, für eben jene Leser, die das Spiel der Wellen, das sie auffuhren, noch auf eine aparte Art zu beleben wissen. In französischen Nordseebädern, wo auf tausend Badende höchstens ein Molière-Zitat entfällt, dürften solche Wahrnehmungen nur dort zu machen sein, wo Deutsche hinkommen, die den Wiederaufbau der Kultur besorgen. Man hört sie dort auch gelegentlich ausrufen: »Nich in die Lamäng!«, was zwar französisch ist, aber nicht von Molière.

Einen Stüber

– also nicht in die Lamäng, wiewohl ich eingedenk bin des im Entstehen begriffenen Sprichworts, daß, wer den Stüber nicht ehrt, des Schillings nicht wert ist, auf den ich aber gleichfalls verzichte. Denn ich bin von einem bäurischen Mißtrauen erfüllt und gebe mich Zweifeln hin, ob die österreichisch-ungarische Bank mir gegen diese Metalle bei ihrer Hauptanstalt in Wien sofort auf Verlangen den angewiesenen Wert in gesetzlichem Papiergelde auszahlen würde. Zwar tröstet Shakespeare: Was ist ein Name, was uns Stüber heißt, wie es auch hieße, würde lieblich klingen. Aber dieser Trost ist mir einen Stüber wert, und ich mag nun einmal ein Geld nicht leiden, an dessen Namen der Duft des christlich-germanischen Schönheitsideals haftet, wie es sich in jener Koalition auswirkt, wo sich der Frank mit dem Kienböck, also Starkes sich und Mildes paarten und es infolgedessen eben den Klang des Stübers gibt. Auch hat er etwas von einer Hans Müller-Währung, gilt so viel wie einen Deut, also weniger als einen Batzen und wird unter allen Umständen mit einem Topp! dahingegeben und mit einem Hei! dankbar empfangen. Ich tu da nit mit. Österreich hat sich in der Wahl seiner Geldbezeichnungen zwar insofern nicht vergriffen, als Stüber auch einen »schnellenden Schlag« bedeuten kann, zum Beispiel einen Nasenstüber von der Entente, und Schilling »eine Tracht Schläge«, also einen schweren Schlag, eine Sanierung. Es sind mithin, um gut Müllersch zu reden, recht hahnebüchene Titulaturen. Freilich war es schwer, für eine so suspekte Münze wie die österreichische die richtigen zu finden. Der Frank konnte aus dem Grunde leider nicht eingeführt werden, weil wir ihn schon haben und infolgedessen Zweifel an seinem Wert entstanden wären. Die Krone war nach allen Richtungen schwer kompromittiert und man gibt für keine ihrer Bedeutungen einen Pfifferling. »Ostmark« wäre nicht so übel gewesen, wie einem dabei geworden wäre. Kurzum, es war schwer. Am ehesten hätte ich noch dem Vorschlag einer Freundin zugestimmt, die mehr Grütze im Kopf hat, als in Müllers Beutel Stüber klingen dürften, dem Vorschlag, das österreichische Geld schlicht, wie es ist, zu nennen: Neanderthaler.

Ein sonderbarer Schwärmer

Das blödeste Blatt der Welt – also nicht die ›Wiener Stimmen‹ – bringt diesen Notschrei:

[Die vergessenen Denkmäler.] Wir erhalten folgende Zuschrift: »Verehrliche Redaktion! Ihre Betrachtungen im Morgenblatt vom 11. d., die den skandalösen Zustand betreffen, in dem sich die Wiener Denkmäler befinden, sind vielen Wienern aus dem Herzen gesprochen. Es ist wirklich im höchsten Grade bedauerlich, daß man einen so wertvollen künstlerischen Schmuck, wie ihn die Wiener Denkmäler darstellen, verfallen und zugrundegehen läßt. Am deutlichsten offenbart sich die Gleichgültigkeit, mit der man die Denkmäler behandelt, an den Figuren des Albrechts-Brunnens. Seit Jahr und Tag stehen die Standbilder des Inn und der Save mit abgeschlagenen Händen da und recken dem Passanten ihre Armstümpfe entgegen. Der Mauerverputz ist vielfach abgeblättert, so daß der Brunnen, der an einem der frequentiertesten und repräsentativsten Plätze Wiens gelegen ist, in nicht zu ferner Zeit vollends den Eindruck einer Ruine machen wird. Das zeigt sich bereits an der Figur der March, die von herabgefallenem Schutt gleichsam umrahmt ist. Muß das sein? Eine Entschuldigung gibt es nicht für diese sträfliche Schlamperei, die geeignet ist, das Ansehen Wiens bei den zahlreichen Fremden, die jetzt hieherkommen, um die Schönheiten der vielgerühmten Stadt am Donaustrand zu bewundern, herabzusetzen ...«

Es muß sein; wie Altmeister Salten vor zehn Jahren ausrief, als es galt, das Unternehmen zu verklären, dem so viele Hunderttausende zwischen Inn und Save die abgeschlagenen Hände verdanken und die Armstümpfe, die sie heute dem Passanten entgegenstrecken können, und so viele aus der Gegend der March, daß sie einmal verschüttet waren und heute nur mehr mit flackerndem Blick die Schönheiten der vielgerühmten Stadt am Donaustrand bewundern können. Zu diesen haben also tatsächlich durch vier Jahrzehnte die Standbilder des Inn, der Save und der March gehört, die das blödeste Blatt der Welt »Denkmäler« nennt und deren Unversehrtheit wohl den äußersten Vandalismus bedeutet hat, der je einem Stadtbild angetan wurde. Daß man speziell der Save, mit der uns doch höchstens noch freundnachbarliche Beziehungen verbinden, die Pratzen abgeschlagen hat, ist eine ästhetische Wohltat, die vielleicht von der jugoslawischen Gesandtschaft als illoyaler Akt empfunden werden könnte. Aber in die Angelegenheiten des Inn lassen wir uns nichts dreinreden und mit dem diesbezüglichen Flußgott, der immerhin noch so dasteht, als ob er an Gschnasfesten des Männergesangvereins mitwirken könnte, können wir machen was wir wollen, und daß die March endlich von herabgefallenem Schutt gleichsam umrahmt ist, ist ein wahrer Segen. Nein, man hat diese Denkmäler nicht vergessen. Sie waren der plastische Ausdruck der Vorstellung, die sich der Besitzer des hinter ihnen aufragenden Hauses, der Erzherzog Friedrich, von den österreichischen Flüssen gemacht haben dürfte, und wenn ebenbürtige Geister ein Bedürfnis nach ihrer Wiederherstellung und den jetzigen idealen Zustand als sträfliche Schlamperei empfinden, so braucht man sich ja nur mit Ambros Bei in Verbindung zu setzen, und der Schönheitssinn der vielgerühmten Stadt an der Donau (deren Denkmal leider nicht verstümmelt ist) wird rehabilitiert sein.

Die Wendung

Die Journalisten können sich für das Mißverständnis seltener Wendungen auf Grillparzer berufen, der ein Bildungsdichter war und infolgedessen sich beim Dichten auf einen so trügerischen Besitz wie die Bildung verließ, mit der man oft etwas zu erlangen wähnt, was man dann doch nicht hat. Das Musterbeispiel einer Wendung, die erlesen ist, aber falsch erlesen, die schon stimmen wird, aber nicht stimmt, ist der Satz aus der Stelle im »Ottokar«, wo der gleichnamige Horneck dem Rudolf von Habsburg die Vorzüge Österreichs rekommandiert:

– – – – – – – – – – es ist ein gutes Land,
Wohl wert, daß sich ein Fürst sein unterwinde!

Ich habe den Satz in Erinnerung von der Septima her, in der ich – 1891 – in einer Schulfeier zum 100. Geburtstag Grillparzers das Lob Österreichs zu sprechen hatte, wozu man nur entweder Schiller zitieren kann, der das Glück die Gaben ohne Wahl verteilen läßt, oder einen der neueren Autoren, die den Fall bündiger mit dem Wort »ausgerechnet« formulieren würden. Ich hatte damals schon das Gefühl, daß ich mich überwinden müsse, um zumal jene Wendung deklamatorisch zu meistern. Denn es war eine schwierige Aufgabe, der ich mich zu unterziehen hatte, ein kühnes Abenteuer, dessen ich mich unterfing. Und dies eben fühlte ich als den Sinn von »sich unterwinden«. Grillparzer wieder mag gefühlt haben, daß die Übernahme Österreichs die einer schwierigen Aufgabe sei, indem doch mit allen landschaftlichen Reizen, die er den Ottokar v. Horneck mit Fug anpreisen läßt, auch ein rechter Pallawatsch durch die Jahrhunderte und die ganze Vertracktheit der älplerischen Menschenart in Kauf zu nehmen wäre. Man kann nun wohl, wenn man eine Kurasch hat und die kaiserlose, die schreckliche Zeit schon einmal ein Ende haben soll, eine solche Aufgabe auf sich nehmen, sich ihr unterziehen, ihrer unterfangen, unterwinden, man kann aber unmöglich ein Land auf sich nehmen, sich einem Land unterziehen, sich eines Landes unterfangen. Sich Österreichs zu unterwinden war also selbst der erste Habsburger nicht imstande, und dem letzten ist die Aufgabe – nicht das Land – bekanntlich so über den Kopf gewachsen, daß wieder eine kaiserlose, eine schreckliche Zeit anbrechen mußte, in der wir mitten drin stecken, harrend des Augenblicks, wo Richard v. Kralik Otto von Habsburg bitten wird, sich Österreichs, das ein gutes Land ist, zu unterwinden, was dann eine Wendung durch Gottes Fügung wäre.

Das haben die Mädchen so gerne

und so träumt jetzt, in München, wo Hitler waltet, die deutsche Jungfrau den Frühling:

Frühlingstraum

Wo finde ich feschen Herrn zwecks bald. Ehe. Wunsch:
Metzgermeister
od. Autobesitzer
Bin jung, lustig, tüchtig, besitze sehr schöne Möbel und Wäscheausstattung u. Vermögen. In Frage kommen nur Briefe mit Bild u. gew. Herrn, alles andere Papierkorb. Briefe unter Auto 142251 a. d. M. N. N.

Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt', wer der »gew. Herr« gewesen ist. Offenbar einer der Gewaltigen. Jedenfalls ein Habebald der Mädchen, ein Haltefest der Möbel und ein Raufebold der Nation.

Dezember 1924

Einer von denen, die es in Osterreich noch gibt

Es geschieht immer in den Tagen, wo die Justiz ihren Schwächezustand nicht verbergen kann, daß sie dort, wo man es nicht verlangt hat, zu imponieren beginnt. Der strategische Rückzug vor Herrn Castiglioni wird durch Vorstöße gegen Frauen, die der nächsten Generation das Verhungern ersparen wollten, durch Umzingelung von Zimmervermieterinnen und durch Attaken gegen Zeuginnen wettgemacht, und wenn der große Räuber fünfzehn Milliarden geboten hat, damit man ihn nicht lebendig liefert, so können wir sicher sein, in der Gerichtssaalrubrik, die eine so umfängliche Lücke aufweist, von einem armen Schelm zu lesen, der im Taglohn arbeitet und elf lebendige Kinder hat, der darum einen Laib Brot nicht nehmen oder dessen Frau ein zwölftes nicht abtreiben durfte. Und was an Scherzhaftigkeit gegen Personen, die das Unglück hatten, Parteien zu werden, geleistet wird, das geht in einer Epoche, in der die Justiz alle Ursache hätte, nicht die Augen mit einer Binde, sondern das Haupt mit einem Sack zu verhüllen, schon ins Aschgraue. Eine um ihre Liebe betrogene, von einem monarchistischen Ritter ausgeraubte Frau ist Zeugin. Ihr Geschlecht, ihr Schicksal, die Nötigung vor Gericht zu stehen, alles an dem Fall heischt Rücksicht, Schonung, Erbarmen, Takt, Diskretion, kurz all das, was sich auf der Straße einer Negerstadt von selbst verstünde. Der Richter – er heißt Schachner und ich habe von seiner Erleuchtung in § 19-Sachen noch einen Schein bewahrt, der in zwanzig Jahren nicht erloschen ist – macht Bemerkungen wie diese:

»Sie haben aber gewußt, daß ihr Mann kein Vermögen und keine Beschäftigung hat?«

Die Zeugin wiederholt, daß sie ihren Mann nicht gefragt und ihm vertraut habe, weil sie ihn liebte. Vorsitzender Dr. Schachner: Liebe dauert ewig, hier sagen Sie aber gegen ihn aus.

– – Die Zeugin berichtet dann weiter, daß ihr Mann für seinen Bruder 150 Millionen verausgabt habe. Sie sei nicht in der Lage gewesen, dagegen Einspruch zu erheben, und habe den Bruder ihres Mannes bei sich dulden müssen. – Vorsitzender Dr. Schachner (gleichgültig): Na, wenn ein Bruder den andern unterstützt, ist das nicht so furchtbar. – Vertreter der Privatbeteiligten: Aber nicht mit dem Geld der Frau!

Selbst ein so gerichtssaalfrommes Schafsblatt wie das Neue Wiener Tagblatt kann sich da nicht enthalten, von »merkwürdigen Äußerungen des Vorsitzenden« und von »Bemerkungen auffallendster Art« zu sprechen. Die Zeugin erzählt, daß ihr Mann einmal gedroht habe, »er könne jemand mit dem Staub eines zerriebenen Rohrstockes vergiften, und man werde bei der Obduktion gar nichts bemerken«.

Vorsitzender Dr. Schachner (ironisch): Also, Sie haben sich vor dem Rohrstaberl gefürchtet!

Wenn man jahraus jahrein die Verbrechen dieser Justiz an Angeklagten miterlebt – deren Gipfel wohl die barbarische Bestrafung der Frau Kadivec durch den Herrn Habietinek ist, der jetzt als Advokat die Interessen des Herrn Direktors Robert vertritt – wenn man des neulichen Falles gedenkt, wo der Vorsitzende den auf dem Sterbebett hereingetragenen Angeklagten für vernehmungsfähig erklärte; wenn man sich insbesondere diese fortgesetzten, durch keinen moralischen Protest abzustellenden Roheitsdelikte gegen wehrlose Zeugen und Zeuginnen vergegenwärtigt, diesen trivialen Hohn einer geistigen Dürftigkeit, die sich nun völlig gehen läßt, ehe sie im Namen der Republik ihr, mit Erlaubnis zu sagen, Urteil in der Kaiserbart brummt – dann fragt man sich, was eine Zeitgenossenschaft wert ist, die ihre tiefe Respektlosigkeit vor geistigen Gütern mit der unabänderlichen Hochachtung vor solcher Autorität verbindet, und was ein politischer Umsturz taugt, der dem gröbsten Unfug der alten Staatsmacht kein Ende gesetzt und dem Kaiserbart dieser Justiz kein Haar gekrümmt hat. Dazu mußten Millionen sterben, daß die Herrschaften wie eh und je das Theater aus dem Gerichtssaal machen, welches er, wenn das Auditorium zu lachen anfängt, auf einen Wink mit dem Rohrstaberl nicht mehr sein darf und das er ja in der Tat nicht ist, weil selbst das Theater im Wandel der Zeiten nicht so auf den Hund kam. Verändert hat sich da nichts, verschlechtert alles. Und die Hoffnung, daß diese Justitia, wenn mundus schon pereat, aus ihrer Binde Charpie zupfen werde, ist schmählich getäuscht worden.

Todesurteil und Prügelstrafe

Keine Geschworenenbank hat noch bisher ihr Todesurteil in einer Beratung von zehn Minuten »erledigt«. Was den zwölf Männern aus dem Volk ihr Gewissen verleidete, diese siebzehn Herren von hohen akademischen Graden haben keine zarten Bedenken dagegen gehabt. Aber was sage ich »Beratung«? Die Frühstückspause hat ihnen genügt! Seht ihr sie, Mitmenschen, behaglich das belegte Brot kauend, im Konferenzzimmer umhergehen, während über Leben oder Nichtleben des »Schwarz Thomas, Schüler der Oktava« entschieden wurde? – –

Müßte man nicht, wenn man diese Artikel der Skandaille liest, wirklich glauben, daß die Professoren ein »Todesurteil« über den armen Gymnasiasten, der den Scherz auf die Tafel geschrieben hatte, gefällt haben? Was immer man gegen sie einwenden mag, und mögen sie alle zusammen nicht so viel wert sein, wie das Leben dieses einen Knaben (dessen krankhaftes Minus doch wohl der Widerspruch bildet zwischen der demonstrierten Geringschätzung des Schulmilieus und der tragischen Überschätzung ihrer Folgen) – erfreulicher ist selbst der ärgste Lebensbedrücker unter ihnen als dieses greuliche Libertinertum, das den Autoritätshohn der Schultafel in die Zeitung fortsetzt. Ganz ebenso schlimm aber der andere Typus, der des alten Geistreichtums, welcher der Schultyrannei Mut gegen die Jugend machen möchte und sich mit der Humorigkeit, die schon auf hundert Meter als die des Julian Sternberg riechbar wird, in einem Nachruf unter dem Titel »Der Lustigmacher« (denn so nannte der Direktor den Knaben) zu der folgenden Impertinenz versteigt: – –

Man müßte doch annehmen, daß die Möglichkeit vorhanden gewesen wäre, dem Lustigmacher anders beizukommen als dadurch, daß man ihn zum bürgerlichen Gymnasiastentod verurteilte, worauf er ein weiteres Todesurteil über sich aussprach. Wenn der beleidigte Lehrer die Inschrift auf der Schultafel: »Die Professoren können Alles ...« ganz anders gedeutet hätte, nämlich dahin, daß die Professoren unter Umständen einem dummen Jungen auch Eine hinter die Ohren versetzen können, dann würden heute nicht verzweifelte Eltern im tränenlosen Schmerz auf einen frischen Grabhügel starren.

Was müßte man nicht erst alles einem liberalen Schreiber versetzen können, der ein System befürwortet, das in den Schulzeiten der finstersten Monarchie nicht möglich gewesen wäre, um einen toten Knaben zu schmähen, der doch jedenfalls mehr Talent und mehr Ehrgefühl besessen hat als die ganze Redaktion der Neuen Freien Presse! Der arme Gymnasiast hat sich zu seiner Tat bekannt und aus der Strafe eine unverhältnismäßige Konsequenz gezogen. Herr Sternberg (Bürgerlicher), der seinerzeit – für Breslau – mir ohne Nennung meines Namens, aber mit unverkennbarer Beziehung die Titulatur eines »Lümpchens« gegeben hatte, leugnete (ehe er verurteilt wurde), daß er mich »gemeint« habe, und blieb der Lustigmacher der journalistischen Klasse, mit dessen Ödigkeit es keine Konkurrenz aufnehmen konnte. Aber daß auf einer Schultafel, zu was immer für Unfug sie Gelegenheit bieten möge, mehr Grütze sichtbar wird, als in einer Schmocknotiz, brauchte nicht erst bewiesen zu werden. Welche ausgewachsene Dummheit, zu vermuten, daß der Oktavaner, von dem das Blatt im unmittelbaren Anschluß an die Schäbigkeit berichtet, daß er den Selbstmord verübt habe

weil er sich durch den Antrag des Professorenkollegiums auf Ausschluß von der Anstalt in seinem Ehrgefühl tief gekränkt fühlte

die Prügelstrafe überlebt hätte! Nein, sie im Gymnasium einzuführen, wäre unpädagogisch; die jungen Leute sind noch nicht reif. Erst wenn sie ins Leben hinaus und in die Redaktion eintreten, da ist sie am Platz!

Die Kämpfer

– – Die Auszeichnung des braven Vorkämpfers wird daher in allen Kollegenkreisen mit großer Freude aufgenommen.

Nämlich des Herausgebers der Korrespondenz Wilhelm.

»Ich kämpfe stets dafür und habe immer dafür gekämpft, möglichst viel herauszuschlagen

Immerhin ein verkrachter Oberst, der den Gläubigern einer monarchistischen Bank Rede steht. Wo man hinsieht, Kämpfer. Die Teilnehmer am Weltkrieg hatten keine Gelegenheit zu solcher Aktivität.

Verbroigter Loibusch

Wenn, wie sonst berufsmäßige Verkleinerer behaupten, die Presse das große Übel der Welt ist, so sind die Druckfehler das Korrektiv und im Gegensatz zum sonstigen Text unbezahlbar. Druckfehler beziehen von der Autorität des Drucks die Macht, Lebenstatsachen zu schaffen wie dieser selbst, aber als ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, wirken sie zumeist Segen. Daß Seine Majestät gehurt haben, war vielleicht der erste Aufschluß, den der Untertan über das Wesen der Monarchie empfing, weil er sich das bis dahin gar nicht hatte vorstellen können. Was aber ist ein verbroigter Loibusch? Ich weiß es nicht, doch weiß ich, wenn es ein Druckfehler war, so hat er auf das glücklichste den Sinn der k. k. Staats- und Kriegswelt anno 1915 als den Inbegriff des Wirrsals ausgedrückt, da unter dieser Chiffre ein Scherflein in der Neuen Freien Presse ausgewiesen erschien, welche damals mit rabiaten Leitartikeln und 30.5 cm-Titeln in das Chaos fuhr, als wollte der alte Biach sich den Sieg mit Gewalt richten. Als es schon im Gemäuer rieselte und ich im Frühjahr 1915 in Rom wußte, daß die repräsentierenden Dummköpfe der Mittelmächte – bei denen das Mittel vom Maß ihrer intellektuellen Macht bezogen war und darum jede Vermittlung aussichtslos machte –, daß sie sich also auch mit Italien verrechnet hatten, und als ich diese Tatsache einer Freundin melden wollte, deren geistige Fähigkeit ausgereicht hätte, den ganzen Weltkrieg zu verhüten, die ihn aber im Gegensatz zu Herrn Berchtold nicht überleben durfte, telegraphierte ich ihr bloß das Wort: Verbroigter Loibusch, und die Zensoren waren davon so fasziniert, daß sie es durchließen. Es bedeutet, anders als jene andere rätselhafte Wortbildung, die ich in diesem Heft dem Sprachschatz einverleibe, einen mehr durch persönliche Verhatschung, mehr durch Ohnmacht und eigenes Ungeschick als durch das Geschick oder die Macht der Verhältnisse hervorgerufenen Pallawatsch. Es ist dem verbroigten Loibusch eigentümlich, daß das Wort den Zustand, aus dem es geboren ist, auch erzeugt, einen Zustand, den man noch mit einem andern suggestiven Wort bezeichnen könnte, das demselben Kulturkreis zugehört und worin das Wirrsal der Sache und das Wirrsal des Ausdrucks zu ebenso sinnfälliger Deckung gelangen, so daß man schon vom Hören eben das in sich vorgehen fühlt, was es besagen will: man wird »mewulwel«. (Nämlich von all dem so, als ging' einem ein Mühlrad im Kopf herum.) Der größte verbroigte Loibusch nach dem Weltkrieg ist bekanntlich die Affäre Sternberg. Aber auch jeder Wiener Strafprozeß, der nur ein Mal durchgeführt wird, bietet ein vollkommenes Abbild von einem solchen, schon an und für sich und wie erst im Spiegel einer Berichterstattung, welche die Welt des Gerichtssaals als Vorstellung bei aufgehobener Kausalität zeigt und Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Angeklagten, Zeugen und Psychiater in einem undurchdringlichen Wortgemenge begriffen vorführt, bei dem der Unbeteiligte mit verminderter Zurechnungsfähigkeit davonkommt, denn er wird ganz mewulwel. Kein Tag der Zeitung ohne die Indizien (für die darum jetzt auch das Fremdwort »Inzichten« gebraucht wird) einer sprachlich und logisch aus den Fugen geratenen Zeit, die, Schmach und Gram, ich zur Welt einzurichten kam. War der »verbroigte Loibusch« ein Druckfehler, so kann ein Druckfehler einen verbroigten Loibusch ergeben, in welchem Fall die von ihm bewirkte Verwirrung, Verwirkung und Verwirksung bis zur Harmonie der Dinge gesteigert wird. Ein drolliges Beispiel für solchen Loibusch ist ein Gerücht, welches sich an die neueste Berliner Theatergründung des Herrn Reinhardt knüpft. Druckfehlern ist geradezu die Kraft der Legendenbildung gegeben und sie können unter Umständen darüber entscheiden, ob eine Persönlichkeit heilig zu sprechen oder eher zu steinigen ist. Herrn Reinhardt ist die bessere Chance eröffnet. Hartnäckig erhält sich nämlich die Version (die in diesem Fall wirklich eine Lesart ist), daß er mit seinem neuen Theater kein Geschäft machen wird. Das ist aber keine Prophetie – die bei einem Theater der oberen Zehn, das vermutlich auch »Bäder im Haus« hat, ja nicht eben den Blick einer Theaterkassandra erfordert –, sondern geradezu ein direktoriales Programm. Reinhardt will kein Geschäft machen. Müde der Praxis, an viertausend Proletariern, die einen Zirkus füllen, zu verdienen, hat er sich auf der Mittagshöhe seines Wirkens entschlossen, sich für die Bankdirektoren zu opfern und ihnen ein Schmuckkasterl hinzubauen, wo die künstlerische Teilnahme einer auserwählten Schar ihm Lohn sein wird, der reichlich lohnet. »Der Zuschauerraum, der nur Platz für etwa 500 Personen bietet, wird in enger Anlehnung an den Rokokostil ausgestattet sein.« Und sie sollen bei jeder Loge auch ihr Speiszimmer haben und auch »einen üppig ausgestatteten Salon als Vorraum, in dem die Logeninhaber während der Pause Cercle halten können«. Alles in Rokoko. Dicke Teppiche werden das geringste sein, was er ihnen hinlegt, so daß sie sich kannibalisch wohl fühlen können wie jene anderen Wesen, die ihrer Zahl nach das Reinhardtsche Theater gleichfalls gefüllt hätten. Er selbst aber wird darben. So war es wenigstens im Neuen Wiener Journal zu lesen und das Kuriosum war dort mit Recht in Sperrdruck gesetzt:

Weite, bequeme, gepolsterte Sessel werden den Raum füllen. Einen Reingewinn wird das Theater nicht haben.

Mißtrauisch wie ich in Kulturangelegenheiten bin, und nicht so leicht mewulwel zu machen, verglich ich den Text des Telegramms mit dem ziemlich gleichlautenden in den andern Blättern, wobei sich herausstellte:

Dicke Teppiche und weiche, bequem gepolsterte Sessel werden den Raum füllen. Ränge wird das Theater nicht haben.

Das macht aber nichts, das Gerücht erhält sich. Vielleicht jedoch ist es wahr oder kann mindestens neben der Wahrheit bestehen: Das Theater wird keine Ränge und keinen Reingewinn haben. (Zwei Tatsachen, wovon die erste freilich nicht erst im Lauf der Saison offenbar wird.) Wie das aber schon so geschieht, packte gleichzeitig der verbroigte Loibusch die ökonomische Welt der Reinhardtbühnen von einer andern Seite. Hatte er ihn dort zum Mäzen gemacht, so machte er ihn hier zum Schmutzian. In einem Feuilleton »Gruß an Max Reinhardt«, worin ihm als Verdienst angerechnet wurde, daß er sogar bis nach Prag gegangen sei, um sich Schauspieler zu holen, war dem Grüßer eine Wendung entrutscht, die vielleicht auch als Lob der Tatkraft gemeint war, aber eine so bittere Bosheit enthielt, daß der Loibusch am nächsten Tag als Druckfehler verbroigt werden mußte. Wenn er wirklich einer war, so war er einer der besten, die je gemacht wurden, und verbroigte nun den folgenden Loibusch:

(Reinhardt und die Gagen seiner Schauspieler.) In unser Feuilleton vom vorigen Samstag, »Gruß an Max Reinhardt«, hatte sich ein peinlicher Druckfehler eingeschlichen. Es stand dort zu lesen: Andere (seine Schauspieler nämlich) holte er ohne Gage aus seiner eigenen Statisterie. Das sollte selbstverständlich Reinhardt nicht nachgesagt werden, daß er keine Gagen zahle. Der Passus soll richtig heißen: » ... holte er ohne Zahl ...«

»Ohne Zahl« ist natürlich kein Druckfehler für »ohne zu zahlen«, der wäre noch peinlicher. Sollte Herr Reinhardt aber wirklich Statisten ohne Zahl als Schauspieler beschäftigt haben – wie etwa die Zöglinge seiner Schule, die bald nach einer Premiere unter den Namen der Stars auftraten –, und ihnen allen Gage gezahlt haben, so wäre es kein Wunder, daß er schon damals ohne Reingewinn dastand. Man darf aber einen verbroigten Loibusch nicht analysieren und nicht in Ordnung zu bringen suchen, sondern muß ihn nehmen wie er ist, um Freude an ihm zu haben. Druckfehler fördern so sehr die Legende, daß sie das beste Mittel der Aufklärung sind. Sie geben den Erscheinungen erst das Profil. Wenn die Zeitungen bloß den Text richtigstellen wollten, der keine enthält, könnte noch alles gut werden.

Die Cherusker in Krems

Zufolge vertraulicher Angaben hatte der Polizeibezirksleiter von Döbling Erhebungen über Vorgänge im Café Rudolfshof gepflogen. Die Anzeige besagte, daß sich im Jagdstüberl des Cafés unsittliche Vorgänge abspielen, daß sich dort eine unmoralische Stammtischgesellschaft zusammenfinde, der Geschäftsführer Anton W. einen unsittlichen Gummigegenstand herumzeige, daß sich Frauen nackt produzieren und anderes. Infolgedessen war W. vor dem Bezirksgericht Döbling wegen Übertretung gegen die Sittlichkeit angeklagt.

– – Als Zeuge wurde auch der christlichsoziale Bezirksrat Sch. vernommen. Er wurde gefragt, ob er es für möglich halte, daß W. den weiblichen Gästen » laszive Figuren« gezeigt habe. – Zeuge: Nein, er war wohl in seinen Ausdrücken etwas derb, aber so etwas habe ich nie bei ihm gesehen.

Dann marschierten die Stammgäste des Jagdstüberls auf. Sie erzählten von lustigen Unterhaltungen und Zechereien, stellten jedoch unmoralische Begebenheiten in Abrede. Der Stammgast Leopold W. teilte mit, daß sich unter den Stammgästen Abgeordneter ..., Landeshauptmann ..., Landeshauptmannstellvertreter ... und andere Politiker befanden.

Die Friseurin Antonie B. gab aber an, daß ihr W. einmal eine laszive Figur aus Gips gezeigt habe. Sonst wisse sie nichts. Sie habe das für einen harmlosen Scherz angesehen. – Zeugin Kathi K. erzählte: Einmal ist von W. etwas gezeigt worden, was in einer Lade aufbewahrt war. Er machte damals die Lade auf und legte den Gegenstand wieder hinein. Wir haben ihm gesagt, er solle es uns auch zeigen, und da hat er es uns auch gezeigt. – Richter Landesgerichtsrat Dr. R.: Eine Frau soll in die Lade gegriffen und dann zu ihrem Mann gesagt haben: » So, jetzt brauch' ich dich nicht!« – Angekl.: Ich habe damals sofort gesagt: » Das ist eine Gemeinheit, über meine Lade zu gehen!« Das Ding hatte ein Gast einmal vergessen und ich hatte es aufbewahrt. – – Zeugin: Es war in der Lade in Papier eingewickelt. – – Verteidiger Dr. Z.: Erinnern Sie sich, daß eine Frau dann zu ihrem Mann sagte: » Jetzt brauche ich Dich nicht mehr!« – Zeugin: » Ja.« – Dieser Vorfall wird noch von zwei Zeuginnen, Mutter und Tochter, bestätigt. Die Tochter gibt an: Es war damals eine Gesellschaft von der Wieden beisammen. Sie waren in angeheiterter Stimmung. Es waren sehr feine Leute beisammen. Es hat sieh niemand entrüstet. –

Denn nur urtanäre Leute entrüsten sich. Und darüber werden in Wien – bis zum Freispruch – »Erhebungen« gepflogen. Und es sind ganz dieselben Sumper und Biamten, die George Grosz anzeigen und konfiszieren. »Wir haben ihm gesagt, er solle es uns auch zeigen, und da hat er es uns auch gezeigt«, spricht die Wiener Sittlichkeit. Fürs Leben gern sich einmal anstoßen lassen, um hinterdrein Anstoß nehmen zu können. Täter und Kläger aus einem Holz. Eine Zeugen- und Zeuginnenreihe, aus der sich jene gräßlichen Gesellschaften zusammenstellen lassen, die nach einem Flügelhornsolovereinsabend unvermutet ein Kaffeehaus überfluten und zwölf im Nu zusammengerückte Tische besetzen. Von dem Anblick abgesehen, machen Quietschen und Gröhlen jedes fernere Verweilen unmöglich. Die Weiber, vom Humor durchdrungen, gehen zu zweit auf die Toilette, was abermals ein Gaudium bewirkt. Alles ist feuchtfröhlich. Draußen schüttet's natürlich, man ist deshalb gezwungen, das weiter mitzumachen, was aber auch unmöglich ist, denn soeben ist einem das Wort entfahren: »Ah, sie regnet!« Immer weitere Cherusker aus Krems ziehen ein. Zwei Weiber kehren von der Toilette zurück, biegen sich vor Lachen, haben gewiß etwas Gspaßiges draußen gelesen. Die andern sagen, sie sollen es ihnen auch zeigen, und da haben sie es ihnen auch gezeigt. Ein begabter jüngerer Herr hat soeben »Tischlampe – der Schlampen« dekliniert. Die Weiber bekommen Schnackerl, die Männer stoßen auf. Alan hat nicht die Empfindung, in einer Epoche zu leben, in der man schon nach Amerika fliegen kann; wiewohl man es möchte. Die dort kenne ich, es muß jene sein, welche beim Anblick des chauffierenden Negers ausgerufen hat: »Hirst, is dr der am ganzen Kirper schwoaz?« Es sind sehr feine Leute beisammen. Es hat sich niemand entrüstet. Es ist der Menschenschlag, der durch seine Politiker, Beamten, Minister unsere öffentlichen Angelegenheiten, unsere Justiz, unsere Kultur besorgt. Und es ist ein Wunder, wenn sich junge Menschen, die in das so beschaffene Leben hinaustreten sollen, nicht umbringen, ohne daß ihnen in der Schule ein Leid geschah.

Die Thespis

(Der 16jährige Theaterdirektor.) Bevor er wegen Betruges in den Kerker flog, hat der junge Johann Stöger einen Rekord aufgestellt: der eine ist der erfolgreichste Schieber, der andere der gerissenste, aber der Angeklagte von gestern war das Wunderkind dieser prächtigen Gilde. – – Daß dieser Stöger schon mit 15 Jahren ein anerkannt guter Viehhändler war, ist noch nicht seine Meisterleistung, wenn man auch darüber staunen muß, daß ein so grüner Knabe Geschäftsfreunde fand. Daß er aber als Sechzehnjähriger das Stadttheater in Baden pachten und betreiben konnte, ist ein Stück, das zwischen tiefer Tragik und lustiger Operette schwankt. Ein bartloser Junge konnte Verträge abschließen, konnte Existenzen aufbauen oder vernichten, konnte mit den Gemeindevertretungen mehrerer Orte Verhandlungen führen. – –

Soweit so gut, und man muß nur staunen, daß der Bühnenverein es unterlassen hat, Herrn Stöger die moralische Zuverlässigkeit zu bestätigen. Das Neue Wiener Tagblatt aber weiß fortzusetzen:

Stöger war kühner und großzügiger als sie alle. Kaum der Schulpflicht entwachsen, erwarb er schon Geld und damit auch schon die moderne Visitkarte, die alle Türen öffnete, auch die des Theaters. Warum soll man nicht die Thespis zur Geliebten haben können, wenn man sie bezahlen kann? – –

Während es bis heute unaufgeklärt ist, mit wem die Neue Freie Presse, nämlich Herr Salten, den »mythischen Hirten« Proteus verwechselt hat, läßt das Neue Wiener Tagblatt jeden profanen Leser hinter die Kulissen seiner klassischen Bildung gucken, da sofort klar wird, daß hier eine unerlaubte Verbindung zwischen der Thalia und der Themis vor sich gegangen ist. Der Thespis war aber bekanntlich der Erfinder der griechischen Raumbühne, die die Form eines Karrens hatte und von der Gemeinde Athen mit Recht subventioniert wurde. Daß er eine Direktrice war, ist nicht überliefert, und daß er kein Transvestit und überhaupt kein Homosexueller war, geht schon daraus hervor, daß er die griechische und nicht die preußische Tragödie begründet hat. In Berlin mögen immerhin Fälle vorgekommen sein, daß einer die Thespis soutenierte, während der Herr Thalia, der abends als Muse verkleidet ausging, nicht Brot auf Hosen hatte. Wie immer dem sei, so könnte man fragen, warum eigentlich – in Berlin wie in Wien – gerade die Leute, die nichts gelernt und selbst das nicht behalten haben, berufen sind, es einer breiten Öffentlichkeit von Lesern mitzuteilen. Vermutlich mit Recht, da keiner von den Hunderttausenden es bemerkt und in einer Zeit, da Photo, Kino, Radio, Auto und Aëro über die Gehirne flitzen, es wirklich gehupft wie gesprungen ist, ob der oder die Thespis noch mit ihrem Karren daherkommt. Hier eingreifen zu wollen, hieße dem Sisyphus die Arbeit abnehmen, den sie regelmäßig mit dem Tantalus verwechseln, doch auch mit dem Augias, den sie zumeist für den Herkules halten, oder es käme der Füllung des Danaidenfasses gleich, das sie bekanntlich für ein Danaergeschenk ansehen, nämlich für jenes, mit dem der Jupiter die Danae überrascht hat. Da läßt sich gar nichts machen. Man müßte sich denn unterfangen, den Pelion auf den Ossa stülpen zu wollen oder wie einer unserer Burgtheaterkritiker gesagt hat: »den Ida auf die Ossa wälzen« (wobei er ganz gut wußte, daß der Ida keine Kellnerin im Trojanerbeisl ist, sondern der Berg, der in der »Schönen Helena« vorkommt, immerhin jedoch die Ossa für ein mährisches Gewässer zu halten schien). Daß die Penelope so häufig auch für Niobe durchhalten muß, die Circe Rätsel aufgibt, während die Sphinx die leichtere Aufgabe hat, Männer in Schweine zu verwandeln, und daß dementsprechend der Odysseus und der Oedipus Austauschfürsten sind, versteht sich von selbst. Es ist aber auch schon vorgekommen, daß die Xanthippe für das Weib des Sophokles gehalten wurde, und was es zwischen Aristoteles, Aristophanes und Aristides für Möglichkeiten gibt, das ist mehr, als sich die Schulweisheit träumt. Meines Wissens hat es in den Jahren, da ich die Wiener Presse sämtliche griechischen und mythologischen Dinge und Namen verwechseln sehe, nur einen Fall gegeben, wo einer die humanistischen Kenntnisse, die ihm in der überraschend kurzen Zeit von zwei Gymnasialjahren zu erwerben gelang, durchaus bewährt hat. Das war, als im Extrablatt gemeldet wurde, in Fünfhaus sei der achtundachtzigjährige Emanuel Kohn gestorben, »der Nestor unter den Pferdefleischhauern«. Hier lag ganz bestimmt keine Verwechslung mit dem Ulysses vor. Sonst aber bewundere ich die Treffsicherheit, mit der die Wiener Journalisten in ihrer klassischen Bildung, die ohne Zweifel vorhanden ist, immer danebengreifen, und die Unerschrockenheit, mit der sie sich in den Strudel-Strudel hineinstürzen, ohne zu bedenken, daß zwischen Scylla und Charybdis unter anderen Gefahren doch auch die besteht, sie zu verwechseln. Welches Bild der Behutsamkeit, im Vergleich mit diesem ungestümen Walten, offenbarte sich mir einst in einem Gespräch zweier alter Chemnitzer Juden! Ich will nicht mit meiner Ausdauer renommieren, aber ich habe wirklich einige Tage meines Lebens in Chemnitz verbracht. Dort ward mir indes auch die Entschädigung des Augenblicks, den ich gern ums Verweilen gebeten hätte, als ich nämlich im Kaffeehause in einer Debatte, in der die Devisen und Prozente nur so durch die Luft schwirrten, die wohl noch nie gestellte, wichtige Frage hören konnte: »Bitt Sie, sagen Sie mir, was is eigentlich der Unterschied zwischen einer Hiobspost und einem Uriasbrief?« Der andere, überrascht und bestürzt, den Unterschied als erheblich fühlend und die Frage als berechtigt, sagte nach einigem Nachdenken: »Weiß ich?« Es war klar, daß keiner der beiden den Mut hätte, für eine Wiener Zeitung zu schreiben. Aber die jüngere Generation ahnt nicht einmal, daß der Unterschied der zwischen einer Botschaft ist, die dem Empfänger, und einer solchen, die dem Überbringer Unheil bringt, geschweige denn, daß sie wüßte, wer hier der Überbringer und wer dort der Empfänger ist. Zum Glück reduziert sich bei uns das Problem auf die Möglichkeiten, die die Wiener Postverhältnisse bieten. Uriasbriefe werden nicht zugestellt, weil diese Art der Beförderung ein Eingriff in das Regal wäre, und Hiobsposten gelangen nicht an den Adressaten, weil die Post sie befördert. Hin und wieder erhalte ich Briefe einer dritten Sorte, für die aber das alte Testament keine Bezeichnung vorgesehen hat, nämlich solche, die dem Absender Unheil bringen.

Ein Spaßvogel

erster Güte ist doch dieser Bernard Shaw. Da flattert so jeden Monat ein Mot von ihm über den Kontinent, über das sich schon England gebogen hat, und wenn man die Leute fragt, warum sie eigentlich lachen, so wissen sie zu antworten, Bernard Shaw habe wieder einen Witz gemacht. Manchmal schlägt er auch Pirouetten auf der Straße, daß sich die Konstabler kugeln, sooft er zu Falle kommt, und es nachmachen und Briefträger und Milchmänner auch, aber immer sind es Sprünge des Geistes und da kugelt sich die Welt, die noch leichter mitzureißen ist als ein Konstabler. Da mir ein unbeeinflußbares Vorurteil zu eigen ist, befasse ich mich nicht so sehr mit den Dichtungen des Herrn Shaw als mit den Mots, die von ihm im Umlauf sind, und mit den Manifesten, die er von Zeit zu Zeit nach Mitteleuropa schickt, sei es daß er demonstrierende bulgarische Studenten bändigen will, sei es daß er sich darüber zu beklagen hat, daß er für seine guten Witze schlechtes Geld bekommt, und hauptsächlich wenn er seinen Übersetzer Trebitsch gegen den Vorwurf verteidigen will, daß er ihm für sein gutes Englisch schlechtes Deutsch gebe. Aber eben die skeptische Miene, die er vor allem heroischen Geschehen in der Welt- und Geistesgeschichte, ja selbst vor Shakespeare aufsetzt, Herrn Shaw gegenüber und der ihm huldigenden europäischen Geistigkeit zu tragen, wird schon kein Sakrileg sein. Und seit wann wäre es denn ein Beweis gegen den diagnostischen Blick, daß er mit einem Blutstropfen vorlieb nahm, um die ganze Krankheit festzustellen? Man gönne mir meine Vorurteile und man gönne sie noch mehr den von ihnen Betroffenen, für die sie doch ein wahrer Segen sind. Denn wenn ich alles das auch noch kennen lernte, was ich nicht mag, wie würde es da erst mit ihnen ausschauen! Für den besten Witz also, den Herr Shaw in seinem ganzen Leben gemacht hat, halte ich den Trebitsch. Da steckt viel eigene Erfindung drin. Ich bin gewiß ein passionierter Niederreißer, aber halt doch ein armer Teufel in diesem Beruf gegen einen Satiriker, der den Siegfried Trebitsch aufgebaut hat. Er hat kürzlich einen Brief an Herrn Reinhardt drucken lassen, worin nebst diesem nur Johann Sebastian Bach und Trebitsch als deutsches Kulturgut anerkannt waren, und als sich der Berliner Korrespondent des ›Observer‹ über die schlechte Übersetzung der »Johanna« durch Herrn Trebitsch beschwerte, da schrieb er dem Londoner Blatt eine Rehabilitierung des Herrn Trebitsch, die sich gewaschen hat und die er nicht versäumte auch dem Berliner Tageblatt zu übermitteln, welches bereit war, sie »um ihrer humorvollen Fassung willen weiterzugeben«, aus der Herr Shaw ja auch von keinem Konstabler zu bringen ist, der ihn wegen Pirouettenschlagens anhält. Aber die Fassung, die man bei der Lektüre nicht verliert, ist gleichfalls nicht ohne Humor. Man erinnert sich noch der Fülle von Stilproben, die dargeboten wurde, als Herr Trebitsch die ersten Stücke des Herrn Shaw aus dem Englischen in eine ihm gleichfalls fremde Sprache übersetzte, und es wurde damals die Beobachtung gemacht, daß viel Lustigkeit zum englischen Original hinzugekommen sei, was ja die Treue des Autors für den Übersetzer hinlänglich erklären könnte. Ich selbst kann über diese Angelegenheit wieder einmal nicht fachmännisch urteilen, da ich noch weniger englisch verstehe als Herr Trebitsch, was nur dadurch wieder wettgemacht wird, daß ich mehr deutsch kann. Ich tue darum besser, mich an die deutsche Produktion des Herrn Trebitsch zu halten, die auch Herr Shaw gegen die Verkleinerer Trebitschs ins Treffen führt und die er einmal ins Englische zu übersetzen versuchen sollte. Herr Shaw wehrt nun die Vorwürfe des Korrespondenten, daß Trebitschs Muttersprache nicht deutsch sei und daß er ein unzulängliches Deutsch schreibe, mit dem entschieden humorvollen Argument ab, Trebitsch sei in Wien geboren worden und seine Sprache »die Sprache Grillparzers und Raimunds, Schnitzlers und Hofmannsthals«. Den andern Genannten will ich nicht nahetreten, aber merkwürdig, daß mir bei meiner Befassung mit Raimund nie aufgefallen ist, daß er die Sprache Trebitschs geschrieben hat. Wenn ich Trebitsch las, habe ich zwar vielleicht an das Raimundtheater gedacht, aber selbst wenn ich an dieses dachte, ist mir noch nie der Gedanke an Raimund gekommen. Nun meint Herr Shaw, Trebitschs Werke seien, schon bevor ihn dieser zu übersetzen begann, »in Deutschland in vielen Auflagen verbreitet« gewesen. Das wäre jedoch, wenn es wahr ist, weniger ein Beweis für das gute Deutsch Trebitschs als für das schlechte Deutschlands. »Wahrscheinlich hat mein Stil ihn demoralisiert«, scherzt Herr Shaw. Aber er wisse, daß jener »seither zwei Literaturpreise für seine eigenen Leistungen bekommen hat«. Herr Shaw ist Satiriker; wenngleich einer, der nicht spürt, wie sehr er es auch mit der Hinausstellung einer Tatsache ist, mit deren Wahrheit er ihre Ernsthaftigkeit für gegeben hält. Aber selbst wenn ihn seine Ahnungslosigkeit davor bewahrte, zu merken, daß der Dichterruhm des Herrn Trebitsch von der Platzvertretung einer großen Auslandsfirma ins Schlepptau genommen wird, so brauchte er doch, um zu wissen, wie Buchfeuilletons und selbst Literaturpreise zustandekommen, nicht einmal den rührigen Sami Fischer und den würdigen Gregori zu fragen, der ja ein Spezialist des Bauernfeldpreises ist. Offenbar ist in dieser literarischen Welt, in der Herr Shaw als Satiriker dasteht, alles in bester Ordnung und ich habe nur darum noch kein Buchfeuilleton in der Neuen Freien Presse und erst recht keinen Literaturpreis bekommen, weil ich ein schlechteres Deutsch schreibe als Herr Trebitsch. Zu diesem will Herr Shaw, so erklärt er (»alles in allem«), halten, obwohl die Nationalität dieses echten Wieners bisweilen als ungarisch, bisweilen als polnisch »und vielleicht sogar bisweilen als chinesisch angegeben wird«. Ist das nicht überaus humorvoll? Er führt »diese wilden Gerüchte«, die »die Schattenseiten des Ruhms« seien, auf die Ränke der anderen Übersetzer zurück, welche behaupten, besser übersetzen zu können: es seien eben »enttäuschte Rivalen«; und Herr Shaw hat offenbar gar nicht den Wunsch, es mit ihnen zu versuchen, weil er von Trebitsch durch und durch überzeugt ist. Der Korrespondent habe »von einem dieser Enttäuschten sich hinters Licht führen lassen«, und er verzeihe ihm deshalb.

Aber da die Tatsache, daß Herr Trebitsch ein bekannter Wiener Schriftsteller ist, in Deutschland ebenso bekannt ist, wie man in England weiß, daß Thomas Hardy kein Hindu ist, hätte er die Wahrheit seiner Information feststellen müssen, bevor er sie im »Observer« veröffentlichte. Der nächste Schutzmann hätte es ihm sagen können. Herr Shaw kann natürlich seine Übersetzungen anfertigen lassen von wem er will. Aber gar so viel Federlesens brauchte er deshalb mit Herrn Trebitsch nicht zu machen. Er ist darin der echte Literat, daß er die Reichweite der Literaturbegebenheiten überschätzt und wähnt, an den Geschäften, die im Kaffeehaus gemacht werden, oder an der Ware, die im Schaufenster der Buchhandlungen ausliegt, sei die Straße im Innersten beteiligt. Er pirouettiert im Literaturkreise, und die Information, die er selbst hat, nämlich die, daß Herr Trebitsch als bekannter Wiener Schriftsteller in Deutschland bekannt ist, dürfte von Herrn Trebitsch, dem diese Tatsache bekannt ist, herrühren. Ob es auch der nächste Schutzmann in Berlin weiß, möchte ich bezweifeln. Nicht einmal ein Wiener Polizeimann dürfte da verläßliche Auskunft geben. Gewiß sind die Übersetzungen des Herrn Trebitsch ein Literaturkapitel für sich, welches um seiner humorvollen Fassung willen in linguistischen Fachkreisen geschätzt wird, und daß Herr Shaw an ihm einen Narren gefressen hat, ist eine Pirouette der Literatur, die alle fortreißt und sogar die dramatische Karriere des Herrn Trebitsch in Schwung gebracht hat. Aber die Schutzleute intervenieren nur bei Straßenübersetzungen, nicht wenn man sie gegen schlechtes Deutsch zuhilfe ruft; stilistische Exzesse, Zusammenstöße mit der Grammatik, Überschreitungen der Syntax lassen sie unbewegt. Das ist nicht so wie bei den Londoner Konstablers, die literarisch gebildet sind und mittun, wenn ein Satiriker Sprünge macht, gleich einer genügsamen Welt, die sich in solchem Falle bei solchem Falle kugelt.

Fast erraten

Unmöglich kann man von deutschen Männern und insbesondere von dem Publikum, das bei der Resitant verkehrt, verlangen, daß sie wissen, wie der Konjunktiv imperfecti von »erfahren« heißt. Wollte man sie befragen, man erführe es nie, denn es entstünde entweder verlegenes Schweigen oder eine Panik, zunächst weil sie nicht wissen, was man von ihnen haben will und was das eigentlich ist, ein Konjunktiv imperfecti, dann aber würde sich vielleicht doch einer finden, der das weiß, und man erführe es. Also da ist nichts zu wollen. Wenn man aber einen Schriftleiter der ›Wiener Stimmen‹ – und die Schrift muß sich von ihm leiten lassen, wiewohl sie doch lieber ungeleitet nachhause ginge –, wenn man ihn also nicht fragt, nicht verschüchtert, sondern ihn die Schrift leiten läßt, wie er will, so kommt das Folgende heraus:

Man könnte am Wesen des Geldes irre werden, erfähre man nicht, daß –

Man sieht, wie gefährlich diese Dinge sind, und man könnte am Wesen der geleiteten Schrift irre werden, erführe man erst, wie's da zugegangen ist. Da hat wohl einer, der wußte, daß man nicht »erfahrte« sagen kann, aus »erfährt« einen Konjunktiv gemacht, sich aber nicht getraut, ein herzhaftes »erfährte« anzulegen. So ein armer Zeitungsgoi schlägt sich schlecht und recht durch die Fährlichkeiten der deutschen Grammatik, mit denen jüdischer Wagemut es leichter aufnimmt. Fast erraten hat ers ja. Und hälte er sich an der Stange, läße er sich von der Schrift leiten, so erräte ers ganz und gar. Freilich, fräge er, schläge es noch glücklicher aus. Das kommt aber davon, daß diese Leute, gepültet wie sie sind, nicht schreiben können, wie ihnen der Schnabel wächst, sondern, im Sinne Nestroys, nur, wie er ihnen wuchs. Wüchse er aber so, wie sie schreiben, so wächse er und wäre noch lieblicher anzuschauen. Die Wendung »wenn man erfahren würde« ist nicht schön, aber den Bedürfnissen der Strozzigasse schließlich angepaßt. Nein, sie müssen sich in ein Gedränge einlassen, und ich habe das Nachsehn. Fürwahr, wenn ich mich an solchen Dingen nicht stöße, sie leichter erträge oder sie mir gar nicht auffällen, ich häbe bei den Deutschen, unter denen ich lebe, mehr Ansehen als deutscher Schriftsteller, dem heute bloß die Aufgabe zugewiesen ist, die Schrift, die andere geleitet haben und zwar irre, zu stellen und zwar richtig.

Jung is er halt!

Ein Unterrichtsminister, stelle ich mir vor, ist einer, der noch mehr Deutsch kann als ein Gymnasialprofessor, der darin wieder den Schüler übertreffen muß. Aber man täuscht sich oft. Genötigt, einen Aufsatz über das Thema »Musik- und Theaterfest« – was allerdings schwer ist – zu liefern, ward er, ungestüm wie er ist, in die folgende Affäre verstrickt:

– – ich verweise auf die bedeutungsvolle Aufführung von in unserer Zeit fast unbekannten Glucks Meisterballett »Don Juan« in unserer Staatsoper – –

So hineinzutreten! Hätte er den Satz vor dreißig Jahren geschrieben, er wäre nicht zum Unterrichtsminister aufgestiegen. Nun, ohne Kopfzerbrechen ist es gewiß nicht abgegangen. Da stand wohl zuerst:

– – Aufführung des in unserer Zeit fast unbekannten Glucks Meisterballett – –

Unmöglich! Zurück! Also:

– – vom in unserer Zeit fast unbekannten Meisterballett Glucks »Don Juan« – –

Zurück! Vielleicht:

– – von in unserer Zeit fast unbekanntem Glucks – –

Aber!

– – von in unserer Zeit fast unbekannten – – von Gluck – Gluck – Gluck –

Setzen! Also wie denn? Ich würde für gottbehüte künftige Musik- und Theaterfeste empfehlen:

– – von Glucks in unserer Zeit fast unbekanntem Meisterballett »Don Juan« – –

oder:

– – des in unserer Zeit fast unbekannten Meisterballetts »Don Juan« von Gluck – –

Aber wenn ich Unterrichtsminister wäre und hätte schon das Malheur gehabt, so würde ich fleißig den Unterricht inspizieren gehn, weil vielleicht doch etwas hängen bleibt. Es kann ja noch alles gut werden. Eine vortreffliche Leserin erinnert mich daran, daß ich einst in einer Glosse den Einspännerkutscher, dessen Pferd in ein Schaufenster eindrang, die alle Beteiligten durchaus beruhigenden und den Vorfall erledigenden Worte sprechen ließ: »Jung is er halt!«

Warum vadient der Jude schneller und mehr Jeld als der Christ

Die Wiener Hakenkreuzlerzeitung ist meine Sonntagsfreude, ich schau' immer nach, wie's mit den Schweißfüßen geht, bin aber auch schon zufrieden, wenn ich nur sehe, wie den analogen Versfüßen geholfen wird. Etwa in einem Trutzgesang unter dem Titel »§ 144«:

Einhundertvierundvierzig heißt
der Paragraph der Mutter,
an dem Begierde zerrt und reißt
und wütend, doch vergeblich, beißt ...
Der Paragraph bleibt stehen,
Mag Juda noch so krähen!

Die letzten Schranken möchten sie
dem Arier entreißen.

Doch nur gemach! Die Zeit kommt nie!
Trotz allem Schmutz- und Schweinevieh!
Eh' wird die Welt vergehen!
Der Paragraph bleibt stehen!

Für Leute, die in geiler Lust
den Zweck des Lebens sehen,
sollt' unser deutsches Volk sich stumm
entwickeln hin zum Dirnentum?
Im Sumpf zugrunde gehen?
– Der Paragraph bleibt stehen!

Heran, herbei, was deutscher Art!
Sie greifen nach der Mutter!
Gewehr bei Fuß! Wir halten Wacht!
Wir dulden diese Purimsnacht
niemals! Ihr sollt es sehen!
– Der Paragraph bleibt stehen!

Spationiert sind im Original nur »Purim«, »Mutter« und »Die«, aber Vollklang hat alles. Jede Zeile ein Ramsauer. Daß der § 144, der die deutsche Frau eine »Frauensperson« nennt, die letzte Schranke des Ariers vorstellt, ist der neue Gedanke. Offenbar ist gemeint, daß die Juden, die gar nicht daran denken, im Schoße der eigenen Familie Abtreibungen zu begehen, sondern fruchtbar sein und sich vermehren wollen, bloß nach der arischen Mutter greifen und den § 144 ausschließlich zur Verhinderung des bodenständigen Nachwuchses abschaffen möchten. Wenn er durch jüdische List fiele, so würden die Germaninnen offenbar gezwungen sein, keine Kinder zur Welt bringen, was Wodan verhüten möge. Nicht so klar ist der Zusammenhang der Purimsnacht mit der Agitation für die Aufhebung des § 144. Das Purimfest dient dem Gedenken der Juden an die Rettung von ihrer durch Haman geplanten Vertilgung, während sie selbst doch durch die Abschaffung des § 144 die Vertilgung der Arier planen, so daß eigentlich diese, wenn ihnen dereinst mit Hilfe eines Mardochai und einer Thusnelda die Rettung gelingen sollte, ein diesbezügliches Purim feiern müßten. Wenn sie Gewehr bei Fuß halten, wird ja alles gut ausgehen, bis dahin mag getrost manch ein Trutzgesang mit einem mehr gemütlichen Liedchen abwechseln, wie etwa diesem:

»Mostschädl.«

(Oberösterreichisch.)

Der mih »Mostschädl« hoaßt,
Der beleidingt nöt mi.
Weil i wirklön, wias wißts,
A Mostschädl bi(n).

Wann a Most drinnat is,
Is a dena nöt lahr ...
I tauschat mit koan'.
Wo a Stroh drinnat war'.

Was aber würde der Dichter (der übrigens die rührende Gewissenhaftigkeit hat, gerade das »bi« durch ein eingeklammertes n zu erläutern) was würde er für ein Gedicht machen, wenn ihn einer zufällig nicht Mostschädl, sondern Strohschädl genannt hätte? Ist dies nun die oberösterreichische Tonart, so scheint die folgende Annonce:

! Arier heraus!

Zur Gründung eines neuen Unternehmens, neuzeitlich, gewinnbringend, leichte Arbeit, Kapital zirka 100 Millionen, eventuell Gründung einer Genossenschaft. Rascher Entschluß, ehe Jude vorgreift. Unter »Massenartikel 1822« an die Verw. d. Bl.

mehr Steirers letzten Versuch darzustellen. In den Rassenbelangen charakteristisch ist wohl die Furcht, daß Jude vorgreifen könnte. Es wird ja mit jedem Tag, den Odin die Sonne scheinen läßt, klarer, daß das germanische Ideal (wie auch das christlich-germanische) eine Verdrängung der jüdischen Schmutzkonkurrenz bedeutet. Bei meinem letzten Berliner Aufenthalt genoß ich in der Friedrichstraße eine Viertelstunde lang, ich konnte mich nicht satt hören, die Melodie, mit der ein unverfälscht germanisches Zeitungsweib den ›Fridericus‹ anbot: »Die neieste Nummaa – warumva dient der Jude schnellerund mehr Jeld als der Christ« »Die neieste Nummaa – warumva dient der Jude schnellerund mehr Jeld als der Christ«. Nicht einen Groschen hat sie verdient, während sich daneben alles um ein Schweineblatt riß, das Enthüllungen über eine »Killekillekammer« brachte und über die Transvestiten im »Mikadoo« (zu welchem Namen für ein Berliner Lokal mir die Erklärung »Aha – Mann darin!« einfiel). Nicht einen Groschen hat sie verdient, und als ich nach zwei Stunden wiederkam, bewegte sich noch immer ein Neidmaul, das zum Symbol ungestillter arischer Sehnsucht erstarrt war: » Warumva dient der Jude schnellerund mehr Jeld als der Christ«. Niemand begehrte es zu wissen, jeder nahm die Tatsache als gegeben hin und manche erkannten mitfühlend den Drang, der sich rasch entschließen möchte, ehe Jude vorgreift, nichts anderes will als was dieser will, nämlich Geld verdienen, aber von der Natur durch jene Schranke gehindert ist, die die Juden dem Arier um alles in der Welt nicht entreißen möchten, durch den Stolz, der in den Worten des Dichters zum Ausdruck kommt:

Weil i wirklön, wias wißts,
A Mostschädl bi(n).


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