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Familie Überle.

Da ist nun die Depesche, Klara! Sie werden gegen Abend einlaufen. Es ist doch alles bereit?«

Herr Fritz Überle, Großkaufmann in Yokohama, sah seiner Frau sorgenvoll in die Augen. Die lachte und zupfte ihn am Bart.

»Wofür hättest du denn eine so fixe Hausfrau wie mich? Ich sollte den Zweifel übelnehmen, Herr Fritz Überle!«

»Darf ich nicht fragen, Klärchen?« Er tat erschrocken. »Ich möchte es doch dem alten Rümelin so schön als möglich machen. Wenn ich dran denke, wie wir zusammen die Bänke im Gymnasium in der Kronprinzenstraße in Stuttgart abrutschten! Es war eine feine Zeit. Was wird's alles zu erzählen geben!« Seine Augen leuchteten. »Ich möchte mein altes Stuttgart gar zu gern mal wiedersehen!«

»Kommt auch noch, Fritzle; wart nur, wenn erst die drei Süßen heranwachsen!« Frau Klärchen Überle war Norddeutsche, nannte ihren Mann aber so in weichen Stunden, obgleich der Diminutiv bei seiner stattlichen, hochgewachsenen Gestalt fast komisch wirkte. Ihn aber mahnte er an die Kindertage und die Mutterstimme und war ihm darum lieb.

»Wo sind die Süßen?« fragte er. Zugleich trippelte es über die Verandastufen herauf und kicherte. Er brauchte keine Antwort.

Drei niedliche kleine Mädchen von fünf, vier und zwei Jahren erschienen, alle mit den Veilchenaugen der Mutter und den lichtbraunen Haaren, die Wänglein wie Pfirsichblüte und Gesichter so hell wie der Sonnentag. Die zwei älteren führten die kleine Schwester sorgsam mütterlich. Jetzt da sie den Vater sahen, ließen sie los. Plumps lag die kleine Person auf dem Boden und verzog das Gesicht kläglich zum Weinen.

Ehe es aber dazu kam, hatte die Mutter ihre Jüngste schon auf dem Arm. »Maiblümchen, Schneeglöckchen,« zankte sie, »schämt ihr euch nicht, Kleinchen so im Stich zu lassen?«

Maiblümchen und Schneeglöckchen aber sahen die kleine Schwester wohlgeborgen im Mutterarm. So grämten sie sich nicht weiter. Jauchzend drängten sie sich an den Vater.

»Mich dich zuerst sehen haben,« lispelte Schneeglöckchen.

»Nein, ich,« stritt das um ein Jahr ältere und um so viel in der Grammatik vorgeschrittenere Maiglöckchen.

Herr Fritz Überle hob die beiden kleinen Mädchen hoch und lachte plötzlich seine Frau an. »Was die Rümelins zu den Blumennamen sagen werden?«

»Dafür sind wir im Lande der Blumen, wo jedes weibliche Wesen einen solchen trägt, sogar die alten Weiber. Da können sich unsere Blümlein doch sehen lassen!«

Leuchtender Mutterstolz lag in Frau Klaras Blick. »Hier, sag der kleinen Iris auch guten Tag, Fritzle. Sie verdient's nicht weniger.«

Herr Fritz Überle tat wie ihm geheißen war, und sah dann seine Frau an. »Gut ist's aber doch, daß sie für den Hausgebrauch späterhin noch Reservenamen haben. ›Hilde‹, ›Trude‹ und ›Lisel‹ werden für Stuttgart gangbarere Münze sein, wenn wir erst dort sind.«

Sie schmiegte sich an ihn mit der kleinen Iris im Arm. »Möchten wir's erleben, Fritz!«

Herr Überle nickte seiner Frau zu. Es war ein herzerfreuendes Bild. Herzerfreuend war auch der Rahmen. Aus ernstem, dunklem Kryptomeriengrün leuchtete um so froher das weiße, viereckige Haus mit seinen Veranden und Loggien. Rosen kletterten über die beiden Geschosse hin bis zum Dach. Ihre purpurnen, weißen, rosa und gelben Blütenbüschel nickten und winkten von allen Ecken und Enden, dazwischen der Glyzinen lila und weiße Dolden in märchenhafter Fülle.

Zauberisch war auch die Rosenfülle im Garten, rings um das rosenbedeckte Haus. Davor Felder mit Päonien in allen Farbentönen, große Gruppen von schlanken Lilien, mit Kelchen von außerordentlicher Größe; hier weiße, ein breites goldenes Band über jedes Blatt gelegt, dort rosig überhauchte, von purpurnen Punkten überstreut. Und Iris in Massen, auf schwankem Stengel hier, niedrig gedrungene da, alle mit Blumen bedeckt, tellergroß und leuchtend an Farben. Rankende Winden dazwischen, wo es nur etwas zum Anklammern gab, hoch ins Geäst der Kryptomerien hinein und von einer zur anderen gespannt. Ein Gewinde von Blüten von Baum zu Baum.

Wie ein Zaubermärchen wirkte auch das, was man von der Veranda überschauen konnte. Der Garten auf einer breiten Felsenterrasse gelagert, die steil nach der See zu abfällt. Ihren Fuß umspülen die Wasser der Bucht von Tokio. Diese Felsenterrasse heißt der »Bluff«, und hier wohnen die meisten der in Yokohama lebenden Europäer.

Der Blick über die Bucht von Tokio ist unbeschreiblich schön. Malerisch geformte Felsen und langgestreckte, waldbestandene Höhenzüge umgeben sie. Ihr tiefblaues Wasser ist wie mit Edelsteinen von kleinen grünen Eilanden überstreut, aus denen kleine Tempelchen, zierliche helle Häuschen in Blumenmassen aufleuchten. Zwischen diesen Inseln hin ziehen stolze Kriegsschiffe, Handelsfahrer aller Nationen, Segel- und Ruderboote ihre Bahn, dem Hafen von Yokohama zu, wo ein wahrer Mastenwald aufragt.

Was dem Bild aber vor allem Charakter und Gepräge gibt, ist der gewaltige Bergriese, der wuchtig und breit im Hintergrund der Bucht gelagert ist. Wogende Saatfelder beziehen seine Seiten wie mit einem saftgrünen Teppich, ein Kranz von dunklem Nadelholz gürtet seine Lenden. Aber hochauf ragt sein von ewigem Schnee gekröntes Haupt in den strahlend blauen Himmel. Es ist der Fudschiyama, der heilige Berg der Japaner, das Wahrzeichen des Landes, der Stolz und die Sehnsucht jedes Landeskindes.

Eine unwahrscheinlich klare, wunderbar milde Luft liegt über allem, und darüber strahlt in ihrem goldensten Glanz die Sonne Japans, die nirgendwo sonst so herrlich zu strahlen scheint wie eben hier in diesem Sonnen- und Blumenlande.

Herr Fritz Überle stand, auf jedem Arm ein kleines Mädchen, die Frau mit dem Jüngsten dicht an ihn geschmiegt, und überschaute dies Bild. Er tat es heute gleichsam mit den Augen des nahenden Freundes, dem diese Zauberwelt zu zeigen er stolz war.

»Was er sagen wird, Klärchen? So schön denkt sich doch niemand dies Land!«

»Ist's schöner als dein Schwabenländle?« neckte Frau Klärchen.

»An die Heimat reicht nichts hinan,« sagte er und sah mit verträumtem Blick in die Ferne. »Die wird mit keinem Maßstab gemessen.«

Vom Haus her kamen zwei Dienerinnen, wie niedliche kleine Mädchen anzusehen: alle Japanerinnen sind zierlich wie Kinder. Ihre Kimono, so heißt das Nationalobergewand, umschmiegten sie dicht. Es leuchteten ihre freundlichen Gesichter mit den Schlitzäuglein; es leuchteten und blitzten die Nadeln, in ihren hochgesteckten, sorgfältig frisierten, kohlschwarzen Haaren. Vor der Herrschaft neigten sie den Oberkörper, daß die Stirn fast den Boden berührte. Eine Alte folgte hinter ihnen. Deren Kimono war dunkelgrau und ihr Gesicht zeigte einen finsteren Zug, etwas Seltenes bei einer Japanerin, die von Kind auf gelehrt wird, eine frohe Miene zu zeigen, wie ihr auch innerlich zumute sein mag. Lächelnd Schmerzen des Körpers oder der Seele zu leiden, ist in Japan die erste Lebensregel. Knaben und Mädchen werden danach erzogen und üben sie.

»Sie rufen uns zu Tisch, Fritz,« sagte Frau Klara. »Wir wollen schnell essen, danach kannst du selbst noch die Gastzimmer inspizieren und sehen, ob alles in Ordnung ist. Dann werden wir wohl an den Hafen gehen müssen. Man kann niemals genau sagen, wann ein Schiff einläuft.«

Schneeglöckchen und Maiblümchen waren jubelnd auf die zwei jungen Dienerinnen zugeeilt. Die Graue trat zu Frau Klara heran, der sie die kleine Iris vom Arm nahm. Es lag etwas Zögerndes in der Art, wie Frau Klara ihr die Kleine überließ, etwas Forschendes in dem Blick, womit sie die Alte ansah. Unwillkürlich machte sie auch einen Schritt hinterher, als dann die Alte mit dem Kind im Arm, so rasch sie konnte, davontrippelte. Schneeglöckchen und Maiblümchen haschten sich noch mit den beiden jungen Dienerinnen in den Päonien und Lilienfeldern unter der Terrasse. Wie große Falter gaukelten sie zwischen den Blumen dahin.

Frau Klara besann sich, wandte sich ihrem Mann zu und legte die Hand auf seinen Arm. »Ich weiß nicht, Fritzle, die alte Sada gefällt mir gar nicht mehr. Sie hat so etwas Finsteres und Lauerndes angenommen. Früher hatte sie das nicht. Ich lasse ihr das Kind nur mit Sorge.«

»Hast du sonst irgend einen Grund zur Klage, Klara?«

»Keinen, Fritz. Sie hängt sogar mit großer Liebe an der Kleinen und versorgt sie musterhaft; nur – bloß –«

»Also nur Vermutungen?«

Da lachte sie ihn an. »Hast recht, Fritzle! Es ist eigentlich recht undankbar von mir, wenn ich bedenke, wie die alte Frau das Kind im ersten Jahr gepflegt hat, da es so zart war. Und die Sonne scheint so herrlich, Fritzle! Ein Tor, der Grillen fängt! Rasch zu Tisch!«

Als Herr Fritz Überle und Frau Klara dann am Kai anlangten, war gerade die »Darmstadt« signalisiert worden und kam jetzt in Sicht.

Schneeglöckchen und Maiblümchen eilten jubelnd auf die zwei jungen Dienerinnen zu.

»Ich denke, wir nehmen ein Boot, Klara; ich möchte die Freunde schon an Bord begrüßen. Du weißt, die großen Schiffe gehen weit draußen im Hafen vor Anker.«

Frau Klara stimmte zu. So fuhren sie den Freunden entgegen. In der merkwürdig klaren Luft ließ sich auf weite Entfernung alles erkennen. Dazu der strahlende Sonnenschein. Das fremde Land zeigte sich in seinem besten Licht.

»Ich wette, daß ich sie sehe,« sagte Frau Klara.

»Du kennst sie ja gar nicht, Schatz!« Herr Überle lachte. »Wetten, Fritzle? Das lustige Schelmengesicht dort kann niemand anders sein als die Ruth; so hat sie ihr Vater beschrieben. Und das ist er selber, natürlich. Lehr mich doch meine Schwaben kennen! Wofür hätt' ich denn einen vom reinsten Wasser? Die blonde Dame an seiner Seite ist Frau Rümelin; sie gefällt mir. Aber der Backfisch ist zu niedlich! Sieh nur, wie die Ruth zappelt; alles an ihr fiebert dem Neuen entgegen. Wie sie lacht und wie die Augen leuchten! Ich freu' mich auf das Kind, Fritzle!«

Er lachte gutmütig. »Wenn du nur nicht daneben haust, Fraule! Das kann ja ein ganz fremdes Mädel sein, das uns gar nichts angeht.«

»Unsinn, Fritzle! Mach doch erst mal die Augen auf, dann wirst du deinen Freund schon erkennen. Da – da sieh, jetzt winkt er! Hab' ich's nicht gesagt?« Frau Klara triumphierte.

Er kniff sie in den Arm. »Freu' dich über deine hellen Augen und lache einen armen Kurzsichtigen nicht aus! Aber das ist er! Jetzt seh' ich ihn auch. Rümelin! He, R–ü–m–e–l–i–n!« Er hatte die Hände als Schalltrichter an den Mund gesetzt, und sein Ruf schallte wie ein Posaunenton übers Wasser.

Vom Schiff her antwortete es mit derselben Stentorstimme: »Überle! Überle!« Nun war man auf zwanzig Meter etwa heran. Das war ein Grüßen und Winken, ein Rufen und Jubeln! Wer Bekannte und Freunde traf, hatte Grund dazu, und die allein waren, trieb die Freude, endlich am Ziel zu sein. Die Wochen an Bord waren ja sicher schön gewesen; man hatte sie sehr genossen. Aber wenn man auch gern zusammen war, lieber noch ging man auseinander, dem Ziele zu. Man hatte sich schon fast voneinander losgelöst. Jeder war mit sich und dem beschäftigt, was ihn betraf. Man war nur noch räumlich geeint, und gleich mußte auch das vorüber sein.

Eben fiel der Anker mit Rasseln und Klirren. Die Reise war zu Ende.

Im Nu lagen eine Masse von Sampanen, kleinen japanischen Ruderbooten, an der Seite der »Darmstadt«, bald war ihr Deck von gelben Leuten überschwemmt, alles Japaner, die gekommen waren, Geschäfte aller Art zu machen, Hotels zu empfehlen und dergleichen. Sie verneigten sich tief und zogen die Luft hörbar mit eigentümlichem Schlürflaut ein, eine sonderbare Begrüßungsart mancher Japaner. Sie verteilten die mitgebrachten Reklamezettel und ließen sich das sehr angelegen sein.

Ruth Rümelin, die bis dahin halben Leibs über die Reling gebeugt eifrig gewinkt hatte – sie war ganz richtig von Frau Klara erkannt worden –, sah mit großen, vergnügten Augen auf die höflichen kleinen Gelben. So also sahen die Bewohner dieses wunderschönen Landes aus? Ruth hatte die Einfahrt in die Bucht unbeschreiblich gefunden, hatte dem Fudschiyama zugejubelt, als er in seiner hehren Majestät auftauchte, und gemeint, so schön könne es nirgends sonst sein.

Und so also sahen die aus, die in diesem schönen Land geboren waren? Ruth lachte in sich hinein. Da wurden ja mit einem Male alle die Bilder lebendig aus den Büchern über Japan, die sie vor ihrem Weggang aus Stuttgart als Reisevorbereitung gelesen hatte! Ein ander Ding aber ist es, Bilder sehen und Menschen mit Fleisch und Blut. Ruth stand und staunte. Als ihr nun auch Zettel von den kleinen Gelben in die Hand gesteckt wurden und jedesmal ein tiefer Bückling ihr besonders galt, zuckte der Schelm ihr aus den Augen und sie dienerte ebenfalls nach allen Seiten. Den Schlürflaut nachzuahmen, gab sie nach einigen schwachen Versuchen auf. Das war einstweilen noch zu japanisch. Sie hatte darüber die nahenden Freunde vergessen.

»Ruth,« sagte da der Vater mit einem Male dicht neben ihr und seine Stimme war sehr ernst, »du wirst immer daran denken, daß im fremden Land fremde Sitten uns heilig sein sollen?«

Ruth sah ihn fast erschrocken an. »Ich – ich – höflich muß man doch sein, Vaterle. Nicht? Aber ich tu's nie wieder, Vaterle. Es war nur so komisch!«

Er nickte. »Ich verlaß mich auf meine Tochter! Und nun nimm Abschied von den Reisegenossen, Ruth; unsere Freunde müssen gleich da sein.«

Geraume Weile schon war das Abschiednehmen unter der Schiffsgesellschaft vor sich gegangen. Man hatte kaum mehr Zeit dazu. Aber Ruth hörte doch noch viel Freundliches und gab es zurück.

Der Kommerzienrat drückte ihr die Schachtel in die Hand, die sie damals beim Spiel zurückgewiesen hatte. »Hier, mein Fräulein, Ihr Papa hat es erlaubt. Und denken Sie zuweilen an den Brummbär, bitte.« Damit war er weg und Ruth sah ihm verblüfft nach. Zeit zum Danken hatte sie nicht.

»Alle laufen davon, als ob's brennte! Als ob sie jetzt in einer Minute nachholen müßten, was sie in all diesen Wochen versäumt haben! Das sah erst aus, als ob wir die dicksten Freunde geworden wären, und nun? Ich finde das schmählich, Mutterle.« Kläglich sagte sie's und sah dazu die Mutter beweglich an.

Die antwortete: »Wer zuviel erwartet, ist immer enttäuscht, Kind. Sie haben uns gegeben, was sie zu geben hatten, während der Reise. Jetzt kommt es anders. Wir machen es genau so. Sieh, dort sind schon Vaters Freunde. Zeige ihnen ein helles Gesicht!«

Es hätte Mutters Mahnung nicht bedurft. Ein ganzer Sonnenschein lag auf Ruths Gesicht, als sie den Nahenden entgegeneilte, geradeswegs in Frau Klaras Arme.

Über die Schulter sah diese nach ihrem Mann. »Hab' ich's nicht gesagt, Fritzle?«

»Ja, ihr Frauen seid halt Neunmalgescheite, gelt, Rümelin? Und jetzt laß dich ansehen, Mensch! Wirklich noch ganz der Alte!«

Dann verabschiedeten sich die Rümelin vom Kapitän, von den Offizieren und wer noch von Passagieren anwesend war, und stiegen schnell mit den Freunden in deren Boot.

»Und jetzt zur fremden Welt!« jubelte Ruth. »Ich kann's kaum mehr erwarten!«

Keinen Blick hatte sie mehr für das Schiff, das sie treulich zum sicheren Port getragen, keinen Blick für das Grüßen und Winken, das ihr von dort folgte, keinen Blick auch für ihren alten Petersen, der ihr zu Ehren ein ganz ungehöriges Wimpelchen vom Mastkorb flattern ließ. Hätte es der Kapitän gesehen, es hätte eine tüchtige Nase gesetzt; aber das alles nahm der alte Petersen auf sich für seine junge Freundin. Und die hatte keinen Blick dafür! War es Ruth Rümelin gewesen, die sich noch ganz kurz zuvor über die Achtlosigkeit der anderen beklagt hatte?

Die Rümelin fuhren also dem Lande ihrer Bestimmung zu. Ruth sah mit leuchtenden Augen um sich. »So hätte ich's mir nicht gedacht! So was läßt sich gar nicht ausdenken; was Vaterle, Mutterle?«

»Ja, es ist ganz unglaublich schön, das blaue Wasser, die Inseln, die Felsen und Waldberge rings, der weiße Riese dort im Hintergrund und dieser blaue Himmel, diese Sonne über allem!« So sagte die Frau Regierungsrat und ihr Gatte nickte.

»Ein gesegnetes, schönes Land! Das Schönste aber ist, von so lieben Menschen empfangen zu werden,« sagte er und streckte den Überle beide Hände hin, in die sie zum wer weiß wie vielten Male einschlugen.

Jetzt landete man.

»Was wollen die da?« fragte Ruth und wies auf eine Anzahl kleiner zweirädriger Wägelchen, zwischen deren Deichseln Männer mit pilzförmigen Hüten in blauen Hosen und Jacken standen, sichtlich bereit, das Vehikel zu ziehen. Auf dem Rücken hatten die Männer große weiße Nummern aufgenäht.

»Sind sie, was man bei uns Packträger nennt?« fragte Ruth.

»Sie sind, was man bei uns Droschken nennt.« Frau Klara lachte.

»Das wäre!« rief Ruth und das Blut stieg ihr ins Gesicht. »Ich werde mich doch nicht von einem Mitmenschen fahren lassen sollen? Menschen sind keine Zugtiere! Das ist ja noch schlimmer, als wenn sie bei uns zu Hause die Hunde einspannen. Was sagst du dazu, Vaterle?«

»Ländlich, sittlich, Ruth. Frage einmal, was der Japaner sagt, daß ich hier meinem Fräulein Tochter in den Rickscha helfe.«

»Daß du ein nettes Vaterle bist, natürlich doch! Und Rickscha heißt das Dings da?«

Mißtrauisch betrachtete Ruth den Karren, worauf sie jetzt saß, mißtrauischer aber noch den kleinen gelben Mann, der zwischen den Deichseln stand und ihr freundlich grinsend das Gesicht zuwandte. Seine Schlitzäuglein funkelten dabei sehr lustig.

»Rickscha oder Kuruma sagen die Japaner,« beantwortete Herr Überle Ruths Frage. »Und wenige japanische Väter würden ihrer Tochter helfen, Fräulein Ruth, wenige Ehemänner ihrer Frau. Die Frauen müssen großenteils hierzulande sehen, wie sie allein fertig werden. Galanterie kennt der Japaner kaum, fängt erst allmählich an, sie durch die Europäer kennen zu lernen.«

»Schmählich,« rief Ruth. »Aber sagen Sie mal, Herr Überle, das sieht ja ganz aus wie bei uns zu Hause! Dafür hätten wir nicht über all das viele Wasser zu schwimmen brauchen.«

Es war der durchaus europäische Eindruck, den Yokohama bei der Ankunft auf jeden machen muß, der Ruth so enttäuschte. Der japanische Teil der Stadt liegt fern vom Hafen.

Yokohama war, als es vor fünfzig Jahren etwa von der japanischen Regierung den Europäern überlassen wurde, ein winziges Fischerdorf. Jetzt ist es eine Großstadt, der wichtigste Knotenpunkt für den Handel des Auslands mit dem Reich des Mikado. Es liegt auf einer flachen Insel und ist durch den eleganten Boulevard Nipon o dori in zwei Teile gespalten, den japanischen und den europäischen. Am Festland, auf den nach der Bucht zu steil abfallenden Felsenriffen, liegt der »Bluff«, den wir schon kennen.

Dorthin, den Nipon o dori entlang, fuhren jetzt die Rümelin und ihre Freunde. Ruth riß die Augen auf, überall europäische Firmenschilder, europäische Namen, Läden mit Auslagen zu sehen, wie man sie in jeder großen Stadt daheim findet.

»Wir könnten ebensogut in der Königstraße in Stuttgart sein,« schmollte sie. Dabei kam ihr eine Erinnerung; sie wandte den Kopf. »Sind Briefe für uns da?«

»Kaum denkbar,« antwortete Herr Überle, »da Sie ja doch selbst so schnell als möglich gereist sind. Lenkbare Luftschiffe, die solche Entfernungen schneller durchmessen, sind bekanntlich noch nicht erfunden. Übrigens werde ich in der Post nachfragen lassen.«

»Danke sehr,« sagte Ruth. »Ich erwarte nämlich Briefe von Leni, wissen Sie.«

»Leni ist wohl die Herzensfreundin?« fragte Herr Überle neckend. »Das ist allerdings sehr wichtig.«

Ruth nickte nur ernst. Für diesmal merkte sie den Scherz gar nicht.

Frau Rümelin hatte Ruths Frage gehört. »Mich drängt's mehr, von meinen Buben zu hören. Ich wäre Ihnen für die Nachfrage sehr dankbar, lieber Freund.«

»Wird sofort besorgt werden; verlassen Sie sich darauf!«

Nun kam der steile Aufstieg zum »Bluff«.

»Fahren Sie doch ein bissel langsam,« rief Ruth ihrem Führer zu, der sehr keuchte und schwitzte.

Er nahm es für eine Aufforderung, schneller zu laufen, und setzte sich in Trab. Da faßte ihn Ruth an seiner Jacke und zerrte aus Leibeskräften dran zurück. Diese Sprache verstand der Mann. Gleich fiel er in den Schritt zurück und grinste Ruth über die Achsel an. Diese lachte zu Frau Überle hinüber, die dicht hinter ihr kam: »Sehen Sie, wie ich Japanisch verstehe!«

Jetzt hatte man die Höhe erreicht und fuhr oben zwischen den einzelnen Besitzungen dahin. Es waren schöne, stattliche Häuser in schöneren Gärten. Die Rümelin waren entzückt, besonders als man jetzt vor dem Hause der Wirte hielt. Sie konnten sich nicht satt sehen.

»Wie im Paradies!« sagte Ruth, und die Mutter nickte. »Die Blumen, sieh doch nur die vielen Blumen!«

»Dafür sind Sie im Blumenlande, bitte ich zu bedenken,« rief Frau Klara vergnügt. »Hier kommen aber unsere lebendigen Blümlein, die lieben Gäste zu begrüßen.«

Das galt den Kindern, die eben über die Veranda herunter trippelten. Zugleich mit den Kindern kam eine Schar von Dienerinnen, alle in ihren hellfarbigen, meistens großgemusterten Kimonos, mit den wohlfrisierten Köpfen. Eilfertig kamen sie heran, mit strahlend freundlichen Gesichtern. Sie neigten sich tief und ehrfurchtsvoll vor den Fremden, beluden sich mit dem Gepäck und trugen dies ins Haus. Die Rümelin sahen ihnen nach. Diese ersten Japanerinnen machten einen guten Eindruck und gefielen ihnen sehr.

»So was laß ich mir gefallen,« rief der Herr Regierungsrat wohlgelaunt. »Davor können sich unsere weiblichen dienenden Geister zu Hause in einen Winkel verkriechen.«

»Wie im Theater!« Ruth lachte. »So was, nein, so was!«

»Ja, unsere Nesan sind nett,« sagte Herr Überle, »aber –« Weiter kam er nicht. Die kleinen Mädchen waren beim Anblick der fremden Gäste erst etwas scheu stehen geblieben. Die Mama hatte ihnen gewinkt; da flogen sie ihr jubelnd in die Arme. Auch die kleine Iris kam diesmal ungefährdet über die Stufen. Mama umfaßte alle drei und wandte ihr leuchtendes Gesicht den Freunden zu. »Was sagen Sie zu meinen Blumenkindern? Hier Maiblümchen, hier Schneeglöckchen, und das die kleine Iris!« Erwartungsvoll sah sie auf die Freunde; auch Vater Überle trat heran.

Sie konnten beide mit der Wirkung zufrieden sein.

»Süß,« jubelte Ruth, »einfach süß! Am allernettesten noch die Namen. Ich taufe mich auch um in diesem Blumenland. Ich will auch einen Blumennamen! Maiblümchen, wie soll ich heißen?«

Sie hatte sich die Kleine gehascht und Maiblümchen war kein bißchen mehr scheu. Sie sah mit sichtlichem Wohlgefallen in Ruths leuchtendes Gesicht und strich ihr über die Wangen. »Du gefällst mir; ich hab' dich lieb.«

»Danke,« sagte Ruth. »Und du, Schneeglöckchen?«

»Mis dis auch lieb haben. Du sollen Botan heißen.«

Schneeglöckchen war ein Schalk. Beide Eltern lachten laut.

»Botan heißen nämlich die Päonien,« erklärte Herr Überle, sehr vergnügt. »Schneeglöckchen muß eine Ähnlichkeit finden zwischen Fräulein Ruths schönen roten Wangen und dieser Blume.«

»Sehr schmeichelhaft!« Ruth lachte, kein bißchen gekränkt. »Ich überleg's mir aber noch.« Und sie flog der Veranda zu, die beiden kleinen Mädchen jauchzend hinterher. Iris verzog das Gesicht und streckte die Ärmchen nach den Schwestern aus; Mama aber und die andere, die auch eine Mutter war, beruhigten sie. Dann gingen sie hinter den Herren her, die schon ins Haus getreten waren.

Als man auf die weite, mit Blumenfeldern bedeckte Terrasse hinaustrat, da standen die Rümelin stumm und schier andächtig.

»Fast zu schön für den Hausgebrauch,« entschied Ruth dann. »Kann man da überhaupt noch an Essen und Trinken denken?«

»Das wollen wir gleich erproben,« erwiderte Frau Klara. »Eben kommen die Dienerinnen uns zu Tisch zu holen. Fritzle, du zeigst den lieben Gästen noch flink ihre Zimmer und dann bitte ich zum Essen. Ich hoffe, es soll Fräulein Ruth schmecken, trotz der blauen Wasser dort unten und des Fudschiyama da hinten.«

Am anderen Morgen, als das Frühstück eingenommen war und die beiden Herren nach der Stadt gingen, schaute Ruth ihnen etwas sehnsüchtig nach. Sie brannte darauf, all das Fremde, Neue zu sehen. Doch als keine Aufforderung an sie erging, die Herren zu begleiten, schickte sie sich eben an, die kleinen Mädchen aufzusuchen, deren Stimmen man von ferne hörte. Sie spielten unter den Kryptomerien. Da rief Frau Klara: »Wie wär's, Ruth, wenn wir eine kleine Fahrt in den japanischen Teil der Stadt machten?« Ob sie Ruths Sehnsuchtsblick vorhin bemerkt hatte? »Deine Mutter (Ruth hatte um das Du gebeten) will einige Briefe schreiben; wir beide sind also auf uns angewiesen. Was sagst du zu meinem Vorschlag?«

Sie jubelte: »Schöneres könnte ich mir gar nicht denken! Ich bin sofort bereit.«

»Zehn Minuten brauche ich noch, um im Haus fertig zu werden, Kind. Lauf zu den Süßen! In einer Viertelstunde erwarte ich dich.«

Pünktlich war Ruth zur Stelle und fand Frau Klara schon bereit. »Waren die Kleinchen recht munter beim Spiel?«

Ruth nickte, dann sagte sie etwas zögernd: »Süß waren sie, nur – bloß – soll die alte Frau so barsch mit ihnen sein?«

»Hatte sie wieder ihren Raptus?« fragte Frau Klara. »Da muß Abhilfe geschafft werden; ich muß mit meinem Mann reden. Es tut mir zwar leid, sie fortzuschicken; sie hängt so an der kleinen Iris.«

»Eben die sollten die Schwestern nicht anrühren: die Alte wurde fast grob, als sie's dennoch taten.«

»Seltsam,« sagte Frau Klara. Dann winkte sie zwei Kuruma heran und sie stiegen ein. Ruth war heute schon ganz vertraut damit.

Von Nipon o dori aus bogen sie diesmal in den japanischen Stadtteil. Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Ruth jubelte und kippte ihre Kuruma fast um, in dem Bestreben, nichts sich entgehen zu lassen und zugleich Frau Überle im Gesicht zu behalten, einen Ableiter für ihre Entzückungsausbrüche bereit zu haben. Hier merkte man nun aber auch wirklich, daß man im fremden Lande war. Ein ganz eigenartiges Bild bot diese Straße. Zu beiden Seiten niedere, einstöckige Holzbauten mit geschweiften Dächern. Die Vorderseiten der Häuser meist ganz offen, da die Wände aus verschiebbaren Holzrahmen bestehen, die mit Papier bezogen sind. Bei vielen Häusern war sogar auch die Hinterwand fortgenommen; man konnte dann bis in den Garten sehen. Erst bei Nacht oder schlechtem Wetter werden die Wände zugeschoben; hölzerne Schutzladen rings geben dann dem Haus das Ansehen einer geschlossenen Schachtel. An den oberen Stockwerken der Häuschen zogen sich leichte Veranden hin. Bunte Papierlaternen zierten sie; Fähnchen an Bambusstangen wehten dazwischen. Vergnügt wie das Völkchen selbst, sahen seine Straßen und Behausungen aus. Im Erdgeschoß, das sich einen halben Meter über den Boden erhob, waren meist Läden aller Art. Am Boden lagen die Waren in Haufen zur Schau; der Verkäufer thronte im Hintergrund.

Eine Menge vergnügter kleiner Leute schob sich durch die Straße, Männlein, Weiblein, jung, alt und Kinder in Scharen. Japan ist das Land der Kinder. Urdrollig sehen sie aus in ihren Kleidern, die genau den Gewändern der Erwachsenen nachgeahmt sind. Man sieht nur frohe, lachende Mienen. Einmal ist der Japaner von Natur heiter, genügsam, sorglos, und dann wird er dazu erzogen, immer eine heitere Miene zu zeigen, was ihn auch sonst bedrücken mag. Kein lautes oder rohes Wort hört man, mögen noch so viele Menschen beisammen sein. Es ist bezeichnend, daß die japanische Sprache keinen Fluch kennt.

Ruth war begeistert. Sie wußte nicht, wohin schauen und was zuerst bewundern. Eine Gruppe ganz junger Mädchen kam dahergetrippelt. Ihre Kimonos leuchteten rosa, blau, gelb und grün. Entsprechend bunt waren die breiten Schärpen um die Hüften, hochfrisiert die Köpfe mit blitzenden Nadeln im Haar, rosige, lachende Gesichter, von bunten Papierschirmen geschützt.

Ruth konnte sich nicht satt sehen. »Solch einen Schirm muß ich auch haben, bitte, bitte! Diese Schirme sehen zu schön aus! Und Leni kaufe ich gleich auch einen!«

Frau Klara lachte. »Wenn du alles haben willst, was du Fremdes siehst, dann kann's ja lustig werden.« Aber sie gab nach, und sie stiegen aus. Dort im Laden waren Schirme aller Größen und Arten.

»Ich kaufe ihn selbst,« sagte Ruth, »ich will schon mit dem Verkäufer fertig werden.«

Frau Klara ließ sie gewähren und reichte ihr nur ihr Geldtäschchen. Ruth hatte noch kein japanisches Geld, aber sie kannte es. Sie wußte, daß der Yen, die gangbarste japanische Münze, etwa zwei Mark zwanzig Pfennig in unserem Geld, hundert Sen hat und der wieder zehn Rin. Ein Sen ist also etwas mehr als zwei Pfennige, ein Rin der zehnte Teil davon. Man braucht diese kleine Münze in Japan, weil der Wert des Geldes größer ist, die Dinge also billiger sind.

Ruth wählte einen zartblauen Schirm mit Apfelblüten und Störchen. Sie zeigte ihn dem Mann und wies auf das Geldtäschchen. »Wie viel?«

Der Mann klappte zusammen wie ein Taschenmesser, hob die Hand und schnellte Ruth alle zehn Finger dreimal vors Gesicht. Dreißig, soviel war ihr klar. Aber Yen konnten es nicht sein; sechzig Mark und mehr wäre doch zu viel gewesen. Aber konnten es sechzig Pfennige sein? Dreißig Sen?

»Geflunkert wird hier nicht, Männchen!«

»Huije, wie billig,« frohlockte Ruth und sah triumphierend zu Frau Klara hin. Deutsch verstand der Mann nicht, aber er begriff den Sinn des Ausrufes. Er schnellte die Finger jetzt viermal. Frau Klara wollte sich ausschütten vor Lachen über Ruths verblüfftes Gesicht.

»Geflunkert wird hier nicht, Männchen!« sagte diese entrüstet; sie schob dem Mann energisch die zuerst geforderten dreißig Sen in die Hand, erfaßte ihren Schirm, schob ihn unter den Arm, war flink über die Stufen auf der Straße und saß schon in ihrer Kuruma, als Frau Klara laut lachend folgte.

»Das nenne ich Energie, alle Achtung!«

»Ich werd' mich doch nicht übervorteilen lassen,« erwiderte Ruth seelenruhig, öffnete ihren Schirm und nickte den vier bunten jungen Dämchen zu, die stehengeblieben waren und dem Handel zugeschaut hatten. Die kicherten und nickten zurück.

Ruth zog ihren Kurumaja bald wieder am Jackenzipfel; er blieb stehen. Etwas Neues hatte ihre Neugier erregt.

»Was die Kinder nur haben?« rief sie. »So putzig wie sie aussehen, und so lustig wie sie sind. Ich muß sehen, was es da gibt.« Und sie war schon von ihrer Kuruma herunter und mitten im Kinderschwarm. Frau Klara folgte.

Die Kleinen drängten um einen Mann, der ihnen für einen Rin aus süßem Gerstenbrei allerhand Figuren durch ein dünnes Röhrchen in die Hand blies. Das war ein Jubeln, ein Kichern und Plappern! Als Ruth gar eine Handvoll kleiner Münzen unter die Kinder warf, da kannte der Jubel keine Grenzen. Aber es gab auch kein Balgen und Schreien, kein Neiden und Ansichreißen. Jedes der Kleinen war zufrieden mit dem, was es erhaschen konnte, und die nichts hatten, freuten sich mit den anderen, die glücklicher waren. Jedenfalls sah man nicht ein trübes Gesicht. Ruth konnte sich kaum von den Kindern trennen. Aber bald fesselte anderes ihre Aufmerksamkeit.

Hier bot ein Mann allerhand Leckerbissen zum Kauf, süße kleine Kuchen in der Form von Tieren und seltsamen Schriftzeichen. »Modschi Yaki heißt man die,« sagte Frau Klara.

Ein Pfeifchen ertönte schrill. Alles wich aus. Ein Blinder kam des Wegs, der sich durch sein Pfeifen bemerkbar machte.

»Amma nennt man diese Blinden. Er ist bereit, jedem für sehr wenig Geld die Glieder zu kneten, was in Japan sehr beliebt ist,« so erklärte Frau Klara.

»Ein Wahrsager,« fuhr sie dann fort und zog Ruth vor einen Mann, der an einer Straßenecke am Boden hockte. Er hatte ein Tuch vor sich gebreitet. »Mit diesen fünfzig Stäbchen und den sechs schwarzen und roten Würfeln klärt er jeden über die Zukunft auf. Für die kleinste Münze kannst du hier das größte Glück prophezeit bekommen.«

Ruth lachte und hatte schon die Hand hingestreckt. Der Mann sah aber nicht hinein, sondern warf Stäbchen und Würfel hin und her. Dann sagte er mit hohler Stimme allerhand. Ruth sah ihre Gefährtin an; die nickte ihr zu. »Wie ich sagte, das größte Glück! Alles rosig in Rosenrot.«

»Wie nett!« Ruth nickte. »Und nun Sie!« Frau Klara zögerte. »Bitte, bitte,« flehte Ruth. Da machte auch Frau Klara dem Mann ein Zeichen.

Seine Stimme klang noch hohler, als er diesmal den Befund der Stäbchen und Würfel mitteilte. Über Frau Klaras Gesicht legte sich ein Schatten. Aber gleich danach lachte sie wieder und zog Ruth weiter.

»Was hat er gesagt?« Ruth machte große Augen.

»Daß ich in den nächsten Stunden einen großen Schmerz erfahren werde,« erwiderte Frau Klara; sie wollte lachen, brachte es aber nicht zuwege. »Komisch, wie sich auch der vernünftige Mensch von derlei beeinflussen läßt!«

»Unsinn,« behauptete Ruth und gab sich alle Mühe, Frau Klara wieder heiter zu machen.

Sie gingen zu Fuß weiter; ihre Kurumaja folgten. Es gab stets Neues zu sehen.

Dort schritt würdevoll ein bebrillter Arzt daher; ein Junge trug ihm den Arzneikasten und einen Mörser nach. Ein zerlumpter »Eta«, ein Paria der niedersten Kaste, drückte sich scheu durch die Menge. Ein Lumpensammler kam mit seinem Bambushaken und nahm Papierstückchen und Kleiderfetzen, wo er sie fand. An den Häusern hin schlich ein Mann, der mit einem langen, klebrigen Bambusstock versuchte, Spatzen zu fangen. Mit erstaunlicher Fertigkeit wußte er die kecken Vögel zu erwischen. Ruth sah gespannt zu.

»Was macht er damit?« fragte sie.

»Essen wird er sie sehr wahrscheinlich,« erklärte Frau Klara, aber sie war sichtlich nicht mehr recht bei der Sache. Nach einer Weile sah sie Ruth von der Seite an und sagte: »Lach mich aus, Kind, aber ich muß heim. Ich muß nachsehen, ob alles in Ordnung ist mit den Süßen.«

Sie winkte den Kurumajas, ohne Ruths Antwort abzuwarten. Die war es natürlich zufrieden, obgleich sie sich nur schwer von dem Leben und Treiben auf der Straße trennte. Es hätte gewiß noch tausenderlei zu sehen gegeben. Aber dies war ja der erste Tag und man sollte drei Jahre noch im Lande bleiben. Also wie viele Tage gab es noch? Ruth wollte das in aller Eile ausrechnen, vergaß es aber alsbald.

Sie hatte inzwischen beobachtet, daß große blaue Tücher vor die offenen Häuserfronten gehängt wurden und daß immer mehr davon erschienen. Man sah Wagen mit Wasserfässern daherrollen, aus denen Leute das Wasser in Kübeln auf die Straße warfen, das alsbald verdampfte. »Wozu geschieht das?« fragte sie.

»Das geschieht wegen der Hitze.«

Jetzt erst bemerkte Ruth, daß es ganz empfindlich heiß geworden war.

»Uff,« stöhnte sie und lehnte sich bequem in ihrer Kuruma zurück. »Gut, daß ich den Schirm habe.« Sie spannte ihn auf und kam sich sehr japanisch vor. Eilig fuhren sie nun heim. Und dort ...

 

Aus Ruths Gelegenheitsbuch:

Ich hatte nicht gedacht, daß ich gleich so etwas in meinem Büchlein zu verzeichnen haben würde! Ich könnte dem Geschick sehr dankbar sein, daß es mir so gütig Stoff liefert; es soll ja gar nicht leicht sein, immer einen richtigen zu finden, sagen die, die es verstehen. Die Leni probierte nämlich auch einmal, ein Buch zu schreiben, kam aber nicht weit. Ja, was hab' ich denn sagen wollen? Richtig, ich müsse dem Geschick dankbar sein, wenn's nicht gar so traurig wäre. Unsere armen, armen Freunde! Frau Klara, die Liebe, Gute – ich schwärme für sie –, liegt auf ihrem Bett, ganz steif und stumm. Mutterle sitzt bei ihr, tröstet und fleht sie an, doch nur ein einziges Wort zu sagen. Sie hört aber gar nicht, und doch hat sie die Augen offen! Die sehen ganz wo anders hin, weit, weit ins Leere. Ich habe furchtbar weinen müssen, wie ich vorhin im Zimmer war. Da hat Mutterle mich fortgeschickt; ich habe keinen anderen Trost gewußt als mein Buch. Wenn nur erst Herr Überle käme! Man hat gleich nach ihm gesandt. Die zwei armen Süßen – ach, da fällt mir ein, daß ich ja noch gar nicht erzählt habe, worum es sich handelt. Ruth Rümelin, Bücher schreiben ist nicht so leicht, fürchte ich. Du wirst noch manches lernen müssen!

Also, wie wir heimkommen, war's einfach herzzerreißend! Ich glaubte, Frau Klara müsse den Tod davon haben. Aber sie wurde nur ohnmächtig. Dann hat man sie auf ihr Bett getragen und dort liegt sie seitdem. Die Leute sind auch ganz aus Rand und Band; ein Weinen und Jammern und Plappern und Beteuern, wie ich noch nichts gesehen habe. Und ich glaube auch nicht, daß irgend wer schuldig ist als die alte Sada, die unheimliche graue Person. Ich hab' ihr gleich nicht getraut, wie ich sie heute morgen bei den Kindern sah. Wie sie Schneeglöckchen anfuhr, und die kleine Iris ... lieber Himmel, da bin ich ja bei der kleinen Iris! Sie ist fort, spurlos verschwunden, und die alte Sada auch!

Als wir mit unseren Kuruma anfuhren, sahen wir schon gleich, daß nicht alles in Ordnung sein könne. Auf der Veranda nach der Straße zu standen viele Menschen, die Dienerschaft des Hauses und fremde aus den Nachbarhäusern dabei. Die Frauen jammerten und die Männer plapperten alle darauf los.

Wie wir hielten, waren mit einem Male alle still und sahen scheu nach uns hin. Frau Klara war sehr blaß und rief etwas auf Japanisch. Da ging das Jammern und Plappern wieder los. Kein Wort war zu verstehen. Das heißt, ich konnte nichts verstehen, weil mir die Sprache noch fremd ist, aber für Klara war's auch unmöglich. Sie winkte sich den Koch heran. Der sagte zwei Worte und da schrie Frau Klara auf: »Meine Kinder!« Sie sagte es deutsch. Ich glaube, wenn etwas dem Menschen recht ans Herz greift, da braucht er seine Muttersprache, und wenn er sie ein Menschenalter lang nicht gesprochen hätte.

Also Frau Klara rief: »Meine Kinder!« Dann brach sie zusammen. Man trug sie fort und ich lief laut weinend hinterher. Was ums Himmels willen war mit den Kindern geschehen? Niemand konnte mir natürlich Antwort geben und Mutterle war nicht da. Wo sie nur steckte?

Dort kam sie eben aus dem Zimmer; Maiblümchen und Schneeglöckchen klammerten sich weinend an ihren Rock. Sie winkte mir.

»Nimm du die Kinder, Ruth, und daß du sie nicht aus den Augen läßt! Die kleine Iris ist fort. Ich kann nicht klug daraus werden, ob entführt oder verunglückt. Die alte Kinderfrau ist auch verschwunden. Geh du nicht von den beiden weg, hörst du? Ich muß zu der armen Mutter.«

Fort war sie und ließ mich mit Maiblümchen, Schneeglöckchen, der ungenügenden Auskunft, meinem Schreck und Kummer um die arme Frau Klara allein. Die kleinen Mädchen waren ganz verschüchtert. Sie weinten leise und huschelten sich auf meinem Schoß zurecht. Ich suchte von ihnen etwas zu erfahren.

»Sada danz dräßlich bös sein, mis stoßen haben,« war alles, was Schneeglöckchen sagte. Maiblümchen seufzte nur.

»Wo wart ihr denn zuletzt mit ihr?« fragte ich. Da sagte Maiblümchen: »Wir haben gespielt im Garten. Ich war Vater und Schneeglöckchen war Mutter und Klein-Iris das Kindchen. Sie soll ins Bettchen gehen und beten, wie Schneeglöckchen und ich mit Mammi beten. Da kommt alte Sada ganz wild und schreit, Klein-Iris soll nicht bei uns bleiben; wir sie schmutzig machen. Und meine Händchen waren ganz sauber und Schneeglöckchen seine auch. Klein-Iris schreit auch und Sada küßt sie ganz wild und laufen dann fort, schnell, furchtbar schnell, ganz weit fort und nicht mehr wiederkommen.«

»Meine Kinder!« schrie Frau Klara, dann brach sie zusammen.

Mehr konnte ich aus Maiblümchen nicht herausbringen. Daß die alte Sada mit der kleinen Iris davongelaufen ist, bleibt wohl Tatsache. Weshalb aber und wohin? Wenn nur erst Herr Überle da wäre! Ich vergehe vor Angst.

Maiblümchen und Schneeglöckchen spielen still dort auf der Veranda. Jetzt ist ein kleiner Affe – Jozi heißt er – ihr Kind: sie lachen schon wieder. Wie schnell Kinder vergessen! Im Hause ist's ganz still. Herr Überle ist noch immer nicht da. Ich lasse mein Büchlein und gehe zu den Kindern; ich habe doch keine rechte Ruhe und Mutterle würde sich wundern, wenn sie mich schreiben sähe, statt mit den Kindern zu spielen, das weiß ich gewiß. Sie sagt immer, das, was man im Augenblick weniger gern tut als etwas anderes, ist fast immer das Rechte. Also nicht schreiben und träumen, Ruth, sondern dich der Kleinen annehmen! Da weint auch Mama Schneeglöckchen, weil das Affenkind Jozi aus ihren Mutterärmchen auf einen Baum gesprungen ist und von dort die Zähne fletscht. Ich muß zu Hilfe eilen. – – –

Abends spät! Ehe ich schlafen gehe – ich werde gewiß kein Auge zutun – aber ehe ich mich zu Bett lege, will ich noch geschwind mein Buch vornehmen.

Also, eine Stunde etwa, nachdem wir daheim waren, ist Herr Überle mit Vater heimgekommen. Mutter muß sie vom Fenster aus gesehen haben und ist ihnen bis zur Veranda entgegengeeilt. Das war gut, denn wer weiß, wie die dummen Leute, die noch ganz aus Rand und Band waren, den armen Vater erschreckt hätten. Ich war mit Maiblümchen und Schneeglöckchen herbeigekommen, damit er doch gleich sähe, daß die zwei heil und gesund sind.

Herr Überle wurde sehr blaß, so daß Vater geschwind zugriff, weil er dachte, sein Freund werde schwach. Aber es ging schnell vorüber; Männer sind eben doch viel stärker. Wir heißen ja auch das schwache Geschlecht, obgleich – na, wenn Vaterle Zahnweh hat, macht er viel mehr Lärm als Mutterle, bei der man's oft gar nicht merkt! Komisch! Aber man kann ja freilich nie wissen, wie stark die Schmerzen sind. Ein Mensch fühlt sie auch mehr als der andere, sagte unser alter Medizinalrat immer, wenn Mutterle schalt, daß ich so wehleidig sei. Aber wo bin ich denn wieder hingeraten? Ich wollte ja von Herrn Überle erzählen.

Er hatte sich also schnell wieder gefaßt; mit zwei Schritten war er die Treppe hinauf und bei seiner Frau. Man hörte ihr lautes Weinen und seine ruhig zuredende Stimme. Auch die Kinder schluchzten. Sie waren hinter dem Vater hergeeilt, und als ich sie halten wollte, hatte Mutterle mir gewinkt, sie gehen zu lassen. Das war sicher auch besser, denn jetzt hörte man die Kleinen erzählen. Es mußte der armen Mutter ja ein Trost sein, die beiden wenigstens zu hören.

Vater ließ sich nun berichten und war sehr entsetzt. Bald kam Herr Überle wieder und bat die Mutter und mich, zu seiner Frau zu gehen; er müsse die Leute befragen und dann von der Polizei Nachforschungen anstellen lassen. Wir gingen zu der armen verzweifelten Mutter; wie war das traurig! Wie schnell doch so ein Wechsel kommen kann! Ich glaube jetzt, daß die Großen recht haben, wenn sie das Leben ernst nennen. Ich habe einen Blick hinein getan. Auf dem Schiffe erst und jetzt hier!

Der Tag ging so hin, ohne die geringste Aufklärung zu bringen. Und doch! Der Grund scheint wenigstens klar, der die alte Sada zu ihrem Tun bestimmte. Herr Überle hat den Koch vorgenommen. Er ist auch ein alter Mann und stand der alten Frau am nächsten.

Er sagt, die alte Sada sei in der letzten Zeit von religiösen Bedenken heimgesucht worden. Sie habe sich Vorwürfe gemacht, im Haus von Europäern, und was noch schlimmer ist, von Christen zu sein. Vielleicht habe man sie auch verhetzt, das weiß der alte Akira nicht genau. Kurz, er meint, sie sei gegangen, weil sie für sich und ihre Seele fürchtete, und die kleine Iris habe sie mitgenommen, weil sie das Kind abgöttisch liebte und es nicht im Christenglauben verderben lassen wollte. So meint Akira, und er könne recht haben, sagt Herr Überle.

Na, viel zu erzählen ist nicht mehr. Der Beweggrund scheint also klar. Aber das bringt die graue Sünderin und die arme kleine Iris nicht zur Stelle. Am Abend spät kam noch ein Mann von der Polizei und meldete, daß sie nichts gefunden, nichts ermittelt hätten. Die arme Mutter liegt ganz still und stumm. Ich habe ihr zugeflüstert, daß es doch ein Trost sei, zu wissen, daß die alte Frau die kleine Iris aus Liebe mitgenommen habe. So wisse man doch sicher, das Kind sei wenigstens gut versorgt und in Liebe behütet. Frau Klara küßte mich, als ich sie so tröstete, richtete sich auf und sagte: »Du hast recht. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Kleinchen ist sicher gut versorgt, bis wir sie wiederfinden. Und Gott ist gut, Fritzle; er wird uns helfen.«

Es sei das erste gewesen, was Frau Klara zusammenhängend sprach seit dem Unglück, sagt Mutterle, Und sie hat mich dazu geküßt, mein Mutterle! – –

Am anderen Morgen. Huije, Ruth Rümelin, geschlafen hast du wie ein Sack! Zweimal hat das Mutterle an die Tür klopfen müssen, ehe du sie überhaupt gehört hast. Schlafratte du!

Ich war ganz geknickt, als ich hinunter schlich. Vorbei war das Frühstück und die Herren schon über alle Berge, bildlich gesprochen. Auch Frau Klara war auf, blaß und still. Sie ging ihren Pflichten nach. Es tut weh, sie zu sehen, und ich könnte jedesmal laut hinausheulen, wenn mich ihr Blick streift, solch eine Qual liegt darin. Ich habe versprochen, den Kindern nicht von der Seite zu gehen. – –

Abends. Das tat ich denn auch nicht und Maiblümchen und Schneeglöckchen wollen nun gar nicht mehr von mir fort. Ich mußte an ihrem Bett sitzen, bis sie einschliefen. Neues gibt's gar nichts. Keine Spur ist noch gefunden. Es ist, als habe die Erde die alte Frau und das Kind verschluckt. Frau Klara wird immer blasser, wenn das noch möglich ist. Aber sie geht ihren Pflichten nach. Mutterle sagt, sie sei groß.

Wir hatten eine Überraschung, Briefe von daheim! Wir wagten sie kaum zu lesen, noch weniger davon zu reden. Man kommt sich wie sündig vor, lachen zu wollen, wenn ein anderer weint. Frau Klara hat dann selbst danach gefragt und ich habe ihr von Leni erzählen müssen. Mutterle ist ganz voll von ihren Buben. Die haben aber auch zu nett geschrieben; ich hätte es ihnen gar nicht zugetraut. »Unsere liebe gute Ruth grüß' viel tausendmal,« schreibt Georg. Ich hätte so was von dem Herrn Primaner gar nicht erwartet. Ein Glück, daß er nicht gesehen hat, wie die Ruth Rümelin laut hinausheulte vor Rührung. So treue Buben! Ich bin wirklich ganz gerührt.

Lenis Brief setze ich hierher. Viel steht nicht drin, aber nett ist er. Das nächstemal will sie mehr schreiben, sagt sie.

»Liebe Ruth! Nun bist Du schon zwei Tage fort. Ich habe ausgerechnet, daß der fünfhundertsiebenundvierzigste Teil der Trennung schon vorbei ist, und das ist ein Trost. Wie die zwei Tage vergehen die anderen schließlich auch. Was wir anstellen, wenn Du wiederkehrst? Aber wir haben ja noch Zeit, das zu überlegen, was meinst Du? Passiert ist nichts. Ja doch, das Kränzchen war gestern beim Mariele. Der Gugelhopf war fein, und von wem wir gesprochen haben, kannst Du Dir denken. Es ist gar nicht nett ohne Dich.

So traurig ist's, daß Du fort bist, Ruth! Ob wir uns je wiedersehen? Verzeih' den Fleck. Eine Träne ist mir aufs Papier gefallen. Ich hab' sie wegwischen wollen und da hat's den Klecks gegeben. Aber nochmal schreiben will ich's nicht. Alle grüßen Dich. Sie sagen, Du seist eine Ehre für das ganze Kränzchen, denn es sei interessant, jemand so weit Gereisten als Freundin zu haben. Ich bin aber anderer Ansicht. Was hab' ich davon, wenn meine liebste Freundin in Japan sitzt und ich in Stuttgart! Ich bin ganz furchtbar traurig, Ruth. Denk' mal, wir gehen diesen Sommer in die Schweiz! Ist das nicht fein? Ich habe einen Kriegstanz aufgeführt, wie ich davon hörte. Schade, daß Du nicht dabei bist! In Liebe bis in den Tod

Deine Leni.«

Ist das nun nicht ein wundernetter Brief? Ich bin stolz auf die Leni.

Vaterle will noch acht Tage hier bleiben, sagt er. Wir wären früher gegangen, wenn dies große Unglück nicht über die armen Freunde gekommen wäre.

Herr Überle sagt, alle Polizeibehörden im ganzen Land seien nun benachrichtigt. Es könne nicht fehlen, daß in den allernächsten Tagen eine entscheidende Nachricht käme. Wir wollen es hoffen. Die Überle haben viele Freunde hier am Platz. Fast den ganzen Tag kommen Leute, die das Neueste hören wollen. Und ist doch nie etwas zu melden! Die Gesichter werden immer bedenklicher; ich sehe es wohl. Frau Klara ist nur noch ein Schatten. Aber immer ist sie zur Stelle und für jedermann hat sie gute freundliche Worte. Mit mir ist sie rührend. Ich muß ihr viel vorlesen; sie sagt, meine Stimme beruhige sie. Das Lesen ist ja nur Vorwand, ihren Gedanken ungestört nachhängen zu können. Das habe ich längst los. Es kränkt mich aber weiter nicht, wenn ich nur irgend etwas für sie tun kann. Sie dauert mich namenlos. – – –

Sechs Tage später. Ich habe so lange nichts geschrieben, weil es nur Trauriges zu berichten gibt. Keine Spur von der kleinen Iris! Gestern kam Herr Überle sehr verstört nach Hause. Vaterle sagte uns dann, der oberste Polizeibeamte sei bei ihm in seinem Geschäftslokal gewesen und habe seine Überzeugung ausgesprochen, Sada habe sich und das Kind ums Leben gebracht. Es sei keine andere Erklärung möglich oder wenigstens wahrscheinlich. Herr Überle glaubt dasselbe, sagt Vaterle; Frau Klara aber soll davon nichts erfahren. Ihr soll die Hoffnung nicht genommen werden.

Maiblümchen und Schneeglöckchen sind wieder ganz die alten. Gestern erschreckten sie mich. Ich kam zu ihnen in den Garten. Ich war nur für kurze Zeit im Hause gewesen, denn ich bin sonst fast immer um sie; es beruhigt die arme Mutter. Also ich kam in den Garten. »Was spielt ihr, Kleinzeug?« So nenne ich sie. »Wir sbielen Bedraberle.« Schneeglöckchen lachte mich an und zeigte alle blanken Zähnchen. »Wir begraben Klein-Iris,« sagte Maiblümchen sehr ernst und sah mich mit den großen braunen Augen an. Mir stand der Atem still. Ob irgendeine von den Dienerinnen vor den Kindern derlei erwähnt hat? Ich sagte gar nichts, fing nur schnell ein anderes Spiel an. Wenn die arme Mutter dazu gekommen wäre!

Am Abend des letzten Tags in Yokohama. Morgen sehr früh reisen wir. Vaterle hat Nachrichten vom Ministerium erhalten, die seine Ankunft in Tokio wünschenswert machen. So müssen wir fort und die Freunde in ihrer Not verlassen. Denn noch ist alles beim alten, keine Spur von Iris! Frau Klara scheint zu ahnen, was alle denken, aber sie redet darüber nicht. Wir reisen mit schwerem Herzen von hier weg. Wenn wir erst in Tokio eingerichtet sind, schreibe ich wieder in mein Büchlein. Bis dahin Lebewohl!


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